"Stalin"

Werke

Band 9

SCHLUSSWORT

13. Dezember

II
DIE FRAGE DES SIEGES DES SOZIALISMUS
IN EINZELNEN KAPITALISTISCHEN LÄNDERN

Ich habe über einzelne Fehler der Opposition und faktische Unrichtigkeiten gesprochen, die in den Reden der Führer der Opposition festzustellen waren. Ich war bestrebt, diese Frage im ersten Teil des Schlusswortes in Form einzelner Bemerkungen zu erschöpfen. Gestatten Sie mir jetzt, direkt zum Kern der Sache überzugehen.

1. Die Voraussetzungen proletarischer Revolutionen in einzelnen
Ländern in der Periode des Imperialismus

Die erste Frage ist die Frage nach der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen kapitalistischen Ländern in der Periode des Imperialismus. Es handelt sich hier, wie Sie sehen, nicht um irgendein einzelnes Land, sondern um alle mehr oder weniger entwickelten imperialistischen Länder.

Worin besteht der Grundfehler der Opposition in der Frage des Sieges des Sozialismus in einzelnen kapitalistischen Ländern?

Der Grundfehler der Opposition besteht darin, dass sie den ganzen Unterschied zwischen dem vorimperialistischen Kapitalismus und dem imperialistischen Kapitalismus nicht begreift oder nicht begreifen will, dass sie das ökonomische Wesen des Imperialismus nicht begreift und zwei verschiedene Phasen des Kapitalismus durcheinander wirft, die vorimperialistische Phase und die imperialistische Phase.

Aus diesem Fehler der Opposition ergibt sich ihr zweiter Fehler, nämlich der, dass sie Sinn und Bedeutung des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung in der Periode des Imperialismus nicht begreift, diesem Gesetz die Tendenz zur Nivellierung entgegenstellt und so auf die Kautskysche Position des Ultraimperialismus hinabgleitet.

Diese beiden Fehler führen zu dem dritten Fehler der Opposition, der darin besteht, dass sie die auf der Grundlage des vorimperialistischen Kapitalismus entstandenen Formeln und Thesen mechanisch auf den imperialistischen Kapitalismus überträgt und infolgedessen zu dem Schluss gelangt, dass der Sieg des Sozialismus in einzelnen kapitalistischen Ländern unmöglich sei.

Worin besteht, um es mit wenigen Worten auszudrücken, der Unterschied zwischen dem alten, vormonopolistischen Kapitalismus und dem neuen, monopolistischen Kapitalismus?

Er besteht darin, dass die Entwicklung des Kapitalismus durch die freie Konkurrenz abgelöst wurde von der Entwicklung durch gewaltige monopolistische Kapitalistenverbände, dass das alte, „kultivierte“, „progressive“ Kapital vom Finanzkapital, dem „verfaulenden“ Kapital abgelöst wurde, dass die „friedliche“ Erweiterung des Kapitals und seine Ausbreitung auf „freie“ Territorien von einer sprunghaften Entwicklung abgelöst wurde, von einer Entwicklung durch Neuaufteilung der bereits aufgeteilten Welt mittels kriegerischer Zusammenstöße zwischen den kapitalistischen Gruppen, dass der alte Kapitalismus, der sich als Ganzes in aufsteigender Linie entwickelte, somit abgelöst worden ist vom sterbenden Kapitalismus, dem Kapitalismus, der sich als Ganzes in absteigender Linie entwickelt.

Folgendes sagt Lenin hierüber:

„Erinnern wir uns, worauf die Ablösung der vorausgegangenen ‚friedlichen’ Epoche des Kapitalismus durch die gegenwärtige imperialistische Epoche beruht: darauf, dass die freie Konkurrenz monopolistischen Kapitalistenverbänden Platz gemacht hat, sowie darauf, dass der ganze Erdball aufgeteilt ist. Es ist klar, dass diese beiden Fakten (und Faktoren) wirklich Weltbedeutung haben: Freihandel und friedliche Konkurrenz waren möglich und notwendig, solange das Kapital unbehindert seine Kolonien ausdehnen und in Afrika usw. noch unbesetzte Gebiete an sich reißen konnte; da war die Konzentration des Kapitals noch schwach, und monopolistische Unternehmen, das heißt so gewaltige, dass sie einen gegebenen Industriezweig ganz beherrscht hätten, gab es noch nicht. Das Aufkommen und das Wachstum dieser monopolistischen Unternehmen ... macht die frühere freie Konkurrenz unmöglich, entzieht ihr den Boden unter den Füßen, die Aufteilung des Erdballs aber erzwingt den Übergang von der friedlichen Expansion zum bewaffneten Kampf um die Neuaufteilung der Kolonien und Einflusssphären.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 200/201, russ.)

