"Stalin"

Werke

Band 11

ÜBER DIE GETREIDEBESCHAFFUNG
UND DIE ENTWICKLUNGSPERSPEKTIVEN
DER LANDWIRTSCHAFT

Aus Reden in verschiedenen Bezirken Sibiriens im Januar 1928[1]
(Kurze Niederschrift)

Ich bin für kurze Zeit zu Ihnen nach Sibirien kommandiert worden. Mein Auftrag besteht darin, Ihnen bei der Erfüllung des Getreidebeschaffungsplans zu helfen. Ferner habe ich den Auftrag, mit Ihnen die Frage der Entwicklungsperspektiven der Landwirtschaft, den Plan der Entfaltung des Aufbaus von Kollektiv- und Sowjetwirtschaften in Ihrer Region zu besprechen.

Es wird Ihnen bekannt sein, dass wir in diesem Jahr in der Getreidebilanz unseres Landes einen Fehlbetrag, ein Defizit von mehr als 100 Millionen Pud Getreide haben. Im Zusammenhang damit sahen sich die Regierung und das ZK veranlasst, in allen Gebieten und Regionen bei der Getreidebeschaffung alles daranzusetzen, um diese Lücke in unserer Getreidebilanz zu schließen. Das Defizit wird vor allem aus den Gebieten und Regionen mit hohen Ernteerträgen gedeckt werden müssen, wobei erreicht werden muss, dass diese den Plan der Getreidebeschaffung nicht nur erfüllen, sondern übererfüllen.

Sie wissen natürlich, wozu das Defizit führen kann, wenn es nicht ausgeglichen wird. Es wird dazu führen, dass unsere Städte und Industriezentren sowie unsere Rote Armee in eine schwierige Lage versetzt, dass sie schlecht versorgt und vom Hunger bedroht werden. Es ist klar, dass wir das nicht zulassen können.

Wie denken Sie hierüber, welche Maßnahmen gedenken Sie zu ergreifen, um Ihre Pflicht dem Lande gegenüber zu erfüllen? Ich bin durch die Bezirke Ihrer Region gefahren und konnte mich davon überzeugen, dass man sich bei Ihnen nicht ernsthaft darum bemüht, unserem Lande zu helfen, aus der Getreidekrise herauszukommen. Sie haben eine Ernte, wie sie in vielen Jahren einmal vorkommt, man kann sagen, wie sie noch nicht dagewesen ist. Getreideüberschüsse haben Sie in diesem Jahr mehr denn je, der Plan der Getreidebeschaffung aber wird nicht erfüllt. Warum, aus welchem Grunde?

Sie sagen, der Plan der Getreidebeschaffung sei angespannt, er sei unerfüllbar. Wieso unerfüllbar, wie können Sie das behaupten? Ist es etwa nicht Tatsache, dass die Ernte bei Ihnen in diesem Jahr wirklich unvergleichlich gut ist? Ist es etwa nicht Tatsache, dass der Getreidebeschaffungsplan für Sibirien in diesem Jahr fast der gleiche ist wie im Vorjahr? Warum halten Sie dann den Plan für unerfüllbar? Sehen Sie sich die Kulakenwirtschaften an: Dort sind die Speicher und Scheunen voll von Getreide, das Getreide liegt, da keine Speicherräume mehr da sind, in offenen Schuppen, in den Kulakenwirtschaften gibt es Getreideüberschüsse von 50000 bis 60000 Pud je Wirtschaft, nicht gerechnet die Vorräte für Saatzwecke, Ernährung, Fütterung des Viehs, und da sagen Sie, der Getreidebeschaffungsplan sei unerfüllbar. Woher dieser Pessimismus bei Ihnen?

Sie sagen, dass die Kulaken das Getreide nicht abliefern wollen, dass sie auf eine Erhöhung der Preise warten und es vorziehen, eine hemmungslose Spekulation zu treiben. Das ist richtig. Aber die Kulaken warten nicht einfach auf eine Erhöhung der Preise, sondern sie fordern eine Preiserhöhung auf das Dreifache im Vergleich zu den staatlichen Preisen. Glauben Sie, dass man die Kulaken zufrieden stellen kann? Die Dorfarmut und ein erheblicher Teil der Mittelbauern haben das Getreide bereits zu staatlichen Preisen an den Staat abgeliefert. Kann man zulassen, dass der Staat den Kulaken für das Getreide dreimal soviel bezahlt wie der Dorfarmut und den Mittelbauern? Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, dass es absolut unzulässig ist, die Forderungen der Kulaken zu befriedigen.

Wenn die Kulaken eine hemmungslose Spekulation mit den Getreidepreisen treiben, warum belangen Sie sie dann nicht wegen Spekulation?

Wissen Sie denn nicht, dass es ein Gesetz gegen die Spekulation gibt - den Artikel 107 des Strafgesetzbuches der RSFSR, kraft dessen Personen, die sich der Spekulation schuldig machen, gerichtlich zur Verantwortung gezogen und die Waren zugunsten des Staates konfisziert werden? Warum wenden Sie dieses Gesetz nicht gegen die Getreidespekulanten an? Fürchten Sie vielleicht, die Ruhe der Herren Kulaken zu stören?!

Sie sagen, die Anwendung des Artikels 107 gegen die Kulaken sei eine außerordentliche Maßnahme, sie werde keine guten Ergebnisse zeitigen und die Lage im Dorf verschlechtern. Besonders versteifte sich hierauf Genosse Sagumenny. Zugegeben, dass dies eine außerordentliche Maßnahme sein wird. Was folgt denn daraus? Warum zeitigte die Anwendung des Artikels 107 in anderen Regionen und Gebieten vorzügliche Ergebnisse, warum scharte sie die werktätige Bauernschaft um die Sowjetmacht und verbesserte die Lage auf dem Lande, während sie bei Ihnen, in Sibirien, schlechte Ergebnisse zeitigen und die Lage verschlechtern soll? Warum, aus welchem Grunde?

Sie sagen, dass Ihre Staatsanwaltschafts- und Gerichtsbehörden hierzu nicht bereit seien. Warum aber fanden sich die Staatsanwaltschaft und Gerichtsbehörden in anderen Regionen und Gebieten hierzu bereit und handeln mit vollem Erfolg, während sie bei Ihnen nicht bereit sind, den Artikel 107 gegen die Spekulanten in Anwendung zu bringen? Wer ist daran schuld? Es liegt auf der Hand, dass Ihre Parteiorganisationen daran schuld sind, die offensichtlich schlecht arbeiten und sich nicht dafür einsetzen, dass die Gesetze unseres Landes gewissenhaft eingehalten werden. Ich habe mit einigen Dutzend Vertretern Ihrer Staatsanwaltschaftsund Gerichtsbehörden gesprochen. Fast alle wohnen bei Kulaken, sind Kostgänger der Kulaken und sind natürlich bemüht, mit den Kulaken in Frieden zu leben. Auf meine Frage antworteten sie, dass bei den Kulaken die Wohnung sauberer und das Essen besser sei. Selbstverständlich kann man von solchen Vertretern der Staatsanwaltschafts- und Gerichtsbehörden nichts Vernünftiges und für den Sowjetstaat Nützliches erwarten. Unbegreiflich ist nur, warum diese Herren bis jetzt noch nicht hinausgeworfen und durch andere, ehrliche Menschen ersetzt worden sind.

Ich schlage vor:

a) von den Kulaken die sofortige Abgabe aller Getreideüberschüsse zu staatlichen Preisen zu verlangen;

b) im Falle einer Weigerung der Kulaken, sich dem Gesetz zu fügen, sie gemäß Artikel 107 des Strafgesetzbuchs der RSFSR gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen und ihre Getreideüberschüsse zugunsten des Staates zu konfiszieren mit der Maßgabe, 25 Prozent des konfiszierten Getreides unter die Dorfarmut und die wirtschaftlich schwächeren Mittelbauern zu den niedrigen staatlichen Preisen oder auf Kredit mit langjähriger Zahlungsfrist zu verteilen.

Was die Vertreter Ihrer Staatsanwaltschafts- und Gerichtsbehörden betrifft, so schlage ich vor, alle ungeeigneten abzusetzen und durch ehrliche, gewissenhafte Sowjetmenschen zu ersetzen.

Sie werden bald sehen, dass diese Maßnahmen großartige Ergebnisse zeitigen werden und dass es Ihnen gelingen wird, den Plan der Getreidebeschaffung nicht nur zu erfüllen, sondern über zu erfüllen.

Aber damit ist die Angelegenheit nicht erschöpft. Diese Maßnahmen werden ausreichen, um die Lage in diesem Jahr einzurenken. Es gibt aber keine Garantie, dass die Kulaken die Getreidebeschaffung nicht auch im nächsten Jahr sabotieren werden. Mehr noch, man kann mit Sicherheit sagen, dass, solange es Kulaken gibt, auch die Getreidebeschaffung sabotiert werden wird. Um für die Getreidebeschaffung eine mehr oder weniger befriedigende Grundlage zu schaffen, sind andere Maßnahmen notwendig. Was sind das nun für Maßnahmen? Ich meine die Entfaltung des Aufbaus von Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften.

Die Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften sind, wie Ihnen bekannt ist, Großwirtschaften, die imstande sind, Traktoren und Maschinen anzuwenden. Es sind dies Wirtschaften mit einer größeren Warenproduktion als die Gutsbesitzer- und Kulakenwirtschaften. Man darf nicht vergessen, dass unsere Städte und unsere Industrie mit jedem Jahr wachsen und weiter wachsen werden. Das ist notwendig für die Industrialisierung des Landes. Folglich wird mit jedem Jahr die Nachfrage nach Getreide und also auch das Ausmaß der Getreidebeschaffungspläne wachsen. Wir können unsere Industrie nicht von den Launen der Kulaken abhängig machen. Daher muss erreicht werden, dass im Verlauf der nächsten drei, vier Jahre die Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften als Getreidelieferanten dem Staat wenigstens ein Drittel des erforderlichen Getreides liefern können. Das würde die Kulaken in den Hintergrund drängen und die Grundlage schaffen für eine mehr oder weniger einwandfreie Versorgung der Arbeiter und der Roten Armee mit Brot. Um das aber zu erreichen, muss man mit aller Macht, ohne Kräfte und Mittel zu schonen, den Aufbau der Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften entfalten. Das kann man tun, und das müssen wir tun.

Aber auch das ist nicht alles. Unser Land kann nicht nur dem heutigen Tag leben. Wir müssen auch an das Morgen denken, an die Entwicklungsperspektiven unserer Landwirtschaft, schließlich an das Schicksal des Sozialismus in unserem Lande. Das Getreideproblem ist ein Teil des landwirtschaftlichen Problems, das landwirtschaftliche Problem aber ist ein Bestandteil des Problems des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande. Die teilweise Kollektivierung der Landwirtschaft, von der ich soeben gesprochen habe, genügt, um die Arbeiterklasse und die Rote Armee mehr oder weniger befriedigend mit Brot zu versorgen, sie ist aber völlig ungenügend, um:

a) eine feste Basis zu schaffen für eine völlig ausreichende Versorgung des ganzen Landes mit Lebensmitteln bei gleichzeitiger Sicherung der notwendigen Lebensmittelreserven in den Händen des Staates,

b) den sozialistischen Aufbau auf dem Lande, in der Landwirtschaft, zum Sieg zu führen.

Gegenwärtig beruht die Sowjetordnung auf zwei verschiedenartigen Grundlagen: auf der vereinigten sozialisierten Industrie und auf der individuellen kleinbäuerlichen Wirtschaft, deren Grundlage das Privateigentum an den Produktionsmitteln ist. Kann sich die Sowjetordnung lange auf diese verschiedenartigen Grundlagen stützen? Nein, das kann sie nicht.

Lenin sagt, dass, solange im Lande die individuelle Bauernwirtschaft überwiegt, die Kapitalisten und Kapitalismus hervorbringt, die Gefahr einer Restauration des Kapitalismus bestehen bleibt. Natürlich kann, solange eine solche Gefahr besteht, von einem Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande nicht ernsthaft gesprochen werden.

Folglich ist für die Festigung der Sowjetordnung und den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande die Sozialisierung der Industrie allein völlig ungenügend. Dazu ist es notwendig, von der Sozialisierung der Industrie zur Sozialisierung der gesamten Landwirtschaft überzugehen.

Was aber bedeutet das?

Das bedeutet erstens, dass man allmählich, aber unentwegt die individuellen Bauernwirtschaften, deren Produktion den geringsten Warenteil aufweist, zu Kollektivwirtschaften vereinen muss, deren Produktion den größten Warenteil aufweist.

Das bedeutet zweitens, dass man ausnahmslos alle Bezirke unseres Landes mit Kollektivwirtschaften (und Sowjetwirtschaften) überziehen muss, die imstande sind, nicht nur die Kulaken, sondern auch die Einzelbauern als Lieferanten von Getreide an den Staat zu ersetzen.

Das bedeutet drittens, alle Quellen zu beseitigen, die Kapitalisten und Kapitalismus hervorbringen, und die Möglichkeit einer Restauration des Kapitalismus zu beseitigen.

Das bedeutet viertens, eine feste Basis zu schaffen für eine reibungslose und reichliche Versorgung des ganzen Landes nicht nur mit Getreide, sondern auch mit anderen Lebensmitteln bei gleichzeitiger Sicherung der notwendigen Reserven für den Staat.

Das bedeutet fünftens, eine einheitliche und feste sozialistische Basis für die Sowjetordnung, für die Sowjetmacht zu schaffen.

Das bedeutet schließlich, den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande zu sichern.

Das sind die Entwicklungsperspektiven unserer Landwirtschaft.

Das ist die Aufgabe für den siegreichen Aufbau des Sozialismus in unserem Lande.

Diese Aufgabe ist nicht einfach, sondern schwierig, aber sie kann durchaus gelöst werden, denn Schwierigkeiten sind dazu da, um sie zu überwinden und zu siegen.

Man muss sich darüber klar sein, dass wir auf der Basis der kleinen individuellen Bauernwirtschaft nicht weiter vorankommen können, dass wir Großwirtschaften in der Landwirtschaft brauchen, die imstande sind, Maschinen anzuwenden und die meisten Waren zu liefern. Für die Schaffung von Großwirtschaften in der Landwirtschaft gibt es zwei Wege: den kapitalistischen Weg, der durch die massenhafte Ruinierung der Bauern und die Organisierung großer kapitalistischer, Arbeit ausbeutender Güter realisiert wird, und den sozialistischen Weg, der realisiert wird durch die Vereinigung der kleinen Bauernwirtschaften zu großen Kollektivwirtschaften - ohne Ruinierung der Bauern und ohne Ausbeutung von Arbeit. Unsere Partei hat den sozialistischen Weg der Schaffung von Großwirtschaften in der Landwirtschaft gewählt.

Lenin stellte schon vor dem Sieg der Oktoberrevolution und dann unmittelbar nach dem Sieg als Entwicklungsperspektive unserer Landwirtschaft und als entscheidendes Mittel für den Sieg des Sozialismus auf dem Lande, in der Landwirtschaft, der Partei die Aufgabe, die kleinen Bauernwirtschaften zu großen Kollektivwirtschaften zu vereinen.

Lenin erklärte:

a) „Das System der Kleinwirtschaft beim Bestehen der Warenproduktion ist nicht imstande, die Menschheit von Massenelend und Massenunterdrückung zu erlösen“ (Bd. XX, S. 122[2]);

b) „Wenn wir in althergebrachter Weise in kleinen Wirtschaften hocken bleiben, und sei es auch als freie Bürger auf freier Scholle, so droht uns dennoch der unvermeidliche Untergang“ (Bd. XX, S. 417[3]);

c) „Nur durch gemeinsame, artelmäßige, genossenschaftliche Arbeit kann man aus der Sackgasse, in die uns der imperialistische Krieg getrieben hat, einen Ausweg finden“ (4. Ausgabe, Bd. 30, S. 123, russ.).

Lenin erklärt weiter:

„Nur in dem Falle, dass es gelingt, den Bauern die Vorzüge der gesellschaftlichen, kollektiven, gemeinschaftlichen, artelmäßigen Bodenbestellung in der Praxis vor Augen zu führen, nur wenn es gelingt, dem Bauern mittels der gemeinschaftlichen, der Artelwirtschaft zu helfen, nur dann wird die Arbeiterklasse, die die Staatsmacht in der Hand hat, den Bauern wirklich den Beweis erbringen, dass sie im Rechte ist, und die Millionenmassen der Bauern fest und wirklich auf ihre Seite ziehen. Die Bedeutung jeder Art von Betrieben, die die genossenschaftliche und artelmäßige Landwirtschaft fördern, kann daher schwerlich überschätzt werden. Wir haben Millionen zersplitterter, in den entlegensten Winkeln zerstreuter Dörfer, einzelner Wirtschaften... Nur wenn praktisch, durch die Erfahrung, die den Bauern zugänglich ist, erwiesen sein wird, dass der Übergang zur genossenschaftlichen, artelmäßigen Landwirtschaft notwendig und möglich ist, nur dann werden wir das Recht haben zu sagen, dass in einem so riesigen Bauernland wie Rußland ein ernster Schritt auf dem Wege zur sozialistischen Landwirtschaft getan worden ist.“' (4. Ausgabe, Bd. 30, S. 173/174 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 629/630].)

Das sind die Weisungen Lenin s.

Von diesen Weisungen Lenin s ausgehend, beschloss der XV. Parteitag unserer Partei[4] in seiner Resolution „Über die Arbeit auf dem Lande“:

„In der gegenwärtigen Periode muss die Aufgabe der Vereinigung und Umgestaltung der kleinen individuellen Bauernwirtschaften zu großen Kollektiven als die Hauptaufgabe der Partei auf dem Lande angesehen werden.“[5]

So, Genossen, ist es um die Frage der Sozialisierung der Landwirtschaft in unserem Lande bestellt.

Unsere Pflicht ist es, diese Weisungen zu erfüllen.

Zum erstenmal veröffentlicht.

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