"Stalin"

Werke

Band 9

FRAGEN DER CHINESISCHEN REVOLUTION

Thesen für Propagandisten,
gebilligt vom ZK der KPdSU(B)

I
DIE PERSPEKTIVEN DER CHINESISCHEN
REVOLUTION

Die wichtigsten Tatsachen, die den Charakter der chinesischen Revolution bestimmen, sind:

a) die halbkoloniale Stellung Chinas und die finanzielle und wirtschaftliche Herrschaft des Imperialismus;

b) das Joch der feudalen Überreste, das durch das Joch des Militarismus und der Bürokratie verstärkt wird;

c) der wachsende revolutionäre Kampf der Millionenmassen der Arbeiter und Bauern gegen das feudal-bürokratische Joch, gegen den Militarismus, gegen den Imperialismus;

d) die politische Schwäche der nationalen Bourgeoisie, ihre Abhängigkeit vom Imperialismus, ihre Furcht vor dem Schwung der revolutionären Bewegung;

e) die wachsende revolutionäre Aktivität des Proletariats, das Anwachsen seiner Autorität unter den Millionenmassen der Werktätigen;

f) das Bestehen der proletarischen Diktatur in der Nachbarschaft Chinas.

Daraus ergeben sich zwei Wege für die Entwicklung der Ereignisse in China:

Entweder die nationale Bourgeoisie zerschlägt das Proletariat, geht ein Kompromiss mit dem Imperialismus ein und eröffnet im Verein mit ihm einen Feldzug gegen die Revolution, um ihr durch die Errichtung der Herrschaft des Kapitalismus ein Ende zu bereiten;

oder aber das Proletariat drängt die nationale Bourgeoisie beiseite, festigt seine Hegemonie und zieht die Millionenmassen der Werktätigen in Stadt und Land auf seine Seite, um den Widerstand der nationalen Bourgeoisie zu überwinden, den vollen Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution zu erringen und sie dann allmählich auf die Bahnen der sozialistischen Revolution mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen überzuleiten.

Eins von beiden.

Die Krise des Weltkapitalismus und das Bestehen der proletarischen Diktatur in der UdSSR, deren Erfahrungen vom chinesischen Proletariat erfolgreich ausgenutzt werden können, erleichtern erheblich die Möglichkeit, dass die chinesische Revolution den zweiten Weg geht.

Die Tatsache anderseits, dass der Imperialismus gegen die chinesische Revolution in einer im wesentlichen einheitlichen Front vorgeht, dass es unter den Imperialisten heute nicht die Spaltung und nicht den Krieg gibt, die es beispielsweise vor der Oktoberrevolution im Lager des Imperialismus gab und die den Imperialismus schwächten - diese Tatsache besagt, dass die chinesische Revolution auf dem Wege zum Siege auf weit größere Schwierigkeiten stoßen wird als die Revolution in Rußland, dass es im Verlauf dieser Revolution unvergleichlich mehr Fälle des Überlaufens und des Verrats geben wird als in der Periode des Bürgerkriegs in der UdSSR.

Darum ist der Kampf zwischen diesen beiden Wegen der Revolution ein charakteristischer Zug der chinesischen Revolution.

Gerade darum besteht die Hauptaufgabe der Kommunisten im Kampf für den Sieg des zweiten Weges der chinesischen Revolution.

II
DIE ERSTE ETAPPE DER CHINESISCHEN REVOLUTION

In der ersten Periode der chinesischen Revolution, in der Periode des ersten Feldzugs nach dem Norden, als sich die nationale Armee dem Jangtse näherte und Sieg auf Sieg errang, eine machtvolle Bewegung der Arbeiter und Bauern sich aber noch nicht entfaltet hatte, ging die nationale Bourgeoisie (nicht die Kompradoren[55]) mit der Revolution. Das war eine Revolution der vereinigten gesamtnationalen Front.

Das heißt nicht, dass es zwischen der Revolution und der nationalen Bourgeoisie keine Gegensätze gegeben hätte. Das heißt lediglich, dass die nationale Bourgeoisie die Revolution in dem Bestreben unterstützte, sie für ihre Zwecke auszunützen, mit der Absicht, ihren Schwung zu vermindern, indem sie sie hauptsächlich auf territoriale Eroberungen lenkte. Der Kampf, der in dieser Periode zwischen den Rechten und den Linken in der Kuomintang geführt wurde, war eine Widerspiegelung dieser Gegensätze. Der Versuch Tschiang Kai-scheks im März 1926, die Kommunisten aus der Kuomintang zu vertreiben, war der erste ernsthafte Versuch der nationalen Bourgeoisie, die Revolution zu zügeln. Bekanntlich war das ZK der KPdSU(B) schon damals der Meinung, dass „die Linie des Verbleibens der Kommunistischen Partei in der Kuomintang verfolgt werden muss“, dass „man es dahin bringen muss, dass die Rechten aus der Kuomintang ausscheiden oder ausgeschlossen werden“ (April 1926).

Das war die Linie der weiteren Entfaltung der Revolution, der engen Zusammenarbeit der Linken und der Kommunisten innerhalb der Kuomintang und innerhalb der nationalen Regierung, der Festigung der Einheit der Kuomintang und zugleich - der Entlarvung und Isolierung der rechten Kuomintangleute, der Unterwerfung der Rechten unter die Disziplin der Kuomintang, der Ausnutzung der Rechten, ihrer Verbindungen und ihrer Erfahrungen, sofern sie sich der Disziplin der Kuomintang unterwerfen, oder der Vertreibung der Rechten aus der Kuomintang, sofern sie diese Disziplin brechen und die Interessen der Revolution verraten.

Die darauf folgenden Ereignisse haben die Richtigkeit dieser Linie voll und ganz bestätigt. Die machtvolle Entwicklung der Bauernbewegung und die Organisierung von Bauernbünden und Bauernkomitees auf dem flachen Lande, die machtvolle Streikwelle in den Städten und die Bildung von Gewerkschaftsräten, das siegreiche Vordringen der nationalen Truppen auf Schanghai, das von der Flotte und den Truppen der Imperialisten belagert wurde - alle diese und ähnliche Tatsachen zeugen davon, dass die eingeschlagene Linie die einzig richtige Linie war.

Nur durch diesen Umstand lässt sich die Tatsache erklären, dass der Versuch der Rechten im Februar 1927, die Kuomintang zu spalten und in Nantschang ein neues Zentrum zu schaffen, angesichts der einmütigen Abwehr durch die revolutionäre Kuomintang in Wuhan scheiterte.

Aber dieser Versuch war ein Zeichen dafür, dass im Lande eine Umgruppierung der Klassenkräfte vor sich geht, dass sich die Rechten und die nationale Bourgeoisie nicht ruhig verhalten werden, dass sie die Arbeit gegen die Revolution verstärken werden.

Das ZK der KPdSU(B) hatte daher Recht, als es im März 1927 feststellte:

a) „das die chinesische Revolution gegenwärtig im Zusammenhang mit der Umgruppierung der Klassenkräfte und der Konzentration der imperialistischen Armeen eine kritische Periode durchmacht und dass weitere Siege nur möglich sind, wenn man entschieden auf die Entfaltung der Massenbewegung Kurs nimmt“;

b) „es muss Kurs genommen werden auf die Bewaffnung der Arbeiter und Bauern, auf die Umwandlung der örtlichen Bauernkomitees in faktische Machtorgane mit bewaffnetem Selbstschutz“;

c) „die Kommunistische Partei darf die verräterische und reaktionäre Politik der rechten Kuomintangleute nicht verschweigen, sie muss, um die Rechten zu entlarven, die Massen um die Kuomintang und die chinesische Kommunistische Partei mobilisieren“ (3. März 1927).

Daher ist es leicht zu begreifen, dass im weiteren Verlauf der mächtige Schwung der Revolution einerseits und der Druck der Imperialisten in Schanghai anderseits die chinesische nationale Bourgeoisie in das Lager der Konterrevolution treiben mussten, ebenso wie die Einnahme Schanghais durch die nationalen Truppen und die Streiks der Schanghaier Arbeiter die Imperialisten zwecks Erdrosselung der Revolution vereinigen mussten.

So geschah es denn auch. Das Blutbad in Nanking war in dieser Beziehung das Signal zu einer neuen Scheidung der kämpfenden Kräfte in

China. Durch die Beschießung Nankings und durch ihr Ultimatum wollten die Imperialisten zum Ausdruck bringen, dass sie die Unterstützung der nationalen Bourgeoisie suchen, um gemeinsam mit ihr gegen die chinesische Revolution zu kämpfen.

Die von Tschiang Kai-schek veranlasste Niederschießung von Arbeiterkundgebungen und sein Umsturz waren gleichsam die Antwort Tschiang Kai-scheks auf die Aufforderung der Imperialisten, in der er zum Ausdruck brachte, dass er bereit ist, zusammen mit der nationalen Bourgeoisie ein Kompromiss mit den Imperialisten gegen die Arbeiter und Bauern Chinas einzugehen.

III
DIE ZWEITE ETAPPE DER CHINESISCHEN
REVOLUTION

Der Umsturz Tschiang Kai-scheks bedeutet die Abkehr der nationalen Bourgeoisie von der Revolution, die Herausbildung eines Zentrums der nationalen Konterrevolution und ein Kompromiss der rechten Kuomintangleute mit dem Imperialismus gegen die chinesische Revolution.

Der Umsturz Tschiang Kai-scheks bedeutet, dass es in Südchina nunmehr zwei Lager, zwei Regierungen, zwei Armeen, zwei Zentren geben wird - das Zentrum der Revolution in Wuhan und das Zentrum der Konterrevolution in Nanking.

Der Umsturz Tschiang Kai-scheks bedeutet, dass die Revolution in die zweite Etappe ihrer Entwicklung eingetreten ist, dass eine Wendung von der Revolution der vereinigten gesamtnationalen Front zur Revolution der Millionenmassen der Arbeiter und Bauern, zur Agrarrevolution begonnen hat, die den Kampf gegen den Imperialismus, gegen die Gentry und die feudalen Gutsbesitzer, gegen die Militaristen und die konterrevolutionäre Gruppe Tschiang Kai-scheks verstärken und erweitern wird.

Das bedeutet, dass der Kampf zwischen den beiden Wegen der Revolution, zwischen den Anhängern der weiteren Entfaltung der Revolution und den Anhängern ihrer Liquidierung, von Tag zu Tag an Schärfe zunehmen und die ganze gegenwärtige Periode der Revolution ausfüllen wird.

Das bedeutet, dass die revolutionäre Kuomintang in Wuhan, die einen entschiedenen Kampf gegen Militarismus und Imperialismus führt, sich praktisch in ein Organ der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft verwandeln wird, während die konterrevolutionäre Gruppe Tschiang Kai-scheks in Nanking, die mit den Arbeitern und Bauern bricht und sich dem Imperialismus zuwendet, letzten Endes das Schicksal der Militaristen teilen wird.

Daraus folgt aber, dass die Politik der Erhaltung der Einheit der Kuomintang, die Politik der Isolierung der Rechten innerhalb der Kuomintang und ihrer Ausnutzung für die Zwecke der Revolution den neuen Aufgaben der Revolution bereits nicht mehr entspricht. Diese Politik muss durch eine Politik der entschlossenen Vertreibung der Rechten aus der Kuomintang ersetzt werden, durch eine Politik des entschlossenen Kampfes gegen die Rechten bis zu ihrer vollständigen politischen Vernichtung, durch eine Politik der Konzentrierung der gesamten Macht im Lande in den Händen der revolutionären Kuomintang, einer Kuomintang ohne rechte Elemente, der Kuomintang als eines Blocks zwischen den linken Kuomintangleuten und den Kommunisten.

Daraus folgt weiter, dass die Politik der engen Zusammenarbeit zwischen den Linken und den Kommunisten innerhalb der Kuomintang in der gegenwärtigen Etappe besondere Wirksamkeit und besondere Bedeutung gewinnt, dass diese Zusammenarbeit das sich außerhalb der Kuomintang herausbildende Bündnis der Arbeiter und Bauern widerspiegelt, dass ohne eine derartige Zusammenarbeit der Sieg der Revolution unmöglich ist.

Daraus folgt ferner, dass die entscheidende Kraftquelle der revolutionären Kuomintang die weitere Entfaltung der revolutionären Bewegung der Arbeiter und Bauern und die Festigung ihrer Massenorganisationen ist - der revolutionären Bauernkomitees, der Arbeitergewerkschaften und der anderen revolutionären Massenorganisationen, die die vorbereitenden Elemente für die künftigen Sowjets bilden - dass das entscheidende Unterpfand des Sieges der Revolution das Anwachsen der revolutionären Aktivität der Millionenmassen der Werktätigen, das wichtigste Gegengift aber gegen die Konterrevolution die Bewaffnung der Arbeiter und Bauern ist.

Daraus folgt schließlich, dass die Kommunistische Partei, wenn sie mit den revolutionären Kuomintangleuten in einer Front kämpft, ihre Selbständigkeit mehr denn je bewahren muss als eine für die Sicherung der Hegemonie des Proletariats in der bürgerlich-demokratischen Revolution notwendige Voraussetzung.

IV
DIE FEHLER DER OPPOSITION

Der Hauptfehler der Opposition (Radek und Co.) besteht darin, dass sie den Charakter der Revolution in China nicht begreift, dass sie nicht begreift, welche Etappe diese Revolution jetzt durchmacht, dass sie nicht begreift, welches die heutige internationale Situation ist, in der sie sich entwickelt.

Die Opposition verlangt, dass sich die chinesische Revolution in annähernd dem gleichen Tempo entwickle, in dem die Oktoberrevolution vor sich gegangen ist. Die Opposition ist unzufrieden, weil die Schanghaier Arbeiter nicht den Entscheidungskampf gegen die Imperialisten und ihre Helfershelfer aufgenommen haben.

Sie begreift aber nicht, dass sich die Revolution in China unter anderem deshalb nicht in schnellem Tempo entwickeln kann, weil die internationale Lage jetzt weniger günstig ist als im Jahre 1917 (es gibt keinen Krieg zwischen den Imperialisten).

Sie begreift nicht, dass man unter ungünstigen Verhältnissen, wenn die Reserven noch nicht herangezogen sind, keinen Entscheidungskampf aufnehmen darf, ebenso wie zum Beispiel die Bolschewiki weder im April noch im Juli 1917 den Entscheidungskampf aufgenommen haben.

Die Opposition begreift nicht, dass derjenige, der einem Entscheidungskampf unter ungünstigen Verhältnissen nicht ausweicht (wenn er ihm ausweichen kann), die Sache der Feinde der Revolution erleichtert.

Die Opposition verlangt die sofortige Bildung von Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten in China. Was aber bedeutet es, jetzt Sowjets zu bilden?

Erstens kann man sie nicht in einem beliebigen Augenblick bilden, sie werden nur in einer Periode besonderen Ansteigens der revolutionären Wellen gebildet.

Zweitens werden Sowjets nicht zum Schwätzen gebildet - sie werden vor allem als Organe des Kampfes gegen die, bestehende Macht, als Organe des Kampfes um die Macht gebildet. So war es im Jahre 1905. So war es im Jahre 1917.

Was aber bedeutet es, in der gegenwärtigen Situation im Aktionsbereich beispielsweise der Regierung von Wuhan Sowjets zu bilden? Das bedeutet, eine Losung des Kampfes gegen die bestehende Macht in diesem Gebiet auszugeben. Das bedeutet, eine Losung zur Bildung neuer Machtorgane auszugeben, eine Losung des Kampfes gegen die Macht der revolutionären Kuomintang auszugeben, der auch die Kommunisten angehören, die mit den linken Kuomintangleuten einen Block bilden, denn in diesem Gebiet gibt es gegenwärtig keine andere Macht als die Macht der revolutionären Kuomintang.

Das bedeutet ferner, die Aufgabe der Bildung und der Festigung von Massenorganisationen der Arbeiter und der Bauern in Gestalt von Streikkomitees, Bauernbünden und Bauernkomitees, Gewerkschaftsräten, Betriebskomitees usw., auf die sich bereits jetzt die revolutionäre Kuomintang stützt, mit der Aufgabe verwechseln, an Stelle der Macht der revolutionären Kuomintang das Sowjetsystem als neuen Typus der Staatsmacht zu schaffen.

Das bedeutet schließlich, nicht zu begreifen, welche Etappe die Revolution in China gegenwärtig durchmacht. Das bedeutet, den Feinden des chinesischen Volkes eine neue Waffe in die Hand zu geben zum Kampf gegen die Revolution, zur Verbreitung neuer Legenden darüber, dass in China keine nationale Revolution vor sich gehe, sondern eine künstliche Verpflanzung der „Moskauer Sowjetisierung“.

Somit arbeitet die Opposition dadurch, dass sie die Losung der Bildung von Sowjets in der gegenwärtigen Situation aufstellt, den Feinden der chinesischen Revolution in die Hände.

Die Opposition hält die Teilnahme der Kommunistischen Partei an der Kuomintang für unzweckmäßig. Die Opposition hält also den Austritt der Kommunistischen Partei aus der Kuomintang für zweckmäßig. Was aber bedeutet der Austritt der Kommunistischen Partei aus der Kuomintang jetzt, da die ganze imperialistische Meute samt all ihren Trabanten die Vertreibung der Kommunisten aus der Kuomintang fordert? Das bedeutet, das Schlachtfeld zu verlassen und seine Verbündeten in der Kuomintang, den Feinden der Revolution zur Freude, im Stiche zu lassen. Das bedeutet, die Kommunistische Partei zu schwächen, die revolutionäre Kuomintang zu untergraben, das Werk der Schanghaier Cavaignac zu erleichtern und das Banner der Kuomintang, das populärste aller Banner in China, den rechten Kuomintangleuten auszuliefern.

Gerade das wollen ja jetzt die Imperialisten, Militaristen und rechten Kuomintangleute.

Somit ergibt sich, dass die Opposition dadurch, dass sie sich in der gegenwärtigen Situation für den Austritt der Kommunistischen Partei aus der Kuomintang ausspricht, den Feinden der chinesischen Revolution in die Hände arbeitet.

Das Plenum des ZK unserer Partei, das vor kurzem stattfand, hat daher völlig richtig gehandelt, als es die Plattform der Opposition entschieden ablehnte.[56]

„Prawda“ Nr. 90,
21. April 1927

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