"Stalin"

Werke

Band 9

ÜBER DIE DREI GRUNDLOSUNGEN DER PARTEI
IN DER BAUERNFRAGE

Antwort an Jan-ski

Ihren Brief habe ich natürlich rechtzeitig erhalten. Ich antworte mit einiger Verspätung, wofür ich um Entschuldigung bitte.

1. Lenin sagt, dass „die Hauptfrage jeder Revolution die Frage der Staatsmacht ist“ (siehe 4. Ausgabe, Bd. 25, S. 340, russ.). In den Händen welcher Klasse oder welcher Klassen die Macht konzentriert ist, welche Klasse oder welche Klassen gestürzt werden sollen, welche Klasse oder welche Klassen die Macht ergreifen sollen - darin besteht „die Hauptfrage jeder Revolution“.

Die strategischen Grundlosungen der Partei, die für die gesamte Dauer dieser oder jener Etappe der Revolution Geltung haben, können nicht als Grundlosungen bezeichnet werden, wenn sie sich nicht restlos auf diese Kardinalthese Lenin s stützen.

Die Grundlosungen können nur dann richtig sein, wenn sie auf der marxistischen Analyse der Klassenkräfte beruhen, wenn sie ein richtiges Schema für die Aufstellung der revolutionären Kräfte an der Front des Klassenkampfes angeben, wenn sie es erleichtern, die Massen an die Front des Kampfes für den Sieg der Revolution, an die Front des Kampfes für die Machtergreifung durch die neue Klasse heranzuführen, wenn sie es der Partei erleichtern, aus den breiten Volksmassen eine große und mächtige politische Armee zu formieren, die zur Erfüllung dieser Aufgabe erforderlich ist.

Im Verlauf dieser oder jener Etappe der Revolution kann es Niederlagen und Rückzüge, Misserfolge und einzelne taktische Fehler geben, doch bedeutet das noch nicht, dass die strategische Grundlosung falsch ist. So war zum Beispiel die Grundlosung in der ersten Etappe unserer Revolution - „zusammen mit der gesamten Bauernschaft, gegen den Zaren und die Gutsbesitzer bei Neutralisierung der Bourgeoisie, für den Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution“ - völlig richtig, ungeachtet dessen, dass die Revolution 1905 eine Niederlage erlitt.

Man darf also die Frage der Grundlosung der Partei nicht mit der Frage der Erfolge oder Misserfolge der Revolution auf dieser oder jener Stufe ihrer Entwicklung verwechseln.

Es kann vorkommen, dass die Grundlosung der Partei im Laufe der Revolution bereits zum Sturze der Macht der alten Klassen oder der alten Klasse geführt hat, dass aber eine Reihe wesentlicher Forderungen der Revolution, die sich aus dieser Losung ergeben, nicht verwirklicht wurde oder dass sich ihre Verwirklichung über einen ganzen Zeitabschnitt hinzog oder dass es zu ihrer Verwirklichung einer neuen Revolution bedarf, doch bedeutet das noch nicht, dass die Grundlosung falsch ist. So stürzte zum Beispiel die Februarrevolution 1917 den Zarismus und die Gutsbesitzer, führte aber nicht zur Verwirklichung der Konfiskation des Bodens der Gutsbesitzer usw.; doch bedeutet das noch nicht, dass unsere Grundlosung in der ersten Etappe der Revolution falsch war.

Oder weiter: Die Oktoberrevolution verwirklichte den Sturz der Bourgeoisie und den Übergang der Macht in die Hände des Proletariats, führte aber nicht sofort a) zur Vollendung der bürgerlichen Revolution im Allgemeinen und b) zur Isolierung des Kulakentums im Dorfe im besonderen, sondern die Erfüllung dieser Aufgabe zog sich über einen bestimmten Zeitabschnitt hin; doch bedeutet das noch nicht, dass unsere Grundlosung in der zweiten Etappe der Revolution - „zusammen mit der armen Bauernschaft, gegen den Kapitalismus in Stadt und Land bei Neutralisierung der Mittelbauernschaft, für die Macht des Proletariats“ - falsch war.

Man darf also die Frage der Grundlosung der Partei nicht mit der Frage der Fristen und Formen der Verwirklichung dieser oder jener Forderungen, die sich aus dieser Losung ergeben, verwechseln.

Deshalb dürfen die strategischen Losungen unserer Partei nicht vom Standpunkt der episodischen Erfolge oder Niederlagen der revolutionären Bewegung in dieser oder jener Periode bewertet werden, und erst recht nicht vom Standpunkt der Fristen oder Formen der Verwirklichung dieser oder jener Forderungen, die sich aus diesen Losungen ergeben. Die strategischen Losungen der Partei können nur vom Standpunkt der marxistischen Analyse der Klassenkräfte und der richtigen Aufstellung der Kräfte der Revolution an der Front des Kampfes für den Sieg der Revolution, für die Konzentrierung der Macht in den Händen der neuen Klasse bewertet werden.

Ihr Fehler besteht darin, dass Sie diese überaus wichtige methodologische Frage umgangen oder nicht begriffen haben.

2. Sie schreiben in Ihrem Brief:

„Ist die Behauptung richtig, dass wir nur bis zum Oktober im Bunde mit der gesamten Bauernschaft marschiert sind? Nein, sie ist nicht richtig. Die Losung ‚Bündnis mit der gesamten Bauernschaft’ war gültig vor dem Oktober, zur Zeit des Oktober und in der ersten Periode nach dem Oktober, da die gesamte Bauernschaft an der Vollendung der bürgerlichen Revolution interessiert war.“

Aus diesem Zitat ergäbe sich somit, dass sich die strategische Losung der Partei in der ersten Etappe der Revolution (1905 bis Februar 1917), in der es sich um den Sturz der Macht des Zaren und der Gutsbesitzer und um die Errichtung der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft handelte, nicht unterschied von der strategischen Losung in der zweiten Etappe der Revolution (Februar 1917 bis Oktober 1917), in der es sich um den Sturz der Macht der Bourgeoisie und um die Errichtung der Diktatur des Proletariats handelte.

Sie verneinen folglich den grundlegenden Unterschied zwischen der bürgerlich-demokratischen Revolution und der proletarisch-sozialistischen Revolution. Und diesen Fehler begehen Sie deshalb, weil Sie anscheinend die einfache Sache nicht begreifen wollen, dass der Hauptinhalt der strategischen Losung die Frage der Macht in der gegebenen Etappe der Revolution ist, die Frage, welche Klasse gestürzt wird und in die Hände welcher Klasse die Macht übergeht. Man braucht wohl kaum nachzuweisen, dass Sie hier von Grund aus Unrecht haben.

Sie sagen, dass wir zur Zeit des Oktober und in der ersten Periode nach dem Oktober die Losung „Bündnis mit der gesamten Bauernschaft“ befolgten, da die gesamte Bauernschaft an der Vollendung der bürgerlichen Revolution interessiert war. Aber wer hat Ihnen gesagt, dass der Oktoberumsturz und die Oktoberrevolution sich darin erschöpften oder ihre Hauptaufgabe darin sahen, die bürgerliche Revolution zu Ende zu führen? Woher haben Sie das? Lassen sich etwa der Sturz der Macht der Bourgeoisie und die Errichtung der Diktatur des Proletariats im Rahmen der bürgerlichen Revolution vollbringen? Geht die Erkämpfung der Diktatur des Proletariats etwa nicht über den Rahmen der bürgerlichen Revolution hinaus?

Wie kann man behaupten, dass die Kulaken (die ja ebenfalls Bauern sind) den Sturz der Bourgeoisie und den Übergang der Macht an das Proletariat unterstützen konnten?

Wie kann man in Abrede stellen, dass das Dekret über die Nationalisierung des Grund und Bodens, die Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden, das Verbot von Kauf und Verkauf des Grund und Bodens usw., obwohl es nicht als ein sozialistisches Dekret angesehen werden kann, bei uns im Kampf gegen das Kulakentum durchgeführt wurde und nicht im Bündnis mit ihm?

Wie kann man behaupten, dass die Kulaken (die ebenfalls Bauern sind) die Dekrete der Sowjetmacht über die Expropriation der Fabriken und Werke, der Eisenbahnen, der Banken usw. oder die Losung des Proletariats über die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg unterstützen konnten?

Wie kann man behaupten, dass das Grundlegende im Oktober nicht diese und ähnliche Akte waren, nicht der Sturz der Bourgeoisie und die Errichtung der Diktatur des Proletariats, sondern die Vollendung der bürgerlichen Revolution?

Es ist unbestreitbar, dass eine der Hauptaufgaben der Oktoberrevolution in der Vollendung der bürgerlichen Revolution bestand, dass diese ohne die Oktoberrevolution nicht hätte zu Ende geführt werden können, ebenso wie die Oktoberrevolution selbst ohne die Vollendung der bürgerlichen Revolution nicht hätte gefestigt werden können, da aber die Oktoberrevolution die bürgerliche Revolution zu Ende führte, musste sie bei allen Bauern Sympathie finden. All das ist unbestreitbar. Kann man aber etwa aus diesem Grunde behaupten, dass die Vollendung der bürgerlichen Revolution im Verlauf der Oktoberrevolution nicht eine Nebenerscheinung, sondern ihr Wesen oder ihr grundlegendes Ziel war? Was ist denn bei Ihnen aus dem Hauptziel der Oktoberrevolution geworden - dem Sturz der Macht der Bourgeoisie, der Errichtung der Diktatur des Proletariats, der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg, der Expropriation der Kapitalisten usw.?

Und wenn die Grundfrage jeder Revolution, das heißt die Frage des Übergangs der Macht aus den Händen einer Klasse in die Hände einer anderen Klasse, den Hauptinhalt der strategischen Losung ausmacht, geht daraus nicht klar hervor, dass die Frage der Vollendung der bürgerlichen Revolution durch die proletarische Macht nicht verwechselt werden darf mit der Frage des Sturzes der Bourgeoisie und der Erkämpfung dieser proletarischen Macht, das heißt mit der Frage, die den Hauptinhalt der strategischen Losung in der zweiten Etappe der Revolution ausmacht?

Eine der größten Errungenschaften der Diktatur des Proletariats besteht darin, dass sie die bürgerliche Revolution zu Ende geführt und den Unrat des Mittelalters restlos hinweggefegt hat. Für das Dorf war das von größter und wahrhaft entscheidender Bedeutung. Ohne das konnte die Vereinigung von Bauernkriegen mit der proletarischen Revolution, wovon Marx schon in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gesprochen hat[51], nicht verwirklicht werden. Ohne das konnte die proletarische Revolution selbst nicht gefestigt werden.

Dabei ist der folgende wichtige Umstand zu berücksichtigen. Die Vollendung der bürgerlichen Revolution ist kein einmaliger Akt. In Wirklichkeit hat sie sich über eine ganze Periode hingezogen und nicht nur einen Teil des Jahres 1918 beansprucht, wie Sie in Ihrem Brief behaupten, sondern auch Teile des Jahres 1919 (Wolgagebiet - Ural) und der Jahre 1919-1920 (Ukraine). Ich habe hier die Offensive Koltschaks und Denikins im Auge, als vor der Bauernschaft in ihrer Gesamtheit die Gefahr der Wiederaufrichtung der Gutsbesitzermacht erstand und als sie, eben als Gesamtheit, gezwungen war, sich um die Sowjetmacht zusammenzuschließen, um die Vollendung der bürgerlichen Revolution zu gewährleisten und sich die Früchte dieser Revolution zu bewahren. Diese Kompliziertheit und Mannigfaltigkeit der Prozesse des lebendigen Lebens, diese „sonderbare“ Verflechtung der unmittelbar sozialistischen Aufgaben der Diktatur des Proletariats mit der Aufgabe, die bürgerliche Revolution zu Ende zu führen, muss man stets vor Augen haben, wenn man sowohl die von Ihnen aus Lenin s Werken angeführten Zitate als auch die Mechanik der Verwirklichung von Parteilosungen richtig verstehen will.

Kann man sagen, dass diese Verflechtung davon zeugt, dass die Losung der Partei in der zweiten Etappe der Revolution falsch ist, kann man sagen, dass sich diese Losung von der Losung in der ersten Etappe der Revolution nicht unterscheidet? Nein, das kann man nicht sagen. Im Gegenteil, diese Verflechtung bestätigt nur die Richtigkeit der Losung der Partei in der zweiten Etappe der Revolution: Zusammen mit der armen Bauernschaft, gegen die kapitalistische Bourgeoisie in Stadt und Land, für die Macht des Proletariats usw. Warum? Weil, um die bürgerliche Revolution zu Ende zu führen, zuerst im Oktober die Macht der Bourgeoisie gestürzt und die Macht des Proletariats errichtet werden musste, denn nur eine solche Macht ist fähig, die bürgerliche Revolution zu Ende zu führen. Um aber im Oktober die Macht des Proletariats zu errichten, musste für den Oktober eine entsprechende politische Armee herangebildet und organisiert werden, die fähig war, die Bourgeoisie zu stürzen, die fähig war, die Macht des Proletariats zu errichten, wobei nicht erst der Beweis geführt zu werden braucht, dass wir diese politische Armee nur unter der Losung: Bündnis des Proletariats mit der armen Bauernschaft gegen die Bourgeoisie, für die Diktatur des Proletariats heranbilden und organisieren konnten.

Es ist klar, dass wir ohne diese strategische Losung, die von April 1917 bis Oktober 1917 befolgt wurde, diese politische Armee nicht gehabt hätten und folglich im Oktober nicht hätten siegen können, dass wir die Macht der Bourgeoisie nicht gestürzt und folglich nicht die Möglichkeit gehabt hätten, die bürgerliche Revolution zu Ende zu führen.

Aus diesem Grunde kann man die Vollendung der bürgerlichen Revolution nicht der strategischen Losung in der zweiten Etappe der Revolution entgegenstellen, deren Aufgabe darin bestand, die Machtergreifung durch das Proletariat zu gewährleisten.

Es gibt nur ein Mittel, alle diese „Widersprüche“ zu vermeiden - den grundlegenden Unterschied anzuerkennen, der zwischen der strategischen Losung der ersten Etappe der Revolution (bürgerlich-demokratische Revolution) und der strategischen Losung der zweiten Etappe der Revolution (proletarische Revolution) besteht - anzuerkennen, dass wir in der ersten Etappe der Revolution mit der gesamten Bauernschaft zusammengingen für die bürgerlich-demokratische Revolution, in der zweiten Etappe der Revolution aber mit der armen Bauernschaft gegen die Macht des Kapitals und für die proletarische Revolution.

Das aber muss anerkannt werden, weil uns die Analyse der Klassenkräfte in der ersten und in der zweiten Etappe der Revolution dazu verpflichtet. Andernfalls könnte die Tatsache nicht erklärt werden, dass wir bis zum Februar 1917 unter der Losung der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft gearbeitet haben, nach dem Februar 1917 aber diese Losung durch die Losung der sozialistischen Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft ersetzten.

Sie werden zugeben, dass diese Ersetzung der einen Losung durch eine andere im März-April 1917 mit Ihrem Schema nicht erklärt werden kann.

Diesen grundlegenden Unterschied der beiden strategischen Losungen der Partei hat Lenin schon in seiner Schrift „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ hervorgehoben. Er formulierte die Losung der Partei bei der Vorbereitung der bürgerlich-demokratischen Revolution folgendermaßen:

„Das Proletariat muss die demokratische Umwälzung zu Ende führen, indem es die Masse der Bauernschaft an sich heranzieht, um den Widerstand des Absolutismus mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bourgeoisie zu paralysieren.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 9, S. 81 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. I, S.497].)

Mit anderen Worten: Mit der gesamten Bauernschaft gegen die Selbstherrschaft bei Neutralisierung der Bourgeoisie - für die demokratische Umwälzung.

Die Losung der Partei in der Periode der Vorbereitung der sozialistischen Revolution hingegen formulierte er folgendermaßen:

„Das Proletariat muss die sozialistische Umwälzung vollziehen, indem es die Masse der halbproletarischen Elemente der Bevölkerung an sich heranzieht, um den Widerstand der Bourgeoisie mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bauernschaft und der Kleinbourgeoisie zu paralysieren.“ (Ebenda.)

Mit anderen Worten: Zusammen mit der armen Bauernschaft und überhaupt mit den halbproletarischen Bevölkerungsschichten gegen die Bourgeoisie bei Neutralisierung des Kleinbürgertums in Stadt und Land - für die sozialistische Umwälzung.

Das war im Jahre 1905.

Im April 1917 sagte Lenin , als er die damaligen politischen Zustände als Verflechtung der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft mit der realen Macht der Bourgeoisie kennzeichnete:

„Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Rußland besteht im Übergang von der erstens Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewusstseins und der ungenügenden Organisiertheit des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten’ der Bauernschaft legen muss.“ (Siehe Lenin s „Aprilthesen“, 4. Ausgabe, Bd. 24, S. 4 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S.81.)

Ende August 1917, als die Vorbereitungen zum Oktober in vollem Gange waren, schrieb Lenin in einem speziellen Artikel „Bauern und Arbeiter“:

„Nur das Proletariat und die Bauernschaft können die Monarchie stürzen - so lautete damals (gemeint ist das Jahr 1905. J. St.) die grundlegende Definition unserer Klassenpolitik. Und diese Definition war richtig. Die Monate Februar und März 1917 haben dies ein übriges Mal bestätigt. Nur das Proletariat, das die arme Bauernschaft (die Halbproletarier, wie es in unserem Programm heißt) führt, kann den Krieg durch einen demokratischen Frieden beenden, die von ihm geschlagenen Wunden heilen, die unbedingt notwendig und unaufschiebbar gewordenen Schritte zum Sozialismus tun - so lautet jetzt die Definition unserer Klassenpolitik.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 25, S. 258, russ.)

Das ist nicht so zu verstehen, als ob wir jetzt die Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft hätten. Das ist natürlich nicht richtig. Wir sind zum Oktober unter der Losung der Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft geschritten und haben diese Losung im Oktober der Form nach verwirklicht, da wir einen Block mit den linken Sozial-revolutionären hatten und die Führung mit ihnen teilten, obwohl faktisch bei uns schon damals die Diktatur des Proletariats bestand, denn wir, die Bolschewiki, bildeten die Mehrheit. Die Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft hörte jedoch nach dem „Putsch“[52] der linken Sozialrevolutionäre, nach der Sprengung des Blocks mit den linken Sozialrevolutionären auch der Form nach auf zu existieren, als die Führung restlos in die Hände einer Partei, in die Hände unserer Partei, überging, die die Führung des Staates mit keiner anderen Partei teilt noch teilen kann. Das eben nennen wir Diktatur des Proletariats.

Schließlich hat Lenin im November 1918, bei einem Rückblick auf den von der Revolution zurückgelegten Weg geschrieben:

