"Stalin"

Werke

Band 11

PLENUM DES ZK DER KPdSU(B).[39]

ÜBER DIE
INDUSTRIALISIERUNG UND DAS GETREIDEPROBLEM

Rede am 9. Juli 1928

Genossen! Bevor ich zu der konkreten Frage unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront übergehe, gestatten Sie mir, einige allgemeine Fragen zu berühren, die von theoretischem Interesse sind und die hier während der Diskussion auf der Plenartagung auftauchten.

Vor allem die allgemeine Frage nach den Hauptquellen für die Entwicklung unserer Industrie, nach den Wegen zur Sicherung des gegenwärtigen Tempos der Industrialisierung.

Diese Frage schnitten, vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein, Ossinski und nach ihm Sokolnikow an. Diese Frage ist von erstrangiger Bedeutung.

Ich denke, dass wir zwei Hauptquellen haben, aus denen unsere Industrie schöpft: erstens die Arbeiterklasse und zweitens die Bauernschaft.

In den kapitalistischen Ländern erfolgte gewöhnlich die Industrialisierung hauptsächlich durch die Ausplünderung fremder Länder, durch die Ausplünderung der Kolonien oder der besiegten Länder oder durch bedeutende, mehr oder weniger knechtende Auslandsanleihen.

Sie wissen, dass England Hunderte von Jahren in allen Kolonien, in allen Teilen der Welt Kapitalien zusammenraffte und auf diese Weise zusätzliche Investitionen in seiner Industrie machen konnte. Daraus erklärt sich unter anderem auch, dass England eine Zeitlang die „Werkstätte der Welt“ war.

Sie wissen ferner, dass Deutschland seine Industrie unter anderem mit Hilfe einer 5-Milliarden-Kontribution entwickelte, die es nach dem Deutsch-Französischen Krieg von Frankreich erhob.

Unser Land unterscheidet sich unter anderem gerade dadurch von den kapitalistischen Ländern, dass es keine Ausraubung von Kolonien und überhaupt keine Ausplünderung fremder Länder betreiben kann und darf. Dieser Weg ist uns also verschlossen.

Unser Land hat aber auch keine knechtenden Auslandsanleihen aufgenommen und will sie nicht aufnehmen. Folglich ist uns auch dieser Weg verschlossen.

Was bleibt dann übrig? Es bleibt nur das eine: mit Hilfe der inneren Akkumulation die Industrie zu entwickeln, das Land zu industrialisieren.

Unter dem bürgerlichen Regime wurden die Industrie, das Verkehrswesen usw. in unserem Lande gewöhnlich mit Hilfe von Anleihen entwickelt. Ob man die Errichtung neuer Werke oder die Neuausrüstung alter Werke, ob man die Anlage neuer Eisenbahnlinien oder die Errichtung großer Kraftwerke nimmt - kein einziges dieser Unternehmen kam ohne Auslandsanleihen aus. Dies aber waren knechtende Anleihen.

Völlig anders ist es bei uns unter der Sowjetordnung. Wir bauen die Turkestan-Eisenbahn mit einer Länge von 1400 Werst, die Hunderte Millionen Rubel erfordert. Wir bauen die Dnjepr-Kraftwerke, die gleichfalls Hunderte Millionen erfordern. Haben wir hierfür irgendeine knechtende Anleihe aufgenommen? Nein, das haben wir nicht getan. All das geschieht bei uns mit Hilfe der inneren Akkumulation.

Wo aber sind die Hauptquellen dieser Akkumulation? Es gibt, wie ich bereits sagte, zwei dieser Quellen: erstens die Arbeiterklasse, die Werte schafft und die Industrie voranbringt; zweitens die Bauernschaft.

Mit der Bauernschaft verhält es sich bei uns in dieser Hinsicht folgendermaßen: Sie zahlt dem Staat nicht nur die üblichen Steuern, direkte und indirekte, sondern sie muss außerdem überzahlen durch verhältnismäßig hohe Preise für Industriewaren - das als erstes -, und sie wird mehr oder minder unterbezahlt durch die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse - das als zweites.

Das ist eine zusätzliche Besteuerung der Bauernschaft im Interesse der Hebung der Industrie, die für das ganze Land, darunter auch für die Bauernschaft, arbeitet. Das ist eine Art „Tribut“, eine Art Mehrsteuer, zu deren zeitweiliger Erhebung wir gezwungen sind, um das gegenwärtige Entwicklungstempo der Industrie aufrechtzuerhalten und weiter zu steigern, die Industrieproduktion für das ganze Land zu sichern, den Wohlstand des Dorfes weiter zu heben und dann diese zusätzliche Steuer, diese „Schere“ zwischen Stadt und Land überhaupt zu beseitigen.

Das ist ohne Zweifel eine unangenehme Sache. Aber wir wären keine Bolschewiki, wollten wir diese Tatsache vertuschen und die Augen davor verschließen, dass unsere Industrie und unser Land bedauerlicherweise ohne diese zusätzliche Besteuerung der Bauernschaft einstweilen noch nicht auskommen können.

Warum spreche ich darüber? Weil manche Genossen diese nicht zu bestreitende Sache offenbar nicht begreifen. Sie bauten ihre Reden darauf auf, dass die Bauernschaft die Waren überbezahlt, was absolut zutrifft, und dass die Bauernschaft durch die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse unterbezahlt wird, was ebenfalls zutrifft. Und was verlangen sie? Sie verlangen, dass Wiederherstellungspreise für Getreide eingeführt werden, dass diese „Schere“, diese Unter- und Überbezahlungen jetzt sofort beseitigt werden. Was bedeutet es aber, die „Schere“, sagen wir, in diesem oder im nächsten Jahr zu beseitigen? Das bedeutet, die Industrialisierung des Landes, darunter auch die Industrialisierung der Landwirtschaft, zu hemmen, unsere noch nicht erstarkte junge Industrie zu unterminieren und somit der gesamten Volkswirtschaft einen Schlag zu versetzen. Können wir uns hierauf einlassen? Es ist klar, dass wir das nicht können. Muss man die „Schere“ zwischen Stadt und Land, alle diese Unter- und Überbezahlungen beseitigen? Ja, man muss sie unbedingt beseitigen. Können wir sie aber jetzt sofort beseitigen, ohne unsere Industrie und also auch unsere Volkswirtschaft zu schwächen? Nein, das können wir nicht.

Worin muss in diesem Fall unsere Politik bestehen? Sie muss darin bestehen, diese „Schere“ allmählich zu schließen, sie von Jahr zu Jahr mehr zu schließen durch Herabsetzung der Preise für Industriewaren und Verbesserung der Technik in der Landwirtschaft, was zu einer Verbilligung der Getreideerzeugung führen muss, um dann, nach einer Reihe von Jahren, diese zusätzliche Besteuerung der Bauernschaft überhaupt zu beseitigen.

Kann die Bauernschaft diese Bürde tragen? Unbedingt, sie kann es: erstens, weil diese Bürde von Jahr zu Jahr leichter wird, zweitens, weil die Erhebung dieser zusätzlichen Steuer nicht unter kapitalistischen Entwicklungsbedingungen erfolgt, unter denen die Massen der Bauernschaft zu Verelendung und Ausbeutung verurteilt sind, sondern unter den Bedingungen der Sowjetordnung, wo der sozialistische Staat eine Ausbeutung der Bauernschaft ausschließt und wo mit der Zahlung dieser zusätzlichen Steuer eine stetige Verbesserung der materiellen Lage der Bauernschaft einhergeht.

So ist es um die Frage der Hauptquellen für die Entwicklung der Industrialisierung unseres Landes im gegenwärtigen Augenblick bestellt.

Die zweite Frage betrifft das Problem des Zusammenschlusses mit dem Mittelbauern, das Problem der Ziele dieses Zusammenschlusses und der Mittel und Wege hierzu.

Manche Genossen stellen die Dinge so hin, als ob der Zusammenschluss zwischen Stadt und Land, zwischen der Arbeiterklasse und den Hauptmassen der Bauernschaft ausschließlich auf der Linie der Textilien, auf der Linie der Befriedigung des persönlichen Bedarfs der Bauernschaft erfolge. Ist das richtig? Das ist völlig falsch, Genossen. Natürlich hat die Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse der Bauernschaft, ihre Versorgung mit Textilien, gewaltige Bedeutung. Damit haben wir auch begonnen bei der Herstellung des Zusammenschlusses mit der Bauernschaft unter den neuen Bedingungen. Wenn man auf Grund dessen aber sagt, im Zusammenschluss mittels Textilien erschöpfe sich das ganze Problem, im Zusammenschluss mittels Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse der Bauernschaft erschöpfe sich das wirtschaftliche Bündnis zwischen Arbeiter-klasse und Bauernschaft oder bestehe die Hauptgrundlage dieses Bündnisses, so bedeutet das, einen schwerwiegenden Fehler zu begehen. In Wirklichkeit erfolgt der Zusammenschluss zwischen Stadt und Land nicht nur auf der Linie der Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse der Bauernschaft, nicht nur auf der Linie der Textilien, sondern auch auf der Linie der Befriedigung der wirtschaftlichen Bedürfnisse der Bauernschaft als des Produzenten landwirtschaftlicher Erzeugnisse.

Wir liefern der Bauernschaft nicht nur Kattun. Wir liefern ihr außerdem Maschinen jeder Art, Saatgut, Pflüge, Kunstdünger usw., die für die Hebung und die sozialistische Umgestaltung der Bauernwirtschaft von größter Bedeutung sind.

Der Zusammenschluss beruht somit nicht nur auf Textilien, sondern auch auf dem Metall. Ohne dieses wäre der Zusammenschluss mit der Bauernschaft nicht von Dauer.

Wodurch unterscheidet sich der Zusammenschluss auf der Grundlage der Textilien von dem Zusammenschluss auf der Grundlage des Metalls? Vor allem dadurch, dass der Zusammenschluss auf der Grundlage der Textilien hauptsächlich die persönlichen Bedürfnisse der Bauernschaft betrifft, die Produktion der Bauernwirtschaft aber gar nicht oder nur verhältnismäßig wenig berührt, während der Zusammenschluss auf der Grundlage des Metalls hauptsächlich die Produktion der Bauernwirtschaft betrifft, diese Wirtschaft verbessert, sie mit Maschinen ausrüstet, ihre Rentabilität hebt und den Boden vorbereitet für die Vereinigung der zersplitterten und kleinen Bauernwirtschaften zu gesellschaftlichen Großwirtschaften.

Es wäre falsch zu glauben, dass das Ziel des Zusammenschlusses in der Aufrechterhaltung der Klassen, insbesondere in der Aufrechterhaltung der Bauernklasse bestehe. Das ist falsch, Genossen. Das Ziel des Zusammenschlusses besteht keineswegs hierin. Das Ziel des Zusammenschlusses besteht darin, die Bauernschaft der Arbeiterklasse als dem Führer unserer gesamten Entwicklung näher zu bringen, das Bündnis der Bauernschaft mit der Arbeiterklasse als der leitenden Kraft dieses Bündnisses zu festigen, die Bauernschaft, ihre Mentalität, ihre Produktion allmählich im Geiste des Kollektivismus umzumodeln und so die Voraussetzungen für die Aufhebung der Klassen zu schaffen.

Das Ziel des Zusammenschlusses besteht nicht in der Aufrechterhaltung der Klassen, sondern in ihrer Aufhebung. Während der Zusammenschluss auf der Grundlage der Textilien die Produktion der Bauernwirtschaft wenig berührt und daher, allgemein gesprochen, nicht die Ummodelung der Bauernschaft im Geiste des Kollektivismus und nicht die Aufhebung der Klassen zur Folge haben kann, betrifft der Zusammenschluss auf der Grundlage des Metalls umgekehrt vor allem die Produktion der Bauernwirtschaft, ihre Maschinisierung, ihre Kollektivierung und muss eben deshalb die allmähliche Ummodelung der Bauernschaft, die allmähliche Beseitigung der Klassen, darunter auch der Bauernklasse, zur Folge haben.

Wie kann man überhaupt den Bauern, seine Mentalität, seine Produktion im Geiste einer Annäherung an die Mentalität der Arbeiterklasse, im Geiste des sozialistischen Produktionsprinzips umgestalten und ummodeln? Was ist dazu erforderlich?

Dazu ist vor allem eine umfassende Agitation unter den Bauernmassen im Geiste des Kollektivismus erforderlich.

Dazu sind zweitens die Entfaltung des Genossenschaftswesens und eine ständig zunehmende Erfassung der Millionen Bauernwirtschaften durch unsere genossenschaftlichen Einkaufs- und Verkaufsorganisationen erforderlich. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass wir ohne die weitgehende Entwicklung unserer Genossenschaften nicht jenen Umschwung unter den Bauern zugunsten der Kollektivwirtschaftsbewegung zu verzeichnen hätten, den wir gegenwärtig beobachten, denn die Entwicklung der Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften ist unter unseren Verhältnissen die Vorbereitung des Übergangs der Bauernschaft zum Kollektivismus.

Aber all das ist für die Ummodelung der Bauernschaft bei weitem noch nicht ausreichend. Die Hauptkraft für die Ummodelung des Bauern im Geiste des Sozialismus ist die neue landwirtschaftliche Technik, die Maschinisierung der Landwirtschaft, die kollektive Arbeit des Bauern, die Elektrifizierung unseres Landes.

Man beruft sich hier auf Lenin und zitiert die bekannte Stelle aus Lenin s Werken über den Zusammenschluss mit der bäuerlichen Wirtschaft. Lenin aber in einem Teil zunehmen, ohne ihn im Ganzen nehmen zu wollen - das bedeutet, Lenin zu entstellen. Lenin verstand durchaus, dass der Zusammenschluss mit der Bauernschaft auf der Linie der Textilwaren eine sehr wichtige Sache ist. Aber er blieb hierbei nicht stehen, denn er bestand zugleich darauf, dass der Zusammenschluss mit der Bauernschaft auch auf der Linie des Metalls, auf der Linie der Versorgung der Bauernschaft mit Maschinen, auf der Linie der Elektrifizierung des Landes hergestellt wird, das heißt auf all den Linien, die die Ummodelung und Umgestaltung der bäuerlichen Wirtschaft im Geiste des Kollektivismus fördern.

Hören Sie bitte zum Beispiel folgendes Lenin -Zitat an:

„Die Ummodelung des kleinen Landwirts, die Umgestaltung seiner ganzen Mentalität und seiner Gepflogenheiten ist eine Sache, die Generationen erfordert. Diese Frage in Bezug auf den kleinen Landwirt lösen, sozusagen seine ganze Mentalität gesund machen, kann nur die materielle Basis, die Technik, die massenhafte Anwendung von Traktoren und Maschinen in der Landwirtschaft, die weitgehende Elektrifizierung. Das würde den kleinen Landwirt von Grund aus und mit riesiger Geschwindigkeit ummodeln.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, S. 194, russ.)

Es ist klar: Das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft kann nicht fest und dauerhaft sein, der Zusammenschluss kann nicht fest und dauerhaft sein, und er kann sein Ziel, die allmähliche Ummodelung des Bauern, seine Annäherung an die Arbeiterklasse und seine Überführung auf die Bahnen des Kollektivismus nicht erreichen, wenn der Zusammenschluss auf der Grundlage der Textilien nicht durch den Zusammenschluss auf der Grundlage des Metalls ergänzt wird.

So fasste Genosse Lenin den Zusammenschluss auf.

Die dritte Frage betrifft die Frage der Neilen Ökonomischen Politik (NÖP) und des Klassenkampfes unter den Bedingungen der NÖP.

Man muss vor allem festhalten, dass unsere Partei die Grundlagen der NÖP nicht erst nach dem Kriegskommunismus darlegte, wie das manchmal einige Genossen behaupten, sondern vor ihm, schon Anfang 1918, als wir erstmalig die Möglichkeit erhielten, mit dem Aufbau der neuen, sozialistischen Wirtschaft zu beginnen. Ich könnte mich auf die bekannte Broschüre von Iljitsch „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht“ berufen, die Anfang 1918 herausgegeben wurde und in der die Grundlagen der NÖP dargelegt sind. Als die Partei nach dem Ende der Intervention die NÖP einführte, bezeichnete sie diese als Neue Ökonomische Politik, weil sie, diese Politik, durch die Intervention unterbrochen worden war und wir erst nach der Intervention, nach dem Kriegskommunismus, im Vergleich zu dem die NÖP wirklich eine neue ökonomische Politik war, die Möglichkeit erhielten, diese durchzuführen. Zur Bestätigung dessen halte ich es für notwendig, mich auf die bekannte Resolution zu berufen, die auf dem IX. Sowjetkongress angenommen wurde und in der schwarz auf weiß geschrieben steht, dass die Grundlagen der Neuen Ökonomischen Politik schon vor dem Kriegskommunismus dargelegt wurden. In dieser Resolution „Über die vorläufigen Ergebnisse der Neuen Ökonomischen Politik“ heißt es:

„Die so genannte Neue Ökonomische Politik, deren grundlegende Prinzipien schon während der ersten Atempause, im Frühjahr 1918, genau festgelegt wurden, gründet sich auf die strenge Berücksichtigung der ökonomischen Kräfte Sowjetrußlands. Die Verwirklichung dieser Politik, die durch den kombinierten Überfall der konterrevolutionären Kräfte der russischen Gutsbesitzer und Bourgeois und des europäischen Imperialismus auf den Arbeiter- und Bauernstaat unterbrochen worden war, wurde erst nach der militärischen Liquidierung der Anschläge der Konterrevolution, Anfang 1921, möglich.“ (Siehe die „Beschlüsse des IX. Allrussischen Sowjetkongresses“, S. 16[47].)

Sie sehen also, wie unrecht einige Genossen haben, wenn sie behaupten, die Partei hätte die Notwendigkeit des Aufbaus des Sozialismus unter den Bedingungen des Marktes und der Geldwirtschaft, das heißt auch unter den Bedingungen der Neuen Ökonomischen Politik, angeblich erst nach dem Kriegskommunismus erkannt.

Was aber folgt daraus?

Daraus folgt vor allem, dass man die NÖP nicht lediglich als Rückzug ansehen darf.

Daraus folgt weiter, dass die NÖP die siegreiche und systematische Offensive des Sozialismus gegen die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft voraussetzt.

Die Opposition, vertreten durch Trotzki, glaubt, dass uns nach Einführung der NÖP nur eins übrig bleibt - Schritt für Schritt zurückzuweichen, wie wir zu Beginn der NÖP zurückwichen, die NOP „zu erweitern“ und unsere Positionen preiszugeben. Auf dieser falschen Auffassung von der NÖP basiert auch die Behauptung Trotzkis, die Partei habe dadurch, dass sie auf dem Lande die Bodenpacht und die Lohnarbeit zugelassen hat, die NÖP angeblich „erweitert“ und sei von der Position Lenin s abgewichen. Es ist vielleicht von Interesse, die Worte Trotzkis zu hören:

„Was aber bedeuten die letzten Maßnahmen der Sowjetmacht auf dem Lande - die Genehmigung zur Pachtung von Boden, zur Einstellung von Arbeitskräften - alles das, was wir Erweiterung der NÖP auf dem Lande nennen... War es aber möglich, die NÖP auf dem Lande nicht zu erweitern? Nein, weil dann die Bauernwirtschaft verkümmern würde, weil der Markt eingeengt, weil die Industrie gehemmt worden wäre.“ (Trotzki, „Acht Jahre“, S. 16/17.)

Sehen Sie, wie weit man sich versteigen kann, wenn man sich den falschen Gedanken in den Kopf setzt, dass die NÖP ein Rückzug und nur ein Rückzug sei.

Kann man behaupten, die Partei habe dadurch, dass sie auf dem Lande die Lohnarbeit und die Bodenpacht zuließ, die NÖP „erweitert“, sie sei von Lenin „abgewichen“ usw.? Nein, das kann man natürlich nicht! Leute, die einen solchen Unsinn behaupten, haben mit Lenin und dem Lenin ismus nichts gemein.

Ich könnte mich hier auf den bekannten Brief Lenin s an Ossinski vom 1. April 1922 stützen, in dem er direkt von der Notwendigkeit der Anwendung der Lohnarbeit und der Bodenpacht auf dem Lande spricht. Das war am Ende des XI. Parteitags, als unter den Delegierten die Frage der Arbeit auf dem Lande, die Frage der NÖP und ihrer Folgen eingehend erörtert wurde.

Hier ein Zitat aus diesem Brief, der einen Resolutionsentwurf für die Delegierten des Parteitags darstellt:

„Was die Bedingungen für die Anwendung der Lohnarbeit in der Landwirtschaft und die Bodenpacht betrifft, empfiehlt der Parteitag allen auf diesem Gebiet tätigen Funktionären, weder das eine noch das andere durch überflüssige Formalitäten zu erschweren und sich darauf zu beschränken, den Beschluss des letzten Sowjetkongresses durchzuführen, und ferner zu studieren, durch welche praktischen Maßnahmen Extreme und schädliche Übertreibungen in der erwähnten Hinsicht zweckmäßig begrenzt werden können.“ (Siehe Lenin -Sammelband IV, S. 396[48].)

Sie sehen, wie dumm und haltlos das Geschwätz von einer „Erweiterung“ der NÖP, von einem „Abweichen“ von Lenin bei der Zulassung der Bodenpacht und der Lohnarbeit auf dem Lande usw. ist.

Warum spreche ich hierüber?

Weil die Leute, die von einer „Erweiterung“ der NÖP schwatzen, in diesem Geschwätz eine Rechtfertigung für ihr Zurückweichen vor den kapitalistischen Elementen auf dem Lande suchen.

Weil bei uns innerhalb der Partei und um die Partei herum Leute aufgetaucht sind, die in einer „Erweiterung“ der NOP die „Rettung“ des Zusammenschlusses der Arbeiter und Bauern sehen, die in Anbetracht der Aufhebung der außerordentlichen Maßnahmen den Verzicht auf die Einschränkung des Kulakentums fordern, die fordern, den kapitalistischen Elementen auf dem Lande freie Hand zu lassen... im Interesse des Zusammenschlusses.

Weil man die Partei gegen solche antiproletarischen Stimmungen mit allen Kräften, mit allen Mitteln sichern muss.

Um nicht weit zu greifen, verweise ich auf die Notiz eines Genossen, eines Mitarbeiters der „Bednota“[49], Ossip Tschernows, der dort eine ganze Reihe von Erleichterungen für das Kulakentum fordert, die nichts anderes bedeuten als eine wirkliche und unverhohlene „Erweiterung“ der NÖP. Ich weiß nicht, ob er Kommunist oder parteilos ist. Und dieser Genosse, Ossip Tschernow, der für die Sowjetmacht und für das Bündnis der Arbeiter mit der Bauernschaft ist, hat sich in der Bauernfrage derart verheddert, dass es schwer ist, ihn von einem Ideologen der Dorfbourgeoisie zu unterscheiden. Worin sieht er die Ursachen unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront? „Die erste Ursache“, sagt er, „ist unbedingt das System der progressiven Einkommensteuer... Die zweite Ursache sind die juristischen Abänderungen der Wahlinstruktion, die Unklarheiten in der Instruktion darüber, wer als Kulak zu gelten hat.“

Was muss man tun, um die Schwierigkeiten zu beseitigen? „Vor allem ist notwendig“, sagt er, „das jetzt bestehende System der progressiven Einkommensteuer aufzuheben und durch ein System der Besteuerung nach Grund und Boden zu ersetzen, Arbeitsvieh und große landwirtschaftliche Geräte leicht zu besteuern... Die zweite, nicht weniger wichtige Maßnahme muss sein, die Wahlinstruktion zu revidieren, bei der Festlegung der Merkmale, die angeben, wo die kulakische, die Ausbeuterwirtschaft beginnt, großzügiger vorzugehen.“

Das ist sie - die „Erweiterung“ der NÖP. Wie Sie sehen, ist die Saat Trotzkis nicht ohne Früchte geblieben. Die falsche Auffassung von der NÖP bringt das Geschwätz von der „Erweiterung“ der NÖP hervor, das Geschwätz von der „Erweiterung“ der NÖP aber ruft alle möglichen Notizen, Artikel, Briefe und Anträge hervor mit der Forderung, dem Kulaken Freiheit zu lassen, ihn von den Einschränkungen zu befreien und ihm die Möglichkeit zu geben, sich ungehindert zu bereichern.

