"Stalin"

Werke

Band 11

AN DER GETREIDEFRONT

Aus einer Unterredung mit Studenten des Instituts der Roten Professur,
der Kommunistischen Akademie und der Swerdlow-Universität
28. Mai 1928

Frage. Was ist bei unseren Schwierigkeiten in der Getreidefrage als das Grundlegende zu betrachten? Worin besteht der Ausweg aus diesen Schwierigkeiten? Welche Schlussfolgerungen sind aus diesen Schwierigkeiten für das Entwicklungstempo unserer Industrie überhaupt, insbesondere vom Standpunkt des Wechselverhältnisses zwischen der Leicht- und der Schwerindustrie zu ziehen?

Antwort. Auf den ersten Blick könnte es scheinen, dass unsere Getreideschwierigkeiten zufälliger Natur seien, dass sie nur das Ergebnis schlechter Planung, nur das Ergebnis einer Reihe von Fehlern bei der Bilanzierung der Wirtschaft seien.

Das kann aber nur auf den ersten Blick so scheinen. In Wirklichkeit liegen die Ursachen der Schwierigkeiten hier viel tiefer. Dass schlechte Planung und Fehler bei der Bilanzierung der Wirtschaft hier eine bedeutende Rolle spielten, darüber kann kein Zweifel bestehen. Aber alles mit schlechter Planung und zufälligen Fehlern erklären wollen heißt in den gröbsten Fehler verfallen. Es wäre verfehlt, die Rolle und Bedeutung der Planung zu unterschätzen. Doch wäre es ein noch größerer Fehler, die Rolle des Planprinzips zu übertreiben, in der Annahme, dass wir schon eine Entwicklungsstufe erreicht haben, auf der es möglich ist, alles und jedes zu planen und zu regulieren.

Man darf nicht vergessen, dass es außer Elementen, auf die wir planmäßig einwirken können, in unserer Volkswirtschaft auch andere Elemente gibt, die sich vorläufig der Planung entziehen, dass es schließlich auch Klassen gibt, die uns feindlich gegenüberstehen und die nicht einfach durch die Planarbeit der Staatlichen Plankommission überwunden werden können.

Deshalb glaube ich, dass man nicht alles auf einfachen Zufall, auf Fehler der Planung usw. zurückführen kann.

Worin besteht also die Grundlage unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront?

Die Grundlage unserer Getreideschwierigkeiten besteht darin, dass die Produktion von Warengetreide bei uns langsamer wächst als die Nachfrage nach Getreide.

Es wächst die Industrie. Es wächst die Zahl der Arbeiter. Es wachsen die Städte. Es wachsen schließlich die Gebiete, die gewerbliche Rohstoffe (Baumwolle, Flachs, Zuckerrüben usw.) erzeugen und eine Nachfrage nach Warengetreide geltend machen. All das führt zu einem raschen Anwachsen der Nachfrage nach Getreide, nach Warengetreide. Die Produktion von Warengetreide wächst aber in einem ungeheuer langsamen Tempo.

Man kann nicht behaupten, dass die Menge des beschafften Getreides, über das der Staat verfügt, in diesem Jahr geringer gewesen sei als im letzten oder vorletzten Jahr. Im Gegenteil, in diesem Jahr hatte der Staat weit mehr Getreide in den Händen als in den vergangenen Jahren. Und dennoch stehen wir vor Getreideschwierigkeiten.

Hier einige Zahlen. Im Jahre 1925/26 konnten wir bis zum 1. April 434 Millionen Pud Getreide beschaffen. Davon haben wir 123 Millionen Pud ins Ausland ausgeführt. Es blieben also 311 Millionen Pud beschafften Getreides im Lande. Im Jahre 1926/27 hatten wir zum 1. April 596 Millionen Pud beschafften Getreides. Davon haben wir 153 Millionen Pud ins Ausland ausgeführt. Im Lande blieben 443 Millionen Pud beschafften Getreides. Im Jahre 1927/28 hatten wir zum 1. April 576 Millionen Pud beschafften Getreides. Davon haben wir 27 Millionen Pud ins Ausland ausgeführt. Im Lande blieben 549 Millionen Pud beschafften Getreides.

Mit anderen Worten, wir hatten in diesem Jahr zum 1. April für den Bedarf des Landes um 100 Millionen Pud mehr beschafften Getreides als im letzten und um 230 Millionen Pud mehr als im vorletzten Jahr. Und dennoch haben wir in diesem Jahr Schwierigkeiten an der Getreidefront.

Ich habe in einem meiner Referate bereits gesagt, dass diese Schwierigkeiten von den kapitalistischen Elementen des Dorfes und vor allem von den Kulaken dazu ausgenutzt wurden, die sowjetische Wirtschaftspolitik zu hintertreiben. Sie wissen, dass die Sowjetmacht eine Reihe von Maßnahmen getroffen hat, die das Ziel verfolgen, dem sowjetfeindlichen Vorgehen des Kulakentums ein Ende zu machen. Ich werde deshalb hier nicht näher darauf eingehen. Mich interessiert in diesem Fall eine andere Frage. Ich meine die Frage nach den Ursachen des langsamen Anwachsens der Produktion von Warengetreide, die Frage, dass die Produktion von Warengetreide bei uns langsamer wächst als die Nachfrage nach Getreide, obwohl wir bereits die Vorkriegsnormen der Anbauflächen und der Bruttoproduktion an Getreide erreicht haben.

Und wirklich, ist es nicht Tatsache, dass wir die Vorkriegsnormen der Anbauflächen bereits erreicht haben? Ja, das ist Tatsache. Ist es etwa nicht Tatsache, dass die Bruttoproduktion an Getreide bereits im vergangenen Jahr die Vorkriegsnorm, das heißt 5 Milliarden Pud, erreicht hat? Ja, das ist Tatsache. Wodurch ist es dann zu erklären, dass wir trotz dieser Umstände nur halb soviel Warengetreide produzieren wie vor dem Kriege und nur etwa ein Zwanzigstel der Vorkriegsmenge exportieren?

Dies erklärt sich vor allem und hauptsächlich durch die Veränderung, die die Struktur unserer Landwirtschaft im Ergebnis der Oktoberrevolution erfahren hat, durch den Übergang von der gutsherrlichen und kulakischen Großwirtschaft, die die größte Menge an Warengetreide lieferte, zur klein- und mittelbäuerlichen Wirtschaft, die die geringste Menge an Warengetreide liefert. Allein die Tatsache, dass wir vor dem Kriege 15-16 Millionen individueller Bauernwirtschaften hatten, jetzt hingegen 24-25 Millionen Bauernwirtschaften haben, schon allein diese Tatsache besagt, dass die Hauptbasis unserer Landwirtschaft gegenwärtig die kleine Bauernwirtschaft ist, die ein Minimum an Warengetreide liefert.

Die Stärke des landwirtschaftlichen Großbetriebs, ob es sich nun um eine gutsherrliche, kulakische oder kollektive Wirtschaft handelt, besteht darin, dass der Großbetrieb die Möglichkeit hat, Maschinen anzuwenden, wissenschaftliche Errungenschaften auszunutzen, Kunstdünger anzuwenden, die Arbeitsproduktivität zu steigern und auf diese Weise die größte Menge an Warengetreide zu liefern. Und umgekehrt liegt die Schwäche der kleinen Bauernwirtschaft darin, dass ihr diese Möglichkeiten fehlen oder nahezu fehlen, sie daher zur Hälfte Verbrauchswirtschaft ist mit einer geringen Warenproduktion.

Nehmen wir zum Beispiel die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften. Sie liefern bei uns 47,2 Prozent ihrer gesamten Bruttoproduktion als Warengetreide. Mit anderen Worten, sie liefern verhältnismäßig mehr Warengetreide als die gutsherrliche Wirtschaft in der Vorkriegszeit. Und die klein- und mittelbäuerlichen Wirtschaften? Sie liefern bei uns insgesamt nur 11,2 Prozent ihrer Gesamtproduktion als Warengetreide. Der Unterschied spricht, wie Sie sehen, eine recht deutliche Sprache.

Hier einige Zahlen, die ein klares Bild von der Struktur der Getreideproduktion in der Vergangenheit, in der Periode vor dem Kriege, und in der Gegenwart, in der Periode nach der Oktoberrevolution, geben. Diese Zahlen stammen von Genossen Nemtschinow, Mitglied des Kollegiums der Statistischen Zentralverwaltung. Diese Zahlen erheben keinen Anspruch auf Genauigkeit, wie der Vorbehalt des Genossen Nemtschinow in dessen Memorandum besagt, sie geben lediglich die Möglichkeit, annähernde Berechnungen anzustellen. Doch genügen diese Zahlen durchaus, um den Unterschied zwischen der Vorkriegsperiode und der Periode nach dem Oktober hinsichtlich der Struktur der Getreideproduktion im Allgemeinen und der Produktion von Warengetreide im Besonderen zu verstehen.

