"Stalin"

Werke

Band 9

BRIEF AN DIE GENOSSEN ZWETKOW UND ALYPOW

Ihre Anfrage vom 1. III. 1927 halte ich für ein Missverständnis. Und dies aus folgendem Grunde:

1. In meinem Referat [38] ist nicht die Rede von der Entstehung der „selbstherrschaftlichen Ordnung“ in Rußland, sondern von der Bildung zentralisierter Nationalitätenstaaten im Osten Europas (Rußland, Osterreich, Ungarn). Es ist nicht schwer zu begreifen, dass das zwei verschiedene Themen sind, wenn man sie auch nicht als voneinander losgelöst betrachten darf.

2. Weder in meinem Referat noch in den Thesen [39] wird etwas darüber gesagt, dass die Bildung eines zentralisierten Staates in Rußland „nicht im Ergebnis der ökonomischen Entwicklung, sondern im Interesse des Kampfes gegen die Mongolen und die anderen Völker des Ostens“ (siehe Ihren Brief) erfolgte. Für diese Gegenüberstellung sind Sie verantwortlich und nicht ich. Bei mir heißt es lediglich, dass der Prozess der Bildung von zentralisierten Staaten im Osten Europas angesichts der Notwendigkeit der Verteidigung schneller vor sich ging als der Prozess des Zusammenschlusses der Menschen zu Nationen, so dass sich hier vor der Beseitigung des Feudalismus Nationalitätenstaaten bildeten. Wie Sie sehen, ist es nicht das, was Sie mir fälschlicherweise zuschreiben.

Hier das Zitat aus meinem Referat:

„Im Osten Europas dagegen fiel der Prozess der Bildung von Nationen und der Liquidierung der feudalen Zersplitterung zeitlich nicht mit dem Prozess der Bildung von zentralisierten Staaten zusammen. Ich meine Ungarn, Österreich, Rußland. In diesen Ländern gab es noch keine kapitalistische Entwicklung, diese hatte vielleicht erst ihren Anfang genommen, während anderseits die Interessen der Verteidigung gegen die Invasion der Türken, Mongolen und anderer Völker des Ostens die unverzügliche Bildung von zentralisierten Staaten erheischten, die fähig waren, dem Ansturm der Invasion standzuhalten. Da nun im Osten Europas der Prozess der Entstehung von zentralisierten Staaten schneller vor sich ging als der Prozess des Zusammenschlusses der Menschen zu Nationen, so bildeten sich hier gemischte Staaten, aus mehreren Völkern bestehend, die sich noch nicht zu Nationen formiert hatten, aber bereits in einem gemeinsamen Staat vereinigt waren.“ [40]

Und hier das Zitat aus meinen Thesen, die vom X. Parteitag angenommen wurden:

„Dort, wo die Bildung von Nationen zeitlich im großen und ganzen mit der Bildung von zentralisierten Staaten zusammenfiel, legten sich die Nationen natürlicherweise eine staatliche Hülle um und entwickelten sich zu selbständigen bürgerlichen Nationalstaaten. So geschah es in England (ohne Irland), Frankreich, Italien. Im Osten Europas vollzog sich dagegen die Bildung von zentralisierten Staaten, durch die Erfordernisse der Selbstverteidigung (Invasion der Türken, Mongolen usw.) beschleunigt, vor der Beseitigung des Feudalismus, folglich vor der Bildung von Nationen. Infolgedessen entwickelten sich die Nationen hier nicht zu Nationalstaaten und konnten sich nicht dazu entwickeln, sondern bildeten mehrere gemischte, bürgerliche Nationalitätenstaaten, in denen es gewöhnlich eine starke, herrschende Nation und mehrere schwache, unterworfene Nationen gab. Solche Staaten waren Osterreich, Ungarn, Rußland.“[41]

Beachten Sie bitte die in den Zitaten hervorgehobenen Worte.

3. Wenn Sie mein ganzes Referat auf dem X. Parteitag und ebenso die Thesen zur nationalen Frage (ihren ersten Teil) durchsehen, werden Sie sich leicht davon überzeugen, dass das Thema des Referats nicht die Frage der Entstehung der „selbstherrschaftlichen Ordnung“ ist, sondern die Frage der Bildung zentralisierter Nationalitätenstaaten im Osten Europas und der Faktoren, die diesen letzteren Prozess beschleunigten.

Mit kommunistischem Gruß

J. Stalin

7. März 1927.

Zum erstenmal veröffentlicht.

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