"Stalin"

Werke

Band 9

NOTIZEN ÜBER GEGENWARTSTHEMEN

I
ÜBER DIE KRIEGSGEFAHR

Es lässt sich wohl kaum bezweifeln, dass die grundlegende Frage der Gegenwart die Frage der Gefahr eines neuen imperialistischen Krieges ist. Es handelt sich nicht um irgendeine unbestimmte, nicht greifbare „Gefahr“ eines neuen Krieges. Es handelt sich um die reale und wirkliche Gefahr eines neuen Krieges überhaupt, eines Krieges gegen die UdSSR im Besonderen.

Die im Ergebnis des letzten imperialistischen Krieges vorgenommene Neuaufteilung der Welt und der Einflusssphären ist bereits „veraltet“. Einige neue Länder sind in den Vordergrund getreten (Amerika, Japan). Einige alte Länder (England) treten in den Hintergrund. Das kapitalistische Deutschland, das, wie es schien, in Versailles bereits zu Grabe getragen worden war, lebt auf, entwickelt sich und gewinnt immer mehr an Kraft, Das bürgerliche Italien, das neiderfüllt auf Frankreich blickt, drängt empor.

Ein wütender Kampf um die Absatzmärkte, um Märkte für Kapital- ausfuhr, um die See- und Landwege zu diesen Märkten, um eine abermalige Neuaufteilung der Welt ist im Gange. Es wachsen die Gegensätze zwischen Amerika und England, zwischen Japan und Amerika, zwischen England und Frankreich, zwischen Italien und Frankreich.

Es wachsen die Gegensätze innerhalb der kapitalistischen Länder, die von Zeit zu Zeit in Form offener revolutionärer Aktionen des Proletariats (England, Österreich) zum Durchbruch kommen.

Es wachsen die Gegensätze zwischen der imperialistischen Welt und den abhängigen Ländern, die immer wieder in Form offener Konflikte und revolutionärer Explosionen (China, Indonesien, Nordafrika, Südamerika) zum Durchbruch kommen.

Aber das Anwachsen all dieser Gegensätze bedeutet, ungeachtet der Tatsache der Stabilisierung, eine Verstärkung der Krise des Weltkapitalismus, einer Krise, die unvergleichlich tiefer ist als die Krise vor dem letzten imperialistischen Kriege. Das Bestehen und Gedeihen der UdSSR, des Landes der proletarischen Diktatur, vertieft und verschärft diese Krise nur.

Kein Wunder, dass der Imperialismus zu einem neuen Krieg rüstet, da er in ihm den einzigen Weg zur Überwindung dieser Krise erblickt. Das beispiellose Anwachsen der Rüstungen, der allgemeine Kurs der bürgerlichen Regierungen auf faschistische „Regierungs“methoden, der Kreuzzug gegen die Kommunisten, die wüste Hetze gegen die UdSSR, die direkte Intervention in China - das alles sind verschiedene Seiten ein und derselben Erscheinung: der Vorbereitung zu einem neuen Krieg für eine abermalige Neuaufteilung der Welt.

Sie, die Imperialisten, wären schon längst einander in die Haare geraten, gäbe es nicht die kommunistischen Parteien, die einen entschiedenen Kampf gegen die imperialistischen Kriege führen, gäbe es nicht die UdSSR, deren Friedenspolitik den Anstiftern eines neuen Krieges im höchsten Maße hinderlich ist, fürchteten die Imperialisten nicht, einander zu schwächen und damit eine neue Durchbrechung der imperialistischen Front zu erleichtern.

Ich denke, dass der letzte Umstand, das heißt die Furcht, einander zu schwächen und damit eine neue Durchbrechung der imperialistischen Front zu erleichtern, einer der wichtigen Faktoren ist, der die Imperialisten zunächst davor zurückhält, einander in die Haare zu geraten.

Daher das „natürliche“ Bestreben gewisser Kreise der Imperialisten, die Gegensätze in ihrem eigenen Lager zurückzudrängen, sie zeitweilig zu verkleistern, eine Einheitsfront der Imperialisten zu schaffen und gegen die UdSSR zu Felde zu ziehen, um die sich vertiefende Krise des Kapitalismus wenigstens teilweise, wenigstens zeitweilig auf Kosten der UdSSR zu überwinden.

Die Tatsache, dass die englische Bourgeoisie und ihr Kampfstab, die Partei der Konservativen, die Initiative hierzu, die Initiative zur Schaffung einer Einheitsfront der Imperialisten gegen die UdSSR, ergriffen haben - diese Tatsache darf uns nicht überraschen. Der englische Kapitalismus war, ist und bleibt stets der schlimmste Würger der Volksrevolutionen. Angefangen von der großen französischen bürgerlichen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts bis zu der jetzt vor sich gehenden chinesischen Revolution, stand und steht die englische Bourgeoisie stets in den ersten Reihen der Unterdrücker der Befreiungsbewegung der Menschheit. Die Sowjetmenschen werden nie jene Gewalttaten, Raubzüge und militärischen Überfälle vergessen, denen unser Land durch die Schuld der englischen Kapitalisten vor einigen Jahren ausgesetzt war. Kann es da wundernehmen, wenn sich das englische Kapital und seine Konservative Partei aufs Neue anschicken, sich an die Spitze eines Krieges gegen den internationalen Hort der proletarischen Revolution, gegen die UdSSR, zu stellen?

Die englische Bourgeoisie führt aber nicht gern mit eigenen Händen Krieg. Sie hat es stets vorgezogen, andere für sich Krieg führen zu lassen. Und es ist ihr zuweilen wirklich gelungen, Dummköpfe zu finden, die bereit waren, für sie die Kastanien aus dem Feuer zu holen.

So war es während der großen französischen bürgerlichen Revolution, als es der englischen Bourgeoisie gelang, einen Bund der europäischen Staaten gegen das revolutionäre Frankreich zustande zu bringen.

So war es nach der Oktoberrevolution in der UdSSR, als die englische Bourgeoisie nach ihrem Überfall auf die UdSSR versuchte, einen „Bund der vierzehn Staaten“ zustande zu bringen, und als sie dessen ungeachtet aus dem Bereich der UdSSR hinausgeworfen wurde.

So ist es auch jetzt in China, wo die englische Bourgeoisie eine Einheitsfront gegen die chinesische Revolution zu schaffen versucht.

Es ist durchaus verständlich, dass die Partei der Konservativen, die zum Kriege gegen die UdSSR rüstet, nunmehr schon einige Jahre mit den Vorbereitungen für die Schaffung einer „Heiligen Allianz“ der großen und kleinen Staaten gegen die UdSSR beschäftigt ist.

Wenn diese Vorbereitungen der Konservativen früher, bis in die letzte Zeit hinein, mehr oder weniger versteckt betrieben wurden, so sind die Konservativen jetzt, in der letzten Zeit, zu „direkten Aktionen“ übergegangen, indem sie offen gegen die UdSSR Schläge führen und die berüchtigte „Heilige Allianz“ vor aller Augen zusammenzuzimmern versuchen.

Den ersten offenen Schlag führte die konservative Regierung Englands in Peking beim Überfall auf die Sowjetbotschaft. Dieser Überfall verfolgte zumindest zwei Ziele. Er sollte „grauenerregende“ Dokumente über die „Zerstörungs“arbeit der UdSSR zutage fördern, die eine Atmosphäre allgemeiner Entrüstung und den Boden für eine Einheitsfront gegen die UdSSR schaffen sollten. Er sollte ferner einen militärischen Konflikt mit der Pekinger Regierung herbeiführen und die UdSSR in einen Krieg mit China verwickeln.

Dieser Schlag ging bekanntlich fehl.

Der zweite offene Schlag erfolgte in London beim Überfall auf die Arcos und beim Abbruch der Beziehungen zur UdSSR. Dieser Schlag hatte den Zweck, eine Einheitsfront gegen die UdSSR zu schaffen, in ganz Europa eine diplomatische Blockade gegen die UdSSR zu verhängen und den serienweisen Abbruch der vertraglichen Beziehungen zur Sowjetunion zu provozieren.

Dieser Schlag ging bekanntlich ebenfalls fehl.

Der dritte offene Schlag erfolgte in Warschau durch Organisierung der Ermordung Wojkows. Der durch Agenten der Konservativen Partei organisierte Mord an Wojkow sollte nach dem Plan seiner Urheber die Rolle des Mordes von Sarajewo spielen und die UdSSR in einen militärischen Konflikt mit Polen verwickeln.

Dieser Schlag ging, so scheint es, ebenfalls fehl.

Woraus ist zu erklären, dass diese Schläge bisher nicht die Wirkung hatten, die sich die Konservativen von ihnen erhofften?

Aus den gegensätzlichen Interessen der verschiedenen bürgerlichen Staaten, von denen viele an der Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Beziehungen zur UdSSR interessiert sind.

Aus der Friedenspolitik der UdSSR, die fest und unerschütterlich von der Sowjetregierung durchgeführt wird.

Daraus, dass die von England abhängigen Staaten - ganz gleich, ob es sich um den Staat Tschang Tso-lins oder um den Staat Pilsudskis handelt -, nicht gewillt sind, zum Nachteil ihrer eigenen Interessen als willenloses Werkzeug der Konservativen zu dienen.

Die ehrbaren Lords wollen offenbar nicht begreifen, dass ein jeder Staat, und sei er noch so unbedeutend, geneigt ist, sich als eine gewisse Einheit zu betrachten, die darauf bedacht ist, ihr eigenes Leben zu führen, und die ihr Dasein nicht um der schönen Augen der Konservativen willen aufs Spiel setzen möchte. Die englischen Konservativen haben vergessen, alle diese Umstände in Rechnung zu stellen.

Bedeutet das, dass keine weiteren derartigen Schläge erfolgen werden? Nein, das bedeutet es nicht. Im Gegenteil, das bedeutet nur, dass die Schläge sich mit neuer Kraft wiederholen werden.

Diese Schläge darf man nicht als Zufall betrachten. Sie ergeben sich naturgemäß aus der gesamten internationalen Situation, aus der Stellung der englischen Bourgeoisie sowohl im „Mutterland“ als auch in den Kolonien, aus der Stellung der Konservativen Partei als Regierungspartei.

Die gesamte gegenwärtige internationale Situation, alle Tatsachen auf dem Gebiet der „Operationen“ der englischen Regierung gegen die UdSSR, sowohl die Tatsache, dass sie eine Finanzblockade gegen die UdSSR organisiert, als auch die Tatsache, dass sie mit den Großmächten Geheimbesprechungen über eine gegen die UdSSR gerichtete Politik führt, sowohl die Tatsache, dass sie die Emigranten,,regierungen“ der Ukraine, Georgiens, Aserbaidshans, Armeniens usw. zwecks Organisierung von Aufständen in diesen Ländern der UdSSR finanziell unterstützt, als auch die Tatsache, dass sie Spionage- und Terrorgruppen finanziert, die Brücken sprengen, Fabriken in Brand stecken und diplomatische Vertreter der UdSSR terrorisieren - all das zeugt zweifellos davon, dass die englische konservative Regierung fest und entschlossen den Weg der Organisierung eines Krieges gegen die UdSSR betreten hat. Hierbei darf man keinesfalls für ausgeschlossen halten, dass es den Konservativen unter bestimmten Bedingungen gelingen kann, diesen oder jenen Kriegsblock gegen die UdSSR zusammenzuzimmern.

Welches sind unsere Aufgaben?

Die Aufgabe besteht darin, in allen Ländern Europas wegen der Gefahr eines neuen Krieges Alarm zu schlagen, die Wachsamkeit der Arbeiter und Soldaten der kapitalistischen Länder zu erhöhen und die Massen darauf vorzubereiten, unablässig darauf vorzubereiten, allen und jeglichen Versuchen der bürgerlichen Regierungen zur Organisierung eines neuen Krieges wohl gerüstet, mit revolutionärem Kampf zu begegnen.

Die Aufgabe besteht darin, alle jene Führer der Arbeiterbewegung anzuprangern, die die Gefahr eines neuen Krieges „für ein Hirngespinst halten“, die die Arbeiter mit pazifistischen Lügen einlullen, die die Augen davor verschließen, dass die Bourgeoisie einen neuen Krieg vorbereitet, denn diese Leute wollen, dass der Krieg die Arbeiter überrasche.

Die Aufgabe besteht darin, dass die Sowjetregierung auch fernerhin fest und unerschütterlich eine Politik des Friedens, eine Politik der friedlichen Beziehungen betreibt, ungeachtet der provokatorischen Ausfälle unserer Feinde, ungeachtet der Nadelstiche gegen unser Prestige.

Die Provokateure aus dem feindlichen Lager wollen uns reizen und werden uns auch weiterhin reizen wollen, indem sie behaupten, dass sich unsere Friedenspolitik aus unserer Schwäche, aus der Schwäche unserer Armee erkläre. Dies bringt mitunter den einen oder anderen unserer Genossen auf, der sich leicht provozieren lässt und „entschiedene“ Maßnahmen fordert. Das ist Nervenschwäche. Das ist Mangel an Selbstbeherrschung. Wir können und dürfen nicht nach der Pfeife unserer Gegner tanzen. Wir müssen unseren eigenen Weg gehen, die Sache des Friedens verteidigen, unseren Friedenswillen demonstrieren, die räuberischen Absichten unserer Feinde entlarven und sie als Kriegstreiber an den Pranger stellen.

Denn nur eine solche Politik kann uns die Möglichkeit geben, die werktätigen Massen der UdSSR zu einem einzigen Kampflager zusammenzuschließen, wenn der Feind uns einen Krieg aufzwingt oder, richtiger gesagt, sobald der Feind uns einen Krieg aufzwingt.

Was unsere „Schwäche“ beziehungsweise die „Schwäche“ unserer Armee anbelangt, so ist es nicht das erste Mal, dass sich unsere Feinde in dieser Beziehung verrechnen. Vor etwa acht Jahren, als die englische Bourgeoisie eine Intervention gegen die UdSSR unternahm und Churchill mit einem Feldzug der „vierzehn Staaten“ drohte, da war die bürgerliche Presse ebenfalls voll Geschrei über die „Schwäche“ unserer Armee, doch weiß die ganze Welt, dass von unserer siegreichen Armee sowohl die englischen Interventen als auch ihre Verbündeten mit Schmach und Schande aus dem Lande gejagt wurden.

Es dürfte den Herren Brandstiftern eines neuen Krieges nicht schaden, dessen eingedenk zu sein.

Die Aufgabe besteht darin, die Wehrfähigkeit unseres Landes zu erhöhen, unsere Volkswirtschaft zu heben, unsere Industrie, die Kriegsindustrie wie auch die Friedensindustrie, zu verbessern, die Wachsamkeit der Arbeiter, Bauern und Rotarmisten unseres Landes zu erhöhen, indem man ihren Willen zur Verteidigung des sozialistischen Vaterlandes stählt und den Schlendrian ausmerzt, der leider bei weitem noch nicht ausgemerzt ist.

Die Aufgabe besteht darin, unser Hinterland zu festigen und von Unrat zu säubern, ohne uns zu scheuen, mit den „erlauchten“ Terroristen und Brandstiftern, die unsere Fabriken und Werke anstecken, kurzen Prozess zu machen, denn die Verteidigung unseres Landes ist ohne ein starkes revolutionäres Hinterland unmöglich.

Vor einiger Zeit erging an uns ein Protest bekannter Führer der englischen Arbeiterbewegung, Lansbury, Maxton und Brockway, anlässlich der Erschießung von zwanzig Terroristen und Brandstiftern aus den Reihen der russischen Fürsten und Adligen. Ich kann diese Führer der englischen Arbeiterbewegung nicht für Feinde der UdSSR halten. Aber sie sind schlimmer als Feinde.

Sie sind schlimmer als Feinde, da sie, die sich Freunde der UdSSR nennen, nichtsdestoweniger durch ihren Protest es den russischen Gutsbesitzern und englischen Spionen erleichtern, auch fernerhin die Ermordung von Vertretern der UdSSR zu organisieren.

Sie sind schlimmer als Feinde, da sie mit ihrem Protest die Sache dahin treiben, dass die Arbeiter der UdSSR ihren geschworenen Feinden gegenüber wehrlos dastünden.

Sie sind schlimmer als Feinde, da sie nicht begreifen wollen, dass die Erschießung der zwanzig „Erlauchten“ eine unerlässliche Maßnahme der Selbstverteidigung der Revolution ist.

Nicht umsonst heißt es: „Gott schütze uns vor solchen Freunden, mit unseren Feinden werden wir schon selber fertig.“

Was die Erschießung der zwanzig „Erlauchten“ betrifft, so mögen die Feinde der UdSSR, die inneren Feinde wie auch die äußeren Feinde, wissen, dass die proletarische Diktatur in der UdSSR voller Lebenskraft ist und eine feste Hand hat.

Was soll man nach all dem zu unserer unglückseligen Opposition sagen, die angesichts der Gefahr eines neuen Krieges neue Angriffe gegen die Partei unternimmt? Was soll man dazu sagen, dass diese selbe Opposition es für angebracht hielt, anlässlich der Kriegsgefahr ihre Angriffe gegen die Partei zu verstärken? Was kann Gutes daran sein, dass sie, anstatt sich gegen die äußere Gefahr um die Partei zusammenzuschließen, es für angebracht hält, die Schwierigkeiten in der Lage der UdSSR zu neuen Angriffen gegen die Partei auszunutzen? Ist die Opposition wirklich gegen den Sieg der UdSSR in den bevorstehenden Kämpfen gegen den Imperialismus, ist sie gegen die Erhöhung der Wehrfähigkeit der Sowjetunion, gegen die Festigung unseres Hinterlandes? Oder ist das vielleicht Feigheit gegenüber den neuen Schwierigkeiten, Desertion, der hinter einem Schwall linker Phrasen verborgene Wunsch, sich der Verantwortung zu entziehen?...

II
ÜBER CHINA

Jetzt, da die Revolution in China in eine neue Phase der Entwicklung getreten ist, können wir eine gewisse Bilanz des zurückgelegten Weges ziehen und die Frage der Überprüfung der Linie der Komintern in China untersuchen.

Es gibt bestimmte taktische Prinzipien des Lenin ismus, ohne deren Berücksichtigung weder die richtige Führung der Revolution noch die Überprüfung der Linie der Komintern in China möglich ist. Diese Prinzipien haben unsere Oppositionellen schon lange vergessen. Aber gerade deshalb, weil die Opposition an Vergesslichkeit leidet, muss man immer und immer wieder an diese Prinzipien erinnern.

Ich denke da an solche taktischen Prinzipien des Lenin ismus wie:

a) das Prinzip der unbedingten Berücksichtigung des national Besonderen und des national Spezifischen in jedem einzelnen Lande bei der Ausarbeitung der leitenden Weisungen der Komintern für die Arbeiterbewegung dieser Länder;

b) das Prinzip der unbedingten Ausnutzung der geringsten Möglichkeit durch die Kommunistische Partei eines jeden Landes, dem Proletariat einen Massenverbündeten zu sichern, und sei es auch ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer, unzuverlässiger Verbündeter;

c) das Prinzip der unbedingten Berücksichtigung der Wahrheit, dass Propaganda und Agitation allein für die politische Erziehung der Millionenmassen nicht ausreichen, dass hierfür die eigene politische Erfahrung der Massen selbst notwendig ist.

Ich bin der Meinung, dass die Berücksichtigung dieser taktischen Prinzipien des Lenin ismus die unentbehrliche Voraussetzung ist, ohne die eine marxistische Überprüfung der Linie der Komintern in der chinesischen Revolution nicht möglich ist.

Betrachten wir die Fragen der chinesischen Revolution im Lichte dieser taktischen Prinzipien.

Ungeachtet des ideologischen Wachstums unserer Partei gibt es bei uns in der Partei bedauerlicherweise noch eine gewisse Sorte von „Führern“, die tatsächlich glauben, man könne die Revolution in China sozusagen auf telegraphischem Wege, auf Grund der bekannten, von allen anerkannten, allgemeinen Leitsätze der Komintern leiten, ohne die nationalen Besonderheiten der chinesischen Ökonomik, des politischen Systems in China, der chinesischen Kultur, der chinesischen Bräuche und Traditionen zu berücksichtigen. Diese „Führer“ unterscheiden sich ja gerade dadurch von wirklichen Führern, dass sie stets zwei, drei fertige Formeln in der Tasche haben, die für alle Länder „geeignet“ und unter allen Bedingungen „obligatorisch“ sind. Für sie existiert nicht die Frage, dass das national Besondere und das national Spezifische in jedem Lande berücksichtigt werden müssen. Für sie existiert nicht die Frage, dass die allgemeinen Leitsätze der Komintern mit den nationalen Besonderheiten der revolutionären Bewegung in jedem Lande in Einklang gebracht, dass die allgemeinen Leitsätze der Komintern den national-staatlichen Besonderheiten der einzelnen Länder angepasst werden müssen.

Sie begreifen nicht, dass die Hauptaufgabe der Führung jetzt, da die kommunistischen Parteien gewachsen und zu Massenparteien geworden sind, darin besteht, die besonderen, nationalen Züge der Bewegung in jedem Lande herauszufinden, zu erfassen und die allgemeinen Leitsätze der Komintern geschickt mit ihnen zu verbinden, um so die praktische Verwirklichung der Hauptziele der kommunistischen Bewegung zu er-leichtern und zu ermöglichen.

Daher die Versuche, die Führung für alle Länder zu schablonisieren. Daher die Versuche, bestimmte allgemeine Formeln mechanisch anzuwenden, ohne die konkreten Bedingungen der Bewegung in den einzelnen Ländern zu berücksichtigen. Daher die ewigen Konflikte zwischen Formeln und revolutionärer Bewegung in den einzelnen Ländern als Hauptresultat der Führungstätigkeit dieser jämmerlichen Führer.

Unsere Oppositionellen gehören zur Kategorie eben dieser jämmerlichen Führer.

Die Opposition hatte gehört, dass in China eine bürgerliche Revolution im Gange ist. Nun weiß sie, dass sich die bürgerliche Revolution in Rußland gegen die Bourgeoisie vollzogen hat. Daher die fertige Formel für China: Fort mit allen gemeinsamen Aktionen mit der Bourgeoisie, es lebe der sofortige Austritt der Kommunisten aus der Kuomintang (April 1926).

Die Opposition hat jedoch vergessen, dass China zum Unterschied von dem Rußland des Jahres 1905 ein halbkoloniales, vom Imperialismus unterdrücktes Land ist, dass die Revolution in China daher nicht einfach eine bürgerliche Revolution ist, sondern eine bürgerliche Revolution von antiimperialistischem Typus, dass der Imperialismus in China die Hauptfäden der Industrie, des Handels und des Verkehrswesens in der Hand hat, dass das Joch des Imperialismus nicht nur auf den werktätigen Massen Chinas, sondern auch auf bestimmten Schichten der chinesischen Bourgeoisie lastet, dass die chinesische Bourgeoisie infolgedessen unter bestimmten Bedingungen und für eine bestimmte Zeit die chinesische Revolution unterstützen kann.

In Wirklichkeit ist es bekanntlich auch so gekommen. Wenn wir die Kantoner Periode der chinesischen Revolution betrachten, die Periode, als die nationalen Truppen zum Jangtse vorrückten, die Periode vor der Spaltung der Kuomintang, so muss man zugeben, dass die chinesische Bourgeoisie die Revolution in China unterstützt hat, dass die von der Komintern vertretene Linie der Zulässigkeit gemeinsamer Aktionen mit dieser Bourgeoisie für eine bestimmte Zeit und unter bestimmten Bedingungen sich als völlig richtig erwiesen hat.

Das Ergebnis war, dass die Opposition von ihrer alten Formel abrückte und eine „neue“ Formel verkündete: Gemeinsame Aktionen mit der chinesischen Bourgeoisie sind notwendig, die Kommunisten dürfen nicht aus der Kuomintang austreten (April 1927).

Das war die erste Lektion, die der Opposition dafür erteilt wurde, dass sie die nationalen Besonderheiten der chinesischen Revolution nicht berücksichtigen will.

Die Opposition hatte gehört, dass sich die Pekinger Regierung wegen der Frage der Zollautonomie Chinas mit den Vertretern der imperialistischen Staaten herumstreitet. Die Opposition weiß, dass vor allem die chinesischen Kapitalisten die Zollautonomie brauchen. Daher die fertige Formel: Die chinesische Revolution ist eine nationale, antiimperialistische Revolution, weil ihr Hauptziel die Erringung der Zollautonomie Chinas ist.

Die Opposition hat aber vergessen, dass die Stärke des Imperialismus in China in der Hauptsache nicht in den Zollbeschränkungen für China liegt, sondern darin, dass er dort Fabriken, Werke, Bergwerke, Eisenbahnen, Dampfschiffe, Banken, Handelskontore besitzt, wo die Arbeiter und Bauern der viele Millionen zählenden Bevölkerung Chinas bis aufs Blut ausgesaugt werden.

Die Opposition hat vergessen, dass sich der revolutionäre Kampf des chinesischen Volkes gegen den Imperialismus vor allem und in der Hauptsache daraus erklärt, dass der Imperialismus in China die Kraft ist, die die direkten Ausbeuter des chinesischen Volkes - Feudalherren, Militaristen, Kapitalisten, Bürokraten usw. - unterstützt und inspiriert, dass die chinesischen Arbeiter und Bauern diese ihre Ausbeuter nicht niederringen können, ohne zugleich den revolutionären Kampf gegen den Imperialismus zu führen.

Die Opposition vergisst, dass gerade dieser Umstand einer der wichtigsten Faktoren ist, die das Hinüberwachsen der bürgerlichen Revolution in China in die sozialistische Revolution ermöglichen.

Die Opposition vergisst, dass derjenige, der erklärt, die chinesische antiimperialistische Revolution sei eine Revolution für die Zollautonomie, die Möglichkeit des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in China in die sozialistische Revolution leugnet, denn er liefert die chinesische Revolution der Führung der chinesischen Bourgeoisie aus.

Und wirklich, die Tatsachen haben dann gezeigt, dass die Zollautonomie im Grunde genommen die Plattform der chinesischen Bourgeoisie darstellt, denn selbst solche Erzreaktionäre wie Tschang Tso-lin und Tschiang Kai-schek sprechen sich jetzt für die Abschaffung der ungleichen Verträge und für die Herstellung der Zollautonomie in China aus.

Daher der Zwiespalt bei der Opposition, ihre Versuche, sich um die eigene Formel, die Formel der Zollautonomie, herumzudrücken, ihre Versuche, stillschweigend auf sie zu verzichten und sich der Position der Komintern anzuschließen, die besagt, dass das Hinüberwachsen der bürgerlichen Revolution in China in die sozialistische Revolution möglich ist.

Das ist die zweite Lektion, die der Opposition dafür erteilt wurde, dass sie die nationalen Besonderheiten der chinesischen Revolution nicht ernsthaft studieren will.

Die Opposition hatte gehört, dass die Kaufmannsbourgeoisie ins chinesische Dorf eingedrungen ist und den besitzlosen Bauern Boden in Pacht gibt. Die Opposition weiß, dass der Kaufmann kein Feudalherr ist. Daher die fertige Formel: Die Überreste des Feudalismus und folglich auch der Kampf der Bauernschaft gegen die Überreste des Feudalismus haben für die chinesische Revolution keine ernsthafte Bedeutung, die Hauptsache in China sei jetzt nicht die Agrarrevolution, sondern die Frage der staatlichen Zollabhängigkeit Chinas von den Ländern des Imperialismus.

Die Opposition sieht aber nicht, dass die Eigenart der chinesischen Ökonomik nicht im Eindringen des Kaufmannskapitals ins Dorf besteht, sondern in der Verflechtung der Herrschaft der feudalen Überreste mit dem Bestehen des Kaufmannskapitals im chinesischen Dorfe unter Beibehaltung der mittelalterlich-feudalen Methoden der Ausbeutung und Unterdrückung der Bauernschaft.

Die Opposition begreift nicht, dass die ganze gegenwärtige militärisch-bürokratische Maschine in China, die die chinesische Bauernschaft in unmenschlicher Weise ausplündert und unterdrückt, im Grunde genommen der politische Überbau über dieser Verflechtung der Herrscbaft der feudalen Überreste und der feudalen Ausbeutungsmethoden mit dem Bestehen des Kaufmannskapitals im Dorfe ist.

Und wirklich, die Tatsachen haben dann gezeigt, dass sich in China eine grandiose Agrarrevolution entfaltet hat, die vor allem und in der Hauptsache gegen die kleinen und großen Feudalherren Chinas gerichtet ist.

Die Tatsachen haben gezeigt, dass diese Revolution Dutzende Millionen von Bauern ergriffen hat und die Tendenz zeigt, sich über ganz China auszubreiten.

Die Tatsachen haben gezeigt, dass in China Feudalherren, wirkliche und lebendige Feudalherren, nicht nur existieren, sondern in einer ganzen Reihe von Provinzen die Macht in den Händen halten, den Kommandobestand der Armee ihrem Willen unterwerfen, die Leitung der Kuomintang unter ihren Einfluss bringen und der chinesischen Revolution einen Schlag nach dem andern versetzen.

Nach alledem das Vorhandensein feudaler Überreste und des feudalen Ausbeutungssystems als Hauptform der Unterdrückung im chinesischen Dorfe zu leugnen, in Abrede zu stellen, dass die Agrarrevolution das Grundfaktum der chinesischen revolutionären Bewegung im gegenwärtigen Augenblick ist - das hieße sich über offenkundige Tatsachen hinwegsetzen.

Daher rückt die Opposition in der Frage der feudalen Überreste und der Agrarrevolution von ihrer alten Formel ab. Daher versucht die Opposition, sich von ihrer alten Formel wegzustehlen und stillschweigend die Richtigkeit der Position der Kornintern anzuerkennen.

Das ist die dritte Lektion, die die Opposition dafür erhielt, dass sie die nationalen Besonderheiten der chinesischen Ökonomik nicht berücksichtigen will.

Und so weiter und so fort.

Der Widerstreit zwischen Formeln und Wirklichkeit - das ist das Schicksal der jämmerlichen Führer aus den Reihen der Opposition. Dieser Widerstreit aber ist das direkte Resultat des Bruchs der Opposition mit dem bekannten taktischen Prinzip des Lenin ismus, dem Prinzip der unbedingten Berücksichtigung des national Besonderen und des national Spezifischen in der revolutionären Bewegung jedes einzelnen Landes.

Lenin formuliert dieses Prinzip folgendermaßen:

„Alles kommt jetzt darauf an, dass die Kommunisten eines jeden Landes sowohl die grundlegenden prinzipiellen Aufgaben des Kampfes gegen den Opportunismus und den ,linken’ Doktrinarismus als auch die konkreten Besonderheiten ganz klar einschätzen, die dieser Kampf in jedem einzelnen Lande entsprechend der Eigenart seiner Ökonomik, Politik und Kultur, seiner nationalen Zusammensetzung (Irland usw.), seiner Kolonien, seiner religiösen Gliederung usw. usf. annimmt und unvermeidlich annehmen muss. Überall zeigt sich, verbreitet sich und wächst die Unzufriedenheit mit der II. Internationale sowohl wegen ihres Opportunismus als auch wegen ihrer Ohnmacht oder ihrer Unfähigkeit, eine wirklich zentralisierte, wirklich leitende Zentralstelle zu schaffen, die fähig wäre, die internationale Taktik des revolutionären Proletariats in seinem Kampf für die Weltsowjetrepublik zu leiten. Man muss sich klar Rechenschaft darüber geben, dass eine solche leitende Zentralstelle keinesfalls auf einer Schablonisieruug, einer mechanischen Gleichsetzung und Identifizierung der taktischen Kampfregeln aufgebaut werden kann. Solange nationale und staatliche Unterschiede zwischen den Völkern und Ländern bestehen - diese Unterschiede werden sich aber noch sehr, sehr lange sogar nach der Verwirklichung der Diktatur des Proletariats im Weltmaßstab erhalten -, erfordert die Einheitlichkeit der internationalen Taktik der kommunistischen Arbeiterbewegung aller Länder nicht die Beseitigung der Mannigfaltigkeit, nicht die Aufhebung der nationalen Unterschiede (das wäre im gegenwärtigen Augenblick eine sinnlose Phantasterei), sondern eine solche Anwendung der grundlegenden Prinzipien des Kommunismus (Sowjetmacht und Diktatur des Proletariats), bei der diese Prinzipien im einzelnen richtig modifiziert und den nationalen und nationalstaatlichen Verschiedenheiten richtig angepasst, auf sie richtig angewendet werden. Das national Besondere, das national Spezifische beim konkreten Herangehen jedes Landes an die Lösung der einheitlichen internationalen Aufgabe-Sieg über den Opportunismus und den linken Doktrinarismus innerhalb der Arbeiterbewegung, Sturz der Bourgeoisie, Errichtung der Sowjetrepublik und der proletarischen Diktatur - zu erforschen, zu studieren, herauszufinden, zu erraten und zu erfassen, - das ist die Hauptaufgabe des historischen Augenblicks, den alle fortgeschrittenen (und nicht allein die fortgeschrittenen) Länder gegenwärtig durchmachen.“ (Siehe „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“, 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 71/72 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S.735/736].)

Die Linie der Komintern ist die Linie der unbedingten Berücksichtigung dieses taktischen Prinzips des Lenin ismus.

Die Linie der Opposition dagegen ist die Linie des Bruchs mit diesem taktischen Prinzip.

In diesem Bruch liegt auch die Wurzel der Kalamitäten der Opposition in den Fragen des Charakters und der Perspektiven der chinesischen Revolution.

*

Kommen wir zum zweiten taktischen Prinzip des Lenin ismus.

Aus dem Charakter und den Perspektiven der chinesischen Revolution ergibt sich die Frage nach den Verbündeten des Proletariats in seinem Kampf um den Sieg der Revolution.

Die Frage nach den Verbündeten des Proletariats ist eine der grundlegenden Fragen der chinesischen Revolution. Dem chinesischen Proletariat stehen mächtige Gegner gegenüber: die kleinen und großen Feudalherren, die militärisch-bürokratische Maschine der alten und neuen Militaristen, die konterrevolutionäre nationale Bourgeoisie, die Imperialisten des Ostens und des Westens, die die wichtigsten Fäden des Wirtschaftslebens Chinas in den Händen halten und ihrem Recht auf Ausbeutung des chinesischen Volkes durch Truppen und Kriegsschiffe Nachdruck verleihen.

Um diese mächtigen Gegner zu schlagen, braucht das Proletariat neben allem anderen eine elastische und gut durchdachte Politik, muss es das Proletariat verstehen, jeden Riss im Lager der Gegner auszunützen, muss es verstehen, sich Verbündete zu suchen, mögen es auch schwankende, unsichere Verbündete sein, vorausgesetzt, dass sie Massenverbündete sind, dass sie die revolutionäre Propaganda und Agitation der Partei des Proletariats nicht hemmen, dass sie die Arbeit dieser Partei zur Organisierung der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen nicht hemmen.

Eine solche Politik ist die Grundforderung des zweiten taktischen Prinzips des Lenin ismus. Ohne eine solche Politik ist der Sieg des Proletariats unmöglich.

Die Opposition hält eine solche Politik für falsch, für nicht Lenin istisch. Das beweist aber nur, dass sie sich auch der letzten Reste des Lenin ismus entledigt hat, dass sie vom Lenin ismus himmelweit entfernt ist.

Hatte das chinesische Proletariat in jüngster Vergangenheit solche Verbündeten?

Ja, es hatte sie.

In der Periode der ersten Etappe der Revolution, als die Revolution eine Revolution der vereinigten gesamtnationalen Front war (Kantoner Periode), waren die Verbündeten des Proletariats die Bauernschaft, die städtische Armut, die kleinbürgerliche Intelligenz, die nationale Bourgeoisie.

Eine der Besonderheiten der chinesischen revolutionären Bewegung besteht darin, dass die Vertreter dieser Klassen mit den Kommunisten in einer bürgerlich-revolutionären Organisation, die Kuomintang heißt, zusammenarbeiteten.

Diese Verbündeten waren nicht in gleichem Maße zuverlässig und konnten es auch nicht sein. Die einen von ihnen waren mehr oder weniger zuverlässige Verbündete (die Bauernschaft, die städtische Armut), die anderen weniger zuverlässig, schwankend (die kleinbürgerliche Intelligenz), die dritten ganz und gar unzuverlässig (die nationale Bourgeoisie).

Die Kuomintang war damals unbestreitbar mehr oder weniger eine Massenorganisation. Die Politik der Kommunisten innerhalb der Kuomintang bestand darin, die Vertreter der nationalen Bourgeoisie (die Rechten) zu isolieren und sie im Interesse der Revolution auszunutzen, die kleinbürgerliche Intelligenz (die Linken) nach links zu drängen und die Bauernschaft und die städtische Armut um das Proletariat zusammenzuschließen.

War Kanton damals das Zentrum der revolutionären Bewegung in China? Ja, unbedingt. Das können heute höchstens Narren leugnen.

Welches waren die Errungenschaften der Kommunisten in dieser Periode? Die Erweiterung des Territoriums der Revolution, da die Kantoner Truppen bis zum Jangtse vorgestoßen waren; die Möglichkeit der offenen Organisierung des Proletariats (Gewerkschaften, Streikkomitees); die Formierung der kommunistischen Organisationen zu einer Partei; die Gründung der ersten Zellen von Bauernorganisationen (Bauernbünde); das Eindringen der Kommunisten in die Armee.

Es zeigt sich also, dass die Führung durch die Komintern in dieser Periode völlig richtig war.

In der Periode der zweiten Etappe der Revolution, als Tschiang Kai-schek und die nationale Bourgeoisie in das Lager der Konterrevolution übergingen und das Zentrum der revolutionären Bewegung sich von Kanton nach Wuhan verschob, waren die Verbündeten des Proletariats die Bauernschaft, die städtische Armut und die kleinbürgerliche Intelligenz.

Woraus ist der Übergang der nationalen Bourgeoisie in das Lager der Konterrevolution zu erklären? Erstens aus der Furcht der nationalen Bourgeoisie vor dem Schwung der revolutionären Bewegung der Arbeiter, zweitens aus dem Druck der Imperialisten in Schanghai auf die nationale Bourgeoisie.

Die nationale Bourgeoisie ging somit für die Revolution verloren. Das war ein teilweiser Verlust für die Revolution. Dafür aber trat die Revolution in eine höhere Phase ihrer Entwicklung, in die Phase der Agrarrevolution, und zog die breiten Massen der Bauernschaft näher zu sich heran. Das war ein Plus für die Revolution.

War die Kuomintang damals, in der Periode der zweiten Etappe der Revolution, eine Massenorganisation? Ja, unbedingt. Sie war unbestreitbar in stärkerem Maße eine Massenorganisation als die Kuomintang der Kantoner Periode.

War Wuhan damals das Zentrum der revolutionären Bewegung? Ja, unbedingt. Das können heute höchstens Blinde leugnen. Andernfalls wäre das Territorium von Wuhan (Hupe, Hunan) damals nicht die Basis der maximalen Entwicklung der von der Kommunistischen Partei geführten Agrarrevolution gewesen.

Die Politik der Kommunisten gegenüber der Kuomintang bestand damals darin, sie nach links zu drängen und sie in den Kern der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft umzuwandeln.

Bestand damals die Möglichkeit einer solchen Umwandlung? Ja, sie bestand. Jedenfalls lag keine Veranlassung vor, eine solche Möglichkeit für ausgeschlossen zu halten. Wir sagten damals direkt, dass zumindest zwei Voraussetzungen unerlässlich sind, um die Wuhaner Kuomintang in den Kern der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft umzuwandeln: die radikale Demokratisierung der Kuomintang und die direkte Unterstützung der Agrarrevolution durch die Kuomintang. Es wäre töricht von den Kommunisten, auf den Versuch einer solchen Umwandlung zu verzichten.

Welches waren die Errungenschaften der Kommunisten in dieser Periode?

Die Kommunistische Partei entwickelte sich in dieser Periode aus einer kleinen Partei mit 5000-6000 Mitgliedern zu einer großen Massenpartei mit 50000-60000 Mitgliedern.

Die Arbeitergewerkschaften entwickelten sich zu einer gewaltigen allchinesischen Vereinigung mit rund 3 Millionen Mitgliedern.

Die ursprünglichen Bauernorganisationen entwickelten sich zu gewaltigen Vereinigungen mit mehreren Dutzend Millionen Mitgliedern. Die Agrarbewegung der Bauernschaft nahm grandiose Ausmaße an und bildete den Mittelpunkt der chinesischen revolutionären Bewegung. Die Kommunistische Partei hat sich die Möglichkeit der offenen Organisierung der Revolution erkämpft. Die Kommunistische Partei wird zum Führer der Agrarrevolution. Die Hegemonie des Proletariats beginnt sich aus einem Wunsch in eine Tatsache zu verwandeln.

Zwar verstand es die chinesische Kommunistische Partei nicht, alle Möglichkeiten dieser Periode auszunutzen. Zwar beging das ZK der chinesischen Kommunistischen Partei in dieser Periode eine Reihe ernstester Fehler. Es wäre aber lächerlich zu glauben, dass die chinesische Kommunistische Partei sozusagen mit einem Schlage, auf Grund der Direktiven der Komintern zu einer wirklich bolschewistischen Partei werden könne. Man vergegenwärtige sich nur die Geschichte unserer Partei, die durch eine Reihe von Spaltungen, Abspaltungen, Verrätereien usw. hindurchging, und man wird begreifen, dass wirklich bolschewistische Parteien nicht mit einem Schlage entstehen.

Es zeigt sich also, dass die Führung durch die Komintern auch in dieser Periode völlig richtig war.

Hat das chinesische Proletariat heute Verbündete?

Ja, es hat Verbündete.

Diese Verbündeten sind die Bauernschaft und die städtische Armut.

Die gegenwärtige Periode ist gekennzeichnet durch den Übergang der Wuhaner Führung der Kuomintang in das Lager der Konterrevolution, durch die Abkehr der kleinbürgerlichen Intelligenz von der Revolution.

Diese Abkehr erklärt sich erstens aus der Furcht der kleinbürgerlichen Intelligenz vor der anschwellenden Agrarrevolution und aus dem Druck der Feudalherren auf die Wuhaner Führung, zweitens aus dem Druck der Imperialisten im Gebiet Tientsin, die von der Kuomintang als Preis für den freien Durchmarsch nach Norden den Bruch mit den Kommunisten fordern.

Die Opposition bezweifelt das Vorhandensein feudaler Überreste in China. Es ist aber jetzt jedem klar, dass feudale Überreste in China nicht nur existieren, sondern dass sie sich sogar als stärker erwiesen haben als der Ansturm der Revolution im gegenwärtigen Moment. Und gerade weil sich die Imperialisten und Feudalherren in China vorläufig als stärker erwiesen haben, hat die Revolution eine zeitweilige Niederlage erlitten.

Diesmal ging die kleinbürgerliche Intelligenz für die Revolution verloren.

Das eben ist ein Kennzeichen der zeitweiligen Niederlage der Revolution.

Dafür hat sie die breiten Massen der Bauernschaft und der städtischen Armut enger um das Proletariat zusammengeschlossen und damit den Boden für die proletarische Hegemonie geschaffen.

Das ist ein Plus für die Revolution.

Die Opposition will die zeitweilige Niederlage der Revolution aus der Politik der Komintern erklären. So kann aber nur sprechen, wer mit dem Marxismus gebrochen hat. Nur wer mit dem Marxismus gebrochen hat, kann verlangen, dass eine richtige Politik stets und unter allen Umständen unmittelbar zum Sieg über den Gegner führe.

War die Politik der Bolschewiki während der Revolution von 1905 richtig? Ja, sie war richtig. Warum erlitt dann die Revolution von 1905 eine Niederlage, obwohl Sowjets bestanden, obwohl die Politik der Bolschewiki richtig war? Weil sich die feudalen Überreste und die Selbstherrschaft damals als stärker erwiesen als die revolutionäre Bewegung der Arbeiter.

War die Politik der Bolschewiki im Juli 1917 richtig? Ja, sie war richtig. Warum erlitten dann die Bolschewiki eine Niederlage, obwohl wiederum Sowjets bestanden, von denen die Bolschewiki damals verraten wurden, obwohl die Politik der Bolschewiki richtig war? Weil sich der russische Imperialismus damals als stärker erwies als die revolutionäre Bewegung der Arbeiter.

Eine richtige Politik muss keineswegs stets und unter allen Umständen unmittelbar zum Sieg über den Gegner führen. Der unmittelbare Sieg über den Gegner wird nicht nur durch eine richtige Politik bestimmt, sondern außerdem, vor allem und hauptsächlich, durch das Verhältnis der Klassenkräfte, durch ein offensichtliches Übergewicht der Kräfte auf seiten der Revolution, durch Zerfall im Lager des Gegners, durch eine günstige internationale Situation.

Nur unter diesen Voraussetzungen kann eine richtige Politik des Proletariats unmittelbar zum Sieg führen.

Es gibt aber eine unerlässliche Forderung, der eine richtige Politik stets und unter allen Umständen entsprechen muss. Diese Forderung besteht darin, dass die Politik der Partei die Kampffähigkeit des Proletariats steigern, seine Verbindungen mit den werktätigen Massen erweitern, die Autorität des Proletariats unter diesen Massen erhöhen, das Proletariat zum Hegemon der Revolution machen muss.

Kann man behaupten, dass die abgelaufene Periode ein Maximum an günstigen Bedingungen für den unmittelbaren Sieg der Revolution in China aufwies? Natürlich kann man das nicht.

Kann man behaupten, dass die kommunistische Politik in China die Kampffähigkeit des Proletariats nicht gesteigert, seine Verbindungen mit den breiten Massen nicht erweitert und die Autorität des Proletariats unter diesen Massen nicht erhöht habe? Natürlich kann man das nicht.

Nur Blinde können nicht sehen, dass es dem chinesischen Proletariat in dieser Zeit gelungen ist, die breiten Massen der Bauernschaft sowohl von der nationalen Bourgeoisie als auch von der kleinbürgerlichen Intelligenz loszulösen, um diese Massen um sein Banner zusammenzuschließen.

In der ersten Etappe der Revolution ging die Kommunistische Partei einen Block mit der nationalen Bourgeoisie in Kanton ein, um das Territorium der Revolution zu erweitern, sich zu einer Massenpartei zu formieren, sich die Möglichkeit der offenen Organisierung des Proletariats zu schaffen und sich den Weg zur Bauernschaft zu bahnen.

In der zweiten Etappe der Revolution ging die Kommunistische Partei einen Block mit der kleinbürgerlichen Intelligenz der Wuhaner Kuomintang ein, um ihre Kräfte zu vermehren, die Organisation des Proletariats zu verbreitern, die breiten Massen der Bauernschaft von der Kuomintangführung loszulösen und die Voraussetzungen für die Hegemonie des Proletariats zu schaffen.

Die nationale Bourgeoisie ging in das Lager der Konterrevolution über und verlor die Verbindungen mit den breiten Volksmassen.

Der nationalen Bourgeoisie folgend, machte sich die kleinbürgerliche Intelligenz der Wuhaner Kuomintang, die vor der Agrarrevolution erschrak, davon und diskreditierte sich endgültig in den Augen der Millionenmassen der Bauernschaft.

Dafür schlossen sich die Millionenmassen der Bauernschaft enger um das Proletariat zusammen, in dem sie ihren einzigen zuverlässigen Führer und Leiter sehen.

Ist es nicht klar, dass nur eine richtige Politik zu solchen Ergebnissen führen konnte?

Ist es nicht klar, dass nur eine solche Politik die Kampffähigkeit des Proletariats steigern konnte?

Wer außer den jämmerlichen Führern aus den Reihen unserer Opposition kann leugnen, dass eine solche Politik richtig und revolutionär war?

Die Opposition behauptet, das Abschwenken der Wuhaner Kuomintangführung zur Konterrevolution beweise, dass die Politik des Blocks mit der Wuhaner Kuomintang in der zweiten Etappe der Revolution falsch war.

Aber so kann nur sprechen, wer die Geschichte des Bolschewismus vergessen und sich der letzten Reste des Lenin ismus entledigt hat.

War die bolschewistische Politik des revolutionären Blocks mit den linken Sozialrevolutionären im Oktober und nach dem Oktober, bis zum Frühjahr 1918, richtig? Ich glaube, es hat noch niemand gewagt, die Richtigkeit dieses Blocks zu bestreiten. Womit endete dieser Block? Mit dem Aufstand der linken Sozialrevolutionäre gegen die Sowjetmacht. Kann man deswegen behaupten, dass die Politik des Blocks mit den Sozialrevolutionären falsch war? Natürlich kann man das nicht.

War die Politik des revolutionären Blocks mit der Wuhaner Kuomintang in der zweiten Etappe der chinesischen Revolution richtig? Ich glaube, es hat noch niemand gewagt, die Richtigkeit eines solchen Blocks während der zweiten Etappe der Revolution zu bestreiten. Die Opposition selbst hat damals (im April 1927) behauptet, dass ein solcher Block richtig ist. Wie kann man jetzt, nach der Abkehr der Wuhaner Kuomintangführung von der Revolution, auf Grund dieser Abkehr behaupten, dass der revolutionäre Block mit der Wuhaner Kuomintang falsch war?

Ist es nicht klar, dass nur charakterlose Menschen mit solchen „Argumenten“ operieren können?

Hat denn irgendjemand behauptet, dass der Block mit der Wuhaner Kuomintang immer und ewig währen wird? Gibt es überhaupt auf der Welt immer und ewig währende Blocks? Ist es nicht klar, dass die Opposition von dem zweiten taktischen Prinzip des Lenin ismus, dem Prinzip des revolutionären Blocks des Proletariats mit den nichtproletarischen Klassen und Gruppen, nichts, aber auch gar nichts verstanden hat?

Lenin formuliert dieses taktische Prinzip folgendermaßen:

„Einen mächtigeren Gegner kann man nur unter größter Anspannung der Kräfte und nur dann besiegen, wenn man unbedingt aufs sorgfältigste, sorgsamste, vorsichtigste, geschickteste sowohl jeden, selbst den kleinsten ,Riss’ zwischen den Feinden, jeden Interessengegensatz zwischen der Bourgeoisie der verschiedenen Länder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder Schichten der Bourgeoisie innerhalb der einzelnen Länder als auch jede, selbst die kleinste Möglichkeit ausnutzt, um einen Massenverbündeten zu gewinnen, mag das auch ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer, unzuverlässiger, bedingter Verbündeter sein. Wer das nicht begriffen hat, der hat auch nicht einen Deut vom Marxismus und vom wissenschaftlichen, modernen, Sozialismus überhaupt begriffen. Wer nicht während einer recht beträchtlichen Zeitspanne und in recht verschiedenartigen politischen Situationen praktisch bewiesen hat, dass er es versteht, diese Wahrheit in der Tat anzuwenden, der hat es noch nicht gelernt, der revolutionären Klasse in ihrem Kampf um die Befreiung der gesamten werktätigen Menschheit von den Ausbeutern zu helfen. Und das Gesagte gilt in gleicher Weise für die Periode vor und nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat.“ (Siehe „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“, 4. Ausgabe, Bd. 31, S.52 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S.716].)

Ist es nicht klar, dass die Linie der Opposition eine Linie des Bruchs mit diesem taktischen Prinzip des Lenin ismus ist?

Ist es nicht klar, dass die Linie der Komintern im Gegensatz dazu die Linie der unbedingten Berücksichtigung dieses taktischen Prinzips ist?

*

Kommen wir zum dritten taktischen Prinzip des Lenin ismus.

Dieses taktische Prinzip betrifft die Frage des Wechsels der Losungen, der Wege und Methoden dieses Wechsels. Es betrifft die Frage, auf welche Weise die Losungen für die Partei in Losungen für die Massen verwandelt werden können, die Frage, wie und auf welche Weise die Massen an die revolutionären Positionen herangeführt werden können, damit die Massen sich selbst an Hand ihrer eigenen politischen Erfahrung von der Richtigkeit der Parteilosungen überzeugen.

Die Massen überzeugen kann man jedoch nicht durch Propaganda und Agitation allein. Dazu bedarf es der eigenen politischen Erfahrung der Massen selbst. Dazu ist notwendig, dass die breiten Massen selbst am eigenen Leibe die Unvermeidlichkeit, sagen wir, des Sturzes der bestehenden Gesellschaftsordnung, die Unvermeidlichkeit der Errichtung einer neuen politischen und sozialen Ordnung spüren.

Es ist gut, wenn sich die Vorhut, die Partei, von der Unvermeidlichkeit des Sturzes, sagen wir, der Provisorischen Regierung Miljukow-Kerenski im April 1917 bereits überzeugt hat. Aber das reicht noch nicht aus, um zum Sturz dieser Regierung aufzurufen, um die Losung des Sturzes der Provisorischen Regierung und der Errichtung der Sowjetmacht als Tageslosung aufzustellen. Um die Formel „Alle Macht den Sowjets“, die als Perspektive für die nächste Periode galt, in eine Tageslosung, in eine unmittelbare Aktionslosung zu verwandeln, dazu bedurfte es noch eines entscheidenden Umstands, nämlich, dass die Massen selbst sich von der Richtigkeit dieser Losung überzeugten und die Partei auf die eine oder andere Art bei ihrer Verwirklichung unterstützten.

Man muss streng unterscheiden zwischen einer Formel als Perspektive für die nächste Zukunft und einer Formel als Tageslosung. Gerade daran scheiterte im April 1917 die Gruppe der Bolschewiki in Petrograd mit Bagdatjew an der Spitze, als sie vorzeitig die Losung aufstellte „Nieder mit der Provisorischen Regierung, alle Macht den Sowjets“. Lenin qualifizierte damals diesen Versuch der Gruppe Bagdatjews als gefährliches Abenteurertum und brandmarkte ihn öffentlich [69].

Warum?

Weil die breiten Massen der Werktätigen im Hinterland und an der Front noch nicht bereit waren, sich diese Losung zu Eigen zu machen. Weil diese Gruppe die Formel „Alle Macht den Sowjets“ als Perspektive mit der Losung „Alle Macht den Sowjets“ als Tageslosung durcheinander brachte. Weil sie vorauseilte und damit die Partei der Gefahr der völligen Isolierung von den breiten Massen, von den Sowjets aussetzte, die damals noch an den revolutionären Charakter der Provisorischen Regierung glaubten.

Durften die chinesischen Kommunisten, sagen wir, vor einem halben Jahr die Losung „Nieder mit der Kuomintangführung in Wuhan“ aufstellen? Nein, das durften sie nicht.

Sie durften es nicht, weil das ein gefährliches Vorauseilen gewesen wäre, weil es den Kommunisten den Zugang zu den breiten Massen der Werktätigen, die noch an die Kuomintangführung glaubten, erschwert, weil es die Kommunistische Partei von den breiten Bauernmassen isoliert hätte.

Sie durften es nicht, weil die Wuhaner Kuomintangführung, das Wuhaner ZK der Kuomintang als bürgerlich-revolutionäre Regierung ihre Möglichkeiten noch nicht erschöpft, sich in den Augen der breiten Massen der Werktätigen noch nicht durch ihren Kampf gegen die Agrarrevolution, durch ihren Kampf gegen die Arbeiterklasse, durch ihr Abschwenken zur Konterrevolution kompromittiert und diskreditiert hatte.

Wir haben stets gesagt, dass man nicht auf die Diskreditierung und Ablösung der Wuhaner Kuomintangführung Kurs nehmen darf, solange sie als bürgerlich-revolutionäre Regierung ihre Möglichkeiten noch nicht erschöpft hat, dass man sie zuerst ihre Möglichkeiten erschöpfen lassen muss, um dann die Frage ihrer Ablösung praktisch zu stellen.

Sollen die chinesischen Kommunisten jetzt die Losung „Nieder mit der Kuomintangführung in Wuhan“ aufstellen? Ja, sie sollen es, unbedingt sollen sie es.

Jetzt, da sich die Kuomintangführung durch ihren Kampf gegen die Revolution bereits kompromittiert und sich die Feindschaft der breiten Arbeiter- und Bauernmassen zugezogen hat, wird diese Losung einen machtvollen Widerhall bei den Volksmassen finden.

Jetzt wird jeder Arbeiter und jeder Bauer begreifen, dass die Kommunisten richtig gehandelt haben, als sie aus der Wuhaner Regierung und dem Wuhaner ZK der Kuomintang austraten und die Losung „Nieder mit der Kuomintangführung in Wuhan“ aufstellten.

Denn jetzt stehen die Bauern- und Arbeitermassen vor der Wahl: entweder die jetzige Kuomintangführung, und damit Verzicht auf die Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse dieser Massen, Verzicht auf die Agrarrevolution; oder Agrarrevolution und radikale Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse, und dann wird die Ablösung der Kuomintangführung in Wuhan zur Tageslosung für die Massen.

Das sind die Erfordernisse des dritten taktischen Prinzips des Lenin ismus, das die Frage des Wechsels der Losungen, die Frage der Methoden und Wege zur Heranführung der breiten Massen an die neuen revolutionären Positionen betrifft, die Frage, wie wir durch unsere Politik, durch unsere Aktionen, durch die rechtzeitige Ersetzung der einen Losung durch andere Losungen den breiten Massen der Werktätigen helfen müssen, die Richtigkeit der Linie der Partei an Hand ihrer eigenen Erfahrung zu erkennen.

Lenin formuliert dieses taktische Prinzip folgendermaßen:

„Mit der Avantgarde allein kann man nicht siegen. Die Avantgarde allein in den entscheidenden Kampf werfen, solange die ganze Klasse, solange die breiten Massen nicht eine Position eingenommen haben, wo sie die Avantgarde entweder direkt unterstützen oder wenigstens wohlwollende Neutralität ihr gegenüber üben und eine völlige Unfähigkeit, ihren Gegner zu unterstützen, an den Tag gelegt haben, wäre nicht nur eine Dummheit, sondern auch ein Verbrechen. Damit aber wirklich die ganze Klasse, damit wirklich die breiten Massen der Werktätigen und vom Kapital Unterdrückten zu dieser Position gelangen, dazu ist Propaganda allein, Agitation allein zuwenig. Dazu bedarf es der eigenen politischen Erfahrung dieser Massen. Das ist das grundlegende Gesetz aller großen Revolutionen, das sich jetzt mit überraschender Kraft und Anschaulichkeit nicht nur in Rußland, sondern auch in Deutschland bestätigt hat. Nicht nur die auf niedriger Kulturstufe stehenden, oft des Lesens und Schreibens unkundigen Massen Rußlands, sondern auch die auf hoher Kulturstufe stehenden, durchweg des Lesens und Schreibens kundigen Massen Deutschlands mussten am eigenen Leibe die ganze Ohnmacht, die ganze Charakterlosigkeit, die ganze Hilflosigkeit, die ganze Liebedienerei gegenüber der Bourgeoisie, die ganze Gemeinheit der Regierung der Ritter der II. Internationale, die ganze Unvermeidlichkeit der Diktatur der äußersten Reaktionäre (Kornilow in Rußland, Kapp und Konsorten in Deutschland) erfahren als einzige Alternative gegenüber der Diktatur des Proletariats, um sich entschieden dem Kommunismus zuzuwenden. Die nächste Aufgabe der klassenbewussten Vorhut der internationalen Arbeiterbewegung, d. h. der kommunistischen Parteien, Gruppen, Strömungen, besteht darin, es zu verstehen, die breiten (jetzt meistenteils noch schlummernden, apathischen, in althergebrachten Vorstellungen befangenen, trägen, noch nicht erweckten) Massen an diese ihre neue Position heranzuführen oder, richtiger gesagt, es zu verstehen, nickt nur die eigene Partei, sondern auch diese Massen zu leiten, während sie sich der neuen Position nähern, diese Position beziehen.“ (Siehe „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“, 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 73 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. 11, S. 737])

Der Hauptfehler der Opposition besteht darin, dass sie Sinn und Bedeutung dieses taktischen Prinzips des Lenin ismus nicht begreift, dass sie es nicht anerkennt, dass sie es systematisch verletzt.

Die Opposition (die Trotzkisten) verletzte dieses taktische Prinzip Anfang 1917, als sie versuchte, die noch unvollendete Agrarbewegung zu „überspringen“ (siehe Lenin ).

Die Opposition (Trotzki-Sinowjew) verletzte es, als sie versuchte, den reaktionären Charakter der Gewerkschaften zu „überspringen“, als sie die Zweckmäßigkeit der Arbeit der Kommunisten in den reaktionären Gewerkschaften nicht anerkannte und die Notwendigkeit zeitweiliger Blocks mit ihnen leugnete.

Die Opposition (Trotzki-Sinowjew-Radek) verletzte es, als sie versuchte, die nationalen Besonderheiten der chinesischen revolutionären Bewegung (Kuomintang), die Rückständigkeit der chinesischen Volksmassen zu „überspringen“, als sie im April 1926 den sofortigen Austritt der Kommunisten aus der Kuomintang forderte und im April 1927 die Losung der sofortigen Organisierung von Sowjets in einer Situation aufstellte, in der die Kuomintangphase der Entwicklung noch nicht abgeschlossen, noch nicht überholt war.

Die Opposition glaubt, dass es vollauf genüge, wenn sie die Halbheit, das Schwanken, die Unzuverlässigkeit der Kuomintangführung begriffen und erkannt, wenn sie den zeitweiligen und bedingten Charakter des Blocks mit der Kuomintang erkannt hat (und dies zu erkennen dürfte einem qualifizierten politischen Funktionär nicht schwer fallen) - sie glaubt, dass dies vollauf genüge, um mit „entschiedenen Aktionen“ gegen die Kuomintang, gegen die Macht der Kuomintang zu beginnen, dass dies vollauf genüge, damit die Massen, die breiten Massen der Arbeiter und Bauern „uns“ und „unsere“ „entschiedenen Aktionen“ „sofort“ unterstützen.

Die Opposition vergisst, dass, wenn „wir“ das erkennen, dies bei weitem noch nicht genügt, damit die chinesischen Kommunisten die Massen für sich gewinnen. Die Opposition vergisst, dass dazu außerdem erforderlich ist, dass die Massen selbst an Hand ihrer eigenen Erfahrung die Unzuverlässigkeit, den reaktionären und konterrevolutionären Charakter der Kuomintangführung erkennen.

Die Opposition vergisst, dass die Revolution nicht nur von der Vorhut, nicht nur von der Partei, nicht nur von einzelnen, wenn auch „hohen“, „Persönlichkeiten“ „gemacht“ wird, sondern vor allem und hauptsächlich von den Millionenmassen des Volkes.

Es ist merkwürdig, dass die Opposition den Zustand, das Bewusstsein der Millionenmassen des Volkes, ihre Bereitschaft zu entschiedenen Aktionen außer acht lässt.

Wussten wir, die Partei, Lenin, im April 1917, dass man die Provisorische Regierung Miljukow-Kerenski wird stürzen müssen, dass das Bestehen der Provisorischen Regierung unvereinbar ist mit der Tätigkeit der Sowjets, dass die Macht in die Hände der Sowjets übergehen muss? Ja, wir wussten es.

Warum brandmarkte Lenin dann im April 1917 die bekannte Gruppe der Petrograder Bolschewiki mit Bagdatjew an der Spitze als Abenteurer, als diese Gruppe die Losung aufstellte: „Nieder mit der Provisorischen Regierung, alle Macht den Sowjets!“ und als sie versuchte, die Provisorische Regierung zu stürzen?

Weil breite Massen der Werktätigen, ein gewisser Teil der Arbeiter, Millionen Bauern, breite Massen der Armee und schließlich auch die Sowjets selbst noch nicht bereit waren, sich diese Losung als Tageslosung zu eigen zu machen.

Weil die Provisorische Regierung und die kleinbürgerlichen Parteien, die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki, noch nicht abgewirtschaftet, sich in den Augen der Millionenmassen der Werktätigen noch nicht genügend diskreditiert hatten.

Weil Lenin wusste, dass zum Sturz der Provisorischen Regierung und zur Errichtung der Sowjetmacht die Erkenntnis, das Bewusstsein der Vorhut des Proletariats, der Partei des Proletariats, nicht genügt, dazu ist außerdem notwendig, dass sich die Massen selbst an Hand ihrer eigenen Erfahrung von der Richtigkeit einer solchen Linie überzeugen.

Weil die Millionenmassen der Werktätigen das ganze Koalitionsbacchanal, den Verrat der kleinbürgerlichen Parteien im Juni, Juli und August 1917 erleben mussten, weil sie die schmähliche Offensive an der Front im Juni 1917, die „ehrenwerte“ Koalition der kleinbürgerlichen Parteien mit den Kornilow und Miljukow, den Kornilowaufstand usw. erleben mussten, um sich von der Unvermeidlichkeit des Sturzes der Provisorischen Regierung und der Errichtung der Sowjetmacht zu überzeugen.

Weil nur unter diesen Voraussetzungen die Losung Sowjetmacht als Perspektive in die Losung Sowjetmacht als Tageslosung umgewandelt werden konnte.

Es ist das Pech der Opposition, dass sie auf Schritt und Tritt denselben Fehler begeht, den seinerzeit die Gruppe Bagdatjew beging, dass sie den Weg Lenin s verlässt und es vorzieht, in den Bahnen Bagdatjews zu „wandeln“.

Wussten wir, die Partei, Lenin, dass die Konstituierende Versammlung mit dem System der Sowjetmacht unvereinbar ist, als wir uns an den Wahlen zur Konstituierenden Versammlung beteiligten und als wir sie nach Petrograd einberiefen? Ja, wir wussten es.

Wozu beriefen wir sie dann ein? Wie konnte es geschehen, dass die Bolschewiki als Feinde des bürgerlichen Parlamentarismus sich nach Errichtung der Sowjetmacht nicht nur an den Wahlen beteiligten, sondern die Konstituierende Versammlung auch selbst einberiefen? War das nicht „Nachtrabpolitik“, ein Zurückbleiben hinter den Ereignissen, ein „Zurückhalten der Massen“, eine Durchbrechung der Taktik „auf lange Sicht“? Natürlich nicht.

Die Bolschewiki entschlossen sich zu diesem Schritt, um es den rückständigen Volksmassen zu erleichtern, sich mit eigenen Augen von der Untauglichkeit der Konstituierenden Versammlung, von ihrem reaktionären und konterrevolutionären Charakter zu überzeugen. Nur so konnte man die Millionenmassen der Bauern gewinnen und sich die Auseinanderjagung der Konstituierenden Versammlung erleichtern.

Lenin schreibt darüber folgendes:

„Wir haben uns im September-November 1917 an den Wahlen zum bürgerlichen Parlament Rußlands, zur Konstituierenden Versammlung, beteiligt. War unsere Taktik richtig oder nicht?... Hatten wir russischen Bolschewiki im September-November 1917 nicht mehr als jeder beliebige Kommunist im Westen das Recht, anzunehmen, dass der Parlamentarismus in Rußland sich politisch überlebt habe? Natürlich hatten wir es, denn es kommt ja nicht darauf an, ob die bürgerlichen Parlamente lange oder kurze Zeit bestehen, sondern darauf, wieweit die breiten Massen der Werktätigen (ideologisch, politisch, praktisch) dazu bereit sind, die Sowjetordnung anzuerkennen und das bürgerlich-demokratische Parlament auseinanderzujagen (oder seine Auseinanderjagung zuzulassen). Dass in Rußland im September-November 1917 die Arbeiterklasse der Städte, die Soldaten und die Bauern infolge einer Reihe von besonderen Umständen für die Anerkennung der Sowjetordnung und die Auseinanderjagung selbst des demokratischsten bürgerlichen Parlaments außerordentlich gut vorbereitet waren, das ist eine ganz unbestreitbare und durchaus feststehende historische Tatsache. Und trotzdem haben die Bolschewiki die Konstituierende Versammlung nicht boykottiert, sondern haben sich sowohl vor als auch nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat an den Wahlen beteiligt...

Daraus ergibt sich eine ganz unbestreitbare Schlussfolgerung: Es ist bewiesen, dass sogar einige Wochen vor dem Siege der Sowjetrepublik, ja sogar nach diesem Siege die Beteiligung am bürgerlich-demokratischen Parlament dem revolutionären Proletariat nicht nur nicht schadet, sondern es ihm erleichtert, den rückständigen Massen zu beweisen, weshalb solche Parlamente es verdienen, auseinandergejagt zu werden, es ihm erleichtert, sie mit Erfolg auseinanderzujagen, und dazu beiträgt, dass der bürgerliche Parlamentarismus sich ,politisch überlebt’.“ (Siehe „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“, 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 41/42 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. 1I, S. 705/706].)

So wandten die Bolschewiki in der Praxis das dritte taktische Prinzip des Lenin ismus an.

So muss man die Taktik des Bolschewismus in China anwenden, ganz

gleich, ob es sich um die Agrarrevolution, um die Kuomintang oder um die Losung der Sowjets handelt.

Die Opposition neigt anscheinend zu der Ansicht, dass die Revolution in China schon völlig zusammengebrochen sei. Das trifft natürlich nicht zu. Dass die Revolution in China eine zeitweilige Niederlage erlitten hat, darüber kann kein Zweifel bestehen. Die Frage ist jetzt nur, was das für eine Niederlage ist und wie schwer sie ist.

Es ist möglich, dass es sich um eine Niederlage von annähernd der gleichen Dauer handelt wie 1905 in Rußland, als die Revolution für ganze zwölf Jahre eine Unterbrechung erfuhr, um dann, im Februar 1917, mit neuer Wucht auszubrechen, die Selbstherrschaft hinwegzufegen und der neuen, der Sowjetrevolution die Bahn frei zu machen.

Diese Perspektive darf man nicht für ausgeschlossen halten. Das ist noch lange keine vollständige Niederlage der Revolution, ebensowenig wie man die Niederlage von 1905 als endgültige Niederlage ansehen konnte. Das ist keine vollständige Niederlage, weil die Grundaufgaben der chinesischen Revolution in der gegenwärtigen Phase der Entwicklung - Agrarrevolution, revolutionäre Vereinigung Chinas, Befreiung vom Joch des Imperialismus - noch der Lösung harren. Und falls diese Perspektive Wirklichkeit würde, könnte von einer sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China natürlich keine Rede sein, denn Sowjets entstehen und gedeihen nur in einer Situation des revolutionären Aufschwungs.

Aber man kann diese Perspektive wohl kaum für wahrscheinlich halten. Jedenfalls liegt vorläufig keine Veranlassung vor, sie für wahrscheinlich zu halten. Es liegt hierzu keine Veranlassung vor, da sich die Konterrevolution noch nicht geeinigt hat und sich nicht so bald einigen wird, wenn es ihr überhaupt beschieden ist, sich jemals zu einigen.

Denn der Krieg, den die alten und die neuen Militaristen gegeneinander führen, entbrennt mit neuer Kraft. Er muss die Kraft der Konterrevolution zwangsläufig schwächen und gleichzeitig die Bauernschaft ruinieren und erbittern.

Denn es gibt in China noch keine Gruppe beziehungsweise Regierung, die sich zu einer Art Stolypinscher Reform entschließen könnte, welche als Blitzableiter für die herrschenden Gruppen dienen könnte.

Denn es wird nicht leicht sein, die Millionen Bauern, die an den Grund und Boden der Gutsbesitzer schon Hand angelegt haben, zu zügeln und zu Boden zu werfen.

Denn die Autorität, die das Proletariat in den Augen der werktätigen Massen hat, wächst von Tag zu Tag, und seine Kräfte sind noch bei weitem nicht zerschlagen.

Möglich, dass die Niederlage der chinesischen Revolution, was den Grad der Niederlage betrifft, mit der Niederlage vergleichbar ist, die die Bolschewiki im Juli 1917 erlitten, als sie von den menschewistisch-sozialrevolutionären Sowjets verraten wurden und gezwungen waren, in die Illegalität zu gehen, und als dann einige Monate später die Revolution von neuem in die Straßen flutete, um die imperialistische Regierung Rußlands hinwegzuspülen.

Die Analogie ist hier natürlich bedingt. Ich lasse sie nur mit all den Vorbehalten gelten, die gemacht werden müssen, wenn man sich die Verschiedenartigkeit der Situation im heutigen China und im Rußland des Jahres 1917 vergegenwärtigt. Ich greife nur deshalb zu einer solchen Analogie, um den Grad der Niederlage der chinesischen Revolution annähernd zu umreißen.

Ich glaube, dass diese Perspektive wahrscheinlicher ist. Und wenn sie, diese Perspektive, Wirklichkeit wird, wenn in nächster Zeit - nicht unbedingt in zwei Monaten, aber in einem halben Jahr, in einem Jahr - ein neuer Aufschwung der Revolution Tatsache wird, dann kann die Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten, als Gegengewicht gegen die bürgerliche Regierung, als Tageslosung akut werden.

Warum?

Weil unter den Bedingungen eines neuen Aufschwungs der Revolution in dieser Phase ihrer Entwicklung die Frage der Bildung von Sowjets völlig herangereift sein wird.

Gestern, vor einigen Monaten durften die Kommunisten in China die Losung der Bildung von Sowjets nicht aufstellen, denn das wäre Abenteurertum gewesen, wie es für unsere Opposition charakteristisch ist, da die Kuomintangführung sich noch nicht als Gegner der Revolution diskreditiert hatte.

Jetzt dagegen kann die Losung der Bildung von Sowjets zu einer wirklich revolutionären Losung werden, wenn (wenn!) in nächster Zeit ein neuer und machtvoller revolutionärer Aufschwung einsetzt.

Daher muss man schon jetzt, noch vor Beginn dieses Aufschwungs, neben dem Kampf für die Ablösung der jetzigen Kuomintangführung durch eine revolutionäre Führung unter den breiten Massen der Werk-tätigen eine umfassende Propaganda für die Idee der Sowjets entfalten, ohne vorauszueilen und ohne schon jetzt Sowjets zu bilden, eingedenk dessen, dass die Sowjets nur unter den Bedingungen eines machtvollen revolutionären Aufschwungs gedeihen können.

Die Opposition könnte sagen, sie habe das „als erste“ gesagt, dies sei gerade das, was sie Taktik „auf lange Sicht“ nennt.

Falsch, meine Verehrtesten. Völlig falsch! Das ist nicht eine Taktik „auf lange Sicht“, sondern eine Taktik des Umherirrens, eine Taktik des ständigen Zu-weit-Schießens und Zu-kurz-Schießens.

Als die Opposition im April 1926 den sofortigen Austritt der Kommunisten aus der Kuomintang forderte, war das eine Taktik des Zu-weit-Schießens, denn die Opposition musste später selbst zugeben, dass die Kommunisten in der Kuomintang bleiben müssen.

Als die Opposition die chinesische Revolution zu einer Revolution für die Zollautonomie erklärte, war das eine Taktik des Zu-kurz-Schießens, denn die Opposition musste sich später von ihrer eigenen Formel wegstehlen.

Als die Opposition im April 1927 erklärte, man übertreibe die Bedeutung der feudalen Überreste in China, und dabei das Vorhandensein einer die Massen umfassenden Agrarbewegung vergaß, war das eine Taktik des Zu-kurz-Schießens, denn die Opposition musste später selbst stillschweigend ihren Fehler anerkennen.

Als die Opposition im April 1927 die Losung der sofortigen Bildung von Sowjets aufstellte, war das eine Taktik des Zu-weit-Schießens, denn die Oppositionellen mussten dann selbst die Widersprüche in ihrem Lager zugeben, wo der eine (Trotzki) verlangte, auf den Sturz der Wuhaner Regierung Kurs zu nehmen, während der andere (Sinowjew) die „allseitige Unterstützung“ der gleichen Wuhaner Regierung forderte.

Seit wann nennen wir aber die Taktik des Umherirrens, die Taktik des ständigen Zu-weit-Schießens und Zu-kurz-Schießens Taktik „auf lange Sicht“?

Was die Sowjets betrifft, so muss gesagt werden, dass die Komintern lange vor der Opposition in ihren Dokumenten von Sowjets in China als Perspektive gesprochen hat. Was die Sowjets als Tageslosung betrifft, wie sie die Opposition im Frühjahr dieses Jahres als Gegengewicht gegen die revolutionäre Kuomintang aufstellte (die Kuomintang war damals revolutionär, sonst hätte Sinowjew wohl nicht mit solchem Stimmaufwand eine „allseitige Unterstützung“ der Kuomintang gefordert), so war das ein Abenteuer, ein auf Effekt berechnetes Vorauseilen, ein ebensolches Abenteuer und ein ebensolches Vorauseilen wie bei Bagdatjew im April 1917.

Daraus, dass die Losung der Sowjets in China in nächster Zukunft zur Tageslosung werden kann, folgt noch lange nicht, dass die Aufstellung der Losung der Sowjets durch die Opposition im Trübjahr dieses Jahres kein gefährliches und schädliches Abenteuer war.

Ebenso wie daraus, dass Lenin im September 1917 die Losung „Alle Macht den Sowjets“ für notwendig und zeitgemäß hielt (der bekannte Beschluss des ZK über den Aufstand) [70], noch lange nicht folgt, dass die Aufstellung dieser Losung durch Bagdatjew im April 1917 kein schädliches und gefährliches Abenteuer war.

Bagdatjew hätte im September 1917 auch sagen können, er habe „als erster“ schon im April 1917 von der Macht der Sowjets gesprochen. Bedeutet das aber, dass Bagdatjew recht hatte und Lenin im Unrecht war, als er Bagdatjews Auftreten im April 1917 als Abenteurertum qualifizierte?

Anscheinend lassen die „Lorbeeren“ Bagdatjews unsere Opposition nicht schlafen.

Die Opposition begreift nicht, dass es gar nicht darum geht, etwas „als erster“ auszusprechen, wenn man damit vorauseilt und der Sache der Revolution Schaden zufügt, sondern darum, es zur rechten Zeit zu sagen, es so zu sagen, dass es von den Massen aufgegriffen und in die Tat umgesetzt wird.

Das sind die Tatsachen.

Die Abkehr der Opposition von der Lenin schen Taktik, die Politik des „ultralinken“ Abenteurertums - das ist die Bilanz.

„Prawda“ Nr. 169,
28. Juli 1927.
Unterschrift: J. Stalin.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis