"Stalin"

Werke

Band 9

DIE REVOLUTION IN CHINA
UND DIE AUFGABEN DER KOMINTERN

Rede in der X. Sitzung des VIII. Plenums des EKKI[65]
24. Mai 1927

I
EINIGE KLEINE FRAGEN

Genossen! Ich muss mich entschuldigen, dass ich mich heute zur Sitzung des Exekutivkomitees verspätet habe und die Rede, die Trotzki hier im Exekutivkomitee verlesen hat, nicht ganz anhören konnte.

Ich glaube jedoch, dass Trotzki dem Exekutivkomitee in den letzten Tagen eine solche Menge von Literatur, Thesen und Briefen über die chinesische Frage geliefert hat, dass es uns an Material für eine Kritik an der Opposition nicht mangeln kann.

Ich werde daher bei meiner Kritik an Trotzkis Fehlern von diesen Dokumenten ausgehen und zweifle nicht daran, dass diese Kritik zugleich eine Kritik an den Grundlagen der heutigen Rede Trotzkis sein wird.

Ich werde bemüht sein, in der Polemik das persönliche Element nach Möglichkeit auszuschalten. Die persönlichen Angriffe Trotzkis und Sinowjews auf einzelne Mitglieder des Politbüros des ZK der KPdSU(B) und des Präsidiums des EKKI sind es nicht wert, dass man sich bei ihnen aufhält.

Trotzki möchte offenbar in den Sitzungen des Exekutivkomitees der Komintern die Rolle eines Helden spielen, um zu erreichen, dass sich das Exekutivkomitee nicht mit den Fragen der Kriegsgefahr, der chinesischen Revolution usw. befasst, sondern einzig mit der Frage Trotzki. Ich bin der Meinung, Trotzki ist so viel Beachtung nicht wert. (Zwischenruf: „Richtig!“) Um so mehr, als er eher an einen Komödianten erinnert als an einen Helden und man einen Komödianten keinesfalls mit einem Helden verwechseln darf.

Ich spreche schon gar nicht davon, dass es für Bucharin oder Stalin gar keine Beleidigung sein kann, wenn Leute wie Trotzki und Sinowjew, die vom VII. erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der sozialdemokratischen Abweichung überführt worden sind, die Bolschewiki beschimpfen. Im Gegenteil, es wäre für mich die größte Beleidigung, wenn Halbmenschewiki vorn Schlage eines Trotzki und Sinowjew mich lobten und nicht auf mich schimpften.

Ich werde mich auch nicht darüber verbreiten, ob die Opposition durch ihr gegenwärtiges fraktionelles Auftreten gegen die von ihr am 16.Oktober 1926 übernommenen Verpflichtungen verstoßen hat. Trotzki versichert, dass er auf Grund der Deklaration der Opposition vom 16.Oktober 1926 das Recht habe, seine Auffassungen zu verteidigen. Das trifft natürlich zu. Wenn Trotzki aber behaupten will, dass sich die Deklaration darin erschöpfe, so kann man dies nur als Sophismus bezeichnen.

In der Deklaration der Opposition vom 16.Oktober ist nicht nur von dem Recht der Opposition, ihre Auffassungen zu verteidigen, die Rede, sondern auch davon, dass diese Auffassungen nur in einem solchen Rahmen, den die Partei für zulässig hält, verteidigt werden dürfen, dass mit der Fraktionsmacherei Schluss gemacht und aufgeräumt werden muss, dass die Opposition verpflichtet ist, sich dem Willen der Partei und den Beschlüssen des ZK „vorbehaltlos zu unterwerfen“, dass die Opposition sich diesen Beschlüssen nicht nur unterwerfen, sondern sie auch gewissenhaft „durchführen“ muss.

Bedarf es da nach alledem noch eines Beweises, dass die Opposition gegen ihre Deklaration vom 16. Oktober 1926 verstoßen und sie in gröblichster Weise in Fetzen gerissen hat?

Ich werde mich auch nicht über die ungehörigen und grob verleumderischen Entstellungen des Standpunkts des ZK der KPdSU(B) und der Komintern in der chinesischen Frage verbreiten, wie sie in den zahlreichen Thesen, Aufsätzen und Reden der Opposition enthalten sind. Trotzki und Sinowjew behaupten in einem fort, dass das ZK der KPdSU(B) und die Komintern sich angeblich für eine Politik der „Unterstützung“ der nationalen Bourgeoisie in China eingesetzt haben und einsetzen.

Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass diese Behauptung Trotzkis und Sinowjews ein Hirngespinst, eine Verleumdung, eine bewusste Entstellung der Tatsachen ist. In Wirklichkeit setzten sich das ZK der KPdSU(B) und die Komintern nicht für eine Politik der Unterstützung der nationalen Bourgeoisie, sondern für eine Politik der Ausnutzung der nationalen Bourgeoisie ein, solange die Revolution in China eine Revolution der vereinigten gesamtnationalen Front war, und ersetzten diese Politik dann durch die Politik des bewaffneten Kampfes gegen die nationale Bourgeoisie, als die Revolution in China zu einer Agrarrevolution wurde und die nationale Bourgeoisie sich von der Revolution abzuwenden begann.

Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur solche Dokumente durchzusehen wie die Resolution des VII. erweiterten Plenums, den bekannten Aufruf des Exekutivkomitees der Komintern[66], Stalins Thesen für Propagandisten und schließlich die dieser Tage dem Präsidium des Exekutivkomitees der Komintern unterbreiteten Thesen Bucharins.

Das ist ja eben das Unglück der Opposition, dass sie ohne Verleumdungen und Entstellungen nicht auskommen kann.

Kommen wir zur Sache.

II
DIE AGRARREVOLUTION DER BAUERN ALS
GRUNDLAGE DER BÜRGERLICH-DEMOKRATISCHEN
REVOLUTION

Der Grundfehler Trotzkis besteht darin, dass er Sinn und Charakter der chinesischen Revolution nicht begreift. Die Komintern geht davon aus, dass gegenwärtig der dominierende Faktor der Unterdrückung in China, der die Agrarrevolution antreibt, die Überreste des Feudalismus sind. Die Komintern geht davon aus, dass die Überreste des Feudalismus im chinesischen Dorf und der ganze militaristisch-bürokratische Überbau über diesen Überresten mit all den Dsudsunen, Gouverneuren, Generalen, allerlei Tschang Tso-lins usw. die Grundlage bilden, auf der die jetzige Agrarrevolution entstanden ist und auf der sie sich entfaltet.

Wenn in einer ganzen Reihe von Provinzen 70 Prozent der Einkünfte des Bauern dem Gutsherrn und der Gentry gehören, wenn die Gutsherren, die bewaffneten wie die nicht bewaffneten, nicht nur auf ökonomischem Gebiet, sondern auch auf dem Gebiet der Verwaltung und der Gerichtsbarkeit die Macht verkörpern, wenn bis auf den heutigen Tag in einer Reihe von Provinzen noch der mittelalterliche Kauf und Verkauf von Frauen und Kindern gang und gäbe ist - so kann man nicht umhin anzuerkennen, dass die feudalen Überreste die Grundform der Unterdrückung in den chinesischen Provinzen bilden.

Gerade weil die feudalen Überreste mit ihrem gesamten militaristisch-bürokratischen Überbau die Grundform der Unterdrückung in China bilden - gerade darum macht China gegenwärtig eine in ihrer Kraft und ihrem Schwung gewaltige Agrarrevolution durch.

Was aber ist eine Agrarrevolution? Sie ist gerade die Grundlage und der Inhalt der bürgerlich-demokratischen Revolution.

Eben deshalb sagt auch die Komintern, dass China gegenwärtig eine bürgerlich-demokratische Revolution durchmacht.

Die bürgerlich-demokratische Revolution in China richtet sich jedoch nicht nur gegen die feudalen Überreste. Sie richtet sich zugleich gegen den Imperialismus.

Warum?

Weil der Imperialismus mit seiner gesamten finanziellen und militärischen Macht in China die Kraft ist, die die feudalen Überreste mit ihrem ganzen bürokratisch-militaristischen Überbau stützt, inspiriert, kultiviert und konserviert.

Weil man die feudalen Überreste in China nicht beseitigen kann, ohne zugleich einen revolutionären Kampf gegen den Imperialismus in China zu führen.

Weil derjenige, der die feudalen Überreste in China vernichten will, die Hand unbedingt gegen den Imperialismus und die imperialistischen Gruppen in China erheben muss.

Weil man, ohne einen entschlossenen Kampf gegen den Imperialismus zu führen, die feudalen Überreste in China nicht zerschlagen und beseitigen kann.

Eben deshalb sagt auch die Komintern, dass die bürgerlich-demokratische Revolution in China zugleich eine antiimperialistische Revolution ist.

Somit ist die gegenwärtige Revolution in China eine Vereinigung zweier Ströme der revolutionären Bewegung, der Bewegung gegen die feudalen Überreste und der Bewegung gegen den Imperialismus. Die bürgerlich-demokratische Revolution in China ist eine Vereinigung des Kampfes gegen die feudalen Überreste mit dem Kampf gegen den Imperialismus.

Das ist der Ausgangspunkt für die gesamte Linie der Komintern (und folglich auch des ZK der KPdSU(B)) in Bezug auf die Fragen der chinesischen Revolution.

Welches ist aber der Ausgangspunkt für Trotzkis Position in der chinesischen Frage? Er ist dem soeben dargelegten Standpunkt der Komintern diametral entgegengesetzt. Entweder erkennt Trotzki das Vorhandensein feudaler Überreste in China überhaupt nicht an, oder er misst ihnen keine entscheidende Bedeutung bei. Trotzki (und folglich auch die Opposition) unterschätzt die Stärke und die Bedeutung der feudal-bürokratischen Unterdrückung in China und ist der Meinung, dass die Hauptursache der chinesischen nationalen Revolution die staatliche Zollabhängigkeit Chinas von den Ländern des Imperialismus ist.

Gestatten Sie mir, auf Trotzkis bekannte, dem ZK der KPdSU(B) und dem Exekutivkomitee der Komintern vor einigen Tagen zugestellte Thesen zu verweisen. Die Überschrift dieser Thesen Trotzkis lautet: „Die chinesische Revolution und die Thesen Stalins“.

Folgendes schreibt Trotzki in diesen Thesen:

„Völlig unhaltbar ist der Versuch Bucharins, die opportunistische, kompromisslerische Linie durch Berufung auf die in der chinesischen Ökonomik angeblich dominierende Rolle der ‚Überreste des Feudalismus’ zu rechtfertigen. Selbst wenn sich Bucharins Beurteilung der chinesischen Wirtschaft auf eine ökonomische Analyse gründete und nicht auf scholastische Definitionen, könnten die ‚Überreste des Feudalismus’ dennoch die Politik nicht rechtfertigen, die den Umsturz im April so offenkundig erleichtert hat. Die chinesische Revolution hat national-bürgerlichen Charakter, und die Hauptursache hierfür ist, dass die Entwicklung der Produktivkräfte des chinesischen Kapitalismus auf die Schranke der staatlichen Zollabbängigkeit Chinas von den imperialistischen Ländern stößt.“ (Siehe Trotzki, „Die chinesische Revolution und die Thesen Stalins“.)

Bei einer oberflächlichen Betrachtung dieses Zitats könnte man meinen, Trotzki ziehe nicht gegen die Linie der Komintern in der Frage des Charakters der chinesischen Revolution zu Felde, sondern gegen die „kompromisslerische Politik Bucharins“. Aber das trifft natürlich nicht zu. In Wirklichkeit handelt es sich in diesem Zitat um die Leugnung der „dominierenden Rolle“ der feudalen Überreste in China. In Wirklichkeit handelt es sich hier darum, die sich gegenwärtig entfaltende Agrarrevolution in China als eine Revolution der Oberschichten, sozusagen als eine Antizollrevolution, hinzustellen.

Das Geschwätz von einer „kompromisserischen Politik“ Bucharins brauchte Trotzki hier, um seinen Abfall von der Linie der Komintern zu bemänteln. Das ist - ich spreche es offen aus - die übliche Spitzbubenmanier Trotzkis.

Trotzki zufolge wären also die feudalen Überreste in China mit ihrem ganzen militaristisch-bürokratischen Überbau gegenwärtig nicht die Haupttriebfeder der chinesischen Revolution, sondern eine zweitrangige und unbedeutende Kraft, die es lediglich verdient, in Anführungszeichen gesetzt zu werden.

Trotzki zufolge wäre also die „Hauptursache“ der nationalen Revolution in China die Zollabhängigkeit Chinas von den Imperialisten, und die Revolution in China wäre demzufolge in der Hauptsache sozusagen eine Antizollrevolution.

Das ist der Ausgangspunkt der Konzeption Trotzkis.

Das ist die Ansicht Trotzkis über den Charakter der chinesischen Revolution.

Gestatten Sie mir zu bemerken, dass dieser Standpunkt der Standpunkt eines Staatsrats „Seiner Hoheit“ Tschang Tso-lin ist.

Wenn Trotzkis Standpunkt richtig ist, dann muss man zugeben, dass Tschang Tso-lin und Tschiang Kai-schek Recht haben, die weder eine Agrarrevolution noch eine Arbeiterrevolution wollen und lediglich die Aufhebung der ungleichen Verträge und die Herstellung der Zollautonomie Chinas zu erreichen suchen.

Trotzki ist auf den Standpunkt eines Kanzleibeamten Tschang Tsolins und Tschiang Kai-scheks hinab geglitten.

Wenn die Überreste des Feudalismus in Anführungszeichen zu setzen sind; wenn die Komintern, die erklärt, dass die Überreste des Feudalismus im gegenwärtigen Stadium der Revolution dominierende Bedeutung haben, Unrecht hat; wenn die Grundlage der chinesischen Revolution die Zollabhängigkeit ist, nicht aber der Kampf gegen die feudalen Überreste und den sie stutzenden Imperialismus - was bleibt denn dann von der Agrarrevolution in China übrig?

Wie ist es dann zur Agrarrevolution in China und zu deren Forderung nach Konfiskation der Ländereien der Gutsbesitzer gekommen? Mit welcher Berechtigung hält man in einem solchen Fall die chinesische Revolution für eine bürgerlich-demokratische Revolution? Ist es etwa nicht Tatsache, dass die Agrarrevolution die Grundlage der bürgerlich-demokratischen Revolution ist? Konnte die Agrarrevolution etwa vom Himmel fallen?

