"Stalin"

Werke

Band 11

GEGEN DIE VULGARISIERUNG DER LOSUNG
DER SELBSTKRITIK

Die Losung der Selbstkritik darf nicht als etwas Vorübergehendes und Schnellvergängliches betrachtet werden. Die Selbstkritik ist eine besondere Methode, eine bolschewistische Methode zur Erziehung der Parteikader sowie der Arbeiterklasse überhaupt im Geiste der revolutionären Entwicklung. Schon Marx sprach von der Selbstkritik als von einer Methode zur Stärkung der proletarischen Revolution.[35] Was die Selbstkritik in unserer Partei betrifft, so geht der Beginn der Selbstkritik bis auf das Aufkommen des Bolschewismus in unserem Lande, bis auf die ersten Tage seines Entstehens als einer besonderen revolutionären Strömung in der Arbeiterbewegung zurück.

Bekanntlich hat Lenin bereits im Frühjahr 1904, als die Bolschewiki noch keine selbständige politische Partei bildeten, sondern gemeinsam mit den Menschewiki innerhalb einer sozialdemokratischen Partei wirkten - bekanntlich hat Lenin damals schon die Partei zur „Selbstkritik und rücksichtslosen Enthüllung der eigenen Mängel“ aufgerufen. Folgendes schrieb Lenin damals in seiner Broschüre „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“:

„Sie (das heißt die Gegner der Marxisten. J.St.) feixen und sind schadenfroh über unsere Streitigkeiten; sie werden sich natürlich bemühen, einzelne Stellen aus meiner Broschüre, die den Mängeln und Unzulänglichkeiten unserer Partei gewidmet ist, für ihre Zwecke aus dem Zusammenhang zu reißen. Die russischen Sozialdemokraten haben bereits genügend im Kugelregen der Schlachten gestanden, um sich durch diese Nadelstiche nicht beirren zu lassen, um dessen ungeachtet ihre Arbeit - Selbstkritik und rücksichtslose Enthüllung der eigenen Mängel - fortzusetzen, die durch das Wachstum der Arbeiterbewegung unbedingt und unvermeidlich ihre Überwindung finden werden. Die Herren Gegner aber mögen versuchen, uns ein Bild der wahren Sachlage in ihren ‚Parteien’ zu zeigen, das auch nur im entferntesten an das Bild heranreicht, das die Protokolle unseres 11. Parteitags wiedergeben!“ (Bd. VI, S.161[36].)

Deshalb sind die Genossen ganz und gar im Unrecht, die da glauben, die Selbstkritik sei eine vorübergehende Erscheinung, eine Mode, von der man in kurzer Zeit ebenso abkommen wird, wie man gewöhnlich von jeder Mode abkommt. In Wirklichkeit ist die Selbstkritik eine nicht wegzudenkende und ständig wirkende Waffe in der Rüstkammer des Bolschewismus, ist sie mit der ganzen Natur des Bolschewismus, mit seinem revolutionären Geist untrennbar verbunden.

Manchmal wird behauptet, die Selbstkritik sei eine gute Sache für eine Partei, die noch nicht zur Macht gelangt ist und die „nichts zu verlieren“ habe, die Selbstkritik sei jedoch gefährlich und schädlich für eine Partei, die bereits zur Macht gelangt ist, die von feindlichen Kräften umgeben ist und gegen die die Enthüllungen ihrer Schwächen von Feinden ausgenutzt werden können.

Das ist falsch. Das ist absolut falsch! Im Gegenteil, gerade weil der Bolschewismus zur Macht gelangt ist, gerade weil die Bolschewiki durch die Erfolge unseres Aufbaus überheblich werden könnten, gerade weil die Bolschewiki ihre Schwächen übersehen und dadurch die Sache ihrer Feinde erleichtern könnten - gerade darum ist die Selbstkritik besonders jetzt, besonders nach der Eroberung der Macht vonnöten.

Das Ziel der Selbstkritik ist die Aufdeckung und Ausmerzung unserer Fehler, unserer Schwächen - ist es etwa nicht klar, dass die Selbstkritik unter den Verhältnissen der Diktatur des Proletariats den Kampf des Bolschewismus gegen die Feinde der Arbeiterklasse nur erleichtern kann? Lenin zog diese Besonderheiten der Lage nach der Eroberung der Macht durch die Bolschewiki in Betracht, als er in seiner Schrift „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ im April/Mai 1920 schrieb:

„Das Verhalten einer politischen Partei zu ihren Fehlern ist eines der wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei und für die tatsächliche Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber ihrer Klasse und den werktätigen Massen. Einen Fehler offen zugeben, seine Ursachen aufdecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen - das ist das Merkmal einer ernsten Partei, das heißt Erfüllung ihrer Pflichten, das heißt Erziehung und Schulung der Klasse und dann auch der Masse.“ (4. Ausgabe, Bd. 31, S. 39 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 703].)

Lenin hatte tausendmal Recht, als er auf dem XI. Parteitag im März 1922 sagte:

„Das Proletariat fürchtet nicht zuzugeben, dass ihm in der Revolution dies und jenes großartig gelungen, dies und jenes aber misslungen ist. Alle revolutionären Parteien, die bisher zugrunde gegangen sind, gingen daran zugrunde, dass sie überheblich wurden und nicht zu sehen vermochten, worin ihre Kraft bestand, dass sie fürchteten, von ihren Schwächen zu sprechen1. Wir aber werden nicht zugrunde gehen, weil wir nicht fürchten, von unseren Schwächen zu sprechen, und es lernen werden, die Schwächen zu überwinden.“ (4. Ausgabe, Bd. 33, S. 278, russ.)

Daraus ergibt sich nur eine Schlussfolgerung: Ohne Selbstkritik – keine richtige Erziehung der Partei, der Klasse, der Massen; ohne richtige Erziehung der Partei, der Klasse, der Massen - kein Bolschewismus.

Warum hat die Losung der Selbstkritik gerade jetzt, gerade im gegebenen historischen Augenblick, gerade im Jahre 1928 eine besonders aktuelle Bedeutung gewonnen?

Weil die Verschärfung der Klassenbeziehungen sowohl auf der inneren als auch auf der äußeren Linie jetzt krasser als vor ein oder zwei Jahren zutage getreten ist.

Weil die Wühlarbeit der Klassenfeinde der Sowjetmacht, die unsere Schwächen und unsere Fehler gegen die Arbeiterklasse unseres Landes ausnutzen, jetzt krasser als vor ein oder zwei Jahren in Erscheinung getreten ist.

Weil die Lehren der Schachty-Affäre und der „Getreidebeschaffungsmanöver“ der kapitalistischen Elemente des Dorfes plus unsere Fehler in der Planung an uns nicht spurlos vorübergehen können und nicht vorübergehen dürfen.

Wollen wir die Revolution festigen und unseren Feinden gewappnet entgegentreten, so müssen wir uns schnellstens von unseren Fehlern und Schwächen befreien, die durch die Schachty-Affäre und die Schwierigkeiten bei der Getreidebeschaffung aufgedeckt worden sind.

Wollen wir nicht den Feinden der Arbeiterklasse zur Freude von allerhand „Überraschungen“ und „Zufälligkeiten“ überrumpelt werden, so müssen wir schnellstens unsere noch nicht aufgedeckten, jedoch zweifellos vorhandenen Schwächen und Fehler aufdecken.

Hier zaudern hieße die Arbeit unserer Feinde erleichtern, unsere Schwächen und Fehler vertiefen. Es ist jedoch unmöglich, all dies zu schaffen, ohne die Selbstkritik zu entfalten, ohne die Selbstkritik zu verstärken, ohne die Millionenmassen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft zur Aufdeckung und Beseitigung unserer Schwächen und Fehler heranzuziehen.

Das Aprilplenum des ZK und der ZKK war deshalb vollkommen im Recht, als es in seiner Resolution zur Schachty-Affäre erklärte:

„Die Hauptbedingung zur Gewährleistung einer erfolgreichen Durchführung aller vorgesehenen Maßnahmen muss die tatsächliche Verwirklichung der Losung des XV. Parteitags über die Selbstkritik sein.“[37]

Um jedoch die Selbstkritik entfalten zu können, muss vor allem eine ganze Reihe von Hindernissen, die der Partei im Wege stehen, überwunden werden. Hierzu gehören die kulturelle Rückständigkeit der Massen, der Mangel an kulturellen Kräften der proletarischen Vorhut, unsere Trägheit, unsere „kommunistische Hoffart“ usw. Doch eins der ärgsten Hindernisse, wenn nicht das ärgste Hindernis überhaupt, ist der Bürokratismus unserer Apparate. Es handelt sich darum, dass innerhalb unserer Partei-, Staats-, Gewerkschafts-, Genossenschafts- und aller Art anderer Organisationen bürokratische Elemente vorhanden sind. Es handelt sich um die bürokratischen Elemente, die von unseren Schwächen und Fehlern leben, die die Kritik der Massen, die Kontrolle der Massen wie das Feuer fürchten und die uns hindern, die Selbstkritik zu entfalten, uns hindern, uns von unseren Schwächen, von unseren Fehlern zu befreien. Der Bürokratismus in unseren Organisationen ist nicht einfach als Amtsschimmel und Kanzleiwirtschaft zu betrachten. Der Bürokratismus ist eine Äußerung des bürgerlichen Einflusses auf unsere Organisationen. Lenin hatte Recht, als er sagte:

„... es ist notwendig, dass wir begreifen, dass der Kampf gegen den Bürokratismus ein absolut notwendiger Kampf und dass er ebenso kompliziert ist wie der Kampf gegen das kleinbürgerliche Element. Der Bürokratismus ist in unserer Staatsordnung so sehr zum wunden Punkt geworden, dass in unserem Parteiprogramm von ihm die Rede ist, und zwar deshalb, weil er mit diesem kleinbürgerlichen Element und seiner Zersplitterung im Zusammenbang steht.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, S. 167, russ.)

Mit umso größerer Beharrlichkeit muss der Kampf gegen den Bürokratismus unserer Organisationen geführt werden, wenn wir die Selbstkritik wirklich entfalten und uns von den Gebrechen unseres Aufbaus befreien wollen.

Mit umso größerer Beharrlichkeit müssen wir die Millionenmassen der Arbeiter und Bauern zur Kritik von unten, zur Kontrolle von unten mobilisieren, die das wichtigste Gegengift gegen den Bürokratismus sind.

Lenin hatte Recht, als er sagte:

„Wenn wir den Kampf gegen den Bürokratismus führen wollen, so müssen wir die breiten Massen heranziehen“ ... denn „kann man den Bürokratismus etwa auf andere Weise beseitigen als durch Tieranziehung der Arbeiter und Bauern?“ (4. Ausgabe, Bd. 31, S. 398, russ.)

Um jedoch die Millionenmassen „heranzuziehen“, gilt es, in allen Massenorganisationen der Arbeiterklasse und vor allem in der Partei selbst die proletarische Demokratie zu entfalten. Ohne diese Bedingung ist die Selbstkritik eine Null, ein Nichts, eine Phrase.

Wir brauchen nicht jedwede Selbstkritik. Wir brauchen eine Selbstkritik, die das Kulturniveau der Arbeiterklasse hebt, ihren Kampfgeist entwickelt, ihren Siegesglauben festigt, ihre Kräfte vermehrt und ihr hilft, der wirkliche Herr des Landes zu werden.

Die einen meinen, wenn einmal Selbstkritik vorhanden ist, dann brauche man keine Arbeitsdisziplin, dann könne man die Arbeit im Stich lassen und sich mit Geschwätz über alle möglichen Dinge befassen. Das wäre keine Selbstkritik, sondern eine Verhöhnung der Arbeiterklasse. Selbstkritik ist notwendig, nicht um die Arbeitsdisziplin zu zerstören, sondern um sie zu festigen, um sie zu einer bewussten Arbeitsdisziplin zu machen, die der kleinbürgerlichen Schlamperei zu widerstehen vermag.

Andere meinen, wenn einmal Selbstkritik vorhanden ist, dann sei keine Führung mehr erforderlich, dann könne man das Steuer verlassen und alles „dem natürlichen Lauf der Dinge“ überlassen. Das wäre keine Selbstkritik, sondern eine Schmach. Selbstkritik ist notwendig, nicht um die Führung zu schwächen, sondern um sie zu stärken, um sie aus einer papiernen und wenig autoritativen Führung in eine lebensverbundene und wirklich autoritative Führung zu verwandeln.

Es gibt jedoch auch „Selbstkritik“ anderer Art, eine „Selbstkritik“, die zur Zerstörung des Parteigeistes, zur Diskreditierung der Sowjetmacht, zur Schwächung unseres Aufbaus, zur Zersetzung der Wirtschaftskader, zur Entwaffnung der Arbeiterklasse, zu einem Geschwätz über Entartung führt. Gerade zu einer solchen „Selbstkritik“ hat uns gestern die trotzkistische Opposition aufgerufen. Es erübrigt sich zu sagen, dass die Partei mit dieser „Selbstkritik“ nichts gemein hat. Es erübrigt sich zu sagen, dass die Partei aus allen Kräften, mit allen Mitteln gegen eine solche „Selbstkritik“ kämpfen wird.

Man muss streng unterscheiden zwischen dieser uns fremden, zersetzenden, antibolschewistischen „Selbstkritik“ und unserer, der bolschewistischen Selbstkritik, deren Ziel es ist, den Parteigeist zu pflegen, die Sowjetmacht zu festigen, unseren Aufbau zu verbessern, unsere Wirtschaftskader zu stärken, die Arbeiterklasse zu wappnen.

Die Kampagne zur Verstärkung der Selbstkritik hat bei uns erst vor einigen Monaten begonnen. Uns fehlen noch die nötigen Unterlagen, um die erste Bilanz der Kampagne ziehen zu können. Doch schon jetzt kann man sagen, dass die Kampagne erfreuliche Ergebnisse zu zeitigen beginnt.

Es ist nicht zu leugnen, dass die Welle der Selbstkritik zu wachsen und sich zu verbreitern beginnt, dass sie immer breitere Schichten der Arbeiterklasse erfasst und sie in den sozialistischen Aufbau einbezieht. Davon sprechen allein schon solche Tatsachen wie die Belebung der Produktionsberatungen und der zeitweiligen Kontrollkommissionen.

Zwar gibt es immer noch Versuche, begründete und überprüfte Hinweise der Produktionsberatungen und der zeitweiligen Kontrollkommissionen zu den Akten zu legen, wogegen der entschiedenste Kampf geführt werden muss, da solche Versuche das Ziel haben, den Arbeitern jede Lust zur Selbstkritik zu nehmen. Es besteht jedoch kaum ein Grund, daran zu zweifeln, dass künftig derartige bürokratische Versuche durch die anwachsende Welle der Selbstkritik restlos hinweggespült werden.

Man kann auch nicht abstreiten, dass unsere Wirtschaftskader im Ergebnis der Selbstkritik sich zusammennehmen, wachsamer werden, ernsthafter an die Fragen der Wirtschaftsführung heranzugehen beginnen und dass unsere Partei-, Sowjet-, Gewerkschafts- und alle möglichen anderen Kader hellhöriger werden, feinfühliger auf die Bedürfnisse der Massen reagieren.

Zwar darf man nicht annehmen, dass die innerparteiliche und überhaupt die Arbeiterdemokratie in den Massenorganisationen der Arbeiterklasse bereits voll verwirklicht sind. Es besteht jedoch kein Grund, daran zu zweifeln, dass diese Sache mit der weiteren Entfaltung der Kampagne vorangetrieben wird.

Man kann auch nicht abstreiten, dass unsere Presse im Ergebnis der Selbstkritik lebendiger und lebensverbundener geworden ist und dass solche Trupps unserer Zeitungsmitarbeiter wie die Organisationen der Arbeiter- und Bauernkorrespondenten sich bereits in eine ernste politische Kraft zu verwandeln beginnen.

Zwar gleitet unsere Presse immer noch hie und da an der Oberfläche, sie hat noch nicht gelernt, von einzelnen kritischen Bemerkungen zu einer tiefer schürfenden Kritik überzugehen und von einer tief schürfenden Kritik zur Verallgemeinerung der Ergebnisse der Kritik, zur Aufzeigung der Errungenschaften, die dank der Kritik in unserem Aufbau erzielt worden sind. Es ist jedoch kaum daran zu zweifeln, dass diese Arbeit im weiteren Verlauf der Kampagne vorangetrieben wird.

Es ist jedoch notwendig, neben den positiven die negativen Seiten unserer Kampagne hervorzuheben. Ich meine die Entstellungen der Losung der Selbstkritik, die jetzt schon, zu Beginn der Kampagne, zu verzeichnen sind und die, wenn nicht sofort dagegen angekämpft wird, die Gefahr einer Vulgarisierung der Selbstkritik heraufbeschwören.

1. Es ist vor allem notwendig, hervorzuheben, dass sich in einer Reihe von Presseorganen die Tendenz bemerkbar gemacht hat, die Kampagne von dem Boden einer sachlichen Kritik an den Mängeln unseres sozialistischen Aufbaus auf den Boden eines Reklamegeschreis gegen Auswüchse im persönlichen Leben überzuleiten. Das mag unglaublich erscheinen. Doch leider ist es Tatsache.

Nehmen wir zum Beispiel die Zeitung „Wlastj Truda“ [Macht der Arbeit], das Organ des Bezirkskomitees und Bezirksexekutivkomitees von Irkutsk (Nr. 128). Man findet dort eine ganze Seite, die von Reklamelosungen“ strotzt wie: „Hemmungslosigkeit im Geschlechtsleben ist bürgerlich“, „Ein Schnäpschen zieht das andere nach“, „Das eigene Häuschen äugt nach der eigenen Kuh“, „Banditen des Doppelbetts“, „Ein Schuss, der nicht losging“ usw. usf. Es fragt sich, was kann dieses „kritische“, der „Birshowka“[38] würdige Geschrei mit der bolschewistischen Selbstkritik gemein haben, deren Ziel es ist, unseren sozialistischen Aufbau zu verbessern? Es ist wohl möglich, dass der Verfasser dieser Reklamenotizen Kommunist ist. Es ist möglich, dass er von glühender Feindschaft gegen die „Klassenfeinde“ der Sowjetmacht erfüllt ist. Doch dass er hier vom richtigen Wege abirrt, die Losung der Selbstkritik vulgarisiert und die Sprache nicht unserer Klasse spricht, daran kann es keinen Zweifel geben.

2. Es ist ferner notwendig, hervorzuheben, dass selbst die Presseorgane, denen, allgemein gesprochen, die Fähigkeit, richtig zu kritisieren, nicht abgeht - dass selbst sie sich mitunter zu einer Kritik um der Kritik willen verleiten lassen, die Kritik in einen Sport, in Sensationsmacherei verwandeln. Nehmen wir zum Beispiel die „Komsomolskaja Prawda“. Allbekannt sind die Verdienste der „Komsomolskaja Prawda“ um die Entfaltung der Selbstkritik. Doch nehmen wir die letzten Nummern dieser Zeitung und sehen wir uns die „Kritik“ an den Führern des Zentralrats der Gewerkschaften der Sowjetunion an, die aus einer ganzen Reihe unzulässiger Karikaturen über dieses Thema besteht. Es fragt sich, wer braucht eine derartige „Kritik“, und welche Ergebnisse kann sie zeitigen außer einer Kompromittierung der Losung der Selbstkritik? Wozu war eine derartige „Kritik“ nötig, wenn man natürlich die Interessen unseres sozialistischen Aufbaus im Auge hat und keine billige Sensation, darauf berechnet, dem Spießer etwas zum Kichern zu bieten? Natürlich erfordert die Selbstkritik den Einsatz aller Waffengattungen, darunter auch der „leichten Kavallerie“. Doch folgt etwa daraus, dass die leichte Kavallerie eine leichtsinnige Kavallerie sein soll?

3. Es ist schließlich notwendig, hervorzuheben, dass bei einer ganzen Reihe unserer Organisationen eine bestimmte Neigung besteht, die Selbstkritik in eine Hetze gegen unsere Wirtschaftler zu verwandeln, sie zur Diskreditierung der Wirtschaftler in den Augen der Arbeiterklasse auszunutzen. Es ist eine Tatsache, dass manche Ortsorganisationen in der Ukraine und in Zentralrußland eine direkte Hetze gegen unsere besten Wirtschaftler begonnen haben, deren ganze Schuld darin besteht, dass sie nicht hundertprozentig gegen Fehler gefeit sind. Wie wären sonst die von Ortsorganisationen gefassten Beschlüsse über Absetzung dieser Wirtschaftler zu verstehen, Beschlüsse ohne jede bindende Kraft, die jedoch offensichtlich darauf berechnet sind, die Wirtschaftler zu diskreditieren? Wie wäre es sonst zu verstehen, dass man die Wirtschaftler wohl kritisiert, aber ihnen nicht die Möglichkeit gibt, auf die Kritik zu antworten? Seit wann wird bei uns ein „Schemjaka-Gericht“ für Selbstkritik ausgegeben?

(Schemjaka-Gericht - nach einer alten russischen Erzählung über den ungerechten Richter Schemjaka. Der Übers.)

Natürlich können wir nicht fordern, dass die Kritik hundertprozentig richtig ist. Wenn die Kritik von unten kommt, dürfen wir sogar eine Kritik, die nur zu 5-10 Prozent richtig ist, nicht unbeachtet lassen. All dies ist richtig. Doch folgt etwa daraus, dass wir von den Wirtschaftlern fordern sollen, dass sie hundertprozentig gegen Fehler gefeit sind? Gibt es denn überhaupt Menschen, die hundertprozentig gegen Fehler gefeit sind? Ist es denn schwer, zu verstehen, dass zur Heranbildung von Wirtschaftskadern Jahre und nochmals Jahre erforderlich sind, dass wir mit den Wirtschaftlern äußerst behutsam und sorgsam umgehen müssen? Ist es denn schwer, zu verstehen, dass wir die Selbstkritik nicht zu einer Hetze gegen die Wirtschaftskader, sondern zu ihrer Verbesserung und Stärkung brauchen?

Kritisiert die Mängel unseres Aufbaus, aber vulgarisiert nicht die Losung der Selbstkritik und verwandelt sie nicht in ein Werkzeug für Reklameübungen über Themen wie „Banditen des Doppelbetts“, „Ein Schuss, der nicht losging“ und andere mehr.

Kritisiert die Mängel unseres Aufbaus, aber diskreditiert nicht die Losung der Selbstkritik und verwandelt sie nicht in eine Garküche zur Zubereitung billiger Sensationen.

Kritisiert die Mängel unseres Aufbaus, aber entstellt nicht die Losung der Selbstkritik und verwandelt sie nicht in ein Werkzeug der Hetze gegen unsere Wirtschaftler und andere Funktionäre.

Und die Hauptsache: Ersetzt die Massenkritik von unten nicht durch „kritisches“ Wortgeprassel von oben, gebt den Massen der Arbeiterklasse die Möglichkeit, ihre Aktivität zu entfalten und zur Behebung unserer Mängel, zur Verbesserung unseres Aufbaus ihre schöpferische Initiative zu offenbaren.

„Prawda“ Nr. 146,
26. Juni 1928.
Unterschrift: J. Stalin.

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