"Stalin"

Werke

Band 10

DIE POLITISCHE PHYSIOGNOMIE
DER RUSSISCHEN OPPOSITION

Aus der Rede in der gemeinsamen Sitzung des Präsidiums des EKKI
und der Internationalen Kontrollkommission

27. September 1927

Genossen! Die Redner haben hier so gut und so ausführlich gesprochen, dass mir nur wenig zu sagen bleibt.

Ich habe nicht die ganze Rede Wujowitschs gehört, da ich mich nicht im Saale befand und so nur noch den Schluss seiner Rede hörte. Diesem Schluss habe ich entnommen, dass er die KPdSU(B) des Opportunismus beschuldigt, sich selbst aber für einen Bolschewik hält und sich anmaßt, die KPdSU(B) den Lenin ismus zu lehren.

Was soll man dazu sagen? Bei uns in der Partei gibt es leider eine gewisse Anzahl von Leuten, die sich Bolschewiki nennen, in Wirklichkeit aber mit dem Lenin ismus nichts gemein haben. Ich bin der Meinung, dass zu diesen Leuten auch Wujowitsch gehört. Wenn solche Leute sich anmaßen, die KPdSU(B) den Lenin ismus zu lehren, ist leicht zu begreifen, was dabei herauskommen kann. Ich bin der Meinung, dass Wujowitschs Kritik keine Antwort wert ist.

Mir fällt da eine kleine Geschichte ein, die den deutschen Dichter Heine betrifft. Lassen Sie mich Ihnen diese Geschichte erzählen. Unter den verschiedenen Kritikern, die in der Presse gegen Heine auftraten, war ein ewig erfolgloser und recht unbegabter Literaturkritiker namens Auffenberg. Die hervorstechende Eigenschaft dieses Schriftstellers war, dass er unermüdlich „kritisierte“ und Heine mit seiner Kritik in der Presse in unverschämter Weise verfolgte. Heine hielt es offenbar nicht für nötig, auf diese „Kritik“ zu reagieren, und schwieg beharrlich. Das setzte Heines Freunde in Erstaunen, und sie fragten ihn in einem Brief, wie das denn zu verstehen sei: Der Schriftsteller Auffenberg schreibt eine Menge kritischer Artikel gegen Heine, Heine aber hält es nicht für nötig zu antworten. Heine sah sich nunmehr genötigt zu antworten. Was gab er nun auf das Schreiben seiner Freunde zur Antwort? Heine antwortete in der Presse mit ein paar Worten: Einen Schriftsteller „Auffenberg hab ich nicht gelesen - ich denke: er ist ungefähr wie Arlincourt, den ich auch nicht gelesen habe“.

Die russischen Bolschewiki könnten, Heines Worte abwandelnd, über Wujowitschs kritische Exerzitien sagen: „Einen Bolschewik Wujowitsch kennen wir nicht - wir denken: er ist ungefähr wie Ali-Baba, den wir auch nicht kennen.“

Über Trotzki und die Opposition. Das hauptsächliche Missgeschick der Opposition besteht darin, dass sie die Dinge, über die sie hier schwatzt, nicht versteht. Trotzki sprach in seiner Rede über die Politik in China. Aber er will nicht zugeben, dass es bei der Opposition in der chinesischen Frage keinerlei Linie, keinerlei Politik gab. Was es gab, war ein Geschaukel, ein Auf-der-Stelle-Treten, ein ständiges Hin und Her von einem Extrem zum andern, aber irgendeine Linie gab es bei der Opposition nicht. Unsere Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich Chinas drehten sich um drei Fragen: um die Frage der Teilnahme der Kommunisten an der Kuomintang, um die Frage der Sowjets und um die Frage des Charakters der chinesischen Revolution. In all diesen Fragen erwies sich die Opposition als bankrott, denn sie hatte keinerlei Linie.

Die Frage der Teilnahme an der Kuomintang. Im April 1926, das heißt einen Monat nach dem VI. EKKI-Plenum, das einen Beschluss für die Teilnahme der Kommunisten an der Kuomintang annahm, forderte die Opposition den sofortigen .Austritt der Kommunisten aus der Kuomintang. Warum? Weil die Opposition, erschreckt durch den ersten Vorstoß Tschiang Kai-scheks (März 1926), im Grunde genommen verlangte, dass man sich Tschiang Kai-schek anpassen solle, weil sie die Kommunisten aus dem Spiel der revolutionären Kräfte in China auszuschalten gedachte.

Formell begründete die Opposition ihre Forderung nach Austritt aus der Kuomintang jedoch damit, dass die Kommunisten nicht an bürgerlich-revolutionären Organisationen teilnehmen können, als welche die Kuomintang betrachtet werden muss. Aber ein Jahr danach, im April 1927, forderte die Opposition schon die Teilnahme der Kommunisten an der Wuhaner Kuomintang. Warum? Mit welcher Begründung? Hatte die Kuomintang im Jahre 1927 etwa aufgehört, eine bürgerliche Organisation zu sein? Wo ist denn hier eine Linie oder auch nur die Spur einer Linie?

Die Frage der Sowjets. Auch hier hatte die Opposition keine bestimmte Linie. Ein Teil der Opposition forderte im April 1927 die sofortige Organisierung von Sowjets in China zum Sturz der Wuhaner Kuomintang (Trotzki). Gleichzeitig forderte ein anderer Teil der Opposition ebenfalls die sofortige Organisierung von Sowjets, aber nun nicht zum Sturz der Wuhaner Kuomintang, sondern zu deren Unterstützung (Sinowjew). Das nennt sich bei ihnen Linie! Dabei verlangten beide Teile der Opposition, sowohl Trotzki als auch Sinowjew, gleichzeitig mit der Forderung nach Organisierung von Sowjets, die Teilnahme der Kommunisten an der Kuomintang, die Teilnahme der Kommunisten an der regierenden Partei. Das verstehe, wer kann! Sowjets bilden und gleichzeitig die Teilnahme der Kommunisten an der regierenden Partei, das heißt an der Kuomintang, fordern, das ist eine Dummheit, die nicht ein jeder fertig bringt. Und das nennt sich Linie!

Die Frage des Charakters der chinesischen Revolution. Die Komintern war und ist weiterhin der Ansicht, dass die Grundlage der Revolution in China in der gegenwärtigen Periode die Agrarrevolution der Bauern ist. Aber welches ist die Meinung der Opposition hierüber? Sie hatte hierüber überhaupt niemals eine bestimmte Meinung. Bald behauptete sie, dass es in China keine Agrarrevolution geben könne, da es dort überhaupt keinen Feudalismus gäbe; bald erklärte sie, dass in China eine Agrarrevolution möglich und notwendig sei, obwohl sie den feudalen Überresten in China keine ernste Bedeutung beimaß, wobei unbegreiflich war, wie es denn in einem solchen Fall zu einer Agrarrevolution kommen konnte; bald behauptete sie, dass die Hauptsache in der chinesischen Revolution nicht die Agrarrevolution, sondern eine Revolution für die Zollautonomie sei. Das verstehe, wer kann!

So sieht die so genannte „Linie“ der Opposition in den strittigen Fragen der chinesischen Revolution aus.

Das ist keine Linie, sondern ein Auf-der-Stelle-Treten, Wirrwarr, völliges Fehlen einer Linie.

Und diese Leute maßen sich an, die Lenin istischen Positionen der Komintern zu kritisieren! Ist das nicht lächerlich, Genossen?

