"Stalin"

Werke

Band 11

REDE AUF DEM VIII. KONGRESS
DES Lenin SCHEN KOMMUNISTISCHEN
JUGENDVERBANDS DER SOWJETUNION[15]

16. Mai 1928

Genossen! Im Allgemeinen ist es üblich, auf Kongressen über Errungenschaften zu sprechen. Kein Zweifel, dass wir Errungenschaften haben. Sie, diese Errungenschaften, sind natürlich nicht klein, und es besteht kein Grund, sie zu verheimlichen. Aber, Genossen, in letzter Zeit hat man bei uns begonnen, so viel und zuweilen bis zum Überdruss über Errungenschaften zu reden, dass einem jede Lust vergeht, Gesagtes zu wiederholen. Gestatten Sie mir daher, die übliche Ordnung zu durchbrechen und Ihnen ein paar Worte nicht über unsere Errungenschaften zu sagen, sondern über unsere Schwächen und über unsere Aufgaben im Zusammenhang mit diesen Schwächen.

Ich denke dabei an die Aufgaben, Genossen, die sich auf unseren inneren Aufbau beziehen.

Diese Aufgaben betreffen drei Fragen: die Frage der Linie unserer politischen Arbeit, die Frage der Hebung der Aktivität der breiten Volksmassen im allgemeinen, der Arbeiterklasse im besonderen, sowie des Kampfes gegen den Bürokratismus und schließlich die Frage der Heranbildung neuer Kader für unseren wirtschaftlichen Aufbau.

I
STÄRKT DIE KAMPFBEREITSCHAFT DER ARBEITERKLASSE

Beginnen wir mit der ersten Frage. Ein charakteristischer Zug der gegenwärtigen Lage besteht darin, dass wir nun schon fünf Jahre lang unter Bedingungen einer friedlichen Entwicklung aufbauen. Ich spreche von friedlicher Entwicklung nicht nur in dem Sinne, dass wir keinen Krieg mit auswärtigen Feinden haben, sondern auch in dem Sinne, dass es keine Elemente des Bürgerkriegs im Innern des Landes gibt. Das eben nennen wir Bedingungen einer friedlichen Entwicklung unseres Aufbaus.

Sie wissen, dass wir drei Jahre lang gegen die Kapitalisten der ganzen Welt Krieg geführt haben, um uns diese Bedingungen einer friedlichen Entwicklung zu erkämpfen. Sie wissen, dass wir uns diese Bedingungen erkämpft haben, und wir halten das für unsere größte Errungenschaft. Aber, Genossen, jede Errungenschaft, darunter auch diese Errungenschaft, hat auch ihre negativen Seiten. Die Bedingungen des friedlichen Aufbaus sind nicht ohne Auswirkungen für uns geblieben. Sie haben unserer Arbeit, unseren Funktionären, deren Mentalität ihren Stempel aufgedrückt. Wir sind in diesen fünf Jahren glatt vorangekommen, wie auf Schienen. Im Zusammenhang damit ist bei einer Reihe unserer Funktionäre die Stimmung aufgekommen, alles werde wie geölt gehen, wir säßen sozusagen in einem Extrazug und führen, ohne umzusteigen, direkt in den Sozialismus hinein.

Auf diesem Boden ist die Theorie des „Selbstlaufs“ entstanden, die Theorie des „Aufs-Glück-Vertrauens“, die Theorie, dass „sich alles von selbst einrenken wird“, dass es bei uns keine Klassen gäbe, dass sich unsere Feinde beruhigt hätten und dass bei uns alles wie am Schnürchen gehen werde. Daher ein gewisser Hang zur Trägheit, zum Schlummern. Und diese Schlummerpsychologie, diese Psychologie des „Selbstlaufs“ in der Arbeit - das eben ist die negative Seite der friedlichen Entwicklungsperiode.

Worin besteht die Gefahr solcher Stimmungen? Darin, dass sie der Arbeiterklasse den Blick trüben, sie hindern, ihre Feinde zu erkennen, dass die Arbeiterklasse mit prahlerischen Reden über die Schwäche unserer Feinde eingelullt und ihre Kampfbereitschaft geschwächt wird.

Man darf sich nicht damit zufrieden geben, dass wir in der Partei eine Million Mitglieder haben, im Kommunistischen Jugendverband zwei Millionen, in den Gewerkschaften zehn Millionen, und glauben, dass damit alles für den endgültigen Sieg über die Feinde gesichert sei. Das wäre falsch, Genossen. Die Geschichte lehrt, dass die größten Armeen zugrunde gingen, wenn sie überheblich wurden, zu sehr auf die eigenen Kräfte vertrauten, die Kraft der Feinde zuwenig in Rechnung stellten, sich dem Schlummer hingaben, die Kampfbereitschaft einbüßten und im kritischen Moment überrumpelt wurden.

Die größte Partei kann überrumpelt werden, die größte Partei kann zugrunde gehen, wenn sie die Lehren der Geschichte nicht beherzigt, wenn sie nicht tagaus, tagein die Kampfbereitschaft ihrer Klasse stählt. Überrumpelt zu werden - das ist sehr gefährlich, Genossen. Überrumpelt werden bedeutet ein Opfer von „Überraschungen“ werden, ein Opfer der Panik vor dem Feind. Panik aber führt zum Zerfall, zur Niederlage, zum Untergang.

Ich könnte Ihnen viele Beispiele erzählen aus dem Leben unserer Armeen in der Zeit des Bürgerkriegs, als kleine Abteilungen große Truppenverbände zerschlugen, wenn diese Truppenverbände nicht die genügende Kampfbereitschaft besaßen. Ich könnte Ihnen erzählen, wie im Jahre 1920 drei Reiterdivisionen mit nicht weniger als 5000 Mann von einem einzigen Infanteriebataillon zerschlagen und in chaotische Flucht getrieben wurden allein, weil die überrumpelten Reiterdivisionen in Panik gerieten vor einem Feind, den sie nicht kannten, der äußerst gering war an Zahl und mit dem sie mit einem Schlage hätten fertig werden können, wenn diese Divisionen nicht geschlafen hätten und dann nicht in Panik, in Verwirrung geraten wären.

Das gleiche gilt für unsere Partei, für unseren Kommunistischen Jugendverband, für unsere Gewerkschaften, für unsere Kräfte überhaupt. Es ist nicht wahr, dass es bei uns bereits keine Klassenfeinde mehr gäbe, dass sie zerschlagen und liquidiert seien. Nein, Genossen, Klassenfeinde gibt es bei uns. Und es gibt sie nicht nur, sondern sie wachsen und versuchen, gegen die Sowjetmacht vorzugehen.

Davon zeugen unsere Beschaffungsschwierigkeiten im Winter dieses Jahres, als die kapitalistischen Elemente des Dorfes die Politik der Sowjetmacht zu durchkreuzen versuchten.

Davon zeugt die Schachty-Affäre, die ein Ausdruck ist für das gemeinsame Vorgehen des internationalen Kapitals und der Bourgeoisie unseres Landes gegen die Sowjetmacht.

Davon zeugen zahlreiche Tatsachen aus dem Gebiet der Innen- und der Außenpolitik, die Ihnen bekannt sind und auf die ich hier nicht weiter einzugehen brauche.

Man darf über diese Feinde der Arbeiterklasse nicht schweigen. Die Kräfte der Klassenfeinde der Arbeiterklasse zu unterschätzen wäre ein Verbrechen. Man darf über all das nicht schweigen, besonders jetzt, in der Periode unserer friedlichen Entwicklung, da die Schlummertheorie, die Theorie des „Selbstlaufs', die die Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse schwächt, einen verhältnismäßig günstigen Boden findet.

Die gewaltige erzieherische Bedeutung der Beschaffungskrise und der Schachty-Affäre besteht darin, dass sie alle unsere Organisationen aufgerüttelt, die Theorie des „Selbstlaufs“ untergraben und ein übriges Mal das Vorhandensein von Klassenfeinden unterstrichen haben, die es gibt, die nicht schlafen und gegen die die Kräfte der Arbeiterklasse, ihre Wachsamkeit, ihr revolutionärer Geist, ihre Kampfbereitschaft gestärkt werden müssen.

Daher die dringliche Aufgabe der Partei, die politische Linie ihrer tagtäglichen Arbeit: Hebung der Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse gegen ihre Klassenfeinde.

Man muss feststellen, dass der gegenwärtige Kongress des Kommunistischen Jugendverbands und besonders die „Komsomolskaja Prawda“ heute näher denn je an diese Aufgabe herangekommen sind. Sie wissen, dass in den Ausführungen der Redner ebenso wie in den Artikeln der „Komsomolskaja Prawda“ die Wichtigkeit dieser Aufgabe betont wird. Das ist sehr gut, Genossen. Nur ist es notwendig, diese Aufgabe nicht als eine zeitweilige und vorübergehende Aufgabe zu betrachten, denn die Aufgabe, die Kampfbereitschaft des Proletariats zu stärken, ist eine Aufgabe, von der unsere ganze Arbeit durchdrungen sein muss, solange es in unserem Lande Klassen gibt und solange die kapitalistische Umkreisung besteht.

II
ORGANISIERT DIE MASSENKRITIK VON UNTEN

Die zweite Frage betrifft die Aufgabe des Kampfes gegen den Bürokratismus, die Aufgabe der Organisierung einer Massenkritik an unseren Mängeln, die Aufgabe der Organisierung einer Massenkontrolle von unten.

Einer der schlimmsten Feinde unseres Vormarsches ist der Bürokratismus. Er lebt in allen unseren Organisationen - sowohl in den Parteiorganisationen als auch in den Organisationen des Kommunistischen Jugendverbands, sowohl in den Gewerkschaftsorganisationen als auch in den Wirtschaftsorganisationen. Wenn man von Bürokraten spricht, so weist man in der Regel mit dem Finger auf die alten parteilosen Beamten, die in unseren Karikaturen gewöhnlich als Leute mit einer Brille dargestellt werden. (Heiterkeit.) Das ist nicht ganz richtig, Genossen. Wenn es sich nur um die alten Bürokraten handelte, so wäre der Kampf gegen den Bürokratismus die leichteste Sache der Welt. Das Schlimme ist, dass es sich nicht um die alten Bürokraten handelt. Es handelt sich um die neuen Bürokraten, Genossen, es handelt sich um Bürokraten, die mit der Sowjetmacht sympathisieren, es handelt sich schließlich um Bürokraten aus den Reihen der Kommunisten. Der kommunistische Bürokrat ist der gefährlichste Typ des Bürokraten. Warum? Weil er seinen Bürokratismus mit seiner Parteimitgliedschaft maskiert. Und solche kommunistischen Bürokraten gibt es bei uns leider nicht wenig.

Nehmen Sie unsere Parteiorganisationen. Sie haben sicher von der Smolensker Affäre, von der Artjomowsker Affäre usw. gelesen. Ist das vielleicht ein Zufall? Woraus erklären sich diese schändlichen Fälle moralischer Zersetzung und moralischen Verfalls in einigen Gliedern unserer Parteiorganisationen? Daraus, dass dort das Monopol der Partei ad absurdum geführt, die Stimme der Massen erstickt, die innerparteiliche Demokratie beseitigt und Bürokratismus gezüchtet wurde. Wie ist dieses Übel zu bekämpfen? Ich bin der Meinung, dass es keine anderen Mittel gegen dieses Übel gibt noch geben kann als die Organisierung der Kontrolle durch die Parteimassen von unten, als die Entfaltung der innerparteilichen Demokratie. Was lässt sich dagegen einwenden, dass gegen diese demoralisierten Elemente der Zorn der Parteimassen entfacht und ihnen die Möglichkeit gegeben wird, solche Elemente zum Teufel zu jagen? Es lässt sich dagegen schwerlich etwas einwenden.

Oder nehmen wir zum Beispiel den Kommunistischen Jugendverband. Sie werden natürlich nicht leugnen, dass es im Kommunistischen Jugendverband hier und da völlig demoralisierte Elemente gibt, gegen die unbedingt ein schonungsloser Kampf geführt werden muss. Doch lassen wir die demoralisierten Elemente. Nehmen wir den letzten Fall eines prinzipienlosen Gruppenkampfes innerhalb des Kommunistischen Jugendverbands, in dessen Mittelpunkt einzelne Personen stehen, eines Kampfes, der die Atmosphäre im Kommunistischen Jugendverband vergiftet. Wie ist es zu erklären, dass man „Kossarewisten“ und „Sobolewisten“ im Kommunistischen Jugendverband in beliebiger Anzahl finden kann, während man Marxisten mit der Laterne in der Hand suchen muss? (Beifall.) Wovon zeugt diese Tatsache, wenn nicht davon, dass in einigen Gliedern der Spitzengruppe des Kommunistischen Jugendverbands ein Prozess bürokratischer Verknöcherung vor sich geht?

Und die Gewerkschaften? Wer wird leugnen, dass es Bürokratismus in den Gewerkschaften mehr als genug gibt? Wir haben Produktionsberatungen in den Betrieben. Wir haben zeitweilige Kontrollkommissionen bei den Gewerkschaften. Die Aufgabe dieser Organisationen besteht darin, die Massen zu wecken, unsere Mängel aufzudecken und Wege zur Verbesserung unseres Aufbaus aufzuzeigen. Warum entwickeln sich diese Organisationen bei uns nicht? Warum sind sie nicht von pulsierendem Leben erfüllt? Ist es nicht klar, dass der Bürokratismus in den Gewerkschaften zuzüglich des Bürokratismus in den Parteiorganisationen diese wichtigen Organisationen der Arbeiterklasse daran hindern, sich zu entwickeln?

Schließlich unsere Wirtschaftsorganisationen. Wer wird leugnen, dass unsere Wirtschaftsorgane an Bürokratismus kranken? Nehmen Sie nur die Schachty-Affäre. Zeugt denn die Schachty-Affäre nicht davon, dass unsere Wirtschaftsorgane nicht vorwärts schreiten, sondern kriechen, sich mühsam dahinschleppen?

Wie kann dem Bürokratismus in allen diesen Organisationen ein Ende bereitet werden?

Es gibt hierfür nur einen einzigen Weg - die Organisierung der Kontrolle von unten, die Organisierung der Kritik der Millionenmassen der Arbeiterklasse gegen den Bürokratismus in unseren Institutionen, gegen ihre Mängel, gegen ihre Fehler.

Ich weiß, dass wir, wenn wir den Zorn der werktätigen Massen gegen die bürokratischen Auswüchse in unseren Organisationen entfachen, mitunter genötigt sind, einige unserer Genossen anzutasten, die in der Vergangenheit Verdienste hatten, jetzt aber an der Krankheit des Bürokratismus leiden. Kann uns das aber etwa davon abhalten, die Kontrolle von unten zu organisieren? Ich denke, das kann es nicht und darf es nicht. Für die alten Verdienste soll man sich vor ihnen verneigen, für die neuen Fehler und für den Bürokratismus aber sollte man ihnen tüchtig eins drauf geben. (Heiterkeit, Beifall.) Wie kann es denn anders sein? Warum sollte man das nicht tun, wenn es die Interessen der Sache erfordern?

Man spricht über Kritik von oben, über Kritik seitens der Arbeiter- und Bauerninspektion, seitens des ZK unserer Partei usw. All das ist natürlich gut. Aber es ist bei weitem nicht genug. Mehr noch, das ist jetzt gar nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist jetzt, gegen den Bürokratismus überhaupt, gegen die Mängel in unserer Arbeit insbesondere, eine breite Welle der Kritik von unten auszulösen. Nur wenn wir erreichen, dass der Druck von zwei Seiten erfolgt - sowohl von oben als auch von unten -, nur wenn das Schwergewicht auf die Kritik von unten verlegt wird, wird man auf Erfolge im Kampf und auf die Ausrottung des Bürokratismus rechnen können.

Es wäre falsch, zu glauben, dass nur die Führer über Erfahrungen im Aufbau verfügen. Das stimmt nicht, Genossen. Die Millionenmassen der Arbeiter, die unsere Industrie aufbauen, sammeln tagaus, tagein gewaltige Erfahrungen im Aufbau, die für uns nicht weniger wertvoll sind als die Erfahrungen der Führer. Die Massenkritik von unten, die Kontrolle von unten brauchen wir unter anderem deshalb, damit diese Erfahrungen der Millionenmassen nicht verloren gehen, damit sie berücksichtigt und in die Tat umgesetzt werden.

Daher die dringliche Aufgabe der Partei: Schonungsloser Kampf gegen den Bürokratismus, Organisierung der Massenkritik von unten, Berücksichtigung dieser Kritik in den praktischen Beschlüssen über die Beseitigung unserer Mängel.

Man kann nicht sagen, dass der Kommunistische Jugendverband und insbesondere die „Komsomolskaja Prawda“ der Wichtigkeit dieser Aufgabe nicht Rechnung trügen. Der Mangel besteht hier darin, dass die Erfüllung dieser Aufgabe häufig nicht zu Ende geführt wird. Um sie aber zu Ende zu führen, muss man nicht nur die Kritik berücksichtigen, sondern auch die Resultate der Kritik, auch die Verbesserungen, die im Ergebnis der Kritik eingeführt werden.

III
DIE JUGEND
MUSS DIE WISSENSCHAFT MEISTERN

Die dritte Aufgabe betrifft die Frage der Heranbildung neuer Kader für den sozialistischen Aufbau.

Wir stehen, Genossen, vor den gewaltigen Aufgaben der Umgestaltung unserer gesamten Volkswirtschaft. In der Landwirtschaft müssen wir das Fundament einer zusammengeschlossenen gesellschaftlichen Großwirtschaft legen. Aus dem heute veröffentlichten Schreiben des Genossen Molotow[16] muss Ihnen bekannt sein, dass die Sowjetmacht sich die überaus schwierige Aufgabe stellt, die kleinen, zersplitterten Bauernwirtschaften zu Kollektiven zusammenzuschließen und neue große Getreidesowjetwirtschaften zu schaffen. Es sind dies Aufgaben, ohne deren Lösung ein ernstlicher und schneller Vormarsch unmöglich ist.

Während sich die Sowjetmacht in der Industrie auf die höchstkonzentrierte Großproduktion stützt, stützt sie sich in der Landwirtschaft auf den in höchstem Grade zersplitterten kleinen bäuerlichen Wirtschaftsbetrieb, der nur zur Hälfte Warenwirtschaft ist und der weit weniger Warengetreide liefert als die Vorkriegswirtschaft, obwohl die Aussaatflächen den Vorkriegsstand erreicht haben. Das ist die Grundlage für alle möglichen Schwierigkeiten, die künftig bei der Getreidebeschaffung auftreten können. Um aus dieser Lage herauszukommen, muss man energisch an die Organisierung einer gesellschaftlichen Großproduktion in der Landwirtschaft gehen. Um aber eine Großwirtschaft zu organisieren, muss man die Wissenschaft von der Landwirtschaft beherrschen. Um sie aber zu beherrschen, muss man lernen. Indes ist die Zahl derjenigen, die die Wissenschaft von der Landwirtschaft beherrschen, bei uns unerhört gering. Daher die Aufgabe, neue, junge Kader von Baumeistern für die neue, gesellschaftliche Landwirtschaft heranzubilden.

In der Industrie steht es bei uns viel besser. Aber auch hier hemmt der Mangel an neuen Kadern von Baumeistern unseren Vormarsch. Man braucht sich nur die Schachty-Affäre ins Gedächtnis zu rufen, um zu verstehen, wie brennend die Frage neuer Kader von Baumeistern für die sozialistische Industrie ist. Gewiss, wir haben alte Spezialisten für den Aufbau der Industrie. Aber erstens haben wir ihrer nur wenig, zweitens sind nicht alle von ihnen gewillt, die neue Industrie aufzubauen, drittens verstehen viele von ihnen nicht die neuen Aufgaben des Aufbaus, viertens ist ein beträchtlicher Teil von ihnen inzwischen alt geworden und scheidet aus. Um die Sache voranzubringen, müssen wir in beschleunigtem Tempo neue Kader von Spezialisten aus den Reihen der Arbeiterklasse, der Kommunisten, der Jungkommunisten schaffen.

Menschen, die gern aufbauen und den Aufbau leiten möchten, haben wir zur Genüge, sowohl auf dem Gebiet der Landwirtschaft als auch auf dem Gebiet der Industrie. Aber Menschen, die aufzubauen und zu leiten verstehen, haben wir unerhört wenig. Im Gegenteil, Ignorantentum auf diesem Gebiet gibt es bei uns noch und noch. Mehr als das, es gibt bei uns Leute, die bereit sind, unsere kulturelle Rückständigkeit zu verherrlichen. Bist du Analphabet oder schreibst du falsch und brüstest dich mit deiner Rückständigkeit, so bist du ein Arbeiter „von der Werkbank“, so genießt du Ehre und Achtung. Hast du aber die kulturelle Rückständigkeit überwunden, hast du lesen und schreiben gelernt, hast du die Wissenschaft gemeistert, so bist du ein Fremdling, so hast du dich von den Massen „losgelöst“, hast aufgehört, ein Arbeiter zu sein.

Ich denke, dass wir nicht einen Schritt vorwärtskommen werden, solange wir diese Barbarei und Wildheit, diese barbarische Einstellung zur Wissenschaft und zu gebildeten Menschen nicht ausgemerzt haben. Die Arbeiterklasse kann nicht zum wirklichen Herrn des Landes werden, wenn sie es nicht versteht, ihre kulturelle Rückständigkeit zu überwinden, wenn sie es nicht versteht, eine eigene Intelligenz heranzubilden, wenn sie die Wissenschaft nicht meistert und wenn sie es nicht versteht, die Wirtschaft auf wissenschaftlicher Grundlage zu leiten.

Man muss begreifen, Genossen, dass die Kampfbedingungen jetzt andere sind als in der Periode des Bürgerkriegs. In der Periode des Bürgerkriegs konnte man die Stellungen des Feindes im Sturm nehmen, durch Kühnheit, Verwegenheit, durch eine Kavallerieattacke. Heute, unter den Bedingungen des friedlichen Aufbaus der Wirtschaft, können Kavallerieattacken die Sache nur verderben. Kühnheit und Verwegenheit braucht man auch jetzt, genauso wie früher. Aber mit Kühnheit und Verwegenheit allein kommt man nicht weit. Um jetzt den Feind zu besiegen, muss man es verstehen, die Industrie, die Landwirtschaft, das Verkehrswesen, den Handel aufzubauen, muss man der hoffärtigen und überheblichen Einstellung zum Handel entsagen.

Um aufzubauen, muss man etwas wissen, muss man die Wissenschaft meistern. Um aber etwas zu wissen, muss man lernen. Beharrlich, geduldig lernen. Bei allen lernen - sowohl bei den Feinden als auch bei den Freunden, besonders bei den Feinden. Lernen mit zusammengebissenen Zähnen, ohne Furcht, dass die Feinde über uns, über unsere Unwissenheit, über unsere Rückständigkeit lachen werden.

Vor uns steht eine Festung. Ihr Name, der Name dieser Festung, ist Wissenschaft mit ihren zahlreichen Wissenszweigen. Diese Festung müssen wir um jeden Preis nehmen. Diese Festung muss die Jugend nehmen, wenn sie der Erbauer eines neuen Lebens sein, wenn sie zu einem wirklichen Nachwuchs der alten Garde werden will.

Wir können uns jetzt nicht auf die Heranbildung kommunistischer Kader überhaupt, bolschewistischer Kader überhaupt beschränken, die über alles ein wenig zu schwätzen verstehen. Dilettantismus und Alleswisserei sind jetzt Fesseln für uns. Was wir jetzt brauchen, sind bolschewistische Spezialisten für die Metallindustrie, die Textilindustrie, die Brennstoffindustrie, für Chemie, für die Landwirtschaft, das Verkehrswesen, den Handel, für Buchhaltung usw. usf. Wir brauchen jetzt ganze Gruppen, Hunderte und Tausende neuer Kader aus den Reihen der Bolschewiki, die auf den verschiedensten Wissensgebieten ihr Fach beherrschen. Ohne das kann von einem schnellen Tempo des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande gar keine Rede sein. Ohne das kann gar keine Rede davon sein, dass wir die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder werden einholen und überholen können.

Die Wissenschaft meistern, neue Kader bolschewistischer Spezialisten in allen Wissenszweigen schmieden, lernen, lernen, mit größter Beharrlichkeit lernen - das ist jetzt die Aufgabe.

Ein Massenfeldzug der revolutionären Jugend für die Meisterung der Wissenschaft - das ist es, was wir jetzt brauchen, Genossen. (Stürmischer Beifall, Rufe: „Hurra!“, „Bravo!“ Alle erheben sich von den Plätzen.)

„Prawda“ Nr. 113,
17. Mai 1928.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis