"Stalin"

Werke

Band 10

UNTERREDUNG MIT DER ERSTEN
AMERIKANISCHEN ARBEITERDELEGATION

I
FRAGEN DER DELEGATION UND ANTWORTEN
DES GENOSSEN STALIN

Erste Frage.

Welche neuen Prinzipien haben Lenin und die Kommunistische Partei dem Marxismus in der Praxis hinzugefügt? Wäre es richtig, zu sagen, dass Lenin an eine „schöpferische Revolution“ glaubte, während Marx mehr dazu neigte, den Kulminationspunkt der Entwicklung der ökonomischen Kräfte abzuwarten?

Antwort. Ich glaube, dass Lenin dem Marxismus keinerlei „neue Prinzipien“ „hinzugefügt hat“, ebenso wie Lenin kein einziges der „alten“ Prinzipien des Marxismus aufgehoben hat. Lenin war und bleibt der treueste und konsequenteste Schüler von Marx und Engels und stützt sich voll und ganz auf die Prinzipien des Marxismus.

Aber Lenin setzte nicht bloß die Lehre von Marx und Engels in die Tat um. Er war gleichzeitig der Fortsetzer der Lehre von Marx und Engels. Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass er die Lehre von Marx und Engels entsprechend den neuen Entwicklungsbedingungen, entsprechend der neuen Phase des Kapitalismus, dem Imperialismus, weiterentwickelte. Das bedeutet, dass Lenin , indem er die Marxsche Lehre unter den neuen Verhältnissen des Klassenkampfes weiterentwickelte, die allgemeine Schatzkammer des Marxismus um etwas Neues bereichert hat im Vergleich zu dem, was Marx und Engels gegeben haben, im Vergleich zu dem, was in der Periode des vor-imperialistischen Kapitalismus gegeben werden konnte, wobei dieses Neue, womit Lenin die Schatzkammer des Marxismus bereichert hat, voll und ganz auf den von Marx und Engels gegebenen Prinzipien fußt.

In diesem Sinne sprechen wir denn auch vom Lenin ismus als dem Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolutionen.

Hier einige Fragen, in denen Lenin Neues gegeben und die Lehre von Marx weiterentwickelt hat.

Erstens, die Frage des Monopolkapitalismus, des Imperialismus, als der neuen Phase des Kapitalismus.

Marx und Engels haben im „Kapital“ eine Analyse der Grundlagen des Kapitalismus gegeben. Aber Marx und Engels lebten in der Periode der Herrschaft des vormonopolistischen Kapitalismus, in der Periode der stetigen Evolution des Kapitalismus und seiner „friedlichen“ Ausbreitung über den ganzen Erdball.

Diese alte Phase fand Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Abschluss, als Marx und Engels nicht mehr lebten. Es ist begreiflich, dass Marx und Engels die neuen Entwicklungsbedingungen des Kapitalismus nur ahnen konnten, die mit der neuen, die alte Phase des Kapitalismus ablösenden Phase, mit der imperialistischen, monopolistischen Entwicklungsphase eintraten, als die stetige Evolution des Kapitalismus durch eine sprunghafte, katastrophenartige Entwicklung des Kapitalismus abgelöst wurde, als die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung und die Widersprüche des Kapitalismus mit besonderer Schärfe zutage traten, als der Kampf um Absatzmärkte und um Märkte für den Kapitalexport unter den Verhältnissen der äußersten Ungleichmäßigkeit der Entwicklung periodische imperialistische Kriege zum Zwecke periodischer Neuaufteilungen der Welt und der Einflusssphären unvermeidlich machte.

Das Verdienst Lenin s und folglich das Neue bei Lenin besteht hier darin, dass er, gestützt auf die grundlegenden Thesen des „Kapitals“, eine tief begründete marxistische Analyse des Imperialismus als der letzten Phase des Kapitalismus gab, seine Eiterbeulen und die Bedingungen seines unvermeidlichen Untergangs enthüllte. Auf der Grundlage dieser Analyse entstand der bekannte Satz Lenin s, dass unter den Verhältnissen des Imperialismus der Sieg des Sozialismus in einzelnen, einzeln genommenen, kapitalistischen Ländern möglich ist.

Zweitens, die Frage der Diktatur des Proletariats.

Die Grundidee der Diktatur des Proletariats als der politischen Herrschaft des Proletariats und als der Methode des gewaltsamen Sturzes der Macht des Kapitals wurde von Marx und Engels gegeben.

Das Neue auf diesem Gebiet besteht bei Lenin darin:

a) dass er die Sowjetmacht als die beste Staatsform der Diktatur des Proletariats entdeckte, wobei er die Erfahrungen der Pariser Kommune und der russischen Revolution auswertete;

b) dass er die Klammern der Formel Diktatur des Proletariats unter dem Gesichtspunkt des Problems der Verbündeten des Proletariats auflöste und die Diktatur des Proletariats definierte als eine besondere Form des Klassenbündnisses des Proletariats, als des Führers, mit den ausgebeuteten Massen der nichtproletarischen Klassen (der Bauernschaft usw.), die geführt werden;

c) dass er mit besonderem Nachdruck die Tatsache hervorhob, dass die Diktatur des Proletariats der höchste Typus der Demokratie in der Klassengesellschaft ist, die Form der proletarischen Demokratie, die die Interessen der Mehrheit (der Ausgebeuteten) zum Ausdruck bringt, im Gegensatz zur kapitalistischen Demokratie, die die Interessen der Minderheit (der Ausbeuter) zum Ausdruck bringt.

Drittens, die Frage der Formen und Methoden des erfolgreichen Aufbaus des Sozialismus in der Periode der Diktatur des Proletariats, in der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus, in einem von kapitalistischen Staaten umringten Lande.

Marx und Engels haben die Periode der Diktatur des Proletariats als eine mehr oder weniger lang anhaltende Periode betrachtet, als eine mit revolutionären Schlachten und Bürgerkriegen ausgefüllte Periode, in deren Verlauf das an der Macht stehende Proletariat die notwendigen Maßnahmen wirtschaftlicher, politischer, kultureller und organisatorischer Natur ergreift, um an Stelle der alten, kapitalistischen Gesellschaft die neue, sozialistische Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne Klassen, eine Gesellschaft ohne Staat, zu schaffen. Lenin stand voll und ganz auf dem Boden dieser Grundsätze von Marx und Engels.

Das Neue auf diesem Gebiet besteht bei Lenin darin:

a) dass er die Möglichkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in einem von imperialistischen Staaten umringten Lande der Diktatur des Proletariats begründete, unter der Voraussetzung, dass dieses Land nicht durch eine militärische Intervention der es umgebenden kapitalistischen Staaten erdrosselt wird;

b) dass er die konkreten Wege der Wirtschaftspolitik („Neue Ökonomische Politik“) aufzeigte, mittels deren das Proletariat, im Besitze der wirtschaftlichen Kommandohöhen (Industrie, Grund und Boden, Verkehrswesen, Banken usw.), die sozialisierte Industrie mit der Landwirtschaft zusammenschließt („Zusammenschluss der Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft“) und auf diese Weise die gesamte Volkswirtschaft zum Sozialismus führt;

c) dass er die konkreten Wege der allmählichen Heranführung der Hauptmassen der Bauernschaft an den sozialistischen Aufbau und ihre Einbeziehung in diesen Aufbau mittels der Genossenschaften aufzeigte, die in der Hand der proletarischen Diktatur ein überaus mächtiges Mittel zur Umgestaltung der bäuerlichen Kleinwirtschaft und zur Umerziehung der Hauptmassen der Bauernschaft im Geiste des Sozialismus sind.

Viertens, die Frage der Hegemonie des Proletariats in der Revolution, in jeder Volksrevolution, sowohl in der Revolution gegen den Zarismus als auch in der Revolution gegen den Kapitalismus.

Marx und Engels haben die Idee der Hegemonie des Proletariats in ihren Grundzügen skizziert. Das Neue bei Lenin besteht hier darin, dass er diese Skizze weiterentwickelt und zu einem geschlossenen System der Hegemonie des Proletariats ausgebaut hat, zu einem geschlossenen System der Führung der werktätigen Massen in Stadt und Land durch das Proletariat nicht nur beim Sturz des Zarismus und des Kapitalismus mindern auch beim sozialistischen Aufbau unter der Diktatur des Proletariats.

Es ist bekannt, dass die Idee der Hegemonie des Proletariats dank Lenin und seiner Partei eine meisterhafte Anwendung in Rußland gefunden hat. Daraus erklärt sich unter anderem die Tatsache, dass die Revolution in Rußland zur Herrschaft des Proletariats geführt hat.

Früher gingen die Dinge gewöhnlich so vor sich, dass die Arbeiter während der Revolution auf den Barrikaden kämpften, ihr Blut vergossen, das Alte stürzten, die Macht aber in die Hände der Bourgeois geriet, die dann die Arbeiter unterdrückten und ausbeuteten. So war es in England und in Frankreich. So war es in Deutschland. Bei uns in Rußland hat die Sache eine andere Wendung genommen. Bei uns waren die Arbeiter nicht nur die Stoßkraft der Revolution. Als Stoßkraft der Revolution suchte das russische Proletariat gleichzeitig der Hegemon, der politische Führer aller ausgebeuteten Massen in Stadt und Land zu sein, indem es diese Massen um sich scharte, sie von der Bourgeoisie loslöste und die Bourgeoisie politisch isolierte. Und als Hegemon der ausgebeuteten Massen kämpfte das russische Proletariat dafür, die Macht zu erobern und sie im eigenen Interesse, gegen die Bourgeoisie, gegen den Kapitalismus auszunutzen. Daraus erklärt sich denn auch, dass jeder machtvolle Ausbruch der Revolution in Rußland, im Oktober 1905 wie auch im Februar 1917, die Sowjets der Arbeiterdeputierten auf die Bildfläche brachte als die Keimform des neuen Machtapparats, der dazu berufen ist, die Bourgeoisie zu unterdrücken - im Gegensatz zum bürgerlichen Parlament als dem alten Machtapparat, der dazu berufen ist, das Proletariat zu unterdrücken.

Zweimal machte bei uns die Bourgeoisie den Versuch, das bürgerliche Parlament wiederherzustellen und den Sowjets ein Ende zu machen: im September 1917, während des Vorparlaments, vor der Machtergreifung durch die Bolschewiki, und im Januar 1918, während der konstituierenden Versammlung, nach der Machtergreifung durch das Proletariat - und jedesmal hat sie eine Niederlage erlitten. Warum? Weil die Bourgeoisie bereits politisch isoliert war, die Millionenmassen der Werktätigen das Proletariat als den einzigen Führer der Revolution betrachteten und die Sowjets bereits von den Massen als ihre eigene Arbeitermacht geprüft und erprobt waren, die gegen ein bürgerliches Parlament einzutauschen für das Proletariat Selbstmord gewesen wäre. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der bürgerliche Parlamentarismus bei uns nicht Wurzel fasste. Das ist der Grund, warum die Revolution in Rußland zur Herrschaft des Proletariats geführt hat.

Das sind die Ergebnisse der Verwirklichung des Lenin schen Systems der Hegemonie des Proletariats in der Revolution.

Fünftens, die nationale und koloniale Frage.

Als Marx und Engels seinerzeit die Ereignisse in Irland, in Indien, in China, in den Ländern Mitteleuropas, in Polen, in Ungarn analysierten, lieferten sie die richtunggebenden Grundideen für die nationale und koloniale Frage. Lenin fußte in seinen Arbeiten auf diesen Ideen.

Das Neue auf diesem Gebiet besteht bei Lenin darin:

a) dass er diese Ideen zu einem geschlossenen System von Ansichten über die nationalen und kolonialen Revolutionen in der Epoche des Imperialismus zusammenfasste;

b) dass er die nationale und koloniale Frage mit der Frage des Sturzes des Imperialismus verknüpfte;

c) dass er die nationale und koloniale Frage zu einem Bestandteil der allgemeinen Frage der internationalen proletarischen Revolution erklärte.

Schließlich, die Frage der Partei des Proletariats.

Marx und Engels skizzierten die Grundthesen über die Partei als Vorhut des Proletariats, das seine Befreiung sowohl im Sinne der Machtergreifung als auch im Sinne der Umgestaltung der kapitalistischen Gesellschaft ohne sie (ohne die Partei) nicht erreichen kann.

Das Neue auf diesem Gebiet besteht bei Lenin darin, dass er diese Skizze, entsprechend den neuen Bedingungen des Kampfes des Proletariats in der Periode des Imperialismus, weiterentwickelte und zeigte:

a) dass die Partei die höchste Form der Klassenorganisation des Proletariats ist im Vergleich zu anderen Formen der Organisation des Proletariats (Gewerkschaften, Genossenschaften, Staatsorganisation), deren Arbeit sie zusammenzufassen und zu lenken berufen ist;

b) dass die Diktatur des Proletariats nur durch die Partei als ihre lenkende Kraft verwirklicht werden kann;

c) dass die Diktatur des Proletariats nur dann vollkommen sein kann, wenn eine einzige Partei, die Partei der Kommunisten, sie führt, die die Führung nicht mit anderen Parteien teilt noch teilen darf;

d) dass ohne eiserne Disziplin in der Partei die Aufgaben der Diktatur des Proletariats zur Unterdrückung der Ausbeuter und zur Umgestaltung der Klassengesellschaft in die sozialistische Gesellschaft nicht erfüllt werden können.

Das ist im Wesentlichen das Neue, das Lenin in seinen Werken gegeben hat, indem er die Marxsche Lehre entsprechend den neuen Bedingungen des Kampfes des Proletariats in der Periode des Imperialismus konkretisierte und weiterentwickelte.

Deshalb sagen wir auch, dass der Lenin ismus der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolutionen ist.

Daraus geht hervor, dass man den Lenin ismus vom Marxismus nicht trennen und noch weniger dem Marxismus entgegenstellen darf.

In der Frage der Delegation heißt es weiter:

„Wäre es richtig, zu sagen, dass Lenin an eine ‚schöpferische Revolution’ glaubte, während Marx mehr dazu neigte, den Kulminationspunkt der Entwicklung der ökonomischen Kräfte abzuwarten?“

Ich glaube, das zu sagen wäre ganz falsch. Ich glaube, dass jede Volksrevolution - wenn sie wirklich eine Volksrevolution ist - eine schöpferische Revolution ist, denn sie zerschlägt eine alte Ordnung und bildet, schafft eine neue.

Gewiss kann nichts Schöpferisches an solchen, mit Verlaub zu sagen, „Revolutionen“ sein, wie sie mitunter in einigen rückständigen Ländern in Form von zwerghaften „Aufständen“ der einen Stämme gegen die anderen vorkommen. Aber die Marxisten haben solche zwerghaften „Aufstände“ niemals als Revolution angesehen. Es handelt sich also offenbar nicht um solche „Aufstände“, sondern um eine Volksrevolution der Massen, in der sich die unterdrückten Klassen gegen die Unterdrückerklassen erheben. Eine solche Revolution aber muss unvermeidlich eine schöpferische Revolution sein. Marx und Lenin waren gerade für eine solche Revolution - und nur für eine solche. Dabei ist klar, dass eine solche Revolution nicht unter beliebigen Bedingungen ausbrechen kann, dass sie nur unter bestimmten günstigen Bedingungen ökonomischer und politischer Natur vor sich gehen kann.

Zweite Frage.

Kann man sagen, dass die Kommunistische Partei die Regierung kontrolliert?

Antwort. Alles hängt davon ab, was man unter Kontrolle versteht. In den kapitalistischen Ländern hat man von Kontrolle eine etwas eigenartige Auffassung. Ich weiß, dass eine ganze Reihe von kapitalistischen Regierungen trotz des Bestehens von „demokratischen“ Parlamenten durch die Großbanken kontrolliert werden. Die Parlamente versichern, dass sie es sind, die die Regierungen kontrollieren. In Wirklichkeit aber ist es so, dass die großen Finanzkonsortien die Zusammensetzung der Regierungen im Voraus bestimmen und ihre Handlungen kontrollieren. Wer wüsste nicht, dass in keiner einzigen kapitalistischen „Großmacht“ ein Kabinett gegen den Willen der großen Finanzmagnaten gebildet werden kann: sie brauchen nur einen finanziellen Druck auszuüben - und die Minister purzeln von ihren Sesseln wie die Puppen. Das ist die wirkliche Kontrolle, die Kontrolle der Banken über die Regierungen im Gegensatz zu der vermeintlichen Kontrolle durch die Parlamente.

Wenn von einer solchen Kontrolle die Rede ist, so muss ich erklären, dass eine Kontrolle der Regierung durch die Geldsäcke bei uns undenkbar und ganz ausgeschlossen ist, schon allein deswegen, weil die Banken bei uns seit langem nationalisiert, die Geldsäcke aber aus der UdSSR hinausgeworfen worden sind.

Vielleicht wollte die Delegation nicht nach der Kontrolle, sondern nach der Leitung der Regierung durch die Partei fragen? Wenn die Delegation danach fragen wollte, so antworte ich darauf: Ja, die Partei leitet bei uns die Regierung. Diese Leitung ist aber deswegen möglich, weil die Partei bei uns das Vertrauen der Mehrheit der Arbeiter und der Werktätigen überhaupt genießt und deshalb das Recht hat, die Organe der Regierung im Namen dieser Mehrheit zu leiten.

Worin kommt die Leitung der Regierung durch die Arbeiterpartei der UdSSR, durch die Kommunistische Partei der UdSSR, zum Ausdruck?

Vor allem darin, dass die Kommunistische Partei bestrebt ist, mittels der Sowjets und der Sowjetkongresse die wichtigsten Posten der Staatsarbeit in unserem Lande mit ihren Kandidaten, mit ihren besten, der Sache des Proletariats ergebenen Funktionären zu besetzen, die bereit sind, dem Proletariat mit Leib und Seele zu dienen. Und das gelingt ihr in den allermeisten Fällen, weil die Arbeiter und Bauern Vertrauen zur Partei haben. Es ist kein Zufall, dass die Organe der Staatsmacht bei uns von Kommunisten geleitet werden, dass sie, die Leiter dieser Organe, gewaltige Autorität im Lande besitzen.

Zweitens darin, dass die Partei die Arbeit der Verwaltungsorgane, die Arbeit der Organe der Staatsmacht prüft, Fehler und Mängel, ohne die es nicht abgeht, abstellt, ihnen hilft, die Beschlüsse der Regierung durchzuführen, und sich bemüht, ihnen die Unterstützung der Massen zu sichern, wobei von ihnen kein einziger wichtiger Beschluss ohne entsprechende Weisungen der Partei gefasst wird.

Drittens darin, dass bei der Ausarbeitung des Arbeitsplans dieser oder jener Organe der Staatsmacht, sei es auf dem Gebiet der Industrie und der Landwirtschaft, oder sei es auf dem Gebiet des Handels und des kulturellen Aufbaus, die Partei allgemeine Richtlinien gibt, die den Charakter und die Richtung der Arbeit dieser Organe während der Geltungsdauer der Pläne bestimmen.

Die bürgerliche Presse bringt gewöhnlich ihre „Verwunderung“ über eine solche „Einmischung“ der Partei in die Staatsgeschäfte zum Ausdruck. Aber diese „Verwunderung“ ist durch und durch geheuchelt. Es ist bekannt, dass in den kapitalistischen Ländern die bürgerlichen Parteien sich genauso in die Staatsgeschäfte „einmischen“ und die Regierungen leiten, wobei dort die Leitung in den Händen eines engen Kreises von Personen konzentriert ist, die auf die eine oder die andere Weise mit den Großbanken verbunden sind und sich infolgedessen bemühen, ihre Rolle vor der Bevölkerung zu verheimlichen.

Wer wüsste nicht, dass in jeder bürgerlichen Partei in England oder in anderen kapitalistischen Ländern ein Geheimkabinett aus einem engen Kreis von Personen besteht, die die Führung in ihren Händen konzentrieren? Denken Sie nur an die bekannte Rede Lloyd Georges über das „Schatten“kabinett der liberalen Partei. Der Unterschied zwischen dem Lande der Sowjets und den kapitalistischen Ländern besteht in dieser Hinsicht darin,

a) dass in den Ländern des Kapitalismus die bürgerlichen Parteien den Staat leiten im Interesse der Bourgeoisie und gegen das Proletariat, während die Kommunistische Partei in der UdSSR den Staat leitet im Interesse des Proletariats und gegen die Bourgeoisie;

b) dass die bürgerlichen Parteien ihre führende Rolle vor dem Volke verheimlichen und zu verdächtigen Geheimkabinetten Zuflucht nehmen, während die Kommunistische Partei in der UdSSR keinerlei Geheimkabinette braucht, die Politik und die Praxis der Geheimkabinette brandmarkt und vor dem ganzen Lande offen erklärt, dass sie die Verantwortung für die Leitung des Staates auf sich nimmt.

Ein Delegierter. Leitet die Partei die Gewerkschaften nach denselben Grundsätzen?

Stalin. Im Wesentlichen ja. Formell kann die Partei den Gewerkschaften keine Direktiven erteilen. Aber die Partei erteilt den Kommunisten Direktiven, die in den Gewerkschaften arbeiten. Bekanntlich gibt es in den Gewerkschaften ebenso wie in den Sowjets, den Genossenschaften usw. Fraktionen von Kommunisten. Pflicht dieser kommunistischen Fraktionen ist es, in den Organen der Gewerkschaften, der Sowjets, der Genossenschaften usw. durch Überzeugung die Annahme von Beschlüssen zu erwirken, die den Direktiven der Partei entsprechen. Und in den allermeisten Fällen gelingt ihnen das, weil der Einfluss der Partei unter den Massen gewaltig ist und sie bei ihnen großes Vertrauen genießt. Auf diese Weise wird die Einheitlichkeit im Handeln der verschiedensten Organisationen des Proletariats erreicht. Ohne das würden wir ein Durcheinander und Nebeneinander in der Arbeit dieser Organisationen der Arbeiterklasse haben.

Dritte Frage.

Da in Rußland nur eine Partei legal ist, woher wissen Sie, dass die Massen mit dem Kommunismus sympathisieren?

Antwort. Es stimmt, dass es in der UdSSR keine legalen bürgerlichen Parteien gibt, dass hier nur eine Partei legal ist, die Partei der Arbeiter, die Partei der Kommunisten. Haben wir dennoch Mittel und Wege, um uns davon zu überzeugen, dass die Mehrheit der Arbeiter, die Mehrheit der werktätigen Massen mit den Kommunisten sympathisiert? Es handelt sich natürlich um die Arbeiter- und Bauernmassen, nicht um die neue Bourgeoisie, nicht um die Überreste der alten Ausbeuterklassen, die vom Proletariat bereits zerschlagen worden sind. Ja, wir haben die Möglichkeit, wir haben Mittel und Wege, um zu erfahren, ob die Arbeiter- und Bauernmassen mit den Kommunisten sympathisieren oder nicht sympathisieren.

Nehmen wir die wichtigsten Momente im Leben unseres Landes und prüfen wir, ob wir berechtigt sind zu behaupten, dass die Massen wirklich mit den Kommunisten sympathisieren.

Nehmen wir vor allem einen so wichtigen Moment wie die Periode des Oktoberumsturzes im Jahre 1917, als die Partei der Kommunisten, eben als Partei, die Arbeiter und Bauern offen zum Sturz der Macht der Bourgeoisie aufrief und als sie, diese Partei, die Unterstützung der gewaltigen Mehrheit der Arbeiter, Soldaten und Bauern erlangte.

Wie war damals die Situation? An der Macht standen die Sozialrevolutionäre (SR) und die Sozialdemokraten (Menschewiki), die mit der Bourgeoisie einen Block bildeten. Der Machtapparat im Zentrum und im Lande befand sich ebenso wie der Kommandoapparat der 12-Millionen-Armee in den Händen dieser Parteien, in den Händen der Regierung. Die Partei der Kommunisten war halblegal. Die Bourgeois aller Länder prophezeiten ein unvermeidliches Scheitern der Partei der Bolschewiki.

Die Entente stand voll und ganz hinter der Kerenskiregierung. Nichtsdestoweniger hörte die Partei der Kommunisten, die Partei der Bolschewiki, nicht auf, das Proletariat zum Sturz dieser Regierung und zur Errichtung der Diktatur des Proletariats aufzurufen. Und was geschah? Die gewaltige Mehrheit der werktätigen Massen im Hinterland und an der Front unterstützte aufs entschiedenste die Partei der Bolschewiki - und die Kerenskiregierung wurde gestürzt, die Macht des Proletariats wurde errichtet.

Wie konnte es geschehen, dass die Bolschewiki damals den Sieg davontrugen, trotz der feindseligen Prophezeiungen der Bourgeois aller Länder über den Untergang der Partei der Bolschewiki? Beweist dieser Umstand nicht, dass die breiten Massen der Werktätigen mit der Partei der Bolschewiki sympathisieren? Ich glaube, er beweist es.

Da haben Sie die erste Prüfung der Autorität und des Einflusses der Partei der Kommunisten unter den breiten Massen der Bevölkerung.

Nehmen wir die folgende Periode, die Periode der Intervention, die Periode des Bürgerkriegs, als die englischen Kapitalisten Nordrußland; das Gebiet von Archangelsk und Murmansk, okkupierten, als die amerikanischen, englischen, japanischen und französischen Kapitalisten Sibirien okkupierten und Koltschak vorschoben, als die französischen und englischen Kapitalisten Schritte zur Okkupation „Südrußlands“ unternahmen und Denikin und Wrangel auf den Schild hoben.

Das war ein Krieg der Entente und der konterrevolutionären Generale Rußlands gegen die kommunistische Regierung in Moskau, gegen die Errungenschaften unserer Oktoberrevolution. Das war eine Periode größter Prüfung der Stärke und Festigkeit des Einflusses der Partei der Kommunisten unter den breiten Massen der Arbeiter und Bauern.

Und was geschah? Ist es etwa nicht bekannt, dass im Ergebnis des Bürgerkriegs die Okkupanten aus Rußland hinausgeworfen, die konterrevolutionären Generale aber durch die Rote Armee vollends geschlagen wurden?

Hier zeigte es sich gerade, dass die Geschicke des Krieges letzten Endes nicht durch die Technik entschieden werden - mit Technik wurden Koltschak und Denikin von den Feinden der UdSSR reichlich versorgt -, sondern durch eine richtige Politik, durch die Sympathie und die Unterstützung der Millionenmassen der Bevölkerung.

War es ein Zufall, dass die Partei der Bolschewiki damals den Sieg davontrug? Natürlich war es kein Zufall. Zeugt dieser Umstand nicht davon, dass die Partei der Kommunisten bei uns die Sympathie der breiten Massen der Werktätigen genießt? Ich glaube, er zeugt davon.

Da haben Sie die zweite Prüfung der Stärke und Festigkeit der Kommunistischen Partei in der UdSSR.

Gehen wir zur gegenwärtigen Periode, zur Nachkriegsperiode über, in der die Fragen des friedlichen Aufbaus auf die Tagesordnung rückten, in der die Phase der wirtschaftlichen Zerrüttung abgelöst wurde durch die Phase der Wiederherstellung der Industrie und schließlich durch die Phase des Umbaus unserer ganzen Volkswirtschaft auf einer neuen technischen Grundlage. Haben wir jetzt Mittel und Wege, um die Stärke und Festigkeit der Partei der Kommunisten zu prüfen, um den Grad der Sympathie der breiten Massen der Werktätigen für diese Partei festzustellen? Ich glaube, wir haben sie.

Nehmen wir vor allem die Gewerkschaften der Sowjetunion, denen ungefähr 10 Millionen Proletarier angehören, sehen wir uns die Zusammensetzung der führenden Organe unserer Gewerkschaften an. Ist es ein Zufall, dass an der Spitze dieser Organe Kommunisten stehen? Natürlich ist das kein Zufall. Es wäre töricht zu glauben, dass den Arbeitern der UdSSR die Zusammensetzung der führenden Organe der Gewerkschaften gleichgültig ist. Die Arbeiter der UdSSR haben sich in den Stürmen dreier Revolutionen entwickelt und geschult. Sie haben, wie niemand sonst, gelernt, ihre Führer zu prüfen und wenn sie den Interessen des Proletariats nicht entsprechen, sie davonzujagen. Eine Zeitlang war Plechanow der populärste Mann in unserer Partei. Als aber die Arbeiter sich davon überzeugten, dass Plechanow die proletarische Linie verlassen hatte, schreckten sie nicht davor zurück, ihn vollkommen zu isolieren. Und wenn diese Arbeiter den Kommunisten ihr volles Vertrauen ausdrücken und sie auf verantwortliche Posten in den Gewerkschaften stellen, so kann das nur ein direkter Beweis dafür sein, dass der Einfluss der Kommunistischen Partei unter den Arbeitern der UdSSR von gewaltiger Stärke und Festigkeit ist.

Da haben Sie eine Prüfung, die zeigt, dass die breiten Massen der Arbeiter unbedingt mit der Partei der Kommunisten sympathisieren.

Nehmen wir die letzten Wahlen zu den Sowjets. Das Recht, an den Wahlen zu den Sowjets teilzunehmen, hat bei uns die gesamte erwachsene Bevölkerung der UdSSR vom 18. Lebensjahr an, ohne Unterschied des Geschlechts und der Nationalität, mit Ausnahme der bürgerlichen Elemente, die fremde Arbeit ausbeuten und denen das Wahlrecht entzogen ist. Die Zahl der Wähler beläuft sich auf ungefähr 60 Millionen. Die gewaltige Mehrheit der Wähler besteht natürlich aus Bauern. Von diesen 60 Millionen haben ungefähr 51 Prozent, das heißt mehr als 30 Millionen, von dem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Sehen Sie sich nun die Zusammensetzung der führenden Organe unserer Sowjets im Zentrum und im Lande an. Kann man die Tatsache als Zufall bezeichnen, dass die gewaltige Mehrheit der gewählten führenden Funktionäre aus Kommunisten besteht? Es ist klar, dass man das nicht als Zufall bezeichnen kann. Zeugt diese Tatsache nicht davon, dass die Kommunistische Partei unter den Millionenmassen der Bauernschaft Vertrauen genießt? Ich glaube, sie zeugt davon.

Da haben Sie eine weitere Prüfung der Stärke und Festigkeit der Kommunistischen Partei.

Nehmen wir den Kommunistischen Jugendverband (Komsomol), dem ungefähr 2 Millionen jugendliche Arbeiter und Bauern angehören. Kann man die Tatsache als Zufall bezeichnen, dass die gewaltige Mehrheit der gewählten führenden Funktionäre des Kommunistischen Jugendverbands Kommunisten sind? Ich glaube, das kann man nicht als Zufall bezeichnen.

Da haben Sie eine weitere Prüfung der Stärke und Autorität der Kommunistischen Partei.

Nehmen wir schließlich unsere zahllosen Konferenzen, Beratungen, Delegiertenversammlungen usw., die Millionenmassen von werktätigen Männern und Frauen, Arbeitern und Arbeiterinnen, Bauern und Bäuerinnen aller Nationalitäten der UdSSR erfassen. Über diese Beratungen und Konferenzen spricht man im Westen mitunter ironisch und behauptet, dass die Russen überhaupt gern reden. Indes haben diese Beratungen und Konferenzen für uns gewaltige Bedeutung, weil sie sowohl einen Prüfstein für die Stimmung der Massen abgeben als auch unsere Fehler aufdecken und Mittel und Wege zur Beseitigung dieser Fehler aufzeigen, denn bei uns werden nicht wenig Fehler gemacht, und wir verheimlichen sie nicht, da wir der Auffassung sind, dass die Aufdeckung der Fehler und ihre ehrliche Berichtigung das beste Mittel ist, um die Leitung des Landes zu verbessern. Lesen Sie die Reden, die auf diesen Konferenzen und Beratungen gehalten werden, lesen Sie die sachlichen und offenherzigen Bemerkungen dieser „einfachen Leute“ aus den Reihen der Arbeiter und Bauern, lesen Sie ihre Beschlüsse - und Sie werden sehen, wie gewaltig der Einfluss und die Autorität der Kommunistischen Partei ist, Sie werden sehen, dass jede Partei in der Welt uns um diesen Einfluss und diese Autorität beneiden könnte.

Da haben Sie eine weitere Prüfung der Festigkeit der Kommunistischen Partei.

Das sind die Mittel und Wege, die wir haben, um die Stärke der Kommunistischen Partei und ihren Einfluss unter den Volksmassen zu überprüfen.

Daher weiß ich, dass die breiten Massen der Arbeiter und Bauern der UdSSR mit der Kommunistischen Partei sympathisieren.

Vierte Frage.

Wenn eine parteilose Gruppe eine Fraktion organisierte und bei den Wahlen eigene Kandidaten, die auf der Plattform der Unterstützung der Sowjetregierung stünden, aufstellte, gleichzeitig aber die Aufhebung des Außenhandelsmonopols forderte - könnte sie über eigene Mittel verfügen und eine aktive politische Kampagne entfalten?

Antwort. Ich glaube, diese Frage enthält einen unversöhnlichen Widerspruch. Man kann sich keine Gruppe vorstellen, die auf der Plattform der Unterstützung der Sowjetregierung stünde und gleichzeitig die Aufhebung des Außenhandelsmonopols forderte. Warum? Weil das Außenhandelsmonopol eine der unerschütterlichen Grundlagen der Plattform der Sowjetregierung ist. Weil eine Gruppe, die die Aufhebung des Außenhandelsmonopols fordert, nicht für die Unterstützung der Sowjetregierung sein kann. Weil eine solche Gruppe nur eine Gruppe sein kann, die dem gesamten Sowjetsystem zutiefst feindlich gegenübersteht.

In der UdSSR gibt es natürlich Elemente, die die Aufhebung des Außenhandelsmonopols fordern. Das sind die NÖP-Leute, die Kulaken, die Splitter der bereits zerschlagenen Ausbeuterklassen usw. Aber diese Elemente sind eine verschwindende Minderheit der Bevölkerung. Ich glaube, dass es sich bei der Frage der Delegation nicht um diese Elemente handelt. Wenn es sich aber um die Arbeiter und die werktätigen Massen der Bauernschaft handelt, so muss ich sagen, dass die Forderung nach Aufhebung des Außenhandelsmonopols bei ihnen nur Gelächter hervorrufen und feindselig aufgenommen werden würde.

In der Tat, was würde die Abschaffung des Außenhandelsmonopols für die Arbeiter bedeuten? Das würde für sie Verzicht auf die Industrialisierung des Landes, auf die Errichtung neuer Werke und Fabriken, auf die Erweiterung der alten Werke und Fabriken bedeuten. Das würde für sie Überschwemmung der UdSSR mit Waren aus den kapitalistischen Ländern, Abbau unserer Industrie infolge ihrer relativen Schwäche, Vermehrung der Zahl der Arbeitslosen, Verschlechterung der materiellen Lage der Arbeiterklasse, Schwächung ihrer ökonomischen und politischen Positionen bedeuten. Das würde letzten Endes eine Stärkung des NÖP-Manns und der neuen Bourgeoisie überhaupt bedeuten. Kann das Proletariat der UdSSR einen solchen Selbstmord begehen? Es ist klar, dass es das nicht kann.

Und was würde die Abschaffung der Außenhandelsmonopole für die werktätigen Massen der Bauernschaft bedeuten? Sie würde die Verwandlung unseres Landes aus einem selbständigen Land in ein halbkoloniales Land und die Verelendung der Bauernmassen bedeuten. Sie würde die Rückkehr zu jenem Regime des „freien Handels“ bedeuten, das unter Koltschak und Denikin herrschte, als die vereinigten Kräfte der konterrevolutionären Generale und der „Alliierten“ die Millionenmassen der Bauernschaft nach Herzenslust ausrauben und ausplündern konnten. Das würde letzten Endes eine Stärkung der Kulaken und der übrigen Ausbeuterelemente im Dorfe bedeuten. Die Bauern haben die Herrlichkeiten dieses Regimes in der Ukraine und im Nordkaukasus, an der Wolga und in Sibirien zur Genüge ausgekostet. Was könnte zu der Annahme berechtigen, dass sie von neuem den Kopf in diese Schlinge stecken wollen? Ist es etwa nicht klar, dass die werktätigen Massen der Bauernschaft nicht für die Abschaffung des Außenhandelsmonopols sein können?

Ein Delegierter. Die Delegation hat den Punkt bezüglich des Außenhandelsmonopols, bezüglich seiner Aufhebung, als einen Punkt aufgeworfen, auf dessen Basis sich eine ganze Gruppe der Bevölkerung organisieren könnte, wenn in der UdSSR nicht das Monopol einer Partei, das Monopol auf Legalität, bestünde.

Stalin. Die Delegation kehrt also zur Frage des Monopols der Kommunistischen Partei, als der einzigen legalen Partei in der UdSSR, zurück. Ich habe diese Frage bereits kurz beantwortet, als ich von den Mitteln und Wegen sprach, die wir haben, um die Sympathie der Millionenmassen der Arbeiter und Bauern für die Kommunistische Partei zu überprüfen.

Was die anderen Schichten der Bevölkerung, die Kulaken, die NÖP-Leute, die Überreste der alten zerschlagenen Ausbeuterklassen betrifft, so haben sie bei uns kein Recht auf eine eigene politische Organisation, ebenso wie sie kein Wahlrecht haben. Das Proletariat hat der Bourgeoisie nicht nur die Fabriken und Werke, die Banken und die Eisenbahnen, den Boden und die Bergwerke weggenommen. Es hat ihr auch das Recht auf eine eigene politische Organisation genommen, denn das Proletariat will nicht die Wiederherstellung der Macht der Bourgeoisie. Die Delegation hat offenbar nichts dagegen einzuwenden, dass das Proletariat der UdSSR der Bourgeoisie und den Gutsbesitzern die Fabriken und Werke, den Boden und die Eisenbahnen, die Banken und Bergwerke weggenommen hat. (Heiterkeit.)

Die Delegation ist jedoch, wie mir scheint, etwas darüber erstaunt, dass das Proletariat sich nicht hierauf beschränkt hat, sondern weitergegangen ist und der Bourgeoisie die politischen Rechte genommen hat. Das ist meines Erachtens nicht ganz logisch oder, richtiger gesagt, ganz unlogisch. Mit welcher Berechtigung fordert man vom Proletariat Großmut gegenüber der Bourgeoisie? Legt etwa die Bourgeoisie im Westen, die sich an der Macht befindet, auch nur die geringste Großmut gegenüber der Arbeiterklasse an den Tag? Treibt sie nicht die wirklich revolutionären Parteien der Arbeiterklasse in die Illegalität? Mit welcher Berechtigung fordert man vom Proletariat der UdSSR Großmut gegenüber seinem Klassenfeind? Ich glaube, Logik verpflichtet. Wer an die Möglichkeit denkt, der Bourgeoisie ihre politischen Rechte wiederzugeben, muss, wenn er logisch sein will, weitergehen und auch die Frage der Rückgabe der Fabriken und Werke, der Eisenbahnen und der Banken an die Bourgeoisie stellen.

Ein Delegierter. Die Delegation hatte die Aufgabe, zu klären, auf welche Weise in der Arbeiterklasse und in der Bauernschaft vorhandene Ansichten, die von den Ansichten der Kommunistischen Partei abweichen, ihren legalen Ausdruck finden können. Es wäre falsch, die Sache so aufzufassen, dass die Delegation sich für die Frage der Gewährung politischer Rechte an die Bourgeoisie, für die Frage, wie die Bourgeoisie ihre Ansichten auf legalem Wege zum Ausdruck bringen könne, interessiert. Es handelt sich eben darum, auf welche Weise in der Arbeiterklasse und in der Bauernschaft vorhandene Ansichten, die von den Ansichten der Kommunistischen Partei abweichen, ihren legalen Ausdruck finden können.

Ein anderer Delegierter. Diese abweichenden Ansichten könnten in den Massenorganisationen der Arbeiterklasse, in den Gewerkschaften usw. ihren Ausdruck finden.

Stalin. Sehr gut. Also, es handelt sich nicht um die Wiederherstellung der politischen Rechte der Bourgeoisie, sondern um den Meinungskampf innerhalb der Arbeiterklasse und der Bauernschaft.

Haben wir gegenwärtig in der Sowjetunion einen Meinungskampf unter den Arbeitern und den werktätigen Massen der Bauernschaft? Ja, unbedingt. Es ist unmöglich, dass Millionen von Arbeitern und Bauern in allen praktischen Fragen und in allen Einzelfragen der gleichen Meinung sind. So etwas gibt es im Leben nicht. Erstens besteht ein großer Unterschied zwischen den Arbeitern und den Bauern sowohl hinsichtlich ihrer ökonomischen Lage als auch hinsichtlich ihrer Ansichten über diese oder jene Fragen. Zweitens bestehen gewisse Unterschiede in den Auffassungen innerhalb der Arbeiterklasse selbst, Unterschiede der Erziehung, Unterschiede des Alters, des Temperaments, Unterschiede zwischen den Stammarbeitern und den Arbeitern, die aus dem Dorfe gekommen sind, usw. All das führt zu einem Meinungskampf unter den Arbeitern und den werktätigen Massen der Bauernschaft, der in Versammlungen, in den Gewerkschaften, in den Genossenschaften, während der Wahlen zu den Sowjets usw. seinen legalen Ausdruck findet.

Aber zwischen dem Meinungskampf jetzt, unter den Verhältnissen der proletarischen Diktatur, und dem Meinungskampf in der Vergangenheit, vor der Oktoberrevolution, besteht ein grundlegender Unterschied. Damals, in der Vergangenheit, drehte sich der Meinungskampf unter den Arbeitern und werktätigen Bauern hauptsächlich um die Fragen des Sturzes der Gutsbesitzer, des Zarismus, der Bourgeoisie, um die Zerschlagung der bürgerlichen Ordnung. Jetzt, unter den Verhältnissen der Diktatur des Proletariats, geht der Meinungskampf nicht um die Fragen des Sturzes der Sowjetmacht, der Zerschlagung der Sowjetordnung, sondern um die Fragen der Verbesserung der Organe der Sowjetmacht, der Verbesserung ihrer Arbeit. Hier besteht ein grundlegender Unterschied.

Es kann nicht wundernehmen, dass in der Vergangenheit der Meinungskampf um die Frage der revolutionären Zerschlagung der bestehenden Ordnung ein Grund dafür war, dass mehrere miteinander konkurrierende Parteien innerhalb der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen der Bauernschaft auftraten. Diese Parteien waren: die Partei der Bolschewiki, die Partei der Menschewiki, die Partei der Sozialrevolutionäre. Anderseits ist auch durchaus verständlich, dass jetzt, unter der Diktatur des Proletariats, der Meinungskampf, der nicht auf die Zerschlagung der bestehenden Sowjetordnung, sondern auf ihre Verbesserung und Festigung abzielt, keinen Nährboden für das Bestehen mehrerer Parteien unter den Arbeitern und den werktätigen Massen des Dorfes abgibt.

Das ist der Grund, warum die Legalität einer einzigen Partei, der Partei der Kommunisten, das Monopol dieser Partei, nicht nur auf keinen Widerspruch unter den Arbeitern und den werktätigen Bauern stößt, sondern im Gegenteil als etwas Notwendiges und Wünschenswertes erachtet wird.

Die Stellung unserer Partei als der einzigen legalen Partei im Lande (das Monopol der Kommunistischen Partei) ist nicht etwas Künstliches und eigens Ausgehecktes. Eine solche Stellung lässt sich nicht künstlich, durch administrative Maßnahmen usw. schaffen. Das Monopol unserer Partei hat sich aus dem Leben ergeben, hat sich historisch herausgebildet, als Ergebnis dessen, dass die Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki endgültig Bankrott gemacht haben und bei uns von der Bildfläche verschwunden sind.

Was waren die Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki in der Vergangenheit? Schrittmacher des bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat. Wodurch wurde das Bestehen dieser Parteien vor dem Oktober 1917 begünstigt und unterstützt? Durch das Bestehen der Klasse der Bourgeois und schließlich durch das Bestehen der bürgerlichen Staatsmacht. Ist es etwa nicht klar, dass mit dem Sturz der Bourgeoisie die Grundlagen für das Bestehen dieser Parteien verschwinden mussten?

Was wurde aus diesen Parteien nach dem Oktober 1917? Sie wurden zu Parteien der Wiederherstellung des Kapitalismus und des Sturzes der Macht des Proletariats. Ist es etwa nicht klar, dass diese Parteien jeden. Boden und jeden Einfluss unter den Arbeitern und den werktätigen Schichten der Bauernschaft verlieren mussten?

Der Kampf zwischen der Partei der Kommunisten und den Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki um den Einfluss auf die. Arbeiterklasse hatte nicht erst gestern begonnen. Der Beginn dieses Kampfes datiert von dem Zeitpunkt, als die ersten Anzeichen einer revolutionären Massenbewegung in Rußland, noch vor 1905, auftraten. Die Periode von 1903 bis Oktober 1917 war eine Periode erbitterten Meinungskampfes in der Arbeiterklasse unseres Landes, eine, Periode des Kampfes zwischen den Bolschewiki, den Menschewiki und den Sozialrevolutionären um den Einfluss in der Arbeiterklasse. In dieser Periode hat die Arbeiterklasse der UdSSR drei Revolutionen durchgemacht. Im Feuer dieser Revolutionen hat sie diese Parteien, ihre Tauglichkeit für die Sache der proletarischen Revolution, ihren proletarisch-revolutionären Geist erprobt und geprüft. Und in den Oktobertagen 1917, als die Geschichte das Fazit des ganzen revolutionären Kampfes der Vergangenheit zog, als auf der Waage der Geschichte die innerhalb der Arbeiterklasse ringenden Parteien gewogen wurden - da traf schließlich die Arbeiterklasse der UdSSR ihre endgültige Wahl und entschied sich für die Kommunistische Partei als die einzige proletarische Partei.

Wodurch ist die Tatsache zu erklären, dass die Wahl der Arbeiterklasse auf die Kommunistische Partei fiel? Ist es nicht eine Tatsache, dass die Bolschewiki im Petrograder Sowjet zum Beispiel im April 1917 eine unbedeutende Minderheit bildeten? Ist es nicht eine Tatsache, dass die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki damals in den Sowjets eine gewaltige Mehrheit hatten? Ist es nicht eine Tatsache, dass sich bis zu den Oktobertagen der gesamte Machtapparat und alle Zwangsmittel in den Händen der Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki befanden, die mit der Bourgeoisie einen Block bildeten?

Die Erklärung liegt darin, dass die Kommunistische Partei damals für die Beendigung des Krieges, für einen sofortigen demokratischen Frieden war, während die Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki für den „Krieg bis zum siegreichen Ende“, für die Fortsetzung des imperialistischen Krieges eintraten.

Die Erklärung liegt darin, dass die Kommunistische Partei damals für den Sturz der Kerenskiregierung, für den Sturz der bürgerlichen Macht, für die Nationalisierung der Fabriken und Werke, der Banken und Eisenbahnen war, während die Parteien der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre für die Kerenskiregierung kämpften und das Recht der Bourgeoisie auf die Fabriken und Werke, auf die Banken und Eisenbahnen verfochten.

Die Erklärung liegt darin, dass die Partei der Kommunisten damals für die sofortige Konfiskation der Ländereien der Gutsbesitzer zugunsten der Bauern war, während die Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki diese Frage bis zur Konstituierenden Versammlung hinausschieben wollten, deren Einberufung sie wiederum auf unbestimmte Zeit hinauszuschieben suchten.

Ist es da verwunderlich, wenn die Wahl der Arbeiter und der armen Bauern schließlich zugunsten der Kommunistischen Partei ausfiel?

Ist es da verwunderlich, wenn die Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki so schnell zugrunde gegangen sind?

Daher rührt das Monopol der Kommunistischen Partei, und das ist der Grund, warum die Kommunistische Partei zur Macht gelangt ist.

Die folgende Periode, die Periode nach dem Oktober 1917, die Periode des Bürgerkriegs, war die Periode des endgültigen Untergangs der Parteien der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre, die Periode des endgültigen Triumphes der Partei der Bolschewiki. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre selbst haben in jener Periode den Triumph der Kommunistischen Partei erleichtert. Nachdem die Parteien der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre während der Oktoberumwälzung zerschlagen und hinweggefegt worden waren, begannen ihre Splitter sich an den konterrevolutionären Aufständen der Kulaken zu beteiligen, bildeten einen Block mit den Koltschak- und Denikinleuten, traten in den Dienst der Entente und bewirkten damit, dass sie in den Augen der Arbeiter und Bauern endgültig erledigt waren. Es ergab sich folgendes Bild: Die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki, die sich aus bürgerlichen Revolutionären in bürgerliche Konterrevolutionäre verwandelt hatten, halfen der Entente, das neue Rußland, Sowjetrußland, zu würgen, während die Partei der Bolschewiki, die alles Lebendige und Revolutionäre um sich sammelte, immer neue und neue Scharen von Arbeitern und Bauern zum Kampf für das sozialistische Vaterland, zum Kampf gegen die Entente mobilisierte.

Es ist durchaus natürlich, dass der Sieg der Kommunisten in dieser Periode zur vollständigen Niederlage der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki führen musste und auch wirklich geführt hat. Ist es da verwunderlich, wenn die Kommunistische Partei nach alledem zur einzigen Partei der Arbeiterklasse und der armen Bauernschaft geworden ist?

So ist bei uns das Monopol der Kommunistischen Partei als der einzig legalen Partei im Lande entstanden.

Sie sprechen von dem Meinungskampf unter den Arbeitern und Bauern jetzt, unter den Verhältnissen der proletarischen Diktatur. Ich habe bereits gesagt, dass es einen Meinungskampf gibt und geben wird, dass ohne ihn eine Vorwärtsbewegung unmöglich ist. Aber der Meinungskampf unter den Arbeitern geht bei den jetzigen Verhältnissen nicht um die prinzipielle Frage des Sturzes der Sowjetordnung, sondern um die praktischen Fragen der Verbesserung der Sowjets, der Berichtigung der Fehler der Sowjetorgane - also um die Festigung der Sowjetmacht. Es ist ganz klar, dass ein solcher Meinungskampf die Kommunistische Partei nur stärken und vervollkommnen kann. Es ist ganz klar, dass ein solcher Meinungskampf das Monopol der Kommunistischen Partei nur stärken kann. Es ist ganz klar, dass ein solcher Meinungskampf keinen Nährboden abgeben kann für die Bildung anderer Parteien im Schoße der Arbeiterklasse und der werktätigen Bauernschaft.

Fünfte Frage.

Können Sie uns kurz die Hauptdifferenzen zwischen Ihnen und Trotzki darlegen?

Antwort. Ich muss vor allem sagen, dass die Differenzen mit Trotzki keine persönlichen Differenzen sind. Trügen diese Differenzen einen persönlichen Charakter, so würde sich die Partei damit keine einzige Stunde befassen, denn sie duldet es nicht, dass einzelne Personen sich in den Vordergrund drängen.

Es handelt sich offenbar um Meinungsverschiedenheiten in der Partei. So fasse ich diese Frage auf. Ja, diese Meinungsverschiedenheiten bestehen in der Partei. Über den Charakter dieser Meinungsverschiedenheiten haben Rykow in Moskau und Bucharin in Lenin grad unlängst in ihren Referaten ziemlich ausführlich gesprochen. Diese Referate sind veröffentlicht worden. Zu dem, was in diesen Referaten über die Meinungsverschiedenheiten gesagt worden ist, habe ich nichts hinzuzufügen. Wenn Sie diese Dokumente nicht haben, so kann ich sie Ihnen besorgen.

(Die Delegation erklärt, dass sie diese Dokumente besitzt.)

Ein Delegierter. Man wird uns nach unserer Rückkehr über diese Meinungsverschiedenheiten fragen, aber wir besitzen nicht alle Dokumente. Wir besitzen zum Beispiel nicht die „Plattform der 83“.

Stalin. Ich habe diese „Plattform“ nicht unterschrieben. Ich habe kein Recht, über fremde Dokumente zu verfügen. (Heiterkeit.)

Sechste Frage.

In den kapitalistischen rändern liegt der Hauptantrieb für die Entwicklung der Produktion in der Hoffnung auf Erzielung von Profit. Dieser Antrieb fehlt, natürlich relativ, in der UdSSR. Wodurch wird er ersetzt, und inwieweit ist Ihrer Ansicht nach dieser Ersatz wirksam? Kann er beständig sein?

Antwort. Es ist richtig, dass die Haupttriebkraft der kapitalistischen Wirtschaft die Erzielung von Profit ist. Richtig ist auch, dass die Erzielung von Profit weder das Ziel noch die Triebkraft unserer sozialistischen Industrie ist. Was ist dann die Triebkraft unserer Industrie?

Vor allem der Umstand, dass die Fabriken und Werke bei uns dem gesamten Volk und nicht den Kapitalisten gehören, dass die Fabriken und Werke nicht von Sachwaltern der Kapitalisten, sondern von Vertretern der Arbeiterklasse geleitet werden. Das Bewusstsein, dass die Arbeiter nicht für den Kapitalisten, sondern für ihren eigenen Staat, für ihre eigene Klasse arbeiten - dieses Bewusstsein ist eine gewaltige Triebkraft für die Entwicklung und Vervollkommnung unserer Industrie.

Hervorzuheben ist, dass die gewaltige Mehrheit der Fabrikdirektoren bei uns aus Arbeitern besteht, die vom Obersten Volkswirtschaftsrat im Einvernehmen mit den Gewerkschaften ernannt werden, wobei kein einziger Direktor gegen den Willen der Arbeiter oder der betreffenden Gewerkschaften auf seinem Posten bleiben kann.

Ferner ist hervorzuheben, dass jedes Werk, jede Fabrik ein Betriebskomitee hat, das von den Arbeitern gewählt wird und die Tätigkeit der Betriebsleitung kontrolliert.

Schließlich ist hervorzuheben, dass in jedem Industriebetrieb Produktionsberatungen der Arbeiter stattfinden, an denen alle Arbeiter des betreffenden Betriebs teilnehmen und in denen die Arbeiter die gesamte Arbeit des Betriebsdirektors überprüfen, den Arbeitsplan der Betriebsleitung erörtern, die Fehler und Mängel aufzeigen und die Möglichkeit haben, diese Mängel durch die Gewerkschaften, durch die Partei, durch die Organe der Sowjetmacht abzustellen.

Es ist nicht schwer zu verstehen, dass alle diese Umstände sowohl die Stellung der Arbeiter als auch die ganze Betriebsordnung von Grund aus verändern. Ist für den Arbeiter im Kapitalismus die Fabrik nur fremdes Eigentum oder sogar Gefängnis, so sieht er unter dem Sowjetsystem in der Fabrik kein Gefängnis mehr, sondern etwas, was ihm nahe steht, was sein eigen ist, etwas, an dessen Entwicklung und Verbesserung er zutiefst interessiert ist.

Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass dieses neue Verhältnis der Arbeiter zum Werk, zum Betrieb, dieses Gefühl des Verwachsenseins der Arbeiter mit dem Betrieb eine gewaltige Triebkraft unserer ganzen Industrie ist.

Aus diesem Umstand ist die Tatsache zu erklären, dass die Zahl der Erfinder auf dem Gebiet der Produktionstechnik und der Organisatoren der Industrie, die aus den Reihen der Arbeiter kommen, von Tag zu Tag wächst.

Zweitens der Umstand, dass die Einkünfte aus der Industrie bei uns nicht zur Bereicherung einzelner Personen dienen, sondern zur weiteren Ausdehnung der Industrie, zur Verbesserung der materiellen und kulturellen Lage der Arbeiterklasse, zur Verbilligung der Industriewaren, die sowohl die Arbeiter als auch die Bauern brauchen, das heißt wiederum zur Verbesserung der materiellen Lage der werktätigen Massen verwendet werden.

Der Kapitalist kann seine Einkünfte nicht zur Hebung des Wohlstands der Arbeiterklasse verwenden. Er lebt für den Profit. Sonst wäre er kein Kapitalist. Er macht Profit, um zusätzliches Kapital zu erhalten und in weniger entwickelte Länder auszuführen mit dem Zweck, dort neue, noch größere Profite zu erzielen. So fließt Kapital aus Nordamerika nach China, nach Indonesien, nach Südamerika, nach Europa ab, aus Frankreich nach den französischen Kolonien, aus England nach den englischen Kolonien.

Bei uns ist die Sache anders, denn wir treiben keine Kolonialpolitik und erkennen sie auch nicht an. Bei uns bleiben die Einkünfte aus der Industrie im Lande und dienen zur weiteren Entfaltung der Industrie, zur Verbesserung der Lage der Arbeiter, zur Steigerung der Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes, darunter des bäuerlichen Marktes, durch Verbilligung der Industriewaren. Annähernd 10 Prozent des Gewinns der Industrie werden bei uns für die Verbesserung der Lebenshaltung der Arbeiterklasse verwendet. Die Versicherung der Arbeiterklasse auf Staatskosten macht bei uns, gemessen am Geldlohn der Arbeiter, 13 Prozent desselben aus. Ein bestimmter Teil der Einkünfte (ich kann im Moment nicht sagen, wieviel) wird für kulturelle Bedürfnisse, für die Berufsausbildung der Lehrlinge in den Fabriken und für den Urlaub der Arbeiter verwendet. Ein ziemlich bedeutender Teil dieser Einkünfte (ich kann im Moment wiederum nicht sagen, wieviel) wird für die Erhöhung des Geldlohnes der Arbeiter verwendet. Der übrige Teil der Einkünfte aus der Industrie wird für die weitere Entfaltung der Industrie, für die Renovierung der alten Werke, für die Errichtung neuer Werke, schließlich für die Verbilligung der Industriewaren verwendet.

Die gewaltige Bedeutung dieser Umstände für unsere ganze Industrie besteht darin,

a) dass sie die Annäherung der Landwirtschaft an die Industrie und die Ausgleichung der Gegensätze zwischen Stadt und Land erleichtern;

b) dass sie das Wachstum der Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes, des städtischen wie des ländlichen, fördern und dadurch eine ständig wachsende Basis für die weitere Entfaltung der Industrie schaffen.

Drittens der Umstand, dass die Nationalisierung der Industrie die planmäßige Leitung der gesamten Industriewirtschaft erleichtert.

Sind diese Antriebe und Triebkräfte unserer Industrie ständige Faktoren? Können sie ständig wirkende Faktoren sein? Ja, sie sind unbedingt ständig wirkende Antriebe und Triebkräfte. Und je mehr sich unsere Industrie entwickeln wird, desto mehr werden diese Faktoren an Kraft und Bedeutung gewinnen.

Siebente Frage.

Inwieweit kann die UdSSR mit der kapitalistischen Industrie der anderen Länder zusammenarbeiten?

Sind einer solchen Zusammenarbeit bestimmte Grenzen gesetzt, oder handelt es sich einfach um einen Versuch, festzustellen, auf welchem Gebiet eine Zusammenarbeit und was für eine Zusammenarbeit möglich ist und auf welchem Gebiet sie nicht möglich ist?

Antwort. Es handelt sich offenbar um zeitweilige Abkommen mit den kapitalistischen Staaten auf dem Gebiet der Industrie, auf dem Gebiet des Handels und vielleicht auf dem Gebiet der diplomatischen Beziehungen.

Ich glaube, dass das Bestehen zweier entgegengesetzter Systeme - des kapitalistischen Systems und des sozialistischen Systems - die Möglichkeit solcher Abkommen nicht ausschließt. Ich glaube, dass solche Abkommen unter den Verhältnissen einer friedlichen Entwicklung möglich und zweckmäßig sind.

Export und Import bilden die geeignetste Basis für solche Abkommen. Wir brauchen Betriebsausrüstungen, Rohstoffe (zum Beispiel Baumwolle), Halbfabrikate (der Metallindustrie u. a.), die Kapitalisten aber brauchen einen Absatzmarkt für diese Waren. Da haben Sie die Basis für ein Abkommen. Die Kapitalisten brauchen Erdöl, Holz, Getreide, wir aber brauchen einen Absatzmarkt für diese Waren. Da haben Sie die Basis für ein Abkommen. Wir brauchen Kredite, die Kapitalisten brauchen anständige Zinsen für diese Kredite. Da haben Sie eine weitere Basis für ein Abkommen, diesmal auf dem Gebiet des Kreditwesens, wobei bekannt ist, dass die Sowjetorgane die pünktlichsten Zahler in Kreditangelegenheiten sind.

Dasselbe gilt für das diplomatische Gebiet. Wir betreiben eine Politik des Friedens, und wir sind bereit, mit den bürgerlichen Staaten gegenseitige Nichtangriffspakte abzuschließen. Wir betreiben eine Politik des Friedens, und wir sind bereit, ein Abkommen über Abrüstung, bis zur völligen Beseitigung der stehenden Heere, zu schließen, was wir vor der ganzen Welt bereits auf der Konferenz in Genua38] erklärt haben. Da haben Sie die Basis für ein Abkommen auf diplomatischem Gebiet.

Die Grenzen solcher Abkommen? Die Grenzen werden gesetzt durch die Gegensätzlichkeit der zwei Systeme, die miteinander wetteifern, miteinander ringen. In dem durch diese beiden Systeme bedingten Rahmen, aber nur in diesem Rahmen, sind Abkommen durchaus möglich. Davon zeugt die Erfahrung der Abkommen mit Deutschland, mit Italien, mit Japan usw.

Sind diese Abkommen einfach ein Experiment, oder können sie einen mehr oder weniger dauerhaften Charakter haben? Das hängt nicht nur von uns, das hängt auch von unseren Kontrahenten ab. Das hängt von der allgemeinen Situation ab. Ein Krieg kann alle und jegliche Abkommen über den Haufen werfen. Das hängt schließlich von den Bedingungen des Abkommens ab. Knechtende Bedingungen können wir nicht annehmen. Wir haben ein Abkommen mit Harriman, der die Manganerzgruben in Georgien ausbeutet. Das Abkommen ist auf 20 Jahre geschlossen worden. Wie Sie sehen, ist das durchaus keine kurze Frist. Wir haben auch ein Abkommen mit der Lena-Goldfields-Gesellschaft, die in Sibirien Gold gewinnt. Das Abkommen ist auf 30 Jahre geschlossen worden - eine noch längere Frist. Schließlich besteht ein Abkommen mit Japan über die Ausbeutung von Erdölquellen und Kohlengruben auf Sachalin.

Wir würden wünschen, dass diese Abkommen einen mehr oder weniger dauerhaften Charakter tragen. Das hängt aber natürlich nicht nur von uns ab, sondern auch von unseren Kontrahenten.

Achte Frage.

Worin bestehen die Hauptunterschiede zwischen Rußland und den kapitalistischen Staaten in der Politik gegenüber den nationalen Minderheiten?

Antwort. Es handelt sich offenbar um die Nationalitäten der UdSSR, die früher durch den Zarismus und die russischen Ausbeuterklassen unterdrückt wurden und kein eigenes Staatswesen besaßen.

Der Hauptunterschied besteht darin, dass in den kapitalistischen Staaten nationale Unterdrückung und nationale Versklavung bestehen, während bei uns, in der UdSSR, sowohl das eine als auch das andere mit der Wurzel ausgerottet worden ist.

Dort, in den kapitalistischen Staaten, gibt es neben den Nationen erster Klasse, neben den privilegierten Nationen, den „staatsbildenden“ Nationen, Nationen zweiter Klasse, „nicht staatsbildende“ Nationen, nicht vollberechtigte Nationen, die der verschiedenen Rechte und vor allem der Staatsrechte beraubt sind. Bei uns, in der UdSSR, dagegen sind alle diese Attribute der nationalen Ungleichheit und der nationalen Unterdrückung vernichtet worden. Bei uns sind alle Nationen gleichberechtigt und souverän, denn die nationalen und staatlichen Privilegien der ehemals herrschenden großrussischen Nation sind beseitigt worden.

Es kommt natürlich nicht auf die Deklaration der Gleichberechtigung der Nationalitäten an. Deklarationen über nationale Gleichberechtigung sind bei allen möglichen bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien in nicht geringer Zahl zu finden. Welchen Wert haben Deklarationen, wenn sie nicht in die Tat umgesetzt werden? Es kommt darauf an, die Klassen zu beseitigen, die Träger, Schöpfer und Verfechter der nationalen Unterdrückung sind. Solche Klassen waren bei uns die Gutsbesitzer und die Kapitalisten. Wir haben diese Klassen gestürzt und damit die Möglichkeit der nationalen Unterdrückung beseitigt. Und gerade weil wir diese Klassen gestürzt haben, ist bei uns eine wirkliche nationale Gleichberechtigung möglich geworden.

Das eben nennen wir Verwirklichung der Idee der bis zur Lostrennung gehenden Selbstbestimmung der Nationen. Gerade weil wir die Selbstbestimmung der Nationen verwirklicht haben, gerade deshalb ist es uns gelungen, das gegenseitige Misstrauen der werktätigen Massen der verschiedenen Nationen der UdSSR auszumerzen und die Nationen auf der Grundlage der Freiwilligkeit zu einem Bundesstaat zusammenzuschließen.

Die jetzt bestehende Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ist das Ergebnis unserer nationalen Politik und der Ausdruck der freiwilligen Föderierung der Nationen der UdSSR zu einem Bundesstaat.

Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass eine solche Politik in der nationalen Frage in den kapitalistischen Ländern undenkbar ist, denn dort stehen immer noch die Kapitalisten an der Macht, die die Schöpfer und Verfechter der Politik der nationalen Unterdrückung sind.

Es muss zum Beispiel die Tatsache vermerkt werden, dass an der Spitze des höchsten Machtorgans in der UdSSR, des Zentralexekutivkomitees der Sowjets, nicht unbedingt ein russischer Vorsitzender steht, sondern sechs Vorsitzende, entsprechend der Zahl der sechs Unionsrepubliken, die sich zur UdSSR zusammengeschlossen haben. Davon ist einer ein Russe (Kalinin), der zweite ein Ukrainer (Petrowski), der dritte ein Bjelorusse (Tscherwjakow), der vierte ein Aserbaidshaner (Mussabekow), der fünfte ein Turkmene (Aitakow), der sechste ein Usbeke (Faisullah Chodshajew). Das ist eine der Tatsachen, die unsere nationale Politik klar zum Ausdruck bringt. Es braucht nicht erst betont zu werden, dass keine einzige bürgerliche Republik - und mag sie noch so demokratisch sein - sich zu einem solchen Schritt entschließen würde. Für uns indessen ist dieser Schritt eine selbstverständliche Tatsache, die sich aus unserer gesamten Politik der nationalen Gleichberechtigung ergibt.

Neunte Frage.

Die amerikanischen Arbeiterführer suchen ihren Kampf gegen die Kommunisten mit zwei gründen zu rechtfertigen:

1. Die Kommunisten richten die Arbeiterbewegung durch ihren Fraktionskampf innerhalb der Gewerkschaften und durch ihre Angriffe gegen die nichtradikalen Gewerkschaftsfunktionäre zugrunde,

2. die amerikanischen Kommunisten erhalten Anweisungen aus Moskau und können daher keine guten Gewerkschaftler sein, weil ihre Loyalität gegenüber einer ausländischen Organisation größer ist als ihre Loyalität gegenüber der eigenen Gewerkschaft.

Wie kann diese Schwierigkeit beseitigt und wie kann erreicht werden, dass die amerikanischen Kommunisten mit den anderen Zellen der amerikanischen Arbeiterbewegung zusammenarbeiten können?

Antwort. Ich glaube, dass die Versuche der amerikanischen Arbeiterführer, ihren Kampf gegen die Kommunisten zu rechtfertigen, keiner Kritik standhalten. Noch niemand hat bewiesen und niemand wird beweisen, dass die Kommunisten die Arbeiterbewegung zugrunde richten. Dafür aber muss als durchaus erwiesen gelten, dass die Kommunisten in der ganzen Welt, darunter auch in Amerika, die ergebensten und kühnsten Kämpfer der Arbeiterbewegung sind.

Ist es etwa nicht Tatsache, dass die Kommunisten während der Streiks und Demonstrationen der Arbeiter in den ersten Reihen der Arbeiterklasse marschieren und die ersten Schläge der Kapitalisten auffangen, wohingegen sich die reformistischen Arbeiterführer währenddessen in den Hinterhöfen der Kapitalisten verstecken? Wie sollen da die Kommunisten die Feigheit und die reaktionäre Einstellung der reformistischen Arbeiterführer nicht kritisieren? Ist es etwa nicht klar, dass eine solche Kritik die Arbeiterbewegung nur beleben und stärken kann?

Allerdings richtet eine solche Kritik die Autorität der reaktionären Arbeiterführer zugrunde. Was ist aber daran Besonderes? Mögen die reaktionären Arbeiterführer mit einer Gegenkritik antworten, nicht aber damit, dass sie die Kommunisten aus den Gewerkschaften hinauswerfen.

Ich glaube, die Arbeiterbewegung Amerikas kann, wenn sie leben und sich weiterentwickeln will, nicht ohne Kampf der Meinungen und Strömungen innerhalb der Gewerkschaften auskommen. Ich glaube, der Kampf der Meinungen und Strömungen innerhalb der Gewerkschaften, die Kritik an den reaktionären Führern usw. werden sich immer mehr verstärken, wie sehr sich auch die reformistischen Arbeiterführer dem entgegenstemmen mögen. Die Arbeiterklasse Amerikas aber braucht unbedingt einen solchen Meinungskampf und eine solche Kritik, um zwischen den verschiedenen Strömungen die Wahl treffen und sich schließlich als selbständige organisierte Kraft innerhalb der amerikanischen Gesellschaft konstituieren zu können.

Wenn sich die amerikanischen reformistischen Führer über die Kommunisten beschweren, so beweist das nur, dass sie von der Gerechtigkeit ihrer Sache nicht überzeugt sind, dass sie sich nicht sicher fühlen. Eben deswegen fürchten sie die Kritik wie die Pest. Es ist bemerkenswert, dass die amerikanischen Arbeiterführer, wie man sieht, entschiedenere Gegner der elementaren Demokratie sind als viele Bourgeois in demselben Amerika.

Völlig falsch ist die Behauptung, die amerikanischen Kommunisten arbeiteten „auf Anweisung aus Moskau“. Sie werden in der Welt keine Kommunisten finden, die bereit wären, „auf Anweisungen“ von außen, gegen ihre Überzeugung, gegen ihren Willen, gegen das Gebot der Situation zu handeln. Ja selbst wenn es irgendwo solche Kommunisten gäbe, so wären sie keinen Groschen wert.

Die Kommunisten sind die mutigsten und kühnsten Menschen, sie führen den Kampf gegen eine Unzahl von Feinden. Die Kommunisten sind unter anderem gerade deswegen so hochzuschätzen, weil sie es verstehen, für ihre Überzeugung einzutreten. Daher mutet es seltsam an, wenn von den amerikanischen Kommunisten als von Leuten gesprochen wird, die keine eigene Überzeugung haben und nur „auf Anweisung“ von außen zu handeln imstande sind.

An der Behauptung der Arbeiterführer ist nur eins richtig, nämlich, dass die amerikanischen Kommunisten der internationalen Organisation der Kommunisten angehören und sich von Zeit zu Zeit mit der Zentrale dieser Organisation über diese oder jene Fragen beraten. Was ist denn Übles dabei? Sind etwa die amerikanischen Arbeiterführer gegen die Organisierung eines internationalen Arbeiterzentrums? Zwar gehören sie der Amsterdamer Internationale[39] nicht an. Aber sie gehören ihr nicht deswegen nicht an, weil sie gegen ein internationales Arbeiterzentrum sind, sondern weil sie Amsterdam für eine zu linke Organisation halten. (Heiterkeit.)

Warum können die Kapitalisten sich im internationalen Maßstab organisieren, während die Arbeiterklasse oder ein Teil der Arbeiterklasse keine eigene internationale Organisation haben soll?

Ist es nicht klar, dass Green und seine Freunde aus der Amerikanischen Arbeitsföderation[40] die amerikanischen Kommunisten verleumden, wenn sie die Legenden der Kapitalisten über „Anweisungen aus Moskau“ sklavisch wiederholen?

Es gibt Leute, die meinen, dass die Mitglieder der Kommunistischen Internationale in Moskau nichts weiter tun als in einem fort Direktiven für alle Länder schreiben. Da der Komintern mehr als 60 Länder angeschlossen sind, so können Sie sich die Lage der Mitglieder der Komintern vorstellen, die weder schlafen noch essen, sondern nichts weiter tun als in einem fort, Tag und Nacht Direktiven für diese Länder schreiben. (Heiterkeit.) Und mit dieser lächerlichen Legende glauben die amerikanischen Arbeiterführer ihre Angst vor den Kommunisten verbergen und die Tatsache vertuschen zu können, dass die Kommunisten die kühnsten und ergebensten Führer der Arbeiterklasse Amerikas sind!

Die Delegation fragt, wo der Ausweg aus dieser Situation liege. Ich glaube, es gibt hier nur einen Ausweg: den Kampf der Meinungen und Strömungen innerhalb der Gewerkschaften Amerikas zuzulassen, mit der reaktionären Politik des Hinauswerfens der Kommunisten aus den Gewerkschaften Schluss zu machen und der Arbeiterklasse Amerikas die Möglichkeit zu geben, eine freie Wahl zwischen diesen Strömungen zu treffen, denn Amerika hat noch nicht seine Oktoberrevolution gehabt, und die Arbeiter haben dort noch keine Möglichkeit gehabt, eine endgültige Wahl zwischen den verschiedenen Strömungen in den Gewerkschaften zu treffen.

Zehnte Frage.

Werden gegenwärtig zur Unterstützung der amerikanischen Kommunistischen Partei oder der kommunistischen Zeitung „Daily Worker“ Gelder nach Amerika geschickt?

Wenn das nicht der Fall ist, wie hoch sind die jährlichen Mitgliedsbeiträge, die die amerikanischen Kommunisten an die III. Internationale abführen?

Antwort. Wenn es sich um die Beziehungen zwischen der Kommunistischen Partei Amerikas und der III. Internationale handelt, so muss ich sagen, dass die Kommunistische Partei Amerikas als Teil der Kommunistischen Internationale an die Komintern offenbar ebenso Mitgliedsbeiträge abführt, wie die Komintern als Zentrum der internationalen kommunistischen Bewegung - das muss man annehmen - die Kommunistische Partei Amerikas nach Kräften unterstützt, wenn sie es für notwendig hält. Ich glaube, dass hieran nichts Merkwürdiges, nichts Außergewöhnliches ist.

Wenn es sich aber um die Beziehungen zwischen der Kommunistischen Partei Amerikas und der Kommunistischen Partei der UdSSR handelt, so muss ich erklären, dass ich keinen einzigen Fall kenne, wo Vertreter der amerikanischen Kommunistischen Partei sich um Unterstützung an die Kommunistische Partei der UdSSR gewandt hätten. Das mag Ihnen seltsam erscheinen, ist aber eine Tatsache, die von allzu großer Feinfühligkeit der amerikanischen Kommunisten zeugt.

Was würde aber geschehen, wenn die Kommunistische Partei Amerikas sich um Unterstützung an die Kommunistische Partei der UdSSR wendete? Ich glaube, dass die Kommunistische Partei der UdSSR ihr nach Kräften helfen würde. In der Tat, was wäre eine kommunistische Partei, die dazu noch an der Macht steht, wert, wenn sie nicht der kommunistischen Partei eines anderen Landes, die sich unter dem Joch des Kapitalismus befindet, nach Kräften helfen wollte? Ich möchte sagen, dass eine solche kommunistische Partei keinen Groschen wert wäre.

Nehmen wir an, die amerikanische Arbeiterklasse sei an die Macht gekommen und habe ihre Bourgeoisie gestürzt; nehmen wir an, die Arbeiterklasse eines anderen Landes wende sich an die Arbeiterklasse Amerikas, die im großen Kampfe gegen den Kapitalismus gesiegt hat, mit der Bitte, sie nach Kräften materiell zu unterstützen - könnte dann die amerikanische Arbeiterklasse eine solche Unterstützung verweigern? Ich glaube, sie würde sich mit Schande bedecken, wenn sie mit der Unterstützung zögerte.

Elfte Frage.

Wir wissen, dass manche guten Kommunisten nicht ganz einverstanden sind mit der Forderung der Kommunistischen Partei, dass alle neu aufgenommenen Mitglieder Atheisten sein müssen, denn gegenwärtig ist die reaktionäre Geistlichkeit niedergeworfen. Könnte nicht die Kommunistische Partei in Zukunft einer Religion neutral gegenüber stehen, die die Wissenschaft in ihrer Gesamtheit unterstützen und sich dem Kommunismus nicht entgegenstellen würde?

Könnte man bei Ihnen nicht in Zukunft den Parteimitgliedern erlauben, religiöse Überzeugungen zu haben, wenn diese nicht im Widerspruch zur Loyalität gegenüber der Partei stünden?

Antwort. In dieser Frage sind einige Ungenauigkeiten enthalten.

Erstens kenne ich solche „guten Kommunisten“ nicht, von denen die Delegation hier spricht. Solche Kommunisten dürfte es auf der Welt wohl überhaupt nicht geben.

Zweitens muss ich erklären, dass es, formal gesprochen, bei uns keine Bedingungen für die Aufnahme in die Partei gibt, die von dem Kandidaten beim Eintritt in die Partei unbedingten Atheismus forderten. Unsere Bedingungen für die Aufnahme in die Partei sind: Anerkennung des Programms und des Statuts der Partei, unbedingte Unterordnung unter die Beschlüsse der Partei und ihrer Organe, Mitgliedsbeiträge, Zugehörigkeit zu einer der Organisationen der Partei.

Ein Delegierter. Ich lese sehr oft, dass Ausschlüsse aus der Partei stattfinden, weil die Betreffenden an Gott glauben.

Stalin. Ich kann nur wiederholen, was ich über die Bedingungen für die Aufnahme in die Partei bereits gesagt habe. Andere Bedingungen haben wir nicht.

Heißt das, dass die Partei der Religion neutral gegenübersteht? Nein, das heißt es nicht. Wir entfalten Propaganda gegen die religiösen Vorurteile und werden sie auch weiterhin entfalten. Die Gesetzgebung unseres Landes ist derart, dass jeder Bürger das Recht hat, sich zu jeder beliebigen Religion zu bekennen. Das ist für jeden eine Sache des Gewissens. Gerade deswegen haben wir auch die Trennung der Kirche vom Staat durchgeführt. Aber zugleich mit der Trennung der Kirche vom Staat und der Verkündung der Freiheit des Glaubensbekenntnisses haben wir jedem Bürger das Recht zuerkannt, durch Überzeugung, durch Propaganda und Agitation gegen diese oder jene Religion und gegen die Religion überhaupt zu kämpfen. Die Partei kann der Religion nicht neutral gegenüberstehen, und sie entfaltet eine antireligiöse Propaganda gegen alle und jedwede religiösen Vorurteile, weil sie für die Wissenschaft ist, die religiösen Vorurteile aber gegen die Wissenschaft gerichtet sind, denn jede Religion steht im Gegensatz zur Wissenschaft. Solche Fälle wie in Amerika, wo unlängst Darwinisten verurteilt wurden[41] sind bei uns unmöglich, weil die Partei eine Politik der allseitigen Förderung der Wissenschaft betreibt.

Die Partei kann religiösen Vorurteilen nicht neutral gegenüberstehen und wird gegen diese Vorurteile Propaganda entfalten, weil das eins der sicheren Mittel zur Untergrabung des Einflusses der reaktionären Geistlichkeit ist, die die Ausbeuterklassen unterstützt und Unterwerfung unter diese Klassen predigt.

Die Partei kann den Trägern religiöser Vorurteile, der reaktionären Geistlichkeit, die das Bewusstsein der werktätigen Massen vergiftet, nicht neutral gegenüberstehen.

Haben wir die reaktionäre Geistlichkeit niedergeworfen? Ja, wir haben sie niedergeworfen. Schlimm ist nur, dass sie noch nicht völlig liquidiert ist. Die antireligiöse Propaganda ist das Mittel, mit dem die Liquidierung der reaktionären Geistlichkeit zu Ende geführt werden soll. Es gibt Fälle, wo hie und da ein Parteimitglied mitunter eine allseitige Entfaltung der antireligiösen Propaganda behindert. Wenn man solche Parteimitglieder ausschließt, so ist das sehr gut, denn für solche „Kommunisten“ gibt es keinen Platz in den Reihen unserer Partei.

Zwölfte Frage.

Können Sie uns in aller Kürze eine Charakteristik der zukünftigen Gesellschaft geben, die der Kommunismus zu schaffen versucht?

Antwort. Eine allgemeine Charakteristik der kommunistischen Gesellschaft haben Marx, Engels und Lenin in ihren Werken gegeben.

Will man in aller Kürze die Anatomie der kommunistischen Gesellschaft skizzieren, so wird das eine Gesellschaft sein: a) in der es kein Privateigentum an Produktionsinstrumenten und -mitteln, sondern nur gesellschaftliches, kollektives Eigentum an ihnen geben wird; b) in der es keine Klassen und keine Staatsmacht, sondern Schaffende der Industrie und der Landwirtschaft geben wird, die sich als eine freie Assoziation der Werktätigen wirtschaftlich selbst verwalten werden; c) in der die Volkswirtschaft, nach einem Plan organisiert, auf der höchstentwickelten Technik sowohl in der Industrie als auch in der Landwirtschaft basieren wird; d) in der es keinen Gegensatz zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Landwirtschaft geben wird; e) in der man die Produkte nach dem Prinzip der alten französischen Kommunisten verteilen wird: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“; f) in der Wissenschaft und Kunst sich unter so günstigen Verhältnissen entwickeln werden, dass sie zur vollen Blüte gelangen werden; g) in der die Persönlichkeit, befreit von der Sorge um das Stück Brot und von der Notwendigkeit, sich an die „Mächtigen dieser Welt“ anzupassen, wirklich frei sein wird.

Und so weiter und so fort.

Es ist klar, dass wir von einer solchen Gesellschaft noch weit entfernt sind.

Was die internationalen Voraussetzungen anbelangt, die für den vollen Triumph der kommunistischen Gesellschaft notwendig sind, so werden sie sich in dem Maße ergeben und mehren, wie die revolutionären Krisen und die revolutionären Aktionen der Arbeiterklasse in den kapitalistischen Ländern anwachsen werden.

Man darf sich die Sache nicht so vorstellen, dass die Arbeiterklasse eines Landes oder einiger Länder zum Sozialismus oder gar zum Kommunismus schreiten wird, die Kapitalisten der anderen Länder aber das gleichgültig mit ansehen und mit verschränkten Armen dasitzen werden. Und erst recht darf man sich nicht vorstellen, dass sich die Arbeiterklasse in den kapitalistischen Ländern bereit finden wird, bloßer Zuschauer der siegreichen Entwicklung des Sozialismus in diesem oder jenem Lande zu sein. In Wirklichkeit werden die Kapitalisten alles tun, was in ihren Kräften steht, um solche Länder zu erdrosseln. In Wirklichkeit wird jeder ernste Schritt in diesem oder jenem Lande zum Sozialismus und um so mehr zum Kommunismus hin unvermeidlich von einem unbändigen Drang der Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder zur Eroberung der Macht und zur Erkämpfung des Sozialismus in diesen Ländern begleitet sein.

Auf diese Weise werden sich im Laufe der weiteren Entwicklung der internationalen Revolution und der internationalen Reaktion zwei Zentren im Weltmaßstab herausbilden: ein sozialistisches Zentrum, das eine Anziehungskraft auf die Länder ausübt, die zum Sozialismus tendieren, und ein kapitalistisches Zentrum, das eine Anziehungskraft auf die Länder ausübt, die zum Kapitalismus tendieren. Der Kampf dieser beiden Lager wird das Schicksal des Kapitalismus und des Sozialismus in der ganzen Welt entscheiden.

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