"Stalin"

Werke

Band 10

DIE PARTEI UND DIE OPPOSITION

Rede auf der XVI. Moskauer Gouvernementsparteikonferenz[64]

23. November 1927

Genossen! Gestatten Sie mir, kurz die Bilanz des Kampfes zwischen der Partei und der Opposition, die Bilanz der Diskussion zu ziehen, die sich während der letzten drei, vier Wochen sowohl innerhalb der Partei als auch - das muss offen ausgesprochen werden - außerhalb der Partei entfaltet hat.

I
KURZE BILANZ DER DISKUSSION

In Zahlen ausgedrückt, haben wir folgende Bilanz: Bis zum heutigen Tage haben sich für die Partei, für ihr ZK etwas über 572000 Genossen ausgesprochen; für die Opposition - etwas über 3000.

Die Opposition paradiert gewöhnlich gern mit Zahlen, mit Prozenten; für uns sind 99 Prozent, so sagt sie und ähnliches mehr. Jetzt sieht ein jeder, dass sich mehr als 99 Prozent gegen die Opposition, für das Zentralkomitee der Partei ausgesprochen haben.

Und wer ist „schuld“ daran? Die Opposition selbst! Die Opposition war es, die uns immer wieder zur Diskussion drängte. Seit zwei Jahren vergeht kein Tag, ohne dass sie erneut die Forderung nach einer Diskussion erhebt. Wir haben diesem Drängen nicht nachgegeben, wir, die Mitglieder des ZK, haben diesem Drängen nicht nachgegeben, da wir wissen, dass unsere Partei kein Diskussionsklub ist, wie Lenin ganz richtig sagte, da wir wissen, dass unsere Partei die Kampfpartei des Proletariats ist, die von Feinden umringt, den Sozialismus aufbaut, die in ihrer schöpferischen Tätigkeit eine Unmenge praktischer Aufgaben zu bewältigen hat und die infolgedessen nicht jedesmal ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Partei konzentrieren kann.

Die Zeit für die Diskussion kam jedoch heran, und einen Monat, mehr als einen Monat vor dem XV. Parteitag sagte die Partei, dem Parteistatut entsprechend: Gut, ihr wollt eine Diskussion, ihr fordert Kampf - soll es Kampf geben! Und hier ist die Bilanz: Mehr als 99 Prozent sind für die Partei, für ihr ZK, weniger als 1 Prozent - für die Opposition.

Die Prahlerei der Opposition ist entlarvt, sozusagen hundertprozentig entlarvt.

Man könnte sagen, dass diese Bilanz nicht als entscheidend zu betrachten ist. Man könnte sagen, dass es außer der Partei noch die Arbeiterklasse, die werktätigen Massen der Bauernschaft gibt. Man könnte sagen, dass hier, auf diesem Gebiet, die Bilanz noch nicht gezogen ist. Das stimmt nicht, Genossen! Die Bilanz ist auch auf diesem Gebiet gezogen.

Denn was bedeutet die Demonstration, die am 7. November in allen Städten und Orten unseres unermesslichen Landes stattfand? Ist das etwa nicht eine grandiose Demonstration der Arbeiterklasse, der werktätigen Schichten der Bauernschaft, der Roten Armee, der Roten Flotte für unsere Partei, für die Regierung, gegen die Opposition, gegen den Trotzkismus?

Ist etwa der Skandal, den die Opposition am zehnten Jahrestag des Oktober über sich heraufbeschwor, ist etwa die Einmütigkeit, mit der die Millionen Werktätigen an diesem Tage die Partei und die Regierung begrüßten, ist das alles etwa nicht ein Beweis dafür, dass nicht allein die Partei, sondern auch die Arbeiterklasse, nicht allein die Arbeiterklasse, sondern auch die werktätigen Schichten der Bauernschaft, nicht allein die werktätigen Schichten der Bauernschaft, sondern auch die ganze Armee, die ganze Flotte unerschütterlich zur Partei, zur Regierung stehen, dass sie gegen die Opposition, gegen die Desorganisatoren sind. (.Gang anhaltender Beifall.)

Was für eine Bilanz brauchen Sie noch?

Das, Genossen, ist die kurze Bilanz des Kampfes zwischen der Partei und der Opposition, zwischen den Bolschewiki und der Opposition, der sich innerhalb der Partei entwickelte und dann durch die Schuld eben der Opposition über den Rahmen der Partei hinausging.

Woraus erklärt sich diese schmähliche Niederlage der Opposition? Hat doch noch keine Opposition in der Geschichte unserer Partei, seit die Bolschewiki die Macht ergriffen, je ein so schmähliches Fiasko erlitten.

Wir kennen die Opposition der Trotzkisten in der Periode des Brester Friedens. Damals hatte sie ungefähr ein Viertel der Partei hinter sich.

Wir kennen die Opposition der Trotzkisten im Jahre 1921, während der Gewerkschaftsdiskussion. Damals hatte sie ungefähr ein Achtel der Partei hinter sich.

Wir kennen die Opposition auf dem XIV. Parteitag, die so genannte „neue Opposition“, die Sinowjew-Kamenewsche. Damals hatte sie die gesamte Lenin grader Delegation hinter sich.

Und jetzt? Jetzt ist die Opposition isoliert wie nie zuvor. Jetzt wird sie schwerlich auch nur einen Delegierten auf dem XV. Parteitag haben. (Lang anhaltender Beifall.)

Das Fiasko der Opposition erklärt sich aus ihrer völligen Losgelöstheit von der Partei, von der Arbeiterklasse, von der Revolution. Die Opposition hat sich als ein Häuflein Intellektueller erwiesen, die sich vom Leben losgelöst, die sich von der Revolution losgelöst haben - hier liegt die Wurzel des schmählichen Fiaskos der Opposition.

Überprüfen wir zwei oder drei von jenen Fragen, die die .Opposition von der Partei trennen.

II
DIE ARBEITERKLASSE UND DIE BAUERNSCHAFT

Die Frage der Beziehungen zwischen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft.

Lenin sagte, dass die Frage der Beziehungen zwischen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft in unserem Lande die grundlegende Frage der Diktatur des Proletariats, die grundlegende Frage unserer Revolution ist. Er sagte:

„10-20 Jahre richtiger Beziehungen zur Bauernschaft, und der Sieg ist im Weltmaßstab (sogar bei einer Verzögerung der proletarischen Revolutionen, die anwachsen) gesichert.“[65]

Was bedeuten aber richtige Beziehungen zur Bauernschaft? Lenin verstand unter richtigen Beziehungen zur Bauernschaft, dass man, gestützt auf die Dorfarmut, ein „festes Bündnis“ mit dem Mittelbauern herstellt.

Welche Auffassung aber hat die Opposition von dieser Frage? Nicht allein, dass sie auf das Bündnis der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft keinen Wert legt, dass sie nicht versteht, wie wichtig dieses Bündnis für die Entwicklung unserer Revolution ist, sie geht „weiter“ und schlägt eine Politik vor, die zwangsläufig zur Sprengung des Bündnisses der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft, zur Untergrabung des Zusammenschlusses zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft führen muss.

Um nicht weit auszuholen, könnte ich auf Preobrashenski, den ersten Ökonomen der Opposition, verweisen, der die Bauernschaft als „Kolonie“ für unsere Industrie, als Objekt größtmöglicher Ausbeutung betrachtet.

Ich könnte weiter auf eine Reihe von Dokumenten verweisen, in denen sich die Opposition für eine Erhöhung der Preise von Industriewaren ausspricht, für eine Erhöhung, die zwangsläufig zur Verkümmerung unserer Industrie, zur Stärkung des Kulaken, zur Ruinierung des Mittelbauern und zur Knechtung der Dorfarmut durch die Kulaken führen muss.

Alle diese und ähnliche Dokumente der Opposition sind ein Bestandteil der Politik der Opposition, die auf den Bruch mit der Bauernschaft, auf den Bruch mit den mittelbäuerlichen Massen berechnet ist.

Wird darüber etwas in der „Plattform“ oder in den Gegenthesen der Opposition direkt und offen gesagt? Nein, es wird nichts darüber gesagt. In der „Plattform“ und in den Gegenthesen der Opposition werden alle diese Dinge sorgfältig verheimlicht und verschleiert. Im Gegenteil, in der „Plattform“ und in den Gegenthesen der Opposition können Sie Dutzende von Komplimenten sowohl an die Adresse des Mittelbauern als auch an die Adresse der Dorfarmut finden. Sie enthalten außerdem Ausfälle gegen die Partei wegen einer angeblichen kulakischen Abweichung. Aber nichts, rein gar nichts wird darin direkt und offen über die verderbliche Linie der Opposition gesagt, die zum Bruch zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft führt und führen muss.

Das aber, was die Führer der Opposition vor den Arbeitern und Bauern so sorgfältig verbergen, will ich jetzt versuchen, ans Tageslicht zu ziehen und auf den Tisch zu legen, damit der Opposition in Zukunft die Lust vergeht, die Partei zu betrügen. Ich denke an die Rede, die Iwan Nikititsch Smirnow kürzlich auf der Parteikonferenz des Rogoshsko-Simonowski-Stadtbezirks gehalten hat. Smirnow, einer der Führer der Opposition, erwies sich als einer der wenigen ehrlichen Oppositionellen, die den Mut aufbrachten, über die Linie der Opposition die Wahrheit zu sagen. Sie wollen wissen, welches die wirkliche „Plattform“ der Opposition in der Frage der Beziehungen zwischen Proletariat und Bauernschaft ist? Lesen Sie Smirnows Rede und studieren Sie sie, denn Smirnows Rede ist eins der seltenen Dokumente der Opposition, die die ganze Wahrheit über die wirkliche Stellung unserer Oppositionellen sagen.

Folgendes sagt Smirnow in seiner Rede:

„Wir sagen, dass unser Staatsbudget so revidiert werden muss, dass der größere Teil unseres Fünfmilliardenbudgets für die Industrie ausgegeben wird, weil es für uns besser ist, ein Zerwürfnis mit dem Mittelbauern hinzunehmen, als dem unvermeidlichen Untergang entgegenzugehen.“

Das ist das Grundlegende von all dem, was die Führer der Opposition in ihrer „Plattform“ und in ihren Gegenthesen verheimlicht haben und was Smirnow, ebenfalls einer der Führer der Opposition, gewissenhaft ans Tageslicht zog.

Also, nicht festes Bündnis mit dem Mittelbauern, sondern Zerwürfnis mit dem Mittelbauern - das ist, so stellt sich heraus, das Mittel zur „Rettung“ der Revolution.

Lenin sagte, dass „das höchste Prinzip der Diktatur die Aufrechterhaltung des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft ist, damit das Proletariat die führende Rolle und die Staatsmacht behaupten kann“[66].

Die Opposition aber ist damit nicht einverstanden und behauptet, für die Diktatur des Proletariats sei nicht das Bündnis mit der Bauernschaft, mit den Hauptmassen der Bauernschaft, sondern das Zerwürfnis mit ihnen wichtig.

Lenin sagte - und er sagte es nicht nur, sondern wiederholte es seit dem VIII. Parteitag unablässig, dass ein erfolgreicher Aufbau des Sozialismus in unserem Lande ohne „festes Bündnis mit dem Mittelbauern“[67] unmöglich ist.

Die Opposition aber ist damit nicht einverstanden und behauptet, die Politik des festen Bündnisses mit der Mittelbauernschaft könne durch eine Politik des Zerwürfnisses mit ihr ersetzt werden.

Lenin sagte, dass wir beim Aufbau des Sozialismus gemeinsam mit den Hauptmassen der Bauernschaft vorwärts schreiten müssen.

Die Opposition aber ist damit nicht einverstanden und behauptet, dass wir nicht gemeinsam mit der Bauernschaft, sondern im Zerwürfnis mit ihr vorwärts schreiten müssen.

Darin bestehen die grundlegenden Meinungsverschiedenheiten zwischen der Partei und der Opposition in der Kardinalfrage, in der Frage der Beziehungen zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft.

Die Opposition versuchte, in ihrer „Plattform“ ihre wirkliche Physiognomie zu verbergen, indem sie sich mit Komplimenten an die Adresse der Bauernschaft herausredete und heuchlerische Ausfälle gegen die Partei wegen einer angeblichen kulakischen Abweichung machte. Smirnow aber nimmt an der „Plattform“ der Opposition eine gründliche Korrektur vor, er hat den Führern der Opposition die Maske vom Gesicht gerissen und der Partei die Wahrheit über die Opposition mitgeteilt, die Wahrheit über die wirkliche Plattform der Opposition.

Was ergibt sich nun daraus? Daraus ergibt sich, dass die „Plattform“ und die Gegenthesen der Opposition nur ein Fetzen Papier sind, darauf berechnet, die Partei und die Arbeiterklasse zu täuschen.

Was aber bedeutet eine Politik des Zerwürfnisses mit dem Mittelbauern? Die Politik des Zerwürfnisses mit dem Mittelbauern ist eine Politik des Zerwürfnisses mit der Mehrheit der Bauernschaft, denn die Mittelbauern machen nicht weniger als 60 Prozent der gesamten Bauernschaft aus. Gerade darum führt die Politik des Zerwürfnisses mit dem Mittelbauern dazu, dass die Mehrheit der Bauernschaft den Kulaken in die Arme getrieben wird. Eine Politik aber, die die Mehrheit der Bauernschaft den Kulaken in die Arme treibt, bedeutet Stärkung des Kulakentums, Isolierung der Dorfarmut, Schwächung der Sowjetmacht im Dorfe und erleichtert dem Kulakentum die Knebelung der Dorfarmut.

Aber damit hat die Sache noch nicht ihr Bewenden. Eine Politik des Zerwürfnisses mit der Mehrheit der Bauernschaft betreiben heißt den Bürgerkrieg im Dorfe eröffnen, die Versorgung unserer Industrie mit Rohstoffen der bäuerlichen Wirtschaft (Baumwolle, Zuckerrüben, Flachs, Leder, Wolle usw.) erschweren, die Versorgung der Arbeiterklasse mit landwirtschaftlichen Produkten desorganisieren, die eigentlichen Grundlagen unserer Leichtindustrie untergraben, unsere ganze Aufbauarbeit vereiteln, unseren ganzen Plan der Industrialisierung des Landes vereiteln.

So sehen die Dinge aus, Genossen, wenn man nicht die leeren Erklärungen ins Auge fasst, die die Opposition in ihrer „Plattform“ und in ihren Gegenthesen abgibt, sondern die wirkliche Politik der Opposition, die uns Smirnow autoritativ erläutert hat.

Es liegt mir fern, die Opposition zu beschuldigen, dass sie bewusst danach strebe, dieses ganze Unheil anzurichten. Aber es geht hier nicht um die Wünsche und Bestrebungen der Opposition. Es geht um die Ergebnisse, die die oppositionelle Politik des Zerwürfnisses mit der Mittelbauernschaft unvermeidlich nach sich ziehen muss.

Der Opposition passiert hier das gleiche, was dem Bären aus Krylows Fabel „Der Eremit und der Bär“ passierte. (Heiterkeit.) Natürlich wollte der Bär, als er seinem Freunde, dem Eremiten, mit einem schweren Stein den Schädel einschlug, diesen nur vor einer zudringlichen Fliege retten. Seine Wünsche waren die allerfreundschaftlichsten. Nichtsdestoweniger ergab sich aus den freundschaftlichen Wünschen des Bären eine keineswegs freundschaftliche Handlung, die zur Folge hatte, dass der Eremit vom Leben Abschied nehmen musste. Die Opposition wünscht der Revolution natürlich alles Gute. Aber sie schlägt dafür Mittel vor, die zur Zerschlagung der Revolution, zur Zerschlagung der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, zur Vereitelung unserer ganzen Aufbauarbeit führen müssen.

Die „Plattform“ der Opposition. ist eine Plattform der Sprengung des Bündnisses zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft, eine Plattform der Vereitelung unserer ganzen Aufbauarbeit, eine Plattform der Vereitelung der Industrialisierung.

III
DIE PARTEI UND DIE
DIKTATUR DES PROLETARIATS

Die Frage der Partei.

Lenin sagt, dass die Einheit und die eiserne Disziplin der Partei die Grundlage der Diktatur des Proletariats ist. Die Opposition vertritt in der Praxis entgegengesetzte Auffassungen. Sie ist der Meinung, die Diktatur des Proletariats erfordere nicht Einheit und eiserne Disziplin der Partei, sondern die Zerstörung der Einheit und der Disziplin der Partei, die Spaltung der Partei, die Bildung einer zweiten Partei. Allerdings, die Opposition redet und schreibt, schreibt und redet, und redet nicht einfach, sondern mit großem Stimmaufwand über die Einheit der Partei. Aber das Gerede der Opposition über die Einheit der Partei ist heuchlerisches Geschwätz, darauf berechnet, die Partei zu täuschen. (Beifall.)

Denn während die Opposition von der Einheit redet und schreit, baut sie zugleich eine neue, eine anti Lenin istische Partei auf. Und sie baut sie nicht erst auf. Sie hat sie bereits aufgebaut, wovon authentische Dokumente zeugen, wie die Reden Kusownikows, Sofs und Renos, die früher Oppositionelle waren.

Wir sind jetzt im Besitz erschöpfender Dokumente, die davon zeugen, dass die Opposition nunmehr schon das zweite Jahr eine eigene, anti Lenin istische Partei hat, mit eigenem ZK, eigenen Gebietsbüros, Gouvernementsbüros usw. Was kann die Opposition diesen Tatsachen entgegenstellen, außer verlogenem Geschwätz über die Einheit?

Die Opposition schreit, dem Zentralkomitee der Partei werde es nicht gelingen, sie in die Position einer zweiten Partei zu drängen. Merkwürdig! Hat etwa das ZK jemals die Opposition in eine solche Position drängen wollen? Ist es etwa nicht Tatsache, dass das ZK die Opposition stets davon zurückhielt, auf die Linie der Organisierung einer zweiten Partei hinab zu gleiten?

Die ganze Geschichte unserer Meinungsverschiedenheiten während dieser zwei Jahre ist die Geschichte der Versuche des ZK unserer Partei, die Opposition von spalterischen Schritten zurückzuhalten und die Menschen aus der Opposition für die Partei zu erhalten.

Nehmen Sie die Geschichte der bekannten „Erklärung“ der Opposition vom 16. Oktober 1926. Ist das etwa nicht ein Versuch des Zentralkomitees, die Opposition im Rahmen der Partei zu halten?

Nehmen Sie die zweite „Erklärung“ der Opposition vom 8. August 1927. Wovon zeugt sie, wenn nicht davon, dass das Zentralkomitee der Partei stets darum bemüht war, die Opposition im Rahmen einer einheitlichen Partei zu halten?

Und was geschah? Die Opposition gab Erklärungen ab über die Einheit, Versprechungen über die Einheit, Versicherungen über die Einstellung der Fraktionsmacherei, in Wirklichkeit aber fuhr sie fort, eine zweite Partei aufzubauen.

Wovon zeugt das alles? Davon, dass man den Worten der Opposition nicht glauben darf. Davon, dass man die Opposition nicht auf Grund ihrer „Plattformen“ und Gegenthesen, sondern auf Grund ihrer Taten prüfen muss.

Lenin sagte: Lernt Gruppen, Strömungen, Parteien nicht auf Grund ihrer Versprechungen und „Plattformen“ prüfen, sondern auf Grund ihrer Taten. Wir halten es für unsere Pflicht, Lenin zu folgen und die Opposition nicht auf Grund der Papierchen und „Plattformen“, die sie zusammenschmiert, zu prüfen, sondern auf Grund ihrer Taten.

Wenn die Opposition „Plattformen“ und Gegenthesen verfasst und zugleich mit großem Stimmaufwand über die Einheit der Partei redet, so ist das Betrug an der Partei, so ist das Pharisäertum, so sind das leere Worte. Wenn aber die Opposition eine neue Partei aufbaut, ein eigenes Zentralkomitee schafft, Gebietsbüros organisiert usw. und damit die Einheit und die proletarische Disziplin unserer Partei untergräbt - so sind das die Taten der Opposition, ihre schwarzen Taten.

Das bedeutet natürlich nicht, dass es der Opposition schon gelungen wäre, etwas Ähnliches wie eine wirkliche Partei zu schaffen. Nein, das ist ihr nicht gelungen und wird ihr niemals gelingen. Es wird ihr nicht gelingen, weil die Arbeiterklasse gegen die Opposition ist. Wenn die Opposition versucht, eine neue Partei, eine zweite Partei zu schaffen, gibt sie sich im Grunde genommen mit einem kindischen Spiel ab, sie spielt Partei, ZK, Gebietsbüros usw. Nachdem sie völlig geschlagen sind und sich mit Schande bedeckt haben, trösten sich die Oppositionellen damit, dass sie sich am Parteispielen, am ZK-Spielen, am Gebietsbürospielen usw. ergötzen. (Heiterkeit, Beifall.)

Aber, Genossen, zwischen Spielen und Spielen ist ein Unterschied. Wenn die Opposition Partei spielt, so kann das nur Heiterkeit hervorrufen, denn für die Partei ist dieses Spiel nichts als ein lächerliches Unterfangen.

Aber wir haben es nicht nur mit der Partei zu tun. Bei uns gibt es noch Klassen, bei uns gibt es noch sowjetfeindliche Elemente. Und diese sowjetfeindlichen Elemente verfolgen das Spiel der Opposition und lernen von ihr, wie man gegen die Partei kämpft, gegen die Sowjetmacht kämpft, gegen unsere Revolution kämpft. Für diese Elemente ist das Parteispielen der Opposition, sind die Angriffe der Opposition gegen die Partei, die sowjetfeindlichen Ausfälle der Opposition eine gewisse Schule, eine gewisse Vorschule für den Kampf gegen die Sowjetmacht, für die Entfesselung der Kräfte der Konterrevolution.

Nicht von ungefähr heftet sich an die Opposition ein Schwarm aller möglichen sowjetfeindlichen Elemente. Das ist das Gefährliche an dem Parteispielen der Opposition. Und eben, weil hier eine ernste Gefahr besteht, eben deshalb kann die Partei diesen sowjetfeindlichen Exerzitien der Opposition nicht gleichgültig zusehen, eben deshalb muss sie ihnen ein für allemal ein Ende bereiten.

Die Arbeiterklasse aber sieht die ganze Gefährlichkeit dieses parteifeindlichen Spiels der Opposition. Für die Opposition ist die Partei ein Schachbrett. In ihrem Kampf gegen die Partei macht sie diesen oder jenen Schachzug. Heute gibt sie eine Erklärung über die Einstellung der Fraktionsmacherei ab. Morgen pfeift sie auf ihre eigene Erklärung. Am nächsten Tag gibt sie eine neue Erklärung ab, um einige Tage darauf wiederum auf ihre eigene Erklärung zu pfeifen. Für die Opposition sind das Schachzüge. Sie sind Spieler, nichts weiter.

Eine andere Auffassung hat die Arbeiterklasse von ihrer Partei. Für die Arbeiterklasse ist die Partei kein Schachbrett, sondern das Instrument ihrer Befreiung. Für die Arbeiterklasse ist die Partei kein Schachbrett, sondern ein lebensnotwendiges Mittel zur Überwindung der Feinde, zur Organisierung neuer Siege, zur Erringung des endgültigen Sieges des Sozialismus. Deshalb kann die Arbeiterklasse nur mit Verachtung auf diejenigen blicken, die ihre Partei, ihr Allerheiligstes, in ein Schachbrett für die gaunerischen Exerzitien der oppositionellen Spieler verwandeln wollen. Denn die Arbeiterklasse weiß, dass die Arbeit der Opposition zur Untergrabung der eisernen Disziplin unserer Partei, die Arbeit der Opposition zur Spaltung unserer Partei im Grunde genommen eine Arbeit zur Sprengung der Diktatur des Proletariats in unserem Lande ist.

Die „Plattform“ der Opposition ist eine Plattform der Zerstörung unserer Partei, eine Plattform der Entwaffnung der Arbeiterklasse, eine Plattform der Entfesselung der sowjetfeindlichen Kräfte, eine Plattform der Sprengung der Diktatur des Proletariats.

IV
DIE PERSPEKTIVEN UNSERER REVOLUTION

Gehen wir zur dritten Frage über, zur Frage der Perspektiven unserer Revolution.

Ein charakteristischer Zug der ganzen Konzeption der Opposition ist der Unglaube an die Kräfte unserer Revolution, der Unglaube an die Kräfte und an die Fähigkeit des Proletariats, die Bauernschaft zu führen, der Unglaube an die Kräfte und an die Fähigkeit der Arbeiterklasse, den Sozialismus zu errichten.

Ich zitierte bereits die bekannte Stelle aus Smirnows Rede über den unvermeidlichen „Untergang“ unserer Revolution, falls wir uns nicht zu einem Zerwürfnis mit der Mittelbauernschaft bereit finden. Das Lied vom „Untergang“ der Revolution hören wir von den Oppositionellen nicht zum erstenmal. Ewiges Lamentieren und Kopflosigkeit angesichts von Schwierigkeiten, Prophezeiungen eines Niedergangs und Zusammenbruchs unserer Revolution begegnen uns in den Erklärungen der Oppositionellen nicht zum erstenmal. Seitdem die Fraktionspolitik der Opposition Bankrott über Bankrott erlitt, hörte die Opposition nicht auf, vom „Untergang“ unserer Revolution zu schreien, wobei sie den Untergang ihrer eigenen Gruppe für den „Untergang“ der Revolution ausgab. Die Opposition braucht nur in der Minderheit zu bleiben, sie braucht nur Schläge von der Partei zu bekommen, und schon läuft sie auf die Straße und erhebt ein großes Geschrei vom „Untergang“ der Revolution, wobei sie alle und jegliche Schwierigkeiten gegen die Partei ausnützt.

Bereits in der Periode des Brester Friedens, im Jahre 1918, während der bekannten Schwierigkeiten der Revolution, erhob Trotzki, den die Partei auf dem VII. Parteitag vernichtend geschlagen hatte, ein großes Geschrei vom „Untergang“ unserer Revolution. Die Revolution ging jedoch nicht unter, und die Prophezeiungen Trotzkis blieben eben leere Prophezeiungen.

Im Jahre 1921, in der Periode der Gewerkschaftsdiskussion, als sich im Zusammenhang mit der Aufhebung der Ablieferungspflicht neue Schwierigkeiten vor uns erhoben und Trotzki auf dem X. Parteitag abermals eine Niederlage erlitt, erhob er aufs neue ein großes Geschrei vom „Untergang“ der Revolution. Ich erinnere mich gut, wie Trotzki im Politbüro, in Anwesenheit des Genossen Lenin , behauptete, dass „der Totenvogel schon gerufen hat“ und dass die Tage und Stunden der Sowjetmacht gezählt seien. (Heiterkeit.) Die Revolution ging jedoch nicht unter, die Schwierigkeiten wurden überwunden, und das hysterische Gelärm vom „Untergang“ der Revolution blieb eben Gelärm.

Ich weiß nicht, ob der Totenvogel damals gerufen hat oder nicht. (Heiterkeit.) Wenn er aber gerufen hat, so muss man sagen, dass er falsch gerufen hat. (Beifall, Heiterkeit.)

Im Jahre 1923, in einer Periode neuer Schwierigkeiten, die nunmehr auf der Grundlage der NÖP auftraten, in der Periode der Absatzkrise, begann Trotzki aufs neue vom „Untergang“ der Revolution zu unken, wobei er die Niederlage seiner eigenen Gruppe auf unserer XIII. Parteikonferenz für eine Niederlage der Revolution ausgab. Die Revolution ging jedoch über dieses Unken hinweg und überwand die damals vor ihr stehenden Schwierigkeiten.

In den Jahren 1925-1926, in einer Periode neuer Schwierigkeiten, die im Zusammenhang mit dem Aufschwung unserer Industrie auftraten, begann Trotzki, diesmal bereits zusammen mit Kamenew und Sinowjew, aufs neue vorn „Untergang“ der Revolution zu unken, wobei er die Niederlage seiner eigenen Gruppe auf dem XIV. Parteitag und nach dem XIV. Parteitag für eine Niederlage der Revolution ausgab. Die Revolution dachte jedoch gar nicht daran, unterzugehen, die falschen Propheten wurden in den Hintergrund gedrängt, die Schwierigkeiten aber wurden wie immer, wie auch früher, überwunden, denn für die Bolschewiki sind Schwierigkeiten nicht dazu da, um darüber zu lamentieren und zu flennen, sondern um sie zu überwinden. (Brausender Beifall.)

Jetzt, Ende 1927, im Zusammenhang mit den neuen Schwierigkeiten, die in der Periode der Umgestaltung unserer gesamten Wirtschaft auf neuer technischer Basis aufgetreten sind, begannen sie aufs neue vom „Untergang“ der Revolution zu unken, um damit den tatsächlichen Untergang ihrer eigenen Gruppe zu verschleiern. Aber Sie alle sehen, Genossen, dass die Revolution lebt und gedeiht und dass es andere sind, die untergehen.

So haben sie geunkt und geunkt, bis sie schließlich ausgeunkt hatten. (Heiterkeit.)

Die „Plattform“ der Opposition ist eine Plattform des „Untergangs“ unserer Revolution.

V
WAS NUN WEITER?

Das ist die wirkliche Plattform der Opposition zu den drei Grundfragen unserer Meinungsverschiedenheiten: zur Frage der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, zur Frage der Partei und der Diktatur des Proletariats und schließlich zur Frage der Perspektiven unserer Revolution.

Wie Sie sehen, zeugt diese seltsame Plattform von der völligen Losgelöstheit der Opposition von der Partei, von der Arbeiterklasse, von unserer Revolution. Sie ist eine Plattform von Intellektuellen, die mit dem Lenin ismus gebrochen und sich vom Leben losgelöst haben.

Kann es nach all dem wundernehmen, dass sich die Partei und- die Arbeiterklasse vollends von der Opposition abgewandt hat?

Das ist der Grund, weshalb die Opposition in ihrem Kampf gegen die Partei während der letzten Diskussion schmählichen Bankrott erlitten hat. Was nun weiter? - fragt man uns.

Die Opposition beschwert sich darüber, dass sie auf eine von 31 Trotzkisten unterzeichnete Erklärung über die Einheit, die sie dieser Tage abgegeben hat, noch keine befriedigende Antwort erhalten habe. Was für eine Antwort kann es aber eigentlich auf die heuchlerische Erklärung der 31 Trotzkisten geben, wenn die verlogenen Erklärungen der Opposition immer wieder durch ihre spalterischen Handlungen über den Haufen geworfen werden? Die Geschichte unserer Partei kennt eine analoge Erklärung von 31 Menschewiki, die, glaube ich, im Jahre 1907 abgegeben wurde. (Zurufe: „Sehr richtig!“) Lenin nannte diese Erklärung damals „Heuchelei der 31 Menschewiki“[68]. (Heiterkeit.) Ich glaube, dass die Heuchelei der 31 Trotzkisten der Heuchelei der 31 Menschewiki völlig analog ist. (Zurufe: „Völlig richtig!“) Die Opposition hat die Partei zweimal betrogen. Jetzt hat sie die Absicht, sie ein drittes Mal zu betrügen. Nein, Genossen, genug des Betrugs, genug des Spiels. (Beifall.)

Was nun weiter?

Weiter geht es nicht, Genossen, denn alle Grenzen des in der Partei Zulässigen sind überschritten. Man kann sich nicht länger in zwei Parteien gleichzeitig herumtreiben, sowohl in der alten, Lenin schen Partei, die eine einheitliche und die einzige Partei ist, als auch in der neuen, trotzkistischen Partei. Es gilt, zwischen diesen zwei Parteien zu wählen.

Entweder vernichtet die Opposition selbst diese zweite, trotzkistische Partei, sagt sich von ihren anti Lenin istischen Anschauungen los und brandmarkt ihre eigenen Fehler offen vor der gesamten Partei;

oder die Opposition tut das nicht - und dann werden wir selbst die trotzkistische Partei restlos vernichten. (Beifall.)

Entweder das eine oder das andere.

Entweder die Oppositionellen entschließen sich zu diesem unerlässlichen Schritt, oder sie tun das nicht, und dann - werden sie aus der Partei hinausfliegen. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall. Ovationen des ganzen Saales. Gesang der „Internationale“.)

„Prawda“ Nr. 269,
24. November 1927.

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