Trotzki sprach hier über die revolutionäre Bewegung in Kuangtung, über die Truppen Ho-Lungs und Yeh-Tings, und beschuldigte uns, dass wir hier angeblich eine neue Kuomintang zur Führung dieser Bewegung schaffen. Ich werde diese Erfindung, die sich Trotzki aus den Fingern gesogen hat, nicht widerlegen. Ich will lediglich erklären, dass diese ganze Sache der revolutionären Bewegung im Süden, der Ausmarsch der Truppen Yeh-Tings und Ho-Lungs aus Wuhan, ihr Vorrücken nach Kuangtung, ihre Vereinigung mit der revolutionären Bauernbewegung usw. - ich will sagen, dass diese ganze Sache auf Initiative der chinesischen Kommunistischen Partei begonnen wurde. Weiß Trotzki das? Er muss es wissen, wenn er überhaupt irgendetwas weiß.

Wer wird diese Bewegung führen, wenn diese Bewegung Erfolge zeitigt, wenn ein neuer Aufschwung der Revolution in China Wirklichkeit wird? Natürlich Sowjets. Wenn früher, in der Blütezeit der Kuomintang, keine günstigen Bedingungen für die sofortige Bildung von Sowjets vorhanden waren, so können und werden die Sowjets jetzt - nachdem sich die Kuomintangleute durch ihre Verbindung mit der Konterrevolution kompromittiert und diskreditiert haben -, bei einem Erfolg der Bewegung, in der Tat zu der Hauptkraft werden, die die Arbeiter und Bauern Chinas um sich schart. Wer aber wird die Sowjets führen? Natürlich die Kommunisten. Aber die Kommunisten würden, wenn noch einmal eine revolutionäre Kuomintang auf dem Schauplatz erschiene, an der Kuomintang schon nicht mehr teilnehmen. Nur Ignoranten können das Bestehen von Sowjets mit der Möglichkeit der Teilnahme der Kommunisten an der Kuomintangpartei für vereinbar halten. Diese beiden unvereinbaren Dinge miteinander vereinbaren wollen heißt Wesen und Bestimmung der Sowjets nicht begreifen.

Das gleiche ist zur Frage des Englisch-Russischen Komitees zu sagen. Hier haben wir dasselbe Schwanken und dasselbe Fehlen einer Linie bei der Opposition. Anfangs war die Opposition von dem Englisch-Russischen Komitee begeistert. Sie behauptete sogar, das Englisch-Russische Komitee sei ein Mittel, „um den Reformismus in Europa unschädlich zu machen“ (Sinowjew), wobei sie offenbar vergaß, dass die englische Hälfte des Englisch-Russischen Komitees gerade aus Reformisten besteht.

Später, als die Opposition endlich merkte, dass Purcell und seine Freunde Reformisten sind, verwandelte sich ihre Begeisterung in Enttäuschung, ja geradezu in Verzweiflung, und sie forderte den sofortigen Bruch als Mittel, um den Generalrat zu stürzen, ohne zu begreifen, dass der Generalrat nicht von Moskau aus gestürzt werden kann. Eine Dummheit nach der anderen - darin zeigte sich die so genannte „Linie“ der Opposition in der Frage des Englisch-Russischen Komitees.

Trotzki ist nicht fähig zu begreifen, dass, wenn die Sache bis zum Bruch gediehen ist, die Hauptfrage nicht der Bruch an und für sich ist, sondern die Frage, über die es zum Bruch kommt, die Idee, die durch den Bruch demonstriert wird. Welche Idee wird durch den bereits vollzogenen Bruch demonstriert? Die Idee der Kriegsgefahr, die Idee der Notwendigkeit des Kampfes gegen die Kriegsgefahr. Wer kann leugnen, dass eben diese Idee jetzt in ganz Europa die grundlegende Frage unserer Zeit ist? Daraus aber folgt, dass man den Arbeitermassen eben in dieser wichtigsten Frage den Verrat des Generalrats greifbar vor Augen führen musste, was von uns auch getan wurde. Die Tatsache, dass sich der Generalrat genötigt sah, in einem Augenblick, da ein neuer Krieg drohte, die Initiative zu ergreifen und das Odium des Bruchs auf sich zu nehmen - diese Tatsache entlarvt in den Augen der Arbeitermassen besser als alles andere die verräterische und sozialimperialistische „Natur“ des Generalrats in der grundlegenden Frage, der Frage des Krieges. Aber die Opposition behauptet, es wäre besser gewesen, wenn wir die Initiative ergriffen und das Odium des Bruchs auf uns genommen hätten!