In dieser Hinsicht, in Bezug auf die Frage der NÖP und des Klassenkampfes unter den Bedingungen der NOP, möchte ich noch eins festhalten. Ich denke dabei an die Erklärung eines der Genossen, dass der Klassenkampf unter den Bedingungen der NÖP in Verbindung mit der Getreidebeschaffung angeblich nur drittrangige Bedeutung habe, dass er, dieser Klassenkampf, angeblich keinerlei ernsthafte Bedeutung im Hinblick auf unsere Schwierigkeiten bei der Getreidebeschaffung habe noch haben könne.

Ich muss sagen, Genossen, dass ich dieser Erklärung keineswegs zustimmen kann. Ich denke, dass es bei uns unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats kein einziges politisches oder wirtschaftliches Geschehnis von Bedeutung gibt noch geben kann, das nicht das Vorhandensein des Klassenkampfes in der Stadt oder auf dem Lande widerspiegelt. Hebt etwa die NÖP die Diktatur des Proletariats auf? Natürlich nicht! Im Gegenteil, die NÖP ist ein eigentümlicher Ausdruck und ein Werkzeug der Diktatur des Proletariats. Ist aber die Diktatur des Proletariats nicht die Fortsetzung des Klassenkampfes? (Zurufe: „Richtig!“) Wie kann man danach behaupten, dass der Klassenkampf bei solch bedeutenden politischen und wirtschaftlichen Geschehnissen wie dem Vorgehen des Kulakentums gegen die Sowjetpolitik während der Getreidebeschaffung, wie den Gegenmaßnahmen und den Offensivhandlungen der Sowjetmacht gegen die Kulaken und Spekulanten im Zusammenhang mit der Getreidebeschaffung eine drittrangige Rolle spiele?

Ist es etwa nicht Tatsache, dass wir während der Getreidebeschaffungskrise erstmalig unter den Bedingungen der NÖP ein ernsthaftes Vorgehen der kapitalistischen Elemente des Dorfes gegen die Sowjetpolitik zu verzeichnen hatten?

Gibt es etwa auf dem Lande keine Klassen und keinen Klassenkampf mehr?

Trifft es etwa nicht zu, dass die Losung Lenin s, sich auf die Dorfarmut zu stützen, sich mit dem Mittelbauern zu verbünden und gegen die Kulaken zu kämpfen, unter den heutigen Bedingungen die Grundlosung unserer Arbeit auf dem Lande ist? Was aber ist diese Losung anderes als ein Ausdruck des Klassenkampfes auf dem Lande?

Natürlich darf man unsere Politik keineswegs als eine Politik der Schürung des Klassenkampfes ansehen. Warum? Weil die Schürung des Klassenkampfes zum Bürgerkrieg führt. Weil wir, sobald wir an der Macht sind, sobald wir diese Macht gefestigt und die Kommandohöhen in den Händen der Arbeiterklasse konzentriert haben, nicht daran interessiert sind, dass der Klassenkampf die Formen eines Bürgerkrieges annimmt. Das heißt aber keineswegs, dass dadurch der Klassenkampf aufgehoben ist oder dass er, dieser Klassenkampf, sich nicht verschärfen wird. Das heißt noch weniger, dass der Klassenkampf nicht die entscheidende Kraft unserer Vorwärtsentwicklung ist. Nein, das heißt es nicht.

Wir sagen oft, dass wir die sozialistischen Wirtschaftsformen auf dem Gebiet des Handels entwickeln. Was aber bedeutet das? Das bedeutet, dass wir dadurch Tausende und aber Tausende kleiner und mittlerer Händler aus dem Handel verdrängen. Kann man annehmen, dass diese aus der Handelssphäre verdrängten Händler sich still verhalten, dass sie nicht versuchen werden, Widerstand zu organisieren? Es ist klar, dass man das nicht kann.

Wir sagen oft, dass wir die sozialistischen Wirtschaftsformen auf dem Gebiet der Industrie entwickeln. Was aber bedeutet das? Das bedeutet, dass wir, vielleicht ohne das selbst zu bemerken, durch unseren Vormarsch zum Sozialismus Tausende und aber Tausende kleiner und mittlerer kapitalistischer Unternehmer verdrängen und ruinieren. Kann man annehmen, dass diese ruinierten Leute sich still verhalten, dass sie nicht versuchen werden, Widerstand zu organisieren? Natürlich kann man das nicht.

Wir sagen oft, dass man die Ausbeutergelüste des Kulakentums auf dem Lande einschränken, dass man das Kulakentum mit hohen Steuern belegen, dass man das Pachtrecht beschränken muss, dass man den Kulaken das Recht der Wahl in die Sowjets nicht zugestehen darf usw. usf. Was aber bedeutet das? Das bedeutet, dass wir die kapitalistischen Elemente des Dorfes unter Druck setzen und allmählich einengen, dass wir sie manchmal zum Ruin bringen. Kann man annehmen, dass die Kulaken uns dafür dankbar sein werden, dass sie nicht versuchen werden, einen Teil der Dorfarmut oder der Mittelbauern gegen die Politik der Sowjetmacht zu organisieren? Natürlich kann man das nicht.

Ist es nicht klar, dass unser ganzes Vorwärtsschreiten, jeder irgendwie bedeutsame Erfolg auf dem Gebiet des sozialistischen Aufbaus Ausdruck und Resultat des Klassenkampfes in unserem Lande ist?

Aber aus all dem ergibt sich, dass in dem Maße, wie wir vorwärts schreiten, der Widerstand der kapitalistischen Elemente wachsen, dass der Klassenkampf sich verschärfen wird; die Sowjetmacht aber, deren Kräfte mehr und mehr wachsen werden, wird eine Politik der Isolierung dieser Elemente, eine Politik der Zersetzung der Feinde der Arbeiterklasse und schließlich eine Politik der Unterdrückung des Widerstands der Ausbeuter durchführen und so die Basis für das weitere Vorwärtsschreiten der Arbeiterklasse und der Hauptmassen der Bauernschaft schaffen.

Man darf sich die Sache nicht so vorstellen, dass die sozialistischen Formen sich entwickeln und die Feinde der Arbeiterklasse verdrängen werden, die Feinde aber stillschweigend zurückweichen und unserem Vormarsch den Weg freigeben werden, dass wir dann weiter vorwärts schreiten, sie aber weiter zurückweichen werden, und dass dann „unerwartet“ ausnahmslos alle sozialen Gruppen, sowohl die Kulaken als auch die Dorfarmut, sowohl die Arbeiter als auch die Kapitalisten, „plötzlich“, „unmerklich“, ohne Kampf und Erschütterungen, im Schoße der sozialistischen Gesellschaft angelangt sein werden. Solche Märchen gibt es nicht und kann es überhaupt nicht geben, besonders nicht unter den Verhältnissen der Diktatur des Proletariats.

Es war niemals so und wird niemals so sein, dass die überlebten Klassen ihre Positionen freiwillig aufgeben, ohne zu versuchen, Widerstand zu organisieren. Es war niemals so und wird niemals so sein, dass der Vormarsch der Arbeiterklasse zum Sozialismus in der Klassengesellschaft ohne Kampf und Erschütterungen vor sich gehen kann. Im Gegenteil, der Vormarsch zum Sozialismus führt zwangsläufig dazu, dass die Ausbeuterelemente diesem Vormarsch Widerstand entgegensetzen, der Widerstand der Ausbeuter aber führt zwangsläufig zur Verschärfung des Klassenkampfes.

Darum darf man die Arbeiterklasse nicht durch das Geschwätz von einer zweitrangigen Rolle des Klassenkampfes einschläfern.

Die vierte Frage betrifft das Problem der außerordentlichen Maßnahmen gegen die Kulaken und Spekulanten.

Die außerordentlichen Maßnahmen dürfen nicht als etwas Absolutes und ein für allemal Gegebenes betrachtet werden. Außerordentliche Maßnahmen sind notwendig und zweckmäßig unter gewissen, außerordentlichen Verhältnissen, wenn wir keine anderen Maßnahmen Zum Zwecke des Manövrierens anwenden können. Außerordentliche Maßnahmen sind nicht notwendig, sondern schädlich unter anderen Verhältnissen, wenn wir andere, elastische Maßnahmen zum Zwecke des Manövrierens auf dem Markt anwenden können. Im Unrecht sind diejenigen, die glauben, dass außerordentliche Maßnahmen unter allen Verhältnissen schlecht seien. Gegen solche Leute muss ein systematischer Kampf geführt werden. Im Unrecht sind aber auch diejenigen, die glauben, dass außerordentliche Maßnahmen immer notwendig und zweckmäßig seien. Auch gegen solche Leute muss ein entschiedener Kampf geführt werden.

War die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen unter den Verhältnissen der Getreidebeschaffungskrise ein Fehler? Heute erkennen alle an, dass das kein Fehler war, dass die außerordentlichen Maßnahmen im Gegenteil unser Land vor einer Krise der gesamten Wirtschaft gerettet haben. Was zwang uns, diese Maßnahmen anzuwenden? Das Defizit von 128 Millionen Pud Getreide im Januar dieses Jahres, das wir, bevor die Wege wegen der Schneeschmelze schlecht befahrbar wurden, ausgleichen mussten, und die Notwendigkeit, zugleich ein normales Tempo der Getreidebeschaffung herzustellen. Konnten wir auf die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen verzichten in einer Lage, da wir die Getreidereserve von, sagen wir, 100 Millionen Pud nicht hatten, die notwendig gewesen wäre, um abwarten und auf dem Markt im Sinne einer Senkung der Getreidepreise intervenieren zu können, und da wir keine genügenden Valutareserven hatten, die notwendig gewesen wären, um größere Getreidemengen aus dem Ausland einführen zu können? Es ist klar, dass wir nicht darauf verzichten konnten. Was aber wäre gewesen, wenn wir dieses Defizit nicht ausgeglichen hätten? Wir hätten jetzt eine überaus ernste Krise der gesamten Volkswirtschaft, Hunger in den Städten, Hunger in der Armee.

Wenn wir eine Getreidereserve von 100 Millionen Pud gehabt hätten, um abwarten und dann durch ein Intervenieren auf dem Markt mit dem Ziel der Senkung der Getreidepreise den Kulaken mürbe machen zu können, hätten wir natürlich nicht zu außerordentlichen Maßnahmen gegriffen. Aber Sie wissen ja, dass wir eine solche Reserve nicht hatten.

Wenn wir damals eine Valutareserve von 100-150 Millionen Rubel gehabt hätten, um Getreide aus dem Ausland einzuführen, so hätten wir wohl nicht zu außerordentlichen Maßnahmen gegriffen. Aber Sie wissen ja, dass wir diese Reserve nicht hatten.

Heißt das, dass wir auch weiterhin ohne Reserven bleiben und erneut zu außerordentlichen Maßnahmen Zuflucht nehmen sollen? Nein, das heißt es nicht. Im Gegenteil, wir müssen alle von uns abhängenden Maßnahmen ergreifen, um Reserven anzusammeln und zu erreichen, dass keine Notwendigkeit für die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen, welcher Art sie auch seien, besteht. Leute, die die außerordentlichen Maßnahmen zu einem ständigen oder dauernden Kurs unserer Partei machen wollen, sind gefährlich, denn sie spielen mit dem Feuer und gefährden den Zusammenschluss.

Ergibt sich nun hieraus, dass wir auf die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen ein für allemal verzichten müssen? Nein, keineswegs. Wir haben keine Veranlassung, zu behaupten, dass nicht irgendwann erneut außerordentliche Verhältnisse eintreten können, die die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen erforderlich machen. Eine solche Behauptung wäre leeres Geschwätz.

Lenin , der die Neue Ökonomische Politik begründete, hielt es jedoch selbst unter den Bedingungen der NÖP nicht für möglich, bei bestimmten Verhältnissen und unter bestimmten Umständen auf die Methoden der Komitees der Dorfarmut zu verzichten. Umso weniger können wir ein für allemal auf die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen verzichten, die mit einer solch scharfen Maßnahme des Kampfes gegen das Kulakentum wie den Methoden der Komitees der Dorfarmut nicht auf die gleiche Stufe gestellt werden können.

Es ist vielleicht nicht überflüssig, an eine Episode mit Preobrashenski auf dem XI. Parteitag unserer Partei zu erinnern, die direkte Beziehung hierzu hat. Es ist bekannt, dass Preobrashenski auf dem XI. Parteitag in seinen Thesen über die Arbeit auf dem Lande den Versuch machte, die Politik der Anwendung von Methoden der Komitees der Dorfarmut im Kampf gegen das Kulakentum unter den Bedingungen der NÖP „ein für allemal“ abzulehnen. Preobrashenski schrieb in seinen Thesen: „Eine Politik der Zurückweisung dieser Schicht (des Kulakentums und der wohlhabenden Bauernschaft) und ihrer groben außerökonomischen Unterdrückung mit Methoden der Komitees der Dorfarmut aus dem Jahre 1918 wäre ein überaus schädlicher Fehler“ (§2).

Es ist bekannt, dass Lenin hierauf folgendermaßen antwortete:

„Der zweite Satz des zweiten Paragraphen (gegen die ‚Methoden der Komitees der Dorfarmut’) ist schädlich und falsch, denn ein Krieg zum Beispiel kann zur Anwendung der Methoden der Komitees der Dorfarmut zwingen. Der Gedanke muss vollkommen anders ausgedrückt werden, zum Beispiel so: In Anbetracht der überragenden Bedeutung, die die Hebung der Landwirtschaft und die Vermehrung ihrer Produkte hat, muss die Politik des Proletariats gegenüber dem Kulakentum und der wohlhabenden Bauernschaft im gegenwärtigen Augenblick hauptsächlich auf die Einschränkung ihrer Ausbeuterbestrebungen usw. gerichtet sein. Wie unser Staat diese Bestrebungen einschränken, wie er die Dorfarmut schützen soll und kann, das ist der springende Punkt. Das muss man studieren und unbedingt in der Praxis studieren, allgemeine Phrasen aber sind sinnlos.“ (Siehe Lenin -Sammelband IV, S. 391[50].)

Es ist klar, dass man die außerordentlichen Maßnahmen dialektisch betrachten muss, denn alles hängt von den Bedingungen der Zeit und des Ortes ab.

So ist es, Genossen, um die Fragen allgemeinen Charakters bestellt, die während der Diskussion aufgetaucht sind.

Gestatten Sie jetzt, zum Getreideproblem und zur Frage nach den Grundlagen unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront überzugehen.

Ich denke, dass eine Reihe von Genossen in dieser Hinsicht einen Fehler gemacht haben, dass sie die verschiedenartigen Ursachen unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront in einen Topf geworfen, dass sie zeitweilig wirkende und durch die Wirtschaftslage bedingte (spezifische) Ursachen mit lange wirkenden und grundlegenden Ursachen verwechselt haben. Es gibt zweierlei Ursachen für die Getreideschwierigkeiten: lange wirkende, grundlegende Ursachen, für deren Beseitigung eine ganze Reihe von Jahren erforderlich ist, und spezifische, durch die Wirtschaftslage bedingte Ursachen, die man sofort beseitigen kann, wenn man eine Reihe notwendiger Maßnahmen ergreift und durchführt. Alle diese Ursachen in einen Topf werfen heißt die ganze Frage verwirren.

Worin bestehen der grundlegende Sinn und die grundlegende Bedeutung unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront? Darin, dass sie das Getreideproblem, das Problem der Erzeugung von Brotgetreide, das Problem der Landwirtschaft im Allgemeinen, das Problem der Getreideerzeugung im Besonderen, in seinem ganzen Umfang vor uns aufwerfen.

Gibt es bei uns überhaupt ein Getreideproblem als aktuelle Frage? Ja, unbedingt. Nur Blinde können daran zweifeln, dass das Getreideproblem jetzt in alle Poren des sowjetischen gesellschaftlichen Organismus eindringt. Wir können nicht leben wie Zigeuner - ohne Getreidereserven, ohne gewisse Reserven für den Fall einer Missernte, ohne Reserven für ein Manövrieren auf dem Markt, ohne Reserven für den Fall eines Krieges, schließlich ohne gewisse Reserven für den Export. Sogar ein Kleinbauer kommt bei aller Dürftigkeit seiner Wirtschaft nicht ohne Reserven, ohne einige Vorräte aus. Ist es denn nicht klar, dass ein großer Staat, der ein Sechstel der Erde umfasst, nicht ohne Getreidereserven für den inneren Bedarf und für den Export auskommen kann?

Gesetzt den Fall, die Winteraussaat in der Ukraine wäre nicht zugrunde gegangen und wir hätten das Getreidebeschaffungsjahr „gerade so“ abgeschlossen - kann man behaupten, dass das für uns ausreichend wäre? Nein, das kann man nicht. Wir können nicht weiterhin „gerade so“ leben. Wir müssen ein gewisses Minimum an Reserven zur Verfügung haben, wenn wir die Positionen der Sowjetmacht sowohl im Innern als auch nach außen hin behaupten wollen.

Erstens haben wir keine Garantie gegen einen militärischen Überfall. Glauben Sie aber, dass man das Land verteidigen kann, wenn man keinerlei Getreidereserven für die Armee hat? Die Genossen, die vor mir sprachen, hatten völlig recht, wenn sie sagten, dass der Bauer von heute bereits nicht mehr der ist, der er vor sechs Jahren war, als er fürchtete, den Grund und Boden an den Gutsbesitzer zu verlieren. Den Gutsbesitzer vergisst der Bauer bereits. Jetzt fordert er neue, bessere Lebensbedingungen. Können wir im Falle eines Überfalls der Feinde Krieg führen sowohl gegen den äußeren Feind an der Front als auch, um schleunigst Getreide für die Armee zu bekommen, gegen den Bauern im Hinterland? Nein, das können und dürfen wir nicht. Um das Land zu verteidigen, müssen wir gewisse Vorräte für die Versorgung der Armee haben, wenigstens für die ersten sechs Monate. Wozu sind diese sechs Monate Atempause notwendig? Um dem Bauern Gelegenheit zu geben, zur Besinnung zu kommen, sich mit der Gefahr des Krieges vertraut zu machen, sich in den Ereignissen zurechtzufinden und seine Kräfte anzuspannen für die gemeinsame Sache der Verteidigung des Landes. Wenn wir uns damit zufrieden geben werden, „gerade so“ auszukommen, werden wir niemals irgendwelche Reserven für den Fall eines Krieges haben.

Zweitens haben wir keine Garantie gegen Komplikationen auf dem Getreidemarkt. Wir brauchen unbedingt eine gewisse Reserve, um auf dem Getreidemarkt intervenieren, um unsere Preispolitik durchführen zu können. Denn wir können und dürfen nicht jedesmal zu außerordentlichen Maßnahmen greifen. Wir werden aber niemals solche Reserven haben, wenn wir jedesmal am Rande des Abgrunds wandeln und uns damit zufrieden geben, dass wir die Möglichkeit haben, das Beschaffungsjahr „gerade so“ abzuschließen.

Drittens haben wir keine Garantie gegen eine Missernte. Wir brauchen unbedingt eine gewisse Getreidereserve, um im Falle einer Missernte die hungernden Bezirke zu versorgen, wenigstens in gewissem Maße, wenigstens für eine gewisse Frist. Wir werden aber eine solche Reserve nicht haben, wenn wir die Produktion von Warengetreide nicht erhöhen und uns nicht ein für allemal und entschieden von der alten Gewohnheit losmachen, ohne Vorräte zu leben.

Endlich brauchen wir unbedingt eine Reserve für den Getreideexport. Wir müssen Ausrüstungen für die Industrie einführen. Wir müssen landwirtschaftliche Maschinen, Traktoren und die nötigen Ersatzteile einführen. Aber das alles ist nicht möglich, wenn wir nicht Getreide ausführen, wenn wir nicht durch den Export von Getreide gewisse Valutareserven ansammeln. In der Vorkriegszeit führten wir 500 bis 600 Millionen Pud Getreide jährlich aus. Wir konnten deshalb so viel ausführen, weil wir uns selbst nicht satt aßen. Das stimmt. Man muss sich aber klar darüber sein, dass es immerhin in der Vorkriegszeit bei uns doppelt soviel Warengetreide gab als jetzt. Und eben weil wir jetzt nur halb soviel Warengetreide haben, eben deshalb fällt jetzt das Getreide für den Export aus. Was bedeutet aber der Ausfall des Getreides für den Export? Das bedeutet den Verlust der Quelle, mit deren Hilfe bei uns Ausrüstungen für die Industrie, Traktoren und Maschinen für die Landwirtschaft eingeführt wurden und eingeführt werden müssen. Kann man so, ohne Getreidereserven für den Export anzusammeln, weiterleben? Nein, das kann man nicht.

Sie sehen, wie unsicher und labil der Zustand unserer Getreidereserven ist.

Ich spreche schon gar nicht davon, dass wir nicht nur in dieser vierfachen Hinsicht keine Getreidereserven haben, sondern dass uns auch das bestimmte Minimum an Reserven fehlt, das notwendig ist, um reibungslos von einem Beschaffungsjahr zum anderen übergehen und die Städte in solch schwierigen Monaten wie Juni-Juli regelmäßig versorgen zu können.

Kann man nach all dem die Schärfe des Getreideproblems und den ernsten Charakter unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront leugnen?

Im Zusammenhang mit den Getreideschwierigkeiten traten bei uns aber auch Schwierigkeiten politischen Charakters auf. Das darf man auf keinen Fall vergessen, Genossen. Ich denke dabei an die Unzufriedenheit unter einem gewissen Teil der Bauernschaft, unter einem gewissen Teil der Dorfarmut wie auch der Mittelbauern, die bei uns zu verzeichnen war und die eine gewisse Gefahr für den Zusammenschluss heraufbeschwor.

Natürlich wäre es völlig falsch, zu sagen, dass wir schon eine Entzweiung hätten, wie Frumkin in seinem Schreiben behauptet. Das stimmt nicht, Genossen. Eine Entzweiung ist eine ernste Angelegenheit. Entzweiung - das ist der Beginn des Bürgerkriegs, wenn nicht der Bürgerkrieg selbst. Man soll nicht durch „schreckliche“ Worte sich selbst Angst einjagen. Man soll nicht in Panik verfallen. Das ist eines Bolschewik unwürdig. Entzweiung - das bedeutet Bruch der Bauernschaft mit der Sowjetmacht. Wenn der Bauer aber wirklich mit der Sowjetmacht, die der Hauptabnehmer des bäuerlichen Getreides ist, gebrochen hätte, würde er die Anbauflächen nicht erweitern. Indes sehen wir, dass der Acker für Sommersaat in diesem Jahr in ausnahmslos allen Getreidegebieten erweitert wurde. Sieht das nach Entzweiung aus? Kann man etwa einen solchen Zustand als „Perspektivlosigkeit“ der Bauernwirtschaft bezeichnen, wie das zum Beispiel Frumkin tut? Sieht das nach „Perspektivlosigkeit“ aus?

Worin besteht die Grundlage unserer Getreideschwierigkeiten, wenn man von den lange wirkenden und grundlegenden Ursachen der Schwierigkeiten, und nicht von den zeitweiligen, durch die Wirtschaftslage bedingten Ursachen spricht?

Die Grundlage unserer Getreideschwierigkeiten besteht in der wachsenden Zerbröckelung und Zersplitterung der Landwirtschaft. Es ist eine Tatsache, dass die Landwirtschaft, besonders die Getreidewirtschaft, in immer kleinere Wirtschaften zerbröckelt, dass sie immer weniger rentabel und der Warenteil ihrer Produktion immer geringer wird. Wenn wir vor der Revolution etwa 15-16 Millionen Bauernwirtschaften hatten, so haben wir jetzt 24-25 Millionen, wobei der Zerbröckelungsprozess die Tendenz hat, sich weiter zu verstärken.

Es stimmt, dass die Anbauflächen, die wir jetzt haben, nur wenig hinter dem Umfang der Anbauflächen der Vorkriegszeit zurückbleiben, dass die Bruttoproduktion von Getreide insgesamt nur um etwa 5 Prozent geringer ist als in der Vorkriegszeit. Das Unglück ist aber, dass ungeachtet all dessen die Produktion von Warengetreide bei uns nur die Hälfte, das heißt etwa 50 Prozent, der Vorkriegsproduktion ausmacht. Das ist der Kernpunkt der Frage.

Worum handelt es sich? Es handelt sich eben darum, dass die Kleinwirtschaft weniger rentabel ist, dass sie weniger Waren liefert, dass sie weniger stabil ist als die Großwirtschaft. Die bekannte These des Marxismus, dass der Kleinbetrieb weniger vorteilhaft ist als der Großbetrieb, behält auch in der Landwirtschaft volle Gültigkeit. Daher liefert die kleine Bauernwirtschaft von derselben Bodenfläche weit weniger Warengetreide als die Großwirtschaft.

Wo ist der Ausweg aus dieser Lage?

Wir haben drei Auswege, wie in der Resolution des Politbüros gesagt wird.

1. Der Ausweg besteht darin, die Produktivität der kleinen und der mittleren Bauernwirtschaft möglichst zu steigern, den Hakenpflug durch den Eisenpflug zu ersetzen, diesen Wirtschaften kleine und mittlere Maschinen zu liefern, Kunstdünger zu liefern, sie mit Saatgut zu versorgen, sie in agronomischer Hinsicht zu unterstützen, die Bauernschaft in Genossenschaften zusammenzuschließen, Kontrakte mit ganzen Dörfern abzuschließen, ihnen dabei das beste Saatgut als Darlehen zur Verfügung zu stellen und somit ein kollektives Kreditieren der Bauernschaft zu gewährleisten, und schließlich ihnen über die Ausleihstationen große Maschinen zu leihen.

Unrecht haben die Genossen, die behaupten, die kleine Bauernwirtschaft habe die Möglichkeiten ihrer weiteren Entwicklung erschöpft und es lohne also nicht, sie weiter zu unterstützen. Das ist völlig falsch. Die individuelle Bauernwirtschaft hat nicht wenig weitere Entwicklungsmöglichkeiten. Man muss nur verstehen, ihr zu helfen, diese Möglichkeiten zu realisieren.

Unrecht hat auch die „Krasnaja Gaseta“[51], wenn sie behauptet, die Politik der Zusammenfassung der individuellen Bauernwirtschaften in Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften habe sich nicht bewährt. Das ist völlig falsch, Genossen. Im Gegenteil, die Politik der Zusammenfassung in Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften hat sich voll und ganz bewährt, sie hat eine reale Basis für einen Umschwung unter der Bauernschaft zugunsten der Kollektivwirtschaftsbewegung geschaffen. Zweifellos hätten wir ohne Entwicklung der Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften nicht jenen Umschwung in der Einstellung der Bauernschaft zu den Kollektivwirtschaften, den wir jetzt zu verzeichnen haben und der uns hilft, den kollektivwirtschaftlichen Aufbau weiter voranzuführen.

2. Der Ausweg besteht weiter darin, der Dorfarmut und den Mittelbauern zu helfen, auf der Basis der modernen Technik und kollektiver Arbeit ihre zersplitterten Kleinwirtschaften allmählich zu kollektiven Großwirtschaften zu vereinigen, die vorteilhafter sind und mehr Waren liefern. Ich meine alle Formen der Vereinigung der Kleinwirtschaften zu gesellschaftlichen Großwirtschaften, von den einfachen Gemeinschaften bis zu den Artels, die unvergleichlich mehr Waren liefern und unvergleichlich produktiver sind als die zersplitterten kleinen Bauernwirtschaften.

Das ist die Grundlage für die Lösung des Problems.

Unrecht haben die Genossen, die, indem sie für die Kollektivwirtschaften eine Lanze brechen, uns der „Rehabilitierung“ der kleinen Bauernwirtschaft beschuldigen. Sie sind offenbar der Meinung, man solle die individuelle Bauernwirtschaft bekämpfen und vernichten, nicht aber sie unterstützen und zu sich heranziehen. Das ist völlig falsch, Genossen. Die individuelle Bauernwirtschaft bedarf keineswegs einer „Rehabilitierung“. Sie ist wenig rentabel, das ist wahr. Das bedeutet aber noch nicht, dass sie völlig unvorteilhaft wäre. Wir würden den Zusammenschluss zunichte machen, wenn wir uns auf den Standpunkt der Bekämpfung und Vernichtung der individuellen Bauernwirtschaft stellten, wenn wir von der Lenin schen Position der tagtäglichen Förderung und Unterstützung der individuellen Bauernwirtschaften durch die Kollektivwirtschaften abgingen.

Noch mehr im Unrecht sind diejenigen, die, indem sie die Kollektivwirtschaften lobpreisen, erklären, die individuelle Bauernwirtschaft sei unser „Fluch“. Das riecht schon direkt nach Krieg gegen die Bauernwirtschaft. Wie kommen sie dazu? Wenn die Bauernwirtschaft ein „Fluch“ ist, wie soll man dann das Bündnis der Arbeiterklasse mit den Hauptmassen der Bauernschaft erklären? Bündnis der Arbeiterklasse mit einem „Fluch“ - gibt es auf der Welt solche Ungereimtheiten? Wie kann man so etwas sagen, wenn man zugleich den Zusammenschluss predigt? Man beruft sich auf die Worte Lenin s, dass wir uns allmählich von dem Bauernklepper auf das stählerne Ross der Industrie setzen müssen. Das ist sehr gut. Aber setzt man sich denn so von einem Pferd auf ein anderes? Die Bauernwirtschaft zu einem „Fluch“ zu erklären, ohne vorher eine breite und mächtige Basis in Gestalt eines weit verzweigten Netzes von Kollektivwirtschaften geschaffen zu haben - bedeutet das nicht, überhaupt ohne Ross, überhaupt ohne Basis zu bleiben? (Zurufe: „Richtig, sehr richtig!“) Der Fehler dieser Genossen besteht darin, dass sie die Kollektivwirtschaften den individuellen Bauernwirtschaften entgegenstellen. Wir aber wollen, dass diese zwei Wirtschaftsformen nicht einander entgegengestellt werden, sondern dass sie sich miteinander zusammenschließen, dass in diesem Zusammenschluss die Kollektivwirtschaft dem individuellen Bauern Unterstützung erweist und ihm hilft, nach und nach auf die Bahnen des Kollektivismus überzugehen. Ja, wir wollen, dass die Bauernschaft die Kollektivwirtschaften nicht als ihren Feind betrachtet, sondern als ihren Freund, der ihr hilft und helfen wird, sich von der Armut zu befreien. (Zurufe: „Das stimmt!“) Wenn das stimmt, dann darf man nicht von einer „Rehabilitierung“ der individuellen Bauernwirtschaft sprechen oder davon, dass die Bauernwirtschaft für uns ein „Fluch“ sei.

Man müsste sagen, dass die kleine Bauernwirtschaft im Vergleich zur großen Kollektivwirtschaft weniger vorteilhaft oder sogar am wenigsten vorteilhaft ist, dass sie aber dennoch einen gewissen nicht unerheblichen Nutzen bringt. Bei Ihnen aber ergibt sich, dass die kleine Bauernwirtschaft überhaupt unvorteilhaft und wohl sogar schädlich ist.

Lenin hatte eine andere Auffassung von der kleinen Bauernwirtschaft. Hören Sie, was er hierüber in seiner Rede „Über die Naturalsteuer“ sagte:

„Wenn die Bauernwirtschaft sich weiterentwickeln kann, so muss man auch den weiteren Übergang auf fester Basis sichern, der weitere Übergang aber besteht unweigerlich darin, dass die am wenigsten vorteilhafte und am meisten rückständige, zersplitterte bäuerliche Kleinwirtschaft sich durch allmählichen Zusammenschluss zur gesellschaftlichen Großlandwirtschaft organisiert. So haben sich die Sozialisten das alles von jeher vorgestellt. Das eben ist auch die Auffassung unserer Kommunistischen Partei.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, S.264, russ.)

Es ergibt sich, dass die individuelle Bauernwirtschaft dennoch gewissen Nutzen bringt.

Eine Sache ist es, wenn die höhere Wirtschaftsform, die Großwirtschaft, die niedrigere bekämpft und ruiniert, wenn sie diese vernichtet. So ist es im Kapitalismus. Und etwas völlig anderes ist es, wenn die höhere Wirtschaftsform die niedrigere nicht ruiniert, sondern ihr hilft, aufzusteigen, auf die Bahnen des Kollektivismus überzugehen. So ist es in der Sowjetordnung.

Hören Sie, was Lenin über die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Kollektivwirtschaften und den individuellen Bauernwirtschaften sagt:

„Insbesondere muss man bestrebt sein zu erreichen, dass das Gesetz der Sowjetregierung (über die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften. J.St.), das von den Sowjetwirtschaften, den landwirtschaftlichen Kommunen und allen ähnlichen Vereinigungen eine unverzügliche und allseitige Unterstützung der benachbarten Mittelbauern fordert, wirklich und in vollem Umfang durchgeführt wird. Nur auf Grund einer solchen tatsächlichen Hilfe ist die Verständigung mit der Mittelbauernschaft möglich. Nur so kann und muss man ihr Vertrauen gewinnen.“ (4. Ausgabe, Bd. 29, S. 195, russ.)

Es ergibt sich also, dass die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften den Bauernwirtschaften eben als individuellen Wirtschaften helfen müssen. Schließlich ein drittes Lenin -Zitat:

„Nur in dem Falle, dass es gelingt, den Bauern die Vorzüge der gesellschaftlichen, kollektiven, gemeinschaftlichen, artelmäßigen Bodenbestellung in der Praxis vor Augen zu führen, nur wenn es gelingt, dem Bauern mittels der gemeinschaftlichen, der Artelwirtschaft zu helfen, nur dann wird die Arbeiterklasse, die die Staatsmacht in der Hand hat, den Bauern wirklich den Beweis erbringen, dass sie im Rechte ist, und die Millionenmassen der Bauern fest und wirklich auf ihre Seite ziehen.“ (4. Ausgabe, Bd. 30, S.173/174 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. 1I, S. 629].)

So hoch schätzte Lenin die Bedeutung der Kollektivwirtschaftsbewegung für die sozialistische Umgestaltung unseres Landes ein.

Es ist äußerst merkwürdig, dass einige Genossen in ihren großen Reden ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Frage der individuellen Bauernwirtschaften konzentrierten, dass sie kein einziges, buchstäblich kein einziges Wort über die Entwicklung der Kollektivwirtschaften als die aktuelle und entscheidende Aufgabe unserer Partei sagten.

3. Der Ausweg besteht schließlich darin, die alten Sowjetwirtschaften zu festigen und neue, große Sowjetwirtschaften, als die rentabelsten und die meisten Waren liefernden Wirtschaftseinheiten, zu schaffen.

Das sind die drei grundlegenden Aufgaben, deren Erfüllung uns die Möglichkeit gibt, das Getreideproblem zu lösen und somit die Grundlage unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront zu beseitigen.

Die Besonderheit der gegenwärtigen Lage besteht darin, dass die erste Aufgabe, die Hebung der individuellen Bauernwirtschaft, die immer noch die Hauptaufgabe unserer Arbeit ist, bereits nicht mehr genügt, um das Getreideproblem zu lösen.

Die Besonderheit der gegenwärtigen Lage besteht darin, dass die erste Aufgabe praktisch durch zwei neue Aufgaben, die Entwicklung der Kollektivwirtschaften und die Entwicklung der Sowjetwirtschaften, ergänzt werden muss.

Ohne Verknüpfung dieser Aufgaben, ohne beharrliche Arbeit in allen diesen drei Richtungen kann man das Getreideproblem weder im Sinne der Versorgung des Landes mit Warengetreide noch im Sinne der Umgestaltung unserer gesamten Volkswirtschaft auf den Grundlagen des Sozialismus lösen.

Wie stand Lenin zu dieser Sache? Wir haben ein bekanntes Dokument, das davon zeugt, dass die der Aufmerksamkeit des Plenums empfohlene Resolution des Politbüros voll und ganz mit dem praktischen Plan zur Entwicklung der Landwirtschaft übereinstimmt, den Lenin in diesem Dokument entwarf. Ich meine die von Lenin verfasste „Direktive des Rates für Arbeit und Verteidigung“. Sie wurde im Mai 1921 herausgegeben. In diesem Dokument untersucht Lenin drei Gruppen praktischer Fragen: die erste Gruppe betrifft Fragen des Warenumsatzes und der Industrie, die zweite Gruppe - Fragen der Hebung der Landwirtschaft, die dritte Gruppe - verschiedene Wirtschaftsberatungen[52] und Gebietsberatungen zur Regulierung der Wirtschaft.

Was wird dort, in diesem Dokument, über die Landwirtschaft gesagt? Hier ein Zitat aus der „Direktive des Rates für Arbeit und Verteidigung“ :

„Zweite Fragengruppe. Hebung der Landwirtschaft: a) bäuerliche Wirtschaft, b) Sowjetwirtschaften, c) Kommunen, d) Artels, e) Gemeinschaften, f) andere Arten gesellschaftlicher Wirtschaft.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 368, russ.)

Sie sehen, dass die praktischen Schlussfolgerungen der Resolution des Politbüros hinsichtlich der Lösung des Getreideproblems und überhaupt des landwirtschaftlichen Problems voll und ganz mit dem in der „Direktive des Rates für Arbeit und Verteidigung“ im Jahre 1921 dargelegten Plan Lenin s übereinstimmen.

Es ist sehr interessant, festzustellen, mit welcher echt jugendlichen Freude Lenin , dieser Riese, der Berge versetzte, jede kleine Nachricht über die Gründung von ein oder zwei Kollektivwirtschaften oder über die Entsendung von Traktoren zu dieser oder jener Sowjetwirtschaft aufnahm. Hier zum Beispiel ein Auszug aus einem Brief „An die Gesellschaft für technische Unterstützung Sowjetrußlands“:

„Werte Genossen! In unseren Zeitungen erschienen außerordentlich erfreuliche Mitteilungen über die Arbeit der Mitglieder Ihrer Gesellschaft in Sowjetwirtschaften des Kreises Kirsanow, des Gouvernements Tambow und bei der Station Mitino im Gouvernement Odessa, sowie über die Arbeit einer Gruppe von Bergleuten des Donezbeckens... Ich werde beim Präsidium des Allrussischen ZEK beantragen, die hervorragendsten Wirtschaften als Musterwirtschaften anzuerkennen und ihnen alle für eine günstige Entwicklung ihrer Arbeit notwendige besondere und außerordentliche Unterstützung zu gewähren. Nochmals drücke ich Ihnen im Namen unserer Republik meine tiefe Dankbarkeit aus und bitte Sie, dessen eingedenk zu sein, dass Ihre Unterstützung bei der Bodenbestellung mit Traktoren für uns besonders aktuell und wichtig ist. Es ist mir ein besonderes Vergnügen, Ihnen anlässlich der von Ihnen geplanten Organisierung von 200 landwirtschaftlichen Kommunen gratulieren zu können.“ (4. Ausgabe, Bd. 33, S. 344, russ.)

Und hier noch ein Auszug aus einem Brief „An die Gesellschaft der Freunde Sowjetrußlands“ in Amerika:

„Werte Genossen! Ich habe soeben an Hand einer besonderen Umfrage des Permer Gouvernementsexekutivkomitees die in unseren Zeitungen erschienenen außerordentlich erfreulichen Mitteilungen überprüft über die Arbeit, die die Mitglieder Ihrer Gesellschaft, mit Harold Ware an der Spitze, mit der Traktorenabteilung des Permer Gouvernements in der Sowjetwirtschaft ‚Toikino’ geleistet haben... Ich werde beim Präsidium des Allrussischen ZEK beantragen, diese Sowjetwirtschaft als Musterwirtschaft anzuerkennen und ihr sowohl bei den Bauarbeiten als auch bei der Versorgung mit Benzin, Metall und anderen für die Einrichtung einer Reparaturwerkstatt notwendigen Materialien besondere und außerordentliche Unterstützung zu gewähren. Nochmals drücke ich Ihnen im Namen unserer Republik meine tiefe Dankbarkeit aus und bitte Sie, dessen eingedenk zu sein, dass keinerlei Unterstützung für uns so aktuell und so wichtig ist, wie die, die Sie uns erweisen.“ (4. Ausgabe, Bd. 33, S. 343, russ.)

Sie sehen, mit welcher Freude Lenin jede kleinste Nachricht über die Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften aufnahm.

Möge das eine Lehre sein für diejenigen, die die Geschichte überlisten und bei dem siegreichen Aufbau des Sozialismus in unserem Lande ohne Kollektiv- und Sowjetwirtschaften auskommen wollen.

Ich schließe, Genossen. Ich denke, dass die Getreideschwierigkeiten für uns nicht ohne Nutzen sein werden. Unsere Partei hat gelernt und ist vorwärts geschritten, indem sie Schwierigkeiten und Krisen aller Art überwand. Ich denke, dass die gegenwärtigen Schwierigkeiten unsere bolschewistischen Reihen stählen und sie zwingen werden, energisch an die Lösung des Getreideproblems zu gehen. Dieses Problem lösen heißt aber eine der größten Schwierigkeiten beiseite räumen, die der sozialistischen Umgestaltung unseres Landes im Wege stehen.

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