"Stalin"

Werke

Band 9

REDE AUF DER
V. UNIONSKONFERENZ DES Lenin SCHEN
KOMMUNISTISCHEN JUGENDVERBANDS DER
SOWJETUNION[45]

29. März 1927

Genossen! Gestatten Sie, dass ich Sie im Namen des Zentralkomitees unserer Partei begrüße. (Beifall.)

Gestatten Sie, dass ich Ihnen in Ihrer schwierigen Arbeit der Organisierung und politischen Schulung der Arbeiter- und Bauernjugend unseres Landes Erfolg wünsche.

Der Kommunistische Jugendverband marschierte stets in den ersten Reihen unserer Kämpfer. Wir wollen hoffen, dass der Kommunistische Jugendverband auch in Zukunft in den ersten Reihen stehen und das Banner des Sozialismus hochhalten und vorantragen wird. (Beifall.)

Und jetzt, nach der Begrüßung, erlauben Sie mir, zu zwei Fragen überzugehen, über die soeben einige Jungkommunisten mit mir gesprochen haben.

Die erste Frage - das ist die Frage unserer Industriepolitik. Es sind das sozusagen unsere inneren Angelegenheiten. Und die zweite Frage - das ist die Frage der Nankinger Ereignisse[46]. Es handelt sich also um auswärtige Angelegenheiten.

 

Genossen! Die Grundlinie, auf der die Entwicklung unserer Industrie verlaufen muss, die Grundlinie, die alle ihre weiteren Schritte bestimmen muss - das ist die Linie der systematischen Senkung der Selbstkosten der Industrieproduktion, die Linie der systematischen Senkung der Verkaufspreise für Industriewaren. Das ist die Heerstraße, der unsere Industrie folgen muss, wenn sie sich entwickeln will, wenn sie erstarken will, wenn sie die Landwirtschaft führen will, wenn sie das Fundament unserer sozialistischen Ökonomik festigen und erweitern will.

Woraus ergibt sich diese Linie?

Welches sind die Gründe, die eine solche Linie notwendig und zweckmäßig machen?

Für diese Linie sind mindestens vier Hauptgründe bestimmend.

Der erste Grund ist der, dass eine Industrie, die auf hohen Preisen basiert, keine wirkliche Industrie ist noch sein kann, denn eine solche Industrie muss zwangsläufig zu einer Treibhauspflanze entarten, die keine Lebensfähigkeit hat noch haben kann. Nur eine Industrie, die systematisch die Warenpreise senkt, nur eine Industrie, die auf der systematischen Senkung der Selbstkosten der Produktion basiert, also nur eine Industrie, die systematisch ihre Produktion, Technik und Arbeitsorganisation, die Methoden und Formen der Wirtschaftsverwaltung verbessert - nur eine solche Industrie können wir brauchen, denn nur sie kann sich vorwärts entwickeln, und nur sie kann dem Proletariat zum vollen Sieg verhelfen.

Der zweite Grund ist der, dass unsere Industrie auf dem inneren Markt basiert. Wir können nicht mit den Kapitalisten auf dem ausländischen Markt konkurrieren, dazu haben wir keine Möglichkeit. Der innere Markt ist für unsere Industrie der Hauptmarkt. Daraus folgt aber, dass unsere Industrie nur in dem Maße sich entwickeln und erstarken kann, wie sich unser innerer Markt, die Aufnahmefähigkeit dieses Marktes, die Massennachfrage nach Industriewaren entwickeln und erweitern werden. Was aber ist für die Erweiterung unseres inneren Marktes, für die Vergrößerung seiner Aufnahmefähigkeit bestimmend? Dafür ist unter anderem die systematische Senkung der Preise für Industriewaren, das heißt eben die Grundlinie der Entwicklung unserer Industrie bestimmend, über die ich oben gesprochen habe.

Der dritte Grund ist der, dass es ohne Senkung der Preise für Industriewaren, ohne systematische Verbilligung der Industriewaren undenkbar ist, die Bedingungen aufrechtzuerhalten, die für die weitere Erhöhung des Arbeitslohnes der Arbeiter unerlässlich sind. Erstens sind die Arbeiter selbst Verbraucher von Industriewaren, und die Senkung der Preise für diese Waren muss daher größte Bedeutung für die Aufrechterhaltung und Erhöhung des Reallohns haben. Zweitens ist die Senkung der Preise für Industriewaren bestimmend für die Stabilität der Preise für landwirtschaftliche Produkte, deren Verbraucher in den Städten hauptsächlich Arbeiter sind, was ebenfalls größte Bedeutung für die Aufrechterhaltung und Erhöhung des Reallohns der Arbeiter haben muss. Kann unser sozialistischer Staat auf die systematische Erhöhung des Arbeitslohnes der Arbeiter verzichten? Nein, das kann er nicht. Daraus folgt aber, dass die systematische Senkung der Preise für Industriewaren eine der unerlässlichsten Voraussetzungen für die stetige Hebung des Lebensniveaus der Arbeiterklasse ist.

Der vierte Grund ist schließlich der, dass wir ohne Senkung der Preise für Industriewaren den Zusammenschluss zwischen Proletariat und Bauernschaft, zwischen Industrie und bäuerlicher Wirtschaft nicht aufrechterhalten können, der die Basis der Diktatur des Proletariats in unserem Lande bildet. Sie wissen, dass der Bauer für Industriewaren, Textilien, Maschinen usw. zuviel bezahlen muss. Sie wissen, dass dieser Umstand ernste Unzufriedenheit unter der Bauernschaft hervorruft und das Wachstum der Landwirtschaft erschwert. Was aber folgt daraus? Daraus folgt nur das eine, dass wir eine Politik der systematischen Senkung der Preise für Industriewaren durchführen müssen, wenn wir den Zusammenschluss, das Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft wirklich aufrechterhalten und die Landwirtschaft weiterentwickeln wollen.

Was aber ist erforderlich, um eine Politik der Senkung der Selbstkosten der Industrieproduktion und der Verkaufspreise der Waren zu ermöglichen und restlos durchzuführen? Dazu bedarf es einer radikalen Verbesserung der Produktionstechnik, einer radikalen Verbesserung der Arbeitsorganisation in den Betrieben, einer radikalen Verbesserung und Vereinfachung des gesamten Wirtschaftsapparats, eines entschiedenen Kampfes gegen den Bürokratismus des Wirtschaftsapparats. All das heißt bei uns sozialistische Rationalisierung der Produktion und der Wirtschaftsverwaltung. Unsere Industrie ist in eine Entwicklungsphase eingetreten, wo ein ernstes Wachstum der Arbeitsproduktivität und eine systematische Senkung der Selbstkosten der Industrieproduktion unmöglich werden ohne Anwendung einer neuen, besseren Technik, ohne Anwendung einer neuen, besseren Arbeitsorganisation, ohne Vereinfachung und Verbilligung unseres Wirtschaftsapparats. All das brauchen wir nicht nur, um die Arbeitsproduktivität zu steigern und die Preise für Industriewaren zu senken, sondern auch, um die auf dieser Grundlage erzielten Ersparnisse für die Weiterentwicklung und Erweiterung unserer Industrie zu verwenden. Eben dazu brauchen wir die sozialistische Rationalisierung der Produktion und der Wirtschaftsverwaltung.

Es ergibt sich somit eine Kette: Wir können die Industrie nicht weiterentwickeln, ohne systematisch die Selbstkosten der Industrieproduktion und die Verkaufspreise für die Waren zu senken, die Preise für die Industriewaren aber können nicht gesenkt werden ohne Anwendung einer modernen Technik, neuer Formen der Arbeitsorganisation, neuer, vereinfachter Methoden der Wirtschaftsverwaltung. Daher ist die Frage der sozialistischen Rationalisierung der Produktion und der Wirtschaftsverwaltung eine der entscheidenden Fragen der Gegenwart.

Darum bin ich der Meinung, dass der vor kurzem gefasste Beschluss des ZK unserer Partei über die Rationalisierung der Produktion und der Wirtschaftsverwaltung[47] einer der wichtigsten Beschlüsse unserer Partei ist, der unsere Industriepolitik für die nächste Periode bestimmt.

Man sagt, dass die Rationalisierung von einigen Arbeitergruppen, darunter auch von der Jugend, gewisse zeitweilige Opfer verlangt. Das ist wahr, Genossen.

Die Geschichte unserer Revolution lehrt, dass kein einziger bedeutsamer Schritt möglich war, ohne dass einzelne Gruppen der Arbeiterklasse im Interesse der gesamten Arbeiterklasse unseres Landes gewisse Opfer brachten. Wir brauchen nur an den Bürgerkrieg zu denken, obwohl die gegenwärtigen unbedeutenden Opfer gar nicht zu vergleichen sind mit den großen Opfern, die wir in der Periode des Bürgerkriegs gebracht haben. Sie sehen, dass diese Opfer sich für uns schon jetzt reichlich bezahlt machen.

Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass die gegenwärtigen unbedeutenden Opfer sich schon in nächster Zukunft überreichlich bezahlt machen werden. Darum bin ich der Meinung, dass wir vor gewissen unbedeutenden Opfern im Interesse der Gesamtheit der Arbeiterklasse nicht zurückschrecken dürfen.

Der Kommunistische Jugendverband stand bei uns stets in den ersten Reihen unserer Kämpfer. Ich kenne keinen Fall, wo er hinter den Ereignissen unseres revolutionären Lebens zurückgeblieben wäre. Ich zweifle nicht daran, dass der Kommunistische Jugendverband auch heute in der Frage der Durchführung der sozialistischen Rationalisierung den ihm gebührenden Platz einnehmen wird. (Beifall.)

 

Gestatten Sie mir jetzt, zur zweiten Frage, zur Frage der Nankinger Ereignisse, überzugehen. Ich denke, dass die Nankinger Ereignisse für uns nichts Unerwartetes sein können. Der Imperialismus kann nicht ohne Gewalt und Raub, ohne Blut und Erschießungen leben. Dafür ist er eben Imperialismus. Deshalb können die Ereignisse in Nanking für uns nichts Unerwartetes sein.

Wovon zeugen die Nankinger Ereignisse?

Worin besteht ihr politischer Sinn?

Sie zeugen davon, dass in der Politik des Imperialismus ein Umschwung eingetreten ist, ein Umschwung vom bewaffneten Frieden zum bewaffneten Krieg gegen das chinesische Volk.

Bis zu den Nankinger Ereignissen bemühte sich der Imperialismus, seine Absichten hinter salbungsvollen Reden über Frieden und über Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder, hinter der Maske der „Zivilisation“ und der „Menschenliebe“, hinter dem Völkerbund usw. zu verbergen. Nach den Nankinger Ereignissen verzichtet der Imperialismus sowohl auf die salbungsvollen Reden als auch auf die Nichteinmischung, sowohl auf den Völkerbund als auch auf jede andere Maske. Jetzt steht der Imperialismus vor der gesamten Welt in der ganzen Nacktheit des unverhüllten Räubers und Unterdrückers da.

Dem bürgerlichen Pazifismus wurde damit ein weiterer vernichtender Schlag versetzt. Denn was anders können die Schönredner des imperialistischen Pazifismus vom Schlage der Boncour, Breitscheid und anderer der Tatsache der Niederschießung von Nankinger Einwohnern eigentlich entgegenstellen als ihre verlogenen pazifistischen Reden?

Dem Völkerbund wurde eine weitere Ohrfeige versetzt. Denn wer anders als die Lakaien des Imperialismus kann die Tatsache als „normal“ ansehen, dass eins der Mitglieder des Völkerbunds die Bevölkerung eines anderen Mitglieds des Völkerbunds zusammenschießt, während der Völkerbund selbst zum Schweigen genötigt ist und so tut, als gehe ihn das nichts an.

Es ist bewiesen, dass unsere Partei Recht hatte, als sie den Transport von Truppen der imperialistischen Länder nach Schanghai als Vorspiel kriegerischer Überfälle gegen das chinesische Volk einschätzte. Denn nur Blinde können heute nicht sehen, dass der Imperialismus die Truppen in Schanghai brauchte, um von „Worten“ zu „Taten“ überzugehen.

Das ist der Sinn der Nankinger Ereignisse.

Welches konnten die Absichten der Imperialisten sein, als sie das Nankinger Abenteuer riskierten?

Möglicherweise wollten die Imperialisten, als sie die Maske fallen ließen und in Nanking die Kanonen auf die Tagesordnung setzten, das Rad der Geschichte zurückdrehen, der anschwellenden revolutionären Bewegung in allen Ländern ein Ende bereiten und für die Wiederherstellung der relativen Stabilität des Weltkapitalismus kämpfen, die vor dem imperialistischen Krieg bestand.

Bekanntlich hat der Kapitalismus aus dem imperialistischen Krieg unheilbare Wunden davongetragen.

Bekanntlich haben die Arbeiter und Bauern der UdSSR vor zehn Jahren die Front des Kapitals durchbrochen und ihm eine unheilbare Wunde beigebracht.

Bekanntlich hat der imperialistische Krieg die Grundlagen der imperialistischen Herrschaft in den kolonialen und abhängigen Ländern erschüttert.

Bekanntlich haben jetzt, zehn Jahre nach dem Oktober, auch die chinesischen Arbeiter und Bauern begonnen, die Front des Imperialismus zu durchbrechen, wobei keinerlei Grund zu der Annahme berechtigt, dass sie sie nicht vollends durchbrechen werden.

Es ist also möglich, dass die Imperialisten all das mit einem Schlage auslöschen und eine „neue Seite“ der Geschichte aufschlagen wollten. Und wenn sie das wirklich wollten, so muss man schon sagen, dass sie sich gründlich verrechnet haben. Denn nur jemand, der kindisch geworden ist, kann glauben, dass die Gesetze der Kanonen stärker seien als die Gesetze der Geschichte, dass man das Rad der Geschichte durch Erschießungen in Nanking zurückdrehen könne.

Möglicherweise wollten die Imperialisten durch die Beschießung Nankings die unterdrückten, nach Freiheit dürstenden Völker der anderen Länder einschüchtern und ihnen gewissermaßen sagen: Nanking soll Euch eine Lehre sein. Das ist gar nicht ausgeschlossen, Genossen. Die Politik der Einschüchterung hat in der Geschichte des Imperialismus ihre „Grundlagen“. Dass sie, diese Politik, aber nichts taugt und ihr Ziel nicht erreicht, daran kann kaum ein Zweifel bestehen. Diese Politik hat seinerzeit der russische Zarismus „mit Erfolg“ angewandt. Womit hat sie aber geendet? Sie wissen, dass sie mit dem völligen Zusammenbruch des Zarismus geendet hat.

Und schließlich ist es möglich, dass die Imperialisten durch die Beschießung Nankings die chinesische Revolution mitten ins Herz treffen und verhindern wollten, erstens, dass die südchinesischen Truppen weiter vorrücken und China sich vereinigt, und zweitens, dass die Bedingungen eingehalten werden, die in den Verhandlungen über Konzessionen in Hankou festgesetzt wurden. Das ist durchaus möglich und sogar durchaus wahrscheinlich. Dass die Imperialisten kein geeintes China wollen und vorziehen, es mit zwei Chinas zu tun zu haben, um „erfolgreicher manövrieren“ zu können - das hat die kapitalistische Presse bereits einige Male ausgeplaudert. Was die Schanghaier und die anderen Konzessionen anbelangt, so lässt sich wohl kaum bezweifeln, dass viele Imperialisten den Bedingungen, die in Hankou ausgearbeitet und bestätigt wurden, „nicht gewogen“ sind. Und mit der Beschießung Nankings wollten die Imperialisten offenbar sagen, dass sie es vorziehen, in Zukunft mit einer nationalen Regierung unter dem Druck und unter der Begleitmusik von Kanonen zu verhandeln. Die Imperialisten haben nun einmal solch einen musikalischen Geschmack. Dass diese eigenartige Musik der Musik von Kannibalen sehr ähnlich ist - das macht den Imperialisten offenbar nichts aus...

Ob sie ihr Ziel erreichen werden - das wird die nächste Zukunft zeigen. Es muss jedoch bemerkt werden, dass sie bisher nur eins erreicht haben: die Vertiefung des Hasses der Chinesen gegen den Imperialismus, den Zusammenschluss der Kräfte der Kuomintang[48] und eine neue Linksschwenkung der revolutionären Bewegung in China.

Es lässt sich kaum bezweifeln, dass die Resultate einstweilen das Gegenteil von dem sind, was sie erreichen wollen.

Somit ergibt sich, dass in Wirklichkeit etwas ganz anderes eingetreten ist, als die Imperialisten mit der Beschießung Nankings erreichen wollten, nämlich gerade das Gegenteil von dem, was sie angestrebt haben.

Das sind die Bilanz und die Perspektiven der Nankinger Ereignisse.

Das ist die Politik der weisen Männer aus dem konservativen Lager.

Es heißt nicht umsonst: Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.)

„Prawda“ Nr. 72,
31. März 1927.

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