Und das nennt sich bei ihnen Linie! Und diese Wirrköpfe maßen sich an, die Lenin istischen Positionen der Komintern zu kritisieren! Ist das nicht lächerlich, Genossen?

Noch schlimmer sieht es bei der Opposition in der Frage unserer Partei, in der Frage der KPdSU(B), aus. Trotzki begreift nicht, was unsere Partei ist. Er hat keine richtige Vorstellung von unserer Partei. Er blickt auf unsere Partei herab, ganz so, wie ein Adliger auf den Pöbel oder wie ein Bürokrat auf Untergebene herabblickt. Sonst würde er nicht behaupten, dass in einer Millionenpartei, in der KPdSU(B), einzelne Personen, einzelne Führer die Macht „an sich reißen“, die Macht „usurpieren“ könnten. Die Macht „an sich reißen“ in einer Millionenpartei, die drei Revolutionen vollbracht hat und jetzt die Grundfesten des Weltimperialismus erschüttert - bis zu einer solchen Dummheit hat sich Trotzki verstiegen!

Kann man überhaupt in einer an revolutionären Traditionen reichen Millionenpartei die Macht „an sich reißen“? Warum ist es dann Trotzki nicht gelungen, die Macht in der Partei „an sich zu reißen“, sich in der Partei an die Führung zu drängen? Woraus ist das zu erklären? Hat Trotzki etwa nicht den Willen, den Wunsch, an die Führung zu kommen? Ist es etwa nicht Tatsache, dass Trotzki nun schon über zwei Jahrzehnte gegen die Bolschewiki kämpft, um in der Partei an die Führung zu kommen? Warum ist es ihm nicht gelungen, die Macht in der Partei „an sich zu reißen“? Ist er etwa ein weniger großer Redner als die jetzigen Führer unserer Partei? Wäre es nicht richtiger zu sagen, dass Trotzki als Redner höher steht als viele der jetzigen Führer unserer Partei? Woraus ist es dann zu erklären, dass Trotzki trotz seiner Redekunst, trotz seines Willens zur Führung, trotz seiner Fähigkeiten aus der Führung der großen Partei, die den Namen KPdSU(B) trägt, beiseite geschleudert wurde? Trotzki möchte das gern damit erklären, dass unsere Partei seiner Meinung nach Stimmvieh ist, das blindlings hinter dem ZK der Partei herläuft. Aber so können nur Leute über unsere Partei sprechen, die sie verachten und sie für Pöbel halten. Die Partei so, als Stimmvieh, kann nur ein heruntergekommener Parteiaristokrat betrachten. Das zeugt davon, dass Trotzki das Gefühl der Parteiverbundenheit verloren hat, .dass er die Fähigkeit verloren hat, die wirklichen Gründe für das Misstrauen der Partei gegen die Opposition zu erkennen.

Und in der Tat, woraus ist es zu erklären, dass die KPdSU(B) der Opposition ihr völliges Misstrauen zum Ausdruck bringt? Es erklärt sich daraus, dass die Opposition die Absicht hat, den Lenin ismus durch den Trotzkismus zu ersetzen, den Lenin ismus durch den Trotzkismus zu ergänzen, den Lenin ismus durch den Trotzkismus zu „verbessern“. Nun, die Partei aber will dem Lenin ismus treu bleiben, trotz aller und jeglicher Machenschaften heruntergekommener Parteiaristokraten. Hier liegt die Ursache dafür, dass die Partei, die drei Revolutionen vollbracht hat, es für nötig hielt, sich von Trotzki und von der Opposition überhaupt abzuwenden.

Und die Partei wird in ähnlicher Weise mit allen „Leitern“ und „Führern“ verfahren, die beabsichtigen, den Lenin ismus durch den Trotzkismus oder durch irgendeine andere Art von Opportunismus zu verfälschen.

Wenn Trotzki unsere Partei als Stimmvieh hinstellt, so gibt er damit seiner Verachtung gegenüber den Mitgliedermassen der KPdSU(B) Ausdruck. Kann es da wundernehmen, wenn die Partei das ihrerseits mit Verachtung und mit dem Ausdruck völligen Misstrauens Trotzki gegenüber beantwortet?

Ebenso schlimm sieht es bei der Opposition in der Frage des Regimes in unserer Partei aus. Trotzki stellt die Sache so dar, als unterscheide sich das jetzige Regime in der Partei, das der gesamten Opposition zuwider ist, prinzipiell von dem Regime, das zu Lenin s Zeiten in der Partei eingeführt wurde. Er möchte die Sache so darstellen, als habe er gegen das von Lenin nach dem X. Parteitag eingeführte Regime nichts einzuwenden und als führe er den Kampf im Grunde genommen gegen das jetzige Regime in der Partei, das seiner Meinung nach mit dem von Lenin eingeführten Regime nichts gemein hat.

Ich behaupte, dass Trotzki hier direkt die Unwahrheit sagt.

Ich behaupte, dass das jetzige Regime in der Partei der genaue Ausdruck eben des Regimes ist, das zu Lenin s Zeiten, zur Zeit unseres X. und XI. Parteitags, in der Partei eingeführt wurde.

Ich behaupte, dass Trotzki das Lenin sche Regime in der Partei bekämpft, das zu Lenin s Zeiten und unter Lenin s Führung eingeführt wurde.

Ich behaupte, dass der Kampf der Trotzkisten gegen das Lenin sche Regime in der Partei schon zu Lenin s Zeiten begann, dass der heutige Kampf der Trotzkisten die Fortsetzung des Kampfes gegen das Regime in der Partei ist, den sie schon zu Lenin s Zeiten geführt haben.

Worin bestehen die Grundlagen dieses Regimes? Darin, dass bei Verwirklichung der innerparteilichen Demokratie und Zulassung sachlicher Kritik an Mängeln und Fehlern in der Partei zugleich keine wie immer geartete Fraktionsmacherei geduldet und jegliche Fraktionsmacherei bei Strafe des Parteiausschlusses ausgemerzt wird.

Wann wurde dieses Regime in der Partei eingeführt? Auf unserem X. und XI. Parteitag, das heißt zu Lenin s Zeiten.

Ich behaupte, dass Trotzki und die Opposition eben dieses Regime in der Partei bekämpfen.

Wir besitzen ein Dokument wie die „Erklärung der 46“, die von solchen Trotzkisten wie Pjatakow, Preobrashenski, Serebrjakow, Alski und anderen unterzeichnet ist, in der es direkt heißt, dass das in der Partei nach dem X. Parteitag eingeführte Regime sich überlebt habe und für die Partei unerträglich geworden sei.

Was verlangten diese Leute? Sie verlangten die Zulassung fraktioneller Gruppierungen in der Partei und die Aufhebung des entsprechenden Beschlusses des X. Parteitags. Das war im Jahre 1923. Ich erkläre, dass sich Trotzki durch seinen Kampf gegen das nach dem X. Parteitag in der Partei eingeführte Regime voll und ganz mit der Position der „46“ solidarisiert hat. Aus dieser Zeit datiert bereits der Kampf der Trotzkisten gegen das Lenin sche Regime in der Partei. (Trotzki: „Ich habe nicht über den X. Parteitag gesprochen. Das haben Sie sich ausgedacht.“) Es kann Trotzki nicht unbekannt sein, dass ich das dokumentarisch beweisen kann. Die entsprechenden Dokumente sind erhalten geblieben, ich werde sie an die Genossen verteilen, und dann wird es klar sein, wer von uns die Unwahrheit spricht.

(Anmerkung der Redaktion der „K.I.“. Am 3. Oktober überreichte Genosse Stalin dem Politsekretariat des EKKI als Anlage zum Protokoll der gemeinsamen Sitzung des Präsidiums des EKKI und der Internationalen Kontrollkommission die dokumentarischen Beweise, auf die er in seiner Rede verwies, und zwar:

1. Auszug aus der „Erklärung der 46“ (15. Oktober 1923), die von Pjatakow, Preobrashenski, Serebrjakow, Alski und anderen unterzeichnet ist, in der es heißt:

„Das innerhalb der Partei bestehende Regime ist völlig unerträglich. Es ertötet die Selbsttätigkeit der Partei und ersetzt die Partei durch einen zusammen geschobenen Beamtenapparat, der in normalen Zeiten reibungslos funktioniert, der aber in Krisenzeiten unvermeidlich ins Stocken gerät und angesichts der herannahenden ernsten Ereignisse völlig zu versagen droht. Die entstandene Lage ist dadurch zu erklären, dass sich das nach dem X. Parteitag entstandene Regime der fraktionellen Diktatur innerhalb der Partei objektiv überlebt hat.“

2. Auszug aus einer Erklärung Trotzkis an das ZK und an die ZKK (8. Oktober 1923), in der es heißt:

„Das Regime, das im Wesentlichen schon vor dem XII. Parteitag entstanden war, nach dem Parteitag aber endgültig gefestigt wurde und endgültige Form annahm, ist viel weiter von der Arbeiterdemokratie entfernt als das Regime in den härtesten Perioden des Kriegskommunismus.“

Zur Erläuterung dieser Auszüge muss gesagt werden, dass vor dem XII. Parteitag bei uns der XI. Parteitag (im Frühjahr 1922) und der X. Parteitag (im Frühjahr 1921) stattfanden, deren Arbeiten Lenin leitete und in deren Resolutionen eben das Regime in der Partei seine endgültige Form erhielt, gegen das sich sowohl die „Erklärung der 46“ (Trotzkisten) als auch die oben genannte Erklärung Trotzkis wenden.)

Ich behaupte, dass die Trotzkisten, die die „Erklärung der 46“ unterzeichnet haben, das Lenin sche Regime in der Partei schon zu Lenin s Zeiten bekämpften.

Ich behaupte, dass Trotzki diesen Kampf gegen das Lenin sche Regime die ganze Zeit über unterstützt, dass er die Opposition inspiriert und angetrieben hat.

Ich behaupte, dass der jetzige Kampf Trotzkis gegen das Regime in unserer Partei die Fortsetzung des anti Lenin istischen Kampfes ist, über den ich soeben gesprochen habe.

Die Frage der illegalen parteifeindlichen Druckerei der Trotzkisten. Trotzki hat seine schriftlich ausgearbeitete Rede so aufgebaut, dass er die illegale Druckerei nicht einmal richtig erwähnt hat, offenbar in der Annahme, er sei nicht verpflichtet, solche „Kleinigkeiten“ wie die illegale parteifeindliche Druckerei der Trotzkisten zu erwähnen. Das war nicht die Rede eines Angeklagten, sondern eine Deklaration der Opposition, die gegen die Komintern und gegen die KPdSU(B) Anklage erhebt. Indes ist klar, dass die Frage der illegalen parteifeindlichen Druckerei der Trotzkisten sowohl Trotzki als auch seine Anhänger aus der Opposition voll und ganz als Feinde der Partei, als Spalter und Desorganisatoren der proletarischen Sache entlarvt.

In der Tat, Trotzki ist der Ansicht, dass die Opposition im Recht sei - dass sie deshalb das Recht habe, eigene illegale Druckereien einzurichten.

Aber außer der Gruppe Trotzkis gibt es in der KPdSU(B) noch andere oppositionelle Gruppen: die „Arbeiteropposition“, die Sapronowleute usw. Jede dieser kleinen Gruppen glaubt sich im Recht. Wollte man in die Fußtapfen Trotzkis treten, so müsste man jeder dieser Gruppen das Recht zugestehen, eigene illegale Druckereien einzurichten. Angenommen, sie richteten wirklich eigene illegale Druckereien ein, die Partei aber führte keinen Kampf gegen dieses Übel - was bliebe dann von der Partei übrig?

Was bedeutet es, zuzulassen, dass alle und jegliche Gruppierungen in der Partei illegale Druckereien haben? Das bedeutet zuzulassen, dass in der Partei mehrere Zentren mit eigenen „Programmen“, eigenen „Plattformen“, eigenen „Linien“ bestehen. Was bliebe dann von der eisernen Disziplin in unserer Partei übrig, die Lenin für die Grundlage der Diktatur des Proletariats hielt? Ist eine solche Disziplin möglich ohne ein einheitliches, ein einziges leitendes Zentrum? Begreift Trotzki, in welchen Sumpf er gerät, wenn er das Recht oppositioneller Gruppierungen auf Organisierung illegaler parteifeindlicher Druckereien verteidigt?

Die Frage des Bonapartismus. In dieser Frage bekundet die Opposition völlige Ignoranz. Wenn Trotzki die gewaltige Mehrheit unserer Partei bonapartistischer Versuche beschuldigt, so demonstriert er damit seine völlige Ignoranz und zeigt, dass er nicht begreift, wo die Wurzeln des Bonapartismus liegen.

Was ist Bonapartismus? Bonapartismus ist der Versuch, der Mehrheit den Willen der Minderheit mittels Gewalt aufzuzwingen. Wenn die Minderheit gegen die Mehrheit mittels Gewalt die Macht in der Partei oder im Lande an sich reißt, so ist das Bonapartismus. Wenn aber die Anhänger der Linie des ZK der KPdSU(B) sowohl in der Partei als auch in den Sowjets die gewaltige Mehrheit darstellen, wie kann man da solch dummes Zeug reden, als trachte die Mehrheit danach, sich selbst ihren eigenen Willen mittels Gewalt aufzuzwingen? Wo wäre es in der Geschichte vorgekommen, dass die Mehrheit sich selbst ihren eigenen Willen mittels Gewalt aufgezwungen hätte? Wer, außer Leuten, die den Verstand verloren haben, kann wohl an die Möglichkeit einer so unvorstellbaren Sache glauben?

Ist es etwa nicht Tatsache, dass die Anhänger der Linie des ZK der KPdSU(B) sowohl in der Partei als auch im Lande die gewaltige Mehrheit darstellen? Ist es etwa nicht Tatsache, dass die Opposition ein winziges Häuflein darstellt? Man kann sich vorstellen, dass die Mehrheit unserer Partei der Minderheit, das heißt der Opposition, ihren Willen aufzwingt. Und das ist völlig berechtigt im parteimäßigen Sinne dieses Wortes. Wie aber kann man sich vorstellen, dass die Mehrheit sich selbst ihren eigenen Willen aufzwänge, und noch dazu mittels Gewalt? Wie kann hier von Bonapartismus die Rede sein? Wäre es nicht richtiger zu sagen, dass unter der Minderheit, das heißt unter der Opposition, Tendenzen auftreten können, ihren Willen der Mehrheit aufzuzwingen? Es wäre nichts Erstaunliches daran, wenn solche Tendenzen aufträten, denn die Minderheit, das heißt die trotzkistische Opposition, hat jetzt keine anderen Möglichkeiten, sich der Führung zu bemächtigen, als die Anwendung von Gewalt gegen die Mehrheit. Wenn also schon von Bonapartismus die Rede ist, dann mag Trotzki die Kandidaten für den Bonaparte in seiner eigenen Gruppe suchen.

Ein paar Worte über Entartung und Thermidorianertum. Ich werde mich hier nicht mit der Analyse der dummen und törichten Beschuldigungen beschäftigen, die die Oppositionellen bisweilen gegen unsere Partei erheben, wenn sie sie der Entartung und des Thermidorianertums bezichtigen. Ich werde mich nicht damit beschäftigen, weil sie keine Analyse wert sind. Ich möchte die Frage vom rein praktischen Standpunkt behandeln.

Nehmen wir einen Augenblick an, die trotzkistische Opposition vertrete wirklich eine revolutionäre Politik und nicht eine sozialdemokratische Abweichung - womit wäre es dann zu erklären, dass alle entarteten und aus der Partei und der Komintern verjagten opportunistischen Elemente sich um die trotzkistische Opposition gruppieren, dort Zuflucht und Schutz finden?

Womit ist es zu erklären, dass Ruth Fischer und Maslow, Scholem und Urbahns, die als entartete Elemente und Renegaten aus der Komintern und der deutschen Kommunistischen Partei verjagt wurden, gerade bei der trotzkistischen Opposition Schutz und gastliche Aufnahme finden?

Womit ist es zu erklären, dass solche opportunistischen und wirklich entarteten Elemente wie Souvarine und Rosmer in Frankreich, Ossowski und Daschkowski in der UdSSR, gerade bei der trotzkistischen Opposition Zuflucht finden?

Kann man die Tatsache als Zufall bezeichnen, dass die Komintern und die KPdSU(B) diese entarteten und wirklich thermidorianisch gestimmten Elemente aus ihren Reihen ausschließen, Trotzki und Sinowjew sie jedoch mit offenen Armen empfangen, ihnen Zuflucht und Schutz gewähren?

Zeugen diese Tatsachen nicht davon, dass die „revolutionären“ Phrasen der trotzkistischen Opposition Phrasen bleiben, während die Opposition in Wirklichkeit das Sammelbecken der entarteten Elemente ist?

Zeugt das alles nicht davon, dass die trotzkistische Opposition Nistplatz und Brutstätte der Entartung und des Thermidorianertums ist?

Jedenfalls gibt es bei uns in der KPdSU(B) eine einzige Gruppe, die alle und jegliche Spitzbuben vom Schlage Maslows und Ruth Fischers, vom Schlage Souvarines und Ossowskis um sich sammelt. Diese Gruppe ist die Gruppe Trotzkis.

Das, Genossen, ist in großen Zügen die politische Physiognomie der Opposition.

Und welche Schlussfolgerung ergibt sich daraus? - werden Sie fragen.

Es gibt nur eine Schlussfolgerung. Die Opposition hat sich so weit verstrickt, sie hat sich mit solchem Geschick in eine Sackgasse verrannt, aus der es keinen Ausweg gibt, dass sie sich vor die Wahl gestellt sieht: entweder die Komintern und die KPdSU(B) oder Maslow, Ruth Fischer und die Renegaten aus der illegalen parteifeindlichen Druckerei.

Man kann nicht ewig zwischen diesen beiden Lagern hin und her schwanken. Es ist Zeit, die Wahl zu treffen. Entweder mit der Komintern und der KPdSU(B), und dann - Krieg gegen Maslow und Ruth Fischer, gegen alle und jegliche Renegaten. Oder gegen die KPdSU(B) und die Komintern, und dann - schert euch zur Gruppe Maslow und Ruth Fischer, zu allen Renegaten und Entarteten, zu all den Schtscherbakow und sonstigen Lumpen. (Beifall.)

Zeitschrift „Kommunistitscheski Internazional“
(Die Kommunistische Internationale) Nr. 41,
14. Oktober 1927.

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