Ist es etwa nicht Tatsache, dass Millionen und Dutzende von Millionen Bauern in die gewaltige Agrarrevolution in solchen Provinzen wie Hunan, Hupe, Honan usw. hineingezogen sind, wo die Bauern eine eigene Macht, ein eigenes Gericht, einen eigenen Selbstschutz aufbauen, die Gutsbesitzer davonjagen und mit ihnen „auf plebejische Art“ abrechnen?

Wie konnte es zu einer so machtvollen Agrarbewegung kommen, wenn die feudal-militaristische Unterdrückung nicht die dominierende Form der Unterdrückung in China wäre?

Wie konnte diese machtvolle Bewegung Dutzender von Millionen Bauern zugleich antiimperialistischen Charakter annehmen, wenn man nicht anerkennt, dass der Imperialismus der Hauptverbündete der feudal-militaristischen Unterdrücker des chinesischen Volkes ist?

Ist es etwa nicht Tatsache, dass allein in Hunan der Bauernbund gegenwärtig mehr als zweieinhalb Millionen Mitglieder zählt? Und wieviel Mitglieder zählt er jetzt in Hupe, in Honan, und wieviel wird er in allernächster Zeit in den anderen Provinzen Chinas zählen?

Und die „Roten Lanzen“, die „Verbände der leeren Bäuche“ usw. - ist das alles etwa nur ein Hirngespinst und keine Realität?

Kann man etwa ernstlich behaupten, die Agrarrevolution Dutzender von Millionen Bauern mit der Losung der Konfiskation der Gutsbesitzerländereien sei nicht gegen wirkliche und offensichtliche Überreste des Feudalismus gerichtet, sondern gegen eingebildete, nur in Anführungszeichen zu setzende Überreste des Feudalismus?

Ist es etwa nicht klar, dass Trotzki auf den Standpunkt eines Kanzleibeamten „Seiner Hoheit“ Tschang Tso-lin hinab geglitten ist? Somit haben wir zwei Grundlinien:

a) die Linie der Komintern, die dem Vorhandensein feudaler Überreste in China als der dominierenden Form der Unterdrückung, der entscheidenden Bedeutung der machtvollen Agrarbewegung, der Verknüpfung der feudalen Überreste mit dem Imperialismus, dem bürgerlich-demokratischen Charakter der chinesischen Revolution, deren Kampf gegen den Imperialismus zugespitzt ist, Rechnung trägt;

b) die Linie Trotzkis, die die dominierende Bedeutung der feudal-militaristischen Unterdrückung leugnet, die entscheidende Bedeutung der revolutionären Agrarbewegung in China nicht sieht und den antiimperialistischen Charakter der chinesischen Revolution lediglich mit den Interessen des die Zollautonomie Chinas fordernden chinesischen Kapitalismus erklärt.

Der Grundfehler Trotzkis (und folglich auch der Opposition) besteht in der Unterschätzung der Agrarrevolution in China, im Nichtbegreifen des bürgerlich-demokratischen Charakters dieser Revolution, in der Leugnung der Voraussetzungen für die viele Millionen umfassende Agrarbewegung in China, in der Unterschätzung der Rolle der Bauernschaft in der chinesischen Revolution.

Dieser Fehler ist bei Trotzki nicht neu. Er bildet den charakteristischen Zug für die ganze Linie, die Trotzki während der ganzen Periode seines Kampfes gegen den Bolschewismus verfolgte.

Die Unterschätzung der Rolle der Bauernschaft in der bürgerlich-demokratischen Revolution ist der Fehler, der Trotzki seit 1905 anhaftet, der vor der Februarrevolution 1917 besonders krass in Erscheinung trat und den er bis auf den heutigen Tag nicht losgeworden ist.

Gestatten Sie mir, auf einige Tatsachen aus dem Kampfe Trotzkis gegen den Lenin ismus zu verweisen, zum Beispiel aus der Zeit am Vorabend der Februarrevolution 1917, als wir dem Siege der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland entgegen schritten.

Trotzki behauptete damals, dass, da sich die Differenzierung in der Bauernschaft verstärkt habe, da wir jetzt die Herrschaft des Imperialismus haben und das Proletariat sich der bürgerlichen Nation entgegenstelle, die Rolle der Bauernschaft immer geringer werden und die Agrarrevolution nicht die Bedeutung haben werde, die man ihr im Jahre 1905 beigemessen hat.

Was antwortete Lenin darauf? Gestatten Sie mir, ein Zitat aus einem Artikel Lenin s vom Jahre 1915 über die Rolle der Bauernschaft in der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland anzuführen:

„Die originelle Theorie Trotzkis“ (es handelt sich um Trotzkis „permanente Revolution“. J.St.) „übernimmt von den Bolschewiki den Appell zum entschlossenen revolutionären Kampf des Proletariats und zur Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, von den Menschewiki aber die ‚Negierung’ der Rolle der Bauernschaft. Die Bauernschaft sei in Schichten zerfallen, habe sich differenziert; ihre mögliche revolutionäre Rolle sei immer geringer geworden; in Rußland sei eine ‚nationale’ Revolution unmöglich: ‚Wir leben in der Epoche des Imperialismus’, ‚der Imperialismus’ aber ‚stellt nicht die bürgerliche Nation dem alten Regime, sondern das Proletariat der bürgerlichen Nation entgegen’.

Da haben wir ein kurioses Beispiel für ein ‚Spiel mit dem Wörtchen’ Imperialismus! Wenn in Rußland das Proletariat bereits ‚der bürgerlichen Nation’ gegenübersteht, dann heißt das: Rußland steht direkt vor der sozialistischen Revolution!! Dann ist die (von der Januarkonferenz 1912 aufgestellte und danach von Trotzki 1915 wiederholte) Losung ‚Konfiskation der Ländereien der Gutsbesitzer’ falsch, dann muss man nicht von ‚revolutionärer Arbeiter’regierung, sondern von ‚sozialistischer Arbeiter’regierung sprechen!! Wie weit das Durcheinander bei Trotzki geht, ersieht man aus seinem Satz, das Proletariat werde durch seine Entschlossenheit auch die ‚nichtproletarischen (!) Volksmassen’ mit sich reißen (Nr. 217)!! Trotzki hat sich nicht überlegt, dass, wenn es dem Proletariat gelingt, die nichtproletarischen ländlichen Massen zur Konfiskation der Gutsbesitzerländereien mit sich zu reißen und die Monarchie zu stürzen, dies eben die Vollendung der ‚nationalen bürgerlichen Revolution’ in Rußland, dies eben die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft sein wird!

Das ganze Jahrzehnt 1905 bis 1915 - dieses große Jahrzehnt - hat das Vorhandensein von zwei und von nur zwei Klassenlinien der russischen Revolution erwiesen. Die Differenzierung der Bauernschaft hat den Klassenkampf innerhalb der Bauernschaft verstärkt, hat sehr viele politisch schlummernde Elemente wachgerüttelt und das Landproletariat dem städtischen Proletariat näher gebracht (auf einer besonderen Organisation des Landproletariats bestanden die Bolschewiki seit 1906, und sie brachten diese Forderung in die Resolution des Stockholmer, menschewistischen, Parteitags hinein). Aber der Antagonismus zwischen der ‚Bauernschaft’ und den Markow - Romanow - Chwostow ist stärker geworden, ist gewachsen, hat sich verschärft. Das ist eine so offensichtliche Wahrheit, dass sogar Tausende von Phrasen in Dutzenden von Pariser Trotzki-Artikeln sie nicht ‚zu widerlegen’ vermögen. In Wirklichkeit hilft Trotzki den liberalen Arbeiterpolitikern in Rußland, die unter der ‚Negierung’ der Rolle der Bauernschaft den mangelnden Willen verstehen, die Bauern zur Revolution aufzurütteln! Das aber ist jetzt der Angelpunkt.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 381/382, russ.)

 

Und diese Besonderheit des Schemas Trotzkis, die darin besteht, dass er die Bourgeoisie sieht, das Proletariat sieht, die Bauernschaft jedoch nicht bemerkt und ihre Rolle in der bürgerlich-demokratischen Revolution nicht begreift - eben diese Besonderheit bildet den Grundfehler der Opposition in der chinesischen Frage.

Darin besteht ja gerade der „Halbmenschewismus“ Trotzkis und der Opposition in der Frage des Charakters der chinesischen Revolution.

Diesem Grundfehler entspringen alle übrigen Fehler der Opposition, der ganze Wirrwarr in den Thesen der Opposition zur chinesischen Frage.

III
DIE KUOMINTANG DER RECHTEN IN NANKING,
DIE DIE KOMMUNISTEN HINMORDET, UND DIE
KUOMINTANG DER LINKEN IN WUHAN, DIE EIN
BÜNDNIS MIT DEN KOMMUNISTEN UNTERHÄLT

Nehmen wir beispielsweise die Frage Wuhan. Die Einstellung der Komintern zur Frage der revolutionären Rolle Wuhans ist bekannt und klar. Da China eine Agrarrevolution durchmacht; da ein Sieg der Agrarrevolution ein Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution, ein Sieg der revolutionären Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft ist; da Nanking das Zentrum der nationalen Konterrevolution, Wuhan aber das Zentrum der revolutionären Bewegung in China ist - so ist es notwendig, die Wuhaner Kuomintang zu unterstützen, ist es notwendig, dass die Kommunisten dieser Kuomintang angehören und an ihrer revolutionären Regierung teilnehmen - unter der Bedingung, dass die führende Rolle des Proletariats und seiner Partei sowohl innerhalb der Kuomintang als auch außerhalb der Kuomintang gewährleistet wird.

Ist die gegenwärtige Wuhaner Regierung ein Organ der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft? Nein, vorläufig ist sie es nicht und wird es so bald auch nicht werden. Sie hat aber alle Chancen, sich bei der weiteren Entwicklung der Revolution, bei Erfolgen dieser Revolution, zu einem solchen Organ zu entwickeln.

Das ist die Einstellung der Komintern.

Ganz anders betrachtet Trotzki die Dinge. Er ist der Meinung, Wuhan sei eine „Fiktion“ und nicht das Zentrum der revolutionären Bewegung. Auf die Frage, was die linke Kuomintang gegenwärtig darstelle, erwidert Trotzki: „Zunächst noch nichts oder fast nichts.“

Nehmen wir einmal an, Wuhan sei eine Fiktion. Wenn aber Wuhan eine Fiktion ist, warum fordert Trotzki dann nicht einen entschiedenen Kampf gegen diese Fiktion? Seit wann unterstützen Kommunisten eine Fiktion, beteiligen sich an einer Fiktion, stehen an der Spitze einer Fiktion usw.? Ist es etwa nicht Tatsache, dass Kommunisten verpflichtet sind, gegen Fiktionen zu kämpfen? Ist es etwa nicht Tatsache, dass es Betrug am Proletariat und an der Bauernschaft ist, wenn Kommunisten es ablehnen, gegen Fiktionen zu kämpfen? Warum schlägt Trotzki nicht vor, gegen diese Fiktion zu kämpfen, und sei es durch unverzüglichen Austritt der Kommunisten aus der Wuhaner Kuomintang und der Wuhaner Regierung? Warum schlägt Trotzki vor, in dieser Fiktion zu verbleiben und nicht aus ihr auszutreten? Wo ist hier die Logik?

Erklärt sich diese „logische“ Ungereimtheit nicht dadurch, dass Trotzki, nachdem er gegen Wuhan zum Schlage ausgeholt und es als Fiktion bezeichnet hat, es dann mit der Angst zu tun bekam und sich nicht entschließen konnte, in seinen Thesen die entsprechende Schlussfolgerung zu ziehen?

Oder nehmen wir beispielsweise Sinowjew. In seinen auf der Plenartagung des ZK der KPdSU(B) im April dieses Jahres verteilten Thesen qualifiziert Sinowjew die Kuomintang in Wuhan als Kemalistenregierung aus der Periode des Jahres 1920. Die Kemalistenregierung ist aber eine Regierung des Kampfes gegen Arbeiter und Bauern, eine Regierung, in der für Kommunisten kein Platz ist noch sein kann. Man sollte meinen, aus einer solchen Qualifizierung Wuhans könne nur eine Schlussfolgerung gezogen werden: entschiedener Kampf gegen Wuhan, Sturz der Wuhaner Regierung.

So können aber nur gewöhnliche Menschen mit gewöhnlicher menschlicher Logik denken.

Sinowjew denkt anders. Er qualifiziert die Wuhaner Regierung in Hankou als Kemalistenregierung, schlägt aber zugleich vor, dieser selben Regierung tatkräftigste Unterstützung zu erweisen, schlägt vor, dass die Kommunisten nicht aus ihr austreten und der Kuomintang in Wuhan nicht den Rücken kehren sollen usw. Er sagt direkt:

„Man muss Hankou tatkräftigste und allseitige Unterstützung erweisen und von dort aus die Abwehr der Cavaignac organisieren. In der nächsten Zeit müssen die Kräfte gerade darauf konzentriert werden, den Hankouern zu helfen, sich zu organisieren und zu konsolidieren.“ (Siehe Sinowjews Thesen.)

Das verstehe, wer kann!

Trotzki sagt, Wuhan, das heißt Hankou, sei eine Fiktion. Sinowjew dagegen behauptet, Wuhan sei eine Kemalistenregierung. Daraus müsste die Schlussfolgerung gezogen werden: Kampf gegen die Fiktion oder Kampf für den Sturz der Wuhaner Regierung. Indes schrecken sowohl Trotzki als auch Sinowjew davor zurück, die sich aus ihren Voraussetzungen zwangsläufig ergebende Schlussfolgerung zu ziehen, Sinowjew aber geht sogar noch weiter und schlägt vor, „Hankou tatkräftigste und allseitige Unterstützung zu erweisen“.

Wovon zeugt das alles? Es zeugt davon, dass sich die Opposition in Widersprüche verstrickt hat. Sie hat die Fähigkeit eingebüßt, logisch zu denken, und hat alle Perspektiven verloren.

Wirrwarr in den Anschauungen, Verlust jeder Perspektive in der Frage Wuhan - das ist der Standpunkt Trotzkis und der Opposition, wenn man Wirrwarr überhaupt als Standpunkt bezeichnen kann.

IV
ÜBER DIE SOWJETS DER
ARBEITER- UND BAUERNDEPUTIERTEN IN CHINA

Oder nehmen wir weiter beispielsweise die Frage der Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China.

