"Stalin"

Werke

Band 11

PLENUM DES ZK DER KPdSU(B).[39]

ÜBER DEN ZUSAMMENSCHLUSS
DER ARBEITER UND BAUERN
UND ÜBER DIE SOWJETWIRTSCHAFTEN

Aus der Rede am 11. Juli 1928

Einige Genossen kamen in ihren Ausführungen über die Sowjetwirtschaften auf die gestrige Diskussion über die Frage der Getreidebeschaffung zurück. Nun denn, kommen wir auf die gestrige Diskussion zurück.

Worum ging bei uns gestern die Diskussion? Vor allem um die „Schere“ zwischen Stadt und Land. Es war davon die Rede, dass der Bauer immer noch die Industriewaren überbezahlt und für landwirtschaftliche Erzeugnisse unterbezahlt wird. Es war davon die Rede, dass diese Über- und Unterbezahlungen eine Mehrsteuer für die Bauernschaft darstellen, eine Art „Tribut“, eine zusätzliche Steuer zugunsten der Industrialisierung, eine Steuer, die wir unbedingt beseitigen müssen, die wir aber nicht jetzt sofort beseitigen können, wenn wir unsere Industrie nicht untergraben und das bestimmte Entwicklungstempo unserer Industrie, die für das ganze Land arbeitet und unsere Volkswirtschaft dem Sozialismus entgegenführt, nicht gefährden wollen.

Manchen hat das nicht gefallen. Diese Genossen fürchten sich offenbar, die Wahrheit anzuerkennen. Nun, das ist Geschmackssache. Manche glauben, es sei nicht angebracht, im Plenum des ZK die ganze Wahrheit zu sagen. Ich aber denke, dass wir verpflichtet sind, im Plenum des ZK unserer Partei die ganze Wahrheit zu sagen. Man darf nicht vergessen, dass das Plenum des ZK nicht als Massenmeeting betrachtet werden darf. Natürlich, die Worte „Mehrsteuer“, „zusätzliche Steuer“ sind unangenehme Worte, denn sie fallen einem auf die Nerven. Aber erstens geht es nicht um Worte. Zweitens entsprechen diese Worte durchaus der Wirklichkeit. Drittens sollen sie, diese unangenehmen Worte, ja gerade auf die Nerven fallen und die Bolschewiki veranlassen, mit allem Ernst an die Arbeit zu gehen, um diese „Mehrsteuer“ zu beseitigen, um die „Schere“ zu beseitigen.

Wie aber kann man diese unangenehmen Dinge beseitigen? Durch systematische Rationalisierung unserer Industrie und Senkung der Preise für Industriewaren. Durch systematische Verbesserung der Technik und Steigerung der Ertragsfähigkeit der Landwirtschaft und durch allmähliche Verbilligung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Durch systematische Rationalisierung unserer Handels- und Beschaffungsapparate. Usw., usf.

All das lässt sich natürlich nicht in ein oder zwei Jahren erreichen. Wir müssen es aber unbedingt im Verlauf einer Reihe von Jahren erreichen, wenn wir uns von unangenehmen Dingen und auf die Nerven fallenden Erscheinungen aller Art frei machen wollen.

Ein Teil der Genossen steuerte gestern auf die sofortige Beseitigung der „Schere“ los und forderte im Grunde genommen die Einführung von Wiederherstellungspreisen für landwirtschaftliche Produkte. Gemeinsam mit anderen Genossen wandte ich mich dagegen und sagte, dass diese Forderung gegenwärtig den Interessen der Industrialisierung des Landes und folglich den Interessen unseres Staates zuwiderläuft.

Darum ging gestern bei uns die Diskussion, Genossen.

Heute erklären diese Genossen, dass sie sich von der Politik der Wiederherstellungspreise lossagen. Nun, das ist sehr gut. Es erweist sich, dass die gestrige Kritik für diese Genossen nicht vergebens war.

Die zweite Frage betrifft die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften. Ich stellte in meiner Rede fest, dass es unnatürlich und merkwürdig ist, dass manche Genossen in ihren Ausführungen über Maßnahmen zur Hebung der Landwirtschaft in Verbindung mit der Getreidebeschaffung mit keinem einzigen Wort solch bedeutsame Maßnahmen wie die Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften berührt haben. Wie kann man etwas so Bedeutsames wie die Aufgabe der Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften in der Landwirtschaft „vergessen“? Weiß man wirklich nicht, dass die Aufgabe der Entwicklung der individuellen Bauernwirtschaft bei all ihrer Bedeutung, die ihr gegenwärtig zukommt, bereits nicht mehr genügt, dass wir, wenn wir diese Aufgabe nicht praktisch durch neue Aufgaben, die Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften, ergänzen, das Problem der Getreidewirtschaft nicht lösen und aus den Schwierigkeiten nicht herauskommen werden, und zwar weder im Sinne der sozialistischen Umgestaltung unserer gesamten Volkswirtschaft (und folglich auch der Bauernwirtschaft) noch im Sinne der Versorgung des Landes mit gewissen Reserven an Warengetreide.

Wie kann man die Frage der Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften nach all dem „vergessen“, übergehen und mit Schweigen abtun?

Gehen wir jetzt zur Frage der großen Sowjetwirtschaften über. Die Genossen haben Unrecht, die behaupten, in Nordamerika gebe es keine großen Getreidewirtschaften. In Wirklichkeit gibt es solche Wirtschaften sowohl in Nord- als auch in Südamerika. Ich könnte mich auf einen Zeugen wie Professor Tulaikow berufen, der in der Zeitschrift „Nishneje Powolshje“[53] (Nr. 9) die Ergebnisse seiner Untersuchung der amerikanischen Landwirtschaft veröffentlicht hat.

Gestatten Sie mir, ein Zitat aus dem Artikel Tulaikows anzuführen.

„Eine Weizenwirtschaft in Montana gehört der Gesellschaft ‚Campbell Farming Corporation’. Ihre Bodenfläche beläuft sich auf 95000 Acres oder etwa 32000 Deßjatinen. Die Wirtschaft wird von einem Rain umschlossen und zur Bearbeitung in vier Sektionen, nach unseren Bezeichnungen Chutors, aufgeteilt, von denen jede von einem besonderen Leiter verwaltet wird, die gesamte Wirtschaft aber wird von einer Person geleitet - dem Direktor dieser Korporation, Thomas Campbell.

In diesem Jahr wird nach einer Zeitungsmitteilung, die natürlich von der gleichen Korporation eingeschickt wurde, von der gesamten Bodenfläche etwa die Hälfte bebaut, wobei eine Ernte von etwa 410000 Bushel Weizen (etwa 800000 Pud), 20000 Bushel Hafer und 70000 Bushel Leinsamen erwartet wird. Man rechnet mit einer Gesamteinnahme des Betriebs von 500000 Dollar.

Pferde und Maultiere sind in dieser Wirtschaft fast vollständig durch Traktoren, Lastkraftwagen und Personenwagen ersetzt. Das Pflügen, die Aussaat und überhaupt alle Feldarbeiten und insbesondere die Getreideernte werden bei Tage und bei Nacht durchgeführt, wobei nachts die Maschinen auf dem Feld bei Scheinwerferlicht arbeiten. Die gewaltigen Saatflächen erlauben es, dass die Maschinen auf einer sehr großen Strecke arbeiten, ohne umzuwenden. So legen die Mähdrescher, wenn die Beschaffenheit der Pflanzen ihre Anwendung erlaubt, in einer Breite von 24 Fuß eine Strecke von 20 Meilen, das heißt etwas über 30 Werst zurück. Früher waren für diese Arbeit 40 Pferde und Menschen notwendig. Der Traktor zieht zugleich vier Garbenbindemaschinen, die eine Fläche von 40 Fuß Breite auf einmal erfassen und 28 Meilen, das heißt eine Strecke von etwa 42 Werst, zurücklegen. Die Garbenbindemaschinen werden dann bei der Ernte angewandt, wenn das Getreide nicht genügend trocken ist, um gleichzeitig mit der Mahd auch gedroschen zu werden. In diesem Fall wird am Garbenbinder der Bindeapparat entfernt, und mit Hilfe eines besonderen Laufbandes wird das gemähte Getreide in Reihen gelegt. Das so ausgebreitete Getreide liegt 24 und 48 Stunden, während dieser Zeit trocknet es, und der Samen des gleichzeitig abgemähten Unkrauts fällt zu Boden. Dann wird ein Mähdrescher in Tätigkeit gesetzt, an dem an Stelle des Messers ein automatischer Zubringer läuft, der das getrocknete Getreide vom Boden direkt in die Trommel der Dreschmaschine befördert. Dabei arbeiten an dieser Maschine nur ein Traktorist und ein Mann an der Dreschmaschine. Weiter ist niemand an der Maschine. Das Getreide wird aus der Dreschmaschine unmittelbar in Wagen mit einer Ladekraft von 6 Tonnen geschüttet und in einem Zug von 10 solcher Wagen mit Traktoren in die Speicher befördert. In der Notiz wird darauf hingewiesen, dass bei solcher Arbeit täglich 16000 bis 20000 Buskiel Getreidekorn ausgedroschen werden.“ (Siehe „Nishneje Powolshje“ Nr. 9, September 1927, S. 38-39.)

Hier haben Sie die Beschreibung einer der gigantischen Weizenwirtschaften kapitalistischen Typs. Solche Wirtschaftsgiganten gibt es sowohl in Nord- als auch in Südamerika.

Einige Genossen sagten hier, dass die Entwicklungsbedingungen für solche gigantische Wirtschaften in den kapitalistischen Ländern nicht immer günstig oder nicht ganz günstig sind, so dass solche Wirtschaften mitunter in weniger große Einheiten von je 1000-5000 Deßjatinen aufgeteilt werden. Das ist völlig richtig.

Auf Grund dessen glauben diese Genossen, die großen Getreidewirtschaften hätten auch unter sowjetischen Verhältnissen keine Zukunft. Das aber ist völlig falsch.

Diese Genossen begreifen oder bemerken offensichtlich nicht den Unterschied zwischen den Verhältnissen der kapitalistischen Ordnung und den Verhältnissen der Sowjetordnung. Im Kapitalismus besteht das Privateigentum an Grund und Boden und folglich auch die absolute Bodenrente, was die Selbstkosten der landwirtschaftlichen Produktion verteuert und einem ernstlichen Fortschritt derselben unüberwindbare Schranken setzt. Unter der Sowjetordnung hingegen gibt es weder Privateigentum an Grund und Boden noch eine absolute Bodenrente, was die Produktion landwirtschaftlicher Produkte notwendig verbilligen und infolgedessen die fortschreitende Entwicklung des landwirtschaftlichen Großbetriebs auf dem Wege des technischen und jedes anderen Fortschritts erleichtern muss.

Weiter, im Kapitalismus ist es das Ziel der großen Getreidewirtschaften, ein Maximum an Profit zu erzielen oder jedenfalls einen solchen Profit, der der so genannten Durchschnittsprofitrate entspricht, denn sonst sind sie überhaupt nicht imstande, sich zu erhalten und zu bestehen. Dieser Umstand muss notwendig die Produktion verteuern und dadurch der Entwicklung der großen Getreidewirtschaften ernsteste Hindernisse in den Weg legen. Unter der Sowjetordnung hingegen bedürfen die großen Getreidewirtschaften, die zugleich Staatswirtschaften sind, für ihre Entwicklung keineswegs eines Maximums an Profit noch eines Durchschnittsprofits, sondern sie können sich mit einem Minimalgewinn begnügen (und mitunter können sie zeitweilig auch ohne jeden Gewinn auskommen). Hierdurch, wie auch durch den Fortfall der absoluten Bodenrente, entstehen außerordentlich günstige Bedingungen für die Entwicklung der großen Getreidewirtschaften.

Schließlich gibt es im Kapitalismus für die großen Getreidewirtschaften weder Vorzugskredite noch Steuervergünstigungen, während es unter der Sowjetordnung, die für eine allseitige Unterstützung der sozialistischen Wirtschaft sorgt, solche Vergünstigungen gibt und geben wird.

Alle diese und ähnliche Bedingungen schaffen unter der Sowjetordnung (zum Unterschied von der kapitalistischen Ordnung) die außerordentlich günstigen Voraussetzungen, die notwendig sind, um die Entwicklung der Sowjetwirtschaften als großer Getreidewirtschaften voranzutreiben.

Schließlich die Frage der Sowjet- und Kollektivwirtschaften als der Stützpunkte zur Festigung des Zusammenschlusses, als der Stützpunkte zur Sicherung der führenden Rolle der Arbeiterklasse. Kollektiv- und Sowjetwirtschaften brauchen wir nicht nur, um unsere Perspektivziele, die sozialistische Umgestaltung des Dorfes, zu verwirklichen. Kollektiv- und Sowjetwirtschaften brauchen wir auch, um auf dem Lande schon jetzt sozialistische wirtschaftliche Stützpunkte zu haben, die notwendig sind, um den Zusammenschluss zu festigen, um die führende Rolle der Arbeiterklasse bei diesem Zusammenschluss zu sichern. Können wir schon jetzt auf die Schaffung und Entwicklung solcher Stützpunkte rechnen? Ich zweifle nicht daran, dass wir hierauf rechnen können und müssen. Die Getreidezentrale[54] teilt mit, dass sie Verträge mit Kollektivwirtschaften, mit Artels und Gemeinschaften abgeschlossen hat, auf Grund deren sie von diesen etwa 40-50 Millionen Pud Getreide zu erhalten hat. Was die Sowjetwirtschaften betrifft, so geht aus den Angaben hervor, dass unsere alten und neuen Sowjetwirtschaften in diesem Jahr ebenfalls etwa 25 bis 30 Millionen Pud Warengetreide liefern sollen.

Wenn man die 30-35 Millionen Pud hinzuzählt, die die landwirtschaftlichen Genossenschaften von den mit ihnen im Vertragsverhältnis stehenden individuellen Bauernwirtschaften erhalten sollen, so werden wir über 100 Millionen Pud Getreide haben, das uns völlig sicher ist und das als gewisse Reserve, zumindest auf dem inneren Markt, dienen kann. Das ist doch immerhin etwas.

Hier haben Sie die ersten Ergebnisse unserer sozialistischen wirtschaftlichen Stützpunkte auf dem Lande.

Was aber folgt daraus? Daraus folgt, dass die Genossen im Unrecht sind, die glauben, die Arbeiterklasse finde bei der Behauptung ihrer sozialistischen Positionen keine Unterstützung auf dem Lande, ihr bleibe nur eins übrig: endlos zurückzuweichen und ihre Positionen fortwährend an die kapitalistischen Elemente abzutreten. Nein, Genossen, das ist falsch. Die Arbeiterklasse ist auf dem Lande keineswegs so schwach, wie es einem oberflächlichen Beobachter erscheinen könnte. Diese trübselige Philosophie hat mit dem Bolschewismus nichts gemein. Die Arbeiterklasse hat eine ganze Reihe wirtschaftlicher Stützpunkte auf dem Lande: die Sowjetwirtschaften, die Kollektivwirtschaften, die Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften, und sie kann, auf sie gestützt, den Zusammenschluss mit dem Dorf festigen, den Kulaken isolieren und ihre führende Rolle sichern. Die Arbeiterklasse hat schließlich eine Reihe politischer Stützpunkte auf dem Lande: die Sowjets, die organisierte Dorfarmut usw., und sie kann, auf sie gestützt, ihre Positionen auf dem Lande festigen.

Gestützt auf diese wirtschaftlichen und politischen Positionen auf dem Lande und unter Ausnutzung aller der proletarischen Diktatur zur Verfügung stehenden Mittel und Kräfte (der Kommandohöhen usw.), können Partei und Sowjetmacht die sozialistische Umgestaltung des Dorfes voller Zuversicht betreiben, indem sie das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft Schritt für Schritt festigen, indem sie die führende Stellung der Arbeiterklasse in diesem Bündnis Schritt für Schritt festigen.

Besondere Aufmerksamkeit muss hierbei der Arbeit unter der Dorfarmut gewidmet werden. Es muss als Regel gelten, dass die Autorität der Sowjetmacht auf dem Lande um so höher ist, je besser und erfolgreicher unsere Arbeit unter der Dorfarmut ist, und umgekehrt, dass die Autorität der Sowjetmacht um so geringer ist, je schlechter es bei uns um die Dorfarmut bestellt ist.

Wir sprechen oft vom Bündnis mit dem Mittelbauern. Um aber unter unseren Verhältnissen dieses Bündnis zu festigen, muss man einen entschiedenen Kampf gegen das Kulakentum, gegen die kapitalistischen Elemente auf dem Lande führen. Daher hatte der XV. Parteitag unserer Partei völlig Recht, als er die Losung ausgab, die Offensive gegen das Kulakentum zu verstärken. Kann man aber einen erfolgreichen Kampf gegen das Kulakentum führen, ohne unter der Dorfarmut verstärkt zu arbeiten, ohne die Dorfarmut gegen das Kulakentum zu mobilisieren, ohne der Dorfarmut systematisch zu helfen? Es ist klar, dass man das nicht kann! Der Mittelbauer ist eine schwankende Klasse. Wenn es um die Dorfarmut bei uns schlecht bestellt ist, wenn die Dorfarmut noch keine organisierte Stütze der Sowjetmacht darstellt, fühlt der Kulak sich stark, neigt der Mittelbauer nach der Seite des Kulaken hin. Und umgekehrt: Wenn es um die Dorfarmut bei uns gut bestellt ist, wenn die Dorfarmut eine organisierte Stütze der Sowjetmacht darstellt, fühlt sich der Kulak wie in einer belagerten Festung, neigt der Mittelbauer nach der Seite der Arbeiterklasse hin.

Daher denke ich, dass die Verstärkung der Arbeit unter der Dorfarmut, die Organisierung einer systematischen Unterstützung der Dorfarmut, schließlich die Umwandlung der Dorfarmut selbst in eine organisierte Stütze der Arbeiterklasse auf dem Lande eine der wesentlichsten aktuellen Aufgaben unserer Partei darstellt.

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