"Stalin"

Werke

Band 10

VEREINIGTES PLENUM DES ZK UND DER ZKK
DER KPdSU(B)[1]

DIE INTERNATIONALE LAGE
UND DIE VERTEIDIGUNG DER UdSSR

Rede am 1. August

I
Die Ausfälle der Opposition gegen die Sektionen der Komintern

Genossen! Ich möchte mich vor allem mit den Ausfällen Kamenews, Sinowjews und Trotzkis gegen die Sektionen der Komintern, gegen die polnische Sektion der Komintern, gegen die österreichische, gegen die englische, gegen die chinesische Sektion befassen. Ich möchte auf diese Frage deshalb eingehen, weil die Oppositionellen hier im trüben fischen wollten, weil sie uns, was die Bruderparteien anbetrifft, Sand in die Augen streuten; wir aber brauchen hier Klarheit und kein oppositionelles Geschwätz.

Die Frage der polnischen Partei

Sinowjew hatte die Stirn, hier zu erklären, wenn es dort, in der polnischen Partei, eine rechte Abweichung, vertreten durch Warski, gibt, so sei daran die Kommunistische Internationale, die jetzige Führung der Komintern schuld. Er sagte, wenn Warski eine Zeitlang die Meinung vertreten habe - und das hat er tatsächlich getan -, man müsse die Pilsudskitruppen unterstützen, so sei daran die Komintern schuld.

Das ist völlig falsch. Ich möchte mich auf Tatsachen berufen, auf die Ihnen bekannten Stellen aus dem stenographischen Protokoll der Plenartagung des ZK und der ZKK vom Juli vorigen Jahres, möchte mich auf einen solchen Genossen berufen wie den Genossen Dzierzynski und sein Zeugnis anführen; er erklärte damals, wenn es in der polnischen Partei eine rechte Abweichung gab, so sei sie von niemand anders als von Sinowjew gezüchtet worden.

Das war in den Tagen des so genannten Pilsudskiaufstands[2], als wir, die Mitglieder der polnischen Kommission des EKKI und des ZK unserer Partei, der Dzierzynski, Unschlicht, ich, Sinowjew und andere angehörten, die Beschlüsse für die Kommunistische Partei Polens ausarbeiteten. Sinowjew legte damals als Vorsitzender der Komintern einen eigenen Entwurf vor, in dem er unter anderem zum Ausdruck brachte, dass im gegenwärtigen Augenblick in Polen, da der Kampf entbrennt zwischen den Kräften, die auf seiten Pilsudskis stehen, und den Kräften, die auf seiten der polnischen Regierung Witos stehen, dass in diesem Augenblick eine Politik der Neutralität seitens der Kommunistischen Partei unzulässig und dass es vorläufig nicht nötig sei, scharfe Angriffe gegen Pilsudski zu richten.

Wir, ein paar Genossen, darunter Dzierzynski, traten damals dagegen auf und erklärten, dass diese Direktive falsch ist, dass sie die Kommunistische Partei Polens nur irreführt. Es muss gesagt werden, dass nicht nur die Politik der Neutralität, sondern auch eine Politik der Unterstützung Pilsudskis unzulässig ist. Nach einigen Einwendungen wurde diese Direktive mit unseren Änderungen angenommen.

Ich will damit sagen, dass nicht viel Mut dazu gehört, gegen Warski aufzutreten, der damals einen Fehler begangen hatte und dem dafür gehörig die Leviten gelesen wurden; aber die Schuld von sich auf andere abwälzen, die eigene Schuld an der Züchtung der rechten Abweichung in der polnischen Partei, die Schuld Sinowjews, auf die Komintern, auf die jetzigen Führer der Komintern abwälzen - heißt ein Verbrechen gegen die Komintern begehen.

Sie werden sagen, das sei eine Lappalie, und ich beschäftige mich unnötigerweise damit. Nein, Genossen, das ist keine Lappalie. Der Kampf gegen die rechte Abweichung in der polnischen Partei dauert an und wird noch fortgesetzt werden. Sinowjew hat - nun, wie soll man es gelinde ausdrücken - die Kühnheit zu behaupten, die rechte Abweichung werde von der jetzigen Führung der Komintern unterstützt. Aber die Tatsachen beweisen das Gegenteil. Sie beweisen, dass Sinowjew die Komintern verleumdet, dass er die Schuld von sich auf andere abwälzt. Das ist so üblich bei Sinowjew, das ist nichts Neues bei ihm. Wir haben jedoch die Pflicht, seine Verleumdermanieren jedesmal zu entlarven.

Über Österreich.

 Sinowjew hat hier behauptet, die österreichische Kommunistische Partei sei schwach, sie habe nicht verstanden, die Führung der Aktion zu übernehmen, die vor kurzem in Wien stattgefunden hat[3]. Das stimmt und stimmt auch nicht. Dass die österreichische Kommunistische Partei schwach ist, das stimmt. Aber bestreiten, dass sie richtig gehandelt hat, heißt sie verleumden. Ja, sie ist noch schwach, aber schwach ist sie unter anderem deshalb, weil noch nicht jene tiefe revolutionäre Krise des Kapitalismus besteht, die die Massen revolutioniert, die die Sozialdemokratie desorganisiert und die Chancen des Kommunismus schnell erhöht; sie ist schwach, weil sie jung ist, weil in Österreich schon seit langem die Herrschaft der sozialdemokratischen „Linken“[4] besteht, die unter dem Deckmantel linker Phrasen eine rechte, opportunistische Politik zu betreiben versteht, weil es unmöglich ist, die Sozialdemokratie auf einen Hieb zu zerschlagen. Aber worauf will Sinowjew eigentlich hinaus? Er deutete an, wagte aber nicht, es geradeheraus zu sagen, dass es die Schuld der Komintern sei, wenn die österreichische Kommunistische Partei schwach ist. Offensichtlich wollte er das sagen. Aber das ist schon ein Versuch mit untauglichen Mitteln. Das ist eine Verleumdung. Im Gegenteil, gerade seit Sinowjew nicht mehr Vorsitzender der Komintern ist, blieb die österreichische Kommunistische Partei von dem ständigen Hin- und Hergezerre, von der chaotischen Einmischung in ihr inneres Leben verschont und erhielt so die Möglichkeit vorwärts zu kommen, sich zu entwickeln. Zeugt denn die Tatsache, dass sie es verstanden hat, an den Wiener Ereignissen aktiv teilzunehmen und sich die Sympathie der Arbeitermassen zu erobern - zeugt das etwa nicht davon, dass die österreichische Kommunistische Partei wächst und sich in eine Massenpartei verwandelt? Wie kann man diese offensichtlichen Tatsachen bestreiten?

Der Ausfall gegen die englische Kommunistische Partei.

Sinowjew hat behauptet, die englische Kommunistische Partei habe bei dem Generalstreik und dem Bergarbeiterstreik[5] nichts gewonnen, sie sei sogar geschwächt aus dem Kampf hervorgegangen. Das ist falsch. Es ist deshalb falsch, weil das Gewicht der Kommunistischen Partei Englands von Tag zu Tag zunimmt. Das können nur Blinde leugnen. Das ist schon daraus zu ersehen, dass die englische Bourgeoisie, die der Kommunistischen Partei Englands früher keine ernsthafte Beachtung schenkte, sie jetzt hingegen wütend verfolgt und dass nicht nur die englische Bourgeoisie, sondern auch der Generalrat[6], auch die Labourpartei Englands einen wütenden Feldzug gegen „ihre“ Kommunisten organisieren. Warum wurden die englischen Kommunisten bisher mehr oder weniger geduldet? Weil sie schwach waren, weil ihr Einfluss unter den Massen schwach war. Warum hat man aufgehört, sie zu dulden, warum greift man sie jetzt wütend an? Weil man die Kommunistische Partei fürchtet als eine Macht, weil die Führer der englischen Labourpartei und des Generalrats sie fürchten als ihren Totengräber. Das vergisst Sinowjew.

Ich stelle nicht in Abrede, dass die westlichen Sektionen der Komintern überhaupt immer noch mehr oder weniger schwach sind. Das kann man nicht in Abrede stellen. Aber wo liegen die Ursachen hierfür? Die Hauptursachen sind:

erstens das Fehlen jener tiefen revolutionären Krise, die die Massen revolutioniert, sie auf die Beine bringt und sie eine jähe Wendung zum Kommunismus machen lässt;

zweitens der Umstand, dass in allen Ländern Westeuropas die vorherrschende Kraft unter den Arbeitern vorläufig noch die sozialdemokratischen Parteien sind, die älter sind als die kommunistischen Parteien, welche noch nicht lange bestehen und von denen man nicht verlangen kann, dass sie die sozialdemokratischen Parteien mit einem Schlage zertrümmern.

Und ist es etwa nicht Tatsache, dass die kommunistischen Parteien im Westen trotz dieser Umstände wachsen, dass ihre Popularität unter den Arbeitermassen zunimmt, dass einige von ihnen schon zu wirklichen Massenparteien des Proletariats geworden sind, während andere im Begriff sind, es zu werden?

Aber es gibt noch eine weitere Ursache, die das schnelle Wachstum der kommunistischen Parteien im Westen hindert. Das ist die Spalterarbeit der Opposition, eben jener Opposition, die hier in diesem Saale sitzt. Was ist erforderlich, damit die kommunistischen Parteien in schnellem Tempo wachsen? Eherne Einheit der Komintern, keine Spaltung innerhalb ihrer Sektionen. Was aber tut die Opposition? Sie hat eine zweite Partei in Deutschland geschaffen, die Partei Maslows und Ruth Fischers. Sie trachtet danach, ebensolche Spaltergruppen in den anderen Ländern Europas zu schaffen. Sie, unsere Opposition, hat eine zweite Partei in Deutschland geschaffen mit einem Zentralkomitee, einem Zentralorgan und einer Parlamentsfraktion, sie hat die Spaltung in der Komintern organisiert, wohl wissend, dass die Spaltung im gegebenen Fall das Wachstum der kommunistischen Parteien zwangsläufig hemmen muss - und jetzt schreit gerade sie, der Komintern die Schuld zuschiebend, dass die kommunistischen Parteien im Westen langsam wachsen! Das ist wirklich schon eine bodenlose Frechheit...

Über die chinesische Kommunistische Partei.

Die Oppositionellen erheben ein Geschrei darüber, dass von der chinesischen Kommunistischen Partei, namentlich von ihrer Führung, sozialdemokratische, menschewistische Fehler begangen werden. Das ist richtig. Sie machen das der Führung der Komintern zum Vorwurf. Das aber ist schon völlig falsch. Im Gegenteil, die Komintern hat die Fehler der Führung der chinesischen Kommunistischen Partei systematisch korrigiert. Das können nur Blinde leugnen. Sie wissen dass aus der Presse, aus der „Prawda“, aus der „Kommunistischen Internationale“[7], Sie wissen das aus den Beschlüssen der Komintern. Niemals hat die Opposition auch nur eine einzige Direktive, auch nur eine einzige Resolution der Komintern angeführt, die im ZK der chinesischen Kommunistischen Partei eine menschewistische Abweichung hätte hervorrufen können, und sie wird niemals eine anführen, denn solche Direktiven gibt es nicht. Es wäre töricht zu glauben, dass, wenn irgendwo in einer kommunistischen Partei oder in deren ZK eine menschewistische Abweichung auftritt, unbedingt die Komintern daran schuld sei.

Kamenew fragt, wo die menschewistischen Fehler der chinesischen Kommunistischen Partei herrühren könnten, und er antwortet, dass sie nur aus der falschen Führung der Komintern herrühren könnten. Ich frage aber: Wo rührten die menschewistischen Fehler in der deutschen Kommunistischen Partei während der Revolution von 1923 her? Wo rührte das Brandlerianertum[8] her? Wer hat es unterstützt? Ist es etwa nicht Tatsache, dass Trotzki, der heutige Führer der Opposition, die menschewistischen Fehler des ZK der deutschen Kommunistischen Partei unterstützt hat? Warum hat Kamenew damals nicht gesagt, dass das Aufkommen des Brandlerianertums aus der falschen Führung der Komintern zu erklären sei? Kamenew und Trotzki haben die Lehren der revolutionären Bewegung des Proletariats vergessen. Sie haben vergessen, dass in den kommunistischen Parteien bei einem Aufschwung der Revolution unweigerlich die rechte und die linke Abweichung auftreten müssen, von denen die erste sich nicht von der Vergangenheit trennen will, und die zweite nicht mit der Gegenwart rechnen will. Sie haben vergessen, dass es keine Revolutionen ohne diese Abweichungen gibt.

Und wie war es denn bei uns im Oktober 1917, gab es damals in unserer Partei etwa keine rechte und keine linke Abweichung? Sollten Kamenew und Sinowjew das wirklich vergessen haben? Erinnern Sie sich, Genossen, an die Geschichte der menschewistischen Fehler Kamenews und Sinowjews im Oktober? Woher kamen damals diese Fehler? Wer war schuld daran? Hätte man etwa Lenin oder dem ZK der Lenin schen Partei die Schuld daran geben können? Wie konnte die Opposition diese und ähnliche Tatsachen „vergessen“? Wie konnte sie „vergessen“, dass bei einem Aufschwung der Revolution innerhalb der Parteien immer die rechte und die linke Abweichung vom Marxismus auftreten? Aber worin besteht dann die Aufgabe der Marxisten, die Aufgabe der Lenin isten? Darin, die Träger sowohl der linken als auch der rechten Abweichung zu schlagen.

Ich wundere mich über Trotzkis Hochmut, der, man denke bloß, bei den kommunistischen Parteien im Westen oder im Osten, wie sich herausstellt, auch nicht die geringsten Fehler ausstehen kann. Er ist, man denke bloß, erstaunt, dass dort, in China, wo die Partei jung ist, wo sie knapp zwei Jahre besteht, dass dort menschewistische Fehler auftreten konnten.

Aber wie viele Jahre ist Trotzki selbst unter den Menschewiki umhergeirrt? Hat er das vergessen? Er ist doch volle 14 Jahre - von 1903 bis 1917 - unter den Menschewiki umhergeirrt. Warum gesteht er sich eine Frist von 14 Jahren zu, um sich, nachdem er in allen möglichen anti Lenin istischen „Strömungen“ umhergeirrt ist, endlich den Bolschewiki zu nähern, während er den jungen chinesischen Kommunisten nicht einmal eine Frist von 4 Jahren zugestehen will? Warum ist er so hochmütig gegenüber anderen und so vergesslich gegenüber seinen eigenen Irrungen? Warum? Wo bleibt da sozusagen die „Gerechtigkeit“?

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