"Stalin"

Werke

Band 10

UNTERREDUNG MIT
AUSLÄNDISCHEN ARBEITERDELEGATIONEN

5. November 1927

Anwesend waren 80 Delegierte aus Deutschland, Frankreich, Osterreich, der Tschechoslowakei, Südamerika, China, Belgien, Finnland, Dänemark und Estland. - Die Unterredung dauerte 6 Stunden.

Stalin. Genossen, gestern wurde mir eine Liste mit Fragen in deutscher Sprache ohne Unterschrift zugeleitet. Heute Morgen erhielt ich zwei neue Listen: eine von der französischen Delegation, die andere von der dänischen. Beginnen wir mit der ersten Liste der Fragen, wenn auch unbekannt ist, von welcher Delegation diese Liste stammt. Dann kann man sich den folgenden zwei Listen zuwenden. Wenn Sie keine Einwände erheben, fangen wir an. (Die Delegierten bringen ihr Einverständnis zum Ausdruck.)

Fragen der (unbekannten) Deligation

Erste Frage.

Warum nimmt die UdSSR nicht am Völkerbund teil?

Antwort. Über die Gründe, warum die Sowjetunion nicht am Völkerbund teilnimmt, wurde in unserer Presse wiederholt gesprochen. Ich könnte einige dieser Gründe hervorheben.

Die Sowjetunion ist nicht Mitglied des Völkerbunds und nimmt am Völkerbund nicht teil vor allem, weil sie nicht gewillt ist, die Verantwortung zu übernehmen für die imperialistische Politik des Völkerbunds, für die „Mandate“, die vom Völkerbund zur Ausbeutung und Unterdrückung der Kolonialländer erteilt werden. Die Sowjetunion nimmt am Völkerbund nicht teil, da sie gegen den Imperialismus, gegen die Unterdrückung der Kolonien und der abhängigen Länder ist.

Die Sowjetunion nimmt am Völkerbund nicht teil, weil sie zweitens nicht gewillt ist, die Verantwortung zu übernehmen für die Kriegsvorbereitungen, für die Verstärkung der Rüstungen, für die neuen Militärbündnisse usw., die vom Völkerbund bemäntelt und sanktioniert werden und die unweigerlich zu neuen imperialistischen Kriegen führen müssen. Die Sowjetunion nimmt am Völkerbund nicht teil, da sie mit aller Entschiedenheit gegen imperialistische Kriege ist.

Schließlich nimmt die Sowjetunion am Völkerbund nicht teil, weil sie nicht gewillt ist, ein Bestandteil jener die imperialistischen Machenschaften verdeckenden Kulisse zu sein, die der Völkerbund darstellt, der durch die salbungsvollen Reden seiner Mitglieder die imperialistischen Machenschaften bemäntelt.

Der Völkerbund ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen ein „Absteigequartier“ für die imperialistischen Drahtzieher, die ihre Geschäfte hinter den Kulissen besorgen. Das, wovon im Völkerbund offiziell gesprochen wird, ist leeres Geschwätz, das zur Täuschung des Volkes bestimmt ist. Das aber, was die imperialistischen Drahtzieher inoffiziell hinter den Kulissen des Völkerbunds tun, das sind wirkliche imperialistische Taten, die von den schwülstigen Rednern des Völkerbunds pharisäisch bemäntelt werden.

Kann es da wundernehmen, wenn die Sowjetunion nicht gewillt ist, Mitglied zu sein und an dieser volksfeindlichen Komödie teilzunehmen?

Zweite Frage.

Warum wird in der Sowjetunion keine sozialdemokratische Partei geduldet?

Antwort. Man duldet keine sozialdemokratische Partei (das heißt die Menschewiki) in der Sowjetunion aus dem gleichen Grunde, aus dem dort keine Konterrevolutionäre geduldet werden. Das wundert Sie vielleicht, aber es gibt daran nichts Verwunderliches.

Die Entwicklungsbedingungen unseres Landes, die Geschichte seiner Entwicklung sind derart, dass die Sozialdemokratie, die unter dem zaristischen Regime eine mehr oder weniger revolutionäre Partei war, nach dem Sturz des Zarismus, unter Kerenski, zu einer Regierungspartei wurde, zu einer bürgerlichen Partei, zu einer Partei des imperialistischen Krieges, nach der Oktoberrevolution aber sich in eine Partei der offenen Konterrevolution, in eine Partei der Restauration des Kapitalismus verwandelte.

Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, dass die Sozialdemokratie bei uns am Bürgerkrieg auf seiten Koltschaks und Denikins teilnahm, gegen die Macht der Sowjets. Heute ist diese Partei eine Partei der Restauration des Kapitalismus, eine Partei der Liquidierung der Sowjetordnung.

Ich glaube, dass eine derartige Evolution der Sozialdemokratie nicht nur in der UdSSR, sondern auch in den anderen Ländern für sie typisch ist. Die Sozialdemokratie war bei uns mehr oder weniger revolutionär, solange das zaristische Regime bestand. Daraus erklärt sich denn auch, dass wir, die Bolschewiki, damals mit den Menschewiki, das heißt mit den Sozialdemokraten, eine Partei bildeten. Die Sozialdemokratie wird zu einer Oppositions- oder Regierungspartei, zu einer bürgerlichen Partei, wenn die so genannte demokratische Bourgeoisie zur Macht kommt. Die Sozialdemokratie wird zu einer Partei der offenen Konterrevolution, wenn das revolutionäre Proletariat die Macht ergreift.

Ein Delegierter. Heißt dies, dass die Sozialdemokratie nur hier, in der UdSSR, eine konterrevolutionäre Kraft ist, oder kann sie auch in anderen Ländern als konterrevolutionäre Kraft qualifiziert werden?

Stalin. Ich sagte bereits, dass hier ein gewisser Unterschied besteht.

Im Lande der Diktatur des Proletariats ist die Sozialdemokratie eine konterrevolutionäre Kraft, die die Wiederaufrichtung des Kapitalismus und die Liquidierung der Diktatur des Proletariats im Namen der bürgerlichen „Demokratie“ anstrebt.

In den kapitalistischen Ländern, wo das Proletariat noch nicht die Macht in den Händen hat, ist die Sozialdemokratie entweder eine oppositionelle Partei gegenüber der Macht des Kapitals oder eine halbe Regierungspartei, die ein Bündnis mit der liberalen Bourgeoisie gegen die reaktionärsten Kräfte des Kapitalismus und gegen die revolutionäre Arbeiterbewegung eingegangen ist, oder sie ist gänzlich Regierungspartei, die den Kapitalismus und die bürgerliche „Demokratie“ gegen die revolutionäre Bewegung des Proletariats direkt und offen verteidigt.

Sie wird gänzlich konterrevolutionär, und ihr konterrevolutionäres Wesen richtet sich gegen die Macht des Proletariats, erst nachdem die Macht des Proletariats Wirklichkeit geworden ist.

Dritte Frage.

Warum gibt es keine Pressefreiheit in der UdSSR?

Antwort. Von welcher Pressefreiheit sprechen Sie? Pressefreiheit für welche Klasse - für die Bourgeoisie oder für das Proletariat? Wenn es sich um Pressefreiheit für die Bourgeoisie handelt, so gibt es sie bei uns nicht und wird es sie nicht geben, solange die Diktatur des Proletariats besteht. Wenn es sich aber um die Pressefreiheit für das Proletariat handelt, so muss ich sagen, dass Sie keinen anderen Staat in der Welt finden werden, wo eine solch allseitige und weitgehende Pressefreiheit für das Proletariat bestände, wie sie in der UdSSR besteht.

