"Stalin"

Werke

Band 9

BRIEF AN GENOSSEN SAIZEW

Ich habe mich mit der Antwort hinsichtlich des Artikels des Genossen Shirow verspätet, aber besser spät als gar nicht.

Ich habe mich aus folgenden Motiven dagegen ausgesprochen, dass der Artikel des Genossen Shirow über die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder im „Bolschewik“ veröffentlicht wird:

1. Der Artikel ist meiner Meinung nach schülerhaft. Man sieht, dass der Verfasser das Thema nicht beherrscht und keine Vorstellung von der Kompliziertheit der Frage hat. Solche Artikel kann man gut und gern in Schülerzeitschriften bringen, wo man sich üben kann, um es später zu einem reifen Literaten zu bringen. Aber der „Bolschewik“ ist eine leitende Zeitschrift, von ihr verlangt man leitende Weisungen in den grundlegenden Fragen der Theorie und Politik; den Artikel des Genossen Shirow im „Bolschewik“ zu bringen, bedeutet deshalb erstens, die Leser zu verwirren, zweitens, den Ruf des „Bolschewik“ als leitende Zeitschrift zu gefährden.

2. Es liegt klar auf der Hand, dass Genosse Shirow irrt, wenn er die politische Seite des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder und seine ökonomische Seite auf die gleiche Stufe stellt. Dass beide Seiten den Inhalt des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit bilden, ist natürlich richtig. Dass aber die politische Ungleichmäßigkeit jetzt für uns keine aktuelle Frage darstellt, wenn man unseren gegenwärtigen Streit mit der Opposition in der KPdSU(B) im Auge hat, das unterliegt keinem Zweifel. Worin kann man vom Standpunkt der Entwicklung in der ganzen Welt im gegebenen Augenblick den krassesten Ausdruck der politischen Ungleichmäßigkeit erblicken? Darin, dass wir eine fortschrittliche Macht, die Macht des Proletariats, die Macht der Sowjets haben, während in den technisch und kulturell entwickeltsten Ländern eine rückständige Macht, das heißt die bürgerliche Macht besteht. Leugnet die Opposition die Möglichkeit oder das Vorhandensein dieser politischen Ungleichmäßigkeit? Nein, sie leugnet das nicht. Im Gegenteil, sie ist der Ansicht, dass die Machtergreifung durch das Proletariat in einem Lande durchaus möglich ist.

Also, nicht auf diesem Gebiet liegen unsere Meinungsverschiedenheiten.

Die Meinungsverschiedenheiten beginnen mit der Frage, ob man die Bourgeoisie ökonomisch besiegen kann, das heißt, ob man den Sozialismus bei Vorhandensein der Sowjetmacht in einem, von kapitalistischen Ländern umringten Lande errichten kann. Die Meinungsverschiedenheiten liegen also auf ökonomischem Gebiet. Das ist der Grund, weshalb wir die ökonomische Seite des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder hervorheben. Der Fehler des Genossen Shirow besteht darin, dass er diese Besonderheit unseres Streites mit der Opposition nicht bemerkt und das Hervorheben der ökonomischen Seite des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung als Verneinung der politischen Seite dieses Gesetzes angesehen hat.

Kurz gesagt, Genosse Shirow hat den Kern unseres Streites mit der Opposition übersehen.

Ich spreche schon gar nicht davon, dass die ökonomische Seite des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit an sich die Grundlage aller und jeglicher Katastrophen auf dem Gebiet der Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft, darunter auch der politischen Katastrophen, bildet.

3. Genosse Shirow sieht nicht die ganze Tiefe des Unterschieds zwischen dem vorimperialistischen Kapitalismus und dem imperialistischen Kapitalismus. Bei ihm verwandelt sich das Gesetz der Ungleichmäßigkeit in eine einfache „Disproportion und Disharmonie“ der Entwicklung des Weltkapitalismus. Aber wenn dem so ist, woher rührt dann der Unterschied zwischen dem Kapitalismus, der sich in aufsteigender Linie entwickelt, und dem sterbenden Kapitalismus, der sich in absteigender Linie entwickelt? Woher rührt der Unterschied zwischen dem Kapitalismus, der sich stetig entwickelt, und dem Kapitalismus, dessen Entwicklung durch Fäulnis, Sprünge und Katastrophen gekennzeichnet ist? Warum war früher der Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern unmöglich, und warum ist er jetzt möglich geworden? Kann man solche Tatsachen außer acht lassen wie die Herrschaft des Finanzkapitals, die gewaltige Entwicklung der Technik, die Tendenz zur Nivellierung, die Aufteilung der Welt in Einflusssphären, die stürmische, sprunghafte Entwicklung der kapitalistischen Länder mit Katastrophen und periodischen Neuaufteilungen der bereits aufgeteilten Welt und mit der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern?

Wodurch unterscheidet sich im gegebenen Fall die Position des Genossen Shirow von der Position unserer Opposition, und warum, aus welchem Grunde streitet er eigentlich mit der Opposition?

Genosse Shirow begreift offensichtlich nicht, dass sich die Entwicklungsgesetze des Kapitalismus verändern können und müssen, zum Unterschied von den soziologischen Gesetzen, die für alle Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung gelten. Im vorimperialistischen Kapitalismus hatte das Gesetz der Ungleichmäßigkeit ein bestimmtes Gesicht, und es hatte entsprechende Auswirkungen, im imperialistischen Kapitalismus hingegen nimmt dieses Gesetz ein anderes Gesicht an, und infolgedessen sind seine Auswirkungen andere. Das ist der Grund, weshalb man von der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder im Imperialismus zum Unterschied von der Ungleichmäßigkeit im alten Kapitalismus sprechen kann und muss. Die Frage, wie sich die Gesetze des Kapitalismus in den verschiedenen Stadien der kapitalistischen Entwicklung verändern, wie sie, je nach den sich ändernden Bedingungen, eingeschränkt oder verstärkt wirken - diese Frage ist von besonderem theoretischem Interesse, darüber hätte sich jemand, der einen speziellen Artikel über das Gesetz der Ungleichmäßigkeit schreibt, vor allem Gedanken machen müssen. Das Pech (nicht aber die Schuld) des Genossen Shirow ist es, dass er diese Seite der Frage überhaupt nicht sieht.

4. Ich gehe auf andere, meiner Meinung nach dem Genossen Shirow selbst unklare Fragen, die in seinem Artikel berührt werden, nicht ein wie zum Beispiel auf die Frage der „Subjektivitätslosigkeit des kapitalistischen Weltsystems“ usw. Ich sehe, dass es Genossen Shirow auf der Zunge brennt, irgendetwas Besonderes und Erstaunliches zu sagen.

5. Was den Entwurf der Anmerkung der Redaktion zum Artikel des Genossen Shirow betrifft, so denke ich, dass solche Anmerkungen der Redaktion in einer so verantwortlichen Zeitschrift, wie es der „Bolschewik“ ist, nicht gemacht werden dürfen. Zu erklären, dass die Redaktion „mit einigen Thesen des Verfassers nicht einverstanden ist“, und nicht zu sagen, welches diese Thesen sind - das bedeutet, um die Frage herumzureden und den Leser in Unklarheit zu lassen. Ich denke, dass der „Bolschewik“ solche Anmerkungen nicht geben darf.

Mit kommunistischem Gruß

J. Stalin

28. Januar 1927.

Zum erstenmal veröffentlicht.

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