"Stalin"

Werke

Band 10

VEREINIGTES PLENUM DES ZK UND DER ZKK
DER KPdSU(B)[1]

DIE INTERNATIONALE LAGE
UND DIE VERTEIDIGUNG DER UdSSR

III
Über das Englisch-Sowjetische Einheitskomitee[20]

Die Frage des Englisch-Sowjetischen Komitees. Die Opposition behauptet, wir hätten auf das Englisch-Sowjetische Komitee gesetzt. Das stimmt nicht, Genossen. Das ist eine der Verleumdungen, zu denen die bankrotte Opposition so häufig greift. Die ganze Welt weiß, und folglich muss es auch die Opposition wissen, dass wir nicht auf das Englisch-Sowjetische Komitee, sondern auf die internationale revolutionäre Bewegung und auf die Erfolge unseres sozialistischen Aufbaus setzen. Die Opposition betrügt die Partei, wenn sie sagt, dass wir auf das Englisch-Sowjetische Komitee gesetzt haben oder setzen.

Was stellt nun das Englisch-Sowjetische Komitee dar? Das Englisch-Sowjetische Komitee ist eine der Formen der Verbindung unserer Gewerkschaften mit den englischen Gewerkschaften, mit reformistischen Gewerkschaften, mit reaktionären Gewerkschaften. Unsere Arbeit zur Revolutionierung der Arbeiterklasse in Europa verläuft gegenwärtig durch drei Kanäle:

a) durch den Kanal der Komintern, über die kommunistischen Sektionen, deren nächste Aufgabe die Beseitigung der reformistischen politischen Führung in der Arbeiterbewegung ist;

b) durch den Kanal der Roten Gewerkschaftsinternationale, über die revolutionären Minderheiten in den Gewerkschaften, deren nächste Aufgabe die Überwindung der reaktionären Arbeiteraristokratie in den Gewerkschaften ist;

c) über das Englisch-Sowjetische Einheitskomitee als eins der Mittel, die der Roten Gewerkschaftsinternationale und ihren Sektionen den Kampf für die Isolierung der Arbeiteraristokratie in den Gewerkschaften erleichtern können.

Die ersten beiden sind die hauptsächlichen und ständigen Kanäle, die für die Kommunisten unentbehrlich sind, solange es Klassen und eine Klassengesellschaft gibt. Der dritte Kanal ist nur ein zeitweiliger, behelfsmäßiger, episodischer und deshalb nicht stabiler, nicht immer zuverlässiger und bisweilen sogar ganz und gar unzuverlässiger Kanal. Den dritten Kanal den beiden ersten Kanälen gleichsetzen hieße den Interessen der Arbeiterklasse, dem Kommunismus zuwiderhandeln. Wie kann man nach alledem faseln, wir hätten auf das Englisch-Sowjetische Komitee gesetzt?

Mit der Bildung des Englisch-Sowjetischen Komitees verfolgten wir das Ziel, offene Verbindungen mit den gewerkschaftlich organisierten Arbeitermassen Englands herzustellen.

Wozu?

Erstens, um die Schaffung der Einheitsfront der Arbeiter gegen das Kapital zu erleichtern oder zumindest den Kampf der reaktionären Führer der Gewerkschaftsbewegung gegen die Schaffung einer solchen Front zu erschweren.

Zweitens, um die Schaffung der Einheitsfront der Arbeiter gegen die Gefahren eines imperialistischen Krieges überhaupt, gegen die Gefahren einer Intervention im Besonderen zu erleichtern oder zumindest den Kampf der reaktionären Gewerkschaftsführer gegen die Bildung einer solchen Front zu erschweren.

Ist die Arbeit der Kommunisten in den reaktionären Gewerkschaften überhaupt zulässig?

Sie ist nicht nur zulässig, sondern bisweilen geradezu unerlässlich, denn in den reaktionären Gewerkschaften gibt es Millionen von Arbeitern, und die Kommunisten haben kein Recht, es abzulehnen, in diese Gewerkschaften hineinzugehen, sich den Weg zu den Massen zu bahnen und sie für den Kommunismus zu gewinnen.

Lesen Sie Lenin s Buch „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“[21], und Sie werden sehen, dass die Lenin sche Taktik die Kommunisten verpflichtet, die Arbeit in den reaktionären Gewerkschaften nicht abzulehnen.

Sind zeitweilige Übereinkommen mit reaktionären Gewerkschaften, Abkommen auf der Gewerkschaftslinie oder Elbereinkommen auf der politischen Linie überhaupt zulässig?

Sie sind nicht nur zulässig, sondern bisweilen geradezu unerlässlich. Dass die Gewerkschaften im Westen in der Mehrzahl der Fälle reaktionär sind, ist jedermann bekannt. Aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass diese Gewerkschaften Massengewerkschaften sind. Es geht darum, dass man durch diese Gewerkschaften Zugang zu den Massen finden kann. Es kommt darauf an, dass solche Übereinkommen die Freiheit der revolutionären Agitation und Propaganda der Kommunisten nicht einengen, nicht beschränken, dass solche Übereinkommen die Zersetzung der Reformisten und die Revolutionierung der Arbeitermassen, die vor-läufig noch den reaktionären Führern folgen, erleichtern. Unter diesen Bedingungen sind zeitweilige Übereinkommen mit reaktionären Massengewerkschaften nicht nur zulässig, sondern bisweilen geradezu unerlässlich.