„Ja, unsere Revolution ist eine bürgerliche, solange wir mit der Bauernschaft in ihrer Gesamtheit zusammengehen. Das erkannten wir klipp und klar, das haben wir seit 1905 Hunderte und Tausende Male gesagt, und niemals haben wir versucht, diese notwendige Stufe des historischen Prozesses zu überspringen oder durch Dekrete zu beseitigen... Aber im Jahre 1917, seit April, lange vor der Oktoberrevolution, bevor wir die Macht ergriffen, sagten wir dem Volk offen und klärten es darüber auf, dass die Revolution nunmehr dabei nicht stehen bleiben könne, denn das Land ist vorwärts gegangen, der Kapitalismus hat Fortschritte gemacht, unerhörte Ausmaße hat die Zerrüttung angenommen, die (ob man will oder nicht) weitere Schritte vorwärts, zum Sozialismus erfordert. Denn es ist unmöglich, anders vorwärts zu kommen, anders das durch den Krieg erschöpfte Land zu retten, anders die Qualen der Werktätigen und Ausgebeuteten zu mildern. Es kam denn auch so, wie wir gesagt hatten. Der Verlauf der Revolution hat die Richtigkeit unserer Argumentation bestätigt. Zuerst zusammen mit der ‚gesamten’ Bauernschaft gegen die Monarchie, gegen die Gutsbesitzer, gegen das Mittelalter (und insoweit bleibt die Revolution eine bürgerliche, bürgerlich-demokratische Revolution). Dann zusammen mit der armen Bauernschaft, zusammen mit dem Halbproletariat, zusammen mit allen Ausgebeuteten gegen den Kapitalismus, einschließlich der Dorfreichen, der Kulaken, der Spekulanten, und insofern wird die Revolution zu einer sozialistischen Revolution.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 28, S. 276/277 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 477].)

Wie Sie sehen, hat Lenin die ganze Tiefe des Unterschieds zwischen der ersten strategischen Losung in der Periode der Vorbereitung der bürgerlich-demokratischen Revolution und der zweiten strategischen Losung in der Periode der Vorbereitung des Oktobers wiederholt unterstrichen. Dort die Losung: Mit der gesamten Bauernschaft gegen die Selbstherrschaft, hier die Losung: Mit der armen Bauernschaft gegen die Bourgeoisie.

Die Tatsache, dass sich die Vollendung der bürgerlichen Revolution über eine ganze Periode nach dem Oktober hinzog, dass uns die „gesamte“ Bauernschaft, da wir die bürgerliche Revolution zu Ende führten, Sympathien entgegenbringen musste, diese Tatsache erschüttert, wie ich schon vorher gesagt habe, um kein Jota die Grundthese, dass wir zusammen mit der armen Bauernschaft zum Oktober schritten und im Oktober siegten, dass wir zusammen mit der armen Bauernschaft, beim Widerstand der Kulaken (die ebenfalls Bauern sind) und bei Schwankungen der Mittelbauernschaft, die Macht der Bourgeoisie gestürzt und die Diktatur des Proletariats (die als eine Aufgabe die Vollendung der bürgerlichen Revolution hatte) errichtet haben.

Das ist wohl klar.

3. Sie schreiben ferner in Ihrem Brief:

„Ist die Behauptung richtig, dass wir zum Oktober mit der Losung Bündnis mit der Dorfarmut bei Neutralisierung des Mittelbauern gekommen sind? Nein, sie ist nicht richtig. Aus den oben schon aufgezeigten Gründen und den angeführten Auszügen aus Lenin ist ersichtlich, dass diese Losung erst dann aufkommen konnte, als die ‚Klassenscheidung innerhalb der Bauernschaft herangereift war’ ( Lenin ), das heißt ‚im Sommer und Herbst 1918’.“

Aus diesem Zitat ergäbe sich, dass die Partei nicht in der Periode der Vorbereitung und nicht während des Oktober, sondern nach dem Oktober, und besonders nach dem Jahre 1918, nach den Komitees der Dorfarmut, den Weg der Neutralisierung des Mittelbauern beschritten habe.

Das ist völlig falsch.

Im Gegenteil, die Politik der Neutralisierung des Mittelbauern begann nicht, sondern endete nach den Komitees der Dorfarmut, nach 1918. Die Politik der Neutralisierung des Mittelbauern wurde in unserer Praxis gerade nach 1918 aufgegeben (und nicht eingeführt). Gerade nach 1918, im März 1919, bei Eröffnung des VIII. Parteitags, sagte Lenin :

„Die besten Vertreter des Sozialismus der alten Zeit, als sie noch an die Revolution glaubten und ihr theoretisch und ideologisch dienten, sprachen von der Neutralisierung der Bauernschaft, das heißt davon, aus der Mittelbauernschaft eine gesellschaftliche Schicht zu machen, die, wenn sie auch die Revolution des Proletariats nicht aktiv unterstützt, so doch wenigstens nicht hindert, neutral bleibt, sich nicht auf die Seite unserer Feinde stellt. Diese abstrakte, theoretische Aufgabenstellung ist für uns vollständig klar. Doch genügt sie nicht. Wir sind in das Stadium des sozialistischen Aufbaust eingetreten, wo es gilt, konkret, detailliert, auf Grund der Erfahrung der Arbeit im Dorfe überprüfte, grundlegende Regeln und Anweisungen auszuarbeiten, nach denen wir uns richten müssen, um uns in Bezug auf den Mittelbauern auf den Boden eines festen Bündnisses zu stellen.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 29, S.124/125, russ.)

Es ergibt sich, wie Sie sehen, etwas völlig Entgegengesetztes im Vergleich zu dem, wovon Sie in Ihrem Briefe sprechen, wobei Sie hier unsere tatsächliche Parteipraxis auf den Kopf stellen, da Sie den Beginn der Neutralisierung mit ihrem Ende verwechseln.

Der Mittelbauer lamentierte und schwankte zwischen Revolution und Konterrevolution, solange es um den Sturz der Bourgeoisie ging, solange die Macht der Sowjets noch nicht gefestigt war, weswegen er denn auch neutralisiert werden musste. Der Mittelbauer begann sich uns zuzuwenden, als er sich zu überzeugen begann, dass die Bourgeoisie „im Ernst“ gestürzt ist, dass die Macht der Sowjets sich festigt, dass der Kulak bezwungen wird, dass die Rote Armee an den Fronten des Bürgerkriegs zu siegen beginnt. Gerade nach diesem Umschwung wurde die dritte strategische Losung der Partei möglich, die von Lenin auf dem VIII. Parteitag gegeben wurde: Gestützt auf die Dorfarmut und im festen Bündnis mit dem Mittelbauern - vorwärts für den sozialistischen Aufbau.

Wie konnten Sie diese allgemein bekannte Tatsache vergessen?

Aus Ihrem Brief folgt ferner, dass die Politik der Neutralisierung des Mittelbauern beim Übergang zur proletarischen Revolution und in den ersten Tagen nach dem Siege dieser Revolution falsch, untauglich und daher unannehmbar sei. Das ist völlig falsch. Die Sache verhält sich gerade umgekehrt. Gerade beim Sturz der Macht der Bourgeoisie und vor der Festigung der Macht des Proletariats schwankt und widersetzt sich der Mittelbauer am stärksten. Und gerade in dieser Periode sind das Bündnis mit der Dorfarmut und die Neutralisierung des Mittelbauern notwendig.

Sie beharren auf Ihrem Fehler und behaupten, dass die Frage der Bauernschaft nicht nur für unser Land von großer Bedeutung sei, sondern auch für die anderen Länder, die „mehr oder minder an die Ökonomik des Rußlands vor dem Oktober erinnern“. Das letzte ist natürlich richtig. Hören wir aber, was Lenin in seinen Thesen zur Agrarfrage auf dem II. Kongress der Komintern[53] über die Politik der proletarischen Parteien gegenüber dem Mittelbauern in der Periode der Machtergreifung durch das Proletariat sagt. Lenin kennzeichnet die arme Bauernschaft oder, genauer, die „werktätigen und ausgebeuteten Massen des Dorfes“, als besondere Gruppe, die aus Landarbeitern, Halbproletariern oder Parzellenbauern und Kleinbauern besteht, und geht dann zur Frage der Mittelbauernschaft als einer besonderen Gruppe des Dorfes über:

„Unter ‚Mittelbauernschaft’ im ökonomischen Sinne sind die kleinen Landwirte zu verstehen, die als Eigentümer oder Pächter ebenfalls zwar kleine Parzellen besitzen, aber immerhin solche, die erstens unter dem Kapitalismus in der Regel nicht nur den dürftigen Unterhalt für die Familie geben, sondern auch die Möglichkeit, einen gewissen Überschuss zu erzielen, der sich, zumindest in den günstigsten Jahren, in Kapital verwandeln kann - und die zweitens ziemlich oft (etwa in jeder zweiten oder dritten Wirtschaft) fremde Arbeitskraft in Anspruch nehmen... Das revolutionäre Proletariat kann es sich - wenigstens für die nächste Zukunft und für den Beginn der Periode der Diktatur des Proletariats - nicht zur Aufgabe machen, diese Schicht auf seine Seite zu ziehen, sondern muss sich darauf beschränken, sie zu neutralisieren, das heißt zu erreichen, dass sie sich im Kampf zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie neutral verhält.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S.133 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S.761, 762].)

Wie kann man danach behaupten, dass die Politik der Neutralisierung des Mittelbauern „erst“ „im Sommer und Herbst 1918“ bei uns „aufkommen“ konnte, das heißt nach den entscheidenden Erfolgen bei der Festigung der Macht der Sowjets, bei der Festigung der Macht des Proletariats?

Wie Sie sehen, ist die Frage der strategischen Losung der proletarischen Parteien in dem Augenblick des Übergangs zur sozialistischen Revolution und der Festigung der Macht des Proletariats ebenso wie die Frage der Neutralisierung des Mittelbauern nicht so einfach, wie Sie sich das vorstellen.

4. Aus allem oben Gesagten ist ersichtlich, dass die von Ihnen aus Lenin s Werken angeführten Zitate in keiner Weise der Grundlosung der Partei in der zweiten Etappe der Revolution entgegengestellt werden können, denn diese Zitate: a) handeln nicht von der Grundlosung der Partei vor dem Oktober, sondern von der Vollendung der bürgerlichen Revolution nach dem Oktober, b) widerlegen nicht, sondern bestätigen die Richtigkeit dieser Losung.

Ich sagte schon vorher und bin gezwungen, es noch einmal zu wiederholen, dass der strategischen Losung der Partei in der zweiten Etappe der Revolution, in der Periode vor der Machtergreifung durch das Proletariat, deren Hauptinhalt die Frage der Macht ist, nicht die Aufgabe der Vollendung der bürgerlichen Revolution, die in der Periode nach der Machtergreifung durch das Proletariat erfüllt wird, entgegengestellt werden darf.

5. Sie sprechen von dem bekannten Artikel des Genossen Molotow in der „Prawda“ „Über die bürgerliche Revolution in unserem Lande“ (12. März 1927), der, wie sich herausstellt, Sie eben „bewogen“ hat, sich an mich um Aufklärung zu wenden. Ich weiß nicht, wie Sie Artikel lesen. Ich habe den Artikel des Genossen Molotow ebenfalls gelesen und glaube, dass er in keiner Weise dem widerspricht, was in meinem Bericht auf dem XIV. Parteitag über die Losungen der Partei bezüglich der Bauernschaft gesagt ist[54].

Genosse Molotow spricht in seinem Artikel nicht über die Grundlosung der Partei in der Oktoberperiode, sondern darüber, dass die Partei, insofern sie nach dem Oktober die bürgerliche Revolution zu Ende führte, die Sympathie aller Bauern besaß. Ich habe jedoch schon oben gesagt: Die Feststellung dieser Tatsache widerlegt nicht, sondern im Gegenteil, sie bestätigt die Richtigkeit der Grundthese, dass wir die Macht der Bourgeoisie gestürzt und die Diktatur des Proletariats errichtet haben zusammen mit der armen Bauernschaft und bei Neutralisierung des Mittelbauern gegen die Bourgeoisie in Stadt und Land, dass wir anders die bürgerliche Revolution nicht hätten zu Ende führen können.

„Bolschewik“ Nr. 7-8,
15. April 1927.

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