"Stalin"

Werke

Band 10

UNTERREDUNG MIT DER ERSTEN
AMERIKANISCHEN ARBEITERDELEGATION

II
FRAGEN DES GENOSSEN STALIN
UND ANTWORTEN DER DELEGIERTEN

Stalin. Wenn die Delegation nicht zu sehr ermüdet ist, so möchte ich bitten, mir zu gestatten, ihr meinerseits einige Fragen zu stellen. (Die Delegation drückt ihr Einverständnis aus.)

Erste Frage.

Wodurch erklärt sich der geringe Prozentsatz der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter in Amerika?

Bei Ihnen gibt es, glaube ich, ungefähr 17 Millionen Industriearbeiter. (Die Delegierten geben die Auskunft, dass es in Amerika 18 bis 19 Millionen Industriearbeiter gibt.) Organisiert sind, glaube ich, ungefähr 3 Millionen. (Die Delegierten geben die Auskunft, dass in der Amerikanischen Arbeitsföderation annähernd 3 Millionen Arbeiter organisiert sind und dass außerdem in anderen Verbänden eine halbe Million Arbeiter organisiert sind, so dass es also insgesamt 3,5 Millionen organisierter Arbeiter gibt.) Ich persönlich bin der Auffassung, dass das ein sehr geringer Prozentsatz gewerkschaftlich organisierter Arbeiter ist. Bei uns in der UdSSR sind 90 Prozent aller Proletarier des Landes gewerkschaftlich organisiert. Ich möchte die Delegation fragen, ob sie diese Tatsache der relativ geringen gewerkschaftlichen Organisiertheit der Arbeiter für eine positive Tatsache hält. Glaubt die Delegation nicht, dass diese Tatsache von der Schwäche des amerikanischen Proletariats zeugt, von der Schwäche seiner Kampfmittel, die es gegen die Kapitalisten auf wirtschaftlichem Gebiet anwendet?

Brophy. Die geringe Mitgliederzahl der Gewerkschaften ist nicht dadurch zu erklären, dass die von den Gewerkschaftsorganisationen angewandte Taktik etwa nicht die richtige wäre, sondern durch die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande, die nicht die ganze Masse der Arbeiter zur Organisierung drängen und die, eben weil sie, diese wirtschaftlichen Verhältnisse, günstig sind, die Notwendigkeit des Kampfes der Arbeiterklasse gegen die Kapitalisten einengen. Diese Verhältnisse werden sich natürlich ändern, und parallel mit der Änderung dieser Verhältnisse werden die Gewerkschaften wachsen, und die gesamte Gewerkschaftsbewegung wird einen anderen Weg einschlagen.

Douglas. Ich bin mit der Erklärung, die der Vorredner gegeben hat, einverstanden. Ich möchte noch hinzufügen, dass man erstens berücksichtigen muss, dass der Arbeitslohn in den Vereinigten Staaten in der letzten Zeit von den Kapitalisten selbst sehr stark erhöht wird. Dieser Prozess der Erhöhung des Arbeitslohnes war im Jahre 1917, im Jahre 1919 und später zu beobachten. Wenn man den heutigen Reallohn mit dem Lohn von 1911 vergleicht, so stellt sich heraus, dass er bedeutend höher ist.

Die Gewerkschaftsbewegung gliederte sich im Prozess ihrer Entwicklung anfangs nach Branchen, nach Berufen und gliedert sich auch jetzt noch so, und die Gewerkschaften wurden vorwiegend für qualifizierte Arbeiter geschaffen. An der Spitze dieser Verbände standen bestimmte Führer, die eine in sich abgekapselte Organisation repräsentierten und für ihre Mitglieder gute Bedingungen durchzusetzen versuchten. Sie hatten keine Beweggründe, den Rahmen der Gewerkschaftsverbände zu er-weitern und unqualifizierte Arbeiter in den Gewerkschaften aufzunehmen.

Außerdem muss die amerikanische Gewerkschaftsbewegung mit einem sehr gut organisierten Kapitalismus rechnen, der über alle Mittel verfügt, um der gewerkschaftlichen Organisierung aller Arbeiter entgegenzuwirken. Wenn zum Beispiel ein vertrusteter Produktionszweig in einem seiner Betriebe auf zu starken Widerstand der Gewerkschaft stößt, so geht er sogar so weit, dass er diesen Betrieb schließt und die Arbeit in einen anderen seiner Betriebe verlegt. Auf diese Weise wird der Widerstand der Gewerkschaft gebrochen.

Der amerikanische Kapitalismus erhöht von sich aus den Arbeitslohn der Arbeiter, räumt ihnen aber dabei keinerlei wirtschaftliche Macht ein, gibt ihnen keine Möglichkeit, für die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage zu kämpfen.

Ferner ist ein sehr wichtiger Umstand in Amerika, dass die Kapitalisten zwischen den Arbeitern verschiedener Nationalitäten Zwietracht säen. In den meisten Fällen sind die unqualifizierten Arbeiter aus Europa eingewanderte Arbeiter oder, in der letzten Zeit, Neger. Die Kapitalisten sind bestrebt, Zwietracht zwischen den Arbeitern verschiedener Nationalitäten zu säen. Diese Teilung nach Nationalitäten geht auch nach dem Merkmal qualifizierter und unqualifizierter Arbeit vor sich. Die Kapitalisten züchten systematisch einen Antagonismus zwischen den Arbeitern der verschiedenen Nationalitäten, unabhängig von der Qualifiziertheit ihrer Arbeit.

In den letzten 10 Jahren treibt der amerikanische Kapitalismus eine aufgeklärtere Politik in der Hinsicht, dass er seine eigenen Gewerkschaften schafft, die so genannten Company Unions. Er zieht die Arbeiter zur Arbeit ihres Betriebs heran, interessiert die Arbeiter am Profit dieses Betriebs usw. Der amerikanische Kapitalismus hat die Tendenz, die horizontale Teilung durch eine vertikale Teilung zu ersetzen, das heißt, die Arbeiterklasse zu spalten, sie für die Interessen des Kapitalismus zu gewinnen und zu interessieren.

Coyle. Ich will die Frage nicht vom Standpunkt der Theorie, sondern vom Standpunkt der Praxis betrachten. Zwar kann man die Arbeiter in guten Zeiten am leichtesten organisieren, aber die Sache ist die, dass die Statistik der Bewegung der Mitgliederzahl der Amerikanischen Arbeitsföderation zeigt, dass die Amerikanische Arbeitsföderation die unqualifizierten Arbeiter allmählich verliert und die Mitgliederzahl an qualifizierten Arbeitern erhöht. Die Amerikanische Arbeitsföderation will also eine Organisation sein und wird allmählich eine Organisation, die hauptsächlich qualifizierte Arbeiter in ihren Reihen hat.

Die Gewerkschaftsbewegung in Amerika erfasst die unqualifizierten Arbeiter fast gar nicht. Die großen Industriezweige werden von den Gewerkschaften nicht erfasst. Von diesen großen Industriezweigen sind nur die Arbeiter des Kohlenbergbaus und der Eisenbahn bis zu einem gewissen Grade organisiert, aber auch im Kohlenbergbau haben wir 65 Prozent nicht organisierter Arbeiter. Die Arbeiter solcher Industriezweige, wie Stahl-, Kautschuk- und Automobilindustrie, sind gewerkschaftlich fast überhaupt nicht organisiert. Man kann sagen, dass die Gewerkschaften die unqualifizierten Arbeiter nicht erfassen.

Es gibt eine Reihe nicht zur Amerikanischen Arbeitsföderation gehörender Gewerkschaftsorganisationen, die die unqualifizierten und wenig qualifizierten Arbeiter zu organisieren suchen. Was den Standpunkt der Führer der Amerikanischen Arbeitsföderation betrifft, so hat zum Beispiel einer ihrer Führer, der Vorsitzende des Metallarbeiterverbands, ganz offen erklärt, dass er in seinem Verband keine unqualifizierten Arbeiter haben will. Mit den Gewerkschaftsführern steht es so, dass sich eine Kaste von Führern herausgebildet hat, bestehend aus einigen Dutzend Leuten, die gewaltige Gehälter beziehen - jährlich 10000 Dollar und mehr - eine Kaste, in die einzudringen außerordentlich schwer ist.

Dunn. Die Frage des Genossen Stalin ist nicht gerecht gestellt, denn wenn in seinem Lande 90 Prozent aller Arbeiter gewerkschaftlich organisiert sind, so gehört hier die Macht der Arbeiterklasse, während in den kapitalistischen Ländern die Arbeiter die unterdrückte Klasse sind und die Bourgeoisie alle Maßnahmen ergreift, um es den Arbeitern unmöglich zu machen, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Außerdem bestehen dort reaktionäre Gewerkschaften mit reaktionären Führern an der Spitze. Unter den Verhältnissen, die wir in Amerika haben, ist es sehr schwer, die Arbeiter selbst für die Idee der gewerkschaftlichen Organisierung einzunehmen. Das ist die Ursache dafür, dass in Amerika die Gewerkschaften so wenig verbreitet sind.

Stalin. Ist der letzte Redner mit dem Vorredner darin einverstanden, dass gewisse Führer der Arbeiterbewegung Amerikas selbst bestrebt sind, die Gewerkschaftsbewegung einzuengen?

Dunn. Ja, ich bin einverstanden.

Stalin. Ich wollte niemand verletzen. Ich wollte mir nur den Unterschied in der Lage der Dinge in Amerika und in der UdSSR klarmachen. Wenn ich jemand verletzt habe, so bitte ich um Entschuldigung. (Heiterkeit bei den Delegierten.)

Dunn. Ich fühle mich keineswegs verletzt.

Stalin. Gibt es in Amerika ein System der staatlichen Versicherung der Arbeiter?

Ein Delegierter. Ein staatliches Versicherungssystem der Arbeiter gibt es in Amerika nicht.

Coyle. In der Mehrzahl der Staaten wird bei Unglücksfällen, die sich im Produktionsprozess ereignen, eine Entschädigung von maximal 30 Prozent des Verlustes der Arbeitsfähigkeit ausgezahlt. Das ist in der Mehrzahl der Staaten der Fall. Die Bezahlung erfolgt durch die privaten Firmen, in deren Betrieben die Arbeitsfähigkeit eingebüßt wurde, aber das Gesetz fordert eine solche Bezahlung.

Stalin. Gibt es eine staatliche Arbeitslosenversicherung in Amerika?

Ein Delegierter. Nein. Der Fonds, der für die Arbeitslosenversicherung geschaffen wird, mag in allen Staaten zusammen für 80000 bis 100000 Arbeitslose ausreichen.

Coyle. Eine Versicherung (nichtstaatlichen Charakters) gibt es gegen Unglücksfälle in der Industrie, das heißt gegen Unglücksfälle, die sich im Produktionsprozess ereignen. Aber für Invalidität infolge von Krankheit oder Alter gibt es überhaupt keine Versicherung. Der Versicherungsfonds setzt sich aus Beiträgen der Arbeiter zusammen. Im Grunde genommen läuft die Sache darauf hinaus, dass die gesamte Summe des Versicherungsfonds von den Arbeitern selbst bezahlt wird, denn die Arbeiter würden, wenn sie diesen Fonds nicht bildeten, einen höheren Betrag bekommen, da aber dieser Fonds auf Grund eines Übereinkommens zwischen den Arbeitern und den Unternehmern gebildet wird, so bekommen die Arbeiter einen kleineren Betrag. Daraus setzt sich fast die ganze Summe des Fonds zusammen. Die Unternehmer tragen faktisch einen ganz geringen Teil zu diesem Fonds bei, ungefähr 10 Prozent.

Stalin. Ich glaube, dass es die Genossen interessieren wird, wenn ich mitteile, dass bei uns in der UdSSR für die Versicherung der Arbeiter auf Staatskosten mehr als 800 Millionen Rubel jährlich aufgewandt werden.

Es dürfte wohl auch nicht überflüssig sein, Ihnen mitzuteilen, dass die Arbeiter bei uns in allen Industriezweigen außer dem üblichen Geldlohn zusätzlich noch ungefähr ein Drittel des Arbeitslohnes für Versicherungen, für Verbesserung der Lebenshaltung, für kulturelle Bedürfnisse usw. erhalten.

Zweite Frage.

Wodurch ist es zu erklären, dass es in den Vereinigten Staaten von Nordamerika keine spezielle .Massenpartei der Arbeiter gibt?

Die Bourgeoisie in Amerika hat ganze zwei politische Parteien: die republikanische und die demokratische, die amerikanischen Arbeiter aber haben keine eigene politische Massenpartei. Sind die Genossen nicht der Ansicht, dass das Fehlen einer eigenen Massenpartei der Arbeiter, und sei es auch nur einer solchen wie in England (Labour Party), die Kraft der Arbeiterklasse in ihrem politischen Kampf gegen die Kapitalisten schwächt?

Und noch eine weitere Frage: Warum sprechen sich die Führer der Arbeiterbewegung in Amerika, Green und andere, entschieden gegen die Schaffung einer selbständigen Arbeiterpartei in Amerika aus?

Brophy. Ja, die Führer haben einen Beschluss gefasst, dass keine Notwendigkeit bestehe, eine solche Partei zu schaffen. Es gibt aber eine Minderheit, die die Meinung vertritt, dass die Schaffung einer solchen Partei notwendig ist. Jetzt sind in Amerika die objektiven Bedingungen so, dass, wie bereits gesagt wurde, die Gewerkschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten sehr schwach ist, die Schwäche der Gewerkschaftsbewegung wiederum erklärt sich daraus, dass die Arbeiterklasse zunächst kein Bedürfnis hat, sich zu organisieren und den Kampf gegen die Kapitalisten zu führen, weil die Kapitalisten selbst den Lohn der Arbeiter erhöhen und ihnen eine befriedigende materielle Lage sichern.

Stalin. Sichergestellt werden doch vor allem die qualifizierten Arbeiter, wenn überhaupt jemand sichergestellt wird. Hier ist irgendein Widerspruch. Einerseits heißt es, dass keine Notwendigkeit besteht, sich zu organisieren, da die Arbeiter sichergestellt sind; anderseits wird gesagt, dass gerade die am meisten sichergestellten Arbeiter, das heißt die qualifizierten Arbeiter, gewerkschaftlich organisiert sind; drittens heißt es, dass gerade die nicht sichergestellten, das heißt die unqualifizierten Arbeiter, für die es am notwendigsten ist, sich zu organisieren, gewerkschaftlich nicht organisiert sind. Das kann ich keineswegs verstehen.

Brophy. Ja, hier ist ein Widerspruch vorhanden, aber genauso widerspruchsvoll ist die amerikanische Wirklichkeit in politischer und ökonomischer Hinsicht.

Brebner. Wenngleich die unqualifizierten Arbeiter gewerkschaftlich nicht organisiert sind, so haben sie doch politisches Stimmrecht. Wenn also Momente der Unzufriedenheit bestehen, so bringen die unqualifizierten Arbeiter diese Momente durch Ausnutzung ihres politischen Stimmrechts zum Ausdruck. Anderseits nehmen die Arbeiter, die in den Gewerkschaften organisiert sind, wenn sie eine besonders schwere Zeit durchmachen, ihre Zuflucht nicht zur Gewerkschaft, sondern zu ihrem politischen Stimmrecht. Auf diese Weise ist das politische Stimmrecht eine Kompensation für das Fehlen der gewerkschaftlichen Organisiertheit.

Israels. Eine der Hauptschwierigkeiten liegt in dem System selbst, in dem Wahlsystem der Vereinigten Staaten. Bei den Präsidentenwahlen wird dort nicht der Kandidat gewählt, der die Mehrheit der Stimmen des ganzen Landes oder auch nur die Mehrheit der Stimmen einer bestimmten Klasse erhält. In jedem Staat gibt es dort Wahlkollegien, jeder Staat hat eine bestimmte Stimmenzahl, durch die er an den Präsidentenwahlen teilnimmt. Um als Präsident gewählt zu werden, muss man 51 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen. Wenn 3-4 Parteien bestünden, so würde das dazu führen, dass niemand gewählt würde und die Wahlen in den Kongress verlegt werden müssten. Das ist ein Argument gegen die Schaffung einer dritten Partei. Die Gegner der Schaffung einer dritten Partei argumentieren folgendermaßen: Stellt keinen dritten Kandidaten auf, denn dadurch würdet ihr die Stimmenzahl der liberalen Partei zersplittern und die Wahl des Kandidaten der liberalen Partei unmöglich machen.

Stalin. Der Senator La Follette gründete aber doch seinerzeit eine dritte bürgerliche Partei. Demnach kann eine dritte Partei die Stimmen nicht zersplittern, wenn sie eine bürgerliche Partei ist, sie kann aber die Stimmen zersplittern, wenn sie eine Arbeiterpartei ist.

Davis. Ich halte die Tatsache, auf die der Vorredner hingewiesen hat, nicht für eine fundamentale Tatsache. Meines Erachtens ist die wichtigste Tatsache die folgende. Als Beispiel nehme ich die Stadt, in der ich wohne. Während der Wahlkampagne kommt der Vertreter der und der Partei und verschafft dem Leiter der Gewerkschaftsorganisation irgendeinen verantwortlichen Posten, im Zusammenhang mit der Wahlkampagne übergibt er dem Leiter der Gewerkschaftsorganisation bestimmte Mittel, die er für seine Zwecke verwenden kann, dann erlangt dieser auf Grund des Postens, den er bekommt, ein bestimmtes Prestige. Es ergibt sich also eine Situation, wo die Führer der Gewerkschaftsbewegung selbst Anhänger entweder der einen oder der anderen bürgerlichen Partei sind. Daher ist es nur natürlich, dass diese Führer der Gewerkschaftsbewegung, wenn man von der Schaffung einer dritten Partei, einer Arbeiterpartei, zu sprechen beginnt, nichts für die Schaffung einer solchen Partei tun wollen. Dabei berufen sie sich darauf, dass die Schaffung einer dritten Partei eine Spaltung in den Gewerkschaften hervorrufen werde.

Douglas. Die Tatsache, dass nur qualifizierte Arbeiter gewerkschaftlich organisiert sind, erklärt sich hauptsächlich daraus, dass jeder, der sich gewerkschaftlich organisieren will, einen bestimmten Fonds und eine bestimmte Existenzgrundlage haben muss, da die Mitgliedsbeiträge sehr hoch sind und die unqualifizierten Arbeiter keine Möglichkeit haben, den hohen Eintrittsbeitrag zu bezahlen.

Außerdem sind die unqualifizierten Arbeiter ständig in Gefahr, dass sie, wenn sie sich zu organisieren versuchen, vom Unternehmer auf die Straße gesetzt werden. Die unqualifizierten Arbeiter können sich nur bei tatkräftiger Unterstützung durch die qualifizierten Arbeiter organisieren. Diese Unterstützung haben sie in den meisten Fällen nicht. Eben dieser Umstand ist eins der Haupthindernisse für die gewerkschaftliche Organisierung der unqualifizierten Arbeiter.

Ihre Rechte verteidigen die Arbeitermassen hauptsächlich dadurch, dass sie diese Rechte auf der politischen Linie verteidigen. Darin sehe ich auch die Hauptursache für das Fehlen einer Organisation der unqualifizierten Arbeiter.

Ich muss auf eine Besonderheit des amerikanischen Wahlsystems hinweisen, auf die direkten Wahlen, wo jedermann in die Wahlversammlung gehen und sich als Demokrat oder als Republikaner erklären und seine Stimme abgeben kann. Ich bin überzeugt, dass es Gompers nicht vermocht hätte, zu erreichen, dass sich die Arbeiter mit einem unpolitischen Programm begnügen, wenn er nicht dieses Argument der direkten Stimmabgabe gehabt hätte. Er sagte den Arbeitern stets, dass sie, wenn sie sich politisch betätigen wollen, in die bestehenden zwei politischen Parteien eintreten und dort diesen oder jenen Posten erlangen können, dass sie sich dort Autorität erwerben können. Mit Hilfe dieses Arguments gelang es Gompers, die Arbeiter von der Idee der Organisation der Arbeiterklasse und der Schaffung einer Arbeiterpartei abzuhalten.

Dritte Frage.

Wodurch ist es zu erklären, dass die Führer der Amerikanischen Arbeitsföderation in der Frage der Anerkennung der UdSSR reaktionärer sind als viele Bourgeois?

Wodurch ist es zu erklären, dass solche Bourgeois, wie Herr Borah und andere, sich für die Anerkennung der UdSSR aussprechen, während die Führer der Arbeiterbewegung Amerikas von Gompers bis Green die reaktionärste Propaganda gegen die Anerkennung der ersten Arbeiterrepublik, gegen die Anerkennung der UdSSR, trieben und nach wie vor treiben?

Wodurch ist es zu erklären, dass sogar ein solcher Reaktionär, wie der ehemalige amerikanische Präsident Woodrow Wilson, es für möglich befand, Sowjetrußland „zu begrüßen“, während Green und andere Führer der Amerikanischen Arbeitsföderation reaktionärer sein wollen als die Kapitalisten?

Hier ist der Wortlaut der „Begrüßung“ Woodrow Wilsons, die er im März 1918 während der Offensive der Truppen des deutschen Kaisers gegen das sowjetische Petrograd an den Sowjetkongress Rußlands richtete:

„Ich nehme die Tagung des Sowjetkongresses zum Anlass und möchte im Namen der Völker der Vereinigten Staaten dem russischen Volk meine aufrichtige Sympathie ausdrücken, besonders jetzt, da Deutschland seine Streitkräfte in die Tiefe des Landes vorrücken lässt, um seinen Kampf für die Freiheit zu vereiteln, alle seine Errungenschaften zu vernichten, die deutschen Pläne zu verwirklichen und das russische Volk zu versklaven. Obwohl die Regierung der Vereinigten Staaten gegenwärtig zu ihrem Leidwesen nicht imstande ist, Rußland die unmittelbare Unterstützung zu erweisen, die sie ihm zu erweisen wünscht, möchte ich dem russischen Volk durch den gegenwärtigen Kongress versichern, dass die Regierung der Vereinigten Staaten alle Möglichkeiten ausnutzen wird, um Rußland von neuem die volle Souveränität und die volle Unabhängigkeit in seinen inneren Angelegenheiten und die völlige Wiederherstellung seiner großen Rolle im Leben Europas und der zeitgenössischen Menschheit zu gewährleisten. Das Volk der Vereinigten Staaten bringt dem Bestreben des russischen Volkes, sich für immer von der Selbstherrschaft zu befreien und seine Geschicke in die eigene Hand zu nehmen, von ganzem Herzen Sympathie entgegen.“ (Siehe „Prawda“ Nr. 50 vom 16. März 1918.)

Kann man es für normal halten, dass die Führer der Amerikanischen Arbeitsföderation reaktionärer sein wollen als der reaktionäre Wilson?

Brophy. Ich kann die Ursachen nicht genau erklären, aber ich bin der Auffassung, dass die Führer der Amerikanischen Arbeitsföderation aus denselben Gründen, aus denen die Amerikanische Arbeitsföderation nicht der Amsterdamer Internationale angehört, auf dem Standpunkt der Nichtanerkennung Sowjetrußlands stehen. Der Unterschied besteht in einer besonderen Philosophie der amerikanischen Arbeiter; ferner handelt es sich um den ökonomischen Unterschied, der zwischen den amerikanischen und den europäischen Arbeitern besteht.

Stalin. Aber die Führer der Amerikanischen Arbeitsföderation haben, soweit mir bekannt ist, gegen die Anerkennung Italiens oder Polens, wo die Faschisten herrschen, nichts einzuwenden.

Brophy. Durch Ihren Hinweis auf das Beispiel Polens und Italiens, wo faschistische Regierungen bestehen, erklären Sie zugleich die Ursache für die Nichtanerkennung der UdSSR durch Amerika. Dieses gehässige Verhalten zur UdSSR erklärt sich aus dem Ärger, den die Führer der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung mit ihren eigenen Kommunisten haben.

Dunn. Der Grund, den der Vorredner angeführt hat, dass sie nämlich die UdSSR nicht anerkennen können, weil ihnen ihre eigenen Kommunisten zu schaffen machen, ist nicht stichhaltig, denn die Agitation gegen die Anerkennung der UdSSR haben sie bereits vor der Organisierung der amerikanischen Kommunistischen Partei getrieben.

Der Hauptgrund besteht darin, dass die Führer der Amerikanischen Arbeitsföderation gegen alles sind, was irgendwie nach Sozialismus aussieht. Auch in dieser Hinsicht unterliegen sie dem Einfluss der Kapitalisten, die ihre so genannte „Nationale Bürgerassoziation“ haben, eine Organisation, die sich mit allen Mitteln bemüht, in der gesamten amerikanischen Gesellschaft gegen jede Art von Sozialismus Stimmung zu machen. Diese Organisation trat gegen den Standpunkt Ivy Lees auf, der sich für die Entwicklung der Handelsbeziehungen zwischen Amerika und der UdSSR einsetzte. Die Führer dieser Organisation erklärten: Wie können wir innerhalb unserer Arbeiterklasse Ordnung halten, wenn die Liberalen solche Reden zu führen beginnen? Die „Nationale Bürgerassoziation“ ist die Organisation einer Gruppe von Kapitalisten, die eine große Summe Geldes in diese Organisation hineingesteckt haben und sie leiten. Es muss festgestellt werden, dass der stellvertretende Vorsitzende der Amerikanischen Arbeitsföderation, Matthew Woll, Vizepräsident dieser reaktionären Assoziation ist.

Brophy. Die Ursachen für die reaktionäre Gesinnung der Gewerkschaftsführer, die angeführt wurden, sind nicht die grundlegenden Ursachen. Dieser Frage muss man tiefer auf den Grund gehen. Die Tatsache, dass eine amerikanische Delegation in der UdSSR weilt, ist die beste Antwort und ein Beweis für die Sympathie, die ein Teil der amerikanischen Arbeiter der Sowjetunion entgegenbringt. Ich glaube, die Meinung, die die Führer der Amerikanischen Arbeitsföderation über die UdSSR haben, unterscheidet sich nicht von der Meinung der Mehrheit der Arbeiterklasse Amerikas. Der Standpunkt der Mehrheit der Arbeiterklasse gegenüber der UdSSR erklärt sich aus der großen Entfernung von der UdSSR. Die Arbeiterklasse Amerikas ist nicht an allen internationalen Fragen interessiert, der Einfluss der Bourgeoisie auf die Arbeiterklasse Amerikas aber macht sich in der Frage ihrer Stellung zur UdSSR stark geltend.

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