Und weiter:

„Es ist unmöglich, auf alte Weise in den verhältnismäßig ruhigen kultivierten, friedlichen Verhältnissen eines sich stetig entwickelnden, und sich allmählich auf neue Länder ausdehnenden Kapitalismus zu leben, denn eine andere Epoche ist angebrochen. Das Finanzkapital sucht das betreffende Land aus der Reihe der Großmächte zu verdrängen und wird es verdrängen, es wird dieses Land seiner Kolonien und seiner Einflusssphären berauben“ (siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 203, russ.).

Daher die grundlegende Schlussfolgerung Lenin s über den Charakter des imperialistischen Kapitalismus:

„Es ist begreiflich, warum der Imperialismus sterbender Kapitalismus ist und den Übergang zum Sozialismus bildet: das aus dem Kapitalismus hervorwachsende Monopol ist schon das Sterben des Kapitalismus, der Beginn seines Überganges in den Sozialismus. Die gewaltige Vergesellschaftung der Arbeit durch den Imperialismus (das, was seine Apologeten, die bürgerlichen Ökonomen, ‚Verflechtung’ nennen) bedeutet dasselbe.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 23, S. 96, russ.)

Es ist das Pech unserer Opposition, dass sie die ganze Bedeutung dieses Unterschieds zwischen dem vorimperialistischen Kapitalismus und dem imperialistischen Kapitalismus nicht begreift.

Der Ausgangspunkt für die Position unserer Partei also ist die Anerkennung der Tatsache, dass der gegenwärtige Kapitalismus, der imperialistische Kapitalismus, sterbender Kapitalismus ist.

Das bedeutet leider noch nicht, dass der Kapitalismus bereits gestorben ist. Das bedeutet aber zweifelsohne, dass der Kapitalismus als Ganzes nicht einer Wiedergeburt, sondern dem Tode entgegengeht, dass der Kapitalismus als Ganzes sich nicht in aufsteigender Linie, sondern in absteigender Linie entwickelt.

Aus dieser allgemeinen Frage ergibt sich die Frage der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung in der Periode des Imperialismus.

Worum handelt es sich gewöhnlich, wenn Lenin isten von der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung in der Periode des Imperialismus sprechen?

Etwa darum, dass ein großer Unterschied im Entwicklungsniveau der verschiedenen kapitalistischen Länder besteht, dass die einen Länder in ihrer Entwicklung hinter den andern zurückbleiben, dass sich dieser Unterschied immer mehr und mehr vergrößert?

Nein, nicht darum. Die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung unter dem Imperialismus mit dem Unterschied im Entwicklungsniveau der kapitalistischen Länder verwechseln heißt in Spießertum verfallen. Gerade in ein solches Spießertum verfiel die Opposition, als sie auf der XV. Konferenz der KPdSU(B) die Frage der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung mit der Frage des Unterschieds im Niveau der wirtschaftlichen Lage der verschiedenen kapitalistischen Länder durcheinander warf. Gerade weil die Opposition von diesem Durcheinander ausging, kam sie zu dem völlig falschen Schluss, dass die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung früher größer war als unter dem Imperialismus. Gerade deshalb sagte auch Trotzki auf der XV. Parteikonferenz, dass „diese Ungleichmäßigkeit im 19. Jahrhundert größer war als im 20. Jahrhundert“ (siehe Trotzkis Rede auf der XV. Konferenz der KPdSU). Das gleiche behauptete damals Sinowjew, als er sagte: „Es stimmt nicht, dass die Ungleichmäßigkeit der kapitalistischen Entwicklung vor Beginn der imperialistischen Epoche geringer war“ (siehe die Rede Sinowjews auf der XV. Konferenz der KPdSU).

