"Stalin"

Werke

Band 9

EINE BESPRECHUNG MIT
STUDENTEN DER SUN-YAT-SEN-UNIVERSITÄT

13. Mai 1927

Genossen! Leider stehen mir für unsere heutige Besprechung nur zwei bis drei Stunden zur Verfügung. Vielleicht können wir das nächste Mal ein längeres Gespräch führen. Heute aber, denke ich, könnten wir uns auf die Behandlung der Fragen beschränken, die Sie schriftlich gestellt haben. Ich habe insgesamt zehn Fragen erhalten. Und diese will ich bei unserer heutigen Besprechung beantworten. Wenn es zusätzliche Fragen gibt - und wie man sagt, gibt es solche -, so werde ich mich bemühen, sie bei unserem nächsten Gespräch zu beantworten. Kommen wir also zur Sache.

ERSTE FRAGE

„Warum ist Radeks Behauptung, dass der Kampf der Bauernschaft im chinesischen Dorf nicht so sehr gegen die Überreste des Feudalismus als vielmehr gegen die Bourgeoisie gerichtet sei, falsch?

Kann man behaupten, dass in China der Handelskapitalismus herrscht, oder herrschen dort die Überreste des Feudalismus?

Warum sind die chinesischen Militaristen als Besitzer großer Industriebetriebe gleichzeitig Vertreter des Feudalismus?“

Radek behauptet tatsächlich etwas Derartiges, wie es in dieser Frage zum Ausdruck gebracht wird. Soweit ich mich erinnere, hat Radek in seinen Ausführungen vor dem Aktiv der Moskauer Organisation das Vorhandensein von Überresten des Feudalismus entweder überhaupt verneint, oder er hat die ernste Bedeutung der Überreste des Feudalismus im chinesischen Dorf nicht anerkannt.

Das ist natürlich ein großer Fehler Radeks.

Wenn es in China keine Überreste des Feudalismus gäbe, wenn diese Überreste für das chinesische Dorf nicht von ernstester Bedeutung wären, dann gäbe es keinen Boden für die Agrarrevolution, dann wäre es sinnlos, von der Agrarrevolution als einer der Hauptaufgaben der Kommunistischen Partei in der gegenwärtigen Etappe der chinesischen Revolution zu sprechen.

Besteht im chinesischen Dorf Handelskapital? Ja, es besteht, und es besteht nicht nur, sondern es saugt den Bauern nicht minder aus als jeder Feudalherr. Aber dieses Handelskapital vom Typ der ursprünglichen Akkumulation verflicht sich im chinesischen Dorf in eigenartiger Weise mit der Herrschaft des Feudalherrn, mit der Herrschaft des Gutsbesitzers, indem es bei diesem die mittelalterlichen Methoden der Ausbeutung und Unterdrückung der Bauern entlehnt. Darum handelt es sich, Genossen.

Radeks Fehler besteht darin, dass er diese Eigenart, diese Verflechtung der Herrschaft der feudalen Überreste mit dem Bestehen des Kaufmannskapitals im chinesischen Dorf unter Beibehaltung der mittelalterlich-feudalen Methoden der Ausbeutung und Unterdrückung der Bauernschaft nicht verstanden hat.

Militarismus, Dsudsunen, allerlei Gouverneure und die gesamte gegenwärtige hartherzige, räuberische, militärische und nichtmilitärische Bürokratie bilden den Überbau über diese Eigenart in China.

Der Imperialismus unterstützt und festigt diese ganze feudal-bürokratische Maschine.

Dass einige Militaristen als Besitzer von Gütern zugleich Besitzer von Industriebetrieben sind - dieser Umstand ändert im Wesentlichen nichts an der Sachlage. Viele russische Gutsbesitzer besaßen seinerzeit ebenfalls Fabriken und andere Industriebetriebe, was sie jedoch nicht hinderte, Vertreter der feudalen Überreste zu bleiben.

Wenn in einer Reihe von Bezirken 70 Prozent der Einnahmen des Bauern an die Gentry, an den Gutsherrn abgehen; wenn der Gutsherr sowohl auf ökonomischem Gebiet als auch auf dem Gebiet der Verwaltung und der Gerichtsbarkeit die faktische Macht ausübt; wenn es in einer Reihe von Provinzen bis heute noch Kauf und Verkauf von Frauen und Kindern gibt - so muss man zugeben, dass die herrschende Kraft in diesen mittelalterlichen Verhältnissen die Kraft der feudalen Überreste, die Kraft der Gutsherren, die Kraft der gutsherrlichen Bürokratie, der militärischen und der nichtmilitärischen, ist, die sich in eigenartiger Weise mit der Kraft des Handelskapitals verflicht.

Diese eigenartigen Bedingungen schaffen eben den Boden für die Agrarbewegung der Bauernschaft, die in China wächst und weiter wachsen wird.

Ohne diese Bedingungen, ohne die feudalen Überreste und ohne das feudale Joch gäbe es in China die Frage der Agrarrevolution, der Konfiskation der Ländereien der Gutsbesitzer usw. nicht.

Ohne diese Bedingungen wäre die Agrarrevolution in China nicht zu verstehen.

ZWEITE FRAGE

„Inwiefern hat Radek Unrecht, wenn er behauptet, dass, da die Marxisten eine Partei mehrerer Klassen nicht anerkennen, die Kuomintang eine kleinbürgerliche Partei sei?“

Zu dieser Frage sind einige Bemerkungen zu machen.

Erstens. Diese Frage ist nicht richtig gestellt. Wir haben keineswegs gesagt noch sagen wir, dass die Kuomintang eine Partei mehrerer Klassen sei. Das stimmt nicht. Wir haben gesagt und wir sagen, dass die Kuomintang eine Partei des Blocks mehrerer unterdrückter Klassen ist. Das ist nicht ein und dasselbe, Genossen. Wenn die Kuomintang eine Partei mehrerer Klassen wäre, so würde die Sache darauf hinauslaufen, dass keine der Klassen, die in der Kuomintang vertreten sind, außerhalb der Kuomintang eine eigene Partei hätte, die Kuomintang selbst aber eine gemeinsame und die einzige Partei all dieser Klassen darstellte. Aber ist dem denn wirklich so? Hat etwa das chinesische Proletariat, das in der Kuomintang vertreten ist, nicht gleichzeitig eine eigene, besondere Partei, die Kommunistische Partei, die sich von der Kuomintang unterscheidet und ein eigenes, besonderes Programm, eine eigene, besondere Organisation hat? Es ist klar, dass die Kuomintang nicht eine Partei mehrerer unterdrückter Klassen ist, sondern eine Partei des Blocks mehrerer unterdrückter Klassen, die ihre eigenen Parteiorganisationen haben. Folglich ist diese Frage nicht richtig gestellt. In Wirklichkeit kann im heutigen China von der Kuomintang nur als von einer Partei des Blocks der unterdrückten Klassen die Rede sein.

Zweitens. Es trifft nicht zu, dass der Marxismus eine Partei des Blocks von unterdrückten, revolutionären Klassen prinzipiell nicht anerkennt, dass es für Marxisten prinzipiell unzulässig sei, einer solchen Partei anzugehören. Das, Genossen, trifft absolut nicht zu. In Wirklichkeit hielt (und hält) der Marxismus die Zugehörigkeit von Marxisten zu einer solchen Partei nicht nur prinzipiell für zulässig, sondern hat unter bestimmten historischen Bedingungen diese Zugehörigkeit auch praktisch verwirklicht. Ich könnte mich auf ein Beispiel berufen wie dasjenige, das Marx im Jahre 1848 während der deutschen Revolution selbst gab, als Marx und seine Gesinnungsgenossen der bekannten bürgerlich-demokratischen Gesellschaft[59] in Deutschland angehörten und dort mit den Vertretern der revolutionären Bourgeoisie zusammenarbeiteten. Bekanntlich gehörten dieser bürgerlich-demokratischen Gesellschaft, dieser bürgerlich revolutionären Partei außer Marxisten auch Vertreter der revolutionären Bourgeoisie an. Die „Neue Rheinische Zeitung“[60], deren Chefredakteur Marx damals war, war das Organ dieser bürgerlich-demokratischen Gesellschaft. Erst im Frühjahr 1849, als die Revolution in Deutschland abzuebben begann, traten Marx und seine Gesinnungsgenossen aus dieser bürgerlich-demokratischen Gesellschaft aus, nachdem sie beschlossen hatten, eine vollkommen selbständige Organisation der Arbeiterklasse mit einer selbständigen Klassenpolitik ins Leben zu rufen.

Wie Sie sehen, ging Marx sogar weiter als die chinesischen Kommunisten unserer Zeit, die der Kuomintang eben als selbständige proletarische Partei mit eigener, besonderer Organisation angehören.

Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob es zweckmäßig war, dass Marx und seine Gesinnungsgenossen im Jahre 1848, als es darum ging, gemeinsam mit der revolutionären Bourgeoisie den revolutionären Kampf gegen den Absolutismus zu führen, der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft Deutschlands angehörten. Das ist eine Frage der - Taktik. Dass aber Marx es prinzipiell für zulässig hielt, einer solchen Partei anzugehören - daran kann es keinen Zweifel geben.

Drittens. Es wäre grundfalsch zu sagen, dass die Kuomintang in Wuhan eine kleinbürgerliche Partei sei, und es dabei bewenden zu lassen. So kann die Kuomintang nur jemand charakterisieren, der weder etwas vom Imperialismus in China noch vom Charakter der chinesischen Revolution begriffen hat. Die Kuomintang ist keine „gewöhnliche“ kleinbürgerliche Partei. Es gibt verschiedene kleinbürgerliche Parteien. Menschewiki und Sozialrevolutionäre in Rußland waren auch kleinbürgerliche Parteien, aber sie waren zugleich imperialistische Parteien, denn sie hatten mit den französischen und englischen Imperialisten ein Kampfbündnis und eroberten und unterdrückten mit ihnen zusammen andere Länder - die Türkei, Persien, Mesopotamien und Galizien.

Kann man sagen, dass die Kuomintang eine imperialistische Partei ist? Es ist klar, dass man das nicht sagen kann. Die Kuomintang ist eine antiimperialistische Partei, ebenso wie auch die Revolution in China eine antiimperialistische Revolution ist. Hier gibt es einen grundlegenden Unterschied. Diesen Unterschied nicht sehen und die antiimperialistische Kuomintang mit den Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki, die imperialistische Parteien waren verwechseln - bedeutet von der national-revolutionären Bewegung Chinas nichts verstehen.

Wenn die Kuomintang eine imperialistische kleinbürgerliche Partei wäre, so würden die chinesischen Kommunisten natürlich keinen Block mit ihr bilden, sondern sie zum Teufel jagen. Aber das ist es ja gerade, dass die Kuomintang eine antiimperialistische Partei ist, die einen revolutionären Kampf gegen die Imperialisten und ihre Agenten in China führt. In diesem Sinne überragt die Kuomintang turmhoch alle und jegliche imperialistischen „Sozialisten“ vom Schlage eines Kerenski und Zereteli.

Sogar Tschiang Kai-schek, der rechte Vertreter der Kuomintang, der Tschiang Kai-schek aus der Zeit vor seinem Umsturz, der gegen die linken Kuomintangleute und die Kommunisten alle nur erdenklichen Ränke schmiedete - sogar Tschiang Kai-schek stand damals höher als die Kerenski und Zereteli, denn die Kerenski und Zereteli führten Krieg für die Unterjochung der Türkei, Persiens, Mesopotamiens und Galiziens und stärkten damit den Imperialismus, während Tschiang Kai-schek - ob schlecht oder recht, das sei dahingestellt - gegen die Unterjochung Chinas Krieg führte und damit den Imperialismus schwächte.

Radeks Fehler - und der Fehler der Opposition überhaupt - besteht darin, dass er die halbkoloniale Stellung Chinas ignoriert, den antiimperialistischen Charakter der chinesischen Revolution nicht sieht und nicht bemerkt, dass die Kuomintang in Wuhan, die Kuomintang ohne rechte Kuomintangleute, das Zentrum des Kampfes der chinesischen werktätigen Massen gegen den Imperialismus ist.

DRITTE FRAGE

„Besteht nicht ein „Widerspruch zwischen der von Ihnen gegebenen Einschätzung der Kuomintang (Rede in der Versammlung der Studenten der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens vom 18. Mai 1925), als eines Blocks von zwei Kräften - der Kommunistischen Partei und der Kleinbourgeoisie - und der in der Resolution der Komintern gegebenen Einschätzung der Kuomintang als eines Blocks von vier Klassen, darunter auch der Großbourgeoisie?

Ist es möglich, dass die chinesische Kommunistische Partei bei Bestehen der Diktatur des Proletariats in China der Kuomintang angehört?“

Erstens ist zu bemerken, dass die von der Komintern im Dezember 1926 (VII. erweitertes Plenum) gegebene Einschätzung der tatsächlichen Lage in der Kuomintang in Ihrer „Frage“ nicht richtig, nicht ganz genau wiedergegeben worden ist. In der „Frage“ heißt es: „darunter auch der Großbourgeoisie“. Aber die Kompradoren gehören ebenfalls zur Großbourgeoisie. Bedeutet das, dass die Komintern im Dezember 1926 die Kompradorenbourgeoisie als Mitglied des Blocks in der Kuomintang betrachtete? Es ist klar, dass es das nicht bedeutet, denn die Kompradorenbourgeoisie war und bleibt ein erbitterter Feind der Kuomintang. In der Resolution der Komintern wird nicht von der Großbourgeoisie überhaupt, sondern von einem „Teil der kapitalistischen Bourgeoisie“ gesprochen. Also handelt es sich hier nicht um jede beliebige Großbourgeoisie, sondern um die nationale Bourgeoisie, die nicht zum Typus der Kompradorenbourgeoisie gehört.

Zweitens muss ich sagen, dass ich zwischen diesen beiden Einschätzungen der Kuomintang keinen Widerspruch erblicke. Ich erblicke keinen Widerspruch, da wir es hier mit der Einschätzung der Kuomintang von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus zu tun haben, von denen keiner als falsch bezeichnet werden kann, denn sie sind beide richtig.

Als ich im Jahre 1925 von der Kuomintang als einer Partei des Blocks der Arbeiter und der Bauern sprach, lag es keineswegs in meiner Absicht, den faktischen Stand der Dinge in der Kuomintang zu charakterisieren, zu charakterisieren, welche Klassen im Jahre 1925 der Kuomintang tatsächlich angehörten. Als ich von der Kuomintang sprach, meinte ich damals die Kuomintang lediglich als Typus für den Aufbau einer eigenartigen revolutionären Volkspartei in den unterdrückten Ländern des Ostens, besonders in Ländern wie China und Indien, als Typus für den Aufbau einer revolutionären Volkspartei, die sich auf den revolutionären Block der Arbeiter und der Kleinbourgeoisie in Stadt und Land stützen muss. Ich sagte damals direkt: „Von der Politik der nationalen Einheitsfront müssen die Kommunisten solcher Länder zur Politik eines revolutionären Blocks der Arbeiter und der Kleinbourgeoisie übergehen.“ (Siehe Stalin, „Über die politischen Aufgaben der Universität der Völker des Ostens“ - „Fragen des Lenin ismus“, S. 264, russ.[61])

Ich meinte also nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft der revolutionären Volksparteien im Allgemeinen, der Kuomintang im Besonderen. Und hierbei hatte ich völlig Recht. Denn Organisationen wie die Kuomintang können nur dann eine Zukunft haben, wenn sie bestrebt sind, sich auf einen Block der Arbeiter und der Kleinbourgeoisie zu stützen, wobei man, wenn man von der Kleinbourgeoisie spricht, hauptsächlich die Bauernschaft im Auge haben muss, die die Hauptkraft der Kleinbourgeoisie in den kapitalistisch zurückgebliebenen Ländern darstellt.

Die Komintern hingegen interessierte eine andere Seite der Frage. Auf der VII. erweiterten Plenartagung behandelte sie die Kuomintang nicht vom Gesichtspunkt ihrer Zukunft, nicht von dem Gesichtspunkt, was sie werden soll, sondern vom Gesichtspunkt der Gegenwart, von dem Gesichtspunkt, wie die faktische Lage innerhalb der Kuomintang ist und welche Klassen es sind, die im Jahre 1926 in der Kuomintang tatsächlich vertreten waren. Und die Komintern hatte völlig recht, als sie sagte, dass die Kuomintang zu jenem Zeitpunkt, einem Zeitpunkt, als es in der Kuomintang noch keine Spaltung gab, tatsächlich einen Block der Arbeiter, der Kleinbourgeoisie (in Stadt und Land) und der nationalen Bourgeoisie bildete. Hier könnte man hinzufügen, dass sich die Kuomintang nicht nur im Jahre 1926, sondern auch 1925 auf den Block gerade dieser Klassen stützte. In der Resolution der Komintern, an deren Ausarbeitung ich aktiv teilgenommen habe, wird direkt gesagt, dass das „Proletariat einen Block mit der Bauernschaft, die aktiv den Kampf für ihre Interessen aufnimmt, mit der städtischen Kleinbourgeoisie und einem Teil der kapitalistischen Bourgeoisie bildet“, dass „diese Kombination der Kräfte in einer entsprechenden Gruppierung innerhalb der Partei der Kuomintang und der Kantoner Regierung ihren politischen Ausdruck gefunden hat“. (Siehe Resolution[62].)

Da sich aber die Komintern nicht auf den faktischen Stand der Dinge vom Jahre 1926 beschränkte, sondern auch auf die Zukunft der Kuomintang einging, konnte sie nicht umhin festzustellen, dass dieser Block nur ein zeitweiliger Block ist, dass dieser Block in der nächsten Zeit durch einen Block des Proletariats und der Kleinbourgeoisie ersetzt werden muss. Gerade darum wird in der Resolution der Komintern auch weiter gesagt, dass „sich die Bewegung gegenwärtig an der Schwelle zu einem dritten Stadium befindet und vor einer neuen Umgruppierung der Klassen steht“, dass „in diesem Entwicklungsstadium die Hauptkraft der Bewegung ein Block von noch revolutionärerem Charakter sein wird - der Block des Proletariats, der Bauernschaft und der städtischen Kleinbourgeoisie bei Ausschaltung1 des größten Teils der kapitalistischen Großbourgeoisie“. (Ebenda.)

Das eben ist derselbe Block der Arbeiter und der Kleinbourgeoisie (der Bauernschaft), auf den sich die Kuomintang stützen musste, der sich nach der Spaltung der Kuomintang und dem Ausscheiden der nationalen Bourgeoisie in Wuhan bereits herausbildet und von dem ich in meinem Referat in der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens im Jahre 1925 (siehe oben) gesprochen habe.

Somit haben wir folglich eine Einschätzung der Kuomintang unter zwei verschiedenen Gesichtswinkeln:

a) unter dem Gesichtswinkel ihrer Gegenwart, unter dem Gesichtswinkel des faktischen Standes der Dinge in der Kuomintang im Jahre 1926, und

b) unter dem Gesichtswinkel ihrer Zukunft, unter dem Gesichtswinkel, was die Kuomintang als Typus für den Aufbau einer revolutionären Volkspartei in den Ländern des Ostens darstellen soll.

Beide Einschätzungen sind berechtigt und richtig, denn sie betrachten die Kuomintang unter zwei verschiedenen Gesichtswinkeln und vermitteln im Endergebnis ein erschöpfendes Bild.

Es fragt sich: Wo ist denn hier ein Widerspruch?

Nehmen wir, um es noch klarer zu machen, die „Arbeiterpartei“ in England (die „Labour Party“). Bekanntlich besteht in England eine besondere Partei der Arbeiter, die sich auf die Gewerkschaftsorganisationen der Arbeiter und Angestellten stützt. Niemand wird Zweifel hegen, diese Partei als Arbeiterpartei zu bezeichnen. So wird sie nicht nur in der englischen, sondern in jeder anderen marxistischen Literatur bezeichnet.

Kann man aber sagen, dass diese Partei wirklich eine Arbeiterpartei, eine Klassenpartei der Arbeiter ist, die sich der Bourgeoisie entgegenstellt? Kann man sagen, dass sie tatsächlich die Partei einer Klasse, der Klasse der Arbeiter, ist und nicht eine Partei, sagen wir, von zwei Klassen? Nein, das kann man nicht sagen. In Wirklichkeit ist die Arbeiterpartei in England eine Partei des Blocks der Arbeiter und der städtischen Kleinbourgeoisie. In Wirklichkeit ist diese Partei eine Partei des Blocks von zwei Klassen, und wenn man davon spricht, wessen Einfluss in dieser Partei stärker ist, der Einfluss der Arbeiter, die sich der Bourgeoisie entgegenstellen, oder der Einfluss der Kleinbourgeoisie, so muss man sagen, dass der Einfluss der Kleinbourgeoisie in dieser Partei vorherrschend ist.

Daraus erklärt sich denn auch, dass die Arbeiterpartei in England in Wirklichkeit ein Anhängsel der liberal-bürgerlichen Partei ist. Indes wird sie in der marxistischen Literatur als Arbeiterpartei bezeichnet. Wie erklärt sich dieser „Widerspruch“? Er erklärt sich daraus, dass man bei der Qualifizierung dieser Partei, als Partei der Arbeiter, gewöhnlich nicht den faktischen gegenwärtigen Stand der Dinge in dieser Partei im Auge hat, sondern den Typus für den Aufbau einer Arbeiterpartei, kraft dessen sie sich unter bestimmten Bedingungen in der Zukunft in eine wirkliche Klassenpartei der Arbeiter verwandeln soll, die sich der bürgerlichen Welt entgegenstellt. Das schließt nicht aus, sondern setzt im Gegenteil voraus, dass diese Partei in Wirklichkeit vorläufig eine Partei des Blocks der Arbeiter und der städtischen Kleinbourgeoisie ist.

Hier gibt es ebensowenig einen Widerspruch, wie es in all dem einen Widerspruch gibt, was ich soeben in Bezug auf die Kuomintang gesagt habe.

Ist es möglich, dass die chinesische Kommunistische Partei bei Bestehen der Diktatur des Proletariats in China der Kuomintang angehört?

Ich glaube, dass das unzweckmäßig und deshalb unmöglich ist. Nicht nur bei Bestehen der Diktatur des Proletariats ist es für sie unzweckmäßig, der Kuomintang anzugehören, sondern auch bei Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten. Denn was bedeutet die Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China? Das bedeutet die Schaffung einer Doppelherrschaft. Das bedeutet den Kampf zwischen der Kuomintang und den Sowjets um die Macht. Die Bildung von Arbeiter- und Bauernsowjets bedeutet die Vorbereitung zum Übergang von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution, zur sozialistischen Revolution. Kann man diese Vorbereitung unter der Führung von zwei Parteien durchführen, die einer gemeinsamen revolutionär-demokratischen Partei angehören? Nein, das kann man nicht. Die Geschichte der Revolution lehrt, dass die Vorbereitung der Diktatur des Proletariats und der Übergang zur sozialistischen Revolution nur unter der Führung einer Partei, der Partei der Kommunisten, vollbracht werden können, vorausgesetzt natürlich, dass es sich um eine wirkliche proletarische Revolution handelt. Die Geschichte der Revolution lehrt, dass die Diktatur des Proletariats nur unter der Führung einer Partei, der Partei der Kommunisten, errungen und entfaltet werden kann. Ohne das gibt es unter den Bedingungen des Imperialismus keine wirkliche und vollständige Diktatur des Proletariats und kann es sie nicht geben.

Daher wird die Kommunistische Partei nicht nur bei Bestehen der Diktatur des Proletariats, sondern sogar vor dem Bestehen dieser Diktatur, bei Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten, aus der Kuomintang ausscheiden müssen, um den chinesischen Oktober unter ihrer ausschließlichen Führung vorzubereiten.

Ich glaube, dass die Kommunistische Partei Chinas in der Periode der Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China und der Vorbereitung des chinesischen Oktober den gegenwärtigen Block innerhalb der Kuomintang durch einen Block außerhalb der Kuomintang ersetzen muss, nach der Art des Blocks, den wir, sagen wir, in der Periode des Übergangs zum Oktober mit den linken Sozialrevolutionären hatten.

VIERTE FRAGE

„Ist die Wuhaner Regierung eine demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, und wenn nicht, welches sind dann die weiteren Wege des Kampfes um die Erringung der demokratischen Diktatur?

Ist Martynows Behauptung richtig, dass der Übergang zur Diktatur des Proletariats ohne eine ‚zweite’ Revolution möglich sei, und wenn ja, wo liegt dann die Grenze zwischen der demokratischen Diktatur und der Diktatur des Proletariats in China?“

Die Wuhaner Regierung ist noch keine demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Sie kann es werden. Sie wird ganz bestimmt eine demokratische Diktatur werden, wenn die Agrarrevolution mit aller Kraft zur Entfaltung kommt, aber sie ist noch nicht das Organ einer solchen Diktatur.

Was ist notwendig, damit die Wuhaner Regierung zum Organ der demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft wird? Dazu sind mindestens zwei Dinge notwendig:

Erstens ist notwendig, dass die Wuhaner Regierung eine Regierung der Agrarrevolution der Bauern in China wird, eine Regierung, die diese Revolution mit allen Mitteln unterstützt.

Zweitens ist notwendig, dass die Kuomintang ihre führende Spitzengruppe durch neue Führer der Agrarbewegung aus den Reihen der Bauern und Arbeiter ergänzt und ihre unteren Organisationen erweitert, indem sie die Bauernbünde, die Räte der Arbeitergewerkschaften und die übrigen revolutionären Organisationen in Stadt und Land in sie aufnimmt.

Jetzt vereinigt die Kuomintang an die 500000 Mitglieder. Das ist wenig, für China furchtbar wenig. Es ist notwendig, dass die Kuomintang die Millionen revolutionärer Bauern und Arbeiter in ihre Reihen aufnimmt und somit zu einer revolutionär-demokratischen Millionenorganisation wird.

Nur unter diesen Bedingungen wird es der Kuomintang möglich sein, eine revolutionäre Regierung zu bilden, die zum Organ der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft wird.

Ob Genosse Martynow wirklich von einem friedlichen Übergang zur Diktatur des Proletariats gesprochen hat, weiß ich nicht. Ich habe den Artikel des Genossen Martynow nicht gelesen, habe ihn nicht gelesen, weil ich unmöglich unsere gesamte Tagesliteratur verfolgen kann. Aber wenn er wirklich von der Möglichkeit eines friedlichen Übergangs von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution in China gesprochen hat, so ist das ein Fehler.

Mich hat Tschugunow einmal gefragt: „Wie ist das eigentlich, Genosse Stalin, lässt es sich nicht so einrichten, dass man mittels der Kuomintang sogleich, ohne irgendwelche Umschweife, auf friedlichem Wege zur Diktatur des Proletariats übergeht?“ Ich habe ihn meinerseits gefragt: „Wie liegen denn die Dinge bei Ihnen in China, Genosse Tschugunow? Gibt es bei Ihnen rechte Kuomintangleute, eine kapitalistische Bourgeoisie, Imperialisten?“ Er antwortete bejahend. „Nun, dann wird es ohne Kampf nicht abgehen“, sagte ich ihm.

Das war noch vor dem Umsturz Tschiang Kai-scheks. Grundsätzlich kann man natürlich die Frage nach der Möglichkeit einer friedlichen Entwicklung der Revolution in China stellen. Lenin hielt zum Beispiel eine Zeitlang eine friedliche Entwicklung der Revolution in Rußland mittels der Sowjets für möglich. Das war in der Periode von April bis Juli 1917. Aber nach der Juliniederlage war Lenin der Meinung, dass ein friedlicher Übergang zur proletarischen Revolution als ausgeschlossen anzusehen ist. Ich glaube, dass man in China den friedlichen Übergang zur proletarischen Revolution umso mehr für ausgeschlossen halten müsste.

Warum?

Erstens, weil die Feinde der chinesischen Revolution, sowohl die inneren (Tschang Tso-lin, Tschiang Kai-schek, die Großbourgeoisie, die Gentry, die Gutsbesitzer usw.) als auch die äußeren (die Imperialisten), zu zahlreich und zu stark sind, als dass man annehmen könnte, die Sache könne bei der weiteren Entwicklung der Revolution ohne ernstliche Klassenschlachten und ohne ernstliche Abspaltungen und Fälle des Überlaufens abgehen.

Zweitens, weil kein Grund vorliegt, die Kuomintangform der staatlichen Organisation als zweckmäßige Form für den Übergang von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution anzusehen.

Und schließlich: Wenn zum Beispiel in Rußland der friedliche Übergang zur proletarischen Revolution mittels der Sowjets, die die klassische Form der proletarischen Revolution darstellen, nicht gelungen ist, welcher Grund liegt dann zu der Annahme vor, dass ein solcher Übergang mittels der Kuomintang gelingen könnte?

Daher bin ich der Meinung, dass ein friedlicher Übergang zur proletarischen Revolution in China als ausgeschlossen anzusehen ist.

FÜNFTE FRAGE

„Warum unternimmt die Wuhaner Regierung keine Offensive gegen Tschiang Kai-schek, sondern rückt gegen Tschiang Tso-lin vor?

Wird nicht durch die gleichzeitige Offensive der Wuhaner Regierung und Tschiang Kai-scheks gegen den Norden die Kampffront gegen die chinesische Bourgeoisie vertuscht?“

Nun, Genossen, Sie verlangen von der Wuhaner Regierung zuviel. Natürlich wäre es sehr schön, gleichzeitig Tschiang Tso-lin und Tschiang Kai-schek und Li Ti-sin und Yan Sen zu schlagen. Aber die Wuhaner Regierung befindet sich gegenwärtig in einer Lage, die ihr nicht gestattet, gleich an allen vier Fronten zur Offensive überzugehen. Die Wuhaner Regierung hat die Aktion gegen die Mukdener aus mindestens zwei Gründen unternommen.

Erstens, weil die Mukdener gegen Wuhan vorrücken und es liquidieren wollen; in Anbetracht dessen ist die Aktion gegen die Mukdener eine absolut unaufschiebbare Verteidigungsmaßnahme.

Zweitens, weil sich die Wuhaner mit den Truppen Feng Ju-hsiangs vereinigen und weiter vorrücken wollen, um die Basis der Revolution zu erweitern, was wiederum eine für Wuhan gegenwärtig äußerst wichtige militärisch-politische Angelegenheit ist.

Eine gleichzeitige Offensive an zwei so wichtigen Fronten wie der Front gegen Tschiang Kai-schek und der Front gegen Tschiang Tso-lin ist eine Sache, die gegenwärtig über die Kräfte der Wuhaner Regierung geht. Ich spreche schon gar nicht von einer Offensive im Westen gegen Yan Sen und im Süden gegen Li Ti-sin.

Während des Bürgerkriegs waren wir Bolschewiki stärker, und dennoch gelang es uns nicht, erfolgreiche Angriffsoperationen an allen Fronten zu entfalten. Mit welcher Berechtigung könnte man von der Regierung in Wuhan im gegebenen Augenblick mehr verlangen?

Und weiter: Was bedeutet es, jetzt gegen Schanghai eine Offensive zu unternehmen, da von Norden her die Mukdener und die Anhänger Wu Pei-fus gegen Wuhan vorrücken? Das bedeutet, den Mukdenern die Sache zu erleichtern und die Vereinigung mit den Truppen Fengs auf unbestimmte Zeit hinauszuschieben, ohne im Osten etwas zu gewinnen. Soll sich schon lieber Tschiang Kai-schek vorläufig im Gebiet Schanghai abzappeln und sich dort mit den Imperialisten einlassen.

Um Schanghai wird es noch Kämpfe geben und nicht solche, wie sie jetzt um Tschangtschou usw. geführt werden. Nein, dort wird es ernstere Kämpfe geben. Der Imperialismus wird Schanghai als Knotenpunkt von Weltbedeutung, wo sich die wichtigsten Interessen der imperialistischen Gruppen kreuzen, nicht so leicht hergeben.

Wäre es nicht zweckmäßiger, sich zunächst mit Feng zu vereinigen, in militärischer Hinsicht genügend Stärke zu erlangen, die Agrarrevolution mit aller Kraft zur Entfaltung zu bringen, eine verstärkte Arbeit zur Zersetzung des Hinterlands und der Front Tschiang Kai-scheks zu leisten und dann anschließend die Frage Schanghai in ihrem ganzen Umfang aufzuwerfen? Ich glaube, das wäre zweckmäßiger.

Daher handelt es sich hier keineswegs um eine „Vertuschung“ der Kampffront gegen die chinesische Bourgeoisie, denn man kann sie sowieso nicht vertuschen, wenn sich die Agrarrevolution entfaltet, und dass sie sich entfaltet und noch weiter entfalten wird - daran kann es jetzt wohl kaum einen Zweifel geben. Es handelt sich, wie gesagt, nicht um eine „Vertuschung“, sondern darum, eine zweckmäßige Kampftaktik auszuarbeiten.

Manche Genossen glauben, eine Offensive an allen Fronten sei jetzt das Hauptkennzeichen revolutionärer Gesinnung. Nein, Genossen, das stimmt nicht. Eine Offensive an allen Fronten wäre im gegebenen Augenblick eine Dummheit und hätte nichts mit revolutionärer Gesinnung zu tun. Man darf eine Dummheit nicht mit revolutionärer Gesinnung verwechseln.

SECHSTE FRAGE

„Ist eine kemalistische Revolution in China möglich“

Ich halte sie in China für unwahrscheinlich und daher für unmöglich.

Eine kemalistische Revolution ist nur in Ländern wie in der Türkei, in Persien und Afghanistan möglich, wo es kein oder fast kein Industrieproletariat gibt und wo keine machtvolle Agrarrevolution der Bauern im Gange ist. Die kemalistische Revolution ist die Revolution einer Oberschicht, die Revolution der nationalen Handelsbourgeoisie, zu der es im Verlauf des Kampfes gegen die fremdländischen Imperialisten kam und die sich in ihrer weiteren Entwicklung im Grunde genommen gegen die Bauern und Arbeiter, ja gegen die Möglichkeiten einer Agrarrevolution richtet.

Eine kemalistische Revolution ist in China unmöglich:

a) weil dort, in China, ein bestimmtes Minimum an kämpferischem und aktivem Industrieproletariat vorhanden ist, das unter den Bauern gewaltige Autorität besitzt;

b) weil dort eine entfaltete Agrarrevolution im Gange ist, die auf ihrem Wege die Überreste des Feudalismus hinwegfegt.

Die viele Millionen zählende Bauernschaft, die in einer ganzen Reihe von Provinzen bereits von Grund und Boden Besitz ergreift und die in ihrem Kampf vom revolutionären Proletariat Chinas geführt wird - das ist das Gegengift gegen die Möglichkeit einer so genannten kemalistischen Revolution.

Man darf die Partei der Kemalisten und die Partei der linken Kuomintang in Wuhan nicht auf eine Stufe stellen, ebensowenig wie man die Türkei und China auf eine Stufe stellen darf. In der Türkei gibt es keine Zentren wie Schanghai, Wuhan, Nanking, Tientsin usw. Angora kann sich keinesfalls mit Wuhan messen, ebenso wie sich die Partei der Kemalisten nicht mit der linken Kuomintang messen kann.

Man darf auch den Unterschied nicht außer acht lassen, der zwischen China und der Türkei vom Standpunkt der internationalen Lage aus besteht. Was die Türkei betrifft, so hat der Imperialismus bereits eine ganze Reihe seiner Hauptforderungen durchgesetzt, indem er der Türkei Syrien, Palästina, Mesopotamien und andere für die Imperialisten wichtige Gebiete weggenommen hat. Die Türkei ist jetzt auf die Ausmaße eines kleinen Staates mit 10-12 Millionen Einwohnern reduziert. Sie stellt für den Imperialismus weder einen ernsthaften Markt noch ein entscheidendes Anlagegebiet dar. Das konnte unter anderem deshalb geschehen, weil die alte Türkei ein Konglomerat von Nationalitäten darstellte und eine kompakte türkische Bevölkerung nur in Anatolien vorhanden war.

Anders verhält es sich mit China. China stellt ein in nationaler Hinsicht kompaktes Land mit einigen hundert Millionen Einwohnern dar, das den wichtigsten Absatzmarkt und wichtigsten Markt für Kapitalausfuhr in der ganzen Welt bildet. Während sich der Imperialismus dort, in der Türkei, mit der Losreißung einer Reihe überaus wichtiger Gebiete im Osten begnügen konnte, wobei er sich die nationalen Antagonismen zwischen Türken und Arabern innerhalb der alten Türkei zunutze machte, muss der Imperialismus hier, in China, das Messer in den lebendigen Leib des nationalen Chinas stoßen, es in Stücke zerschneiden und ihm ganze Provinzen wegnehmen, wenn er seine alten Positionen wahren oder wenigstens einen Teil dieser Positionen halten will.

Während dort, in der Türkei, der Kampf gegen den Imperialismus mit einer kümmerlichen antiimperialistischen Revolution der Kemalisten enden konnte, muss daher hier, in China, der Kampf gegen den Imperialismus einen wahren Volkscharakter, einen ausgesprochen nationalen Charakter annehmen, sich Schritt für Schritt vertiefen, zu erbitterten Schlachten gegen den Imperialismus führen und die Grundfesten des Imperialismus selbst in der ganzen Welt erschüttern.

Der größte Fehler der Opposition (Sinowjew, Radek, Trotzki) besteht darin, dass sie diesen ganzen Unterschied zwischen der Türkei und China nicht sieht, die kemalistische Revolution mit der Agrarrevolution vermengt und alles wahllos in einen Topf wirft.

Ich weiß, dass es unter den chinesischen Nationalisten Leute gibt, die der Idee des Kemalismus huldigen. Prätendenten auf die Rolle Kemals gibt es dort jetzt nicht wenig. Der erste unter ihnen ist Tschiang Kai-schek. Ich weiß, dass manche japanische Journalisten geneigt sind, Tschiang Kai-schek als chinesischen Kemal anzusehen. Aber all das sind Träume, Illusionen erschreckter Bourgeois. In China müssen entweder die chinesischen Mussolini wie Tschang Tso-lin und Tschang Tsun-tschan siegen, um dann durch den Schwung der Agrarrevolution gestürzt zu werden, oder Wuhan.

Tschiang Kai-schek und seine Parteigänger, die bemüht sind, die Mitte zwischen diesen beiden Lagern zu halten, müssen unweigerlich stürzen und werden das Schicksal Tschang Tso-lins und Tschang Tsun-tschans teilen.

SIEBENTE FRAGE

„Muss man jetzt die Losung der unverzüglichen Besitzergreifung des Bodens durch die Bauernschaft in China aufstellen, und wie sind die Tatsachen der Besitzergreifung des Bodens in Hunan einzuschätzen?“

Ich glaube, man muss sie aufstellen. Faktisch wird die Losung der Konfiskation des Bodens in einigen Gebieten bereits verwirklicht. In einer ganzen Reihe von Gebieten wie Hunan, Hupe usw. ergreifen die Bauern bereits von sich aus vom Boden Besitz, organisieren eigene Gerichte, rechnen selbst mit ihren Feinden ab und bauen einen eigenen Selbstschutz auf. Ich glaube, dass in der nächsten Zeit die gesamte Bauernschaft Chinas zur Verwirklichung der Losung der Konfiskation des Bodens übergehen wird. Darin liegt die Stärke der chinesischen Revolution.

Wenn Wuhan siegen will, wenn es sowohl gegen Tschang Tso-lin als auch gegen Tschiang Kai-schek, als auch gegen die Imperialisten eine wirkliche Macht schaffen will, so muss es die Agrarrevolution der Bauern für die Besitzergreifung der Ländereien der Gutsbesitzer mit allen Mitteln unterstützen.

Es wäre töricht, wollte man glauben, man könne den Feudalismus und den Imperialismus in China allein mit militärischen Kräften zu Boden werfen. Ohne Agrarrevolution und ohne aktive Unterstützung der Wuhaner Truppen durch die Millionenmassen der Bauern und Arbeiter ist es unmöglich, solche Kräfte zu Boden zu werfen.

Der Umsturz Tschiang Kai-scheks wird von der Opposition vielfach als Niedergang der chinesischen Revolution eingeschätzt. Das ist ein Fehler. Wer den Umsturz Tschiang Kai-scheks als Niedergang der chinesischen Revolution einschätzt, der setzt sich in Wirklichkeit für Tschiang Kai-schek ein, der setzt sich in Wirklichkeit dafür ein, dass man Tschiang Kai-schek in die Wuhaner Kuomintang zurückholt. Diese Leute glauben offenbar, die Revolution ginge besser voran, wenn Tschiang Kai-schek nicht abtrünnig geworden wäre. Das ist dumm und unrevolutionär. Der Umsturz Tschiang Kai-scheks hat in Wirklichkeit dazu geführt, dass sich die Kuomintang von Unrat gesäubert und der Kern der Kuomintang sich nach links verlagert hat. Natürlich konnte der Umsturz Tschiang Kai-scheks nicht vor sich gehen, ohne dass die Arbeiter in einer Reihe von Gebieten eine Teilniederlage erlitten. Aber das ist nur eine Teilniederlage, nur eine zeitweilige Niederlage. In Wirklichkeit ist die Revolution im Ganzen mit dem Umsturz Tschiang Kai-scheks in eine höhere Phase ihrer Entwicklung eingetreten, in die Phase der Agrarbewegung.

Darin liegen die Stärke und die Macht der chinesischen Revolution.

Die Bewegung der Revolution darf man nicht als eine Bewegung in ununterbrochen aufsteigender Linie betrachten. Das ist eine lebensfremde, nicht reale Vorstellung von der Revolution. Die Revolution verläuft stets im Zickzack; in einigen Gebieten ist sie in der Offensive und zerschlägt die alte Ordnung, in anderen Gebieten erleidet sie Teilniederlagen und zieht sich zurück. Der Umsturz Tschiang Kai-scheks ist ein solcher Zickzack im Verlauf der chinesischen Revolution, der erforderlich war, um die Revolution von Unrat zu säubern und sie auf dem Wege einer machtvollen Agrarbewegung voranzutreiben.

Damitaber diese Agrarbewegung feste Formen annehmen kann, muss sie ihre allgemeingültige Losung haben. Diese Losung ist die Konfiskation der Ländereien der Gutsbesitzer.

ACHTE FRAGE

„Warum ist die Losung der Organisierung von Sowjets gegenwärtig falsch?

Droht der chinesischen Kommunistischen Partei angesichts der Tatsache, dass in Honan Arbeitersowjets organisiert worden sind, nicht die Gefahr, hinter der Bewegung zurückzubleiben?“

Von welchen Sowjets ist die Rede, von proletarischen oder von nicht-proletarischen Sowjets, von „Bauern“sowjets, Sowjets der „Werktätigen“, „Volks“sowjets? Lenin sprach in seinen Thesen auf dem II. Kongress der Komintern von der Bildung von „Bauernsowjets“, „Sowjets der Werk-tätigen“ in den rückständigen Ländern des Ostens. Er meinte damit Länder wie Mittelasien, wo es „kein oder fast kein Industrieproletariat gibt“. Er meinte Länder wie Persien, Afghanistan usw. Daraus erklärt sich denn auch, dass in Lenin s Thesen kein einziges Wort über die Organisierung von Arbeitersowjets in diesen Ländern gesagt wird.

Daraus ist aber ersichtlich, dass sich Lenin s Thesen nicht auf China bezogen, von dem man nicht sagen kann, dass es dort „kein oder fast kein Industrieproletariat gibt“, sondern auf andere, rückständigere Länder des Ostens.

Folglich ist von der sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China die Rede. Folglich sind bei der Lösung dieser Frage nicht Lenin s Thesen, sondern die ebenfalls vom II. Kongress der Komintern angenommenen Thesen Roys zu berücksichtigen, in denen von der Bildung von Arbeiter- und Bauernsowjets in Ländern wie China und Indien die Rede ist. Dort heißt es aber, dass Arbeiter- und Bauernsowjets. in diesen Ländern beim Übergang von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution zu bilden sind.

Was sind die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten? Die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten sind hauptsächlich Organe des Aufstands gegen die bestehende Macht, Organe des Kampfes für die neue revolutionäre Macht, Organe der neuen revolutionären Macht. Die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten sind zugleich Zentren der Organisierung der Revolution.

Aber die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten können nur dann Zentren der Organisierung der Revolution sein, wenn sie Organe zum Sturz der bestehenden Macht, wenn sie Organe der neuen revolutionären Macht sind. Wenn sie nicht Organe der neuen revolutionären Macht sind, können sie auch nicht Zentren der Organisierung der revolutionären Bewegung sein. Das will die Opposition nicht begreifen, die gegen die Lenin sche Auffassung von den Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten zu Felde zieht.

Was bedeutet es, jetzt im Aktionsbereich, sagen wir, der Wuhaner Regierung Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten zu bilden? Das bedeutet, eine Doppelherrschaft ins Leben zu rufen, Organe des Aufstands gegen die Wuhaner Regierung zu bilden. Sollen die chinesischen Kommunisten die Wuhaner Regierung jetzt stürzen? Es ist klar, dass sie das nicht sollen. Im Gegenteil, sie müssen sie unterstützen und in ein Organ des Kampfes gegen Tschang Tso-lin, gegen Tschiang Kai-schek, gegen die Gutsherren und die Gentry, gegen den Imperialismus verwandeln.

Wenn aber die Kommunistische Partei die Wuhaner Regierung jetzt nicht stürzen darf, wozu sollten dann jetzt Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten gebildet werden?

Eins von beiden:

Entweder werden jetzt gleich Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten gebildet, um die Wuhaner Regierung zu stürzen, was in der gegenwärtigen Situation falsch und unzulässig wäre,

oder die Kommunisten nehmen jetzt, wenn sie Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten bilden, nicht Kurs auf den Sturz der Wuhaner Regierung, die Sowjets verwandeln sich nicht in Organe der neuen revolutionären Macht - und dann sterben sie ab und werden zu einer Parodie auf die Sowjets.

Davor hat Lenin stets gewarnt, wenn er von der Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten sprach.

In Ihrer „Frage“ heißt es, dass in Honan Arbeitersowjets entstanden seien und dass die Kommunistische Partei Gefahr laufe, hinter der Bewegung zurückzubleiben, wenn sie sich nicht mit der Losung der Bildung von Sowjets an die Massen wendet. Das ist Unsinn, Genossen. Es gibt jetzt in Honan keinerlei Sowjets der Arbeiterdeputierten. Das ist eine Ente, die von der englischen Presse losgelassen wurde. Es gibt dort „rote Lanzen“[63], es gibt dort Bauernbünde, aber von Sowjets der Arbeiterdeputierten ist vorläufig keine Spur da.

Natürlich kann man Arbeitersowjets bilden. Das ist nicht sehr schwer. Es geht aber nicht um die Bildung von Arbeitersowjets, sondern darum, sie in Organe der neuen revolutionären Macht zu verwandeln. Ohne das sind die Sowjets leerer Schall, eine Parodie auf die Sowjets. Vorzeitig Arbeitersowjets bilden, die dann Fiasko erleiden und zu leerem Schall werden - das eben bedeutet dazu beitragen, dass die Kommunistische Partei Chinas aus dem Führer der bürgerlich-demokratischen Revolution zu einem Anhängsel wird, zu einem Mittel für alle möglichen „ultralinken“ Experimente mit Sowjets.

Chrustalew, der erste Vorsitzende des Sowjets der Arbeiterdeputierten in Petersburg im Jahre 1905, forderte im Sommer 1906 ebenfalls die Wiederherstellung und folglich die Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten in der Annahme, die Sowjets seien fähig, von sich aus, unabhängig von der Situation, das Verhältnis der Klassenkräfte von Grund aus zu verändern. Lenin trat damals gegen Chrustalew auf und sagte, dass man im Sommer 1906 keine Sowjets der Arbeiterdeputierten bilden solle, da die Nachhut (Bauernschaft) der Vorhut (Proletariat) noch nicht nachgerückt war, und dass es gewagt und unzweckmäßig ist, unter solchen Bedingungen Sowjets zu bilden und damit die Losung des Aufstands aufzustellen.

Daraus aber folgt, dass man erstens die Rolle der Sowjets als solcher nicht überschätzen darf und dass man zweitens bei der Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten der jeweiligen Situation Rechnung tragen muss.

Muss man überhaupt in China Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten bilden?

Ja, man muss sie bilden. Man wird sie nach der Festigung der revolutionären Wuhaner Regierung, nach der Entfaltung der Agrarrevolution, beim Übergang von der Agrarrevolution, von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution bilden müssen.

Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten bilden bedeutet die Grundlagen der Sowjetmacht in China legen. Die Grundlagen der Sowjetmacht legen bedeutet aber die Grundlagen einer Doppelherrschaft legen und auf die Ablösung der gegenwärtigen Macht, der Macht der Wuhaner Kuomintang, durch die Sowjetmacht Kurs halten.

Ich denke, dafür ist die Zeit noch nicht gekommen.

In Ihrer „Frage“ wird von der Hegemonie des Proletariats und der Kommunistischen Partei in China gesprochen.

Was aber ist erforderlich, um dem chinesischen Proletariat die Rolle des Führers, die Rolle des Hegemons in der gegenwärtigen bürgerlich-demokratischen Revolution zu erleichtern?

Dazu ist vor allem erforderlich, dass die chinesische Kommunistische Partei eine festgefügte Organisation der Arbeiterklasse mit einem eigenen Programm, mit einer eigenen Plattform, mit ihrer eigenen Organisation, mit ihrer eigenen Linie darstellt.

Dazu ist zweitens erforderlich, dass die chinesischen Kommunisten in den ersten Reihen der Agrarbewegung der Bauern stehen, dass sie die Bauern, besonders die armen Bauern lehren, sich in revolutionären Verbänden und Komitees zu organisieren und auf die Konfiskation der Ländereien der Gutsbesitzer Kurs zu halten.

Dazu ist drittens erforderlich, dass die chinesischen Kommunisten ihre Positionen in der Armee festigen, dass sie die Armee revolutionieren, sie umgestalten und aus einem Instrument einzelner Abenteurer in ein Instrument der Revolution verwandeln.

Dazu ist schließlich erforderlich, dass die chinesischen Kommunisten in den örtlichen und zentralen Organen der Wuhaner Regierung, in den örtlichen und zentralen Organen der Wuhaner Kuomintang mitarbeiten und dort eine entschiedene Politik für die weitere Entfaltung der Revolution sowohl gegen die Gutsbesitzer als auch gegen den Imperialismus durchführen.

Die Opposition glaubt, die Selbständigkeit der chinesischen Kommunistischen Partei könne dadurch gewahrt werden, dass diese sich von den revolutionär-demokratischen Kräften loslöst und aus der Kuomintang und der Wuhaner Regierung austritt. Aber das wäre eine solche ziemlich zweifelhafte „Selbständigkeit“ wie die, von der bei uns die Menschewiki im Jahre 1905 redeten. Bekanntlich sagten die Menschewiki, als sie damals gegen Lenin auftraten: „Wir brauchen nicht Hegemonie, sondern Selbständigkeit der Arbeiterpartei.“ Lenin antwortete damals richtig, dass das eine Verneinung der Selbständigkeit ist, denn Selbständigkeit und Hegemonie einander entgegenstellen bedeutet das Proletariat in ein Anhängsel der liberalen Bourgeoisie verwandeln.

Ich denke, die Opposition, die jetzt von Selbständigkeit der chinesischen Kommunistischen Partei redet und zugleich fordert, beziehungsweise die Forderung durchblicken lässt, dass die chinesische Kommunistische Partei aus der Kuomintang und aus der Wuhaner Regierung austritt, gleitet auf den Weg der menschewistischen „Selbständigkeit“ der Periode von 1905 ab. Die tatsächliche Selbständigkeit und die tatsächliche Hegemonie kann die Kommunistische Partei nur dann wahren, wenn sie sowohl innerhalb der Kuomintang als auch außerhalb der Kuomintang, unter den breiten Massen der Werktätigen, zur führenden Kraft wird.

Nicht Austritt aus der Kuomintang, sondern Sicherung der führenden Rolle der Kommunistischen Partei sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kuomintang - das wird jetzt von der chinesischen Kommunistischen Partei verlangt, wenn sie wirklich selbständig sein will.

NEUNTE FRAGE

„Kann man gegenwärtig die Frage der Bildung einer regulären Roten Armee in China auf die Tagesordnung setzen?“

Ich glaube, dass man in der Perspektive diese Frage unbedingt in Betracht ziehen muss. Wenn man aber die Frage der praktischen Durchführung aufwirft, so erweist es sich als unmöglich, die gegenwärtige Armee jetzt, im gegebenen Augenblick, durch eine neue Armee, durch eine Rote Armee, zu ersetzen, und zwar einfach deshalb, weil vorläufig nichts da ist, was sie ersetzen könnte.

Die Hauptsache besteht jetzt darin, die bestehende Armee mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verbessern und zu revolutionieren und dadurch schon jetzt die Grundlagen für neue revolutionäre Regimenter und Divisionen revolutionärer Bauern, die die Schule der Agrarrevolution hinter sich haben, und revolutionärer Arbeiter zu legen, eine Reihe neuer, wirklich zuverlässiger Korps mit zuverlässigen Kommandeurkadern zu bilden und sie zum Bollwerk der revolutionären Regierung in Wuhan zu machen.

Diese Korps werden eben der Kern der neuen Armee sein, die sich dann zur Roten Armee entwickelt.

Das ist sowohl für den Kampf an den Fronten als auch insbesondere für den Kampf im Hinterland gegen alle möglichen konterrevolutionären Abenteurer notwendig.

Ohne das gibt es keine Garantie gegen Fehlschläge im Hinterland und an der Front, gegen Überlaufen und Verrat.

Ich denke, dass dieser Weg vorläufig der einzig mögliche und zweckmäßige Weg ist.

ZEHNTE FRAGE

„Ist es möglich, jetzt, im Augenblick des Kampfes gegen die Bourgeoisie, die Losung der Besitzergreifung der chinesischen Betriebe aufzustellen?

Unter welchen Bedingungen ist die Besitzergreifung der ausländischen Fabriken in China möglich, und wird das zur gleichzeitigen Besitzergreifung der chinesischen Betriebe führen?“

Ich denke, dass die Dinge, allgemein gesprochen, noch nicht soweit gediehen sind, um zur Besitzergreifung der chinesischen Betriebe übergehen zu können: Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass die hartnäckige Sabotage chinesischer Unternehmer, die Schließung einer ganzen Reihe dieser Betriebe und die künstliche Schaffung von Arbeitslosigkeit die Wuhaner Regierung zwingen kann, bereits jetzt damit zu beginnen, einige dieser Betriebe zu nationalisieren und sie mit Kräften der Wuhaner Regierung in Gang zu setzen.

Es ist möglich, dass die Wuhaner Regierung schon jetzt gezwungen sein wird, in einzelnen Fällen eine solche Maßnahme als Vorbeugungsmaßnahme gegen besonders böswillige und konterrevolutionäre chinesische Unternehmer zu ergreifen.

Was die ausländischen Betriebe angeht, so ist die Nationalisierung dieser Betriebe eine Frage der Zukunft. Die Nationalisierung dieser Betriebe ist eine direkte Kriegserklärung an die Imperialisten. Zu einer solchen Kriegserklärung bedarf es aber einer etwas anderen, günstigeren Situation als jetzt.

Ich denke, dass eine solche Maßnahme im gegenwärtigen Stadium der Revolution, da die Revolution noch nicht erstarkt ist, verfrüht und daher unzweckmäßig wäre.

Nicht darin besteht jetzt die Aufgabe, sondern darin, die Flamme der Agrarrevolution mit aller Kraft zu entfachen, die Hegemonie des Proletariats in dieser Revolution zu sichern, Wuhan zu stärken und es in ein Zentrum des Kampfes gegen alle und jegliche Feinde der chinesischen Revolution zu verwandeln.

Man darf sich nicht alle Aufgaben zugleich aufbürden und sich der Gefahr aussetzen, dass man sich überhebt. Zumal die Kuomintang und ihre Regierung nicht geeignet sind, solche kardinalen Aufgaben wie die Enteignung der Bourgeoisie, der chinesischen wie der ausländischen, zu lösen.

Für die Lösung solcher Aufgaben bedarf es einer anderen Situation, einer anderen Phase der Revolution, anderer Organe der revolutionären Macht.

J. Stalin, Die Revolution in China
und die Fehler der Opposition.
Moskau / Lenin grad 1927.

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