"Stalin"

Werke

Band 11

PLENUM DES ZK DER KPdSU(B).[39]

ÜBER DAS PROGRAMM DER KOMINTERN

Rede am 5. Juli 1928

Vor allem, Genossen, muss die Frage des Umfangs des Entwurfs für das Programm der Komintern[40] geprüft werden.

Man sagt, der Programmentwurf sei zu groß, zu umfangreich. Man fordert, er solle auf die Hälfte, auf ein Drittel reduziert werden. Man fordert, das Programm solle einige allgemeine Formeln enthalten, man solle sich hierauf beschränken und diese Formeln als Programm bezeichnen.

Ich denke, dass diese Forderungen jeder Grundlage entbehren. Wer eine Reduzierung des Programms auf die Hälfte oder sogar auf ein Drittel fordert, versteht nicht die Aufgaben, vor denen die Verfasser des Programmentwurfs standen. Es handelt sich darum, dass das Programm der Komintern nicht das Programm der Partei irgendeines einzelnen Landes oder, sagen wir, ein Programm nur für „zivilisierte“ Nationen sein kann. Das Programm muss alle kommunistischen Parteien der Welt, alle Nationen, alle Völker, sowohl Weiße als auch Farbige umfassen. Das ist der grundlegende und charakteristischste Zug des Programmentwurfs. Wie kann man aber die wichtigsten Erfordernisse und die Grundlinien der Arbeit aller Sektionen der Komintern, sowohl der östlichen als auch der westlichen, erfassen, wenn man das Programm auf die Hälfte oder auf ein Drittel reduziert? Mögen die Genossen versuchen, diese unlösbare Aufgabe zu lösen. Daher denke ich, dass, wenn man das Programm auf die Hälfte oder auf ein Drittel reduzierte, dies schon kein Programm mehr wäre, sondern eine leere Aneinanderreihung abstrakter Formeln, die den Sektionen der Komintern nichts bieten können.

Die Verfasser des Programms standen vor einer zweifachen Aufgabe: einerseits, das Hauptsächliche und Grundlegende in allen kommunistischen Parteien der Welt zu erfassen, anderseits, dieses Hauptsächliche und Grundlegende so zu erfassen, dass die einzelnen Thesen des Programms keine leere Formeln sind, sondern praktische Leitsätze für die verschiedenartigsten Länder und Völker, für die verschiedenartigsten kommunistischen Parteien und kommunistischen Gruppen. Sie werden zugeben, dass es völlig undenkbar ist, diese zweifache Aufgabe in einem kurzen und gedrängten Programmentwurf zu lösen.

Am kuriosesten ist, dass dieselben Genossen, die eine Reduzierung des Programms auf die Hälfte oder sogar auf ein Drittel vorschlagen, zugleich solche Vorschläge machen, die die Tendenz haben, den vorliegenden Programmentwurf auf das Doppelte, wenn nicht auf das Dreifache zu erweitern. In der Tat, wenn man in dem Programmentwurf ausführliche Formulierungen über die Gewerkschaften, über die Genossenschaften, über Kultur, über die nationalen Minderheiten in Europa usw. gibt, ist es dann nicht klar, dass sich daraus keinerlei Reduzierung des Programms ergeben kann? Der vorliegende Programmentwurf müsste auf das Doppelte, wenn nicht auf das Dreifache erweitert werden.

Dasselbe muss man von den Genossen sagen, die entweder fordern, dass das Programm eine konkrete Instruktion für die kommunistischen Parteien sein soll oder dass in ihm alles und jedes, einschließlich der einzelnen Thesen des Programms, erläutert werden soll. Erstens kann man nicht verlangen, dass das Programm nur eine Instruktion oder hauptsächlich eine Instruktion sein soll. Das ist falsch. Eine solche Forderung kann man an ein Programm nicht stellen, schon ganz abgesehen davon, dass die Erfüllung einer solchen Forderung den Umfang des Programms unglaublich erweitern würde. Zweitens kann in einem Programm nicht alles und jedes, einschließlich der einzelnen deklarativen oder theoretischen Thesen des Programms, erläutert werden. Hierfür gibt es Kommentare zum Programm. Man darf ein Programm nicht mit Kommentaren verwechseln.

Die zweite Frage betrifft die Struktur des Programms und die Anordnung der einzelnen Kapitel innerhalb des Programmentwurfs.

Einige Genossen fordern, man solle das Kapitel über das Endziel der Bewegung, über den Kommunismus, an den Schluss des Programms stellen, Ich denke, dass diese Forderung gleichfalls unbegründet ist. Zwischen dem Kapitel über die Krise des Kapitalismus und dem Kapitel über die Übergangsperiode befindet sich im Programmentwurf das Kapitel über den Kommunismus, über das kommunistische Wirtschaftssystem. Ist eine solche Anordnung der Kapitel richtig? Ich denke, dass sie völlig richtig ist. Man kann nicht von der Übergangsperiode sprechen, ohne vorher von jenem Wirtschaftssystem, in diesem Fall vom kommunistischen Wirtschaftssystem, zu sprechen, zu dem im Programm der Übergang gefordert wird. Es wird von der Übergangsperiode gesprochen, von dem Übergang vom Kapitalismus zu einem anderen Wirtschaftssystem. Aber Übergang wozu, zu was für einem System - davon muss die Rede sein, bevor die Übergangsperiode selbst charakterisiert wird. Das Programm muss vom Unbekannten zum Bekannten, vom weniger Bekannten zum mehr Bekannten führen. Von der Krise des Kapitalismus und dann von der Übergangsperiode zu sprechen, ohne vorher darauf einzugehen, zu welchem System der Übergang vollzogen werden soll, bedeutet, den Leser zu verwirren und eine elementare Forderung der Pädagogik, der auch der Programmaufbau entsprechen muss, zu verletzen. Ein Programm aber soll die Heranführung des Lesers vom weniger Bekannten zum mehr Bekannten erleichtern und nicht erschweren.

Andere Genossen sind der Meinung, dass der Absatz über die Sozialdemokratie nicht in das zweite Kapitel des Programmentwurfs aufgenommen werden solle, in dem von der ersten Phase der proletarischen Revolution und der teilweisen Stabilisierung des Kapitalismus die Rede ist. Sie glauben, dass sie damit eine Frage aufwerfen, die die Struktur des Programms betrifft. Das ist falsch, Genossen. In Wirklichkeit haben wir es hier mit einer politischen Frage zu tun. Aus dem zweiten Kapitel den Absatz über die Sozialdemokratie herauszunehmen, bedeutet, einen politischen Fehler in einer der wichtigsten, die Ursachen der teilweisen Stabilisierung des Kapitalismus betreffenden Fragen zu begehen. Das ist keine Frage der Struktur des Programms, sondern der Einschätzung der politischen Lage in der Periode der teilweisen Stabilisierung, der Einschätzung der konterrevolutionären Rolle der Sozialdemokratie als eines der Faktoren dieser Stabilisierung. Diese Genossen müssen wissen, dass wir in dem Kapitel über die teilweise Stabilisierung des Kapitalismus den Absatz über die Sozialdemokratie nicht auslassen können, denn diese Stabilisierung selbst kann nicht erklärt werden, ohne die Rolle der Sozialdemokratie als eines der wichtigsten Faktoren der Stabilisierung zu charakterisieren. Andernfalls müsste man auch den Absatz über den Faschismus aus diesem Kapitel herausnehmen und diesen Absatz ebenso wie auch den Absatz über die Sozialdemokratie in das Kapitel über die Parteien aufnehmen. Diese beiden Absätze, die Absätze über den Faschismus und über die Sozialdemokratie, aus dem Kapitel herauszunehmen, das von der teilweisen Stabilisierung des Kapitalismus handelt, bedeutet aber, sich selbst zu entwaffnen und sich jede Möglichkeit zu nehmen, die kapitalistische Stabilisierung zu erklären. Es ist klar, dass wir uns hierauf nicht einlassen können.

Die Frage der NÖP und des Kriegskommunismus. Die NÖP ist die Politik der proletarischen Diktatur, die gerichtet ist auf die Überwindung der kapitalistischen Elemente und den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft durch Ausnutzung des Marktes, vermittels des Marktes, nicht aber durch direkten Produktenaustausch, ohne Markt, unter Ausschluss des Marktes. Können die kapitalistischen Länder, zumindest die entwickeltesten von ihnen, beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ohne die NÖP auskommen? Ich denke, sie können das nicht. In diesem oder jenem Grade ist die Neue Ökonomische Politik mit ihren Marktbeziehungen und der Ausnutzung dieser Marktbeziehungen in der Periode der Diktatur des Proletariats für jedes kapitalistische Land absolut unerlässlich.

Bei uns gibt es Genossen, die diese These in Abrede stellen. Was bedeutet es aber, diese These in Abrede zu stellen?

Das bedeutet erstens, davon auszugehen, dass wir unmittelbar nach Machtantritt des Proletariats bereits über hundertprozentig fertige, den Austausch zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Kleinproduktion vermittelnde Verteilungs- und Versorgungsapparate verfügen würden, die es ermöglichen, sofort einen direkten Produktenaustausch ohne Markt, ohne Warenumsatz, ohne Geldwirtschaft herzustellen. Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, wie absurd eine solche Annahme wäre.

Das bedeutet zweitens, davon auszugehen, dass die proletarische Revolution nach der Machtergreifung durch das Proletariat den Weg der Expropriation der mittleren und kleinen Bourgeoisie beschreiten und sich die ungeheuerliche Last aufbürden müsse, den künstlich geschaffenen Millionen neuer Arbeitslosen Arbeit zu beschaffen und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, wie unsinnig und töricht eine solche Politik der proletarischen Diktatur wäre. Ein Vorzug der NÖP ist es unter anderem gerade, dass sie die proletarische Diktatur von diesen und ähnlichen Schwierigkeiten befreit.

Hieraus aber folgt, dass die NÖP in allen Ländern eine unvermeidliche Phase der sozialistischen Revolution bildet.

Gilt dasselbe auch für den Kriegskommunismus? Kann man sagen, dass der Kriegskommunismus eine unvermeidliche Phase der proletarischen Revolution bilde? Nein, das kann man nicht. Der Kriegskommunismus ist eine durch Kriegssituation und Intervention diktierte Politik der proletarischen Diktatur, darauf berechnet, nicht vermittels des Markten, sondern unter Ausschluss des Marktes, durch Maßnahmen hauptsächlich außerökonomischen und teilweise militärischen Charakters den direkten Produktenaustausch zwischen Stadt und Land herzustellen, mit dem Ziel, die Verteilung der Produkte so zu organisieren, dass die Versorgung der revolutionären Armeen an der Front sowie der Arbeiter im Hinterland gewährleistet ist. Wenn nicht die Kriegssituation und die Intervention gewesen wären, so ist klar, dass es auch keinen Kriegskommunismus gegeben hätte. Daher darf man nicht behaupten, der Kriegskommunismus bilde eine ökonomisch unvermeidliche Entwicklungsphase der proletarischen Revolution.

Es wäre falsch, wollte man glauben, die proletarische Diktatur in der UdSSR habe ihre wirtschaftliche Tätigkeit mit dem Kriegskommunismus begonnen. Auf diesen Standpunkt gleiten einige Genossen ab. Dieser Standpunkt aber ist falsch. Im Gegenteil, die proletarische Diktatur begann bei uns ihre Aufbauarbeit nicht mit dem Kriegskommunismus, sondern mit der Verkündung der Grundlagen der so genannten Neuen Ökonomischen Politik. Alle kennen die Anfang 1918 erschienene Broschüre Lenin s über „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht“[41], in der Lenin zum erstenmal die Prinzipien der Neuen Ökonomischen Politik begründete. Diese Politik wurde zwar durch die Interventionsverhältnisse zeitweilig unterbrochen, und erst drei Jahre später, nach Beendigung des Krieges und der Intervention, konnten wir zu ihr zurückkehren. Die Tatsache aber, dass die proletarische Diktatur in der UdSSR zu den schon Anfang 1918 verkündeten Prinzipien der Neuen Ökonomischen Politik zurückkehren musste, diese Tatsache zeigt ganz deutlich, womit die proletarische Diktatur ihre Aufbauarbeit am Tage nach der Revolution beginnen und worauf sie ihre Aufbauarbeit begründen muss, wenn man natürlich von wirtschaftlichen Erwägungen ausgeht.

Mitunter wird der Kriegskommunismus mit dem Bürgerkrieg verwechselt, wird der erste mit dem zweiten identifiziert. Das ist natürlich falsch. Die Machtergreifung durch das Proletariat im Oktober 1917 war unbedingt eine Form des Bürgerkriegs. Es wäre aber falsch, zu sagen, wir hätten gleich im Oktober 1917 mit der Einführung des Kriegskommunismus begonnen. Man kann sich durchaus vorstellen, dass der Zustand eines Bürgerkriegs besteht, ohne dass Methoden des Kriegskommunismus angewandt werden, ohne dass auf die Grundlagen der Neuen Ökonomischen Politik verzichtet wird, wie das bei uns Anfang 1918, bis zur Intervention der Fall war.

Man sagt, die proletarischen Revolutionen würden isoliert verlaufen und deshalb könne keine einzige proletarische Revolution ohne Intervention, also auch ohne Kriegskommunismus auskommen. Das ist falsch. Nachdem wir die Festigung der Sowjetmacht in der UdSSR, ein Anwachsen der kommunistischen Parteien in den ausschlaggebenden Ländern des Kapitalismus und eine Stärkung der Komintern erreicht haben, kann und darf es schon keine isolierten proletarischen Revolutionen mehr geben. Man darf solche Faktoren wie die sich verschärfende Krise des Weltkapitalismus, wie die Existenz der Sowjetunion und das Anwachsen des Kommunismus in allen Ländern nicht außer acht lassen. (Zwischenruf: „In Ungarn war aber die Revolution isoliert.“) Das war im Jahre 1919.[42] Jetzt aber schreiben wir 1928. Es genügt, sich an die Revolution in Deutschland im Jahre 1923[43] zu erinnern, als die proletarische Diktatur in der UdSSR sich auf eine direkte Unterstützung der deutschen Revolution vorbereitete, um die ganze Relativität und Bedingtheit der Argumentation einiger Genossen zu begreifen. (Zwischenruf: „Isolierte Revolution in Deutschland, Isoliertheit zwischen Frankreich und Deutschland.“) Sie verwechseln die räumliche Entfernung mit der politischen Isoliertheit. Natürlich ist die räumliche Entfernung von Bedeutung. Trotzdem aber darf man sie nicht mit der politischen Isoliertheit verwechseln.

Und die Arbeiter in den Ländern der Interventen - glauben Sie, dass diese bei einer Intervention zum Beispiel gegen die deutsche Revolution schweigen und den Interventen nicht in den Rücken fallen werden?

Und die UdSSR und ihr Proletariat - glauben Sie, dass die proletarische Revolution in der UdSSR dem Treiben der Interventen ruhig zusehen wird?

Um den Interventen zu schaden, ist es keineswegs erforderlich, dass man mit dem Lande der Revolution unbedingt räumlich verbunden ist. Hierzu genügt es, die Interventen an den verwundbarsten Punkten ihres eigenen Territoriums zu treffen, damit sie die Gefahr spüren und die ganze Realität der proletarischen Solidarität begreifen. Angenommen. wir würden dem bürgerlichen England im Gebiet von Lenin grad zu nahe treten und ihm erheblichen Schaden zufügen. Folgt daraus, dass sich England dafür unbedingt in Lenin grad an uns rächen muss? Nein, das folgt nicht daraus. Es könnte sich dafür irgendwo in Batum, in Odessa, in Baku oder, sagen wir, in Wladiwostok an uns rächen. Dasselbe gilt für die Formen der Hilfe und Unterstützung, die die proletarische Diktatur der proletarischen Revolution in einem der Länder, sagen wir, Europas gegen die imperialistischen Interventen zuteil werden lässt.

Wenn man aber nicht gelten lassen kann, dass die Intervention und also auch der Kriegskommunismus eine für alle Länder unerlässliche Erscheinung sind, so kann und muss man dennoch gelten lassen, dass sie mehr oder weniger wahrscheinlich sind. Daher bin ich, ohne der Argumentation dieser Genossen zuzustimmen, einverstanden mit ihrer Schlussfolgerung, dass man im Programmentwurf die Formel, dass der Kriegskommunismus für die Länder der proletarischen Revolution bei einer bestimmten internationalen Situation möglich ist, durch die Formel ersetzen könnte, dass die Intervention und der Kriegskommunismus mehr oder weniger wahrscheinlich sind.

Die Frage der Nationalisierung des Bodens. Ich bin mit den Genossen nicht einverstanden, die vorschlagen, für die kapitalistisch entwickelten Länder die Formel von der Nationalisierung des Bodens zu ändern, und die fordern, in diesen Ländern die Nationalisierung des gesamten Bodens gleich am ersten Tage der proletarischen Revolution zu verkünden.

Ich bin ferner mit den Genossen nicht einverstanden, die vorschlagen, über die Nationalisierung des gesamten Bodens in den kapitalistisch entwickelten Ländern überhaupt nichts zu sagen. Meiner Meinung nach wäre es besser, über die spätere Nationalisierung des gesamten Bodens zu sprechen, wie es im Programmentwurf auch getan wird, mit dem Zusatz, dass den Klein- und Mittelbauern das Recht auf Bodennutzung gewährleistet wird.

Unrecht haben die Genossen, die glauben, die Nationalisierung des gesamten Bodens könne umso leichter durchgeführt werden, je stärker ein Land in kapitalistischer Hinsicht entwickelt ist. Im Gegenteil, je stärker ein Land in kapitalistischer Hinsicht entwickelt ist, um so schwieriger ist es, die Nationalisierung des gesamten Bodens durchzuführen, denn um so stärker sind dort die Traditionen des Privateigentums an Grund und Boden, und um so schwieriger ist es folglich, gegen diese Traditionen zu kämpfen.

Lesen Sie Lenin s Thesen über die Agrarfrage auf dem II. Kongress der Komintern[44], in denen er direkt vor übereilten und unvorsichtigen Schritten in dieser Richtung warnt - und Sie werden begreifen, wie falsch die Behauptung dieser Genossen ist. In den kapitalistisch entwickelten Ländern besteht das Privateigentum an Grund und Boden Hunderte von Jahren, was man von den kapitalistisch weniger entwickelten Ländern, in denen der Bauernschaft das Prinzip des Privateigentums an Grund und Boden noch nicht in Fleisch und Blut übergehen konnte, nicht sagen kann. Bei uns, in Rußland, sagten die Bauern sogar eine Zeitlang, dass der Boden niemandem gehöre, dass er Gottes Boden sei. Daraus erklärt sich denn auch, dass Lenin schon im Jahre 1906, in Erwartung der bürgerlich-demokratischen Revolution, bei uns die Losung der Nationalisierung des gesamten Bodens bei Gewährleistung des Rechts auf Bodennutzung für die Klein- und Mittelbauern aufstellte, davon ausgehend, dass die Bauernschaft das begreifen und dafür Verständnis haben wird.

Ist es nicht charakteristisch, dass derselbe Lenin im Jahre 1920 auf dem II. Kongress der Komintern die kommunistischen Parteien der kapitalistisch entwickelten Länder davor warnte, sofort die Losung der Nationalisierung des gesamten Bodens aufzustellen, da diese Losung für die von Eigentümerinstinkt durchdrungene Bauernschaft dieser Länder nicht sogleich annehmbar sein würde. Können wir diesen Unterschied außer acht lassen und die Weisungen Lenin s nicht beachten? Es ist klar, dass wir das nicht können.

Die Frage des inneren Gehalts des Programmentwurfs. Es stellt sich heraus, dass einige Genossen der Meinung sind, der Programmentwurf sei, was seinen inneren Gehalt betrifft, nicht durch und durch international, da er, wie sie sagen, einen „zu russischen“ Charakter trage. Ich habe hier derartige Einwände nicht gehört. Solche Einwände werden aber, wie sich herausstellt, in manchen Kreisen rund um die Komintern gemacht.

Was konnte den Anlass zu solchen Äußerungen geben?

Vielleicht die Tatsache, dass es im Programmentwurf ein spezielles Kapitel über die UdSSR gibt? Aber was kann daran schlecht sein? Ist etwa unsere Revolution ihrem Charakter nach eine nationale und nur eine nationale Revolution, und nicht hauptsächlich eine internationale Revolution? Warum nennen wir sie dann die Basis der revolutionären Bewegung der ganzen Welt, den Hebel der revolutionären Entwicklung aller Länder, das Vaterland des Weltproletariats?

Bei uns hat es Leute gegeben, zum Beispiel unsere Oppositionellen, die die Revolution in der UdSSR für eine ausschließlich oder hauptsächlich nationale Revolution hielten. Sie haben sich dabei das Genick gebrochen. Seltsam, dass es, wie sich herausstellt, um die Komintern herum Leute gibt, die bereit sind, in die Fußtapfen der Oppositionellen zu treten.

Vielleicht ist unsere Revolution ihrem Typ nach eine nationale und nur eine nationale Revolution? Aber unsere Revolution ist eine sowjetische Revolution, die Sowjetform des proletarischen Staates aber ist eine mehr oder weniger obligatorische Form auch für die Diktatur des Proletariats in den anderen Ländern. Nicht umsonst sagte Lenin , dass die Revolution in der UdSSR eine neue Ära im Geschichtsverlauf, die Ära der Sowjets, eröffnet hat. Folgt daraus nicht, dass unsere Revolution nicht nur ihrem Charakter, sondern auch ihrem Typ nach hauptsächlich eine internationale Revolution ist, die ein Bild dessen vermittelt, was im Wesentlichen die proletarische Revolution in jedem Lande darstellen soll?

Es besteht kein Zweifel, dass der internationale Charakter unserer Revolution der proletarischen Diktatur in der UdSSR bestimmte Verpflichtungen gegenüber den Proletariern und unterdrückten Massen der ganzen Welt auferlegt. Lenin ging hiervon aus, als er sagte, dass der Sinn der Existenz der proletarischen Diktatur in der UdSSR darin besteht, alles nur Mögliche für die Entwicklung und den Sieg der proletarischen Revolution in anderen Ländern zu tun. Was aber folgt daraus? Daraus folgt zumindest, dass unsere Revolution ein Teil der Weltrevolution, die Basis und das Werkzeug der revolutionären Bewegung der ganzen Welt ist.

Es besteht ebenfalls kein Zweifel, dass nicht nur die Revolution in der UdSSR Verpflichtungen gegenüber den Proletariern aller Länder hat und sie erfüllt, sondern dass auch die Proletarier aller Länder bestimmte, recht ernste Verpflichtungen gegenüber der proletarischen Diktatur in der UdSSR haben. Ihre Pflicht ist es, das Proletariat der UdSSR in seinem Kampf gegen innere und äußere Feinde zu unterstützen, gegen einen auf die Erdrosselung der proletarischen Diktatur in der UdSSR gerichteten Krieg zu kämpfen, den direkten Übergang der Armeen des Imperialismus auf die Seite der proletarischen Diktatur in der UdSSR im Falle eines Überfalls auf die UdSSR zu propagieren. Folgt daraus nicht, dass die Revolution in der UdSSR mit der revolutionären Bewegung in anderen Ländern untrennbar verbunden ist, dass der Triumph der Revolution in der UdSSR ein Triumph der Revolution in der ganzen Welt ist?

Kann man etwa nach alldem von der Revolution in der UdSSR als von einer lediglich nationalen Revolution, als von einer isolierten, nicht mit der revolutionären Bewegung in der ganzen Welt verbundenen Revolution sprechen?

Und umgekehrt, kann man etwa nach alldem außerhalb des Zusammenhangs mit der proletarischen Revolution in der UdSSR irgendetwas von der revolutionären Bewegung der Welt verstehen?

Was für einen Wert hätte ein Programm der Komintern, das von der proletarischen Weltrevolution handelt, wenn es die Grundfrage, die Frage des Charakters und der Aufgaben der proletarischen Revolution in der UdSSR, die Frage ihrer Pflichten gegenüber den Proletariern aller Länder und der Pflichten der Proletarier aller Länder gegenüber der proletarischen Diktatur in der UdSSR, überginge?

Daher bin ich der Meinung, dass die Einwände hinsichtlich des „russischen Charakters“ des Programmentwurfs der Komintern ein, wie soll man das möglichst gelinde sagen..., unschönes Gepräge, einen unangenehmen Beigeschmack haben.

Gehen wir zu einzelnen Bemerkungen über.

Ich bin der Ansicht, dass die Genossen Recht haben, die vorschlagen, auf Seite 55 des Programmentwurfs den Satz hinsichtlich der werktätigen Schichten des Dorfes, „die der Diktatur des Proletariats folgen“, zu ändern. Dieser Satz ist ein offensichtliches Missverständnis oder vielleicht ein Korrekturfehler. Man muss ihn ändern.

Aber diese Genossen haben völlig Unrecht, wenn sie vorschlagen, in den Programmentwurf alle Definitionen der Diktatur des Proletariats aufzunehmen, die Lenin gegeben hat. (Heiterkeit.) Auf Seite 52 wird folgende Definition der Diktatur des Proletariats gegeben, die im Wesentlichen Lenin entnommen ist:

„Die Diktatur des Proletariats ist die Fortsetzung seines Klassenkampfs unter neuen Bedingungen. Die Diktatur des Proletariats ist ein zäher Kampf, ein blutiger und unblutiger, gewaltsamer und friedlicher, militärischer und wirtschaftlicher, pädagogischer und administrativer Kampf gegen die Mächte und Traditionen der alten Gesellschaft, gegen die äußeren kapitalistischen Feinde, gegen die Überreste der Ausbeuterklassen innerhalb des Landes, gegen die auf Grund der noch nicht überwundenen Warenproduktion entstehenden Keime einer neuen Bourgeoisie.“[45]

Der Programmentwurf enthält noch eine Reihe anderer Definitionen der Diktatur entsprechend diesen oder jenen Aufgaben der Diktatur in den verschiedenen Stadien der proletarischen Revolution. Ich denke, dass das vollauf genügt. (Zwischenruf: „Eine der Formulierungen Lenin s ist ausgelassen.“) Bei Lenin gibt es ganze Seiten über die Diktatur des Proletariats. Wenn wir all das in den Programmentwurf aufnehmen, so fürchte ich, dass dessen Umfang sich mindestens auf das Dreifache vergrößern würde.

Falsch ist auch der Einwand einiger Genossen hinsichtlich der These von der Neutralisierung der Mittelbauernschaft. Lenin sagt in seinen Thesen auf dem II. Kongress der Komintern direkt, dass die kommunistischen Parteien am Vorabend der Machtergreifung und im ersten Stadium der Diktatur des Proletariats in den kapitalistischen Ländern nicht auf mehr rechnen können als auf eine Neutralisierung der Mittelbauernschaft. Lenin sagt direkt, dass die kommunistischen Parteien erst nach der Festigung der Diktatur des Proletariats darauf rechnen können, ein festes Bündnis mit dem Mittelbauern herzustellen. Es ist klar, dass wir bei der Aufstellung des Programmentwurfs diese Weisung Lenin s nicht unberücksichtigt lassen konnten, ganz abgesehen davon, dass diese Weisung den Erfahrungen unserer Revolution auf das genaueste entspricht.

Falsch ist auch die Bemerkung einer Reihe von Genossen hinsichtlich der nationalen Frage. Diese Genossen haben keinen Grund zu behaupten, dass der Programmentwurf die nationalen Momente der revolutionären Bewegung nicht berücksichtige. Die Frage der Kolonien ist im Wesentlichen eine nationale Frage. Im Programmentwurf wird prägnant genug von der imperialistischen Unterdrückung, von der Unterdrückung in den Kolonien, von der nationalen Selbstbestimmung, vom Recht der Nationen und der Kolonien auf Lostrennung usw. gesprochen.

Wenn diese Genossen die nationalen Minderheiten in Mitteleuropa meinen, so kann man diese Frage im Programmentwurf erwähnen, ich bin aber dagegen, dass im Programmentwurf die nationale Frage in Mitteleuropa speziell behandelt wird.

Schließlich über die Bemerkungen einer Reihe von Genossen hinsichtlich Polens als eines Landes, das den zweiten Typ der Entwicklung zur proletarischen Diktatur verkörpert. Diese Genossen glauben, dass die Klassifizierung der Länder in drei Typen, in Länder mit hoch entwickeltem Kapitalismus (Amerika, Deutschland, England), in Länder mit mittelmäßig entwickeltem Kapitalismus (Polen, Rußland vor der Februarrevolution usw.) und in koloniale Länder, falsch sei. Sie behaupten, dass man Polen zum ersten Typ der Länder rechnen müsse, dass man nur von zwei Typen von Ländern, von kapitalistischen und von kolonialen Ländern, sprechen könne.

Das ist falsch, Genossen. Außer den kapitalistisch entwickelten Ländern, in denen der Sieg der Revolution sofort zur proletarischen Diktatur führen wird, gibt es noch Länder, die kapitalistisch wenig entwickelt sind, Länder mit feudalen Überresten, mit einer speziellen Agrarfrage antifeudalen Typs (Polen, Rumänien usw.), in denen die Kleinbourgeoisie, besonders die Bauernschaft, im Falle eines revolutionären Ausbruchs unbedingt ein gewichtiges Wort sprechen wird und in denen der Sieg der Revolution, um zur proletarischen Diktatur zu führen, gewisse Zwischenstufen, sagen wir die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, erforderlich machen kann und gewiss auch machen wird.

Bei uns hat es ebenfalls Leute gegeben, wie zum Beispiel Trotzki, die vor der Februarrevolution behaupteten, der Bauernschaft käme keine ernsthafte Bedeutung zu, die Losung des Augenblicks sei die Losung „Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung“. Sie wissen, dass Lenin sich entschieden von einer derartigen Losung abgrenzte, dass er sich gegen die Unterschätzung der Rolle und des spezifischen Gewichts der Kleinbourgeoisie, besonders der Bauernschaft, wandte. Manch einer glaubte bei uns damals, nach dem Sturz des Zarismus werde das Proletariat sofort die herrschende Stellung einnehmen. Was aber geschah in Wirklichkeit? In Wirklichkeit traten gleich nach der Februarrevolution die Millionen der kleinbürgerlichen Massen auf den Plan und gaben den kleinbürgerlichen Parteien, den Sozialrevolutionären und den Menschewiki, das Übergewicht. Die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki, die bis dahin gänzlich unbedeutende Parteien waren, wurden „plötzlich“ zur herrschenden Kraft im Lande. Woher kam das? Das kam daher, dass die Millionenmassen der Kleinbourgeoisie in der ersten Zeit die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki unterstützten.

Daraus erklärt sich unter anderem auch die Tatsache, dass die proletarische Diktatur bei uns als Ergebnis eines mehr oder weniger schnellen Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution errichtet wurde.

Es besteht kaum ein Grund, daran zu zweifeln, dass Polen und Rumänien zu den Ländern gehören, die auf dem Wege zur Diktatur des Proletariats mehr oder weniger schnell gewisse Zwischenstufen zurücklegen müssen.

Daher denke ich, dass diese Genossen Unrecht haben, wenn sie das Vorhandensein von drei Typen der revolutionären Entwicklung auf dem Wege zur Diktatur des Proletariats abstreiten. Polen und Rumänien sind Vertreter des zweiten Typs.

Das, Genossen, sind meine Bemerkungen zum Entwurf des Programms der Komintern.

Was den Stil des Programmentwurfs oder einige einzelne Formulierungen betrifft, so kann ich nicht behaupten, dass der Programmentwurf in dieser Beziehung vollkommen wäre. Es wird sich wohl als notwendig erweisen, einige Verbesserungen, Präzisierungen vorzunehmen, den Stil vielleicht zu vereinfachen usw. Aber das ist Sache der Programmkommission des VI. Kongresses der Komintern.[46]

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