Allerdings hat die Opposition jetzt, nach der Diskussion auf der XV. Parteikonferenz, es für notwendig befunden, einen Frontwechsel zu vollziehen, und hat in ihren Reden auf dem erweiterten Plenum des EKKI etwas vollkommen Entgegengesetztes erklärt beziehungsweise versucht, diesen ihren Fehler einfach zu verschweigen. Hier zum Beispiel die Erklärung Trotzkis in seiner Rede auf dem erweiterten Plenum: „Was das Entwicklungstempo betrifft, so hat der Imperialismus diese Ungleichmäßigkeit unendlich verschärft.“ Was nun Sinowjew betrifft, so hat er es vorgezogen, diese Frage in seiner Rede auf dem Plenum des EKKI einfach mit Stillschweigen zu übergehen, obwohl er wissen musste, dass der Streit gerade darum ging, ob die Wirkung des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit in der Periode des Imperialismus stärker oder schwächer wird. Das beweist aber nur, dass die Opposition einiges aus der Diskussion gelernt hat und diese nicht ohne Nutzen für sie geblieben ist.

Also: Die Frage der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder in der Periode des Imperialismus darf nicht verwechselt werden mit der Frage des Unterschieds im Niveau der wirtschaftlichen Lage der verschiedenen kapitalistischen Länder.

Kann man sagen, dass die Verringerung des Unterschieds im Entwicklungsniveau der kapitalistischen Länder und die fortschreitende Nivellierung dieser Länder die Wirkung des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung unter dem Imperialismus abschwächen? Nein, das kann man nicht sagen. Wird dieser Unterschied im Entwicklungsniveau größer oder kleiner? Zweifellos wird er kleiner. Schreitet die Nivellierung fort oder geht sie zurück? Unbedingt schreitet sie fort. Steht diese wachsende Nivellierung nicht im Widerspruch zu der Verstärkung der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung unter dem Imperialismus? Nein, sie steht nicht im Widerspruch dazu. Im Gegenteil, die Nivellierung ist der Hintergrund und die Basis, auf der die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung unter dem Imperialismus erst verstärkt in Wirkung treten kann. Nur Leute wie unsere Oppositionellen, die das ökonomische Wesen des Imperialismus nicht begreifen, können die Nivellierung dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung unter dem Imperialismus entgegenstellen. Gerade weil die zurückgebliebenen Länder ihre Entwicklung beschleunigen und ihr Niveau dem der fortgeschrittenen Länder angleichen - gerade deshalb verschärft sich der Kampf für die Überholung der einen Länder durch die anderen, gerade deshalb entsteht die Möglichkeit, dass die einen Länder die anderen überholen, sie von den Märkten verdrängen und damit die Voraussetzungen schaffen für kriegerische Konflikte, für die Schwächung der Weltfront des Kapitalismus, für die Durchbrechung dieser Front durch die Proletarier verschiedener kapitalistischer Länder. Wer diese einfache Sache nicht begriffen hat, der hat vom ökonomischen Wesen des monopolistischen Kapitalismus nichts begriffen.

Also: Die Nivellierung ist eine der Bedingungen für die Verstärkung der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung in der Periode des Imperialismus.

Kann man sagen, dass die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung unter dem Imperialismus darin besteht, dass die einen Länder die anderen einholen und sie dann in wirtschaftlicher Hinsicht auf gewöhnlichem Wege, sozusagen auf evolutionärem Wege überholen, ohne Sprünge, ohne Kriegskatastrophen, ohne Neuaufteilungen der bereits aufgeteilten Welt? Nein, das kann man nicht sagen. Eine solche Ungleichmäßigkeit bestand auch in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus, was Marx bereits wusste und worüber Lenin in seinem Buch „Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland“[28] schrieb. Damals ging die Entwicklung des Kapitalismus mehr oder weniger stetig vor sich, mehr oder weniger evolutionär, die einen Länder überholten die anderen im Verlauf einer langen Zeitspanne ohne Sprünge und ohne unbedingte kriegerische Konflikte im Weltmaßstab. Es handelt sich jetzt nicht um diese Ungleichmäßigkeit.

Was bedeutet dann also das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder unter dem Imperialismus?

