"Stalin"

Werke

Band 9

ZUR FRAGE DER
ARBEITER- UND BAUERNREGIERUNG

Antwort an Dmitrijew

Ihr an den „Bolschewik“ gerichteter Brief vom 14. Januar d. J. bezüglich der Frage der Arbeiter- und Bauernregierung wurde mir ins ZK zur Beantwortung geschickt. Wegen Überlastung antworte ich mit Verspätung, was ich zu entschuldigen bitte.

1. Man darf die Frage nicht so stellen, wie dies manche Genossen tun: „Gibt es die Arbeiter- und Bauernregierung tatsächlich, oder ist das nur eine Agitationslosung?“ Man darf nicht sagen, wir hätten zwar in Wirklichkeit gar keine Arbeiter- und Bauernregierung, könnten aber trotzdem von einer Arbeiter- und Bauernregierung als Agitationslosung sprechen. Eine derartige Fragestellung würde bedeuten, dass unsere Partei Losungen ausgeben könnte, die ihrem Wesen nach betrügerisch sind, die in Wirklichkeit jeglicher Grundlage entbehren, an die die Partei selbst nicht glaubt, die die Partei aber dennoch herausgibt, um die Massen zu täuschen. So können Sozialrevolutionäre, Menschewiki, bürgerliche Demokraten handeln, da der Widerspruch zwischen Wort und Tat und der Betrug an den Massen zu den wichtigsten Mitteln gehören, deren sich diese sterbenden Parteien bedienen. So aber kann unsere Partei die Frage niemals und unter gar keinen Umständen stellen, denn sie ist eine marxistische Partei, eine Lenin istische Partei, eine aufsteigende Partei, die ihre Kraft daraus schöpft, dass bei ihr Worte und Taten nicht in Widerspruch zueinander stehen, dass sie die Massen nicht täuscht, den Massen nur die Wahrheit sagt und ihre Politik nicht auf Demagogie aufbaut, sondern auf der wissenschaftlichen Analyse der Klassenkräfte.

Die Frage muss folgendermaßen gestellt werden: Entweder gibt es bei uns keine Arbeiter- und Bauernregierung - und dann muss die Losung der Arbeiter- und Bauernregierung als eine überflüssige und falsche Losung verworfen werden, oder aber wir haben tatsächlich eine Arbeiter- und Bauernregierung, und das Bestehen einer solchen Regierung entspricht dem Zustand der Klassenkräfte - und dann ist die Losung der Arbeiter- und Bauernregierung eine richtige und revolutionäre Losung. Entweder das eine oder das andere. Hier gilt es zu wählen.

2. Sie bezeichnen die Losung der Arbeiter- und Bauernregierung als eine „Formel des Genossen Stalin“. Das ist völlig falsch. In Wirklichkeit ist diese Losung oder, wenn Sie wollen, diese „Formel“ eine Losung Lenin s, und keines anderen. Ich habe sie in den „Fragen und Antworten“[42] lediglich wiederholt. Nehmen Sie den Band XXII der Werke Lenin s, S. 13, 15, 90, 133, 210; den Band XXIII, S. 93, 504; den Band XXIV, S. 448; den Band XXVI, S. 184 (4. Ausgabe, Bd. 26, S. 217 (deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 256), 219 und 220 (ebenda, S. 258 und 259), 300 (ebenda, S. 278), 342 (ebenda, S. 281), 419; Bd. 27, S. 440; Bd. 30, S. 3 und 4; Bd. 32, S. 133. Der Übers.), wo Lenin die Sowjetmacht als „Arbeiter- und Bauernregierung“ bezeichnet; nehmen Sie den Band XXIII, S. 58, 85, 86, 89; den Band XXIV, S. 115, 185, 431, 433, 436, 539, 540; den Band XXV, S. 82, 146, 390, 407; den Band XXVI, S. 24, 39, 40, 182, 207, 340 (4. Ausgabe, Bd. 27, S. 398, 430, 432, 436; Bd. 29, 5. 125, 205, 511 (deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 603), 513 und 514 (ebenda, S. 605 und 606), 518 (ebenda, S.610); Bd. 30, S. 126, 127, 404, 479; Bd. 31, S. 265 (ebenda, S.787), 287, 456, 474, 476; Bd. 32, S. 131, 152, 331 (ebenda, S. 847). Der Übers.), wo Lenin die Sowjetmacht als „Arbeiter- und Bauernmacht“ bezeichnet; nehmen Sie alle diese und auch einige andere Werke Lenin s, und Sie werden begreifen, dass die Losung oder die „Formel“ der Arbeiter- und Bauernregierung eine Losung oder eine „Formel“ Lenin s und keines anderen ist.