Die Pressefreiheit für das Proletariat ist kein leeres Wort. Ohne dass man die besten Druckereien, die besten Verlagshäuser hat, ohne offene Organisationen der Arbeiterklasse, von den engsten bis zu den breitesten, die Millionen der Arbeiterklasse umfassen, ohne weitgehendste Versammlungsfreiheit gibt es keine Pressefreiheit.

Schauen Sie sich die Lebensbedingungen in der UdSSR an, suchen Sie die Arbeiterbezirke auf, und Sie werden sich überzeugen, dass die besten Druckereien, die besten Verlagshäuser, ganze Fabriken für die Herstellung von Papier und Farben, die für die Presse notwendig sind, riesige Paläste für Versammlungen - dass all dies und vieles andere, was für die Pressefreiheit der Arbeiterklasse notwendig ist, der Arbeiterklasse und den werktätigen Massen voll und ganz zur Verfügung steht. Das eben heißt bei uns Pressefreiheit für die Arbeiterklasse. Bei uns gibt es keine Pressefreiheit für die Bourgeoisie.

Bei uns gibt es keine Pressefreiheit für Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die bei uns die Interessen der geschlagenen und gestürzten Bourgeoisie vertreten. Was ist aber daran verwunderlich? Wir haben niemals die Verpflichtung übernommen, allen Klassen Pressefreiheit zu geben, alle Klassen glücklich zu machen. Als die Bolschewiki im Oktober 1917 die Macht ergriffen, erklärten sie offen, dass diese Macht die Macht einer Klasse ist, die Macht des Proletariats, dass diese Macht die Bourgeoisie niederhalten wird im Interesse der werktätigen Massen in Stadt und Land, die die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung in der UdSSR bilden.

Wie kann man danach von der proletarischen Diktatur Pressefreiheit für die Bourgeoisie verlangen?

Vierte Frage.

Warum werden die in Haft befindlichen Menschewiki nicht aus den Gefängnissen entlassen?

Antwort. Es handelt sich offenbar um aktive Menschewiki. Ja, es stimmt, dass aktive Menschewiki vor Ablauf ihrer Haftzeit nicht aus den Gefängnissen entlassen werden. Was ist aber daran verwunderlich?

Warum entließ man beispielsweise die Bolschewiki im Juli, August, September, Oktober 1917 nicht aus den Gefängnissen, als die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre an der Macht waren?

Warum musste sich Lenin von Juli bis Oktober 1917 in der Illegalität verbergen, als die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre an der Macht waren? Woraus ist zu erklären, dass der große Lenin , dessen Name ein Banner für die Proletarier aller Länder ist, sich von Juli bis Oktober 1917 in Finnland verbergen musste, fern von der „demokratischen Republik“ Kerenskis und Zeretelis, Tschernows und Dans, und dass das Presseorgan der Partei Lenin s, die „Prawda“, von Vertretern der bürgerlichen Macht zertrümmert wurde, obwohl damals bekannte Menschewiki, aktive Politiker der II. Internationale an der Spitze der Regierung standen?

All dies erklärt sich offenbar daraus, dass der Kampf zwischen der bürgerlichen Konterrevolution und der proletarischen Revolution zwangsläufig zu gewissen Repressalien führen muss. Ich sagte bereits, dass die Sozialdemokratie bei uns eine konterrevolutionäre Partei ist. Daraus folgt aber, dass die proletarische Revolution nicht umhinkann, die Führer dieser konterrevolutionären Partei zu verhaften.

Aber das ist nicht alles. Daraus folgt ferner, dass die Verhaftung von Menschewiki bei uns die Fortsetzung der Politik der Oktoberrevolution ist. In der Tat, was ist die Oktoberrevolution? Die Oktoberrevolution bedeutet vor allem den Sturz der Macht der Bourgeoisie. Jetzt erkennen alle mehr oder minder klassenbewussten Arbeiter aller Länder an, dass die Bolschewiki richtig handelten, als sie im Oktober 1917 die Macht der Bourgeoisie stürzten. Ich zweifle nicht daran, dass Sie der gleichen Meinung sind. Nun ist aber die Frage: Wen hat denn das Proletariat im Oktober 1917 eigentlich gestürzt? Die Geschichte besagt, die Tatsachen besagen, dass das Proletariat im Oktober 1917 die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre gestürzt hat, denn gerade die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, Kerenski und Tschernow, Goz und Liber, Dan und Zereteli, Abramowitsch und Awxentjew, waren damals an der Macht. Was aber stellen die Parteien der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre dar? Sie sind Parteien der II. Internationale.

Es ergibt sich also, dass das Proletariat der UdSSR, als es die Oktoberrevolution durchführte, Parteien der I1. Internationale gestürzt hat. Mag sein, dass das diesem oder jenem Sozialdemokraten unangenehm ist, aber dies ist eine unzweifelhafte Tatsache, Genossen, die zu bestreiten lächerlich wäre.

Es ergibt sich folglich, dass man im Augenblick der proletarischen Revolution die Macht der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre stürzen kann und muss, damit die Macht des Proletariats triumphieren kann.

Wenn man sie aber stürzen kann, warum sollte man sie da nicht verhaften dürfen, wenn sie offen und entschieden in das Lager der bürgerlichen Konterrevolution übergehen? Glauben Sie, dass der Sturz der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre ein weniger starkes Mittel sei als ihre Verhaftung?

Man kann nicht die Politik der Oktoberrevolution für richtig halten, ohne zugleich auch ihre unvermeidlichen Folgen für richtig zu halten. Eins von beiden:

Entweder war die Oktoberrevolution ein Fehler - und dann ist die Verhaftung der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre ein ebensolcher Fehler;

oder die Oktoberrevolution war kein Fehler - und dann kann die Verhaftung der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre, die den Weg der Konterrevolution beschritten haben, auch nicht als Fehler betrachtet werden.

Logik verpflichtet.

Fünfte Frage.

Warum ist dem Korrespondenten des sozialdemokratischen Pressedienstes keine Einreiseerlaubnis in die UdSSR erteilt worden?

Antwort. Weil die sozialdemokratische Presse im Ausland, besonders der „Vorwärts“, mit ihrer ungeheuerlichen Verleumdung der UdSSR und deren Vertreter eine ganze Reihe bürgerlicher Zeitungen überboten hat.

Weil eine Reihe bürgerlicher Zeitungen, wie etwa die „Vossische Zeitung“[58], sich im Kampf gegen die UdSSR bedeutend „objektiver“ und „anständiger“ benimmt als der „Vorwärts“. Dies mag „sonderbar“ erscheinen, ist aber eine Tatsache, mit der man rechnen muss. Wenn der „Vorwärts“ es fertig brächte, sich nicht schlechter zu benehmen als manche bürgerlichen Zeitungen, so würde seinen Vertretern neben den Vertretern anderer, bürgerlicher Zeitungen sicherlich ein Platz in der UdSSR eingeräumt werden.

Dieser Tage wandte sich ein Vertreter des „Vorwärts“ an einen Mitarbeiter unserer diplomatischen Vertretung in Berlin mit der Frage, unter welchen Bedingungen ein Korrespondent des „Vorwärts“ die Einreisegenehmigung in die UdSSR erhalten könnte. Darauf wurde ihm die Antwort gegeben: „Wenn der ,Vorwärts’ in der Praxis beweist, dass er bereit ist, sich gegenüber der UdSSR und ihren Vertretern nicht schlechter zu benehmen als eine ,anständige’ liberale Zeitung, wie etwa die ,Vossische Zeitung’, so wird die Sowjetregierung gegen die Einreise eines Korrespondenten des ,Vorwärts’ in die UdSSR nichts einzuwenden haben.“

Ich glaube, dass diese Antwort durchaus verständlich ist.

Sechste Frage.

Ist eine Vereinigung der II. und der III. Internationale möglich?

Antwort. Ich glaube, sie ist unmöglich.

Sie ist unmöglich, weil die II. und die III. Internationale zwei völlig verschiedene Zielsetzungen haben und in verschiedene Richtungen blicken. Während die III. Internationale ihren Blick auf den Sturz des Kapitalismus und die Errichtung der Diktatur des Proletariats richtet, richtet die II. Internationale im Gegenteil ihren Blick auf die Aufrechterhaltung des Kapitalismus und die Zerstörung all dessen, was zur Errichtung der Diktatur des Proletariats notwendig ist.

Der Kampf zwischen den zwei Internationalen ist die ideologische Widerspiegelung des Kampfes zwischen den Anhängern des Kapitalismus und den Anhängern des Sozialismus. In diesem Kampfe muss entweder die II. oder die III. Internationale siegen. Es liegt keinerlei Grund vor, daran zu zweifeln, dass die III. Internationale in der Arbeiterbewegung siegen muss.

Ich halte ihre Vereinigung gegenwärtig für unmöglich.

Siebente Frage.

Wie ist die Lage in Westeuropa einzuschätzen? Ist in den nächsten Jahren mit revolutionären Ereignissen zu rechnen?

Antwort. Ich bin der Ansicht, dass in Europa die Elemente der tiefsten Krise des Kapitalismus anwachsen und anwachsen werden. Der Kapitalismus kann sich teilweise stabilisieren, kann seine Produktion rationalisieren, kann die Arbeiterklasse eine Zeitlang niederhalten - zu all dem ist der Kapitalismus vorläufig noch imstande, aber er wird nie mehr zu der „Stabilität“ und zu dem „Gleichgewicht“ zurückkehren, wie sie vor dem Weltkriege und vor der Oktoberrevolution bestanden haben. Niemals mehr wird er zu dieser „Stabilität“ und zu diesem „Gleichgewicht“ zurückkehren.

Dass dies richtig ist, das ist schon daraus ersichtlich, dass in den Ländern Europas, ebenso wie auch in den Kolonien, die die Quelle der Existenz des europäischen Kapitalismus sind, immer wieder die Flammen der Revolution hervorbrechen. Heute zeigt sich die Flamme des revolutionären Ausbruchs in Österreich, morgen in England, übermorgen irgendwo in Frankreich oder in Deutschland, dann in China, in Indonesien, in Indien usw.

Was aber sind Europa und die Kolonien? Sie sind das Zentrum und die Peripherie des Kapitalismus. Es ist „unruhig“ in den Zentren des europäischen Kapitalismus. Noch „unruhiger“ ist es an seiner Peripherie. Es reifen die Bedingungen für neue revolutionäre Ereignisse heran. Ich glaube, das markanteste Merkmal der wachsenden Krise des Kapitalismus, das markanteste Beispiel der sich ansammelnden Unzufriedenheit und Empörung der Arbeiterklasse sind die Ereignisse, die mit der Ermordung Saccos und Vanzettis[59] zusammenhängen.

Was bedeutet schon für das kapitalistische Schlachthaus die Ermordung von zwei Arbeitern? Hat man sie, die Arbeiter, bisher nicht zu Dutzenden und Hunderten in jeder Woche, an jedem Tage hingemordet? Indessen genügte die Ermordung zweier Arbeiter, Saccos und Vanzettis, um die Arbeiterklasse der ganzen Welt in Bewegung zu bringen. Wovon zeugt das? Davon, dass dem Kapitalismus der Boden unter den Füßen immer heißer wird. Davon, dass die Bedingungen für neue revolutionäre Ereignisse heranreifen.

Die Tatsache, dass es den Kapitalisten gelingen kann, die erste Welle des revolutionären Ausbruchs einzudämmen - diese Tatsache kann dem Kapitalismus in keiner Weise zum Troste gereichen. Die Revolution gegen den Kapitalismus kann nicht als eine einzige ununterbrochene Welle heranfluten. Sie schwillt stets an im Wechsel von Flut und Ebbe. So war es in Rußland, so wird es in Europa sein. Wir stehen vor neuen revolutionären Ereignissen.

Achte Frage.

Ist die Opposition in der russischen Partei stark? Auf welche Kreise stützt sie sich?

Antwort. Ich bin der Ansicht, dass sie sehr schwach ist. Mehr noch, ihre Kräfte in unserer Partei sind kaum der Rede wert. Ich habe die heutige Zeitung in der Hand. Dort wird das Fazit der Diskussion mehrerer Tage gezogen. Die Zahlen besagen, dass für das Zentralkomitee unserer Partei und seine Thesen über 135000 Parteimitglieder stimmten, für die Opposition - 1200 Parteimitglieder. Das macht nicht einmal 1 Prozent aus.

Ich bin der Ansicht, dass die weitere Abstimmung für die Opposition noch schmählichere Resultate ergeben wird. Die Diskussion wird bei uns unmittelbar bis zum Parteitag andauern. Wir werden bestrebt sein, in dieser Zeit möglichst die ganze Partei zu befragen.

Ich weiß nicht, wie bei Ihnen, in den sozialdemokratischen Parteien, diskutiert wird. Ich weiß nicht, ob in den sozialdemokratischen Parteien überhaupt diskutiert wird. Wir nehmen die Diskussion ernst. Wir werden die ganze Partei befragen, und Sie werden sehen, dass sich das spezifische Gewicht der Opposition in unserer Partei als noch geringfügiger erweisen wird, als die soeben angeführten Zahlen besagen. Es ist sehr wohl möglich, dass die Opposition auf unserem XV. Parteitag keinen einzigen Vertreter, keinen einzigen Delegierten haben wird.

Nehmen wir beispielsweise solche riesigen Betriebe wie „Treugolnik“ oder „Putilow“ in Lenin grad. Die Zahl der Arbeiter im „Treugolnik“ erreicht 15000. Parteimitglieder gibt es dort 2122. Für die Opposition stimmten 39. Die Zahl der Arbeiter im „Putilow“ beträgt etwa 11000. Davon sind 1718 Parteimitglieder. Für die Opposition stimmten 29.

Auf welche Kreise stützt sich die Opposition? Ich bin der Ansicht, dass sich die Opposition hauptsächlich auf nichtproletarische Kreise stützt. Fragt man die nichtproletarischen Bevölkerungsschichten, jene, die mit dem Regime der Diktatur des Proletariats unzufrieden sind, mit wem sie sympathisieren, so werden sie ohne Zaudern antworten, dass sie mit der Opposition sympathisieren. Warum? Weil der Kampf der Opposition im Grunde genommen ein Kampf gegen die Partei ist, ein Kampf gegen das Regime der Diktatur des Proletariats, mit dem, wie es nicht anders sein kann, bestimmte nichtproletarische Schichten unzufrieden sind. Die Opposition ist die Widerspiegelung der Unzufriedenheit, die Widerspiegelung des Drucks der nichtproletarischen Bevölkerungsschichten auf die Diktatur des Proletariats.

Neunte Frage.

Ist die in Deutschland von Ruth Fischer und Maslow verbreitete Behauptung richtig, dass die jetzige Führung der Komintern und der russischen Partei die Arbeiter an die Konterrevolution ausliefere?

Antwort. Man muss annehmen, dass sie richtig ist. Man muss annehmen, dass die Komintern und die KPdSU(B) die Arbeiterklasse der UdSSR mit Haut und Haaren an die Konterrevolutionäre aller Länder ausliefern.

Mehr noch, ich kann Ihnen mitteilen, dass die Komintern und die KPdSU(B) dieser Tage beschlossen haben, alle aus unserem Lande verjagten Gutsbesitzer und Kapitalisten in die UdSSR zurückzuholen und ihnen die Fabriken und Werke zurückzugeben.

Und das ist noch nicht alles. Die Komintern und die KPdSU(B) sind noch weiter gegangen und haben beschlossen, dass für die Bolschewiki die Zeit gekommen ist, zur Ernährung mit Menschenfleisch überzugehen.

Schließlich gibt es bei uns einen Beschluss, alle Frauen zu nationalisieren und die Vergewaltigung der eigenen Schwestern zu praktizieren. (Allgemeine Heiterkeit. Einzelne Ausrufe: „Wer konnte eine solche Frage stellen?“)

Ich sehe, Sie lachen. Möglicherweise wird jemand von Ihnen denken, dass ich diese Frage nicht ernst nehme. Ja, Genossen, solche Fragen kann man nicht ernsthaft beantworten. Ich glaube, solche Fragen kann man nur mit Spott beantworten. (Stürmischer Beifall.)

Zehnte Frage.

Wie ist Ihre Stellung zur Opposition und zur Richtung Ruth Fischer-Maslow in Deutschland?

Antwort. Meine Stellung zur Opposition und zu ihrer Agentur in Deutschland ist die gleiche wie die Stellung des bekannten französischen Romanschriftstellers Alphonse Daudet zu Tartarin von Tarascon. (Heiterkeit unter den Delegierten.)

Sie haben wahrscheinlich diesen berühmten Roman Alphonse Daudets über Tartarin von Tarascon gelesen. Der Held dieses Romans, Tartarin, war im Grunde genommen ein gewöhnlicher „guter“ Kleinbürger. Aber er hatte eine so ungestüme Phantasie, und seine Fähigkeit, „gutmütig zu lügen“, war so entwickelt, dass er letzten Endes ein Opfer dieser außergewöhnlichen Fähigkeiten wurde.

Tartarin prahlte, er versicherte allen, er habe in den Bergen des Atlas eine Unmenge Löwen und Tiger erlegt. Die leichtgläubigen Freunde Tartarins erhoben ihn dafür in den Rang des ersten Löwenjägers der Welt. Indes wusste Alphonse Daudet sehr wohl, ebenso wie Tartarin selbst sehr wohl wusste, dass Tartarin niemals weder Löwen noch Tiger zu Gesicht bekommen hatte.

Tartarin prahlte, er versicherte allen, er habe den Montblanc erstiegen. Seine leichtgläubigen Freunde erhoben ihn dafür in den Rang des ersten Alpinisten der Welt. Indes wusste Alphonse Daudet sehr wohl, dass Tartarin nie den Montblanc bestiegen hatte, denn weiter als bis zum Fuße des Montblanc war er nie gekommen.

Tartarin prahlte und versicherte allen, er habe in einem Lande, fern von Frankreich, eine große Kolonie gegründet. Die leichtgläubigen Freunde erhoben ihn dafür in den Rang des ersten Kolonisators der Welt, Indes wusste Alphonse Daudet sehr wohl, ebenso wie es Tartarin selbst zugeben musste, dass aus Tartarins phantastischen Plänen nichts als eine Blamage herauskommen konnte.

Sie wissen, zu welcher Blamage und zu welchem Skandal für Tartarins Gefolge seine phantastische Prahlerei geführt hat.

Ich glaube, dass mit einer gleichen Blamage und einem gleichen Skandal für die Opposition der prahlerische Lärm enden muss, den die Führer der Opposition in Moskau und in Berlin erhoben haben. (Allgemeine Heiterkeit.)

 

Damit haben wir die erste Liste der Fragen erschöpft.

Gehen wir zu den Fragen der französischen Delegation über.

Fragen der französischen Deligation

Erste Frage.

Auf welche Weise gedenkt die Regierung der UdSSR, gegen die ausländischen Erdölfirmen zu kämpfen?

Antwort. Ich glaube, die Frage ist falsch gestellt. Bei einer solchen Fragestellung könnte man meinen, die sowjetische Erdölindustrie beabsichtige, eine Attacke gegen die Erdölfirmen anderer Länder zu eröffnen, und sie sei bestrebt, sie zu stürzen und zu vernichten.

Verhält sich das in Wirklichkeit so? Nein, das verhält sich nicht so. In Wirklichkeit handelt es sich darum, dass gewisse Erdölfirmen kapitalistischer Länder bemüht sind, die sowjetische Erdölindustrie zu erdrosseln, die sowjetische Erdölindustrie aber gezwungen ist, sich zu wehren, um leben und sich weiterentwickeln zu können.

Die Dinge liegen so, dass die sowjetische Erdölindustrie schwächer ist als die Erdölindustrie der kapitalistischen Länder sowohl, was den Umfang der Erdölgewinnung betrifft - wir gewinnen weniger als sie -, als auch, was die Marktverbindungen betrifft - sie haben weit mehr Verbindungen mit dem Weltmarkt als wir.

Auf welche Weise wehrt sich die sowjetische Erdölindustrie? Sie wehrt sich durch Verbesserung der Qualität der Produktion und vor allem durch Herabsetzung der Erdölpreise, durch Verkauf von billigem Erdöl auf dem Markte, von billigerem Erdöl als das Erdöl kapitalistischer Firmen.

Man kann fragen: Sind denn die Sowjets so reich, dass sie die Möglichkeit haben, billiger zu verkaufen als die reichsten kapitalistischen Firmen? Natürlich ist die sowjetische Industrie nicht reicher als die kapitalistischen Firmen. Mehr noch, die kapitalistischen Firmen sind um ein vielfaches reicher als die sowjetische Industrie. Hier aber handelt es sich nicht um Reichtum. Es handelt sich darum, dass die sowjetische Erdölindustrie keine kapitalistische Industrie ist und deshalb keine irrsinnigen Extraprofite braucht, während die kapitalistischen Erdölfirmen nicht ohne kolossale Extraprofite auskommen können. Aber gerade weil die sowjetische Erdölindustrie keine Extraprofite braucht, hat sie die Möglichkeit, ihre Produktion billiger zu verkaufen als die kapitalistischen Firmen.

Das gleiche kann man auch über das sowjetische Getreide, über das sowjetische Holz usw. sagen.

Überhaupt muss man sagen, dass die sowjetischen Waren, insbesondere das sowjetische Erdöl, auf dem internationalen Markt als Faktor wirken, der die Preise herabsetzt und somit die Lage der Verbrauchermassen erleichtert. Darin besteht die Stärke der sowjetischen Erdölindustrie, und das ist das Mittel, mit dem sie sich gegen die Anschläge kapitalistischer Erdölfirmen wehrt. Das ist das Geheimnis, weshalb die Erdölindustriellen aller Länder, insbesondere aber Deterding, aus vollem Halse gegen die Sowjets und gegen die sowjetische Erdölindustrie zetern, wobei sie ihre Politik der hohen Erdölpreise und der Ausplünderung der Verbrauchermassen mit Modephrasen über „kommunistische Propaganda“ verschleiern.

Zweite Frage.

Wie gedenken Sie, den Kollektivismus in der Bauernfrage zu verwirklichen?

Antwort. Wir gedenken, den Kollektivismus in der Landwirtschaft allmählich, durch Maßnahmen ökonomischer, finanzieller und kulturpolitischer Art zu verwirklichen.

Ich glaube, die interessanteste Frage ist die Frage nach den Maßnahmen ökonomischer Art. Auf diesem Gebiet verlaufen unsere Maßnahmen auf drei Linien:

auf der Linie der Organisierung der individuellen Bauernwirtschaften zu Genossenschaften;

auf der Linie der Organisierung der Bauernwirtschaften, hauptsächlich vom Typ der armen Bauernwirtschaften, zu Produktionsgenossenschaften, und schließlich

auf der Linie der Erfassung der Bauernwirtschaften durch die planenden und regulierenden Organe des Staates, sowohl was den Absatz der bäuerlichen Produktion als auch was die Versorgung der Bauernschaft mit den notwendigen Erzeugnissen unserer Industrie betrifft.

Vor einigen Jahren war es so, dass zwischen der Industrie und der bäuerlichen Wirtschaft zahlreiche Zwischenhändler, Privatunternehmer, standen, die die Bauern mit städtischen Erzeugnissen versorgten und den Arbeitern das bäuerliche Getreide verkauften. Natürlich haben die Zwischenhändler nicht umsonst „gearbeitet“ und sowohl aus der bäuerlichen als auch aus der städtischen Bevölkerung Dutzende Millionen Rubel herausgepresst. Es war dies die Periode, als der Zusammenschluss zwischen Stadt und Land, zwischen der sozialistischen Industrie und den individuellen Bauernwirtschaften noch lose war. Die Rolle der Genossenschaften und der staatlichen Verteilungsorgane war damals verhältnismäßig unbedeutend.

Seit jener Zeit haben sich die Dinge von Grund aus geändert. Jetzt kann man sagen, dass die Genossenschaften und die staatlichen Handelsorgane im Warenumsatz zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und bäuerlicher Wirtschaft nicht nur eine vorherrschende, sondern auch eine beherrschende Stellung, wenn nicht eine Monopolstellung einnehmen. Bei der Versorgung des Dorfes mit Textilwaren macht der Anteil der Genossenschaften und der staatlichen Organe über 70 Prozent aus. Bei der Versorgung mit landwirtschaftlichen Maschinen hingegen beträgt der Anteil der Genossenschaften und der staatlichen Organe fast 100 Prozent. Beim Ankauf des bäuerlichen Getreides beträgt der Anteil der Genossenschaften und der staatlichen Organe über 80 Prozent. Beim Ankauf von Rohstoffen für die Industrie, wie Baumwolle, Zuckerrüben usw., macht der Anteil der Genossenschaften und der staatlichen Organe fast 100 Prozent aus.

Was aber bedeutet das?

Das bedeutet erstens, dass der Kapitalist aus der Sphäre des Warenumsatzes verdrängt wird, dass sich die Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft unmittelbar zusammenschließt, dass der Gewinn der Zwischenhändler, der Spekulanten, in der Industrie und in der Landwirtschaft verbleibt, dass die Bauern die Möglichkeit erhalten, die städtischen Waren billiger zu kaufen, und dass die Arbeiter ihrerseits die Möglichkeit erhalten, die landwirtschaftlichen Produkte billiger zu kaufen.

Das bedeutet zweitens, dass die Industrie durch die Vertreibung der kapitalistischen Zwischenhändler aus dem Warenverkehr die Möglichkeit erhält, die bäuerliche Wirtschaft voranzuführen, auf sie einzuwirken und ihr kulturelles Niveau zu heben, sie zu rationalisieren und zu industrialisieren.

Das bedeutet drittens, dass der Staat durch den Zusammenschluss der Landwirtschaft mit der Industrie die Möglichkeit erhält, das Planprinzip bei der Entwicklung der Landwirtschaft einzuführen, sie mit besserem Saatgut und besseren Düngemitteln zu versorgen, den Umfang ihrer Produktion zu bestimmen, im Sinne der Preispolitik auf sie einzuwirken usw.

Das bedeutet schließlich, dass im Dorfe günstige Bedingungen geschaffen werden für die Liquidierung der kapitalistischen Elemente, für die weitere Einschränkung und Verdrängung des Kulakentums, für die Organisierung der Wirtschaften der werktätigen Bauern zu Produktionsgenossenschaften, für die Möglichkeit der Finanzierung dieser Genossenschaften aus Staatsmitteln.

Nehmen wir beispielsweise die Produktion von Zuckerrüben für die Zuckerindustrie und die Produktion von Baumwolle für die Textilindustrie. Der Umfang der Produktion dieser Rohstoffarten, ebenso wie ihre Preise und ihre Qualität werden heutzutage bei uns nicht spontan, nicht durch das Spiel der Kräfte auf dem unorganisierten Markt, durch Zwischenhändler, Spekulanten, durch Börsen und verschiedenartige kapitalistische Kontore usw. bestimmt, sondern planmäßig, durch bestimmte vorherige Verträge zwischen den Zucker- und Textilsyndikaten einerseits und Zehntausenden bäuerlicher Wirtschaften, vertreten durch die Zuckerrüben- und Baumwollgenossenschaften, anderseits.

Hier gibt es bereits keine Börsen, keine Kontore, kein Spiel der Preise usw. mehr. Alle diese Instrumente der kapitalistischen Wirtschaft bestehen bei uns auf diesem Gebiet bereits nicht mehr. Hier treten nur zwei Parteien ohne irgendwelche Börsen und Zwischenhändler auf den Plan - die staatlichen Syndikate einerseits und die genossenschaftlich zusammengeschlossenen Bauern anderseits. Die staatlichen Syndikate schließen mit den entsprechenden Genossenschaftsorganisationen Verträge ab über die Produktion einer bestimmten Menge von Zuckerrüben und Baumwolle, über die Versorgung der Bauern mit Saatgut, die Gewährung von Darlehen usw. Nach Ablauf des Wirtschaftsjahres steht die gesamte Produktion den Syndikaten zur Verfügung, und die Bauern erhalten dafür entsprechende Summen gemäß den vorher abgeschlossenen Verträgen. Das heißt bei uns Vertragssystem.

Dieses System zeichnet sich dadurch aus, dass es beiden Seiten Vorteile bringt und die bäuerliche Wirtschaft unmittelbar, ohne Zwischenhändler mit der Industrie zusammenschließt. Dieses System ist der sicherste Weg zur Kollektivierung der bäuerlichen Wirtschaft.

Man kann nicht sagen, dass die anderen Zweige der Landwirtschaft bereits eine derartige Entwicklungsstufe erreicht haben. Doch kann man mit Gewissheit sagen, dass sich alle Zweige der Landwirtschaft, die Getreideproduktion nicht ausgenommen, allmählich auf diesen Entwicklungsweg begeben werden. Und dieser Weg führt direkt an die Kollektivierung der Landwirtschaft heran.

Eine allumfassende Kollektivierung wird dann eintreten, wenn die bäuerlichen Wirtschaften mittels Mechanisierung und Elektrifizierung auf moderner technischer Grundlage umgestaltet sein werden, wenn die Mehrheit der werktätigen Bauernschaft von den Genossenschaftsorganisationen erfasst sein wird, wenn die Mehrheit der Dörfer von einem Netz landwirtschaftlicher Genossenschaften kollektivistischen Typs bedeckt sein wird.

Dahin geht die Entwicklung, aber dahin ist es noch nicht gekommen und wird es so bald nicht kommen. Warum? Unter anderem darum, weil dazu gewaltige finanzielle Mittel notwendig sind, die unser Staat noch nicht besitzt, die aber im Laufe der Zeit ohne Zweifel akkumuliert werden. Marx sagte, dass sich keine einzige neue soziale Ordnung in der Geschichte festigte, ohne das sie intensiv, unter Anwendung von Hunderten und abermals Hunderten von Millionen finanziert wurde. Ich glaube, dass wir bereits in jene Entwicklungsphase der Landwirtschaft eintreten, da der Staat die Möglichkeit zu erhalten beginnt, die neue soziale, kollektivistische Ordnung intensiv zu finanzieren. Die Tatsache, dass die sozialistische Industrie sich bereits die Rolle des führenden Elements in der Volkswirtschaft erkämpft hat und die Landwirtschaft führt - diese Tatsache ist die sicherste Gewähr dafür, dass die bäuerliche Wirtschaft auf dem Wege der weiteren Kollektivierung vorwärts schreiten wird.

Dritte Frage.

Was waren die Hauptschwierigkeiten im Kriegskommunismus, als man das Geld abzuschaffen versuchte?

Antwort. Schwierigkeiten gab es viele, sowohl auf der Linie der inneren Entwicklung als auch auf der Linie der auswärtigen Beziehungen.

Nimmt man die inneren Beziehungen wirtschaftlicher Art, so könnte man drei Hauptschwierigkeiten anführen.

Erstens. Eine Schwierigkeit bestand darin, dass unsere Industrie zerrüttet und gelähmt war, abgesehen von der Kriegsindustrie, die während der Intervention unseren Bürgerkriegsfronten Munition lieferte. Zwei Drittel unserer Werke und Fabriken standen still, das Verkehrswesen hinkte, Waren gab es nicht oder fast nicht.

Zweitens. Die Landwirtschaft hinkte auf beiden Beinen, die Arbeitskräfte der Bauernwirtschaften waren an die Fronten abgezogen worden. Es mangelte an Rohstoffen, es mangelte an Brot für die städtische Bevölkerung und vor allem für die Arbeiter. Wir gaben an die Arbeiter damals ein halbes Pfund Brot aus, manchmal aber nur ein Achtelpfund pro Tag.

Drittens. Es gab keinen oder fast keinen richtig funktionierenden, den Austausch zwischen Stadt und Land vermittelnden sowjetischen Handelsapparat, der imstande gewesen wäre, das Dorf mit städtischen Erzeugnissen und die Stadt mit landwirtschaftlichen Produkten zu versorgen. Genossenschaften und staatliche Handelsorgane bestanden nur im Keim.

Nach Beendigung des Bürgerkriegs und nach Einführung der „Neuen Ökonomischen Politik“ hat sich jedoch die wirtschaftliche Lage des Landes grundlegend geändert.

Die Industrie hat sich entwickelt, ist erstarkt und hat die Kommandostellung in der ganzen Volkswirtschaft eingenommen. Am charakteristischsten in dieser Beziehung ist die Tatsache, dass es uns in den letzten zwei Jahren gelungen ist, über zwei Milliarden Rubel aus eigenen Akkumulationsmitteln, ohne Hilfe von außen, ohne irgendwelche Anleihen von außen in der Industrie zu investieren. Jetzt kann man schon nicht mehr sagen, dass es für die Bauernschaft überhaupt keine Waren gebe.

Die Landwirtschaft ist auf die Beine gekommen und hat ihre Produktion auf den Stand der Vorkriegszeit gebracht. Jetzt kann man schon nicht mehr sagen, dass es für die Arbeiter überhaupt kein Getreide und keine anderen landwirtschaftlichen Produkte gebe.

Die Genossenschaften und die staatlichen Handelsorgane haben sich derart entwickelt, dass sie die Kommandostellung im Warenumsatz des Landes eingenommen haben. Jetzt kann man schon nicht mehr sagen, dass es bei uns keinen Verteilungsapparat gebe, der den Austausch zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und bäuerlicher Wirtschaft vermittelt.

All dies genügt natürlich nicht, um die sozialistische Wirtschaft sofort zu errichten. Aber das ist durchaus hinreichend, um auf dem Wege des erfolgreichen sozialistischen Aufbaus weiter voranzuschreiten.

Wir müssen jetzt unsere Industrie neu ausrüsten und neue Werke auf einer neuen technischen Basis errichten.

Wir müssen die landwirtschaftliche Kultur heben, die Bauernschaft maximal mit landwirtschaftlichen Maschinen versorgen, die Mehrheit der werktätigen Bauernschaft genossenschaftlich zusammenschließen und die individuellen Bauernwirtschaften so umorganisieren, dass sie ein umfassendes Netz landwirtschaftlicher Kollektivgenossenschaften bilden.

Wir müssen einen solchen, den Austausch zwischen Stadt und Land vermittelnden Verteilungsapparat aufbauen, der imstande ist, die Bedürfnisse von Stadt und Land im ganzen Land zu berechnen und zu befriedigen, so, wie jedermann für sich in seinem Haushalt seine Ausgaben und Einnahmen berechnet.

Und wenn wir all dies erreicht haben, wird - so ist anzunehmen - die Zeit eintreten, da man kein Geld mehr brauchen wird.

Doch bis dahin ist es noch weit.

Vierte Frage.

Wie ist es um die Frage der „Schere“ bestellt?

Antwort. Wenn man unter „Schere“ versteht, dass die Preise für landwirtschaftliche Produkte und die Preise für Industriewaren, vom Standpunkt der Selbstkosten aus gesehen, auseinandergehen, so ist es um die „Schere“ folgendermaßen bestellt.

Es besteht kein Zweifel, dass unsere Industriewaren noch immer etwas teurer verkauft werden, als sie unter anderen Verhältnissen verkauft werden könnten. Das erklärt sich daraus, dass unsere Industrie jung ist, dass es notwendig ist, sie gegen die auswärtige Konkurrenz zu schützen, dass es notwendig ist, Bedingungen für sie zu schaffen, die ihre Entwicklung beschleunigen können. Ihre rasche Entwicklung aber ist sowohl für die Stadt als auch für das Dorf notwendig. Andernfalls hätten wir nicht die Möglichkeit, die bäuerliche Wirtschaft rechtzeitig mit der genügenden Menge von Textilwaren und landwirtschaftlichen Maschinen zu versorgen. Dieser Umstand führt dazu, dass die Preise für Industriewaren und für landwirtschaftliche Produkte auseinandergehen, bei einem gewissen Verlust für die bäuerliche Wirtschaft.

Um dieses Minus für die bäuerliche Wirtschaft zu beseitigen, haben sich Regierung und Partei das Ziel gesetzt, eine Politik der allmählichen, aber stetigen Senkung der Preise für Industriewaren durchzuführen. Kann man diese Politik real nennen? Ich glaube, dass sie unbedingt real ist. Es ist zum Beispiel bekannt, dass es uns im letzten Jahr gelungen ist, die Einzelhandelspreise für Industriewaren um etwa 8-10 Prozent zu senken. Es ist ferner bekannt, dass unsere Industrieorganisationen die Selbstkosten und die Verkaufspreise der Industriewaren systematisch senken. Es besteht keine Veranlassung, daran zu zweifeln, dass diese Politik auch in Zukunft fortgesetzt werden wird. Mehr noch. Ich muss sagen, dass die Politik der stetigen Senkung der Preise für Industriewaren jener Eckstein unserer Wirtschaftspolitik ist, ohne den weder eine Verbesserung und Rationalisierung unserer Industriewirtschaft noch die Festigung des Bündnisses der Arbeiterklasse und der Bauernschaft denkbar ist.

In den bürgerlichen Staaten verfolgt man in dieser Beziehung eine andere Politik. Dort organisiert man gewöhnlich die Unternehmungen zu Trusten und Syndikaten, um innerhalb des Landes die Preise für Industriewaren hochzuschrauben, diese Preise in Monopolpreise zu verwandeln, auf dieser Grundlage mehr Profit herauszuschlagen und einen Fonds zu schaffen für den Export von Waren ins Ausland, wo die Kapitalisten die gleichen Waren zwecks Eroberung neuer Märkte zu niedrigen Preisen verkaufen.

Die gleiche Politik wurde bei uns, in Rußland, zur Zeit der bürgerlichen Ordnung betrieben, als zum Beispiel der Zucker innerhalb des Landes unerhört teuer verkauft wurde, während der gleiche Zucker im Ausland, zum Beispiel in England, dermaßen billig verkauft wurde, dass man damit die Schweine fütterte.

Die Sowjetregierung führt eine diametral entgegengesetzte Politik durch. Sie ist der Auffassung, dass die Industrie für die Bevölkerung da ist und nicht umgekehrt. Sie ist der Auffassung, dass die stetige Senkung der Preise für Industriewaren das grundlegende Mittel ist, ohne das ein normales Wachstum der Industrie unmöglich ist. Ich spreche schon gar nicht davon, dass die Politik der Senkung der Preise für Industriewaren das Wachstum der Bedürfnisse der Bevölkerung fördert, die Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes, sowohl des städtischen als auch des ländlichen, vergrößert und somit eine ständig wachsende Quelle schafft, die für die weitere Entfaltung der Industrie erforderlich ist.

Fünfte Frage.

Welcher Art sind die Vorschläge der Sowjetregierung an die kleinen französischen Wertpapierinhaber im Zusammenhang mit den Schulden? Wie können die französischen Rentiers davon in Kenntnis gesetzt werden?

Antwort. Unsere Vorschläge hinsichtlich der Vorkriegsschulden sind in dem bekannten Interview Rakowskis veröffentlicht worden. Ich denke, sie müssen Ihnen bekannt sein. Sie enthalten die Bedingung, dass die UdSSR gleichzeitig Kredite erhält. Wir halten uns hier an den bekannten Grundsatz: Gibst du, dann gebe auch ich. Gibt man uns Kredite, so erhält man von uns etwas auf der Linie der Vorkriegsschulden, gibt man uns nichts, so geben wir auch nichts.

Bedeutet das, dass wir damit die Vorkriegsschulden grundsätzlich anerkannt hätten? Nein, das bedeutet es nicht. Das bedeutet lediglich, dass wir, während wir das bekannte Dekret über die Annullierung der Zarenschulden[60] in Kraft lassen, zugleich einverstanden sind, im Rahmen eines praktischen Übereinkommens etwas von den Vorkriegsschulden zu bezahlen, wenn man uns dafür die für uns notwendigen und für die französische Industrie nützlichen Kredite gewährt. Die Zahlungen für die Schulden betrachten wir als zusätzliche Zinsen für die Kredite, die wir zur Entwicklung unserer Industrie erhalten.

Man spricht von den Kriegsschulden des zaristischen Rußlands. Man spricht von verschiedenen Ansprüchen an die UdSSR, die mit den Ergebnissen der Oktoberrevolution zusammenhängen. Aber man vergisst, dass unsere Revolution eine grundsätzliche Negierung der imperialistischen Kriege und der damit verknüpften Zarenschulden ist. Man vergisst, dass die UdSSR die Kriegsschulden nicht zahlen kann noch zahlen wird.

Man vergisst außerdem, dass die UdSSR jene Raub- und Gewalttaten nicht von der Rechnung streichen kann, denen das Land einige Jahre hindurch während der militärischen Intervention der ausländischen Staaten ausgesetzt war und mit denen bestimmte Gegenansprüche der UdSSR verknüpft sind.

Wer trägt die Verantwortung für diese Raub- und Gewalttaten? Wer muss für sie die Verantwortung tragen? Wer muss für diese Raub- und Gewalttaten aufkommen? Die imperialistischen Hauptmacher möchten diese unangenehmen Dinge der Vergessenheit preisgeben. Aber sie müssen wissen, dass diese Dinge nicht vergessen werden.

Sechste Frage.

Wie ist das Wodkamonopol mit der Bekämpfung des Alkoholismus in Einklang zu bringen?

Antwort. Ich glaube, dass es schwer ist, sie überhaupt miteinander in Einklang zu bringen. Hier besteht zweifellos ein Widerspruch. Die Partei kennt diesen Widerspruch und ist bewusst darauf eingegangen, da sie weiß, dass im gegenwärtigen Augenblick die Zulassung eines solchen Widerspruchs das kleinere Übel ist.

Als wir das Wodkamonopol einführten, standen wir vor der Alternative:

entweder uns in die Knechtschaft der Kapitalisten zu begeben, indem wir ihnen eine ganze Reihe der wichtigsten Fabriken und Werke ausliefern, und dafür gewisse Mittel zu erlangen, die wir brauchen, um uns durchzuhelfen;

oder aber das Wodkamonopol einzuführen, um aus eigener Kraft die für die Entwicklung unserer Industrie erforderlichen Betriebsmittel aufzubringen und somit der ausländischen Knechtschaft zu entgehen.

Die Mitglieder des ZK, darunter auch ich, hatten damals eine Unterredung mit Lenin , der der Meinung war, dass man, falls man die notwendigen Anleihen von außen nicht erhält, offen und direkt auf das Wodkamonopol wird eingehen müssen als auf ein zeitweiliges Mittel ungewöhnlicher Art.

Das war die Frage, vor der wir standen, als wir das Wodkamonopol einführten.

Natürlich wäre es, allgemein gesprochen, ohne Wodka besser, denn der Wodka ist ein Übel. Aber dann hätte man sich zeitweilig in die Knechtschaft der Kapitalisten begeben müssen, was ein noch größeres Übel ist. Deshalb haben wir das kleinere Übel vorgezogen. Jetzt bringt der Wodka über 500 Millionen Rubel ein. Auf den Wodka jetzt verzichten heißt auf diese Einnahme verzichten, wobei kein Grund zu der Behauptung besteht, dass der Alkoholismus zurückgehen werde, denn der Bauer würde beginnen, eigenen Wodka herzustellen, und sich mit selbst gebranntem Schnaps vergiften.

Eine gewisse Rolle spielen hier offenbar die ernsten Mängel hinsichtlich der kulturellen Entwicklung des Dorfes. Ich spreche schon gar nicht davon, dass der sofortige Verzicht auf das Wodkamonopol unsere Industrie um mehr als eine halbe Milliarde Rubel berauben würde, die durch nichts kompensiert werden könnten.

Bedeutet dies, dass das Wodkamonopol bei uns auch in Zukunft bestehen bleiben muss? Nein, das bedeutet es nicht. Das Wodkamonopol haben wir als eine zeitweilige Maßnahme eingeführt. Darum muss es abgeschafft werden, sobald sich in unserer Volkswirtschaft neue Quellen für neue Einnahmen zur weiteren Entwicklung unserer Industrie finden. Und dass sich solche Quellen finden werden, darüber kann es keinerlei Zweifel geben.

Haben wir richtig gehandelt, als wir die Wodkaerzeugung in die Hände des Staates legten? Ich glaube, wir haben richtig gehandelt. Wäre der Wodka in Privathände übergeben worden, so hätte das zur Folge gehabt:

erstens eine Stärkung des Privatkapitals,

zweitens wäre die Regierung der Möglichkeit beraubt, die Erzeugung und den Verbrauch von Wodka entsprechend zu regulieren, und

drittens würde dies die Einstellung der Erzeugung und des Verbrauchs von Wodka in Zukunft erschweren.

Gegenwärtig läuft unsere Politik darauf hinaus, die Wodkaerzeugung allmählich einzuschränken. Ich glaube, dass es uns in Zukunft gelingen wird, das Wodkamonopol ganz abzuschaffen, die Spriterzeugung auf das für technische Zwecke notwendige Minimum herabzusetzen und sodann den Wodkaverkauf ganz einzustellen.

Ich glaube, dass wir wahrscheinlich weder mit dem Wodka noch mit vielen anderen unangenehmen Dingen etwas zu schaffen hätten, wenn die westeuropäischen Proletarier die Macht ergreifen und uns die nötige Hilfe erweisen würden. Aber was ist da zu machen? Unsere westeuropäischen Brüder wollen vorläufig nicht die Macht ergreifen, und wir sind gezwungen, uns mit unseren eigenen Mitteln durchzuhelfen. Das aber ist nicht unsere Schuld. Das ist Schicksal.

Wie sie sehen, fällt ein gewisser Teil der Verantwortung für das Wodkamonopol auch auf unsere westeuropäischen Freunde. (Heiterkeit, Beifall.)

Siebente Frage.

