"Stalin"

Werke

Band 9

REDE IN DER VERSAMMLUNG DER ARBEITER DER
STALIN-EISENBAHNWERKSTÄTTEN DER
OKTOBER-EISENBAHN

1. März 1927

(Kurze Wiedergabe)

Genossen! Gewöhnlich „gebührt“ es Rednern, endlos zu reden, während die anderen sie ebenso endlos anhören müssen. Ich denke, wir verfahren dieses Mal etwas anders. Ich werde mich darauf beschränken, die Fragen zu beantworten, die mir von einzelnen Genossen in Zuschriften gestellt wurden. Ich denke, so wird’s flotter gehen. Wenn Sie einverstanden sind, komme ich zur Sache.

Die Mehrzahl dieser Zuschriften läuft auf die eine Frage hinaus: Werden wir in diesem Jahr, im Frühjahr oder im Herbst dieses Jahres, Krieg haben?

Meine Antwort lautet: Wir werden weder im Frühjahr noch im Herbst dieses Jahres Krieg haben.

Wir werden in diesem Jahr nicht etwa deshalb keinen Krieg haben, weil die Gefahr imperialistischer Kriege überhaupt nicht bestünde. Nein, die Gefahr von Kriegen besteht. Es wird in diesem Jahr deshalb keinen Krieg geben, weil unsere Feinde für den Krieg nicht fertig sind, weil unsere Feinde die Resultate eines Krieges mehr fürchten als irgend jemand, weil die Arbeiter im Westen keinen Krieg gegen die UdSSR führen wollen, man ohne die Arbeiter aber keinen Krieg führen kann; schließlich, weil wir fest und unerschütterlich eine Politik des Friedens verfolgen, dieser Umstand aber den Krieg gegen unser Land erschwert.

Nachdem Genosse Stalin diese Thesen an Hand von Tatsachen aus dem Gebiet unserer Beziehungen zu den großen und kleinen Staaten im Westen begründet hat, geht er zur Frage der Politik der UdSSR im Osten über.

Man sagt uns, die Politik der Freundschaft, die wir gegenüber den abhängigen und kolonialen Völkern des Ostens betreiben, sei mit gewissen Zugeständnissen unserseits und folglich mit gewissen Unkosten für uns verbunden. Das ist natürlich richtig. Aber jede andere Politik wäre für uns nicht nur vom prinzipiellen Standpunkt, sondern auch vom Standpunkt der Unkosten auf dem Gebiet der Außenpolitik unannehmbar. Dass wir hier prinzipiell keine andere Politik als die Politik der Freundschaft betreiben können, ergibt sich aus der Natur der Sowjetmacht selbst, die die Fesseln des Imperialismus zerschlagen hat und darauf ihre Macht gründet. Deshalb werde ich darauf nicht weiter eingehen.

Betrachten wir die Sache vom Standpunkt der Unkosten der Außenpolitik. Die Grenzen unseres Staates im Osten mit China, Afghanistan, Persien und der Türkei erstrecken sich bekanntlich über einige Tausend Werst. An diesen Grenzen haben wir jetzt eine ganz unbeträchtliche Zahl von Truppen, die zu der Bevölkerung der angrenzenden Staaten in freundschaftlichen Beziehungen stehen, und wir können uns diese gewaltige Einsparung bei der Bewachung der Grenzen deshalb erlauben, weil wir eine Politik der Freundschaft mit diesen Staaten betreiben.

Aber nehmen wir an, wir hätten zu diesen Staaten keine freundschaftlichen, sondern feindliche Beziehungen, wie das zur Zeit der russischen Selbstherrschaft der Fall war. Wir wären dann gezwungen, an diesen Grenzen einige von Kopf zu Fuß bewaffnete Armeen und im Fernen Osten eine ganze Reihe Kriegsschiffe zu unterhalten, wie das jetzt einige imperialistische Staaten tun. Was aber bedeutet es, an diesen Grenzen einige Armeen und eine entsprechende Flotte zu unterhalten? Das bedeutet, jährlich für diese Armeen und diese Flotte Hunderte Millionen Rubel an Volksgeldern zu verausgaben. Das wäre auch eine Ostpolitik. Das wäre aber die unwirtschaftlichste, verschwenderischste und gefährlichste Politik von allen möglichen Arten der Politik. Deshalb denke ich, dass unsere Politik im Osten von allen möglichen Arten der Politik im Osten prinzipiell die richtigste, vom Standpunkt der politischen Ergebnisse die wirksamste und die sparsamste ist.

Ich spreche schon gar nicht davon, dass uns diese Politik einen dauerhaften Frieden im Osten nicht nur in Bezug auf die kolonialen und abhängigen Länder, sondern auch in Bezug auf Japan sichert.

Nachdem eine Reihe von Rednern in der Diskussion zum Wählerauftrag für die Deputierten gesprochen hat, ergreift Genosse Stalin erneut das Wort und antwortet auf eine Reihe von neuen in Zuschriften gestellten Fragen der Versammlungsteilnehmer.

Genossen! Gestatten Sie, die neuen Fragen der Genossen zu beantworten. Zwei Fragen wiederholen sich immer wieder in diesen Zuschriften: die Frage des möglichen Abbruchs der englisch-sowjetischen diplomatischen Beziehungen und die Frage der grundlegenden Errungenschaften unseres wirtschaftlichen Aufbaus.

Wird England den Handelsvertrag von 1921 zerreißen? Wird es die diplomatischen Beziehungen zur UdSSR abbrechen?

Natürlich ist der Abbruch der Beziehungen von seiten Englands nicht ausgeschlossen. Aber ich denke, dass er wenig wahrscheinlich ist. Wenig wahrscheinlich aber ist er deshalb, weil der Abbruch der Beziehungen England nur Nachteile bringen kann. Ich spreche schon gar nicht davon, dass angesichts der Friedenspolitik, die die UdSSR betreibt, die Verantwortung für den Abbruch der Beziehungen die schwerste jeder möglichen schweren Verantwortung wäre, die die englische Regierung jetzt auf sich nehmen könnte...

Worin besteht unsere grundlegende Errungenschaft auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Aufbaus?

Man erzählt uns von Mängeln unseres Aufbaus. Man sagt, dass diese Mängel noch nicht beseitigt sind. All das ist richtig, Genossen. Mängel haben wir viele, sowohl in den Werken und Fabriken als auch im Apparat unserer Verwaltung. Es wäre merkwürdig, wenn es bei der gewaltigen Arbeit, die wir auf uns genommen haben, keine Mängel gäbe. Aber es geht nicht um diese Mängel. Es geht jetzt darum, dass wir es verstanden haben, das Werk der Industrialisierung unseres Landes aus eigener Kraft in Gang zu bringen.

Was bedeutet, unser Land zu industrialisieren? Das bedeutet, ein Agrarland in ein Industrieland zu verwandeln. Das bedeutet, unsere Industrie auf neuer technischer Grundlage aufzubauen und zu entwickeln.

Nirgends in der Welt ist es bisher vorgekommen, dass sich ein riesiges rückständiges Agrarland ohne Ausplünderung von Kolonien, ohne Ausplünderung fremder Länder oder ohne große Anleihen und langfristige Kredite von außen in ein Industrieland verwandelt hätte. Denken Sie an die Geschichte der industriellen Entwicklung Englands, Deutschlands, Amerikas, und Sie werden verstehen, dass das genau stimmt. Sogar Amerika, das mächtigste aller kapitalistischen Länder, war gezwungen, sich nach dem Bürgerkrieg ganze 30-40 Jahre abzumühen, um seine Industrie mit Hilfe von Anleihen und langfristigen Krediten von außen und durch Ausplünderung der anliegenden Staaten und Inseln aufzubauen.

Können wir diesen „erprobten“ Weg beschreiten? Nein, das können wir nicht, denn die Natur der Sowjetmacht duldet keine koloniale Ausplünderung, und es liegt kein Grund vor, auf große Anleihen und langfristige Kredite zu rechnen.