3. Ihr Hauptfehler ist: Sie verwechseln

a) die Frage unserer Regierung mit der Frage unseres Staates;

b) die Frage der Klassennatur unseres Staates und unserer Regierung mit der Frage der Tagespolitik unserer Regierung.

Man darf unseren Staat nicht mit unserer Regierung verwechseln und folglich auch nicht mit ihr identifizieren. Unser Staat ist die als Staatsmacht organisierte Klasse der Proletarier, dazu berufen, den Widerstand der Ausbeuter zu unterdrücken, die sozialistische Wirtschaft zu organisieren, die Klassen aufzuheben usw. Unsere Regierung hingegen ist die Spitze dieser Staatsorganisation, ihre führende Spitze. Die Regierung kann irren, sie kann Fehler machen, die für die Diktatur des Proletariats die Gefahr eines zeitweiligen Fiaskos heraufbeschwören, aber das würde noch nicht bedeuten, dass die proletarische Diktatur als Prinzip des Staatsaufbaus in der Übergangsperiode falsch oder fehlerhaft sei. Das würde nur bedeuten, dass die führende Spitze schlecht ist, dass die Politik der führenden Spitze, die Politik der Regierung, nicht der Diktatur des Proletariats entspricht, dass diese Politik geändert und mit den Erfordernissen der Diktatur des Proletariats in Einklang gebracht werden muss.

Staat und Regierung sind ihrer Klassennatur nach gleichartig, aber die Regierung ist dem Umfang nach enger und deckt sich nicht mit dem Staat. Sie sind organisch miteinander verbunden und hängen voneinander ab, das bedeutet aber noch nicht, dass man sie in einen Topf werfen kann.

Sie sehen, dass man die Frage unseres Staates nicht mit der Frage unserer Regierung verwechseln darf, ebensowenig wie man die Frage der Klasse der Proletarier mit der Frage der führenden Spitze der Klasse der Proletarier verwechseln darf.

Noch unzulässiger aber ist die Verwechslung der Frage der Klassennatur unseres Staates und unserer Regierung mit der Frage der Tagespolitik unserer Regierung. Die Klassennatur unseres Staates und unserer Regierung ist ohne weiteres klar - sie ist proletarisch. Die Ziele unseres Staates und unserer Regierung sind gleichfalls klar - sie laufen auf die Unterdrückung des Widerstands der Ausbeuter, auf die Organisierung der sozialistischen Wirtschaft, auf die Aufhebung der Klassen usw. hinaus. All das ist klar.

Worauf läuft dann die Frage der Tagespolitik unserer Regierung hinaus? Sie läuft auf die Frage der Mittel und Wege hinaus, mit deren Hilfe die Klassenziele der proletarischen Diktatur in unserem Bauernland verwirklicht werden können. Der proletarische Staat ist notwendig, um den Widerstand der Ausbeuter zu unterdrücken, die sozialistische Wirtschaft zu organisieren, die Klassen aufzuheben usw. Unsere Regierung aber ist neben all dem notwendig, um die Mittel und Wege (die Tagespolitik) vorzuzeichnen, ohne die die Erfüllung dieser Aufgaben in unserem Lande, wo das Proletariat die Minderheit bildet, wo die Bauernschaft die gewaltige Mehrheit ausmacht, undenkbar ist.

Was sind das für Mittel und Wege, worauf laufen sie hinaus? Sie laufen im Wesentlichen auf Maßnahmen hinaus, die auf die Erhaltung und Festigung des Bündnisses der Arbeiter und der Hauptmasse der Bauern, auf die Erhaltung und Festigung der führenden Rolle des an der Macht stehenden Proletariats in diesem Bündnis abzielen. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass außerhalb eines solchen Bündnisses und ohne ein solches Bündnis unsere Regierung machtlos wäre und wir nicht die Möglichkeit hätten, die Aufgaben der Diktatur des Proletariats, über die ich soeben gesprochen habe, zu erfüllen. Wie lange wird dieses Bündnis, dieser Zusammenschluss bestehen, und bis zu welcher Zeit wird die Politik der Sowjetregierung, die auf die Festigung dieses Bündnisses, auf die Festigung dieses Zusammenschlusses gerichtet ist, fortgeführt werden? Es ist klar, dass dies solange währen wird, solange es Klassen gibt und solange die Regierung als Ausdruck der Klassengesellschaft, als Ausdruck der Diktatur des Proletariats besteht.

Dabei ist zu beachten,

a) dass wir das Bündnis der Arbeiter und Bauern brauchen, nicht um die Bauernschaft als Klasse zu erhalten, sondern um sie umzuwandeln und umzumodeln in einer Richtung, die den Interessen des Sieges des sozialistischen Aufbaus entspricht;

b) dass die auf die Festigung dieses Bündnisses gerichtete Politik der Sowjetregierung nicht darauf abzielt, die Klassen zu erhalten, sondern darauf, die Klassen aufzuheben, das Tempo der Aufhebung der Klassen zu beschleunigen.

Lenin hatte daher völlig Recht, als er schrieb:

„Das höchste Prinzip der Diktatur ist die Aufrechterhaltung des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft, damit das Proletariat die führende Rolle und die Staatsmacht behaupten kann.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, S. 466, russ.)

Es braucht nicht bewiesen zu werden, dass gerade diese These Lenin s, und nicht irgendeine andere, die Richtlinie für die Tagespolitik der Sowjetregierung bildet, dass die Politik der Sowjetregierung im gegebenen Entwicklungsstadium dem Wesen nach die Politik der Erhaltung und Festigung gerade dieses Bündnisses der Arbeiter und der Hauptmasse der Bauern ist. In diesem Sinne - aber nur in diesem Sinne, und nicht im Sinne ihrer Klassennatur - ist die Sowjetregierung eine Arbeiter- und Bauernregierung.

Wer das nicht anerkennt, der weicht vom Wege des Lenin ismus ab, der begibt sich auf den Weg der Verneinung der Idee des Zusammenschlusses, der Idee des Bündnisses des Proletariats und der werktätigen Massen der Bauernschaft.

Wer das nicht anerkennt, der ist der Meinung, dass der Zusammenschluss eine Machenschaft ist, und nicht eine reale revolutionäre Sache, dass wir die NÖP aus „Agitationsgründen“ eingeführt haben und nicht, um gemeinsam mit den Hauptmassen der Bauernschaft den Sozialismus aufzubauen.

Wer das nicht anerkennt, der ist der Meinung, dass unsere Revolution den grundlegenden Interessen der Hauptmassen der Bauernschaft nicht gerecht werden kann, dass diese Interessen zu den Interessen des Proletariats in unversöhnlichem Widerspruch stehen, dass wir den Sozialismus nicht gemeinsam mit den Hauptmassen der Bauernschaft aufbauen können und sollen, dass Lenin s Genossenschaftsplan jeglicher Grundlage entbehrt, dass die Menschewiki und ihre Nachbeter recht haben usw.

Man braucht diese Fragen nur zu stellen, um zu begreifen, wie verderblich und untauglich es ist, an die Kardinalfrage, die Frage des Zusammenschlusses, wie an ein „Agitations“manöver heranzugehen. Darum habe ich in meinen „Fragen und Antworten“ gesagt, dass die Losung der Arbeiter- und Bauernregierung keine „Demagogie“, kein „Agitations“manöver ist, sondern eine unbedingt richtige und revolutionäre Losung.

Kurzum: Die Frage der Klassennatur des Staates und der Regierung, der Klassennatur, die für die Hauptziele der Entwicklung unserer Revolution bestimmend ist, ist eins, und die Frage der Tagespolitik der Regierung, die Frage der zur Verwirklichung dieser Ziele notwendigen Mittel und Wege ist etwas anderes. Beide Fragen sind unbedingt miteinander verbunden. Das bedeutet aber noch nicht, dass sie miteinander identisch sind, dass man sie in einen Topf werfen kann.

Sie sehen, dass man die Frage der Klassennatur des Staates und der Regierung nicht mit der Frage der Tagespolitik der Regierung verwechseln darf.

Man könnte sagen, dass es hier einen Widerspruch gibt: Wie kann man eine ihrer Klassennatur nach proletarische Regierung als Arbeiter- und Bauernregierung bezeichnen? Aber das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Eigentlich ist hier der „Widerspruch“ von der gleichen Art wie der, den einige unserer Neunmalklugen zwischen Lenin s zwei Formeln von der Diktatur des Proletariats zu erblicken bemüht sind, von denen die erste Formel besagt, dass „die Diktatur des Proletariats die Macht einer Klasse ist“ (4. Ausgabe, Bd. 29, S. 472, russ.), während die zweite Formel besagt, dass „die Diktatur des Proletariats eine besondere Form des Klassenbündnisses zwischen dem Proletariat, der Avantgarde der Werktätigen, und den zahlreichen nichtproletarischen Schichten der Werk-tätigen (Kleinbürgertum, Kleineigentümer, Bauernschaft, Intelligenz usw.) ist“ (4. Ausgabe, Bd. 29, S. 350, russ.).

Besteht ein Widerspruch zwischen diesen beiden Formeln? Natürlich nicht. Wie wird in einem solchen Fall erreicht, dass die Macht bei einem Klassenbündnis, sagen wir mit der Hauptmasse der Bauernschaft, von einer Klasse (dem Proletariat) ausgeübt wird? Dadurch, dass das an der Macht stehende Proletariat (die „Avantgarde der Werktätigen“) die Führung in diesem Bündnis ausübt. Die Macht einer Klasse, der Klasse der Proletarier, verwirklicht mit Hilfe des Bündnisses dieser Klasse mit der Hauptmasse der Bauernschaft, bei staatlicher Führung der letzteren durch das Proletariat - das ist der Grundgedanke dieser beiden Formeln. Wo ist hier ein Widerspruch?

Was aber bedeutet staatliche Führung des Proletariats gegenüber der Hauptmasse der Bauernschaft? Ist das die gleiche Führung wie beispielsweise in der Periode der bürgerlich-demokratischen Revolution, als wir die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft anstrebten? Nein, das ist nicht die gleiche Führung. Die staatliche Führung des Proletariats gegenüber der Bauernschaft ist eine Führung unter den Verhältnissen der Diktatur des Proletariats. Staatliche Führung des Proletariats bedeutet,

a) dass die Bourgeoisie bereits gestürzt ist;

b) dass das Proletariat an der Macht steht;

c) dass das Proletariat die Macht nicht mit anderen Klassen teilt;

d) dass das Proletariat den Sozialismus aufbaut, wobei es die Hauptmassen der Bauernschaft mit sich führt.

Führung des Proletariats unter den Verhältnissen der bürgerlich-demokratischen Revolution und der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft aber bedeutet,

a) dass der Kapitalismus als Grundlage bestehen bleibt;

b) dass die revolutionär-demokratische Bourgeoisie an der Macht steht, die die vorherrschende Kraft im Bestand der Staatsmacht darstellt;

c) dass die demokratische Bourgeoisie die Macht mit dem Proletariat teilt;

d) dass das Proletariat die Bauernschaft vom Einfluss der bürgerlichen Parteien befreit, sie ideologisch und politisch führt und den Kampf zum Sturz des Kapitalismus vorbereitet.

Hier besteht, wie Sie sehen, ein grundlegender Unterschied.

Das gleiche muss über die Frage der Arbeiter- und Bauernregierung gesagt werden. Was kann es für einen Widerspruch darin geben, dass die proletarische Natur unserer Regierung und die sich daraus ergebenden sozialistischen Aufgaben sie nicht nur nicht hindern, sondern im Gegenteil sie dazu treiben, sie notwendigerweise dazu treiben, die Politik der Erhaltung und Festigung des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern durchzuführen als des wichtigsten Mittels zur Verwirklichung der sozialistischen Klassenaufgaben der proletarischen Diktatur in unserem Bauernland, und dass sich diese Regierung infolgedessen eine Arbeiter- und Bauernregierung nennt?

Ist es nicht klar, dass Lenin Recht hatte, als er für die Losung der Arbeiter- und Bauernregierung eintrat und unsere Regierung als Arbeiter- und Bauernregierung bezeichnete?

Überhaupt muss gesagt werden, dass das „System der Diktatur des Proletariats“, mit dessen Hilfe in unserem Lande die Macht einer Klasse, die Macht des Proletariats, verwirklicht wird, eine ziemlich komplizierte Angelegenheit ist. Ich weiß, dass diese Kompliziertheit manchen Genossen nicht gefällt, nicht nach ihrem Geschmack ist. Ich weiß, dass es viele von ihnen, vom Standpunkt des „Grundsatzes des geringsten Kräfteaufwands“ ausgehend, vorziehen würden, es mit einem einfacheren und leichteren System zu tun zu haben. Aber was ist da zu machen: Erstens muss man den Lenin ismus so nehmen, wie er tatsächlich ist (man darf den Lenin ismus nicht verflachen und vulgarisieren), zweitens lehrt die Geschichte, dass die einfachsten und leichtesten „Theorien“ weitaus nicht immer die richtigsten sind.

4. Sie beklagen sich in Ihrem Brief:

„Die Sünde aller Genossen, die diese Frage beleuchten, besteht darin, dass sie entweder nur von der Regierung oder aber nur vom Staat sprechen und daher keine endgültige Antwort geben, wobei sie ganz außer acht lassen, welche Beziehungen zwischen diesen Begriffen bestehen müssen.“

Ich gebe zu, dass unsere führenden Genossen tatsächlich nicht frei von dieser „Sünde“ sind, besonders wenn man den Umstand berücksichtigt, dass gewisse nicht sehr fleißige „Leser“ nicht selbst in Lenin s Werke wirklich eindringen wollen, sondern fordern, dass man ihnen jeden Satz gründlich vorkaue. Aber was ist da zu machen: Erstens sind unsere führenden Genossen allzu sehr beschäftigt und mit laufender Arbeit belastet, so dass sie nicht die Möglichkeit haben, den Lenin ismus, wie man so sagt, punktweise zu erläutern; zweitens muss man ja auch etwas für die „Leser“ übriglassen, die schließlich doch vom oberflächlichen Lesen der Werke Lenin s zum ernsten Studium des Lenin ismus übergehen müssen. Es muss aber gesagt werden, dass es, solange die „Leser“ den Lenin ismus nicht ernst studieren, immer Klagen von der Art der Ihrigen und „Missverständnisse“ geben wird.

Nehmen wir zum Beispiel die Frage unseres Staates. Es ist klar, dass unser Staat sowohl seiner Klassennatur nach als auch in Bezug auf sein Programm, seine Hauptaufgaben, seine Handlungen und seine Taten ein proletarischer Staat, ein Arbeiterstaat ist, allerdings mit gewissen „bürokratischen Auswüchsen“. Erinnern Sie sich der Definition Lenin s:

„Arbeiterstaat ist eine Abstraktion. In Wirklichkeit haben wir einen Arbeiterstaat, erstens mit der Besonderheit, dass im Lande nicht die Arbeiter-, sondern die Bauernbevölkerung überwiegt; und zweitens einen Arbeiterstaat mit bürokratischen Auswüchsen.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, S.27/28, russ.)

Daran zweifeln können wohl nur Menschewiki, Sozialrevolutionäre und vielleicht auch noch der eine oder der andere unserer Oppositionellen. Lenin hat wiederholt erläutert, dass unser Staat ein Staat der proletarischen Diktatur ist, dass die proletarische Diktatur aber die Macht einer Klasse ist, die Macht des Proletariats. All das ist schon längst bekannt. Indes gibt es nicht wenig „Leser“, die es Lenin verübelten und immer noch verübeln, dass Lenin unseren Staat mitunter als „Arbeiter- und Bauern“staat bezeichnete, obgleich es nicht schwer ist, zu begreifen, dass Lenin damit nicht eine Definition der Klassennatur unseres Staates geben, geschweige denn die proletarische Natur dieses Staates in Abrede stellen, sondern damit sagen wollte, dass die proletarische Natur des Sowjetstaates zur Notwendigkeit des Zusammenschlusses des Proletariats und der Hauptmassen der Bauernschaft führt und dass infolgedessen die Politik der Sowjetregierung auf die Festigung dieses Zusammenschlusses gerichtet sein muss.

Nehmen Sie zum Beispiel den Band XXII, S. 174; den Band XXV, S. 50, 80; den Band XXVI, S. 40, 67, 207, 216; den Band XXVII, S.47. (4. Ausgabe, Bd. 26, S. 385 (deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 299); Bd. 30, S. 359, 402; Bd. 31, S. 476; Bd. 32, S.6, 152, 163; Bd. 33, S. 50. Der Übers.) In allen diesen Schriften und auch in einigen anderen Werken qualifiziert Lenin unseren Staat als „Arbeiter- und Bauern“staat. Es wäre aber seltsam, wollte man nicht begreifen, dass Lenin in allen diesen Fällen nicht eine Charakterisierung der Klassennatur unseres Staates geben will, sondern eine Definition der Politik der Festigung des Zusammenschlusses, die sich aus der proletarischen Natur und aus den sozialistischen Aufgaben unseres Staates unter den Verhältnissen unseres Bauernlandes ergibt. In diesem bedingten und begrenzten Sinne, aber nur in diesem Sinne, kann man von einem „Arbeiter- und Bauern“staat sprechen, was Lenin auch an den erwähnten Stellen seiner Werke tut.

Was die Klassennatur unseres Staates betrifft, so habe ich oben bereits gesagt, dass Lenin hierfür eine überaus präzise Formulierung gab, die keinerlei Missdeutungen zulässt: Arbeiterstaat mit bürokratischen Auswüchsen in einem Lande mit überwiegender bäuerlicher Bevölkerung. Das dürfte wohl klar sein. Dennoch beklagen sich gewisse „Leser“, die wohl Buchstaben zu „lesen“ verstehen, aber das Gelesene nicht zu begreifen wünschen, immer noch darüber, dass Lenin sie in der Frage der Natur unseres Staates „verwirrt“ habe, die „Schüler“ aber nicht gewillt seien, das „Verworrene“ „zu entwirren“. Das mutet etwas lächerlich an...

Sie werden fragen: Wo ist denn ein Ausweg aus den „Missverständnissen“?

Es gibt meiner Meinung nach nur einen Ausweg: Lenin nicht nach einzelnen Zitaten zu studieren, sondern in das Wesen einzudringen, ihn ernsthaft und gründlich, ohne Unterlass zu studieren.

Einen anderen Ausweg sehe ich nicht.

„Bolscbewik“ Nr. 6,
15. März 1927.

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