"Stalin"

Werke

Band 10

VEREINIGTES PLENUM DES ZK UND DER ZKK
DER KPdSU(B)[1]

ZU DER „ERKLÄRUNG“ DER OPPOSITION
VOM 8. AUGUST 1927

Rede am 9. August

Genossen! Das, was uns die Opposition vorschlägt, kann man nicht als Frieden in der Partei betrachten. Man soll sich keinen Illusionen hingeben. Das, was uns die Opposition vorschlägt, ist ein zeitweiliger Waffenstillstand. (Zuruf: „Nicht einmal ein zeitweiliger!“) Das ist ein zeitweiliger Waffenstillstand, der unter bestimmten Bedingungen ein gewisser Schritt vorwärts sein kann, es aber auch nicht sein kann. Das muss man sich ein für allemal merken. Das darf man nicht vergessen, sowohl für den Fall, dass die Opposition weitere Zugeständnisse macht, als auch für den Fall, dass die Opposition keine weiteren Zugeständnisse macht.

Ein Schritt vorwärts für die Partei ist es, dass die Opposition in allen drei von uns gestellten Fragen in gewissem Maße zurückgewichen ist. In gewissem Maße. Aber sie ist zurückgewichen mit Vorbehalten, die für einen künftigen noch schärferen Kampf den Boden bereiten können. (Zurufe: „Sehr richtig!“ „Sehr richtig, das stimmt!“)

Die Frage der Verteidigung der UdSSR ist für uns in Anbetracht der entstandenen Kriegsgefahr die grundlegende Frage. Die Opposition sagt in ihrer Erklärung in positiver Form, dass sie für die bedingungslose und vorbehaltlose Verteidigung der UdSSR ist, aber sie lehnt es ab, die bekannte Formel, die bekannte Losung Trotzkis hinsichtlich Clemenceaus zu verurteilen. Trotzki muss den Mut aufbringen zuzugeben, was ist.

Ich glaube, im gesamten Plenum des ZK und der ZKK besteht Einmütigkeit darüber, dass ein Mensch, der mit dem Herzen, in der Tat, und nicht nur in Worten, für die bedingungslose Verteidigung unseres Landes ist, nicht schreiben kann, was Trotzki in seinem an Genossen Ordshonikidse adressierten Brief an die ZKK geschrieben hat.

Ich glaube, das gesamte Plenum des ZK und der ZKK ist davon überzeugt, dass diese Losung, diese von Trotzki geprägte Formel über Clemenceau, nur Zweifel an der Aufrichtigkeit Trotzkis in der Frage der Verteidigung der UdSSR hervorrufen kann. Mehr noch, sie erweckt den Eindruck, dass sich Trotzki zu den Fragen der bedingungslosen Verteidigung unseres Landes negativ verhält. (Zurufe: „Sehr richtig, vollkommen richtig!“)

Ich glaube, das gesamte Plenum des ZK und der ZKK ist zutiefst davon überzeugt, dass Trotzki durch die Aufstellung dieser Losung, dieser Formel hinsichtlich Clemenceaus, die Verteidigung der UdSSR von dem bekannten Punkt über die Auswechslung der Führung in unserer Partei und der Führung der Sowjetmacht abhängig gemacht hat. Nur Blinde werden das nicht begreifen. Wenn es Trotzki an Mut fehlt, an dem elementaren Mut, seinen Fehler zuzugeben, so ist er selbst daran schuld.

Wenn die Opposition in ihrem Dokument diesen Fehler Trotzkis nicht verurteilt, so bedeutet das, dass sie eine Reservewaffe in der Hand behalten will für künftige Angriffe gegen die Partei in der Frage der Landesverteidigung, gegen die von der Partei verfolgte Linie. Sie behält also eine gewisse Reserve an Waffen in der Hand, um von ihnen Gebrauch zu machen.

Das ist die Ursache, warum die Opposition in diesem grundlegenden Punkt nicht für den Frieden ist, sondern für einen zeitweiligen Waffenstillstand mit Vorbehalten, die den Kampf in Zukunft noch mehr verschärfen können. (Zwischenruf: „Wir brauchen keinen Waffenstillstand, wir brauchen Frieden.“)

Nein, Genossen, wir brauchen einen Waffenstillstand, hier sind Sie im Irrtum. Wenn man schon zu Beispielen greift, wäre es besser, den Gogolschen Ossip als Beispiel zu nehmen, der gesagt hat: „Ein Stück Bindfaden? - nur her damit, auch ein Stück Bindfaden kann man brauchen.“ Es ist schon besser, so zu handeln, wie der Gogolsche Ossip gehandelt hat. Wir sind nicht so reich an Hilfsquellen und nicht so stark, dass wir einen Bindfaden verschmähen dürften. Auch einen Bindfaden dürfen wir nicht verschmähen. Denken Sie nur richtig nach, und Sie werden begreifen, dass wir in unserem Arsenal auch einen Bindfaden haben sollten.

In der zweiten Frage, in der Frage des Thermidor, hat die Opposition zweifellos einen Rückzug angetreten, einen gewissen Rückzug an diesem Abschnitt im Vergleich zu dem, was vorher war; denn nach einem solchen Rückzug kann es (sofern man logisch ist, natürlich) nicht mehr jene dumme Agitation über „thermidorianische Entartung“ der Partei geben, die von einigen Mitgliedern der Opposition und insbesondere von einigen ihrer halbmenschewistischen Mitglieder betrieben wurde.

Aber an dieses Zugeständnis knüpft die Opposition einen Vorbehalt, der jeglichen Waffenstillstand und jeglichen Frieden in Zukunft unmöglich machen kann. Die Oppositionellen sagen, es gäbe bei gewissen Elementen im Lande Restaurationstendenzen, Thermidortendenzen. Aber das hat nie jemand bestritten. Solange es antagonistische Klassen gibt, solange die Klassen nicht abgeschafft sind, wird es natürlich immer Versuche geben, die alten Zustände zu restaurieren. Aber nicht darum ging es bei unserem Streit. Bei unserem Streit geht es darum, dass die Opposition in ihren Dokumenten Ausfälle gegen das ZK und folglich auch gegen die Partei macht, sie des Thermidorianertums bezichtigt. Man kann das ZK von der Partei nicht trennen. Das kann man nicht. Das ist eine Dummheit. Nur parteifeindliche Elemente, die die grundlegenden elementaren Voraussetzungen des Lenin schen Organisationsaufbaus nicht begriffen haben, nur solche Elemente können annehmen, man könne das ZK, noch dazu unser ZK, von der Partei trennen.

Aber die Opposition knüpft an ihre Zugeständnisse die Vorbehalte, über die ich gesprochen habe. Derartige Vorbehalte jedoch geben der Opposition eine gewisse Reservewaffe in die Hand, deren sie sich gegebenenfalls für neue Angriffe gegen die Partei bedienen wird.

Natürlich ist es lächerlich, von Thermidorianertum des ZK zu reden. Mehr noch: Es ist dumm. Ich bin der Meinung, dass die Opposition an diese Dummheit selbst nicht glaubt. Aber sie braucht das als Popanz. Denn wenn die Opposition daran glaubte, dann müsste sie natürlich unserer Partei und unserem ZK offen den Krieg erklären, indes beteuert sie, sie wolle den Frieden in der Partei.

So sehen Sie, dass die Opposition, auch was den zweiten Punkt betrifft, eine Reservewaffe in der Hand behält, um sodann einen neuen Angriff gegen das ZK zu unternehmen. Das muss man sich ebenfalls merken, Genossen, unter allen Umständen. Ganz gleich, ob wir die Führer der Opposition aus dem ZK entfernen oder ob wir sie nicht entfernen, diese Reservewaffe in der grundlegenden Frage des Thermidor bleibt in ihrer Hand, und die Partei muss sofort alle Maßnahmen treffen, um die Opposition zu liquidieren, wenn sie erneut zu dieser parteifeindlichen Waffe greift.

Die dritte Frage betrifft die Spaltung in der Kommunistischen Partei Deutschlands, die anti Lenin istische Spaltergruppe Ruth Fischers und Maslows.

Gestern hatten wir in der Kommission eine sonderbare Unterhaltung. Es kostete die Oppositionellen große Mühe - sehr große Mühe -, bis sie nach einer Reihe von Reden den Mut aufbrachten zu erklären, dass sie, sich dem Beschluss der Komintern fügend - nicht aus Überzeugung, sondern sich dem Beschluss der Komintern fügend -, damit einverstanden seien, die Unzulässigkeit der organisatorischen Verbindung mit dieser parteifeindlichen Gruppe zuzugeben. Ich schlug vor: „organisatorische Verbindung und Unterstützung dieser Gruppe“. Trotzki sagte: „Das braucht man nicht, das können wir nicht annehmen; der Beschluss der Komintern, durch den sie ausgeschlossen wurden, war falsch; ich werde mich dafür einsetzen, dass sie, dieselben Ruth Fischer und Maslow, wieder in die Partei aufgenommen werden.“

Was heißt das? Urteilen Sie selbst. Wie haben doch diese Leute das elementarste Parteibewusstsein verloren!

Nehmen wir an, die KPdSU(B) schließt heute Mjasnikow, der Ihnen allen durch seine Parteifeindlichkeit bekannt ist, aus der Partei aus. Morgen aber kommt Trotzki und sagt: „Ich kann nicht darauf verzichten, Mjasnikow zu unterstützen, denn der Beschluss des ZK ist falsch, aber ich bin bereit, die organisatorischen Verbindungen mit ihm abzubrechen, wie mir befohlen wurde.“

Morgen wird die Gruppe „Arbeiterwahrheit“[37] ausgeschlossen, die Ihnen ebenfalls durch ihre Parteifeindlichkeit bekannt ist. Trotzki aber kommt und erklärt: „Ich kann nicht darauf verzichten, diese parteifeindliche Gruppe zu unterstützen, denn sie wurde zu Unrecht ausgeschlossen.“

Übermorgen schließt das ZK Ossowski aus, weil er - das ist Ihnen wohlbekannt - ein Feind der Partei ist. Trotzki aber erklärt uns, dass dieser Ausschluss zu Unrecht erfolgt sei und er nicht darauf verzichten könne, Ossowski zu unterstützen.

Aber wenn die Partei, wenn die Komintern nach eingehender Behandlung der Angelegenheit dieser und jener Personen, darunter auch Ruth Fischers und Maslows, wenn diese höchsten Institutionen des Proletariats die Frage dahingehend entscheiden, dass solche Leute auszuschließen sind, Trotzki aber ungeachtet dessen auch weiterhin die Unterstützung der Ausgeschlossenen nicht einstellt - was ergibt sich daraus? Wo bleibt unsere Partei, wo die Komintern? Existieren sie überhaupt? Es ergibt sich, dass für Trotzki weder die Partei noch die Komintern existiert - es existiert nur die persönliche Meinung Trotzkis.

Wie nun aber, wenn nicht nur Trotzki, sondern auch andere Parteimitglieder so handeln wollten wie Trotzki? Es ist klar, dass dieses Partisanentum, dieses Atamanentum nur zur Vernichtung der Partei führen kann. Es wird dann keine Partei mehr geben. Es wird dann nur die persönlichen Meinungen einzelner Atamane geben. Das ist es, was Trotzki nicht begreifen will.

Warum erklärte sich die Opposition nicht damit einverstanden, die Unterstützung der antikommunistischen Gruppe Maslow-Ruth Fischer einzustellen? Warum erklärten sich die Führer der Opposition nicht damit einverstanden, unsere diesbezügliche Korrektur anzunehmen? Weil sie eine dritte Reservewaffe für den Angriff auf die Komintern in der Hand behalten wollen. Das muss man ebenfalls im Auge behalten.

Ganz gleich, ob wir mit ihnen zu einer Übereinkunft gelangen oder nicht, ob sie aus dem ZK entfernt werden oder nicht, diese Reservewaffe bleibt in ihrer Hand für einen künftigen Angriff auf die Komintern.

Die vierte Frage betrifft die Auflösung der Fraktionen. Wir schlagen vor, ehrlich und geradeheraus zu sagen: „Die Fraktion wird bedingungslos aufgelöst.“ Die Führer der Opposition weigern sich, das zu sagen. Stattdessen sagen sie: „Die Elemente des Fraktionswesens beseitigen“, fügen aber hinzu: „Die Elemente des Fraktionswesens, die auf Grund des innerparteilichen Regimes entstanden sind.“

Da haben Sie auch den vierten Vorbehalt. Das ist ebenfalls eine Reservewaffe gegen unsere Partei und ihre Einheit.

Was wollten die Oppositionellen damit sagen, als sie die Annahme der Formulierung ablehnten, in der die sofortige Auflösung ihrer Fraktion gefordert wird, die besteht und die dieser Tage ihre illegale Konferenz hier, in Moskau, einzuberufen gedenkt? Das bedeutet, dass sie sich das Recht vorbehalten wollen, auch künftighin Demonstrationen auf dem Bahnhof zu organisieren, denn - so würden sie sagen - das Regime ist schuld, wir waren gezwungen, noch eine Demonstration zu organisieren. Das bedeutet, dass sie sich das Recht vorbehalten wollen, auch künftighin die Partei anzugreifen, denn - so würden sie sagen - das Regime zwingt uns, anzugreifen. Da haben Sie noch eine Reservewaffe, die die Oppositionellen in der Hand behalten.

Alles das muss das vereinigte Plenum des ZK und der ZKK wissen und im Gedächtnis behalten.

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