 

Brutto-

 

 

Warengetreide

 

 

produktion

 

 

(Absatz außer-

 

 

an Getreide

 

 

halb des Dorfes

 

 

 

 

 

 

Anteil des

 

 

 

 

 

Waren-

 

 

 

 

 

getreides

 

in

in

in

in

in

 

Mill. Pud

Proz

Mill. Pud

Proz

Proz.

 

 

 

 

 

 

Vor dem Kriege:

 

 

 

 

 

1. Gutsbesitzer . . . . . . .

600,0

12,0

281,6

21,6

47,0

2. Kulaken . . . . . . . . . .

1900,0

38,0

650,0

50,0

34,0

3. Mittelbauern und arme

 

 

 

 

 

Bauern . . . . . . . . . .

2500,0

50,0

369,0

28,4

14,7

Insgesamt . . . . . . . .

5000,0

100,0

1300,6

100,0

26,0

 

 

 

 

 

 

Nach dem Kriege

 

 

 

 

 

(1926/27):

 

 

 

 

 

1. Sowjet- und Kollektivwirt-

 

 

 

 

 

schaften . . . . . . . . . . .

80,0

1,7

37,8

6,0

47,2

2. Kulaken . . . . . . . . . . .

617,0

13,0

126,0

20,0

20,0

3. Mittelbauern und arme

 

 

 

 

 

Bauern . . . . . . . . . . . .

4052,0

85,3

466,2

74,0

11,2

Insgesamt . . . . . . . . . .

4749,0

100,0

630,0

100,0

13,3

Was besagt diese Tabelle?

Sie besagt erstens, dass die Erzeugung der überwiegenden Menge des Getreides von den Gutsbesitzern und Kulaken an die Klein- und Mittelbauern übergegangen ist. Das bedeutet, dass die Klein- und Mittelbauern, nachdem sie sich vom Joch der Gutsbesitzer gänzlich befreit und die Kraft des Kulakentums im wesentlichen untergraben haben, die Möglichkeit erhielten, ihre materielle Lage gründlich zu verbessern. Das ist ein Ergebnis der Oktoberrevolution. Darin vor allem kommt der entscheidende Gewinn zum Ausdruck, den die Oktoberrevolution den Hauptmassen der Bauernschaft gebracht hat.

Sie besagt zweitens, dass das Warengetreide bei uns in der Hauptsache im Besitz der Klein- und vor allem der Mittelbauern ist. Das bedeutet, dass die UdSSR nicht nur vom Standpunkt der Bruttoproduktion an Getreide, sondern auch vom Standpunkt der Produktion von Warengetreide im Ergebnis der Oktoberrevolution zu einem Lande der kleinbäuerlichen Wirtschaft, der Mittelbauer aber zur „zentralen Figur“ der Landwirtschaft geworden ist.

Sie besagt drittens, dass die Beseitigung der gutsherrlichen (Groß-) Wirtschaft, die Verringerung der kulakischen (Groß-)Wirtschaft auf weniger als ein Drittel und der Übergang zur kleinbäuerlichen Wirtschaft, mit einer Warenproduktion von nur 11 Prozent beim Fehlen einer einigermaßen entwickelten gesellschaftlichen Großwirtschaft auf dem Gebiet der Getreideproduktion (Kollektivwirtschaften, Sowjetwirtschaften) zu einem schroffen Rückgang der Produktion von Warengetreide im Vergleich zur Vorkriegszeit führen mussten und tatsächlich geführt haben. Es ist Tatsache, dass wir jetzt halb soviel Warengetreide haben, obwohl die Bruttoproduktion an Getreide die Vorkriegsnorm erreicht hat.

Das ist die Grundlage unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront. Das ist der Grund, weshalb man unsere Schwierigkeiten bei der Getreidebeschaffung nicht einfach als Zufall betrachten darf.

Zweifellos hat hier auch der Umstand eine gewisse negative Rolle gespielt, dass unsere Handelsorganisationen unnötigerweise die Getreideversorgung einer Reihe kleiner und mittlerer Städte übernommen haben, was die Getreidevorräte des Staates in gewissem Maße verringern musste. Es besteht aber kein Grund, daran zu zweifeln, dass die Grundlage unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront nicht in diesem Umstand besteht, sondern in der Tatsache der langsamen Entwicklung des Warenteils unserer landwirtschaftlichen Produktion bei einem gesteigerten Anwachsen der Nachfrage nach Warengetreide.

Wo ist der Ausweg aus dieser Lage?

Es gibt Leute, die den Ausweg aus dieser Lage in der Rückkehr zur Kulakenwirtschaft, in der Entwicklung und Entfaltung der Kulakenwirtschaft sehen. Diese Leute wagen es nicht, von einer Rückkehr zur Gutsherrenwirtschaft zu sprechen, da sie offensichtlich begreifen, dass es heutzutage gefährlich ist, von solchen Dingen zu schwatzen. Aber sie sprechen umso lieber von der Notwendigkeit, in jeder Weise die Entwicklung der Kulakenwirtschaft zu fördern, im Interesse... der Sowjetmacht. Diese Leute sind der Meinung, dass sich die Sowjetmacht gleichzeitig auf zwei entgegengesetzte Klassen stützen könnte - auf die Klasse der Kulaken, deren Wirtschaftsprinzip die Ausbeutung der Arbeiterklasse ist, und auf die Klasse der Arbeiter, deren Wirtschaftsprinzip die Beseitigung jeder Ausbeutung ist. Ein Kunststück, das eines Reaktionärs würdig ist.

Es bedarf keiner Beweise, dass diese reaktionären „Pläne“ nichts mit den Interessen der Arbeiterklasse, mit den Prinzipien des Marxismus, mit den Aufgaben des Lenin ismus gemein haben. Das Gerede, der Kulak sei „nicht schlimmer“ als der städtische Kapitalist, der Kulak stelle keineswegs eine größere Gefahr dar als der NÖP-Mann in der Stadt und wir hätten deswegen jetzt das Kulakentum nicht „zu fürchten“ - dieses Gerede ist leeres liberales Geschwätz, das die Wachsamkeit der Arbeiterklasse und der großen Massen der Bauernschaft einschläfert. Man darf nicht vergessen: Während wir in der Industrie dem kleinen Kapitalisten in der Stadt die sozialistische Großindustrie entgegensetzen können, die neun Zehntel der gesamten Masse der Industriewaren liefert, können wir der kulakischen Großproduktion im Dorfe auf dem Gebiet der Produktion nur die noch nicht erstarkten Kollektiv- und Sowjetwirtschaften entgegensetzen, die bloß den achten Teil des Getreides produzieren, das die Kulakenwirtschaften erzeugen. Die Bedeutung der kulakischen Großwirtschaft im Dorfe verkennen, die Tatsache verkennen, dass das spezifische Gewicht des Kulakentums im Dorfe hundertmal größer ist als das der kleinen Kapitalisten in der städtischen Industrie, das hieße den Verstand verlieren, mit dem Lenin ismus brechen, auf die Seite der Feinde der Arbeiterklasse überlaufen.

Wo ist also der Ausweg aus dieser Lage?

1. Der Ausweg besteht vor allem darin, von den kleinen, rückständigen und zersplitterten Bauernwirtschaften zu vereinigten, großen, gesellschaftlichen Wirtschaften überzugehen, die mit Maschinen versehen, mit den Errungenschaften der Wissenschaft ausgerüstet und imstande sind, ein Maximum an Warengetreide zu produzieren. Der Ausweg besteht im Übergang von der individuellen Bauernwirtschaft zum kollektiven, zum gesellschaftlichen Betrieb in der Landwirtschaft.

Lenin rief schon in den ersten Tagen der Oktoberrevolution die Partei zur Organisierung von Kollektivwirtschaften auf. Seither hat die Propaganda für die Idee der Kollektivwirtschaften bei uns in der Partei nicht aufgehört. Aber erst in der letzten Zeit hat der Aufruf zur Organisierung von Kollektivwirtschaften einen Massenwiderhall gefunden. Das erklärt sich vor allem dadurch, dass die umfassende Entwicklung des Genossenschaftswesens im Dorfe einen Umschwung in der Stimmung der Bauernschaft zugunsten der Kollektivwirtschaften vorbereitet hat, die Tatsache aber, dass es eine Reihe von Kollektivwirtschaften gibt, die bereits jetzt 150-200 Pud pro Deßjatine ernten und 30-40 Prozent Warengetreide liefern, hat bei der armen Bauernschaft und bei den unteren Schichten der Mittelbauernschaft einen ernsthaften Drang zu den Kollektivwirtschaften ausgelöst.

Von nicht geringer Bedeutung ist hier auch der Umstand, dass der Staat erst in letzter Zeit die Möglichkeit erlangt hat, die Kollektivierungsbewegung in bedeutendem Maße zu finanzieren. Es ist bekannt, dass der Staat in diesem Jahr doppelt soviel Geld für die Unterstützung der Kollektivwirtschaften zur Verfügung gestellt hat wie im Vorjahr (über 60 Millionen Rubel). Der XV. Parteitag hatte vollständig recht, als er erklärte, dass die Bedingungen für eine Massenbewegung zur Kollektivierung bereits herangereift sind, dass die Verstärkung der Kollektivierungsbewegung eins der wichtigsten Mittel zur Steigerung des Warenteils der Getreideproduktion des Landes ist.

Die Bruttoproduktion an Getreide betrug in den Kollektivwirtschaften im Jahre 1927 nach Angaben der Statistischen Zentralverwaltung nicht weniger als 55 Millionen Pud bei einem durchschnittlichen Warenteil der Produktion von 30 Prozent. Die ansteigende Welle der Bildung neuer Kollektivwirtschaften und die Erweiterung der alten zu Beginn dieses Jahres müssen bis Ende des Jahres eine bedeutende Steigerung der Getreideproduktion in den Kollektivwirtschaften ergeben. Die Aufgabe besteht darin, das gegenwärtige Entwicklungstempo der Kollektivierungsbewegung aufrechtzuerhalten, die Kollektivwirtschaften zu vergrößern, die fiktiven Kollektivwirtschaften aufzugeben, an ihrer Stelle wirkliche Kollektivwirtschaften zu schaffen und eine Ordnung festzulegen, bei der die Kollektivwirtschaften ihr gesamtes Warengetreide an die staatlichen und genossenschaftlichen Organisationen abzuliefern haben, widrigenfalls ihnen die staatlichen Subventionen und Kredite entzogen werden. Ich glaube, bei Einhaltung dieser Bedingungen könnten wir erreichen, dass wir von den Kollektivwirtschaften in 3-4 Jahren bis zu hundert Millionen Pud Warengetreide erhalten.

Manchmal stellt man die Kollektivierungsbewegung der Genossenschaftsbewegung entgegen, offensichtlich in der Annahme, dass die Kollektivwirtschaften und die Genossenschaften zwei verschiedene Dinge seien. Das ist natürlich falsch. Manche gehen sogar so weit, dass sie die Kollektivwirtschaften dem Genossenschaftsplan Lenin s entgegenstellen. Es erübrigt sich zu sagen, dass eine solche Entgegenstellung nichts mit der Wahrheit zu tun hat. In Wirklichkeit sind die Kollektivwirtschaften eine Art der Genossenschaften, und zwar die ausgeprägteste Art der Produktivgenossenschaften. Es gibt Einkaufs-, Verkaufs- und Produktivgenossenschaften. Die Kollektivwirtschaften sind ein untrennbarer Bestandteil der Genossenschaftsbewegung im Allgemeinen und des Lenin schen Genossenschaftsplans im Besonderen. Den Lenin schen Genossenschaftsplan durchführen heißt die Bauernschaft von der Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaft zur Produktivgenossenschaft, sozusagen zur kollektivwirtschaftlichen Genossenschaft emporheben. Dadurch übrigens erklärt sich die Tatsache, dass Kollektivwirtschaften bei uns erst als Folge der Entwicklung und Stärkung der Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften aufkamen und sich entwickelten.

2. Der Ausweg besteht zweitens darin, die alten Sowjetwirtschaften zu erweitern und zu festigen, neue große Sowjetwirtschaften zu organisieren und zu entwickeln. Nach Angaben der Statistischen Zentralverwaltung betrug die Bruttoproduktion an Getreide in den zur Zeit bestehenden Sowjetwirtschaften im Jahre 1927 nicht weniger als 45 Millionen Pud, bei einem Warenteil der Produktion von 65 Prozent. Zweifellos könnten die Sowjetwirtschaften bei einer bestimmten Unterstützung durch den Staat die Getreideproduktion bedeutend steigern.

Aber die Aufgabe beschränkt sich nicht darauf. Es besteht ein Beschluss der Sowjetregierung, wonach in Gebieten, in denen es keine bäuerlichen Wirtschaften gibt, neue große Sowjetwirtschaften (von je 10000 bis 30000 Deßjatinen) organisiert werden sollen, die in 5-6 Jahren an die 100 Millionen Pud Warengetreide liefern sollen. Die Organisierung solcher Sowjetwirtschaften wurde bereits in Angriff genommen. Es ist unsere Aufgabe, diesen Beschluss der Sowjetregierung um jeden Preis durchzuführen. Ich glaube, unter der Voraussetzung, dass diese Aufgaben erfüllt werden, könnten wir erreichen, dass wir in 3-4 Jahren von den alten und neuen Sowjetwirtschaften zusammen 80-100 Millionen Pud Warengetreide erhalten.

3. Der Ausweg besteht schließlich darin, die Ertragsfähigkeit der kleinen und mittleren individuellen Bauernwirtschaften systematisch zu heben. Wir können und dürfen die individuelle kulakische Großwirtschaft nicht unterstützen. Aber wir können und müssen die kleine und mittlere individuelle Bauernwirtschaft unterstützen, indem wir ihre Ertragsfähigkeit heben und sie in die Bahnen der genossenschaftlichen Organisation lenken. Diese Aufgabe ist alt und wurde bei uns mit besonderem Nachdruck bereits 1921 bei der Ersetzung der Ablieferungspflicht durch die Naturalsteuer proklamiert. Diese Aufgabe wurde von unserer Partei auf dem XIV.[18] und dem XV. Parteitag bestätigt. Die Wichtigkeit der Aufgabe wird jetzt durch die Schwierigkeiten an der Getreidefront unterstrichen. Deshalb muss diese Aufgabe mit derselben Beharrlichkeit erfüllt werden wie die beiden ersten Aufgaben, die die Kollektivwirtschaften und die Sowjetwirtschaften betreffen.

Alle Angaben sprechen dafür, dass es möglich ist, die Ertragsfähigkeit der Bauernwirtschaft im Laufe einiger Jahre um 15-20 Prozent zu heben. Gegenwärtig werden bei uns nicht weniger als 5 Millionen Hakenpflüge verwendet. Allein ihre Ersetzung durch Pflüge mit eiserner Schar könnte einen überaus bedeutenden Mehrertrag an Getreide im Lande ergeben.

Ich spreche schon gar nicht von der Belieferung der Bauernwirtschaften mit einem gewissen Minimum an Dünger, gereinigtem Saatgut, kleinen Maschinen usw. Die Methode der Kontrahierung, die Methode des Abschlusses von Verträgen mit ganzen Dörfern über ihre Belieferung mit Saatgut usw., wobei sie sich ihrerseits zur Ablieferung einer entsprechenden Menge von Getreide verpflichten - diese Methode ist das beste Mittel zur Hebung der Ertragsfähigkeit der Bauernwirtschaften und zur Einbeziehung der Bauern in die Genossenschaften. Ich glaube, dass wir bei ernster Arbeit in dieser Richtung von den kleinen und mittleren individuellen Bauernwirtschaften in 3-4 Jahren mindestens weitere 100 Millionen Pud Warengetreide zusätzlich erhalten könnten.

Auf diese Weise könnten wir, vorausgesetzt, dass alle diese Aufgaben erfüllt werden, in 3-4 Jahren weitere 250-300 Millionen Pud Warengetreide zusätzlich zur Verfügung des Staates haben, was mehr oder weniger ausreichen dürfte, um sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes entsprechend manövrieren zu können.

Das sind im Wesentlichen die Maßnahmen, die erforderlich sind, um die Schwierigkeiten an der Getreidefront zu beheben.

Diese grundlegenden Maßnahmen mit den laufenden Maßnahmen zur Verbesserung der Planung auf dem Gebiet der Warenbelieferung des Dorfes zu verbinden und unsere Handelsorganisationen von der Verpflichtung zu befreien, eine ganze Reihe kleinerer und mittlerer Städte mit Getreide zu versorgen - das ist jetzt unsere Aufgabe.

Sollte man außer diesen Maßnahmen nicht noch eine Reihe anderer Maßnahmen treffen, sagen wir, Maßnahmen zur Verlangsamung des Entwicklungstempos unserer Industrie, deren Wachstum ein gesteigertes Anwachsen der Nachfrage nach Getreide herbeiführt, das vorläufig das Wachstum der Produktion von Warengetreide übersteigt? Nein, das soll man nicht. Auf keinen Fall! Das Entwicklungstempo der Industrie verlangsamen - heißt die Arbeiterklasse schwächen, denn jeder Schritt vorwärts in der Entwicklung der Industrie, jede neue Fabrik, jedes neue Werk stellt, nach einem Wort von Lenin , eine „neue Festung“ der Arbeiterklasse dar, die ihre Positionen im Kampf gegen die kleinbürgerliche Elementargewalt, im Kampf gegen die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft stärkt. Im Gegenteil, wir müssen das gegenwärtige Entwicklungstempo der Industrie beibehalten, wir müssen es so bald wie möglich weiter steigern, um das Dorf reichlich mit Waren zu beliefern und von dort möglichst viel Getreide zu bekommen, um die Landwirtschaft, und vor allem die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften, mit Maschinen zu versorgen, um die Landwirtschaft zu industrialisieren und ihre Warenproduktion zu steigern.

Vielleicht sollte man größerer „Vorsicht“ halber die Entwicklung der Schwerindustrie aufhalten, um die Leichtindustrie, die hauptsächlich für den bäuerlichen Markt arbeitet, zur Basis unserer Industrie zu machen? Auf keinen Fall! Das hieße Selbstmord begehen, unsere ganze Industrie, samt der Leichtindustrie, untergraben. Das hieße von der Losung der Industrialisierung unseres Landes abgehen, unser Land in ein Anhängsel des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems verwandeln.

Wir gehen hier von den bekannten Leitsätzen Lenin s aus, die er auf dem IV. Kongress der Komintern[19] darlegte und die zweifellos für unsere ganze Partei bindend sind. Folgendes sagte Lenin hierüber auf dem IV. Kongress der Komintern:

„Die Rettung für Rußland ist nicht nur eine gute Ernte in der Bauernwirtschaft - das ist zuwenig - und nicht nur ein guter Zustand der Leichtindustrie, die der Bauernschaft Gebrauchsgegenstände liefert - das ist ebenfalls zuwenig -, wir brauchen auch eine Schwerindustrie.“

Oder weiter:

„Wir sparen an allem, sogar an den Schulen. Das muss sein, weil wir wissen, dass wir ohne Rettung der Schwerindustrie, ohne ihre Wiederherstellung keinerlei Industrie aufbauen können, ohne diese aber werden wir überhaupt als selbständiges Land zugrunde gehen.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 388/389 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 972].)

Diese Hinweise Lenin s darf man nicht vergessen.

Wie wird es angesichts der geplanten Maßnahmen um das Bündnis der Arbeiter und Bauern stehen? Ich glaube, dass diese Maßnahmen die Festigung des Bündnisses der Arbeiter und Bauern nur erleichtern können.

In der Tat: Wenn die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften sich in beschleunigtem Tempo entwickeln; wenn infolge der direkten Unterstützung der Klein- und Mittelbauern die Ertragsfähigkeit ihrer Wirtschaften steigt und die Genossenschaften immer breitere Massen der Bauernschaft erfassen; wenn der Staat neue Hunderte Millionen Pud Warengetreide erhält, die er zum Manövrieren braucht; wenn infolge dieser und ähnlicher Maßnahmen dem Kulakentum Zügel angelegt werden und es nach und nach überwunden wird - ist es da nicht klar, dass sich dann die Gegensätze zwischen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft im Rahmen des Bündnisses der Arbeiter und Bauern immer mehr ausgleichen werden, dass die Notwendigkeit außerordentlicher Maßnahmen zur Getreidebeschaffung fortfallen wird, dass sich die breiten Massen der Bauernschaft immer mehr den kollektiven Wirtschaftsformen zuwenden werden und dass der Kampf für die Überwindung der kapitalistischen Elemente im Dorfe immer größere Massen erfassen und immer organisierteren Charakter annehmen wird?

Ist es nicht klar, dass die Sache des Bündnisses der Arbeiter und Bauern durch diese Maßnahmen nur gewinnen kann?

Man muss nur im Auge behalten, dass man sich das Bündnis der Arbeiter und Bauern unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats nicht als einfaches Bündnis vorstellen darf. Dieses Bündnis ist eine besondere Form des Klassenbündnisses der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen der Bauernschaft, die bezweckt: a) die Stärkung der Positionen der Arbeiterklasse; b) die Sicherung der führenden Rolle der Arbeiterklasse innerhalb dieses Bündnisses; c) die Aufhebung der Klassen und der Klassengesellschaft. Jede andere Auffassung vom Bündnis der Arbeiter und Bauern ist Opportunismus, Menschewismus, Sozialrevolutionarismus - alles was man will, nur nicht Marxismus, nur nicht Lenin ismus.

Wie lässt sich die Idee des Bündnisses der Arbeiter und Bauern mit dem bekannten Leitsatz von Lenin , dass die Bauernschaft „die letzte kapitalistische Klasse“ ist, vereinbaren? Gibt es hier nicht einen Widerspruch? Es gibt hier nur einen scheinbaren, vermeintlichen Widerspruch.

In Wirklichkeit gibt es hier keinerlei Widerspruch. In demselben Bericht auf dem III. Kongress der Komintern[20], in dem Lenin die Bauernschaft als „die letzte kapitalistische Klasse“ charakterisiert, in demselben Bericht begründet Lenin immer wieder die Notwendigkeit des Bündnisses der Arbeiter und Bauern und erklärt, dass „das höchste Prinzip der Diktatur die Aufrechterhaltung des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft ist, damit das Proletariat die führende Rolle und die Staatsmacht behaupten kann“. Es ist klar, dass Lenin jedenfalls hier keinerlei Widerspruch sieht.

Wie ist der Leitsatz von Lenin zu verstehen, dass die Bauernschaft „die letzte kapitalistische Klasse“ ist? Bedeutet das etwa, dass die Bauernschaft aus Kapitalisten bestehe? Nein, das bedeutet es nicht.

Das bedeutet erstens, dass die individuelle Bauernschaft eine besondere Klasse ist, die die Wirtschaft auf der Grundlage des Privateigentums an den Produktionsinstrumenten und -mitteln aufbaut und sich dadurch von der Klasse der Proletarier unterscheidet, die die Wirtschaft auf der Grundlage des kollektiven Eigentums an den Produktionsinstrumenten und -mitteln aufbaut.

Das bedeutet zweitens, dass die individuelle Bauernschaft eine Klasse ist, die aus ihrer Mitte Kapitalisten, Kulaken und überhaupt Ausbeuter verschiedener Art hervorbringt, sie erzeugt und nährt.

Ist dieser Umstand nicht ein unüberwindliches Hindernis für die Organisierung des Bündnisses der Arbeiter und Bauern? Nein, er ist es nicht. Das Bündnis des Proletariats mit der Bauernschaft unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats darf nicht als Bündnis mit der gesamten Bauernschaft betrachtet werden. Das Bündnis des Proletariats mit der Bauernschaft ist ein Bündnis der Arbeiterklasse mit den werktätigen Massen der Bauernschaft. Ein solches Bündnis kann nicht ohne Kampf gegen die kapitalistischen Elemente der Bauernschaft, ohne Kampf gegen das Kulakentum verwirklicht werden. Ein solches Bündnis kann nicht fest sein ohne die Organisierung der armen Bauernschaft als der Stütze der Arbeiterklasse im Dorf. Deshalb kann das Bündnis der Arbeiter und Bauern unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Diktatur des Proletariats nur unter der bekannten Losung Lenin s verwirklicht werden: Stütze dich auf die Dorfarmut, schließe ein festes Bündnis mit dem Mittelbauern, stelle keine Minute lang den Kampf gegen das Kulakentum ein. Denn nur wenn diese Losung durchgeführt wird, können die Hauptmassen der Bauernschaft in den Strom des sozialistischen Aufbaus einbezogen werden.

Sie sehen also, dass der Widerspruch zwischen den beiden Formeln Lenin s nur ein vermeintlicher, scheinbarer Widerspruch ist. In Wirklichkeit gibt es zwischen ihnen keinerlei Widerspruch.

„Prawda“ Nr. 127,
2. Juni 1928.

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