Zur Frage der Organisierung von Sowjets haben wir drei Resolutionen, die auf dem II. Kongress der Komintern angenommen wurden: Lenin s Thesen über die Bildung von nichtproletarischen Sowjets, von Bauernsowjets in rückständigen Ländern, Roys Thesen über die Bildung von .Arbeiter- und Bauernsowjets in Ländern wie China und Indien und die speziellen Thesen „Wann und unter welchen Bedingungen können Sowjets der Arbeiterdeputierten gebildet werden“.

Lenin s Thesen handeln von der Bildung von „Bauern“sowjets, von „Volks“sowjets, von nichtproletarischen Sowjets in Ländern wie denen in Mittelasien, wo es kein oder fast kein Industrieproletariat gibt. Lenin s Thesen enthalten kein Wort über die Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten in diesen Ländern. Dabei wird in Lenin s Thesen als eine der notwendigen Voraussetzungen für die Entwicklung und Bildung von „Bauern“sowjets, von „Volks„sowjets in den rückständigen Ländern die direkte Unterstützung der Revolution in diesen Ländern seitens des Proletariats der UdSSR bezeichnet. Es ist klar, dass diese Thesen sich nicht auf China oder Indien beziehen, wo es ein gewisses Minimum an Industrieproletariat gibt und wo die Bildung von Arbeitersowjets unter gewissen Bedingungen die Voraussetzung für die Bildung von Bauernsowjets ist, sondern auf andere, rückständigere Länder wie Persien usw.

Roys Thesen beziehen sich hauptsächlich auf China und Indien, wo es ein Industrieproletariat gibt. In diesen Thesen wird vorgeschlagen, unter bestimmten Bedingungen, in der Übergangsperiode von der bürgerlichen zur proletarischen Revolution, Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten zu bilden. Es ist klar, dass diese Thesen sich direkt auf China beziehen.

In den besonderen Thesen des II. Kongresses, betitelt: „Wann und unter welchen Bedingungen können Sowjets der Arbeiterdeputierten gebildet werden“, wird von der Rolle der Sowjets der Arbeiterdeputierten auf Grund der Erfahrung aus der Revolution in Rußland und Deutschland gesprochen. In diesen Thesen wird festgestellt, dass die „Sowjets ohne proletarische Revolution sich unabwendbar in eine Parodie auf Sowjets verwandeln“. Es ist klar, dass wir bei der Behandlung der Frage der sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China auch diese Thesen berücksichtigen müssen.

Wie ist es um die Frage der sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China bestellt, wenn man dabei sowohl die gegenwärtige Situation in China und das Bestehen der Wuhaner Kuomintang, als des Zentrums der revolutionären Bewegung, wie auch die Direktiven in den beiden letzten Thesen des 11. Kongresses der Komintern berücksichtigt?

Jetzt beispielsweise im Aktionsbereich der Wuhaner Regierung Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten zu bilden, bedeutet, eine Doppelherrschaft ins Leben zu rufen, bedeutet, die Losung des Kampfes für den Sturz der linken Kuomintang und für die Bildung einer neuen Macht, der Sowjetmacht, in China auszugeben.

Die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten sind Organe des Kampfes für den Sturz der bestehenden Macht, Organe des Kampfes für eine neue Macht. Die Bildung von Sowjets der Arbeiter -und Bauerndeputierten muss eine Doppelherrschaft ins Leben rufen, eine Doppelherrschaft aber muss zu einer Zuspitzung der Frage führen, wem die gesamte Macht gehören soll.

Wie lagen die Dinge in Rußland im März, April, Mai, Juni 1917? Damals bestand die Provisorische Regierung, die die Hälfte der Macht in ihren Händen hatte, doch muss man wohl sagen die realere Macht, da sie noch immer von den Truppen unterstützt wurde. Daneben bestanden die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, die gleichfalls etwa die Hälfte der Macht in ihren Händen hatten, wenn auch keine so reale Macht wie die Provisorische Regierung. Die Losung der Bolschewiki war damals Beseitigung der Provisorischen Regierung und Übergabe der gesamten Macht an die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Niemand von den Bolschewiki dachte damals daran, in die Provisorische Regierung einzutreten, denn man kann nicht in eine Regierung eintreten, wenn man auf den Sturz dieser Regierung hinarbeitet.

Kann man sagen, die Situation in Rußland von März bis Juni 1917 sei der jetzigen Situation in China analog gewesen? Nein, das kann man nicht sagen. Man kann es nicht sagen, nicht nur, weil Rußland damals vor der proletarischen Revolution stand, während China jetzt vor der bürgerlich-demokratischen Revolution steht, sondern auch, weil die Provisorische Regierung in Rußland damals eine konterrevolutionäre und imperialistische Regierung war, während die jetzige Regierung in Wuhan eine antiimperialistische und revolutionäre Regierung im bürgerlich-demokratischen Sinne dieses Wortes ist.

Was schlägt uns die Opposition im Zusammenhang damit vor?

Sie schlägt die sofortige Bildung von Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten in China als Zentren der Organisierung der revolutionären Bewegung vor. Die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten sind aber nicht nur Zentren der Organisierung der revolutionären Bewegung. Sie sind vor allem und hauptsächlich Organe des Aufstands gegen die bestehende Macht, Organe zur Bildung einer neuen, revolutionären Macht. Die Opposition begreift nicht, dass die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten nur als Organe des Aufstands, nur als Organe der neuen Macht in Zentren der revolutionären Bewegung verwandelt werden können. Ohne das werden die Sowjets der Arbeiterdeputierten zu einer Fiktion, zu einem Anhängsel der bestehenden Macht, wie dies in Deutschland im Jahre 1918 und in Rußland im Juli 1917 der Fall war.

Begreift die Opposition, dass die Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China jetzt die Errichtung einer Doppelherrschaft, einer Herrschaft der Sowjets und der Wuhaner Regierung, bedeutet und zwangsläufig und unvermeidlich zur Losung des Sturzes der Wuhaner Regierung führt?

Ich bezweifle sehr, dass Sinowjew diese einfache Sache begreift. Trotzki aber begreift sie sehr wohl, denn er sagt in seinen Thesen direkt: „Die Losung der Sowjets bedeutet den Aufruf zur Bildung wirklicher Machtorgane mittels des Übergangsregimes der Doppelherrschaft.“ (Siehe Trotzkis Thesen „Die chinesische Revolution und die Thesen Stalins“.)

Wenn wir in China Sowjets bilden, so bedeutet dies also, dass wir zugleich ein „Regime der Doppelherrschaft“ aufrichten, die Wuhaner Regierung stürzen und eine neue, revolutionäre Macht ins Leben rufen. Trotzki nimmt hierbei offenbar die Ereignisse aus der Geschichte der Revolution in Rußland während der Periode vor dem Oktober 1917 als Vorbild. Damals bestand bei uns tatsächlich eine Doppelherrschaft, und wir arbeiteten damals tatsächlich auf den Sturz der Provisorischen Regierung hin.

Ich habe aber bereits gesagt, dass niemand damals daran dachte, in die Provisorische Regierung einzutreten. Warum schlägt Trotzki denn jetzt nicht den sofortigen Austritt der Kommunisten aus der Kuomintang und aus der Wuhaner Regierung vor? Wie kann man Sowjets bilden, ein Regime der Doppelherrschaft aufrichten und zugleich derselben Wuhaner Regierung angehören, die man stürzen will? Trotzkis Thesen geben keine Antwort auf diese Frage.

Indes ist klar, dass sich Trotzki hier im Wirrsal seiner eigenen Widersprüche hoffnungslos verstrickt hat. Er hat die bürgerlich-demokratische Revolution mit der proletarischen Revolution verwechselt. Er hat „vergessen“, dass die bürgerlich-demokratische Revolution in China nicht nur nicht vollendet ist und bisher nicht nur nicht gesiegt hat, sondern sich erst in der ersten Phase ihrer Entwicklung befindet. Trotzki begreift nicht, dass man, wenn man der Wuhaner Regierung die Unterstützung verweigert, wenn man die Losung der Doppelherrschaft ausgibt und die Wuhaner Regierung jetzt durch sofortige Bildung von Sowjets stürzt, damit Tschiang Kai-schek und Tschang Tso-lin eine direkte und eindeutige Unterstützung erweist.

Man entgegnet uns: Wie ist dann aber die Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten im Jahre 1905 in Rußland zu verstehen - war damals die Revolution bei uns etwa keine bürgerlich-demokratische Revolution?

Nun, erstens gab es damals nur zwei Sowjets - in Petersburg und in Moskau, und das Bestehen von zwei Sowjets schuf in Rußland noch kein System der Sowjetmacht.

Zweitens waren der Petersburger und der Moskauer Sowjet damals Organe des Aufstands gegen die alte, zaristische Macht, ein Umstand, der ein übriges Mal bestätigt, dass man die Sowjets nicht lediglich als Zentren der Organisierung der Revolution betrachten darf, dass die Sowjets solche Zentren nur sein können, wenn sie Organe des Aufstands und Organe der neuen Macht sind.

Drittens lehrt die Geschichte der Arbeitersowjets, dass solche Sowjets nur dann existieren und sich weiterentwickeln können, wenn günstige Bedingungen für einen direkten Übergang von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution vorhanden sind, wenn also günstige Bedingungen für den Übergang von der bürgerlichen Macht zur Diktatur des Proletariats vorhanden sind.

Sind etwa die Arbeitersowjets in Petersburg und in Moskau im Jahre 1905 ebenso wie die Arbeiterräte in Deutschland im Jahre 1918 nicht deshalb zugrunde gegangen, weil damals diese günstigen Bedingungen fehlten?

Möglicherweise hätte es im Jahre 1905 in Rußland keine Sowjets gegeben, wenn damals in Rußland eine breite revolutionäre Organisation bestanden hätte in der Art der jetzigen linken Kuomintang in China. Eine solche Organisation konnte jedoch damals in Rußland nicht bestehen, denn den russischen Arbeitern und Bauern gegenüber gab es keine Elemente der nationalen Unterdrückung, vielmehr unterdrückten die Rußen selbst die anderen Nationalitäten; eine Organisation, wie es die linke Kuomintang ist, kann aber nur unter Verhältnissen der nationalen Unterdrückung durch die ausländischen Imperialisten entstehen, die die revolutionären Elemente eines Landes zu einer breiten Organisation zusammenschließt.

Nur Blinde können leugnen, dass die linke Kuomintang die Rolle eines Organs des revolutionären Kampfes, die Rolle eines Organs des Aufstands gegen die feudalen Überreste und den Imperialismus in China spielt.

Was folgt aber daraus?

Daraus folgt, dass die linke Kuomintang in China für die gegenwärtige bürgerlich-demokratische Revolution in China annähernd die gleiche Rolle spielt, wie sie die Sowjets im Jahre 1905 für die bürgerlich-demokratische Revolution in Rußland gespielt haben.

Etwas anderes wäre es, wenn es in China keine so populäre und revolutionär-demokratische Organisation wie die linke Kuomintang gäbe. Da es aber eine solche spezifische revolutionäre Organisation gibt, die den Besonderheiten der chinesischen Verhältnisse angepasst ist und die ihre Eignung für die Weiterentwicklung der bürgerlich-demokratischen Revolution in China bewiesen hat, so wäre es töricht und unvernünftig, wollte man diese in langen Jahren geschaffene Organisation jetzt zerstören, da die bürgerlich-demokratische Revolution, die erst begonnen hat, noch lange nicht gesiegt hat und auch so bald nicht siegen wird.

Davon ausgehend, ziehen einige Genossen die Schlussfolgerung, man werde die Kuomintang auch in Zukunft, beim Übergang zur proletarischen Revolution, als Form der staatlichen Organisation der Diktatur des Proletariats benutzen können, und sie sehen darin die Möglichkeit eines friedlichen Übergangs von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution.

Die Möglichkeit einer friedlichen Entwicklung der Revolution ist im Allgemeinen natürlich nicht ausgeschlossen. Bei uns in Rußland sprach man zu Beginn des Jahres 1917 ebenfalls von der Möglichkeit einer friedlichen Entwicklung der Revolution mittels der Sowjets.

Aber erstens ist die Kuomintang nicht dasselbe wie die Sowjets, und wenn sie auch für die Entwicklung der bürgerlich-demokratischen Revolution geeignet ist, so bedeutet das noch nicht, dass sie sich für die Entwicklung der proletarischen Revolution eignen kann, während die Sowjets der Arbeiterdeputierten die geeignetste Form der Diktatur des Proletariats sind.

Zweitens hat sich selbst bei Bestehen der Sowjets in Rußland im Jahre 1917 ein friedlicher Übergang zur proletarischen Revolution in Wirklichkeit als unmöglich erwiesen.

Drittens gibt es in China so wenig proletarische Zentren, die Feinde der chinesischen Revolution aber sind so stark und so zahlreich, dass jedes Vorwärtsschreiten der Revolution und jeder Vorstoß seitens der Imperialisten unvermeidlich von neuen Abspaltungen von der Kuomintang und von einer erneuten Stärkung der Kommunistischen Partei auf Kosten der Autorität der Kuomintang begleitet sein werden.

Ich bin der Meinung, dass man einen friedlichen Entwicklungsweg der chinesischen Revolution für ausgeschlossen halten muss.

Ich bin der Meinung, dass man Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China in der Übergangsperiode von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution wird bilden müssen. Denn unter den gegenwärtigen Bedingungen ist ein solcher Übergang ohne Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten unmöglich.

Man muss zuerst die Agrarbewegung sich über ganz China entfalten lassen, man muss Wuhan stärken und es in seinem Kampf gegen das feudal-bürokratische Regime unterstützen, man muss Wuhan helfen, den Sieg über die Konterrevolution zu erringen, man muss allerorts auf breiter Grundlage Bauernbünde, Arbeitergewerkschaften und andere revolutionäre Organisationen entwickeln als Basis für die künftigen Sowjets, man muss der chinesischen Kommunistischen Partei die Möglichkeit geben, ihren Einfluss in der Bauernschaft und in der Armee zu verstärken - und erst dann kann man Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten bilden als Organe des Kampfes für eine neue Macht, als Faktoren der Doppelherrschaft, als Faktoren für die Vorbereitung des Übergangs von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution.

Die Bildung von Arbeitersowjets in China ist kein leeres Wort, keine leere „revolutionäre“ Deklamation. An diese Frage darf man nicht so leichtfertig herangehen, wie Trotzki es tut.

Arbeiter- und Bauernsowjets bilden, das heißt vor allem, aus der Kuomintang austreten, denn man kann nicht Sowjets bilden und die Frage der Doppelherrschaft vorantreiben, indem man die Arbeiter und Bauern zur Schaffung einer neuen Macht aufruft, gleichzeitig aber in der Kuomintang und in ihrer Regierung verbleiben.

Sowjets der Arbeiterdeputierten bilden, das heißt ferner, den jetzigen Block innerhalb der Kuomintang durch einen Block außerhalb der Kuomintang ersetzen, durch einen Block, dem analog, den die Bolschewiki im Oktober 1917 mit den linken Sozialrevolutionären bildeten.

Warum?

Aus folgendem Grunde: Während es sich dort, bei der bürgerlich-demokratischen Revolution, um die Errichtung der revolutionären Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft handelt - und dem entspricht durchaus die Politik des Blocks innerhalb der Kuomintang - wird es sich hier, bei der Bildung von Sowjets und beim Übergang zur proletarischen Revolution, um die Errichtung der Diktatur des Proletariats, um die Errichtung der Sowjetmacht, handeln; eine solche Macht kann aber lediglich unter der Führung einer Partei, der Partei der Kommunisten, vorbereitet und errichtet werden.

Weiter. Die Sowjets der Arbeiterdeputierten verpflichten. Zurzeit verdienen die Arbeiter in China monatlich 8-15 Rubel, sie leben in ganz unmöglichen Verhältnissen und arbeiten übermäßig viel. Dem muss und kann sofort ein Ende gemacht werden durch Erhöhung des Arbeitslohns, durch Einführung des Achtstundentags, durch Verbesserung der Wohnverhältnisse der Arbeiterklasse usw. Die Arbeiter werden aber, wenn Sowjets der Arbeiterdeputierten bestehen, dabei nicht haltmachen. Sie werden den Kommunisten sagen (und zwar mit vollem Recht): Wenn wir Sowjets haben - die Sowjets aber sind Organe der Macht -, kann man da der Bourgeoisie nicht etwas auf den Leib rücken und sie „ein bisschen“ expropriieren? Die Kommunisten wären leere Schwätzer, wenn sie bei Bestehen von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten nicht den Weg der Expropriation der Bourgeoisie beschritten.

Es fragt sich: Kann man und soll man diesen Weg jetzt, in der gegebenen Phase der Revolution, einschlagen?

Nein, das soll man nicht.

Kann man und soll man in Zukunft, bei Bestehen von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten, von einer Expropriation der Bourgeoisie absehen? Nein, das soll man nicht. Wer jedoch glaubt, man könne dabei den Block der Kommunisten innerhalb der Kuomintang erhalten - der gibt sich einer Illusion hin und begreift nicht die Mechanik des Kampfes der Klassenkräfte in der Periode des Übergangs von der bürgerlichen Revolution zur proletarischen Revolution.

So ist es um die Frage der Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China bestellt.

Wie Sie sehen, ist diese Frage nicht so einfach, wie sie uns einige über alle Maßen leichtfertige Leute vom Schlage Trotzkis und Sinowjews hinstellen wollen.

Ist es vom prinzipiellen Standpunkt aus überhaupt zulässig, dass Marxisten mit der revolutionären Bourgeoisie einer gemeinsamen revolutionär-demokratischen Partei oder einer gemeinsamen revolutionär-demokratischen Regierung angehören und dort mit ihr zusammenarbeiten?

Einige Oppositionelle meinen, das sei nicht zulässig. Die Geschichte des Marxismus lehrt aber, dass dies unter bestimmten Bedingungen und für eine bestimmte Zeit durchaus zulässig ist.

Ich könnte mich auf ein Beispiel berufen wie dasjenige, das uns Marx im Jahre 1848 in Deutschland während der Revolution gegen den deutschen Absolutismus gab, als Marx und seine Gesinnungsgenossen der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft in der Rheinprovinz angehörten und Marx der Chefredakteur des Organs dieser revolutionär-demokratischen Partei, der „Neuen Rheinischen Zeitung“, war.

Während Marx und seine Gesinnungsgenossen dieser bürgerlich-demokratischen Gesellschaft angehörten und die revolutionäre Bourgeoisie vorwärts drängten, kritisierten sie in jeder Weise die Halbheit ihrer rechten Verbündeten, ebenso wie die Kommunistische Partei in China, die der Kuomintang angehört, die Schwankungen und die Halbheit ihrer Verbündeten, der linken Kuomintangleute, in jeder Weise kritisieren muss.

Es ist bekannt, dass Marx und seine Gesinnungsgenossen erst im Frühjahr 1849 diese bürgerlich-demokratische Gesellschaft verließen und an die Schaffung einer selbständigen Organisation der Arbeiterklasse mit völlig selbständiger Klassenpolitik schritten.

Wie Sie sehen, ging Marx sogar weiter als die chinesische Kommunistische Partei, die der Kuomintang als selbständige Klassenpartei des Proletariats angehört.

Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob es zweckmäßig war, dass Marx und seine Gesinnungsgenossen dieser bürgerlich-demokratischen Gesellschaft im Jahre 1848 angehörten. Rosa Luxemburg war beispielsweise der Meinung, dass Marx dieser bürgerlich-demokratischen Gesellschaft nicht hätte beitreten dürfen. Das ist eine Frage der Taktik. Dass es aber Marx und Engels prinzipiell für zulässig und zweckmäßig hielten, in der Periode der bürgerlich-demokratischen Revolution unter bestimmten Bedingungen und für eine bestimmte Zeit einer bürgerlich-revolutionären Partei anzugehören - darüber kann keinerlei Zweifel bestehen. Was die Teilnahme von Marxisten an einer revolutionär-demokratischen Regierung und die Zusammenarbeit mit der revolutionären Bourgeoisie in dieser Regierung unter bestimmten Bedingungen und in einer bestimmten Situation betrifft, so besitzen wir hierzu die Hinweise solcher Marxisten wie Engels und Lenin . Bekanntlich hat sich Engels in seiner Schrift „Die Bakunisten an der Arbeit“[67] für eine solche Teilnahme ausgesprochen. Bekanntlich hat sich Lenin im Jahre 1905 ebenfalls für die Zulässigkeit einer solchen Teilnahme an einer bürgerlich-demokratischen revolutionären Regierung ausgesprochen.

V
ZWEI LINIEN

Wir haben es also in der chinesischen Frage mit zwei völlig verschiedenen Linien zu tun, der Linie der Komintern und der Linie Trotzkis und Sinowjews.

Die Linie der Komintern. Die feudalen Überreste und der auf ihnen beruhende bürokratisch-militaristische Überbau, der von den Imperialisten aller Länder in jeder Weise gestützt wird, sind das Grundfaktum des heutigen Chinas.

China macht gegenwärtig eine Agrarrevolution durch, die gegen die feudalen Überreste wie auch gegen den Imperialismus gerichtet ist.

Die Agrarrevolution bildet die Grundlage und den Inhalt der bürgerlich-demokratischen Revolution in China.

Die Kuomintang in Wuhan und die Wuhaner Regierung sind das Zentrum der bürgerlich-demokratischen revolutionären Bewegung.

Nanking und die Nankinger Regierung stellen das Zentrum der nationalen Konterrevolution dar.

Die Politik der Unterstützung Wuhans ist zugleich eine Politik der Entfaltung der bürgerlich-demokratischen Revolution mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Daher die Beteiligung der Kommunisten an der Wuhaner Kuomintang und an der revolutionären Wuhaner Regierung, eine Beteiligung, die die allseitige Kritik der Kommunisten an der Halbheit und an den Schwankungen ihrer Verbündeten in der Kuomintang nicht ausschließt, sondern voraussetzt.

Diese Beteiligung der Kommunisten muss dazu ausgenutzt werden, dem Proletariat die Rolle des Hegemons in der chinesischen bürgerlich-demokratischen Revolution zu erleichtern und den Übergang zur proletarischen Revolution schneller herbeizuführen.

Zu dem Zeitpunkt, da sich die bürgerlich-demokratische Revolution dem vollen Siege nähert und da im Verlauf der bürgerlichen Revolution die Wege für den Übergang zur proletarischen Revolution sichtbar werden - zu diesem Zeitpunkt müssen Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten gebildet werden, als Faktoren der Doppelherrschaft, als Organe des Kampfes für eine neue Macht, als Organe der neuen Macht, der Macht der Sowjets.

Zu diesem Zeitpunkt muss der Block der Kommunisten innerhalb der Kuomintang durch einen Block außerhalb der Kuomintang ersetzt werden, und die Kommunistische Partei muss die alleinige Führerin der neuen Revolution in China werden.

Wenn man jetzt vorschlüge, wie Trotzki und Sinowjew es tun, sofort Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten zu bilden und sofort eine Doppelherrschaft ins Leben zu rufen, jetzt, da die bürgerlich-demokratische Revolution sich noch in der Anfangsphase ihrer Entwicklung befindet, da die Kuomintang die geeignetste und den spezifischen Besonderheiten Chinas am meisten entsprechende Organisationsform der national-demokratischen Revolution ist - so würde das bedeuten, die revolutionäre Bewegung zu desorganisieren, Wuhan zu schwächen, dessen Sturz zu er-leichtern und Tschang Tso-lin und Tschiang Kai-schek zu helfen.

Die Linie Trotzkis und Sinowjews. Die Überreste des Feudalismus in China sind ein Hirngespinst Bucharins. Entweder gibt es sie in China überhaupt nicht, oder sie sind so geringfügig, dass sie keinerlei ernsthafte Bedeutung haben können.

Eine Agrarrevolution soll es jetzt, wie man erfährt, in China geben. Wie es aber dazu gekommen ist, das weiß kein Teufel. (Heiterkeit.)

Da sie nun aber einmal im Gange ist, diese Agrarrevolution, so wird man sie natürlich auf die eine oder andere Weise unterstützen müssen.

Die Hauptsache ist aber jetzt nicht die Agrarrevolution, sondern die Revolution für die Zollautonomie Chinas, sozusagen die Antizollrevolution.

Die Wuhaner Kuomintang und die Wuhaner Regierung sind entweder eine „Fiktion“ (Trotzki) oder Kemalismus (Sinowjew).

Einerseits muss man durch sofortige Bildung von Sowjets eine Doppelherrschaft ins Leben rufen, um die Wuhaner Regierung zu stürzen (Trotzki). Anderseits muss man die Wuhaner Regierung stärken, muss man der Wuhaner Regierung tatkräftige und allseitige Unterstützung erweisen, und das ebenfalls, wie man erfährt, durch sofortige Bildung von Sowjets (Sinowjew).

Eigentlich müssten die Kommunisten sofort aus dieser „Fiktion“, aus der Wuhaner Regierung und aus der Wuhaner Kuomintang, austreten. Übrigens wäre es aber besser, wenn sie in dieser „Fiktion“, das heißt sowohl in der Wuhaner Regierung als auch in der Wuhaner Kuomintang, verblieben. Wozu sie aber in Wuhan verbleiben sollen, wenn Wuhan eine „Fiktion“ ist - das weiß offenbar nur Gott allein. Und wer damit nicht einverstanden ist, der ist ein Abtrünniger und ein Verräter.

Das ist die so genannte Linie Trotzkis und Sinowjews.

Man kann sich schwerlich etwas Ungereimteres und Konfuseres vorstellen als diese so genannte Linie.

Man gewinnt den Eindruck, dass wir es nicht mit Marxisten zu tun haben, sondern mit irgendwelchen lebensfremden Kanzleimenschen oder, besser gesagt, mit „revolutionären“ Touristen, die Suchum und Kislowodsk und ähnliche Orte bereist haben, das VII. erweiterte Plenum des Exekutivkomitees der Komintern, das eine grundsätzliche Stellungnahme zur chinesischen Revolution ausgearbeitet hat, verpasst und hinterher aus den Zeitungen erfahren haben, dass in China tatsächlich irgendeine Revolution - man weiß nicht recht, ist es eine Agrar- oder eine Antizollrevolution - ausgebrochen ist, und die nun beschlossen, man müsse einen ganzen Haufen Thesen zusammenstellen - im April die ersten Thesen, Anfang Mai die nächsten Thesen, Ende Mai wiederum andere Thesen -, und wenn man einen ganzen Haufen Thesen beisammen hat, damit das Exekutivkomitee der Komintern überschütten, offenbar in der Annahme, die Fülle konfuser und sich widersprechender Thesen sei das entscheidende Mittel für die Rettung der chinesischen Revolution.

Das, Genossen, sind die zwei Linien in Bezug auf die Fragen der chinesischen Revolution.

Sie werden zwischen diesen zwei Linien die Wahl zu treffen haben. Ich komme zum Schluss, Genossen.

Zuletzt möchte ich noch einige Worte über den politischen Sinn und die Bedeutung des fraktionellen Auftretens Trotzkis und Sinowjews im gegenwärtigen Augenblick sagen. Sie beschweren sich, dass man ihnen nicht genügend Freiheit lässt, das ZK der KPdSU(B) und das EKKI in beispielloser und ungehörigster Weise zu beschimpfen und zu schmähen. Sie beschweren sich über das „Regime“ in der Komintern und in der KPdSU(B). Im Grunde genommen wollen sie die Freiheit, die Komintern und die KPdSU(B) zu desorganisieren. Im Grunde genommen wollen sie die Gepflogenheiten von Maslow und Konsorten in die Komintern und in die KPdSU(B) verpflanzen.

Ich muss sagen, Genossen, dass Trotzki für seine Angriffe gegen die Partei und die Komintern den allerungeeignetsten Moment gewählt hat. Soeben habe ich die Nachricht erhalten, dass die englische konservative Regierung beschlossen hat, die Beziehungen zur UdSSR abzubrechen. Es bedarf keines Beweises, dass nunmehr ein allgemeiner Feldzug gegen die Kommunisten unternommen wird. Dieser Feldzug hat bereits begonnen. Die einen drohen der KPdSU(B) mit Krieg und Intervention. Die andern - mit Spaltung. Es bildet sich eine Art Einheitsfront von Chamberlain bis Trotzki.

Möglicherweise will man uns damit einschüchtern. Es bedarf aber wohl kaum des Beweises, dass die Bolschewiki nicht zu denen gehören, die sich einschüchtern lassen. Die Geschichte des Bolschewismus kennt nicht wenige solcher „Fronten“. Die Geschichte des Bolschewismus zeigt, dass solche „Fronten“ stets durch die revolutionäre Entschlossenheit und den beispiellosen Mut der Bolschewiki zerschlagen wurden.

Sie können überzeugt sein, dass wir es verstehen werden, auch diese neue „Front“ zu zerschlagen. (Beifall.)

„Bolschewik“ Nr. 10,
31. Mai 1927.

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