"Stalin"

Werke

Band 10

An Genossin M. J. Uljanowa

ANTWORT AN GENOSSEN L. MICHELSON

Dieser Tage erhielt ich von Ihnen die Kopie eines Briefes des Genossen Michelson über die nationale Frage. Ich antworte mit ein paar Worten.

1. Die burjatischen Genossen haben mich gefragt: „Wie soll man sich den Übergang von den nationalen Kulturen, die sich bei uns in den einzelnen autonomen Republiken entwickeln, zu der einheitlichen allgemein-menschlichen Kultur vorstellen?“ (Siehe Stalin, „Fragen des Lenin ismus“, S. 259[42].) Ich habe ihnen geantwortet, dass man sich diesen Übergang nicht so vorstellen darf, dass „in der Periode des Sozialismus eine allgemeinmenschliche Einheitssprache geschaffen werden wird und alle anderen Sprachen absterben werden“[43], sondern so, dass die ihrem Inhalt nach proletarische, allgemeinmenschliche Kultur zum Gemeingut der Nationalitäten wird in Formen, die der Sprache und Lebensweise dieser Nationalitäten entsprechen. (Siehe „Fragen des Lenin ismus“.) Zur Erläuterung führte ich eine Reihe von Tatsachen aus der Entwicklung unserer Revolution an, die zum Erwachen und Erstarken der früher zurückgedrängten Nationalitäten und ihrer Kultur geführt hat. Darum ging der Streit.

Genosse Michelson hat das Wesen des Streits nicht begriffen.

2. Genosse Michelson beanstandet meine Worte „in der Periode des Sozialismus“ (siehe oben) sowie meine Behauptung, dass der Prozess der Assimilierung einiger Nationalitäten nicht gleichbedeutend ist mit der Abschaffung der Nationen überhaupt, und behauptet, dass einige Formulierungen Stalins Anlass geben könnten, sie im Sinne einer „Revision des Lenin ismus“ in der nationalen Frage auszulegen. Dabei führt er die Worte Lenin s an, das „das Ziel des Sozialismus nicht nur Beseitigung der Zersplitterung der Menschheit in kleine Staaten und jeder Absonderung der Nationen, nicht nur Annäherung der Nationen, sondern auch ihre Verschmelzung ist“[44]

Ich glaube erstens, dass Genosse Michelson die Fragestellung im Brief der burjatischen Genossen nicht beachtet, die Stalin in seiner Rede an der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens keineswegs unbeachtet lassen konnte. Bei den Burjaten war die Rede eben vom Übergang von den nationalen Kulturen zur allgemeinmenschlichen Kultur, wobei die burjatischen Genossen offenbar dachten, dass es zuerst nationale Kulturen geben werde und dann eine allgemeinmenschliche. Stalin widersprach dem in seiner Antwort und sagte, dass dieser Übergang nicht in der Weise vor sich gehen wird, wie das die Burjaten annehmen, sondern in der Weise, dass sich bei den Nationalitäten der UdSSR sowohl die (der Form nach) nationale Kultur als auch die (dem Inhalt nach) allgemeinmenschliche Kultur gleichzeitig entwickeln werden, dass nur, wenn dieser Übergang in dieser Weise erfolgt, die allgemeinmenschliche Kultur zum Gemeingut der Nationalitäten werden kann. (Siehe „Fragen des Lenin ismus“.)

Ich glaube ferner, dass Genosse Michelson den Sinn meiner Antwort nicht begriffen hat. Als ich über die „Periode des Sozialismus“ bei uns sprach, meinte ich nicht den „End“sieg des Sozialismus, der nur im internationalen Maßstab eintreten kann, wenn der Sozialismus in allen Ländern oder in einigen der wichtigsten Länder gesiegt hat, sondern die Periode des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande. Das erhellt aus der ganzen Fragestellung in meiner Rede an der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens. Kann man behaupten, dass in der Periode des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande („Periode des Sozialismus“), das heißt vor dem Siege des Sozialismus in den anderen Ländern, die Nationen bei uns unbedingt verschwinden und zu einer gemeinsamen Nation mit einer gemeinsamen Sprache verschmelzen werden? Ich bin der Meinung, dass man das nicht kann. Mehr noch, sogar nach dem Siege der Diktatur des Proletariats im Weltmaßstab, sogar danach werden noch lange nationale und staatliche Unterschiede bestehen.

Lenin hatte völlig Recht, als er sagte, dass „nationale und staatliche Unterschiede zwischen den Völkern und Ländern ... sich noch sehr, sehr lange sogar nach der Verwirklichung der Diktatur des Proletariats im Weltmaßstab erhalten werden“. (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 72 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 736].)

Wie soll man dann das von Genossen Michelson angeführte Lenin -Zitat verstehen, dass das Ziel des Sozialismus letzten Endes die Verschmelzung der Nationen ist? Ich glaube, dass es nicht so verstanden werden darf, wie es Genosse Michelson versteht. Denn aus dem Obengesagten ist ersichtlich, dass Lenin in diesem Zitat die Verschmelzung der Nationen als Endaufgabe des Sozialismus meinte, die als Ergebnis des Sieges des Sozialismus in allen Ländern, nach Ablauf einer „sehr, sehr langen“ Zeitspanne „nach der Verwirklichung der Diktatur des Proletariats im Weltmaßstab“ verwirklicht wird.

Es zeigt sich, dass Genosse Michelson Lenin nicht verstanden hat.

3. Mir scheint, dass Stalins „Formulierungen“ keiner „Präzisierung“ bedürfen. Ich warte mit Ungeduld darauf, dass die Opposition es riskiert, auf dem Parteitag in offener Polemik etwas über die prinzipielle Seite der nationalen Frage zu sagen. Ich fürchte, sie wird es nicht riskieren, denn nach dem misslungenen Auftreten Sinowjews auf dem Plenum des ZK und der ZKK hat es die Opposition vorgezogen, die Frage der nationalen Kultur in ihrer jüngsten „Plattform“ mit völligem Stillschweigen zu übergehen. Aber sollten die Oppositionellen es wider Erwarten dennoch riskieren - umso besser für die Partei, denn die Partei wird dabei nur gewinnen.

J. Stalin

16. September 1927.

Zum erstenmal veröffentlicht.

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