Lenin sagt hierzu folgendes:

„Der Kapitalismus wäre nicht Kapitalismus, wenn das ‚reine’ Proletariat nicht von einer Masse außerordentlich mannigfaltiger Übergangstypen vom Proletarier zum Halbproletarier (der seinen Lebensunterhalt zur Hälfte durch Verkauf seiner Arbeitskraft erwirbt), vom Halbproletarier zum Kleinbauern(und kleinen Handwerker, Heimarbeiter, kleinen Eigentümer überhaupt), vorn Kleinbauern zum Mittelbauern usw. umgeben wäre; wenn es innerhalb des Proletariats selbst nicht eine Teilung in mehr oder minder entwickelte Schichten, eine Teilung nach Landsleuten, nach Berufen, manchmal nach Konfessionen u. dgl. m. gäbe. Aus alledem aber ergibt sich für die Vorhut des Proletariats, für seinen klassenbewussten Teil, für die Kommunistische Partei absolut unumgänglich die Notwendigkeit, die unbedingte Notwendigkeit, zu lavieren, Übereinkommen, Kompromisse mit verschiedenen proletarischen Gruppen, mit verschiedenen Parteien der Arbeiter und der kleinen Besitzer zu schließend Es kommt nur darauf an, zu verstehen, diese Taktik so anzuwenden, dass sie zur Hebung und nicht zur Senkung des allgemeinen Niveaus des proletarischen Klassenbewusstseins, des revolutionären Geistes, der Kampf- und Siegesfähigkeit, beiträgt.“ (4. Ausgabe, Bd. 31, S. 55/56 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S.719/720].)

Und weiter:

„Dass die Henderson, Clynes, MacDonald und Snowden hoffnungslos reaktionär sind, stimmt. Ebenso stimmt es, dass sie in den Besitz der Macht kommen wollen (dabei aber, nebenbei bemerkt, eine Koalition mit der Bourgeoisie vorziehen), dass sie nach denselben althergebrachten bürgerlichen Regeln ,regieren’ wollen, dass sie, einmal zur Macht gelangt, sich unvermeidlich ebenso verhalten werden wie die Scheidemann und Noske. Das alles stimmt. Aber daraus folgt keineswegs, dass eine Unterstützung dieser Leute Verrat an der Revolution sei, vielmehr folgt daraus, dass die Revolutionäre aus der Arbeiterklasse im Interesse der Revolution diesen Heerschaften eine gewisse parlamentarische Unterstützung gewähren müssen.“ (Ebenda, S. 62, russ. [S. 726, deutsch].)

Das ist ja gerade das Unglück der Opposition, dass sie diese Weisungen Lenin s nicht begreift und nicht anerkennt und der Lenin schen Politik das „ultralinke“ Geschwätz über den reaktionären Charakter der Gewerkschaften vorzieht.

Engt das Englisch-Sowjetische Komitee unsere Agitation und Propaganda ein, kann es sie einengen? Nein, es kann sie nicht einengen. Wir haben das reaktionäre Wesen der Führer der englischen Arbeiterbewegung stets kritisiert und werden es stets kritisieren, wobei wir den Verrat dieser Führer vor den Massen der englischen Arbeiterklasse aufgedeckt haben und aufdecken werden. Die Opposition möge versuchen, die Tatsache zu widerlegen, dass wir die reaktionäre Tätigkeit des Generalrats stets offen und schonungslos kritisiert haben.

Man sagt uns, diese Kritik könne dazu führen, dass die Engländer das Englisch-Sowjetische Komitee sprengen. Nun, mögen sie es sprengen. Es gellt gar nicht darum, ob es zum Bruch kommen wird oder nicht. Es geht darum, über welche Frage es zum Bruch kommen, welche Idee durch den Bruch demonstriert werden wird. Jetzt geht es um die Kriegsgefahr überhaupt, um die Intervention im Besonderen. Wenn die Engländer den Bruch herbeiführen, wird die Arbeiterklasse wissen, dass die reaktionären Führer der englischen Arbeiterbewegung den Bruch deshalb herbeigeführt haben, weil sie nicht gewillt sind, ihrer imperialistischen Regierung bei der Organisierung des Krieges Widerstand entgegenzusetzen. Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, dass ein unter diesen Bedingungen von den Engländern herbeigeführter Bruch die Arbeit der Kommunisten zur Entlarvung des Generalrats erleichtern wird, denn die Frage des Krieges ist jetzt die grundlegende Frage unserer Zeit.

Möglicherweise werden sie sich nicht zum Bruch entschließen. Was aber würde das bedeuten? Das würde bedeuten, dass wir uns die Freiheit der Kritik gesichert haben, die Freiheit, die Kritik an den reaktionären Führern der englischen Arbeiterbewegung fortzusetzen, ihren Verrat und ihren Sozialimperialismus vor den breiten Massen zu entlarven. Wäre das gut für die Arbeiterbewegung? Ich bin der Meinung, es wäre nicht schlecht.

Das also, Genossen, ist unsere Stellung zur Frage des Englisch-Sowjetischen Komitees.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis