"Stalin"

Werke

Band 11

ÜBER DIE ERGEBNISSE DES JULIPLENUMS
DES ZK DER KPdSU(B)

Referat in der Versammlung des Aktivs
der Lenin grader Organisation der KPdSU(B)
13. Juli 1928

Genossen! Das soeben beendete Plenum des Zentralkomitees hat sich bei seiner Arbeit mit zwei Fragengruppen beschäftigt.

Zur ersten Fragengruppe gehören Fragen, die sich auf grundlegende, mit dem bevorstehenden VI. Weltkongress zusammenhängende Probleme der Kommunistischen Internationale beziehen.

Zur zweiten Gruppe gehören Fragen, die sich auf unseren Aufbau in der UdSSR beziehen, nämlich Fragen, die die Landwirtschaft betreffen - das Getreideproblem und die Getreidebeschaffung - und Fragen, die die Heranbildung einer technischen Intelligenz für unsere Industrie, die Heranbildung von Kadern der Intelligenz aus den Reihen der Arbeiter-klasse betreffen.

Beginnen wir mit der ersten Fragengruppe.

I
FRAGEN DER KOMINTERN

1. Grundlegende Probleme des Vl. Kongresses der Komintern

Welches sind die grundlegenden Probleme, vor denen gegenwärtig der VI. Kongress der Komintern steht?

Betrachtet man die zwischen dem V. und VI. Kongress zurückgelegte Etappe, so muss man vor allem auf die Gegensätze eingehen, die während dieser Zeit im Lager der Imperialisten herangereift sind.

Was sind das für Gegensätze?

Damals, zur Zeit des V. Kongresses, sprach man bei uns noch wenig von dem englisch-amerikanischen Gegensatz als dem Hauptgegensatz. Damals war es üblich, sogar von einem englisch-amerikanischen Bündnis zu sprechen. Dafür sprach man aber umso lieber von den Gegensätzen zwischen England und Frankreich, zwischen Amerika und Japan, zwischen Siegern und Besiegten. Der Unterschied zwischen der damaligen und der jetzigen Periode besteht darin, dass von den im Lager der Kapitalisten bestehenden Gegensätzen der Gegensatz zwischen dem amerikanischen Kapitalismus und dem englischen Kapitalismus zum Hauptgegensatz geworden ist. Ob man die Erdölfrage nimmt, die sowohl für den Aufbau der kapitalistischen Wirtschaft als auch im Kriegsfalle von entscheidender Bedeutung ist; oder ob man die Frage der Märkte für den Warenabsatz nimmt, die für das Bestehen und die Entwicklung des Weltkapitalismus von größter Bedeutung sind, da man keine Waren produzieren kann, ohne den Absatz dieser Waren gesichert zu haben; ob man die Frage der Märkte für die Kapitalausfuhr nimmt, die ein besonders charakteristisches Merkmal der imperialistischen Etappe ist; oder ob man schließlich die Frage der Verkehrswege zu den Absatzmärkten oder Rohstoffquellen nimmt - alle diese grundlegenden Fragen führen auf ein Hauptproblem hin, auf das Problem des Kampfes zwischen England und Amerika um die Hegemonie in der Welt. Wo Amerika, dieses Land des gigantisch wachsenden Kapitalismus, seine Nase auch immer hineinstecken mag, sei es in China, in die Kolonien, in Südamerika oder in Afrika, überall stößt es auf gewaltige Hindernisse, auf Positionen, die England schon früher befestigt hat.

Dadurch werden die anderen Gegensätze im Lager des Kapitalismus natürlich nicht aufgehoben, die Gegensätze zwischen Amerika und Japan, England und Frankreich, Frankreich und Italien, Deutschland und Frankreich usw. Das bedeutet aber, dass diese Gegensätze in der einen oder anderen Weise mit dem Hauptgegensatz, dem Gegensatz zwischen dem kapitalistischen England, dessen Stern im Sinken begriffen ist, und dem kapitalistischen Amerika, dessen Stern aufsteigt, zusammenhängen.

Was birgt dieser Hauptgegensatz in sich? Wahrscheinlich den Krieg. Wenn zwei Giganten zusammenstoßen, wenn es ihnen auf dem Erdball zu eng wird, dann suchen sie ihre Kräfte zu messen, um die strittige Frage der Welthegemonie durch den Krieg zu entscheiden.

Das ist das erste, was man im Auge haben muss.

Der zweite Gegensatz - das ist der Gegensatz zwischen dem Imperialismus und den Kolonien. Dieser Gegensatz bestand auch zur Zeit des V. Kongresses. Aber erst jetzt hat er sich stark zugespitzt. Damals war die chinesische revolutionäre Bewegung noch nicht zu einer so machtvollen Entfaltung gekommen, waren die Millionenmassen der chinesischen Arbeiter und Bauern noch nicht so tief aufgerüttelt wie vor einem Jahr und wie jetzt. Aber das ist nicht alles. Damals, zur Zeit des V. Kongresses der Komintern, war auch noch nicht die gewaltige Belebung der Arbeiterbewegung und des nationalen Befreiungskampfes in Indien zu verzeichnen, die jetzt zu verzeichnen ist. Diese zwei grundlegenden Tatsachen rollen die Frage der Kolonien und Halbkolonien in ihrer ganzen Tragweite auf.

Was birgt die Verschärfung dieses Gegensatzes in sich? Nationale Befreiungskriege in den Kolonien und eine Intervention der Imperialisten. Diesen Umstand muss man ebenfalls im Auge haben.

Schließlich der dritte Gegensatz, der Gegensatz zwischen der kapitalistischen Welt und der UdSSR, ein Gegensatz, der nicht schwächer wird, sondern sich verschärft. Konnte man zur Zeit des V. Kongresses der Komintern sagen, dass sich ein gewisses, wenn auch labiles, so doch mehr oder weniger dauerhaftes Gleichgewicht zwischen den beiden Welten, zwischen den beiden Antipoden, zwischen der Welt der Sowjets und der Welt des Kapitalismus, herausgebildet hatte, so haben wir jetzt allen Grund zu behaupten, dass dieses Gleichgewicht seinem Ende entgegengeht.

Es braucht nicht betont zu werden, dass die Verschärfung dieses Gegensatzes zwangsläufig die Gefahr einer militärischen Intervention heraufbeschwört.

Es ist anzunehmen, dass der VI. Kongress auch diesem Umstand Rechnung tragen wird.

Somit führen alle diese Gegensätze unvermeidlich zu der einen Hauptgefahr, zur Gefahr neuer imperialistischer Kriege und Interventionen.

Daher ist die Gefahr neuer imperialistischer Kriege und Interventionen die grundlegende Frage der Gegenwart.

Das am weitesten verbreitete Mittel, die Arbeiterklasse einzulullen und sie vom Kampf gegen die Kriegsgefahr abzulenken, ist der heutige bürgerliche Pazifismus mit seinem Völkerbund, mit seinen „Friedens“-predigten, mit dem „Verbot“ des Krieges, mit seinem „Abrüstungs“-geschwätz usw.

Manch einer glaubt, der imperialistische Pazifismus sei ein Instrument des Friedens. Das ist grundfalsch. Der imperialistische Pazifismus ist ein Instrument der Kriegsvorbereitung, er dient zur Bemäntelung dieser Vorbereitung mittels pharisäischer Friedensphrasen. Ohne diesen Pazifismus und ohne sein Instrument, den Völkerbund, ist die Vorbereitung von Kriegen unter den heutigen Verhältnissen unmöglich.

Manche Leute sind so naiv, zu glauben, die Tatsache, dass es den imperialistischen Pazifismus gibt, bedeute, dass es keinen Krieg geben werde. Das ist völlig falsch. Im Gegenteil, wem es um die Wahrheit zu tun ist, der muss diesen Satz umkehren und sagen: Da der imperialistische Pazifismus mit seinem Völkerbund floriert, wird es ganz bestimmt neue imperialistische Kriege und Interventionen geben.

Und das Wichtigste bei all dem ist, dass die Sozialdemokratie der Hauptschrittmacher des imperialistischen Pazifismus in der Arbeiterklasse ist - dass sie folglich bei der Vorbereitung neuer Kriege und Interventionen die Hauptstütze des Kapitalismus innerhalb der Arbeiterklasse ist.

Um aber neue Kriege vorzubereiten, genügt der Pazifismus allein noch nicht, auch wenn er, dieser Pazifismus, von einer so bedeutenden Kraft wie der Sozialdemokratie unterstützt wird. Dazu bedarf es noch gewisser Mittel der Unterdrückung der Massen in den Zentren des Imperialismus. Man kann nicht für den Imperialismus Krieg führen, ohne das imperialistische Hinterland zu festigen. Man kann das imperialistische Hinterland nicht festigen, ohne die Arbeiter zu unterdrücken. Und gerade dazu ist der Faschismus da.

Daher die Zuspitzung der inneren Gegensätze in den Ländern des Kapitalismus, der Gegensätze zwischen Arbeit und Kapital.

Einerseits durch den Mund der Sozialdemokratie Pazifismus predigen, um sich desto erfolgreicher auf neue Kriege vorbereiten zu können; anderseits durch Anwendung faschistischer Methoden die Arbeiterklasse im Hinterland, die kommunistischen Parteien im Hinterland unterdrücken, um dann desto erfolgreicher Krieg führen und die Intervention betreiben zu können - das ist der Weg der Vorbereitung neuer Kriege.

Daraus ergeben sich für die kommunistischen Parteien folgende Aufgaben:

Erstens, unermüdlicher Kampf gegen den Sozialdemokratismus auf allen Gebieten, sowohl auf wirtschaftlichem Gebiet als auch auf politischem Gebiet, wozu auch die Entlarvung des bürgerlichen Pazifismus gehört, mit dem Ziel, die Mehrheit der Arbeiterklasse für den Kommunismus zu gewinnen.

Zweitens, Herstellung der Einheitsfront der Arbeiter der fortgeschrittenen Länder mit den werktätigen Massen der Kolonien, um die Kriegsgefahr abzuwenden oder, wenn ein Krieg ausbricht, den imperialistischen Krieg in den Bürgerkrieg umzuwandeln, den Faschismus zu zerschlagen, den Kapitalismus zu stürzen, die Sowjetmacht zu errichten, die Kolonien von der Sklaverei zu befreien, mit allen Mitteln die Verteidigung der ersten Sowjetrepublik der Welt zu organisieren.

Das sind die grundlegenden Probleme und Aufgaben, vor denen der VI. Kongress steht.

Diesen Problemen und Aufgaben trägt das Exekutivkomitee der Korn-intern Rechnung, wovon man sich leicht überzeugen kann, wenn man sich die Tagesordnung des VI. Kongresses der Komintern ansieht.

2. Das Programm der Komintern

In enger Verbindung mit der Frage nach den grundlegenden Problemen der internationalen Arbeiterbewegung steht die Frage des Programms der Komintern.

Die außerordentlich große Bedeutung des Programms der Komintern besteht darin, dass es die grundlegenden Aufgaben der kommunistischen Bewegung wissenschaftlich formuliert, die Hauptwege zur Lösung dieser Aufgaben aufzeigt und somit für die Sektionen der Komintern die Klarheit über Ziele und Mittel schafft, ohne die ein sicheres Vorwärtsschreiten unmöglich ist.

Einige Worte über die Besonderheiten des von der Programmkommission des Exekutivkomitees der Komintern vorgelegten Programmentwurfs. Man könnte zumindest sieben solcher Besonderheiten anführen.

1. Der Entwurf ist ein Programm nicht für die kommunistische Partei dieses oder jenes einzelnen Landes, sondern für alle kommunistischen Parteien zusammengenommen, denn er erfasst all das, was sie miteinander gemein haben und was für sie von grundsätzlicher Bedeutung ist. Daher sein prinzipiell-theoretischer Charakter.

2. Früher war es üblich, ein Programm für die „zivilisierten“ Nationen aufzustellen. Im Gegensatz dazu berücksichtigt der Programmentwurf alle Nationen der Welt, Weiße und Farbige, die Metropolen und die Kolonien. Daher sein allumfassender, zutiefst internationaler Charakter.

3. Der Entwurf nimmt als Ausgangspunkt nicht diesen oder jenen Kapitalismus dieses oder jenes Landes oder Erdteils, sondern das ganze Weltsystem des Kapitalismus, dem er das Weltsystem der sozialistischen Wirtschaft gegenüberstellt. Dadurch unterscheidet er sich von allen bisherigen Programmen.

4. Der Entwurf geht von der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der Länder des Kapitalismus aus und zieht die Schlussfolgerung von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern, wobei er zu der Perspektive der Bildung zweier paralleler Anziehungszentren gelangt - eines Zentrums des Weltkapitalismus und eines Zentrums des Weltsozialismus.

5. Statt der Losung der Vereinigten Staaten von Europa stellt der Entwurf die Losung der Föderation der aus dem imperialistischen System ausgeschiedenen oder ausscheidenden Sowjetrepubliken der entwickelten Länder und der Kolonien auf, einer Föderation, die sich in ihrem Kampf für den Weltsozialismus dem kapitalistischen Weltsystem entgegenstellt.

6. Der Entwurf wendet sich mit Nachdruck gegen die Sozialdemokratie als Hauptstütze des Kapitalismus in der Arbeiterklasse und als Hauptgegner des Kommunismus, wobei er feststellt, dass alle übrigen Strömungen in der Arbeiterklasse (Anarchismus, Anarchosyndikalismus, Gildensozialismus[55] usw.) ihrem Wesen nach eine Abart eben des Sozialdemokratismus sind.

7. Der Entwurf rückt die Festigung der kommunistischen Parteien sowohl im Westen als auch im Osten in den Vordergrund als Vorbedingung für die Sicherung der Hegemonie des Proletariats und sodann auch der Diktatur des Proletariats.

Das Plenum des ZK hat den Entwurf des Programms der Komintern im wesentlichen gebilligt und die Genossen, die einzelne Abänderungsvorschläge zu dem Entwurf zu machen haben, verpflichtet, diese der Programmkommission des VI. Kongresses zu unterbreiten.

So ist es um die Fragen der Komintern bestellt.

Gehen wir jetzt zu Fragen unseres inneren Aufbaus über.

II
FRAGEN DES SOZIALISTISCHEN AUFBAUS
IN DER UdSSR

1. Die Frage der Getreidebeschaffungspolitik

Gestatten Sie mir einen kleinen historischen Rückblick.

Was hatten wir zum 1. Januar dieses Jahres? Sie wissen aus den Parteidokumenten, dass wir zum 1. Januar dieses Jahres gegenüber dem Vorjahr ein Defizit von 128 Millionen Pud Getreide hatten. Auf die Ursachen dieser Erscheinung werde ich nicht eingehen: sie sind in den bekannten, in der Presse veröffentlichten Parteidokumenten dargelegt. Für uns ist jetzt wichtig, dass wir ein Defizit von 128 Millionen Pud hatten. Indes waren uns bis zu dem Zeitpunkt, da die Wege wegen der Schneeschmelze schlecht befahrbar wurden, nur zwei, drei Monate geblieben. Wir standen also vor der Wahl: entweder das Versäumte nachzuholen und für die Zukunft ein normales Tempo der Getreidebeschaffung zu sichern oder einer unvermeidlichen ernsten Krise unserer gesamten Volkswirtschaft entgegenzugehen.

Was musste unternommen werden, um das Versäumte nachzuholen? Vor allem musste ein Schlag gegen die Kulaken und Spekulanten geführt werden, die die Getreidepreise in die Höhe schraubten und dem Lande mit dem Hunger drohten. Zweitens musste eine möglichst große Warenmenge in die Getreidegebiete geschafft werden. Schließlich mussten alle unsere Parteiorganisationen mobilisiert, musste ein Umschwung in unserer gesamten Arbeit auf dem Gebiet der Getreidebeschaffung erzielt und mit der Praxis des Selbstlaufs Schluss gemacht werden. Wir waren also gezwungen, außerordentliche Maßnahmen zu ergreifen. Die getroffenen Maßnahmen verfehlten nicht ihre Wirkung, wir vermochten es, bis Ende März 275 Millionen Pud Getreide aufzubringen. Wir haben nicht nur das Versäumte nachgeholt, wir haben nicht nur eine allgemeine Wirtschaftskrise verhütet, wir haben nicht nur das vorjährige Tempo der Getreidebeschaffung erreicht, sondern wir hätten auch alle Möglichkeiten gehabt, die Beschaffungskrise schmerzlos zu überwinden, wenn wir in den folgenden Monaten (April, Mai, Juni) ein auch nur einigermaßen normales Beschaffungstempo hätten aufrechterhalten können.

Da jedoch die Wintersaat in der Südukraine und zum Teil auch im Nordkaukasus zugrunde ging, fielen die Ukraine vollständig und der Nordkaukasus teilweise als Getreide liefernde Gebiete aus, wodurch der Republik 20-30 Millionen Pud Getreide verloren gingen. Dieser Umstand in Verbindung mit der Tatsache, dass wir zuviel Getreide verausgabt hatten, stellte uns vor die Notwendigkeit, stärkeren Druck auf die übrigen Gebiete auszuüben und somit die Reservefonds der Bauernschaft anzugreifen, was zu einer Verschlechterung der Lage führen musste.

Wenn wir in den Monaten Januar-März fast 300 Millionen Pud aufzubringen vermochten, wobei wir es mit Vorräten zu tun hatten, die der Bauernschaft zum manövrieren dienten, so ist es uns in den Monaten April-Juni nicht einmal gelungen, 100 Millionen Pud aufzubringen, da wir hier die Reservebestände der Bauernschaft angreifen mussten, und dies zu einer Zeit, da die Ernteaussichten noch nicht geklärt waren. Aber Getreide musste doch nun einmal aufgebracht werden. Daher erneute Rückfälle in außerordentliche Maßnahmen, administrative Willkür, Verletzung der revolutionären Gesetzlichkeit, Hofrevisionen, ungesetzliche Haussuchungen usw., wodurch die politische Lage des Landes verschlechtert und der Zusammenschluss zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft gefährdet wurde.

War das eine Entzweiung zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft? Nein, das war keine Entzweiung. Vielleicht war das eine Lappalie? Nein, das war keine Lappalie. Das war eine Gefährdung des Zusammenschlusses zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft. Daraus erklärt sich denn auch, dass einige Funktionäre unserer Partei nicht die genügende Ruhe und Festigkeit aufbrachten, um die entstandene Lage nüchtern und ohne Übertreibungen einzuschätzen.

Späterhin führten die guten Ernteaussichten und die teilweise Aufhebung der außerordentlichen Maßnahmen zu einer Beruhigung und zu einer Besserung der Lage.

Worin liegt das Wesen unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront? Was bildet die Grundlage dieser Schwierigkeiten? Ist es etwa nicht Tatsache, dass unsere Getreideanbaufläche jetzt fast ebenso groß ist wie in der Vorkriegszeit (nur um 5 Prozent kleiner)? Ist es etwa nicht Tatsache, dass wir jetzt fast ebensoviel Getreide erzeugen wie in der Vorkriegszeit (etwa 5 Milliarden Pud, d. h. nur um 200-300 Millionen weniger)? Woraus ist es zu erklären, dass wir trotzdem nur halb soviel Warengetreide erzeugen wie vor dem Krieg?

Das erklärt sich aus der Zersplitterung unserer Landwirtschaft. Während wir vor dem Kriege etwa 16 Millionen Bauernwirtschaften hatten, beträgt ihre Zahl heute nicht weniger als 24 Millionen, wobei die Tendenz zur weiteren Zerbröckelung der Bauernhöfe und bäuerlichen Grundstücke weiterhin besteht. Was heißt aber kleine Bauernwirtschaft? Das ist eine Wirtschaft, die die wenigsten Waren liefert, die am wenigsten rentabel und in hohem Grade Naturalwirtschaft, Verbrauchswirtschaft ist, eine Wirtschaft mit einem Warenteil der Produktion von nur etwa 12 bis 15 Prozent. Indes wachsen bei uns mit aller Macht die Städte und die Industrie, der Aufbau entfaltet sich, und die Nachfrage nach Warengetreide wächst mit unglaublicher Schnelligkeit. Hier liegt die Grundlage unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront.

Folgendes sagt Lenin darüber in seiner Rede „über die Naturalsteuer“:

„Wenn die Bauernwirtschaft sich weiterentwickeln kann, so muss man auch den weiteren Übergang auf fester Basis sichern, der weitere Übergang aber besteht unweigerlich darin, dass die am wenigsten vorteilhafte und am meisten rückständige, zersplitterte bäuerliche Kleinwirtschaft sich durch allmählichen Zusammenschluss zur gesellschaftlichen Großlandwirtschaft organisiert. So haben sich die Sozialisten das alles von jeher vorgestellt. Das eben ist auch die Auffassung unserer Kommunistischen Partei.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, 5.264, russ.)

Hier also liegt die Grundlage unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront.

Wo ist der Ausweg aus dieser Lage?

Der Ausweg besteht erstens darin, die kleine und mittlere Bauernwirtschaft zu heben und ihr bei der Steigerung ihrer Ernteerträge, ihrer Produktivität jegliche Unterstützung zu gewähren. Den Hakenpflug durch den Eisenpflug ersetzen, diesen Wirtschaften reinsortiges Saatgut liefern, sie mit Kunstdünger, mit kleinen Maschinen versorgen, die individuellen Bauernwirtschaften durch ein weit verzweigtes Netz von Genossenschaften erfassen, dabei mit ganzen Dörfern Verträge abschließen (Kontrahierung) - das ist die Aufgabe. Eine solche Methode des Abschlusses von Verträgen zwischen landwirtschaftlichen Genossenschaften und ganzen Dörfern gibt es bereits; ihr Zweck ist es, die Bauern mit Saatgut zu versorgen, dadurch höhere Ernteerträge zu erzielen, zu gewährleisten, dass die Bauern dem Staat rechtzeitig Getreide liefern, ihnen dafür eine Prämie in Form eines gewissen Zuschlags zu dem Vertragspreis zu gewähren und ein stabiles Verhältnis zwischen Staat und Bauernschaft herzustellen. Die Erfahrung zeigt, dass diese Methode greifbare Ergebnisse zeitigt.

Es gibt Leute, die glauben, die individuelle Bauernwirtschaft habe ihre Möglichkeiten erschöpft, es lohne sich nicht, sie zu unterstützen. Das ist falsch, Genossen. Diese Leute haben mit der Linie unserer Partei nichts gemein.

Anderseits gibt es Leute, die glauben, die individuelle Bauernwirtschaft sei das A und O der Landwirtschaft überhaupt. Auch das ist falsch. Mehr noch, solche Leute vergehen sich offenkundig gegen die Grundlagen des Lenin ismus.

Wir können weder Leute gebrauchen, die die individuelle Bauernwirtschaft schmähen, noch Leute, die Lobeshymnen auf sie singen. Wir brauchen nüchterne Politiker, die es verstehen, aus der individuellen Bauernwirtschaft ein Maximum dessen herauszuholen, was man herausholen kann, und die zugleich verstehen, die individuelle Wirtschaft allmählich auf die Bahnen des Kollektivismus hinüberzuleiten.

Der Ausweg besteht zweitens darin, die zersplitterten kleinen und mittleren Bauernwirtschaften auf völlig freiwilliger Grundlage allmählich zu großen Kollektiven und Gemeinschaften zu vereinigen, die auf der Basis der modernen Technik, mit Hilfe von Traktoren und sonstigen landwirtschaftlichen Maschinen arbeiten.

Worin besteht die Überlegenheit der Kollektivwirtschaften über die kleinen Wirtschaften? Darin, dass sie Großbetriebe sind und daher die Möglichkeit haben, alle Errungenschaften der Wissenschaft und Technik auszunutzen, dass sie rentabler und stabiler, dass sie produktiver sind und der Warenteil ihrer Produktion größer ist. Man darf nicht vergessen, dass bei den Kollektivwirtschaften der Warenteil der Produktion 30 bis 35 Prozent beträgt und der Ernteertrag pro Deßjatine mitunter 200 Pud und mehr erreicht.

Der Ausweg besteht schließlich darin, die alten Sowjetwirtschaften zu verbessern und neue große Sowjetwirtschaften zu schaffen. Man muss dessen eingedenk sein, dass die Sowjetwirtschaften die Wirtschaftseinheiten mit dem größten Warenteil der Produktion sind. Wir haben Sowjetwirtschaften mit einem Warenteil der Produktion von nicht weniger als 60 Prozent.

Unsere Aufgabe besteht darin, alle diese drei Aufgaben richtig zu verknüpfen und in allen diesen drei Richtungen verstärkt zu arbeiten.

Die Besonderheit der gegenwärtigen Lage besteht darin, dass die Erfüllung der ersten Aufgabe - Hebung der kleinen und mittleren individuellen Bauernwirtschaft -, die immer noch die Hauptaufgabe unserer Arbeit auf dem Gebiet der Landwirtschaft ist, für die Lösung der allgemeinen, der Gesamtaufgabe bereits nicht mehr genügt.

Die Besonderheit der gegenwärtigen Lage besteht darin, dass die erste Aufgabe durch zwei neue praktische Aufgaben, die Entwicklung der Kollektivwirtschaften und den Ausbau der Sowjetwirtschaften, ergänzt werden muss.

Außer den grundlegenden Ursachen gibt es aber noch spezifische Ursachen, zeitweilige Ursachen, die unsere Beschaffungsschwierigkeiten zu einer Beschaffungskrise gemacht haben. Was sind das für Ursachen? Zu den Ursachen dieser Art zählt die Resolution des ZK-Plenums die folgenden:

a) Störung des Gleichgewichts auf dem Markt und Verschärfung dieser Störung dadurch, dass die zahlungsfähige Nachfrage der Bauernschaft schneller wächst als das Angebot an Industriewaren; hervorgerufen wurde diese Störung durch die infolge einer Reihe guter Ernten gestiegenen Einkünfte des Dorfes, insbesondere durch die gestiegenen Einkünfte der wohlhabenden und kulakischen Schichten des Dorfes;

b) das ungünstige Verhältnis zwischen Getreidepreisen und den Preisen für andere landwirtschaftliche Erzeugnisse, wodurch der Anreiz zur Realisierung der Getreideüberschüsse abgeschwächt wurde, woran aber die Partei im Frühjahr dieses Jahres nichts ändern konnte, ohne den Interessen der unbemittelten Schichten des Dorfes Abbruch zu tun;

c) Fehler in der Planung, hauptsächlich hinsichtlich der rechtzeitigen Warenzufuhr und der Steuerveranlagung (niedrige Steuersätze für die besitzenden Schichten des Dorfes) sowie hinsichtlich einer falschen Verausgabung des Getreides;

d) Mängel in den Beschaffungs-, Partei- und Sowjetorganisationen (kein Vorgehen in einheitlicher Front, mangelnde Aktivität, Vertrauen auf den Selbstlauf);

e) Verletzung der revolutionären Gesetzlichkeit, administrative Willkür, Hofrevisionen, teilweise Schließung lokaler Märkte usw.;

f) Ausnutzung aller dieser negativen Erscheinungen durch die kapitalistischen Elemente in Stadt und Land (Kulaken, Spekulanten) zur Hintertreibung der Getreidebeschaffung und zur Verschlechterung der politischen Lage im Lande.

Während für die Beseitigung der Ursachen allgemeinen Charakters eine ganze Reihe von Jahren erforderlich ist, können die Ursachen spezifischen, zeitweiligen Charakters durchaus sofort beseitigt werden, um dadurch einer möglichen Wiederholung der Getreidebeschaffungskrise vorzubeugen.

Was ist erforderlich, um diese spezifischen Ursachen zu beseitigen? Dazu ist erforderlich:

a) sofortige Ausmerzung der Praxis der Hofrevisionen, ungesetzlicher Haussuchungen und jedweder Verstöße gegen die revolutionäre Gesetzlichkeit;

b) sofortige Ausmerzung aller und jeglicher Rückfälle in die Methoden aus der Zeit der Ablieferungspflicht und aller wie immer gearteten Versuche zur Schließung von Märkten, bei Gewährleistung elastischer Formen der Regulierung des Handels durch den Staat;

c) eine gewisse Erhöhung der Getreidepreise, variiert nach Gebieten und Getreidearten;

d) Organisierung einer richtig funktionierenden Warenzufuhr in die Getreidebeschaffungsgebiete;

e) richtige Organisierung der Getreideversorgung in der Weise, dass nicht zuviel verausgabt wird;

f) obligatorische Bildung einer staatlichen Getreidereserve.

Die ehrliche und systematische Durchführung dieser Maßnahmen muss bei der diesjährigen günstigen Ernte eine Lage schaffen, die die Notwendigkeit der Anwendung irgendwelcher außerordentlicher Maßnahmen während der bevorstehenden Getreidebeschaffungskampagne ausschließt.

Die nächste Aufgabe der Partei besteht darin, die genaue Durchführung dieser Maßnahmen zu überwachen.

Im Zusammenhang mit den Getreideschwierigkeiten erhob sich vor uns die Frage des Zusammenschlusses, des weiteren Schicksals des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern, der Mittel zur Festigung dieses Bündnisses. Man sagt, der Zusammenschluss bestehe bei uns nicht mehr, an die Stelle des Zusammenschlusses sei eine Entzweiung getreten. Das ist natürlich eine Dummheit, die eines Panikmachers würdig ist. Wenn der Zusammenschluss nicht mehr besteht, verliert der Bauer den Glauben an den morgigen Tag, er verschließt sich, er hört auf, an die Festigkeit der Sowjetmacht zu glauben, die der Hauptabnehmer seines Getreides ist, er beginnt, seine Anbauflächen einzuschränken, und denkt keinesfalls daran, sie zu erweitern, aus Furcht, dass man erneut mit Hofrevisionen, Haussuchungen usw. beginnt und ihm sein Getreide wegnimmt.

Was haben wir aber in Wirklichkeit zu verzeichnen? Wir haben eine Erweiterung des Ackers für Sommersaat in allen Gebieten zu verzeichnen. Es ist eine Tatsache, dass der Bauer in den Hauptgetreidegebieten den Acker für Sommersaat um 2-15, ja 20 Prozent erweitert hat. Geht daraus nicht klar hervor, dass der Bauer nicht an eine ewige Dauer der außerordentlichen Maßnahmen glaubt und dass er allen Grund hat, auf eine Erhöhung der Getreidepreise zu rechnen? Ist das etwa eine Entzweiung? Das heißt natürlich nicht, dass der Zusammenschluss bei uns nicht bedroht ist oder nie bedroht war. Daraus aber den Schluss von einer Entzweiung ziehen heißt den Kopf verlieren und sich treiben lassen.

Manche Genossen glauben, zur Festigung des Zusammenschlusses müsse der Schwerpunkt von der Schwerindustrie auf die Leichtindustrie (Textilindustrie) verlegt werden, weil sie meinen, die Textilindustrie sei die grundlegende und einzige „Zusammenschluss“industrie. Das ist falsch, Genossen. Das ist völlig falsch!

Natürlich ist die Textilindustrie von gewaltiger Bedeutung für den Warenumsatz zwischen der sozialistischen Industrie und der bäuerlichen Wirtschaft. Daraus aber folgern, die Textilindustrie sei die einzige Basis für den Zusammenschluss, heißt einen groben Fehler begehen. In Wirklichkeit erfolgt der Zusammenschluss zwischen Industrie und bäuerlicher Wirtschaft nicht nur auf der Linie des Kattuns, den der Bauer für seinen persönlichen Bedarf braucht, sondern auch auf der Linie des Metalls, auf der Linie von Saatgut, Kunstdünger, landwirtschaftlichen Maschinen aller Art, die der Bauer als Getreideproduzent braucht. Ich spreche schon gar nicht davon, dass die Textilindustrie selbst ohne Entwicklung der Schwerindustrie, des Maschinenbaus, weder sich entwickeln noch bestehen kann.

Wir brauchen den Zusammenschluss nicht, um die Klassen aufrechtzuerhalten und zu verewigen. Wir brauchen den Zusammenschluss, um die Bauernschaft der Arbeiterklasse näher zu bringen, um die Bauernschaft umzuerziehen, ihre individualistische Mentalität umzugestalten, sie im Geiste des Kollektivismus umzuformen und somit die Beseitigung, die Aufhebung der Klassen auf der Basis der sozialistischen Gesellschaft vorzubereiten. Wer das nicht begreift oder nicht anerkennen will, der ist kein Marxist, kein Lenin ist, sondern ein „Bauernphilosoph“, dessen Blick nicht vorwärts, sondern rückwärts gerichtet ist.

Wie aber kann der Bauer umgeformt, umgemodelt werden? In erster Linie und vor allem kann dies nur auf der Basis der modernen Technik, auf der Basis der kollektiven Arbeit geschehen.

Folgendes sagt Lenin hierüber:

„Die Ummodelung des kleinen Landwirts, die Umgestaltung seiner ganzen Mentalität und seiner Gepflogenheiten ist eine Sache, die Generationen erfordert. Diese Frage in Bezug auf den kleinen Landwirt lösen, sozusagen seine ganze Mentalität gesund machen, kann nur die materielle Basis, die Technik, die massenhafte Anwendung von Traktoren und Maschinen in der Landwirtschaft, die weitgehende Elektrifizierung. Das würde den kleinen Landwirt von Grund aus und mit riesiger Geschwindigkeit ummodeln.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, S. 194, russ.)

Es ist klar: Wer den Zusammenschluss nur auf der Linie der Textilien sichern will und dabei das Metall und die Maschinen vergisst, die die bäuerliche Wirtschaft auf der Basis der kollektiven Arbeit umgestalten, der verewigt die Klassen, der ist kein proletarischer Revolutionär, sondern ein „Bauernphilosoph“.

Und an anderer Stelle sagt Lenin :

„Nur in dem Falle, dass es gelingt, den Bauern die Vorzüge der gesellschaftlichen, kollektiven, gemeinschaftlichen, artelmäßigen Bodenbestellung in der Praxis vor Augen zu führen, nur wenn es gelingt, dem Bauern mittels der gemeinschaftlichen, der Artelwirtschaft zu helfen, nur dann wird die Arbeiterklasse, die die Staatsmacht in der Hand hat, den Bauern wirklich den Beweis erbringen, dass sie im Rechte ist, und die Millionenmassen der Bauern fest und wirklich auf ihre Seite ziehen.“ (4. Ausgabe, Bd. 30, S. 173/174 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S.629].)

Das ist die Art und Weise, wie gewährleistet wird, dass die Millionenmassen der Bauernschaft wirklich und fest für die Arbeiterklasse, für den Sozialismus gewonnen werden.

Bisweilen wird gesagt, zur Sicherung des Zusammenschlusses hätten wir nur eine Reserve, nämlich Zugeständnisse an die Bauernschaft. Davon ausgehend, wird bisweilen die Theorie aufgestellt, man müsse unaufhörlich Zugeständnisse machen, wobei man glaubt, dass die Arbeiterklasse durch unaufhörliche Zugeständnisse ihre Positionen festigen könne. Das ist falsch, Genossen. Das ist völlig falsch! Eine solche Theorie kann nur alles verderben. Das ist eine Theorie der Hoffnungslosigkeit.

Um den Zusammenschluss zu festigen, muss man außer der einen Reserve, den Zugeständnissen, noch eine ganze Reihe anderer Reserven zur Verfügung haben, und zwar sowohl wirtschaftliche Stützpunkte auf dem Lande (entwickelte Genossenschaften, Kollektiv- und Sowjetwirtschaften) als auch politische Stützpunkte (verstärkte Arbeit unter der Dorfarmut und sichere Unterstützung durch die Dorfarmut).

Die Mittelbauernschaft ist eine schwankende Klasse. Wenn wir nicht die Unterstützung der Dorfarmut haben, wenn die Sowjetmacht auf dem Lande schwach ist, so kann der Mittelbauer zum Kulaken hinneigen. Und umgekehrt, wenn uns die Unterstützung der Dorfarmut sicher ist, so kann man mit Gewissheit sagen, dass der Mittelbauer zur Sowjetmacht hinneigen wird. Daher ist eine systematische Arbeit unter der Dorfarmut und die Versorgung der Dorfarmut sowohl mit Saatgut als auch mit billigem Getreide die nächste Aufgabe der Partei.

2. Die Frage der Heranbildung von Kadern für den
industriellen Aufbau

Gehen wir nunmehr zur Frage der Heranbildung neuer Kader der technischen Intelligenz für unsere Industrie über.

Es handelt sich um unsere Schwierigkeiten auf dem Gebiet der Industrie, um Schwierigkeiten, die im Zusammenhang mit der Schachty-Affäre zutage getreten sind.

Worin besteht, unter dem Gesichtswinkel der Besserung der Lage in der Industrie, das Wesen der Schachty-Affäre? Das Wesen und die Bedeutung der Schachty-Affäre bestehen darin, dass wir, was die Heranbildung eines bestimmten Minimums der Sache der Arbeiterklasse ergebener Spezialisten für unsere Industrie betrifft, uns als nahezu ungerüstet und völlig rückständig, als schändlich rückständig erwiesen haben. Die Lehre, die sich aus der Schachty-Affäre ergibt, besteht darin, dass das Tempo der Ausbildung, der Heranbildung einer neuen technischen Intelligenz aus Angehörigen der Arbeiterklasse, die der Sache des Sozialismus ergeben sind und die die technische Leitung unserer sozialistischen Industrie zu übernehmen vermögen, beschleunigt werden muss.

Das bedeutet nicht, dass wir die Spezialisten, die nicht sowjetisch denken oder die keine Kommunisten sind, die aber bereit sind, mit der Sowjetmacht zusammenzuarbeiten, von uns stoßen. Nein, das bedeutet es nicht. Wir werden auch weiterhin mit allen Mitteln, mit aller Kraft parteilose Spezialisten, parteilose Techniker heranziehen, die bereit sind, beim Aufbau unserer Industrie mit der Sowjetmacht Hand in Hand zu arbeiten. Wir verlangen durchaus nicht, dass sie sogleich ihre sozialen und politischen Anschauungen abschwören oder sie sofort ändern. Wir verlangen nur das eine, dass sie ehrlich mit der Sowjetmacht zusammenarbeiten, wenn sie sich einmal freiwillig dazu bereit erklärt haben.

Die Sache ist aber die, dass die Zahl dieser alten Spezialisten, die bereit sind, mit der Sowjetmacht Hand in Hand zu arbeiten, relativ immer geringer wird. Die Sache ist die, dass es unbedingt notwendig ist, für sie eine aus jungen Spezialisten bestehende Ablösung zu schaffen. Und die Partei ist nun der Auffassung, dass diese Ablösung in beschleunigtem Tempo geschaffen werden muss, wenn wir nicht neue Überraschungen erleben wollen, und dass sie aus den Reihen der Arbeiterklasse, aus der Mitte der Werktätigen hervorgehen muss. Das eben heißt eine neue technische Intelligenz heranbilden, die fähig ist, den Bedürfnissen unserer Industrie gerecht zu werden.

Die Tatsachen haben gezeigt, dass das Volkskommissariat für Bildungswesen mit dieser wichtigen Aufgabe nicht fertig geworden ist. Wir haben in Anbetracht seiner Trägheit und seines Konservativismus keinen Grund zu der Annahme, dass es, auf sich selbst gestellt und zudem noch mit der Produktion wenig verbunden, in nächster Zukunft mit dieser Aufgabe fertig werden wird. Daher ist die Partei zu dem Schluss gekommen, dass die Arbeit zur beschleunigten Heranbildung einer neuen technischen Intelligenz auf drei Volkskommissariate verteilt werden muss: auf das Volkskommissariat für Bildungswesen, den Obersten Volkswirtschaftsrat und das Volkskommissariat für Verkehrswesen. Die Partei ist der Auffassung, dass dies der zweckmäßigste Weg ist, um in dieser wichtigen Angelegenheit das notwendige Arbeitstempo zu sichern. Daher die Unterstellung einiger technischer Hochschulen unter die Zuständigkeit des Obersten Volkswirtschaftsrats und des Volkskommissariats für Verkehrswesen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die Aufgabe der beschleunigten Heranbildung neuer Kader der technischen Intelligenz in dieser Unterstellung der technischen Hochschulen erschöpft wäre. Ohne Zweifel muss auch die materielle Sicherstellung der Studierenden dabei eine große Rolle spielen. Daher hat die Sowjetmacht die Ausgaben für die Ausbildung neuer Kader anteilmäßig den Ausgaben für industrielle Neubauten gleichgesetzt und beschlossen, dafür jährlich über 40 Millionen Rubel zusätzlich bereitzustellen.

III
SCHLUSSBEMERKUNG

Man muss zugeben, Genossen, dass wir aus unseren Schwierigkeiten und Fehlern stets gelernt haben. Bisher wenigstens war es so, dass die Geschichte uns stets lehrte, Schwierigkeiten, verschiedene Krisen und Fehler zu überwinden, und unsere Partei dadurch stählte.

So war es 1918, als wir im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten an der Ostfront, im Zusammenhang mit den Misserfolgen im Kampf gegen Koltschak schließlich die Notwendigkeit der Schaffung einer regulären Infanterie erkannten und sie auch wirklich schufen.

So war es auch 1919, als wir im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten an der Denikinfront, im Zusammenhang mit dem Tiefenstoß Mamontows in den Rücken unserer Armeen schließlich die Notwendigkeit einer starken regulären Kavallerie erkannten und sie auch wirklich schufen.

Ich glaube, dass die Dinge bei uns auch heute ungefähr so liegen. Die Getreideschwierigkeiten werden für uns nicht ohne Nutzen sein. Sie werden die Bolschewiki aufrütteln und sie zwingen, sich energisch mit der Entwicklung der Landwirtschaft, insbesondere mit der Entwicklung der Getreidewirtschaft zu befassen. Ohne diese Schwierigkeiten hätten die Bolschewiki die Lösung des Getreideproblems wohl kaum ernstlich in Angriff genommen.

Das gleiche gilt auch für die Schachty-Affäre und die damit verbundenen Schwierigkeiten. Die Lehren der Schachty-Affäre werden und können für unsere Partei nicht ohne Nutzen sein. Ich glaube, dass diese Lehren uns zwingen werden, die Frage der Heranbildung einer neuen technischen Intelligenz, die den Anforderungen unserer sozialistischen Industrie gerecht zu werden vermag, mit aller Schärfe zu stellen.

Übrigens sehen Sie, dass wir den ersten ernsthaften Schritt zur Lösung des Problems der Heranbildung einer neuen technischen Intelligenz bereits getan haben. Wir wollen hoffen, dass dieser Schritt nicht der letzte sein wird. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.)

Lenin gradskaja Prawda“
( Lenin grader Prawda) Nr. 162,
14.Juli 1928.

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