Das alte Rußland, das zaristische Rußland, ging einen anderen Weg, um zur Industrialisierung zu gelangen: den Weg der Aufnahme knechtender Anleihen und der Erteilung von knechtenden Konzessionen in den Hauptzweigen unserer Industrie. Sie wissen, dass sich fast das gesamte Donezbecken, die größere Hälfte der Petersburger Industrie, das Bakuer Erdöl und eine ganze Reihe von Eisenbahnlinien, ganz zu schweigen von der Elektroindustrie, in den Händen ausländischer Kapitalisten befanden. Das war der Weg der Industrialisierung auf Kosten der Völker der UdSSR und gegen die Interessen der Arbeiterklasse. Es ist klar, dass wir diesen Weg nicht beschreiten können; nicht dafür haben wir gegen das Joch des Kapitalismus gekämpft, nicht dafür haben wir den Kapitalismus gestürzt, um uns sodann freiwillig unter das Joch des Kapitalismus zu begeben.

Es bleibt ein Weg, der Weg der eigenen Akkumulation, der Weg der Sparsamkeit, der Weg der sparsamen Wirtschaftsführung, um die für die Industrialisierung unseres Landes notwendigen Mittel zu akkumulieren. Zweifellos ist diese Aufgabe schwierig. Aber ungeachtet der Schwierigkeiten sind wir schon dabei, sie zu lösen. Ja, Genossen, vier Jahre nach dem Bürgerkrieg sind wir schon dabei, diese Aufgabe zu lösen. Darum handelt es sich, Genossen, und darin bestehen unsere grundlegenden Errungenschaften.

Wir geben in diesem Jahr für die Bedürfnisse der Industrie eine Milliarde dreihundert Millionen Rubel aus. Wir bauen für dieses Geld neue Werke, setzen alte instand, führen eine moderne Technik ein, vergrößern die Arbeiterklasse zahlenmäßig. Somit haben wir erreicht, dass wir auf Grund unserer eigenen Akkumulation das Fundament für die neue Industrie legen. Somit haben wir erreicht, dass wir das grandiose Gebäude der neuen, sozialistischen Industrie mit unseren eigenen Mitteln errichten. Darin besteht unsere grundlegende Errungenschaft, Genossen.

Man sagt, dass dieses grandiose Gebäude gewisse Mängel hat, dass der Putz nicht gut sei, dass hie und da die Tapeten abgehen, dass irgendwo in einer Ecke der Kehricht noch nicht hinausgefegt sei usw. All das stimmt. Aber geht es etwa darum, und ist das etwa die Hauptsache? Wird das grandiose Gebäude der neuen Industrie errichtet oder nicht? Ja, es wird errichtet. Wird dieses Gebäude mit unseren eigenen Mitteln errichtet oder nicht? Ja, es wird mit unseren eigenen Mitteln errichtet. Ist nicht klar, dass wir beim wirtschaftlichen Aufbau, bei der Industrialisierung bereits dabei sind, das Hauptsächliche und das Grundlegende zu erreichen?

Darin besteht die Grundlage unserer Errungenschaften.

Manche Genossen sind geneigt, diese Erfolge allein unserer Partei zuzuschreiben. Daraus erklärt sich denn auch, dass manche Genossen unsere Partei über die Maßen loben. Daraus ist auch zu erklären, dass manch ein Kommunist dazu neigt, ein wenig zu prahlen und überheblich zu werden - eine Sünde, die leider immer noch in unseren Reihen anzutreffen ist. Natürlich hat die im Wesentlichen richtige Politik unserer Partei bei der Erringung dieser Erfolge eine gewaltige Rolle gespielt. Aber die Politik unserer Partei wäre keinen Deut wert, wenn sie nicht die wirkliche, freundschaftliche Unterstützung der Millionenmassen der parteilosen Arbeiter fände. Darin beruht ja gerade die Stärke unserer Partei, dass sie die Unterstützung der parteilosen Arbeitermassen hat. Das darf man nicht vergessen, Genossen. (Stürmischer Beifall.)

„Prawda“ Nr. 51,
3. März 1927.

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