"Stalin"

Werke

Band 9

ANTWORT AN S. POKROWSKI

Zu Beginn des Briefwechsels mit Ihnen glaubte ich, es mit einem Menschen zu tun zu haben, der die Wahrheit sucht. Jetzt, nach Ihrem zweiten Brief, sehe ich, dass ich mit einem in sich selbst verliebten Flegel im Briefwechsel stehe, der die „Interessen“ seiner Person über die Interessen der Wahrheit stellt. Wundern Sie sich daher nicht, wenn ich in dieser kurzen (und letzten) Antwort die Dinge geradeheraus beim Namen nennen werde.

1. Ich behauptete, dass die Partei in der Periode nach der Februarrevolution 1917 ihre alte strategische Losung, Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft und „Bündnis mit der gesamten Bauernschaft“, durch die neue strategische Losung, Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft und „Bündnis mit der armen Bauernschaft“, ersetzte.

Ich behauptete, dass die Partei unter dieser neuen Losung zum Oktober schritt und zum Oktober gelangte, dass die Partei ohne die Verwirklichung dieser Losung die erforderliche politische Armee nicht hätte sammeln können, die fähig war, die Macht der Bourgeoisie zu stürzen und die Macht des Proletariats zu errichten.

Sie erhoben gegen diese meine Behauptung entschieden Einspruch und versuchten zu beweisen, dass „die Partei in der Periode vom Februar bis zum Oktober ihre alte Losung in Bezug auf die Bauernschaft - Bündnis mit der gesamten Bauernschaft - verfocht“ (siehe Ihren ersten Brief). Und Sie haben diese anti Lenin istische, rein Kamenewsche Auffassung nicht nur zu beweisen versucht, sondern nahezu für ein Axiom gehalten.

So verhielt es sich, und eben darum ging unser Streit.

Jetzt, da Sie sehen, in welches Labyrinth Sie Ihre Starrköpfigkeit und Ihr Dünkel geführt haben, sind Sie gezwungen, im Flüsterton zuzugeben, dass Sie unrecht hatten, und behaupten, dass „die strategische Losung der Partei in der Periode April-Oktober eben die Losung der Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft war“ (siehe Ihren zweiten Brief).

Während Sie im Flüsterton zugeben, dass Sie unrecht hatten, befleißigen Sie sich jedoch zugleich, dies mit lauter Stimme zu bagatellisieren und auf „sprachliche“ Ungenauigkeiten zurückzuführen, indem Sie erklären: „Die sprachliche Form, in der ich meinen Gedanken im vorigen Brief ausdrückte, als ich davon sprach, dass die Partei ihre alte Losung, Bündnis mit der gesamten Bauernschaft als Ganzem, verworfen habe, mag vielleicht dazu angetan gewesen sein, Unklarheiten hervorzurufen“ (siehe Ihren zweiten Brief).

Demnach wäre unser Streit um einen „sprachlichen Ausdruck“, nicht aber um zwei prinzipiell verschiedene Auffassungen gegangen! Das nennt man bei uns, gelinde gesagt - eine Frechheit.

2. Ich behauptete, dass die Vorbereitung des Oktober bei uns unter den Bedingungen des Kampfes gegen das Paktierertum und die Schwankungen eines bestimmten Teils der Bauernschaft in den Sowjets vor sich ging, dass diese Schwankungen und dieses Paktierertum größte Gefahren für die Revolution heraufbeschworen (Niederlage der Bolschewiki im Juli 1917), dass man nur unter der Losung der Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft einen erfolgreichen Kampf gegen diese Schwankungen und dieses Paktierertum führen konnte, dass es den Bolschewiki nur dank dieser Losung gelang, die Schwankungen und das Paktierertum des Mittelbauern zu neutralisieren.

Sie erhoben dagegen entschieden Einspruch und beharrten auf Ihrem Fehler, dass die Partei in der Periode vom Februar bis zum Oktober die Arbeit unter der alten Losung, „Bündnis mit der gesamten Bauernschaft als Ganzem“, durchgeführt habe. Mit diesem Einspruch strichen Sie die besten Seiten in der Geschichte des Bolschewismus aus, die von dem Kampf der Bolschewiki für die Loslösung der mittelbäuerlichen Schichten von den kleinbürgerlichen Parteien, für die Isolierung dieser Parteien, für die Neutralisierung der Schwankungen und des Paktierertums bestimmter Schichten der Bauernschaft handeln.

So verhielt es sich.

Jetzt sind Sie gezwungen, sowohl die Tatsache der Schwankungen und des Paktierertums eines bestimmten Teils der Bauernschaft in der Periode vom Februar bis zum Oktober als auch die Tatsache des Kampfes der Bolschewiki gegen diese Schwankungen und dieses Paktierertum zuzugeben.

Während Sie das alles zugeben, tun Sie jedoch so, als stände das mit der Frage der Neutralisierung des Mittelbauern in gar keiner Beziehung, und bringen es sogar fertig, mir vorzuwerfen, ich hätte auf die Frage der Neutralisierung des Mittelbauern „nicht geantwortet“.

Eins von beiden: Entweder sind Sie äußerst naiv, oder Sie markieren bewusst den Naiven zu irgendeinem, keineswegs wissenschaftlichen, Zweck.

3. Ich behauptete, dass die Partei den Sieg im Oktober dank der erfolgreichen Verwirklichung der neuen strategischen Losung, Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft, errungen hat, dass sie ohne Ersetzung der alten Losung, Bündnis mit der Bauernschaft als Ganzem, durch die neue Losung, Bündnis mit der armen Bauernschaft, weder im Oktober den Sieg hätte erringen noch im Verlauf der Oktoberrevolution sich die Unterstützung der Bauernschaft als Ganzes hätten sichern können, dass die Bauernschaft als Ganzes die Bolschewiki nur insofern unterstützte, als sie die bürgerliche Revolution zu Ende führten, dass, da das Hauptziel im Oktober die sozialistische, nicht aber die bürgerliche Revolution war, diese Unterstützung durch die Bauernschaft als Ganzes bedingten und begrenzten Charakter trug.

Sie erhoben im Grunde genommen dagegen Einspruch, da Sie in Ihrem ersten Brief die Tatsache leugneten, dass die alte Losung in der Periode nach der Februarrevolution durch die neue Losung ersetzt wurde.

So verhielt es sich.

Jetzt sind Sie gezwungen, in Worten zuzugeben, dass die alte strategische Losung von der Bauernschaft als Ganzem wirklich durch die neue strategische Losung des Bündnisses mit der armen Bauernschaft ersetzt wurde.

Nachdem Sie diese Wahrheit zugegeben hatten, gingen Sie jedoch sogleich daran, nach Kamenewscher Manier die Spuren zu verwischen, indem Sie die „taktische“ Aufgabe, Sicherung der Unterstützung der Bauernschaft als Ganzes, der „strategischen“ Aufgabe, Sicherung des Bündnisses mit der armen Bauernschaft, entgegenstellten, Sie widerriefen nach Kamenewscher Manier die soeben von Ihnen zugegebene Wahrheit von der zweiten strategischen Losung und kehrten im Grunde genommen zu den alten Kamenewschen Positionen zurück, wobei Sie es fertig brachten, mich zu verleumden, als hätte ich eine gewisse, bedingte Unterstützung der Bolschewiki durch die Bauernschaft als Ganzes während des Oktober in Abrede gestellt.

Sie begreifen offensichtlich nicht, dass die taktischen Aufgaben ein Teil der strategischen Aufgabe sind, dass die ersten mit der zweiten nicht identifiziert und noch weniger der zweiten entgegengestellt werden können.

Sie begreifen offensichtlich nicht, dass die Unterstützung der proletarischen Revolution durch die Bauernschaft als ganzes bei uns nur sehr bedingt und begrenzt sein konnte, nämlich sofern die Oktoberrevolution die bürgerliche Revolution zu Ende führte, das heißt, sofern sie das gutsherrliche Eigentum, die Gutsbesitzerordnung und den politischen Überbau der Gutsbesitzerordnung - die Monarchie - beseitigte.

Sie wissen offensichtlich nicht, dass sich die Petrograder Garnison (eine bäuerliche Garnison) im Oktober 1917 nach der Machtergreifung durch die Sowjets weigerte, gegen Kerenski an die Front zu gehen, als dieser gegen Petrograd vorrückte, wobei sie, diese Garnison, erklärte, sie sei „für den Frieden und gegen einen neuen Krieg“, und offensichtlich den Frieden nicht als Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg auffasste, sondern so, als müsse man die Waffen niederlegen, das heißt, sie fasste ihn ebenso auf wie Sie und viele andere politische Spießbürger (siehe Ihren ersten Brief).

Sie wissen offensichtlich nicht, dass Petrograd damals durch die Rotgardisten und Matrosen vor dem Einfall Kerenskis und Krasnows gerettet wurde.

Sie wissen offensichtlich nicht, dass der Bürgerkrieg in seiner ersten Phase - in der Periode vom Oktober 1917 bis zum Frühjahr 1918 - bei uns hauptsächlich mit den Kräften der Arbeiter und Matrosen geführt wurde und dass die so genannte Unterstützung der „Bauernschaft als Ganzes“ in der damaligen Zeit durchweg darin zum Ausdruck kam, dass sie uns nicht direkt hinderte, die Feinde der proletarischen Revolution zu schlagen.

Sie wissen offensichtlich nicht, dass es uns praktisch erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1918 gelang, die Rote Armee als Massenarmee zu schaffen, als nämlich die Bauern den Grund und Boden bereits unter sich aufgeteilt hatten, der Kulak genügend entkräftet war, die Sowjetmacht sich bereits behauptet hatte und als es möglich wurde, die Losung des „festen Bündnisses mit dem Mittelbauern“ zu verwirklichen...

Natürlich kann man allen möglichen Unsinn und alle möglichen Märchen schreiben - Papier ist geduldig-, man kann sich nach Kamenewscher Manier herauswinden und die Spuren verwischen ... Aber alles muss seine Grenzen haben.

4. Nachdem Sie sich an der „Kunstfertigkeit“ Ihrer Feder berauscht und Ihren ersten Brief glücklich vergessen haben, behaupten Sie, ich hätte die Frage des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die sozialistische Revolution nicht verstanden.

Das heißt wirklich von sich auf andere schließen!

Was ist denn aber das Hinüberwachsen der bürgerlichen Revolution in die sozialistische Revolution? Kann man sich dieses Hinüberwachsen in unserem Lande vorstellen ohne Ersetzung der alten Losung, Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, durch die neue Losung, Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft? Es ist klar, dass man das nicht kann.

Warum hat Lenin im April 1917 gegen Kamenew gekämpft, warum forderte er, dass die alte Losung durch die neue ersetzt wird, und warum verband er diesen Wechsel der Losungen mit dem Übergang von der ersten Etappe der russischen Revolution (bürgerlich-demokratische Revolution) zu ihrer zweiten Etappe (proletarische Revolution)? Etwa nicht deshalb, um das Hinüberwachsen der bürgerlichen Revolution in die sozialistische Revolution zu ermöglichen und zu erleichtern? Es ist klar, dass es deshalb geschah.

Wer hat damals gegen den Übergang von der alten Losung zur neuen Einspruch erhoben? Es ist klar, dass es Kamenew war.

Wer hat im Frühjahr 1927 die Tatsache geleugnet, dass die Bolschewiki die alte strategische Losung durch die neue strategische Losung in der Periode der Vorbereitung des Oktobers ersetzten? Es ist klar, dass Sie es waren, verehrter Pokrowski.

Wer hat diesen Kamenewschen Fehler Pokrowskis korrigiert? Es ist klar, dass es Genosse Stalin war.

Geht daraus nicht klar hervor, dass Sie nicht das geringste - auch nicht das allergeringste - von der Frage des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die proletarische Revolution begriffen haben?

Die Schlussfolgerung: Man muss die Frechheit eines Ignoranten und die Selbstzufriedenheit eines beschränkten Äquilibristen haben, um die Dinge so unverfroren auf den Kopf zu stellen, wie Sie das tun, verehrter Pokrowski.

Ich glaube, dass es an der Zeit ist, den Briefwechsel mit Ihnen einzustellen.

J. Stalin

23. Juni 1927.

Zum erstenmal veröffentlicht.

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