Das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung in der Periode des Imperialismus bedeutet die sprunghafte Entwicklung der einen Länder im Vergleich mit anderen, die schnelle Verdrängung der einen Länder vom Weltmarkt durch die anderen, periodische Neuaufteilungen der bereits aufgeteilten Welt vermittels kriegerischer Konflikte und Kriegskatastrophen, die Vertiefung und Verschärfung der Konflikte im Lager des Imperialismus, die Schwächung der Front des Weltkapitalismus, die Möglichkeit der Durchbrechung dieser Front durch das Proletariat einzelner Länder, die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern.

Worin bestehen die Grundelemente des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung unter dem Imperialismus?

Erstens darin, dass die Welt bereits unter den imperialistischen Gruppen aufgeteilt ist, dass es „freie“, unbesetzte Gebiete auf der Welt nicht mehr gibt und dass man, um neue Märkte und Rohstoffquellen besetzen, um sich ausdehnen zu können, anderen das Territorium mit Gewalt entreißen muss.

Zweitens darin, dass die beispiellose Entwicklung der Technik und die zunehmende Nivellierung des Entwicklungsniveaus der kapitalistischen Länder die Möglichkeit einer sprunghaften Überholung der einen Länder durch die anderen, der Verdrängung mächtigerer Länder durch weniger mächtige, aber sich rasch entwickelnde Länder geschaffen und diesen Prozess erleichtert haben.

Drittens darin, dass die alte Verteilung der Einflusssphären unter den einzelnen imperialistischen Gruppen jedesmal in Konflikt gerät mit dem neuen Kräfteverhältnis auf dem Weltmarkt, dass zur Herstellung des „Gleichgewichts“ zwischen der alten Verteilung der Einflusssphären und dem neuen Kräfteverhältnis periodische Neuaufteilungen der Welt durch imperialistische Kriege notwendig sind.

Daher die Verstärkung und Verschärfung der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung in der Periode des Imperialismus.

Daher die Unmöglichkeit, Konflikte im Lager des Imperialismus auf friedlichem Wege zu lösen.

Daher die Unhaltbarkeit der Kautskyschen Theorie des Ultraimperialismus, die die Möglichkeit einer friedlichen Lösung dieser Konflikte predigt.

Daraus aber folgt, dass die Opposition, die die Tatsache der Verstärkung und Verschärfung der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung in der Periode des Imperialismus leugnet, auf die Position des Ultraimperialismus hinabgleitet.

Das sind die charakteristischen Züge der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung in der Periode des Imperialismus.

Wann war die Aufteilung der Welt unter den imperialistischen Gruppen beendet?

Lenin sagt, dass die Aufteilung der Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts beendet war.

Wann wurde die Frage der Neuaufteilung der bereits aufgeteilten Welt zum erstenmal praktisch gestellt?

In der Periode des ersten imperialistischen Weltkriegs.

Daraus aber folgt, dass das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung unter dem Imperialismus erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckt und begründet werden konnte.

Davon sprach ich auch in meinem Referat auf der XV. Konferenz der KPdSU(B), als ich erklärte, dass das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung unter dem Imperialismus von Genossen Lenin entdeckt und begründet worden ist.

Der imperialistische Weltkrieg war der erste Versuch, die bereits aufgeteilte Welt neu aufzuteilen. Diesen Versuch musste der Kapitalismus mit dem Sieg der Revolution in Rußland und mit der Untergrabung der Grundlagen des Imperialismus in den kolonialen und abhängigen Ländern bezahlen.

Es erübrigt sich zu sagen, dass auf den ersten Versuch der Neuaufteilung ein zweiter Versuch folgen muss, wozu im Lager der Imperialisten schon die Vorbereitungen getroffen werden.

Man kann kaum daran zweifeln, dass der zweite Versuch der Neuaufteilung dem Weltkapitalismus viel teurer zu stehen kommen wird als der erste.

Das sind die Entwicklungsperspektiven des Weltkapitalismus vom Standpunkt des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit unter den Bedingungen des Imperialismus.

Sie sehen, dass sich aus diesen Perspektiven direkt und unmittelbar die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen kapitalistischen Ländern in der Periode des Imperialismus ergibt.

Bekanntlich hat Lenin die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern direkt und unmittelbar aus dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder abgeleitet. Und Lenin hatte völlig Recht. Denn das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung unter dem Imperialismus entzieht den „theoretischen“ Exerzitien aller und jeglicher Sozialdemokraten über die Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen kapitalistischen Ländern völlig den Boden.

Folgendes sagt Lenin hierüber in seinem programmatischen Artikel aus dem Jahre 1915:

„Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgte, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. I, S. 7531)

Schlussfolgerungen:

a) Der Grundfehler der Opposition besteht darin, dass sie den Unterschied zwischen den beiden Phasen des Kapitalismus nicht sieht beziehungsweise es vermeidet, diesen Unterschied hervorzuheben. Weshalb aber vermeidet sie das? Weil dieser Unterschied zum Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung in der Periode des Imperialismus führt.

b) Der zweite Fehler der Opposition besteht darin, dass sie die entscheidende Bedeutung des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder unter dem Imperialismus nicht begreift oder sie unterschätzt. Weshalb aber unterschätzt sie dieses Gesetz? Weil eine richtige Einschätzung des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder zu der Schlussfolgerung führt, dass der Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern möglich ist.

c) Daher der dritte Fehler der Opposition, der darin besteht, dass sie die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen kapitalistischen Ländern unter dem Imperialismus leugnet.

Wer die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern leugnet, ist gezwungen, die Bedeutung des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung unter dem Imperialismus zu verschweigen, wer aber gezwungen ist, die Bedeutung des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit mit Schweigen zu übergehen, der kann nicht umhin, den Unterschied zu vertuschen, der zwischen dem vorimperialistischen Kapitalismus und dem imperialistischen Kapitalismus besteht.

So steht es um die Frage nach den Voraussetzungen der proletarischen Revolution in den kapitalistischen Ländern.

Welche praktische Bedeutung hat diese Frage?

Vom Standpunkt der Praxis ergeben sich zwei Linien.

Die eine Linie ist die Linie unserer Partei, die die Proletarier der einzelnen Länder aufruft, sich auf die kommende Revolution vorzubereiten, wachsam den Gang der Ereignisse zu verfolgen und bereit zu sein, unter günstigen Bedingungen selbständig die Front des Kapitals zu durchbrechen, die Macht zu ergreifen und die Grundlagen des Weltkapitalismus zu er-schüttern.

Die andere Linie ist die Linie unserer Opposition, die Zweifel sät über die Zweckmäßigkeit einer selbständigen Durchbrechung der kapitalistischen Front und die die Proletarier der einzelnen Länder auffordert, den Moment der „allgemeinen Entscheidung“ abzuwarten.

Während die Linie unserer Partei eine Linie der Verstärkung des revolutionären Drucks auf die eigene Bourgeoisie ist und die Initiative der Proletarier der einzelnen Länder auslöst, ist die Linie unserer Opposition eine Linie des passiven Abwartens, die die Initiative der Proletarier der einzelnen Länder in ihrem Kampf gegen die eigene Bourgeoisie fesselt.

Die erste Linie bedeutet die Aktivierung der Proletarier der einzelnen Länder.

Die zweite Linie bedeutet die Schwächung des Willens des Proletariats zur Revolution, sie ist eine Linie der Passivität und des Abwartens.

Lenin hatte tausendmal Recht, als er folgende prophetische Worte schrieb, die direkt auf unsere jetzigen Meinungsverschiedenheiten zutreffen:

„Ich weiß, dass es natürlich Neunmalweise gibt, die sich für sehr gescheit halten und sich sogar Sozialisten nennen, die behaupten, man hätte die Macht nicht ergreifen dürfen, solange die Revolution nicht in allen Ländern ausgebrochen wäre. Diese Leute ahnen nicht, dass sie mit diesem Gerede der Revolution den Rücken kehren und auf die Seite der Bourgeoisie übergehen. Zu warten, bis die werktätigen Klassen die Revolution im internationalen Maßstab durchführen, hieße, dass alle in Erwartung zu erstarren hätten. Das ist Unsinn.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 27, S. 336, russ.)

Diese Worte Lenin s darf man nicht vergessen.

2. Wie Sinowjew Lenin „bearbeitet“

Ich sprach von den Voraussetzungen der proletarischen Revolution in einzelnen kapitalistischen Ländern. Jetzt möchte ich einige Worte darüber sagen, wie Sinowjew den grundlegenden Artikel Lenin s über die Voraussetzungen der proletarischen Revolution und über den Sieg des Sozialismus in einzelnen kapitalistischen Ländern entstellt beziehungsweise „bearbeitet“. Ich denke an Lenin s bekannten Artikel „Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“, der 1915 geschrieben und im Verlauf unserer Diskussionen wiederholt zitiert wurde. Sinowjew erhob gegen mich den Vorwurf, ich hätte diesen Artikel nicht vollständig zitiert; dabei bemüht er sich, diesem Artikel eine Auslegung zu geben, die nicht anders als eine völlige Entstellung von Lenin s Auffassungen und dessen Grundlinie in der Frage des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern genannt werden kann. Gestatten Sie mir, dieses Zitat vollständig anzuführen, wobei ich mich bemühen werde, die Zeilen, die ich das vorige Mal wegen der Kürze der Zeit ausgelassen habe, hervorzuheben. Das Zitat lautet:

„Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist. Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen und würde die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen, in ihnen den Aufstand gegen die Kapitalisten entfachen und im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorgehen. Die politische Form der Gesellschaft, in der das Proletariat siegt, indem es die Bourgeoisie stürzt, wird die demokratische Republik sein, die die Kräfte des Proletariats der betreffenden Nation oder der betreffenden Nationen immer mehr zentralisiert im Kampfe gegen die Staaten, die noch nicht zum Sozialismus übergegangen sind. Die Aufhebung der Klassen ist unmöglich ohne die Diktatur der unterdrückten Klasse, des Proletariats. Die freie Vereinigung der Nationen im Sozialismus ist unmöglich ohne einen mehr oder weniger langwierigen, hartnäckigen Kampf der sozialistischen Republiken gegen die rückständigen Staaten.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. I, S. 753].)

Sinowjew führt dieses Zitat an und macht dabei zwei Bemerkungen: die erste über die demokratische Republik und die zweite über die Organisierung der sozialistischen Produktion.

Nehmen wir zunächst die erste Bemerkung. Sinowjew glaubt, dass es sich, wenn Lenin hier von der demokratischen Republik spricht, höchstens um die Machtergreifung durch das Proletariat handeln könne, wobei er die Unverschämtheit hatte, eine ziemlich nebelhafte, aber nachdrückliche Anspielung darauf zu machen, dass es sich bei Lenin hier wohl um die bürgerliche Republik handle. Ist das richtig? Natürlich nicht. Um diese nicht ganz saubere Anspielung Sinowjews zu widerlegen, braucht man nur die letzten Zeilen des Zitats zu lesen, wo vom „Kampf der sozialistischen Republiken gegen die rückständigen Staaten“ die Rede ist. Natürlich meinte Lenin , wenn er von der demokratischen Republik sprach, nicht die bürgerliche Republik, sondern die sozialistische Republik.

Lenin kannte im Jahre 1915 noch nicht die Sowjetmacht als Staatsform der Diktatur des Proletariats. Lenin wusste bereits im Jahre 1905, dass in der Periode des Sturzes des Zarismus einzelne Sowjets Keime einer revolutionären Macht bildeten. Aber die in staatlichem Maßstab vereinigte Sowjetmacht als Staatsform der Diktatur des Proletariats kannte er damals noch nicht. Die Republik der Sowjets als Staatsform der Diktatur des Proletariats entdeckte Lenin erst im Jahre 1917 und arbeitete die Frage dieser neuen Form der politischen Organisation der Übergangsgesellschaft im Sommer 1917 hauptsächlich in seinem Buch „Staat und Revolution“[29] detailliert aus. Dadurch ist es eigentlich auch zu erklären, dass Lenin in dem angeführten Zitat nicht von der Sowjetrepublik spricht, sondern von der demokratischen Republik, worunter er, wie aus dem Zitat hervorgeht, die sozialistische Republik versteht. Lenin verfuhr hier ebenso wie seinerzeit Marx und Engels, die bis zur Pariser Kommune die Republik überhaupt für die Form der politischen Organisation der Übergangsgesellschaft vom Kapitalismus zum Sozialismus hielten, nach der Pariser Kommune aber diesen Begriff näher bestimmten und erklärten, dass diese Republik eine Republik vom Typus der Pariser Kommune sein müsse. Ich spreche schon gar nicht davon, dass Lenin , wenn er in dem angeführten Zitat die bürgerlich-demokratische Republik gemeint hätte, nicht von der „Diktatur des Proletariats“, der „Enteignung der Kapitalisten“ usw. gesprochen hätte.

Sie sehen, dass man Sinowjews Versuch, Lenin zu „bearbeiten“, nicht erfolgreich nennen kann.

Gehen wir zur zweiten Bemerkung Sinowjews über. Sinowjew versichert, dass man den Satz des Genossen Lenin über die „Organisierung der sozialistischen Produktion“ nicht so verstehen dürfe, wie ihn normale Menschen im allgemeinen verstehen müssen, sondern irgendwie anders, nämlich so, dass Lenin hier nur den Beginn der Organisierung der sozialistischen Produktion meinte. Weshalb, mit welchem Recht - das hat Sinowjew jedoch nicht erklärt. Erlauben Sie mir die Feststellung, dass Sinowjew hier abermals einen Versuch unternimmt, Lenin zu „bearbeiten“. In dem Zitat heißt es direkt, dass „das siegreiche Proletariat dieses Landes sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen würde“. Hier heißt es „nach Organisierung“ und nicht „bei Organisierung“. Bedarf es noch eines Beweises, dass hier ein Unterschied besteht? Bedarf es noch eines Beweises, dass Lenin , hätte er nur den Beginn der Organisierung der sozialistischen Produktion gemeint, gesagt hätte, „bei Organisierung“ und nicht „nach Organisierung“? Also, Lenin meinte nicht nur den Beginn der Organisierung der sozialistischen Produktion, sondern auch die Möglichkeit, die sozialistische Produktion zu organisieren, die Möglichkeit, die sozialistische Produktion in einzelnen Ländern aufzubauen.

Sie sehen, dass man auch diesen zweiten Versuch Sinowjews, Lenin zu „bearbeiten“, für mehr als misslungen halten muss.

Sinowjew bemüht sich, diese seine Versuche der „Bearbeitung“ Lenin s durch Witzeleien darüber zu verschleiern, dass man „den Sozialismus nicht mir nichts dir nichts durch ein Zauberwort in zwei Wochen oder in zwei Monaten aufbauen kann“. Ich fürchte, Sinowjew braucht diese Witzeleien, um „gute Miene zum bösen Spiel zu machen“. Wo hat denn Sinowjew Leute gefunden, die sich anschicken, den Sozialismus in zwei Wochen, in zwei Monaten oder in zwei Jahren aufzubauen? Warum nennt er diese Leute nicht, wenn sie überhaupt existieren? Er hat sie einfach deshalb nicht genannt, weil es solche Leute auf der Welt nicht gibt. Diese unbegründeten Witzeleien brauchte Sinowjew, um über seine „Arbeit“ zur „Bearbeitung“ Lenin s und des Lenin ismus hinwegzutäuschen.

Also:

a) Ausgehend von dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung unter dem Imperialismus gelangte Lenin in seinem grundlegenden Artikel „Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“ zu der Schlussfolgerung, dass der Sieg des Sozialismus in einzelnen kapitalistischen Ländern möglich ist;

b) unter dem Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern versteht Lenin die Machtergreifung durch das Proletariat, die Enteignung der Kapitalisten und die Organisierung der sozialistischen Produktion, wobei alle diese Aufgaben nicht Selbstzweck sind, sondern ein Mittel, um sich der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenzustellen und den Proletariern aller Länder in ihrem Kampf gegen den Kapitalismus zu helfen;

c) Sinowjew machte den Versuch, diese Lehrsätze des Lenin ismus zu verballhornen und Lenin entsprechend dem jetzigen halbmenschewistischen Standpunkt des Oppositionsblocks zu „bearbeiten“. Aber dieser Versuch erwies sich als Versuch mit untauglichen Mitteln.

Ich glaube, weitere Kommentare sind hier überflüssig.

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