"Stalin"

Werke

Band 9

ZU FRAGEN DER CHINESISCHEN REVOLUTION

Antwort an Genossen Martschulin

Ihr an die Redaktion des „Derewenski Kommunist“[57] gerichteter Brief hinsichtlich der Frage der Sowjets in China wurde mir aus der Redaktion zur Beantwortung übersandt. In der Annahme, dass Sie nichts dagegen haben werden, schicke ich Ihnen eine kurze Antwort auf Ihren Brief.

Ich glaube, Genosse Martschulin, Ihr Brief beruht auf einem Missverständnis. Und dies aus folgendem Grund:

1. In den Thesen für Propagandisten wendet sich Stalin gegen die sofortige Bildung von Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten im heutigen China. Sie erheben indes Einwände gegen Stalin und berufen sich auf Lenin s Thesen und seine Rede auf dem II. Kongress der Komintern[58], in denen lediglich von Bauernsowjets, von Sowjets der Werktätigen, von Sowjets des werktätigen Volkes die Rede ist, aber kein einziges Wort über die Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten gesagt wird.

Warum spricht Lenin weder in seinen Thesen noch in seiner Rede von der Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten? Weil Lenin sowohl in seiner Rede als auch in seinen Thesen von Ländern sprach, in denen „von einer rein proletarischen Bewegung keine Rede sein kann“, in denen es „fast kein Industrieproletariat gibt“ (siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 218, russ.). Lenin sagt in seiner Rede direkt, dass er Länder meint wie Mittelasien, Persien, wo es „fast kein Industrieproletariat gibt“ (ebenda).

Kann man China mit seinen Industriezentren, wie Schanghai, Hankou, Nanking, Tschangscha usw., wo es bereits etwa drei Millionen gewerkschaftlich organisierter Arbeiter gibt, zu diesen Ländern rechnen? Es ist klar, dass man das nicht kann.

Wenn man vom heutigen China spricht, wo es ein gewisses Minimum an Industrieproletariat gibt, so ist es klar, dass man nicht einfach die Schaffung von Bauernsowjets oder Sowjets der Werktätigen, sondern die Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten ins Auge fassen muss.

Etwas anderes wäre es, wenn von Persien, Afghanistan usw. die Rede wäre. Aber in Stalins Thesen ist bekanntlich von China die Rede, nicht aber von Persien, Afghanistan usw.

Daher sind Ihre Einwände gegen Stalin und Ihre Berufung auf Lenin s Rede und seine Thesen auf dem II. Kongress der Komintern falsch, gegenstandslos.

2. Sie führen in Ihrem Brief ein Zitat aus den „Ergänzungsthesen“ des II. Kongresses der Komintern zur nationalen und kolonialen Frage an, wo davon gesprochen wird, dass im Osten die „proletarischen Parteien eine intensive Propaganda der kommunistischen Ideen betreiben und bei der ersten Möglichkeit Arbeiter- und Bauernsowjets gründen müssen“. Dabei stellen Sie die Sache so dar, als stammten diese „Ergänzungsthesen“ und das Zitat daraus von Lenin . Das stimmt nicht, Genosse Martschulin. Hier haben Sie sich einfach geirrt. Die „Ergänzungsthesen“ stammen von Roy. Als Thesen von Roy wurden sie auch auf dem II. Kongress behandelt und als „Ergänzung“ zu den Thesen Lenin s angenommen. (Siehe II. Kongress der Komintern, stenographischer Bericht, S. 122-126, russ.)

Wozu waren diese „Ergänzungsthesen“ notwendig? Sie waren notwendig, um Länder wie China und Indien, von denen man nicht behaupten kann, dass es dort „fast kein Industrieproletariat gibt“, aus der Zahl der rückständigen Kolonialländer, die kein Industrieproletariat haben, auszusondern. Lesen Sie diese „Ergänzungsthesen“, und Sie werden verstehen, dass dort hauptsächlich von China und Indien die Rede ist. (Siehe II. Kongress der Komintern, stenographischer Bericht, S. 122, russ.)

Wie kam es, dass zur „Ergänzung“ der Thesen Lenin s besondere Thesen von Roy notwendig wurden? Die Sache ist die, dass Lenin s Thesen lange vor Eröffnung des II. Kongresses, lange vor Eintreffen der Vertreter der kolonialen Länder und vor der Diskussion in der speziellen Kommission des II. Kongresses verfasst und veröffentlicht worden waren. Und da die Diskussion in der Kommission des Kongresses zeigte, dass es angebracht ist, Länder wie China und Indien aus der Zahl der rückständigen Kolonien des Ostens auszusondern, so ergab sich die Notwendigkeit der „Ergänzungsthesen“.

Daher darf man Lenin s Rede und seine Thesen nicht mit den „Ergänzungsthesen“ Roys verwechseln, ebenso wie man nicht außer acht lassen darf, dass man, wenn von Ländern wie China und Indien die Rede ist, die Bildung von Arbeiter- und Bauernsowjets und nicht einfach von Bauernsowjets ins Auge fassen muss.

3. Wird man in China Arbeiter- und Bauernsowjets bilden müssen?

Ja, unbedingt. Davon wird in Stalins Thesen für Propagandisten direkt gesprochen, wo es heißt:

„Die entscheidende Kraftquelle der revolutionären Kuomintang ist die weitere Entfaltung der revolutionären Bewegung der Arbeiter und Bauern und die Festigung ihrer Massenorganisationen - der revolutionären Bauernkomitees, der Arbeitergewerkschaften und der anderen revolutionären Massenorganisationen, die die vorbereitenden Elemente für die künftigen Sowjets bilden ...“ (Siehe vorliegenden Band)

Die Frage ist nur die: Wann, unter welchen Bedingungen, in welcher Situation sollen Sowjets gebildet werden?

Die Sowjets der Arbeiterdeputierten sind eine allumfassende und daher die beste revolutionäre Organisation der Arbeiterklasse. Aber das bedeutet noch nicht, dass sie immer und unter allen Bedingungen gebildet werden sollen. Als Chrustalew, der erste Vorsitzende der Sowjets der Arbeiterdeputierten in Petersburg, im Sommer 1906 beim Abebben der Revolution die Frage der Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten aufwarf, entgegnete ihm Lenin , dass es in der gegebenen Situation, da die Nachhut (Bauernschaft) der Vorhut (Proletariat) noch nicht nachgerückt war, unzweckmäßig ist, Sowjets der Arbeiterdeputierten zu schaffen. Und Lenin hatte völlig Recht. Warum? Weil die Sowjets der Arbeiterdeputierten nicht eine einfache Organisation der Arbeiter sind. Die Sowjets der Arbeiterdeputierten sind Organe des Kampfes der Arbeiterklasse gegen die bestehende Macht, Organe des Aufstands, Organe der neuen revolutionären Macht, und nur als solche können sie sich entwickeln und erstarken. Und wenn für den unmittelbaren Massenkampf gegen die bestehende Macht, für den Massenaufstand gegen die gegebene Macht, für die Organisierung einer neuen, revolutionären Macht keine Voraussetzungen vorhanden sind, so ist die Schaffung von Arbeitersowjets unzweckmäßig, da sie ohne diese Voraussetzungen Gefahr laufen, sich zu zersetzen und sich in bloße Schwatzbuden zu verwandeln.

Lenin sagte über die Sowjets der Arbeiterdeputierten:

„Die Sowjets der Arbeiterdeputierten sind Organe des unmittelbaren Massenkampfes“ ... „Nicht irgendeine Theorie, nicht irgend jemands Aufrufe, nicht eine von irgend jemand erdachte Taktik, nicht eine Parteidoktrin, sondern die Wucht der Tatsachen hat diese parteilosen Massenorgane von der Notwendigkeit des Aufstands überzeugt und sie zu Organen des Aufstands gemacht. Auch in der gegenwärtigen Zeit bedeutet die Schaffung solcher Organe die Schaffung von Organen des Aufstandst, bedeutet die Aufforderung zu ihrer Schaffung die Aufforderung zum Aufstands. Das zu vergessen oder vor den breiten Volksmassen zu vertuschen, wäre ganz unverzeihliche Kurzsichtigkeit und die allerschlechteste Politik.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 11, S. 103, 104, russ.)

Oder weiter:

„Die ganze Erfahrung der beiden Revolutionen, sowohl vom Jahre 1905 als auch vom Jahre 1917 wie auch alle Beschlüsse der Partei der Bolschewiki, alle ihre politischen Erklärungen seit vielen Jahren laufen auf die Feststellung hinaus, dass der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten nur als Organ des Aufstandst, nur als Organ der revolutionären Macht real ist. Außerhalb dieser Aufgabe sind die Sowjets ein bloßes Spielzeug, das unvermeidlich zur Apathie, Gleichgültigkeit und Enttäuschung der Massen führt, denen die endlose Wiederholung von Resolutionen und Protesten mit vollem Recht zuwider geworden ist.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 26, S. 117, russ.)

Was bedeutet es, wenn die Dinge so liegen, zur sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten im jetzigen Südchina aufzurufen, im Gebiet, sagen wir, der Regierung von Wuhan, wo jetzt die revolutionäre Kuomintang an der Macht ist, wo sich jetzt eine Bewegung unter der Losung „Alle Macht der revolutionären Kuomintang“ entwickelt? Jetzt zur Schaffung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in diesem Gebiet aufrufen - das bedeutet zum Aufstand gegen die Macht der revolutionären Kuomintang aufrufen. Wäre das zweckmäßig? Es ist klar, dass das nicht zweckmäßig wäre. Es ist klar: Wer jetzt zur sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten in diesem Gebiet aufruft, der versucht, die Kuomintangphase der chinesischen Revolution zu überspringen, der läuft Gefahr, die Revolution in China in eine äußerst schwierige Lage zu bringen.

So ist es, Genosse Martschulin, um die Frage der sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten in China bestellt.

Auf dem II. Kongress der Komintern wurde eine spezielle Resolution angenommen mit der Überschrift „Wann und unter welchen Bedingungen können Sowjets der Arbeiterdeputierten gebildet werden?“ Diese Resolution wurde in Lenin s Anwesenheit angenommen. Ich würde Ihnen raten, diese Resolution zu lesen. Sie ist nicht uninteressant. (Siehe II. Kongress der Komintern, stenographischer Bericht, S. 580-583, russ.)

4. Wann wird man in China Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten bilden müssen? Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten wird man in China unbedingt in dem Augenblick bilden müssen, wenn die siegreiche Agrarrevolution mit aller Kraft zur Entfaltung kommt, wenn die Kuomintang als Block der revolutionären Volkstümler Chinas (linke Kuomintang) und der Kommunistischen Partei sich zu überleben beginnt, wenn die bürgerlich-demokratische Revolution, die noch nicht gesiegt hat und die so bald auch nicht siegen wird, beginnt, ihre negativen Züge zu offenbaren, wenn es erforderlich wird, von dem gegenwärtigen Typus der staatlichen Organisation, vorn Typus der Kuomintang, Schritt für Schritt zu einem neuen, zum proletarischen Typus der Organisation des Staates überzugehen.

Gerade so ist auch die bekannte Stelle über die Arbeiter- und Bauernsowjets in den „Ergänzungsthesen“ Roys zu verstehen, die vom II. Kongress der Komintern angenommen wurden.

Ist dieser Augenblick schon gekommen?

Es braucht nicht bewiesen zu werden, dass dieser Augenblick noch nicht gekommen ist.

Was aber soll man jetzt tun? Man muss die Agrarrevolution in China erweitern und vertiefen. Man muss aller Art Massenorganisationen der Arbeiter und Bauern, von den Gewerkschaftsräten und Streikkomitees bis zu den Bauernbünden und revolutionären Bauernkomitees, bilden und sie festigen, um sie in dem Maße, wie die revolutionäre Bewegung wächst und ihre Erfolge zunehmen, in organisatorische und politische Stützpunkte für die künftigen Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten zu verwandeln.

Darin besteht jetzt die Aufgabe.

9. Mai 1927.

Zeitschrift „ Derewenski Kommunist“ (Der Dorfkommunist),
Nr. 10, 15. Mai 1927. Unterschrift: J. Stalin.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis