"Stalin"

Werke

Band 11

Lenin UND DIE FRAGE DES BÜNDNISSES
MIT DEM MITTELBAUERN

Antwort an Genossen S.

(Abdruck mit einigen Kürzungen. J. St.)

Genosse S.!

Es trifft nicht zu, dass Lenin s Losung „Man muss verstehen, eine Verständigung mit dem Mittelbauern zu erzielen, dabei keine Minute lang auf den Kampf gegen den Kulaken verzichten und sich nur auf die Dorfarmut fest und sicher stützen“, die in seinem bekannten Aufsatz über Pitirim Sorokin[22] gegeben wurde, eine Losung sei, die „aus der Periode der Komitees der Dorfarmut“, vom „Ende der Periode der so genannten Neutralisierung der Mittelbauernschaft“ stamme. Dies trifft ganz und gar nicht zu.

Die Komitees der Dorfarmut wurden im Juni 1918 gebildet. Ende Oktober 1918 hatten wir bereits ein Übergewicht unserer Kräfte im Dorfe über das Kulakentum und eine Wendung des Mittelbauern zur Sowjetmacht. Auf Grund dieser Wendung kam es denn auch zu dem Beschluss des ZK über die Aufhebung der Doppelmacht der Sowjets und der Komitees der Dorfarmut, über die Neuwahl der Amtsbezirks- und Dorfsowjets, über das Aufgehen der Komitees der Dorfarmut in den neu gewählten Sowjets und, folglich, über die Liquidierung der Komitees der Dorfarmut. Gesetzeskraft im Sowjetwege erhielt dieser Beschluss bekanntlich am 9. November 1918 auf dem VI. Sowjetkongress. Ich meine den Beschluss des VI. Sowjetkongresses vom 9. November 1918 über die Neuwahl der Dorf- und Amtsbezirkssowjets und das Aufgehen der Komitees der Dorfarmut in den Sowjets.

Wann aber erschien Lenin s Aufsatz „Wertvolle Geständnisse Pitirim Sorokins“, in dem Lenin an Stelle der Losung der Neutralisierung des Mittelbauern die Losung der Verständigung mit dem Mittelbauern aufstellt? Er erschien am 21. November 1918, das heißt fast zwei Wochen nach diesem Beschluss des VI. Sowjetkongresses. In diesem Aufsatz sagt Lenin ausdrücklich, dass die Politik der Verständigung mit dem Mittelbauern durch die Wendung des Mittelbauern nach unserer Seite diktiert wird.

Hier die Worte Lenin s:

„Im Dorfe ist es unsere Aufgabe, den Gutsbesitzer zu vernichten, den Widerstand des Ausbeuters und Spekulanten, des Kulaken, zu brechen; fest und sicher stützen können wir uns dabei nur auf die Halbproletarier, auf die ‚Dorfarmut’. Doch der Mittelbauer ist nicht unser Feind. Er hat geschwankt, er schwankt und wird schwanken; die Aufgabe, auf die Schwankenden einzuwirken, ist nicht identisch mit der Aufgabe, den Ausbeuter niederzuwerfen und den aktiven Feind zu besiegen. Man muss verstehen, eine Verständigung mit dem Mittelbauern zu erzielen, dabei keine Minute lang auf den Kampf gegen den Kulaken verzichten und sich nur auf die Dorfarmut fest und sicher stützen - das ist die Aufgabe des Augenblicks, denn gerade jetzt ist infolge der oben angeführten Ursachen eine Wendung in der Mittelbauernschaft nach unserer Seite unausbleibliche.“ (4. Ausgabe, Bd. 28, S. 171, russ.)

Was folgt nun daraus?

Daraus folgt, dass Lenin s Losung sich nicht auf die alte Periode bezieht, nicht auf die Periode der Komitees der Dorfarmut und der Neutralisierung des Mittelbauern, sondern auf die neue Periode, die Periode der Verständigung mit dem Mittelbauern. Sie spiegelt somit nicht das Ende der alten Periode, sondern den Beginn der neuen Periode wider.

Ihre Behauptung über Lenin s Losung ist aber nicht nur der Form nach, nicht nur sozusagen in chronologischer Beziehung, sondern auch ihrem Wesen nach unzutreffend.

Es ist bekannt, dass Lenin s Losung über die Verständigung mit dem Mittelbauern als neue Losung von der gesamten Partei auf dem VIII. Parteitag unserer Partei (März 1919) verkündet wurde. Es ist bekannt, dass der VIII. Parteitag derjenige Parteitag ist, der die Grundlagen unserer Politik des festen Bündnisses mit dem Mittelbauern geschaffen hat. Es ist bekannt, dass unser Programm, das Programm der KPdSU(B), gleichfalls auf dem VIII. Parteitag angenommen wurde. Es ist bekannt, dass in diesem Programm spezielle Punkte über die Stellung der Partei zu den verschiedenen Gruppierungen im Dorfe: zur Dorfarmut, zu den Mittelbauern und zum Kulakentum, enthalten sind. Was sagen diese Punkte des Programms der KPdSU(B) über die sozialen Gruppierungen auf dem Lande und über die Stellung der Partei zu ihnen? Hören Sie:

„In ihrer ganzen Arbeit auf dem Lande stützt sich die KPR nach wie vor auf dessen proletarische und halbproletarische Schichten, organisiert sie vor allem zu einer selbständigen Kraft, schafft Parteizellen auf dem Lande, Organisationen der Dorfarmut, einen besonderen Typus von Gewerkschaften der Proletarier und Halbproletarier des Dorfes usw., bringt sie in jeder Weise dem städtischen Proletariat näher und entreißt sie dem Einfluss der Dorfbourgeoisie und der Kleinbesitzerinteressen.

Gegenüber dem Kulakentum, der Dorfbourgeoisie, besteht die Politik der KPR in dem entschiedenen Kampf gegen die Ausbeutergelüste der Kulaken, in der Unterdrückung ihres Widerstandes gegen die Sowjetpolitik.

Gegenüber der Mittelbauernschaft besteht die Politik der KPR darin, sie allmählich und planmäßig in die Arbeit am sozialistischen Aufbau hineinzuziehen. Die Partei stellt sich die Aufgabe, die Mittelbauernschaft von den Kulaken zu trennen, sie durch entgegenkommendes Verhalten zu ihren Nöten auf die Seite der Arbeiterklasse zu ziehen, gegen ihre Rückständigkeit mit Maßnahmen der ideologischen Einwirkung, keineswegs aber mit Unterdrückungsmaßnahmen zu kämpfen; in allen Fällen, wo die Lebensinteressen der Mittelbauernschaft berührt werden, eine praktische Verständigung mit ihr anzustreben und ihr bei der Festlegung der Methoden zur Durchführung sozialistischer Umgestaltungen Zugeständnisse zu machen.“ („Der VIII. Parteitag der KPR(B)“, Stenographisches Protokoll, S. 351[23].)

Versuchen Sie doch, auch nur den allergeringsten Unterschied, wenn auch nur in Worten, zwischen diesen Punkten des Programms und der Losung Lenin s zu finden! Sie werden diesen Unterschied nicht finden, weil er überhaupt nicht existiert. Mehr noch. Es kann keinerlei Zweifel darüber bestehen, dass die Losung Lenin s den Beschlüssen des VIII. Parteitags über den Mittelbauern nicht nur nicht widerspricht, sondern im Gegenteil, die genaueste und gelungenste Formulierung dieser Beschlüsse ist. Und es ist doch eine Tatsache, dass das Programm der KPdSU(B) im März 1919 angenommen wurde, auf dem VIII. Parteitag, der die Frage des Mittelbauern speziell behandelte, während Lenin s Aufsatz gegen Pitirim Sorokin, in dem die Losung der Verständigung mit dem Mittelbauern verkündet wurde, im November 1918, vier Monate vor dem VIII. Parteitag, in der Presse erschien.

Ist es etwa nicht klar, dass der VIII. Parteitag restlos die Losung Lenin s bestätigt hat, die in seinem Aufsatz gegen Pitirim Sorokin aufgestellt wurde, als Losung, die die Partei in ihrer Arbeit auf dem Lande in der ganzen gegenwärtigen Periode des sozialistischen Aufbaus sich zur Richtschnur zu nehmen verpflichtet ist?

Worin besteht der Kern der Losung Lenin s?

Der Kern der Losung Lenin s besteht darin, dass sie wunderbar prägnant die dreieinige Aufgabe der Parteiarbeit auf dem Lande zusammenfasst, die in einer einzigen gedrängten Formel zum Ausdruck gebracht wird: a) Stütze dich auf die Dorfarmut, b) erziele eine Verständigung mit dem Mittelbauern, c) stelle keine Minute lang den Kampf gegen den Kulaken ein. Versuchen Sie doch, aus dieser Formel einen ihrer Teile als Basis für die Arbeit auf dem Lande im gegenwärtigen Moment herauszugreifen und hierbei die beiden übrigen zu vergessen, und Sie geraten unweigerlich in eine Sackgasse.

Kann man in der gegenwärtigen Phase des sozialistischen Aufbaus eine wirkliche und dauernde Verständigung mit dem Mittelbauern erzielen, ohne sich auf die Dorfarmut zu stützen und ohne den Kampf gegen den Kulaken zu führen?

Nein, das kann man nicht.

Kann man unter den Bedingungen der gegenwärtigen Entwicklung erfolgreich den Kampf gegen den Kulaken führen, ohne sich auf die Dorfarmut zu stützen und ohne eine Verständigung mit dem Mittelbauern erzielt zu haben?

Nein, das kann man nicht.

Wie lässt sich diese dreieinige Aufgabe der Parteiarbeit auf dem Lande am treffendsten in einer zusammenfassenden Losung zum Ausdruck bringen? Ich glaube, dass Lenin s Losung diese Aufgabe am treffendsten zum Ausdruck bringt. Man muss anerkennen, dass man es treffender nicht sagen kann, als Lenin es gesagt hat...

Weshalb ist es notwendig, die Zweckmäßigkeit der Losung Lenin s gerade jetzt, gerade unter den gegebenen Verhältnissen der Arbeit auf dem Lande zu betonen?

Weil gerade jetzt sich bei einzelnen Genossen die Tendenz bemerkbar macht, die dreieinige Aufgabe der Parteiarbeit auf dem Lande in Teile zu zerreißen und diese Teile voneinander abzusondern. Das wird restlos bestätigt durch die Praxis unserer Getreidebeschaffungskampagne im Januar-Februar dieses Jahres.

Dass man mit dem Mittelbauern eine Verständigung erzielen muss, das wissen alle Bolschewiki. Wie aber diese Verständigung zu erzielen ist, das begreift nicht jeder. Die einen glauben, die Verständigung mit dem Mittelbauern erzielen zu können durch Verzicht auf den Kampf gegen das Kulakentum oder durch Abschwächung dieses Kampfes: der Kampf gegen das Kulakentum könnte nämlich einen Teil der Mittelbauernschaft, ihren wohlhabenden Teil, von uns abschrecken.

Die anderen glauben, diese Verständigung mit dem Mittelbauern durch Verzicht auf die Arbeit zur Organisierung der Dorfarmut oder durch Abschwächung dieser Arbeit erzielen zu können: die Organisierung der Dorfarmut führe nämlich zu einer Absonderung der Dorfarmut, diese Absonderung aber könnte die Mittelbauern von uns abschrecken.

Als Folge dieser Abweichungen von der richtigen Linie wird der marxistische Leitsatz außer acht gelassen, dass die Mittelbauernschaft eine schwankende Klasse ist, dass man die Verständigung mit dem Mittelbauern nur dann zu einer dauernden machen kann, wenn man einen entschiedenen Kampf gegen das Kulakentum führt und die Arbeit unter der Dorfarmut verstärkt, dass der Mittelbauer ohne diese Bedingungen zum Kulakentum, als zu einem Machtfaktor, hinschwanken kann.

Denken Sie an die Worte Lenin s, die er auf dem VIII. Parteitag gesagt hat:

„Es gilt, das Verhältnis zu der Klasse festzulegen, die keine bestimmte, beständige Stellung einnimmt. Das Proletariat ist in seiner Masse für den Sozialismus, die Bourgeoisie in ihrer Masse gegen den Sozialismus - das Verhältnis dieser beiden Klassen zueinander ist leicht zu bestimmen. Wenn wir aber zu einer Schicht wie der Mittelbauernschaft übergehen, da zeigt es sich, dass sie eine Klasse ist, die schwankt. Der Mittelbauer ist zum Teil Eigentümer, zum Teil Werktätiger. Er beutet nicht andere Vertreter der Werktätigen aus. Er musste Jahrzehnte hindurch seine Stellung mit größter Mühe behaupten, er hat am eigenen Leibe die Ausbeutung durch Gutsbesitzer und Kapitalisten erfahren, er hat alles durchgemacht und ist zugleich Eigentümer. Deshalb bietet unser Verhältnis zu dieser schwankenden Klasse gewaltige Schwierigkeiten.“ („Der VIII. Parteitag der KPR(B)“, Stenographisches Protokoll, S. 300[24].)

Es gibt aber auch andere Abweichungen von der richtigen Linie, die nicht minder gefährlich sind als die vorerwähnten. Es kommt vor, dass man zwar den Kampf gegen das Kulakentum führt, aber so plump und unsinnig, dass die Hiebe den Mittelbauern und den armen Bauern treffen. Die Folge davon ist, dass der Kulak heil bleibt, das Bündnis mit dem Mittelbauern einen Riss erhält und ein Teil der armen Bauern vorübergehend in die Fänge des Kulaken gerät, der eine Wühlarbeit gegen die Sowjetpolitik betreibt.

Es kommen auch Fälle vor, wo man den Kampf gegen das Kulakentum in eine Enteignung der Kulaken und die Getreidebeschaffung in eine Ablieferungspflicht zu verwandeln sucht und dabei vergisst, dass die Enteignung der Kulaken unter unseren Verhältnissen eine Torheit ist, die Ablieferungspflicht aber nicht Bündnis mit dem Mittelbauern, sondern Kampf gegen ihn bedeutet.

Woher kommen diese Abweichungen von der Parteilinie?

Daher, dass man nicht versteht, dass die dreifältige Aufgabe der Parteiarbeit auf dem Lande eine einheitliche und unteilbare Aufgabe ist. Daher, dass man nicht versteht, dass man die Aufgabe des Kampfes gegen das Kulakentum nicht trennen darf von der Aufgabe der Verständigung mit dem Mittelbauern und diese beiden Aufgaben von der Aufgabe, die Dorfarmut zur Stütze der Partei auf dem Lande zu machen?

(Daraus folgt, dass die Abweichungen von der richtigen Linie eine zweifache Gefahr für das Bündnis der Arbeiter und Bauern schaffen: die Gefahr seitens derer, die, sagen wir, die zeitweiligen außerordentlichen Maßnahmen in der Getreidebeschaffung in einen ständigen oder lange beizubehaltenden Kurs der Partei verwandeln möchten, und die Gefahr seitens derer, die die Aufhebung der außerordentlichen Maßnahmen dazu benutzen möchten, den Kulaken volle Handlungsfreiheit zu geben und den völlig freien Handel, ohne Regulierung des Handels durch die Organe des Staates, zu verkünden. Zur Sicherung der richtigen Linie ist deshalb ein Kampf an zwei Fronten notwendig.

Ich benutze die Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, dass unsere Presse sich nicht immer an diese Regel hält und bisweilen eine gewisse Einseitigkeit an den Tag legt. So kommt es zum Beispiel vor, dass man diejenigen entlarvt, die die außerordentlichen Maßnahmen in der Getreidebeschaffung, die zeitweiligen Charakter tragen, in einen ständigen Kurs unserer Politik verwandeln wollen und damit den Zusammenschluss gefährden. Das ist sehr gut. Nicht gut und falsch ist es aber, wenn man gleichzeitig denjenigen nicht genügend Aufmerksamkeit zuwendet und diejenigen nicht gebührend entlarvt, die den Zusammenschluss von der anderen Seite her gefährden, wenn man diejenigen nicht entlarvt, die der kleinbürgerlichen Elementargewalt erliegen, die Abschwächung des Kampfes gegen die kapitalistischen Elemente des Dorfes und die Einführung des völlig freien Handels ohne regulierende Rolle des Staates fordern und auf diese Weise den Zusammenschluss vom anderen Ende her untergraben. Das ist schon nicht mehr gut. Das ist eine Einseitigkeit.

Es kommt weiter vor, dass man diejenigen entlarvt, die, sagen wir, leugnen, dass die Hebung der individuellen kleinen und mittleren Bauernwirtschaften, die im gegebenen Stadium die Basis der Landwirtschaft bilden, möglich und zweckmäßig ist. Das ist sehr gut. Nicht gut und falsch ist es aber, wenn man nicht gleichzeitig diejenigen entlarvt, die die Bedeutung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften herabsetzen und nicht sehen, dass die Aufgabe, die individuelle kleine und mittlere Bauernwirtschaft zu heben, praktisch durch die Aufgabe ergänzt werden muss, den Aufbau der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften zu verstärken. Das ist schon eine Einseitigkeit.

Um eine richtige Linie sicherzustellen, muss man den Kampf an zwei Fronten führen und sich von jeder Einseitigkeit frei machen.)

Was ist zu tun, damit diese Aufgaben in unserer laufenden Arbeit auf dem Lande nicht voneinander getrennt werden?

Hierzu muss zumindest eine solche richtunggebende Losung gegeben werden, die alle diese Aufgaben in einer gemeinsamen Formel vereinigt, folglich eine Losung, die nicht zulässt, dass diese Aufgaben voneinander getrennt werden.

Gibt es in unserem Parteiarsenal eine solche Formel, eine solche Losung?

Ja, es gibt sie. Eine solche Formel ist Lenin s Losung: „Man muss verstehen, eine Verständigung mit dem Mittelbauern zu erzielen, dabei keine Minute lang auf den Kampf gegen den Kulaken verzichten und sich nur auf die Dorfarmut fest und sicher stützen.“

Aus diesem Grunde glaube ich, dass diese Losung die zweckmäßigste und umfassendste Losung ist, dass sie gerade heute, gerade in den gegebenen Verhältnissen der Arbeit auf dem Lande in den Vordergrund zu rücken ist.

Sie halten die Losung Lenin s für eine „oppositionelle“ Losung und fragen in Ihrem Brief: „Wie konnte es geschehen, dass... diese oppositionelle Losung zum 1. Mai 1928 in der ‚Prawda’ erschien..., wie kann man das Erscheinen dieser Losung in den Spalten der ,Prawda`, des Organs des ZK der KPdSU, erklären, ist das nur ein technisches Versehen, oder ist es ein Kompromiss mit der Opposition in der Frage des Mittelbauern?“

Recht forsch gesagt, das muss man schon zugeben! Immerhin, nehmen Sie die „Kurve“ nicht zu scharf, Genosse S., sehen Sie zu, dass Sie in Ihrem Übereifer nicht zu dem Schluss gelangen, dass die Veröffentlichung unseres Programms verboten werden müsse, des Programms, das die Losung Lenin s voll bestätigt (Tatsache!), das in der Hauptsache von Lenin (keineswegs einem Oppositionellen!) ausgearbeitet und vom VIII. Parteitag (ebenfalls keiner oppositionellen Partei!) angenommen wurde. Mehr Achtung vor den bekannten Punkten unseres Programms über die sozialen Gruppierungen auf dem Lande! Mehr Achtung vor den Beschlüssen des VIII. Parteitags über die Mittelbauernschaft!...

Was Ihre Worte vom „Kompromiss mit der Opposition in der Frage des Mittelbauern“ betrifft, so sind diese Worte, meines Erachtens, einer Widerlegung nicht wert: sie sind Ihnen wohl nur im Eifer entschlüpft.

Sie sind offenbar durch den Umstand stutzig geworden, dass in der Losung Lenin s und in dem vom VIII. Parteitag angenommenen Programm der KPdSU(B) von einer Verständigung mit dem Mittelbauern gesprochen wird, während Lenin in seiner Eröffnungsrede auf dem VIII. Parteitag von einem festen Bündnis mit dem Mittelbauern spricht. Sie erblicken darin wohl etwas wie einen Widerspruch. Sie sind möglicherweise sogar geneigt anzunehmen, dass die Politik der Verständigung mit dem Mittelbauern eine Art Abkehr von der Politik des Bündnisses mit ihm bedeutet. Das ist falsch, Genosse S. Das ist eine arge Verirrung. So können nur Menschen denken, die zwar die Buchstaben einer Losung zu lesen, nicht aber in den Sinn der Losung einzudringen vermögen. So können nur Menschen denken, die die Geschichte der Losung des Bündnisses, der Verständigung mit dem Mittelbauern nicht kennen. So können nur Menschen denken, die zu der Annahme fähig sind, dass Lenin , als er in seiner Eröffnungsrede auf dem VIII. Parteitag die Politik des „festen Bündnisses“ mit dem Mittelbauern verkündete, von sich selbst abrückte, da er in einer anderen Rede auf dem gleichen Parteitag und in dem vom VIII. Parteitag angenommenen Parteiprogramm davon sprach, dass wir jetzt eine Politik der „Verständigung“ mit dem Mittelbauern brauchen.

Worum handelt es sich hier? Es handelt sich darum, dass Lenin und die Partei in Gestalt des VIII. Parteitags keinerlei Unterschied zwischen dem Begriff „Verständigung“ und dem Begriff „Bündnis“ sehen. Es handelt sich darum, dass Lenin überall, in allen seinen Reden auf dem VIII. Parteitag ein Gleichheitszeichen setzt zwischen dem Begriff „Bündnis“ und dem Begriff „Verständigung“. Das gleiche ist von der Resolution des VIII. Parteitags „über das Verhältnis zur Mittelbauernschaft“ zu sagen, wo zwischen dem Begriff „Verständigung“ und dem Begriff „Bündnis“ ein Gleichheitszeichen gesetzt wird. Und da Lenin und die Partei die Politik der Verständigung mit dem Mittelbauern nicht für eine zufällige und schnell vorübergehende, sondern für eine auf längere Dauer berechnete Politik halten, so hatten und haben sie allen Grund, die Politik der Verständigung mit dem Mittelbauern als eine Politik des festen Bündnisses mit ihm, und umgekehrt, die Politik des festen Bündnisses mit dem Mittelbauern als Politik der Verständigung mit ihm zu bezeichnen. Es genügt, sich mit dem stenographischen Protokoll des VIII. Parteitags und mit der Resolution dieses Parteitags über den Mittelbauern bekannt zu machen, um sich davon zu überzeugen.

Hier ein Auszug aus der Rede Lenin s auf dem VIII. Parteitag:

„Die Hiebe, die dem Kulaken zugedacht waren, trafen infolge der Unerfahrenheit der Sowjetfunktionäre, infolge der Schwierigkeit der Frage vielfach die Mittelbauernschaft. Hier haben wir ganz außerordentlich gesündigt. Die in dieser Beziehung gesammelte Erfahrung wird uns helfen, alles zu tun, um dies in Zukunft zu vermeiden. Das ist eine Aufgabe, die nicht theoretisch, sondern praktisch vor uns steht. Sie wissen sehr gut, dass das eine schwierige Aufgabe ist. Wir besitzen keine Güter, die wir dem Mittelbauern geben könnten, dieser aber ist ein Materialist, ein Praktiker, und fordert konkrete materielle Güter, die wir ihm heute nicht geben können und ohne die das Land vielleicht noch monatelang wird auskommen müssen, solange der schwere Kampf dauert, der uns jetzt einen vollen Sieg verheißt. Wir können aber in unserer administrativen Praxis vieles tun: unseren Apparat verbessern, eine Menge Missbräuche abstellen. Wir können die Linie unserer Partei, die in ungenügendem Maße auf einen Block, ein Bündnis, eine Verständigung mit der Mittelbauernschaft gerichtet war - wir können und müssen diese Linie ausgleichen und ausrichten.“ („Der VIII. Parteitag der KPR(B)“, Stenographisches Protokoll, S. 20[25].)

Sie sehen, dass Lenin zwischen „Verständigung“ und „Bündnis“ keinen Unterschied macht.

Und nun einige Auszüge aus der Resolution des VIII. Parteitags „Über das Verhältnis zur Mittelbauernschaft“:

„Die Mittelbauern mit dem Kulakentum verwechseln, die gegen das Kulakentum gerichteten Maßnahmen in diesem oder jenem Grade auf sie ausdehnen, heißt nicht nur alle Dekrete der Sowjetmacht und ihre gesamte Politik auf das gröbste verletzen, sondern auch alle Grundprinzipien des Kommunismus, die auf eine Verständigung des Proletariats mit der Mittelbauernschaft in der Periode des Entscheidungskampfes des Proletariats für den Sturz der Bourgeoisie hinweisen als auf eine der Bedingungen eines schmerzlosen Übergangs zur Beseitigung jeder Ausbeutung.

Die Mittelbauernschaft, die infolge der Zurückgebliebenheit der landwirtschaftlichen Technik hinter der industriellen selbst in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, gar nicht zu reden von Rußland, verhältnismäßig starke ökonomische Wurzeln hat, wird sich noch ziemlich lange Zeit nach dem Beginn der proletarischen Revolution halten. Die Taktik der Sowjetfunktionäre auf dem Lande ebenso wie der Parteiarbeiter muss deshalb auf eine längere Periode der Zusammenarbeit mit der Mittelbauernschaft berechnet sein...

...Eine völlig richtige Politik der Sowjetmacht im Dorfe sichert somit das Bündnis und die Verständigung des siegreichen Proletariats mit der Mittelbauernschaft...

...Die Politik der Arbeiter- und Bauernregierung und der Kommunistischen Partei muss auch künftighin in diesem Geiste der Verständigung des Proletariats und der armen Bauernschaft mit der Mittelbauernschaft betrieben werden.“ („Der VIII. Parteitag der KPR(B)“, Stenographisches Protokoll, S. 370-372[26].)

Wie Sie sehen, macht auch die Resolution keinen Unterschied zwischen „Verständigung“ und „Bündnis“.

Es wird nicht überflüssig sein, darauf hinzuweisen, dass in dieser Resolution des VIII. Parteitags kein einziges Wort über ein „festes Bündnis“ mit dem Mittelbauern enthalten ist. Bedeutet das jedoch, dass die Resolution damit von der Politik des „festen Bündnisses“ mit dem Mittelbauern abrückt? Keineswegs. Das bedeutet nur, dass die Resolution ein Gleichheitszeichen setzt zwischen dem Begriff „Verständigung“, „Zusammenarbeit“ und dem Begriff „festes Bündnis“. Das ist auch verständlich: Es kann kein „Bündnis“ mit dem Mittelbauern ohne eine „Verständigung“ mit ihm geben, und ein Bündnis mit dem Mittelbauern kann nicht „fest“ sein, wenn keine „dauerhafte“ Verständigung und Zusammenarbeit mit ihm besteht.

Das sind die Tatsachen.

Eins von beiden: Entweder sind Lenin und der VIII. Parteitag von der Lenin schen Erklärung über das „feste Bündnis“ mit dem Mittelbauern abgerückt, oder man muss diese nicht ernst zu nehmende Annahme verwerfen und erkennen, dass Lenin und der VIII. Parteitag keinerlei Unterschied machen zwischen dem Begriff „Verständigung“ und dem Begriff „festes Bündnis“.

Wer also kein Opfer leerer Wortklauberei werden will, wer in den Sinn der Lenin schen Losung eindringen will, die von der Dorfarmut als Stütze, von der Verständigung mit dem Mittelbauern und vom Kampf gegen das Kulakentum spricht, der muss verstehen, dass die Politik der Verständigung mit dem Mittelbauern die Politik des festen Bündnisses mit ihm ist.

Ihr Fehler besteht darin, dass Sie den Gaunertrick der Opposition nicht durchschaut haben und auf ihre Provokation hereingefallen, in die Ihnen vom Gegner gestellte Falle geraten sind. Die oppositionellen Gauner versichern mit Lärm und Geschrei, dass sie für die Losung Lenin s über die Verständigung mit dem Mittelbauern eintreten, wobei sie provokatorisch darauf anspielen, dass die „Verständigung“ mit dem Mittelbauern und ein „festes Bündnis“ mit diesem verschiedene Dinge seien. Sie wollen dadurch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: einmal ihren wirklichen Standpunkt gegenüber der Mittelbauernschaft verbergen, der nicht auf eine Verständigung mit dem Mittelbauern, sondern auf ein „Zerwürfnis mit dem Mittelbauern“ hinausläuft (siehe die bekannte Rede des Oppositionellen Smirnow, die ich auf der XVI. Moskauer Gouvernementskonferenz der Partei[27] zitiert habe); zweitens mit dem angeblichen Unterschied zwischen „Verständigung“ und „Bündnis“ die Einfältigen unter den Bolschewiki einfangen, sie endgültig verwirren und von Lenin abdrängen.

Was tun aber demgegenüber manche unserer Genossen? Anstatt den oppositionellen Betrügern die Maske vom Gesicht zu reißen, statt sie zu überführen, dass sie die Partei über ihren wirklichen Standpunkt getäuscht haben, lassen sie sich selbst fangen, gehen in die Falle und lassen sich von Lenin abdrängen. Die Opposition schlägt Lärm um die Losung Lenin s, die Oppositionellen gebärden sich als Anhänger der Lenin schen Losung - also muss ich mich von dieser Losung abgrenzen, damit man mich nicht mit der Opposition verwechselt, sonst könnte man mich des „Kompromisses mit der Opposition“ beschuldigen - das ist die Logik dieser Genossen!

Und das ist nicht das einzige Beispiel der Gaunermethoden der Opposition. Nehmen Sie zum Beispiel die Losung der Selbstkritik. Die Bolschewiki müssen wissen, dass die Losung der Selbstkritik die Grundlage unserer Parteitätigkeit, ein Mittel zur Festigung der proletarischen Diktatur, das Wesen der bolschewistischen Methode zur Heranbildung von Kadern ist. Die Opposition versichert mit viel Geschrei, die Losung der Selbstkritik sei von ihr, der Opposition, ersonnen worden, die Partei habe von ihr diese Losung übernommen und habe somit vor der Opposition kapituliert. Durch dieses Vorgehen will die Opposition zumindest zwei Dinge erreichen:

erstens der Arbeiterklasse verheimlichen und sie darüber täuschen, dass zwischen der oppositionellen „Selbstkritik“, deren Ziel die Zerstörung der Partei ist, und der bolschewistischen Selbstkritik, die sich die Festigung der Partei zum Ziel setzt, ein Abgrund liegt;

zweitens manchen Einfältigen einfangen und ihn dahin bringen, dass er sich von der Parteilosung der Selbstkritik abgrenze.

Wie reagieren aber darauf manche unserer Genossen? Anstatt den Betrügern von der Opposition die Maske vom Gesicht zu reißen und die Losung der bolschewistischen Selbstkritik zu verteidigen, gehen sie in die Falle, lassen sich von der Losung der Selbstkritik abdrängen, tanzen nach der Pfeife der Opposition und ... kapitulieren vor ihr, in der irrigen Annahme, dass sie sich von der Opposition abgrenzen.

Man könnte einen ganzen Haufen solcher Beispiele anführen.

Wir können aber in unserer Arbeit nach niemandes Pfeife tanzen. Umso weniger können wir uns in unserer Arbeit danach richten, was die Oppositionellen von uns sagen. Wir müssen unseren eigenen Weg gehen, über die gaunerischen Ausfälle der Opposition wie über die Fehler mancher unserer Bolschewiki hinweg, die auf die Provokation der Oppositionellen hereinfallen. Denken Sie an die Worte bei Marx: „Geh deinen Weg, und lass die Leute reden!“[28]

Geschrieben am 12. Juni 1928.
Veröffentlicht in der „Prawda“ Nr. 152,
3. Juli 1928.
Unterschrift: J. Stalin.

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