"Stalin"

Werke

Band 9

REDE AUF DER XV. MOSKAUER
GOUVERNEMENTSPARTEIKONFERENZ[35]

14. Januar 1927

Genossen! Ich hatte nicht die Absicht zu sprechen. Ich hatte nicht die Absicht, da alles, was auf der Konferenz gesagt werden musste, von anderen Genossen bereits gesagt worden ist; Neues ist hier nicht zu sagen, bereits Gesagtes aber zu wiederholen, hat keinen Sinn. Dennoch muss ich wohl einige Worte sagen, da es eine Reihe von Delegationen fordert.

Worin kommt das Hauptsächliche und Charakteristische in der Lage unseres Landes zum Ausdruck, wenn man die Dinge vom Standpunkt der Verwaltung des Landes, vom Standpunkt der Leitung unserer gesamten Aufbauarbeit aus betrachtet?

Das Hauptsächliche und Charakteristische besteht darin, dass es die Partei verstanden hat, die richtige Politik herauszufinden - die Grundlinie der Partei hat sich als richtig erwiesen, und es hat sich gezeigt, dass ihre leitenden Weisungen dem Leben entsprachen.

Lenin sagte:

Zehn - zwanzig Jahre richtiger Politik gegenüber der Bauernschaft, und unser Sieg ist gesichert.

Was bedeutet das? Das bedeutet, dass im gegebenen historischen Augenblick die Frage der Wechselbeziehungen zwischen Proletariat und Bauernschaft für uns die Hauptfrage ist. Und unsere Praxis, unsere Arbeit, die Arbeit der Partei zeigt, dass die Partei es verstanden hat, die richtige Lösung dieser Frage herauszufinden.

Was ist für die richtige Politik der Partei in dieser grundlegenden Frage erforderlich?

Dazu ist erstens erforderlich, dass die Politik der Partei den Zusammenschluss, das Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft sichert.

Dazu ist zweitens erforderlich, dass die Politik der Partei die Führung des Proletariats innerhalb dieses Bündnisses, innerhalb dieses Zusammenschlusses sichert.

Um den Zusammenschluss zu sichern, ist es notwendig, dass unsere Finanzpolitik im allgemeinen und unsere Steuerpolitik im besonderen den Interessen der werktätigen Massen entsprechen, dass unsere Preispolitik richtig ist und den Interessen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft entgegenkommt, dass das Genossenschaftswesen sowohl in der Stadt als auch besonders im Dorf systematisch, von Tag zu Tag breiter entfaltet wird.

Ich denke, dass wir in dieser Beziehung auf dem richtigen Wege sind. Wäre dem nicht so, so wären ernsteste Komplikationen eingetreten.

Ich sage nicht, dass wir auf diesem Gebiet keine Schwierigkeiten haben. Schwierigkeiten gibt es, und zwar sehr ernste. Aber wir überwinden sie. Und wir überwinden sie, weil unsere Politik im Allgemeinen richtig ist.

Und was ist erforderlich, um die Führung der Bauernschaft durch das Proletariat zu sichern? Dazu ist die Industrialisierung des Landes erforderlich. Dazu ist erforderlich, dass unsere sozialistische Industrie wächst und erstarkt. Dazu ist erforderlich, dass unsere wachsende sozialistische Industrie die Landwirtschaft führt.

Lenin sagte: Jedes neue Werk, jede neue Fabrik stärkt die Positionen der Arbeiterklasse im Sinne ihrer führenden Stellung gegenüber dem Dorf in einem solchen Maße, dass wir keinerlei kleinbürgerliche Elementargewalt zu fürchten brauchen. Das sagte er im Jahre 1921. Seitdem sind fünf Jahre vergangen. In dieser Periode ist unsere Industrie gewachsen, sind neue Werke und Fabriken entstanden. Und so ergibt sich, dass jede neue Fabrik, jedes neue Werk eine neue Festung in den Händen des Proletariats ist, die ihm die Führung der Millionenmassen der Bauern-’ schalt sichert.

Sie sehen, dass es die Partei auch auf diesem Gebiet verstanden hat, die richtige Politik herauszufinden.

Ich sage nicht, dass wir auf diesem Gebiet keine Schwierigkeiten haben. Schwierigkeiten gibt es natürlich, aber wir fürchten sie nicht, und wir überwinden sie, denn unsere Politik ist im Wesentlichen richtig.

Man sagt, dass die Macht der Sowjets die stabilste Macht aller in der Welt bestehenden Regierungen ist. Das stimmt. Aber woraus erklärt sich das? Das erklärt sich daraus, dass die Politik der Sowjetmacht die einzig richtige Politik ist.

Aber genügt die richtige Politik allein, um aller und jeglicher Schwierigkeiten, die auf unserem Wege entstehen, Herr zu werden? Nein, das genügt nicht.

Dazu müssen außerdem noch mindestens zwei Bedingungen erfüllt werden.

Die erste Bedingung. Vor allem ist erforderlich, dass die von der Partei ausgearbeitete richtige Politik wirklich in die Tat umgesetzt, wirklich voll und ganz durchgeführt wird.

Eine richtige Politik zu haben - das ist natürlich die erste Voraussetzung. Aber wenn diese Politik nicht in die Tat umgesetzt wird, wenn sie in der Praxis, bei ihrer Verwirklichung entstellt wird - welchen Sinn hat dann eine solche Politik? Im Leben gibt es Fälle, wo die Politik richtig ist, aber nicht durchgeführt oder nicht so durchgeführt wird, wie sie durchgeführt werden muss. Solche Fälle haben wir jetzt nicht wenige. Gerade solche Fälle meinte Lenin , als er auf dem XI. Parteitag in seinem letzten Bericht[36] sagte:

Unsere Politik ist richtig, aber das genügt nicht, weil es jetzt auf die richtige Auswahl der Menschen und darauf ankommt, die Kontrolle der Durchführung zu organisieren.

Auswahl der Menschen und Kontrolle der Durchführung - darauf spitzte Lenin die Frage in seinem letzten Bericht zu. Ich denke, dass wir diesen Hinweis Lenin s für die ganze Periode unserer Aufbauarbeit vor Augen haben müssen. Um den Aufbau zu leiten, genügt es nicht, richtige Direktiven zu haben - dazu ist außerdem erforderlich, die leitenden Posten in der Arbeit der Sowjets, der Wirtschaft, der Genossenschaften und in jeder anderen Aufbauarbeit mit Menschen zu besetzen, die den Sinn und die Bedeutung dieser Direktiven verstehen, die fähig sind, diese Direktiven ehrlich und gewissenhaft durchzuführen, die die Durchführung dieser Direktiven nicht als leere Formsache, sondern als Sache der Ehre, als Sache ihrer höchsten Pflicht gegenüber der Partei und dem Proletariat betrachten.

So ist Lenin s Losung - richtige Auswahl der Menschen und Kontrolle der Durchführung - zu verstehen.

Indes geschieht bei uns zuweilen das direkte Gegenteil. Man tut so, als ob man die Weisungen der höchsten Organe der Partei und der Sowjetmacht anerkennt, in Wirklichkeit aber legt man sie in die Schublade und führt weiterhin eine völlig andere Politik durch. Ist es etwa nicht Tatsache, dass zuweilen gewisse Führer gewisser Apparate, des Wirtschaftsapparats, des Genossenschaftsapparats u. a., die richtigen Weisungen der Partei in die Schublade legen und weiterhin auf dem alten, ausgetretenen Weg einhergehen? Wenn zum Beispiel die zentralen Organe der Partei und der Sowjetmacht beschließen, dass die dringlichste Aufgabe unserer Politik die Senkung der Einzelhandelspreise ist, eine ganze Reihe von Mitarbeitern der Genossenschaften und des Handels überhaupt diesen Beschluss jedoch ignorieren und vorziehen, ihn zu umgehen - wie soll man das dann bezeichnen? Was ist das anderes als Untergrabung der richtigen Politik, von deren gewissenhaften Durchführung das Schicksal des Zusammenschlusses, das Schicksal des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern, das Schicksal der Sowjetmacht abhängt?

Lenin meinte gerade solche Fälle, als er sagte:

Unsere Linie ist richtig, aber der Wagen fährt nicht dorthin, wohin er fahren soll.

Aber wodurch ist zu erklären, dass der Wagen von der Linie abbiegt? Dadurch, dass das Personal dieses Wagens, das Personal dieses Apparats nicht immer gut ist.

Daher ist die richtige Auswahl der Funktionäre und die Kontrolle der Durchführung jetzt eine der dringlichsten Aufgaben der Partei und der Sowjetmacht.

Daher muss die Partei wachsam darauf achten, dass die maßgebenden Funktionäre unserer Aufbauarbeit unter dem Gesichtswinkel der gewissenhaften Verwirklichung der Politik der Partei und der Sowjetmacht ausgewählt werden.

Die zweite Bedingung. Damit aber ist die Sache natürlich nicht erschöpft. Außerdem muss erreicht werden, dass die Führung der Massen durch die Partei verbessert und dadurch die Einbeziehung der breiten Massen der Arbeiter sowie der Bauern in unsere gesamte Aufbauarbeit erleichtert wird. Die Sicherung der führenden Rolle des Proletariats - das ist natürlich die erste Voraussetzung. Aber seinen Willen, die Führung auszuüben, bringt das Proletariat durch die Partei zum Ausdruck. Den Aufbau zu leiten, wenn an der Spitze eine schlechte Partei steht, ist unmöglich. Damit das Proletariat die Führung ausüben kann, ist erforderlich, dass seine Partei ihrer Berufung, oberster Führer der Massen zu sein, gewachsen ist. Was aber ist dazu erforderlich? Dazu ist erforderlich, dass die Führung der Partei nicht formal, nicht papieren, sondern eine wirkliche Führung ist. Dazu ist erforderlich, dass die Führung der Partei maximal elastisch ist.

Man sagt, dass wir den Sieg an der Front unseres Aufbaus nicht erringen können, ohne die breiten Massen der Arbeiterklasse in Bewegung zu bringen. Das ist völlig richtig. Aber was bedeutet das? Das bedeutet, dass die breiten Massen, sollen sie sich in unseren Aufbau tatkräftig einschalten, richtig, elastisch, voll Bedacht geführt werden müssen. Wer aber soll die Massen führen? Die Partei muss die Massen führen. Aber die Partei kann die Massen nicht führen, wenn sie die Veränderungen nicht berücksichtigt, die in den letzten Jahren unter den Arbeitern und Bauern vor sich gegangen sind. Jetzt kann man schon nicht mehr auf alte Weise, allein durch Anordnungen und Direktiven führen. Die Zeiten einer solchen Führung sind vorbei. Jetzt kann eine lediglich formale Führung nur Ärgernis erwecken. Und warum? Weil die Aktivität der Arbeiterklasse gewachsen ist, die Bedürfnisse der Arbeiterklasse gewachsen sind, die Arbeiter auf die Mängel in unserer Arbeit feinfühliger reagieren und anspruchsvoller geworden sind.

Ist das gut? Natürlich ist das gut. Wir haben das immer angestrebt.

Daraus ergibt sich aber, dass es komplizierter wird, die Arbeiterklasse zu führen, und dass die Führung selbst elastischer sein muss. Früher kam es vor, dass man jemand auf den Fuß trat - und es machte nichts. Jetzt aber geht das nicht so ab, Genossen! Jetzt wird maximale Aufmerksamkeit sogar gegenüber den unbedeutendsten Kleinigkeiten verlangt, denn das alltägliche Leben der Arbeiter setzt sich gerade aus solchen Kleinigkeiten zusammen.

Dasselbe muss über die Bauern gesagt werden. Der Bauer von heute ist nicht derselbe, der er vor zwei, drei Jahren war. Er ist ebenfalls feinfühliger und bewusster geworden. Er liest die Artikel so genannter Führer, erörtert sie, prüft jeden dieser Führer auf Herz und Nieren und bildet sich über sie seine eigene Meinung. Denken Sie nicht, dass er dumm ist, wie uns das zuweilen gewisse Neunmalkluge darstellen. Nein, Genossen, der Bauer ist klüger als viele Neunmalkluge in der Stadt. Und er wünscht, dass man ihm mehr Aufmerksamkeit entgegenbringt. Hier darf man sich ebensowenig wie gegenüber den Arbeitern allein auf Resolutionen beschränken. Hier muss man ebenso wie bei den Arbeitern die Weisungen der Partei und der Sowjetmacht erklären, geduldig und aufmerksam erklären, damit die Menschen verstehen, was die Partei will und wohin sie das Land führt. Haben sie es heute nicht verstanden, dann muss man sich die Mühe machen, es ihnen morgen zu erklären. Haben sie es morgen nicht verstanden, dann muss man sich die Mühe machen, es ihnen übermorgen zu erklären. Ohne das ist jetzt keine Führung möglich und kann sie nicht möglich sein.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man die Führung aufgeben soll. Nein, das bedeutet es nicht. Die Masse kann die Partei nicht achten, wenn die Partei die Führung aufgibt, wenn sie aufhört zu führen. Die Massen wollen selbst, dass sie geführt werden, und die Massen suchen eine straffe Führung. Aber die Massen wollen, dass die Führung nicht formal, nicht papieren, sondern eine wirkliche, für sie verständliche Führung ist. Dazu ist eben gerade die geduldige Erklärung des Ziels und der Aufgaben, der Direktiven und Weisungen der Partei und der Sowjetmacht notwendig. Man darf die Führung ebensowenig aufgeben, wie man sie schwächen darf. Im Gegenteil, die Führung muss verstärkt werden. Um aber die Führung zu verstärken, muss die Führung selbst elastischer werden, muss die Partei ein Höchstmaß an Feinfühligkeit gegenüber den Bedürfnissen der Massen aufbringen.

Ich komme zum Schluss, Genossen. Unsere Politik ist richtig, und darin liegt unsere Kraft. Aber, wenn unsere Politik nicht in der Luft hängen soll, müssen mindestens zwei Bedingungen erfüllt werden. Erstens, richtige Auswahl der Mitarbeiter und Kontrolle über die Durchführung der Direktiven der Partei. Zweitens, Elastizität bei der Führung der Massen und maximale Feinfühligkeit gegenüber den Bedürfnissen der Massen, Feinfühligkeit und nochmals Feinfühligkeit. (Stürmischer, anhaltender Beifall und Ovationen im ganzen Saal, alle Anwesenden erbeben sich von den Plätzen und singen die „Internationale“.)

„Prawda“ Nr. 13,
16. Januar 1927.

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