Gerichtsbefugnisse der GPU, Verhandlungen ohne Zeugen, ohne Verteidiger, geheime Verhaftungen. Da die öffentliche Meinung Frankreichs diese Maßnahmen schwerlich gelten lässt, so wäre es interessant, ihre Begründung zu erfahren. Ist eine Änderung oder Einstellung. dieser Maßnahmen vorgesehen?

Antwort. Die GPU oder Tscheka ist ein Straforgan der Sowjetmacht. Dieses Organ ist dem Sicherheitsausschuss mehr oder weniger analog, der während der großen französischen Revolution geschaffen wurde.

Es bestraft hauptsächlich Spione, Verschwörer, Terroristen, Banditen, Spekulanten, Falschmünzer. Es stellt eine Art politischen Kriegstribunals dar, das zum Schutze der Interessen der Revolution gegen Anschläge seitens konterrevolutionärer Bourgeois und ihrer Agenten geschaffen wurde.

Dieses Organ wurde am Tage nach der Oktoberrevolution geschaffen, nachdem alle möglichen Verschwörer-, Terroristen- und Spionageorganisationen, die von russischen und ausländischen Kapitalisten finanziert wurden, auf den Plan getreten waren.

Dieses Organ entwickelte sich und erstarkte nach einer Reihe von Terrorakten gegen Führer der Sowjetmacht, nach der Ermordung des Genossen Uritzki, Mitglied des Revolutionskomitees in Petrograd (er wurde von einem Sozialrevolutionär ermordet), nach der Ermordung des Genossen Wolodarski, Mitglied des Revolutionskomitees in Petrograd (er wurde ebenfalls von einem Sozialrevolutionär ermordet), nach dem Anschlag auf das Leben Lenin s (er wurde von einem Mitglied der Partei der Sozialrevolutionäre verwundet).

Man muss anerkennen, dass die GPU den Feinden der Revolution damals wohl gezielte Schläge versetzte, die nicht fehlgingen. Übrigens hat sie diese Eigenschaft auch bis auf den heutigen Tag bewahrt. Seitdem ist die GPU der Schrecken der Bourgeoisie, der wachsame Hüter der Revolution, das blanke Schwert des Proletariats.

Es kann daher nicht wundernehmen, dass die Bourgeois aller Länder tierischen Hass gegen die GPU hegen. Es gibt kein Märchen, das man der GPU nicht andichtete. Es gibt keine Verleumdung, die man über die GPU nicht verbreitete. Was aber bedeutet das? Das bedeutet, dass die GPU die Interessen der Revolution richtig schützt. Die geschworenen Feinde der Revolution beschimpfen die GPU - also handelt die GPU richtig.

Anders verhalten sich die Arbeiter zur GPU. Gehen Sie durch die Arbeiterbezirke und fragen Sie die Arbeiter nach der GPU. Sie werden sehen, dass sie ihr Achtung entgegenbringen. Warum? Weil sie in ihr den treuen Verteidiger der Revolution sehen.

Ich verstehe den Hass und das Misstrauen der Bourgeois gegen die GPU. Ich verstehe die verschiedenen bürgerlichen Reisenden, die, wenn sie in die UdSSR kommen, sich als erstes danach erkundigen, ob die GPU noch besteht und ob noch nicht die Zeit gekommen sei, die GPU abzuschaffen. All das ist verständlich und nicht verwunderlich.

Ich kann aber einige Arbeiterdelegierte nicht verstehen, die, wenn sie in die UdSSR kommen, mit Besorgnis fragen: Sind viele Konterrevolutionäre von der GPU bestraft worden? Wird sie noch diverse Terroristen und Verschwörer gegen die proletarische Macht bestrafen, ist es nicht an der Zeit, die GPU aufzulösen?

Woher kommt nur bei einigen Arbeiterdelegierten diese Besorgtheit um die Feinde der proletarischen Revolution? Wodurch ist sie zu erklären? Wie ist sie zu begründen?

Man predigt größtmögliche Milde, man gibt den Rat, die GPU abzuschaffen... Kann man aber dafür bürgen, dass nach der Abschaffung der GPU die Kapitalisten aller Länder aufhören werden, konterrevolutionäre Gruppen von Verschwörern, Terroristen, Diversanten, Brandstiftern, Bombenattentätern zu organisieren und zu finanzieren? Die Revolution zu entwaffnen, ohne irgendeine Gewähr zu haben, dass die Feinde der Revolution entwaffnet werden - ist das denn nicht Torheit, ist das denn nicht ein Verbrechen gegen die Arbeiterklasse!

Nein, Genossen, wir wollen nicht die Fehler der Pariser Kommunarden wiederholen. Die Pariser Kommunarden waren gegenüber den Versaillern zu milde, was ihnen Marx seinerzeit mit vollem Recht zum Vorwurf machte. Ihre Milde aber mussten sie damit bezahlen, dass, als Thiers in Paris einzog, Zehntausende Arbeiter von den Versaillern niedergeschossen wurden.

Glauben die Genossen etwa, dass die russischen Bourgeois und Gutsbesitzer minder blutdürstig seien als die Versailler in Frankreich? Wir jedenfalls wissen, wie sie die Arbeiter hinmordeten, als sie im Bündnis mit den französischen und englischen, den japanischen und amerikanischen Interventionisten Sibirien, die Ukraine, den Nordkaukasus besetzt hatten.

Ich will damit keineswegs sagen, dass die innere Lage des Landes uns zwingt, Straforgane der Revolution zu haben. Vom Gesichtspunkt des inneren Zustands ist die Stellung der Revolution so fest und unerschütterlich, dass man ohne GPU auskommen könnte. Aber die Sache ist die, dass die inneren Feinde bei uns keine isoliert dastehenden Einzelgänger sind. Die Sache ist die, dass sie durch Tausende Fäden mit den Kapitalisten aller Länder verknüpft sind, die sie mit allen Kräften, mit allen Mitteln unterstützen. Wir sind ein Land, das von kapitalistischen Staaten umringt ist. Die inneren Feinde unserer Revolution sind eine Agentur der Kapitalisten aller Länder. Die kapitalistischen Staaten stellen die Basis und das Hinterland der inneren Feinde unserer Revolution dar. Indem wir gegen die inneren Feinde kämpfen, führen wir folglich den Kampf gegen die konterrevolutionären Elemente aller Länder. Urteilen Sie jetzt selbst, ob man unter diesen Verhältnissen ohne Straforgane, wie es die GPU ist, auskommen kann.

Nein, Genossen, wir wollen nicht die Fehler der Pariser Kommunarden wiederholen. Die Revolution braucht die GPU, und die GPU wird bei uns weiter bestehen zum Schrecken der Feinde des Proletariats. (Stürmischer Beifall.)

 

Ein Delegierter. Gestatten Sie mir, Genosse Stalin, Ihnen im Namen der hier anwesenden Delegierten den Dank auszudrücken für die Aufklärungen und für die Widerlegung jener Lügen, die im Ausland über die UdSSR verbreitet werden. Sie können gewiss sein, dass wir es verstehen werden, den Arbeitern in unserer Heimat die Wahrheit über die UdSSR zu erzählen.

Stalin. Nichts zu danken, Genossen. Ich halte es für meine Pflicht, die Fragen zu beantworten und Ihnen Rechenschaft abzulegen. Wir Sowjetfunktionäre sind der Auffassung, dass wir verpflichtet sind, unseren Klassenbrüdern in allen Fragen, in denen sie Bericht zu erhalten wünschen, Rechenschaft abzulegen. Unser Staat ist ein Kind des Weltproletariats. Die Führer unseres Staates erfüllen lediglich ihre Pflicht gegenüber dem Weltproletariat, wenn sie vor dessen Vertretern Rechenschaft ablegen. (Beifall.)

„Prawda“ Nr. 260 und 261,
13. und 15. November 1927.

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