"Stalin"

Werke

Band 11

BRIEF AN DIE MITGLIEDER DES ZIRKELS
ZU FRAGEN DES PARTEIAUFBAUS
BEI DER KOMMUNISTISCHEN AKADEMIE

Heute erhielt ich Slepkows Thesen über Selbstkritik. Diese Thesen wurden, wie sich herausstellt, in Ihrem Zirkel erörtert. Mitglieder des Zirkels sagten mir, dass diese Thesen verbreitet wurden als ein Dokument, das sich nicht eine Kritik an der Linie des ZK, sondern deren Begründung zum Ziel setzt.

Es wäre falsch, Parteimitgliedern das Recht einer Kritik an der Linie des ZK abzusprechen. Mehr noch: Ich lasse gelten, dass die Mitglieder Ihres Zirkels sogar das Recht haben, in ihrem engen Kreis der Position des ZK ihre besonderen Thesen entgegenzustellen. Es ist jedoch offensichtlich, dass Slepkows Thesen nicht das Ziel verfolgen, die Linie des ZK zu kritisieren oder ihr irgend etwas Neues entgegenzustellen, sondern dass sie es sich zur Aufgabe machen, die Position des ZK zu erläutern und zu begründen. Daraus erklärt sich wahrscheinlich auch, dass Slepkows Thesen in Moskauer Parteikreisen eine gewisse Verbreitung fanden.

Nichtsdestoweniger oder gerade deshalb halte ich es für meine Pflicht, zu erklären, dass Slepkows Thesen

a) mit der Position des ZK in der Frage der Losung der Selbstkritik nicht übereinstimmen,

b) dass sie diese Position „korrigieren“, „ergänzen“ und natürlich verschlechtern, und zwar zugunsten der bürokratischen Elemente unserer Institutionen und Organisationen.

1. Falsch ist vor allem die Linie der Thesen Slepkows. Slepkows Thesen erinnern nur äußerlich an Thesen über die Losung der Selbstkritik.

In Wirklichkeit sind es Thesen über die Gefahren der Losung der Selbstkritik. Zweifellos birgt jede revolutionäre Losung gewisse Möglichkeiten in sich, in der Praxis entstellt zu werden. Solche Möglichkeiten sind natürlich auch bei der Losung der Selbstkritik gegeben. Diese Möglichkeiten aber als Mittelpunkt der Frage, als Grundlage der Thesen über Selbstkritik hinstellen - heißt alles auf den Kopf stellen, die revolutionäre Bedeutung der Selbstkritik unterminieren, heißt den Bürokraten helfen, die bemüht sind, über die Selbstkritik in Anbetracht der mit ihr verbundenen „Gefahren“ mit formalen Stellungnahmen hinwegzugehen. Ich zweifle nicht daran, dass die bürokratischen Elemente unserer Partei- und Sowjetorganisationen Slepkows Thesen nicht ohne ein Gefühl der Befriedigung lesen werden.

Hat eine solche Einstellung irgendetwas gemein mit der Einstellung des ZK in der Frage der Selbstkritik, mit der Resolution des Aprilplenums des ZK und der ZKK über die Schachty-Affäre, mit dem Juni-Aufruf des ZK zur Frage der Selbstkritik[21]?

Ich denke, dass sie nichts mit ihr gemein hat.

2. Falsch sind Slepkows Thesen auch ihrem inneren Gehalt nach. Einer der ernstesten Faktoren, die die Selbstkritik unerlässlich machen, und zugleich eins der wichtigsten Objekte der Selbstkritik ist der Bürokratismus unserer Organisationen.

Kann man vorwärts schreiten, ohne den Bürokratismus unseres Partei- und Sowjetapparats zu bekämpfen?

Nein, das kann man nicht!

Kann man die Kontrolle der Massen organisieren, die Initiative und Selbsttätigkeit der Massen entwickeln, die Millionenmassen in den sozialistischen Aufbau einbeziehen, ohne einen entschiedenen Kampf gegen den Bürokratismus unserer Organisationen zu führen?

Nein, das kann man nicht!

Kann man mit dem Bürokratismus aufräumen, kann man ihn schwächen, entlarven, ohne die Losung der Selbstkritik in die Tat umzusetzen? Nein, das kann man nicht!

Kann man Thesen über die Losung der Selbstkritik aufstellen, ohne die Frage des Bürokratismus als negativen Faktors unseres sozialistischen Aufbaus und als eins der wichtigsten Objekte der Selbstkritik zu beleuchten?

Es ist klar, dass man das nicht kann.

Woraus ist es dann zu erklären, dass Slepkow es fertig gebracht hat, diese brennende Frage in seinen Thesen mit Stillschweigen zu übergehen? Wie kann man in Thesen über die Selbstkritik, die sich die Begründung der Position des ZK zum Ziel setzen, die wichtigste Aufgabe der Selbstkritik, den Kampf gegen den Bürokratismus, vergessen? Es ist aber eine Tatsache, dass in Slepkows Thesen kein Wort (buchstäblich nicht ein einziges Wort!) über den Bürokratismus unserer Organisationen, über die bürokratischen Elemente innerhalb dieser Organisationen, über die bürokratischen Entstellungen in der Arbeit unseres Partei- und Sowjetapparats gesagt wird.

Lässt sich dieses mehr als leichtfertige Verhalten zu dieser wichtigen Frage, zur Frage des Kampfes gegen den Bürokratismus, mit der Position des ZK in der Frage der Selbstkritik vereinbaren, mit solchen Dokumenten der Partei wie der Resolution des Aprilplenums des ZK und der ZKK über die Schachty-Affäre oder dem Juni-Aufruf des ZK über die Selbstkritik?

Ich denke, dass sich das nicht vereinbaren lässt.

Mit kommunistischem Gruß

8. Juni 1928.

J. Stalin

„Komsomolskaja Prawda“ Nr. 90,
19. April 1929.

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