"Stalin"

Werke

Band 11

ÜBER DIE INDUSTRIALISIERUNG DES LANDES
UND ÜBER DIE
RECHTE ABWEICHUNG IN DER KPdSU(B)

Rede auf dem Plenum des ZK der KPdSU(B)[58]
19. November 1928

Genossen, ich werde über die drei grundlegenden Fragen sprechen, die in den Thesen des Politbüros behandelt werden.

Über die Frage der Industrialisierung des Landes und darüber, dass der ausschlaggebende Faktor bei der Industrialisierung die Entwicklung der Produktion von Produktionsmitteln bei gleichzeitiger Sicherung eines möglichst raschen Tempos dieser Entwicklung ist.

Ferner darüber, dass das Entwicklungstempo der Landwirtschaft bei uns übermäßig hinter dem Entwicklungstempo der Industrie zurückbleibt und dass daher gegenwärtig die brennendste Frage unserer Innenpolitik die Frage der Landwirtschaft und namentlich das Getreideproblem ist, die Frage, wie die Landwirtschaft zu heben, wie sie auf der Grundlage einer modernen Technik zu rekonstruieren ist.

Und schließlich die dritte Frage - über die Abweichungen von der Linie der Partei, über den Kampf an zwei Fronten und darüber, dass die Hauptgefahr bei uns gegenwärtig die rechte Gefahr, die rechte Abweichung ist.

I
DIE FRAGE DES ENTWICKLUNGSTEMPOS
DER INDUSTRIE

Der Ausgangspunkt unserer Thesen ist die Feststellung, dass ein schnelles Entwicklungstempo der Industrie überhaupt, der Produktion von Produktionsmitteln im Besonderen, das Grundprinzip der Industrialisierung des Landes und der Schlüssel zur Industrialisierung ist - das Grundprinzip der Umgestaltung unserer gesamten Volkswirtschaft auf der Basis der sozialistischen Entwicklung und der Schlüssel zu dieser Umgestaltung.

Was heißt aber schnelles Entwicklungstempo der Industrie? Das heißt mehr Investitionen für Neubauten in der Industrie. Das wiederum führt dazu, dass all unsere Pläne, sowohl der Staatshaushaltsplan als auch die anderen Pläne, äußerst angespannt sind. Und in der Tat, das charakteristische Merkmal unserer Kontrollzahlen in den letzten drei Jahren, während der Periode der Rekonstruktion, besteht darin, dass ihre Festlegung und Verwirklichung bei uns im Zeichen der Anspannung aller Kräfte steht. Ob Sie unsere Kontrollzahlen nehmen, ob Sie sich unsere Voranschläge für den Staatshaushalt anschauen, ob Sie mit unseren Parteigenossen sprechen - sowohl mit denen, die in den Parteiorganisationen arbeiten, als auch mit denen, die unseren Sowjet-, Wirtschafts- und Genossenschaftsaufbau leiten -, überall und in allem zeigt sich der gleiche charakteristische Zug, die Angespanntheit unserer Pläne.

Hier erhebt sich die Frage: Brauchen wir denn überhaupt diese Angespanntheit der Pläne? Kann man nicht ohne sie auskommen? Kann man denn nicht in einem langsameren Tempo, unter „ruhigeren“ Verhältnissen arbeiten? Erklärt sich das von uns eingeschlagene schnelle Entwicklungstempo der Industrie nicht vielleicht aus dem unruhigen Charakter der Mitglieder des Politbüros und des Rates der Volkskommissare?

Natürlich nicht! Im Politbüro und im Rat der Volkskommissare sitzen nüchterne und ruhige Leute. Abstrakt gesprochen, wenn wir von der äußeren und der inneren Situation absähen, könnten wir natürlich auch ein langsameres Tempo einschlagen. Aber das ist es ja gerade, dass man erstens von der äußeren und inneren Situation nicht absehen darf und dass man zweitens, wenn man von den Verhältnissen, in denen wir leben, ausgeht, anerkennen muss, dass gerade sie, diese Verhältnisse, uns ein schnelles Entwicklungstempo unserer Industrie diktieren.

Gestatten Sie mir, diese Situation, diese äußeren und inneren Bedingungen, die uns das schnelle Entwicklungstempo der Industrie diktieren, nunmehr näher zu untersuchen.

Die äußeren Bedingungen. Wir sind in einem Lande zur Macht gelangt, dessen Technik furchtbar rückständig ist. Neben nicht sehr zahlreichen großen Industrieeinheiten, die mehr oder weniger auf moderner Technik basieren, haben wir Hunderte und Tausende von Fabriken und Werken, deren Technik vom Standpunkt der modernen Errungenschaften keiner Kritik standhält. Indes sind wir von einer ganzen Reihe kapitalistischer Länder umgeben, die eine viel entwickeltere und modernere industrielle Technik besitzen als unser Land. Schauen Sie sich die kapitalistischen Länder an, und Sie werden sehen, dass die Technik dort nicht nur fortschreitet, sondern geradezu vorwärts eilt und die alten Formen der industriellen Technik überholt. Und so ergibt sich eine Situation, dass wir in unserem Lande einerseits die fortschrittlichste Gesellschaftsordnung, die Sowjetordnung, und die fortschrittlichste Staatsmacht der Welt, die Sowjetmacht, haben, anderseits aber eine äußerst rückständige Technik der Industrie, die die Basis für den Sozialismus und die Sowjetmacht abgeben muss. Glauben Sie, dass man den endgültigen Sieg des Sozialismus in unserem Lande erringen kann, solange dieser Widerspruch besteht?

Was müssen wir tun, um diesen Widerspruch zu beseitigen? Dazu müssen wir erreichen, dass wir die fortgeschrittene Technik der entwickelten kapitalistischen Länder einholen und überholen. Wir haben die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder hinsichtlich der Errichtung einer neuen politischen Ordnung, der Sowjetordnung, eingeholt und überholt. Das ist gut. Aber das genügt nicht. Um den endgültigen Sieg des Sozialismus in unserem Lande zu erringen, müssen wir diese Länder auch in technisch-ökonomischer Hinsicht einholen und überholen. Entweder erreichen wir das, oder wir werden zermalmt.

Das ist nicht nur vom Standpunkt der Errichtung des Sozialismus richtig. Es ist auch richtig vom Standpunkt der Behauptung der Unabhängigkeit unseres Landes unter den Verhältnissen der kapitalistischen Umkreisung. Es ist unmöglich, die Unabhängigkeit unseres Landes zu behaupten, ohne eine hinreichende industrielle Basis für die Verteidigung zu besitzen.

Es ist unmöglich, eine solche industrielle Basis zu schaffen, ohne über die höchstentwickelte Technik in der Industrie zu verfügen.

Das ist es, weshalb wir ein schnelles Entwicklungstempo der Industrie brauchen und was uns dies Tempo diktiert.

Die technisch-ökonomische Rückständigkeit unseres Landes ist keine Erfindung von uns. Diese Rückständigkeit ist Jahrhunderte alt, sie ist als Erbteil der ganzen Geschichte unseres Landes auf uns überkommen. Diese Rückständigkeit wurde als Übel empfunden, sowohl früher, in der Zeit vor der Revolution, als auch später, in der Zeit nach der Revolution. Als Peter der Große, der es mit den entwickelteren Ländern des Westens zu tun hatte, fieberhaft Fabriken und Werke baute, um die Armee zu versorgen und die Verteidigungsfähigkeit des Landes zu steigern, war dies ein eigenartiger Versuch, den Rahmen der Rückständigkeit zu sprengen. Es ist jedoch völlig begreiflich, dass keine der alten Klassen, weder die feudale Aristokratie noch die Bourgeoisie, die Aufgabe der Liquidierung der Rückständigkeit unseres Landes zu lösen vermochte. Mehr noch, diese Klassen vermochten diese Aufgabe nicht nur nicht zu lösen, sie waren nicht einmal fähig, sich diese Aufgabe in auch nur einigermaßen befriedigender Form zu stellen. Die jahrhundertealte Rückständigkeit unseres Landes kann nur auf der Grundlage des erfolgreichen sozialistischen Aufbaus liquidiert werden. Und liquidiert werden kann sie nur durch das Proletariat, das seine Diktatur errichtet hat und das die Führung des Landes in seinen Händen hält.

Es wäre töricht, wollten wir uns damit trösten, dass wir, da die Rückständigkeit des Landes nicht von uns erfunden ist, sondern als Erbteil der ganzen Geschichte unseres Landes auf uns überkommen ist, für sie nicht verantwortlich gemacht werden können und dürfen. Das wäre falsch, Genossen. Da wir einmal zur Macht gelangt sind und die Aufgabe auf uns genommen haben, das Land auf der Grundlage des Sozialismus umzugestalten, tragen wir für alles die Verantwortung und müssen sie tragen - für das Schlechte sowohl wie für das Gute. Und gerade weil wir für alles die Verantwortung tragen, müssen wir unsere technisch-ökonomische Rückständigkeit liquidieren. Wir müssen dies unbedingt vollbringen, wenn wir die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder wirklich einholen und überholen wollen. Und vollbringen können dies nur wir, die Bolschewiki. Und gerade um diese Aufgabe zu bewältigen, müssen wir unsere Industrie systematisch in schnellem Tempo entwickeln. Dass wir aber die Industrie bereits in schnellem Tempo entwickeln, das sieht jetzt ein jeder.

Die Frage, dass es darauf ankommt, die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder in technisch-ökonomischer Hinsicht einzuholen und zu überholen - diese Frage stellt für uns Bolschewiki nichts Neues oder Unerwartetes dar. Diese Frage wurde bei uns bereits im Jahre 1917, in der Periode vor der Oktoberrevolution, gestellt. Lenin stellte sie bereits im September 1917, am Vorabend der Oktoberrevolution, in der Periode des imperialistischen Krieges, in seiner Schrift „Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll“.

Folgendes sagte Lenin zu dieser Frage:

„Die Revolution bewirkte, dass Rußland in einigen Monaten seinem politischen System nach die fortgeschrittenen Länder eingeholt hat.

Aber das ist zuwenig. Der Krieg ist unerbittlich, er stellt die Frage mit schonungsloser Schärfe: entweder untergehen oder die fortgeschrittenen Länder auch ökonomisch einholen und überholen... Untergehen oder mit Volldampf vorwärts stürmen. So wird die Frage von der Geschichte gestellt.“ (4. Ausgabe, Bd. 25, S. 338 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Band II, S. 129/130].)

Mit solcher Schärfe stellte Lenin die Frage der Liquidierung unserer technisch-ökonomischen Rückständigkeit.

Lenin schrieb dies alles am Vorabend der Oktoberrevolution, in der Periode vor der Ergreifung der Macht durch das Proletariat, als die Bolschewiki weder die Macht noch eine sozialisierte Industrie, weder ein weit verzweigtes, Millionen von Bauern umfassendes Netz von Genossenschaften noch Kollektiv- und Sowjetwirtschaften hatten. Jetzt, da wir schon einiges Wesentliche haben, um unsere technisch-ökonomische Rückständigkeit von Grund aus zu liquidieren, könnten wir die Worte Lenin s etwa folgendermaßen abwandeln:

„Wir haben die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder in politischer Hinsicht eingeholt und überholt, indem wir die Diktatur des Proletariats errichtet haben. Aber das ist zuwenig. Wir müssen die Diktatur des Proletariats, unsere sozialisierte Industrie, das Verkehrswesen, das Kreditsystem usw., die Genossenschaften, Kollektiv- und Sowjetwirtschaften usw. dazu benutzen, um die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder auch ökonomisch einzuholen und zu überholen.“

Die Frage des schnellen Entwicklungstempos der Industrie stünde bei uns nicht in der Schärfe, wie sie jetzt steht, wenn wir eine ebenso entwickelte Industrie und eine ebenso entwickelte Technik hätten wie beispielsweise Deutschland, wenn der Anteil der Industrie an der gesamten Volkswirtschaft bei uns ebenso hoch wäre wie zum Beispiel in Deutschland. `Unter dieser Bedingung könnten wir die Industrie in weniger schnellem Tempo entwickeln, ohne Furcht, hinter den kapitalistischen Ländern zurückzubleiben, in dem Bewusstsein, dass wir sie mit einem Schlag überholen können. Aber dann hätten wir nicht die ernste technisch-ökonomische Rückständigkeit, die wir jetzt haben. Das ist es ja gerade, dass wir in dieser Beziehung hinter Deutschland zurückstehen und es in technisch-ökonomischer Hinsicht noch lange nicht eingeholt haben.

Die Frage des schnellen Entwicklungstempos der Industrie stünde bei uns nicht in der Schärfe, wenn wir nicht das einzige Land der Diktatur des Proletariats, sondern eines der Länder der proletarischen Diktatur wären, wenn wir die proletarische Diktatur nicht nur in unserem Lande, sondern auch in anderen, fortgeschritteneren Ländern, sagen wir in Deutschland und Frankreich, hätten.

Unter dieser Bedingung könnte die kapitalistische Umkreisung für uns nicht die ernste Gefahr darstellen, die sie jetzt darstellt, die Frage der ökonomischen Selbständigkeit unseres Landes würde natürlicherweise in den Hintergrund treten, wir könnten uns in ein System entwickelterer proletarischer Staaten eingliedern, wir könnten von ihnen Maschinen zur Entwicklung unserer Industrie und Landwirtschaft bekommen und sie mit Rohstoffen und Lebensmitteln versorgen, wir könnten also unsere Industrie in einem weniger schnellen Tempo entwickeln. Aber Sie wissen sehr wohl, dass diese Bedingung noch nicht gegeben ist und dass wir noch immer das einzige Land der proletarischen Diktatur sind, umgeben von kapitalistischen Ländern, von denen uns viele in technisch-ökonomischer Hinsicht weit voraus sind.

Deshalb stellte Lenin die Frage des Einholens und Überholens der ökonomisch fortgeschrittenen Länder als eine Frage, mit der unsere Entwicklung steht und fällt.

Das sind die äußeren Bedingungen, die uns das schnelle Entwicklungstempo unserer Industrie diktieren.

Die inneren Bedingungen. Aber außer den äußeren Bedingungen gibt es auch noch innere Bedingungen, die uns ein schnelles Entwicklungstempo unserer Industrie als des führenden Elements unserer gesamten Volkswirtschaft diktieren. Ich denke an die außerordentliche Rückständigkeit unserer Landwirtschaft, ihrer Technik und ihrer Kultur. Ich denke an das Vorhandensein einer überwiegenden Mehrheit kleiner Warenproduzenten in unserem Lande mit ihrer zersplitterten und völlig rückständigen Produktion, der gegenüber sich unsere sozialistische Großindustrie wie eine Insel im Meer ausnimmt, eine Insel, deren Basis sich mit jedem Tag erweitert, die aber immer noch eine Insel im Meer darstellt.

Man pflegt bei uns zu sagen, dass die Industrie das führende Element der gesamten Volkswirtschaft, darunter auch der Landwirtschaft, ist, dass die Industrie der Schlüssel ist, mit dessen Hilfe man die rückständige und zersplitterte Landwirtschaft auf der Basis des Kollektivismus umgestalten kann. Das ist völlig richtig. Und davon dürfen wir nicht eine Minute lang abgehen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass, wenn die Industrie das führende Element ist, die Landwirtschaft die Basis für die Entwicklung der Industrie darstellt sowohl als Markt, der die Produkte der Industrie aufnimmt, wie auch als Lieferant von Rohstoffen und Lebensmitteln und als Quelle von Reserven für den Export, die wir brauchen, um die für die Volkswirtschaft notwendigen Ausrüstungen einzuführen. Kann man die Industrie vorwärts bringen, wenn man die Landwirtschaft in ihrer völlig rückständigen technischen Verfassung belässt, wenn man der Industrie keine landwirtschaftliche Basis sichert, wenn man die Landwirtschaft nicht rekonstruiert und der Industrie anpasst? Nein, das kann man nicht.

Daher die Aufgabe: die Landwirtschaft maximal mit Produktionsinstrumenten und -mitteln zu versorgen, die notwendig sind, um ihre Rekonstruktion auf neuer technischer Basis zu beschleunigen und vorwärts zu bringen. Um aber diese Aufgabe erfüllen zu können, ist ein schnelles Entwicklungstempo unserer Industrie notwendig. Natürlich ist die Rekonstruktion der zerbröckelten und zersplitterten Landwirtschaft eine unvergleichlich schwierigere Aufgabe als die Rekonstruktion der vereinigten und zentralisierten sozialistischen Industrie. Diese Aufgabe steht jedoch vor uns, und wir müssen sie lösen. Sie kann aber nicht anders gelöst werden als auf Grund eines schnellen Entwicklungstempos der Industrie.

Die Sowjetmacht und der sozialistische Aufbau können nicht endlos, das heißt für eine allzu lange Zeitspanne, auf zwei verschiedenen Grundlagen basieren, auf der Grundlage der größten und konzentriertesten sozialistischen Industrie und auf der Grundlage der in höchstem Grade zersplitterten und rückständigen bäuerlichen kleinen Warenwirtschaft. Man muss die Landwirtschaft allmählich, aber systematisch und beharrlich auf eine neue technische Grundlage, auf die Grundlage der Großproduktion, überleiten und sie der sozialistischen Industrie nähern. Entweder lösen wir diese Aufgabe, und dann ist der endgültige Sieg des Sozialismus in unserem Lande gesichert, oder wir kehren uns von ihr ab, lösen diese Aufgabe nicht, und dann kann eine Rückkehr zum Kapitalismus unvermeidlich werden.

Folgendes sagt Lenin hierüber:

„Solange wir in einem kleinbäuerlichen Lande leben, besteht für den Kapitalismus in Rußland eine festere ökonomische Basis als für den Kommunismus. Das darf man nicht vergessen. Jeder, der das Leben auf dem Lande aufmerksam beobachtet und es mit dem Leben in der Stadt verglichen hat, weiß, dass wir den Kapitalismus nicht mit den Wurzeln ausgerottet und dem inneren Feind das Fundament, den Boden nicht entzogen haben. Dieser Feind behauptet sich dank dem Kleinbetrieb, und um ihm den Boden zu entziehen, gibt es nur ein Mittel: die Wirtschaft des Landes, auch die Landwirtschaft, auf eine neue technische Grundlage, auf die technische Grundlage der modernen Großproduktion, zu stellen. Eine solche Grundlage bildet nur die Elektrizität. Kommunismus - das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.“ (4. Ausgabe, Bd. 31, S. 483/484, russ.)

Wie Sie sehen, versteht Lenin unter Elektrifizierung des Landes nicht die isolierte Errichtung einzelner Elektrizitätswerke, sondern die allmähliche Überleitung der „Wirtschaft des Landes, auch der Landwirtschaft, auf eine neue technische Grundlage, auf die technische Grundlage der modernen Großproduktion“, die auf diese oder jene Art, direkt oder indirekt, mit der Elektrifizierung verbunden ist.

Diese Rede hielt Lenin auf dem VIII. Sowjetkongress im Dezember 1920, kurz vor Einführung der NÖP, als er den so genannten Elektrifizierungsplan, d. h. den GOELRO-Plan, begründete. Auf Grund dessen behaupten manche Genossen, dass die in diesem Zitat enthaltenen Leitsätze auf die gegenwärtige Situation nicht mehr anwendbar seien. Warum eigentlich? Weil, so sagen sie, seitdem viel Wasser ins Meer geflossen ist. Es stimmt natürlich, dass seitdem viel Wasser ins Meer geflossen ist. Wir haben jetzt eine entwickelte sozialistische Industrie, wir haben Kollektivwirtschaften als Massenerscheinung, wir haben alte und neue Sowjetwirtschaften, wir haben ein dichtes Netz gefestigter Genossenschaftsorganisationen, wir haben Maschinenausleihstationen, die für die Bauernwirtschaften arbeiten, wir wenden jetzt die Methode der Kontrahierung an, als eine neue Form des Zusammenschlusses, und wir können alle diese und eine Reihe weiterer Hebel in Bewegungssetzen, um die Landwirtschaft allmählich auf die Grundlage der modernen Technik überzuleiten. Das alles ist richtig. Aber richtig ist auch, dass wir trotz alledem immer noch ein kleinbäuerliches Land bleiben, in dem die Kleinproduktion überwiegt. Das aber ist das Wesentliche. Und solange dieses Wesentliche bestehen bleibt, behält auch Lenin s These ihre Gültigkeit, dass, „solange wir in einem kleinbäuerlichen Lande leben, für den Kapitalismus in Rußland eine festere ökonomische Basis besteht als für den Kommunismus“, dass also die Gefahr der Restauration des Kapitalismus keine leere Phrase ist.

Dasselbe sagt Lenin , nur in schärferer Form, auch in seinem Plan für die Broschüre „Über die Naturalsteuer“, der von ihm bereits nach der Einführung der NÖP (März-April 1921) geschrieben wurde:

„Wenn Elektrifizierung in 10-20 Jahren, dann ist der Individualismus des kleinen Landwirts und sein freier Handel im lokalen Umsatz nicht im Geringsten gefährlich. Wenn keine Elektrifizierung, dann ist sowieso die Rückkehr zum Kapitalismus unvermeidlich.“

Und weiter an der gleichen Stelle:

„10-20 Jahre richtiger Beziehungen zur Bauernschaft, und der Sieg ist im Weltmaßstab (sogar bei einer Verzögerung der proletarischen Revolutionen, die anwachsen) gesichert, sonst 20-40 Jahre Qualen weißgardistischen Terrors.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, S. 302/303, russ.)

So scharf stellt Lenin die Frage: entweder Elektrifizierung, das heißt Überleitung der „Wirtschaft des Landes, auch der Landwirtschaft, auf eine neue technische Grundlage, auf die technische Grundlage der modernen Großproduktion“, oder Rückkehr zum Kapitalismus.

So fasst Lenin die Frage der „richtigen Beziehungen zur Bauernschaft“ auf.

Es geht hier nicht darum, den Bauern zu hätscheln und darin die Herstellung richtiger Beziehungen zu ihm zu erblicken, denn damit kommt man nicht weit, sondern darum, dem Bauern zu helfen, seine Wirtschaft „auf eine neue technische Grundlage, auf die technische Grundlage der modernen Großproduktion“ überzuleiten, denn das ist der grundlegende Weg zur Rettung der Bauernschaft aus dem Elend.

Die Überleitung der Wirtschaft des Landes auf eine neue technische Grundlage aber ist unmöglich ohne ein schnelles Entwicklungstempo unserer Industrie und vor allem der Produktion von Produktionsmitteln.

So ist es um die inneren Bedingungen bestellt, die uns ein schnelles Entwicklungstempo der Industrie diktieren.

Das sind die Bedingungen äußeren und inneren Charakters, auf denen die Angespanntheit der Kontrollzahlen unserer Volkswirtschaft beruht.

Das ist der Grund, weshalb unsere Wirtschaftspläne, sowohl der Staatshaushaltplan als auch die anderen Pläne, bei uns im Zeichen der Angespanntheit stehen, im Zeichen bedeutender Investitionen, die für die Neubauten bestimmt sind und den Zweck haben, das schnelle Entwicklungstempo der Industrie aufrechtzuerhalten.

Man könnte fragen, wo, an welcher Stelle der Thesen wird denn das gesagt? (Zwischenruf: „Ja, wo wird das gesagt?“) Davon spricht in den Thesen die für das Jahr 1928/29 vorgesehene Summe der Investitionen für Neubauten in der Industrie. Diese unsere Thesen heißen doch Thesen über die Kontrollzahlen. So ist es doch wohl, Genossen? (Zwischenruf: „Ja.“) Und in diesen Thesen heißt es, dass wir im Jahre 1928/29 für Neubauten in der Industrie 1650 Millionen Rubel investieren. Mit anderen Worten: Wir investieren in diesem Jahr in der Industrie um 330 Millionen Rubel mehr als im vergangenen Jahr.

Es ergibt sich somit, dass wir nicht nur das Entwicklungstempo der Industrie aufrechterhalten, sondern noch einen Schritt weitergehen, indem wir in der Industrie mehr investieren als im vergangenen Jahr, das heißt die Neubautätigkeit in der Industrie sowohl absolut als auch relativ steigern.

Das ist der Kernpunkt der Thesen über die Kontrollzahlen der Volkswirtschaft. Manche Genossen aber haben das Allerwesentlichste nicht erkannt. Sie haben an den Thesen über die Kontrollzahlen herumkritisiert und sind dabei nur an Kleinigkeiten haften geblieben, das Wichtigste aber haben sie nicht bemerkt.

II
DAS GETREIDEPROBLEM

Ich habe bisher über die erste in den Thesen behandelte grundlegende Frage, über das Entwicklungstempo der Industrie, gesprochen. Gehen wir nun zu der zweiten grundlegenden Frage, zum Getreideproblem, über. Ein charakteristischer Zug der Thesen ist es, dass in ihnen besonderes Gewicht gelegt wird auf das Problem der Entwicklung der Landwirtschaft überhaupt und der Getreidewirtschaft im Besonderen. Ist diese Linie der Thesen richtig? Ich glaube, sie ist richtig. Schon au£ dem Juliplenum wurde gesagt, dass der schwächste Punkt in der Entwicklung unserer Volkswirtschaft die übermäßige Rückständigkeit der Landwirtschaft überhaupt und der Getreidewirtschaft im besonderen ist.

Wenn man darüber spricht, dass bei uns die Landwirtschaft hinter der Industrie zurückbleibt und über diese Tatsache klagt, so ist das natürlich nicht ernst zu nehmen. Die Landwirtschaft ist immer hinter der Industrie zurückgeblieben und wird immer zurückbleiben. Das trifft besonders zu unter unseren Verhältnissen, wo die Industrie in höchstem Grade konzentriert, die Landwirtschaft aber in höchstem Grade zersplittert ist. Natürlich wird die vereinigte Industrie sich schneller entwickeln als die zersplitterte Landwirtschaft. Daraus ergibt sich ja unter anderem die führende Rolle der Industrie gegenüber der Landwirtschaft. Deshalb gibt das übliche Zurückbleiben der Landwirtschaft hinter der Industrie noch keine Veranlassung dafür, das Getreideproblem aufzurollen.

Das Problem der Landwirtschaft und namentlich der Getreidewirtschaft taucht erst dann auf, wenn aus dem üblichen Zurückbleiben der Landwirtschaft hinter der Industrie ein übermäßiges Zurückbleiben ihres Entwicklungstempos wird. Ein charakteristischer Zug des gegenwärtigen Zustands der Volkswirtschaft ist die Tatsache, dass das Entwicklungstempo der Getreidewirtschaft hinter dem Entwicklungstempo der Industrie übermäßig zurückbleibt, während die Nachfrage der wachsenden Städte und Industriezentren nach Warengetreide kolossal zunimmt. Dabei besteht unsere Aufgabe nicht darin, das Entwicklungstempo der Industrie zu verlangsamen und dem Entwicklungsniveau der Getreidewirtschaft anzupassen (dies würde nur alles verwirren und eine rückläufige Entwicklung bedeuten), sondern darin, die Entwicklung der Getreidewirtschaft dem Entwicklungstempo der Industrie anzupassen und das Entwicklungstempo der Getreidewirtschaft derart zu beschleunigen, dass eine rasche Vorwärtsentwicklung der gesamten Volkswirtschaft, sowohl der Industrie als auch der Landwirtschaft, gewährleistet wird.

Entweder lösen wir diese Aufgabe, womit auch das Getreideproblem gelöst sein wird, oder wir lösen sie nicht, und dann ist der Bruch zwischen der sozialistischen Stadt und dem kleinbäuerlichen Dorf unvermeidlich.

So ist es bei uns um die Frage bestellt, Genossen. Das ist das Wesen des Getreideproblems.

Heißt das nicht, dass wir es jetzt mit einer „Stagnation“ in der Entwicklung der Getreidewirtschaft oder gar mit ihrer „Degradation“ zu tun haben? Gerade in diesem Sinne stellt Frumkin die Frage in seinem zweiten Brief, den wir heute auf sein Verlangen den Mitgliedern des ZK und der ZKK zugestellt haben. In diesem Brief sagt er direkt, dass wir in der Landwirtschaft eine „Stagnation“ haben. „Wir können und sollen in der Presse“, schreibt er, „nicht von einer Degradation sprechen, aber innerhalb der Partei dürfen wir nicht verbergen, dass dieses Zurückbleiben gleichbedeutend ist mit einer Degradation.“

Ist diese Behauptung Frumkins richtig? Natürlich ist sie nicht richtig! Wir Mitglieder des Politbüros sind absolut nicht einverstanden mit dieser Behauptung, und eine solche Beleuchtung der Frage des Zustands der Getreidewirtschaft widerspricht von Grund aus den Thesen des Politbüros.

In der Tat, was heißt Degradation, und worin muss sie in der Landwirtschaft zum Ausdruck kommen? Sie muss offenbar darin zum Ausdruck kommen, dass die Landwirtschaft eine rückläufige, eine abwärts gehende Entwicklung durchmacht, eine Entwicklung von neuen Formen der Wirtschaftsführung zurück zu alten, mittelalterlichen Formen. Sie muss zum Ausdruck kommen im Übergang der Bauernschaft, sagen wir, von der Dreifelderwirtschaft zur Brachfeldwirtschaft, vom eisernen Pflug und von Maschinen zum Hakenpflug, von gereinigtem und reinsortigem Saatgut zu ungereinigtem und gewöhnlichem Saatgut, von der modernen Kultur des Ackerbaus zu einer niedrigeren Kultur usw. usf. Aber beobachten wir denn jetzt derartige Erscheinungen? Ist es denn nicht allgemein bekannt, dass Zehntausende und Hunderttausende Bauerngehöfte alljährlich von der Dreifelderwirtschaft zur Vier- und Mehrfelderwirtschaft, von gewöhnlichem Saatgut zu reinsortigem Saatgut, vom Hakenpflug zum eisernen Pflug und zu Maschinen, von einer niedrigeren Kultur des Ackerbaus zu einer höheren übergehen? Wo ist denn hier eine Degradation?

Frumkin hängt sich überhaupt gern zur Begründung seines Standpunkts an die Rockschöße dieser oder jener Mitglieder des Politbüros. Es ist durchaus möglich, dass er auch diesmal versuchen wird, sich an die Rockschöße Bucharins zu hängen und zu beweisen, dass Bucharin in seinem Artikel „Notizen eines Ökonomen“ „dasselbe“ sagt. Aber Bucharin sagt bei weitem nicht „dasselbe“. Bucharin stellte in seinem Artikel die abstrakte, theoretische Frage nach der Möglichkeit oder der Gefahr einer Degradation. Abstrakt gesprochen, ist eine solche Fragestellung durchaus möglich und berechtigt. Was aber macht Frumkin? Er macht aus der abstrakten Frage nach der Möglichkeit einer Degradation eine tatsächliche Degradation der Landwirtschaft. Und das heißt bei ihm Analyse des Zustands der Getreidewirtschaft! Ist das nicht lächerlich, Genossen?

Das wäre eine schöne Sowjetmacht, die im elften Jahr ihres Bestehens die Landwirtschaft in einen Zustand der Degradation brächte! Eine solche Macht müsste man ja davonjagen, statt sie zu unterstützen. Und die Arbeiter hätten eine solche Macht schon längst davongejagt, wenn sie die Landwirtschaft wirklich in einen Zustand der Degradation gebracht hätte. Dies Liedchen von einer Degradation singen uns allerlei bürgerliche Spezialisten vor, die von einer Degradation der Landwirtschaft träumen. Dies Liedchen von einer Degradation sang uns auch Trotzki eine Zeitlang vor. Ich hätte nicht erwartet, dass Frumkin diesen zweifelhaften Weg betritt.

Worauf gründet Frumkin seine Behauptung von der Degradation? Vor allein darauf, dass die Getreideanbaufläche bei uns in diesem Jahr kleiner ist als im vorigen Jahr. Woraus ist diese Tatsache zu erklären? Vielleicht aus der Politik der Sowjetmacht? Natürlich nicht. Das erklärt sich daraus, dass die Wintersaat im Steppengebiet der Ukraine und teilweise auch im Nordkaukasus zugrunde ging und dass das gleiche Gebiet der Ukraine im Sommer dieses Jahres von einer Dürre heimgesucht wurde. Wären diese ungünstigen klimatischen Bedingungen, von denen die Landwirtschaft voll und ganz abhängig ist, nicht gewesen, dann hätten wir in diesem Jahr eine um mindestens eine Million Deßjatinen größere Getreideanbaufläche als im vergangenen Jahr.

Er gründet seine Behauptung weiter darauf, dass unsere Bruttoproduktion an Getreide in diesem Jahr nur wenig größer ist als im vergangenen Jahr (um 70 Millionen Pud), während sie bei Weizen und Roggen uni etwa 200 Millionen Pud geringer ist. Woraus aber erklärt sich das alles? Aus den gleichen Erscheinungen, nämlich dass eine Dürre zu verzeichnen war und dass die Wintersaat durch Frühfrost zugrunde ging. Wären diese ungünstigen klimatischen Bedingungen nicht gewesen, so wäre unsere Bruttoproduktion an Getreide in diesem Jahr um etwa 300 Millionen Pud größer als im vergangenen Jahr. Wie kann man von solchen Faktoren absehen wie Dürre, Frühfrost usw., die für die Ernte dieser oder jener Gebiete von entscheidender Bedeutung sind?

Wir stellen uns jetzt die Aufgabe, die Anbaufläche um 7 Prozent zu erweitern, die Ernteerträge um 3 Prozent zu steigern und die Bruttoproduktion an Getreide um etwa 10 Prozent zu erhöhen. Es kann keinen Zweifel geben, dass wir alle Maßnahmen treffen werden, um diese Aufgaben zu erfüllen. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass wir trotz unserer Maßnahmen erneut von einer teilweisen Missernte, von Frühfrost oder Dürre in diesen oder jenen Gebieten betroffen werden, und es ist möglich, dass diese Umstände zu einem gewissen Zurückbleiben der Bruttoproduktion an Getreide hinter unseren Plänen oder sogar hinter der Bruttoproduktion dieses Jahres führen werden. Würde das aber bedeuten, dass die Landwirtschaft „degradiert“, dass an dieser „Degradation“ die Politik der Sowjetmacht schuld ist, dass wir den Bauern des wirtschaftlichen Ansporns „beraubt“, dass wir ihm die wirtschaftliche Perspektive „genommen“ haben?

Vor einigen Jahren verfiel Trotzki in den gleichen Fehler, als er behauptete, der „Regen“ habe keine Bedeutung für die Landwirtschaft. Rykow nahm, unterstützt von der gewaltigen Mehrheit der Mitglieder des ZK, dagegen Stellung. Jetzt verfällt Frumkin in den gleichen Fehler, indem er von den Bedingungen des Klimas, die für die Landwirtschaft von entscheidender Bedeutung sind, absieht und alles auf die Politik unserer Partei zu schieben sucht.

Welche Mittel und Wege gibt es, um das Entwicklungstempo der Landwirtschaft im Allgemeinen und der Getreidewirtschaft im Besonderen zu beschleunigen?

Es gibt drei solcher Wege oder Kanäle:

a) Steigerung der Ertragsfähigkeit und Erweiterung der Anbauflächen der individuellen Wirtschaften der armen Bauern und der Mittelbauern;

b) weitere Entwicklung der Kollektivwirtschaften;

c) Erweiterung der alten und Entwicklung neuer Sowjetwirtschaften.

Davon war schon in der Resolution des Juliplenums die Rede. In den Thesen wird das auf dem Juliplenum Gesagte wiederholt, aber die Frage wird konkreter gestellt und in Ziffern ausgedrückt, indem bestimmte Investitionen hierfür angeführt werden. Frumkin fand auch hier Anlass zum Nörgeln. Er glaubt, wenn die individuelle Wirtschaft an die erste Stelle gesetzt wird, die Kollektivwirtschaften und die Sowjetwirtschaften aber an die zweite und dritte Stelle gesetzt werden, so bedeute dies nichts anderes als einen Sieg seines Standpunkts. Das ist lächerlich, Genossen. Natürlich muss man, wenn man an die Sache vom Standpunkt der relativen Bedeutung dieser oder jener Formen der Landwirtschaft herangeht, die individuelle Wirtschaft an die erste Stelle setzen, denn sie liefert fast sechsmal soviel Warengetreide wie die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften. Wenn man aber an die Sache vom Standpunkt des Wirtschaftstyps herangeht, von dem Standpunkt, welche Wirtschaftsform uns am nächsten steht, so muss man die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften an die erste Stelle setzen, weil sie, verglichen mit der individuellen Bauernwirtschaft, einen höheren Typ des landwirtschaftlichen Betriebs darstellen. Muss wirklich noch bewiesen werden, dass beide Standpunkte für uns gleich annehmbar sind?

Was ist erforderlich, damit unsere Arbeit in allen diesen drei Kanälen vonstatten geht, damit praktisch eine Beschleunigung des Entwicklungstempos der Landwirtschaft und vor allem der Getreidewirtschaft erzielt wird?

Dazu ist vor allem notwendig, die Aufmerksamkeit unserer Parteikader auf die Landwirtschaft zu lenken und sie auf die konkreten Fragen des Getreideproblems zu konzentrieren. Man muss Schluss machen mit den allgemeinen Phrasen und dem Geschwätz über die Landwirtschaft irrt allgemeinen und endlich, entsprechend den verschiedenartigen Bedingungen der verschiedenen Gebiete, an die Ausarbeitung praktischer Maßnahmen zur Hebung der Getreidewirtschaft schreiten. Es ist Zeit, von Worten zur Tat überzugehen und sich endlich mit der konkreten Frage zu beschäftigen, wie die Ertragsfähigkeit zu steigern und die Anbauflächen der individuellen Wirtschaften der armen Bauern und der Mittelbauern zu erweitern, wie die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften zu verbessern und weiterzuentwickeln sind, wie die Unterstützung der Bauern durch die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften auf der Linie der Versorgung der Bauern mit besserem Saatgut, besserem Zuchtvieh zu organisieren ist, wie die Unterstützung der Bauern mit Maschinen und sonstigen Geräten durch die Ausleihstationen zu organisieren ist, wie das System der Kontrahierung und das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen überhaupt erweitert und verbessert werden kann usw. usf. (Zwischenruf : „Das ist Praktizismus.“) Einen solchen Praktizismus brauchen wir unbedingt, denn ohne ihn laufen wir Gefahr, die ernste Frage der Lösung des Getreideproblems in leerem Geschwätz über die Landwirtschaft im Allgemeinen untergehen zu lassen.

Das ZK hat es sich zur Aufgabe gemacht, in die Wege zu leiten, dass unsere führenden Funktionäre aus den Hauptgetreidegebieten im Rat der Volkskommissare und im Politbüro konkrete Berichte über Fragen der Entwicklung der Landwirtschaft erstatten. Auf diesem Plenum werden Sie einen Bericht des Genossen Andrejew über die Wege zur Lösung des Getreideproblems im Nordkaukasus hören. Ich glaube, es wird in Zukunft notwendig sein, dass wir uns ähnliche Berichte der Reihe nach von der Ukraine, dem Zentralen Schwarzerdegebiet, dem Wolgagebiet, Sibirien usw. erstatten lassen. Das ist unbedingt notwendig, um die Aufmerksamkeit der Partei auf das Getreideproblem zu lenken und unsere Parteikader endlich zu einer konkreten Behandlung der mit dem Getreideproblem zusammenhängenden Fragen zu veranlassen.

Es ist zweitens notwendig, zu erreichen, dass unsere Parteifunktionäre auf dem Lande in ihrer praktischen Arbeit zwischen Mittelbauern und Kulaken streng unterscheiden, sie nicht auf die gleiche Stufe stellen und nicht den Mittelbauern treffen, wo es gilt, den Kulaken zu schlagen. Es ist höchste Zeit, diese, mit Verlaub zu sagen, Fehler zu beseitigen. Nehmen wir zum Beispiel die Frage der individuellen Besteuerung. Wir haben einen Beschluss des Politbüros und ein entsprechendes Gesetz, dass höchstens 2-3 Prozent aller Höfe, das heißt der reichste Teil des Kulakentums, mit der individuellen Steuer zu belegen sind. Was aber geschieht in Wirklichkeit? Es gibt eine ganze Reihe von Gebieten, in denen 10, 12, ja noch mehr Prozent mit dieser Steuer belegt werden, wodurch also auch der mittelbäuerliche Teil getroffen wird. Ist es nicht an der Zeit, diesem Verbrechen ein Ende zu machen?

Anstatt nun aber konkrete Maßnahmen zur Liquidierung dieser und ähnlicher Schändlichkeiten vorzuschlagen, betreiben unsere werten „Kritiker“ Wortklauberei und schlagen vor, die Worte „der reichste Teil der Kulaken“ durch die Worte „der mächtigste Teil der Kulaken“ oder „die oberste Spitze der Kulaken“ zu ersetzen. Als ob das nicht ein und dasselbe wäre! Es ist erwiesen, dass es bei uns etwa 5 Prozent Kulaken gibt. Es ist erwiesen, dass nach dem Gesetz nur 2-3 Prozent aller Höfe, das heißt der reichste Teil der Kulaken, mit der individuellen Steuer zu belegen sind. Es ist erwiesen, dass dieses Gesetz in der Praxis in einer ganzen Reihe von Bezirken verletzt wird. Die „Kritiker“ aber, anstatt konkrete Maßnahmen zur Liquidierung dieser Erscheinungen vorzuschlagen, ergehen sich in einer Kritik an Worten und wollen nicht begreifen, dass sich die Sache dadurch nicht um ein Jota ändert. Die reinsten Buchstabengelehrten! (Zwischenruf: „Es wird vorgeschlagen, alle Kulaken individuell zu besteuern.“) Nun, dann muss man die Aufhebung des Gesetzes verlangen, wonach nur 2-3 Prozent aller Höfe mit der individuellen Steuer zu belegen sind. Indes habe ich nicht gehört, dass jemand die Aufhebung des Gesetzes über die individuelle Besteuerung verlangt hätte. Man sagt, die willkürliche Ausdehnung der individuellen Besteuerung solle der Auffüllung des lokalen Haushalts dienen. Man darf aber den lokalen Hauhalt nicht in der Weise auffüllen, dass man das Gesetz verletzt, dass man die Direktive der Partei verletzt. Unsere Partei ist da, sie ist keineswegs liquidiert. Die Sowjetmacht ist da, sie ist keineswegs liquidiert. Und wenn es an Mitteln für den lokalen Haushalt mangelt, muss man die Frage des lokalen Haushalts aufwerfen, keineswegs aber darf man die Gesetze verletzen, die Weisungen der Partei aufheben.

Es ist ferner notwendig, den individuellen Wirtschaften der armen Bauern und der Mittelbauern einen stärkeren Ansporn zu geben. Zweifellos wird die bereits durchgeführte Erhöhung der Getreidepreise, die praktische Verwirklichung der revolutionären Gesetzlichkeit, die praktische Unterstützung der Wirtschaften der armen Bauern und der Mittelbauern auf dem Wege der Kontrahierung usw. dem Bauern einen starken wirtschaftlichen Ansporn geben. Frumkin meint, wir hätten dem Bauern diesen Ansporn genommen oder fast genommen, wir hätten ihn der wirtschaftlichen Perspektive beraubt. Das ist natürlich Unsinn. Wenn das richtig wäre, dann ist unverständlich, worauf sich eigentlich der Zusammenschluss, das Bündnis der Arbeiterklasse mit den Hauptmassen der Bauernschaft gründet? Man darf doch nicht glauben, dass dieses Bündnis ein moralisches Bündnis ist. Man muss doch endlich begreifen, dass das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft ein Zweckbündnis ist, ein Interessenbündnis zweier Klassen, ein Klassenbündnis der Arbeiter und der Hauptmassen der Bauernschaft, das beiden Seiten Nutzen bringen soll. Wenn wir der Bauernschaft den wirtschaftlichen Ansporn genommen oder fast genommen hätten, wenn wir die Bauern der wirtschaftlichen Perspektive beraubt hätten, dann gäbe es bei uns natürlich keinen Zusammenschluss, dann gäbe es kein Bündnis der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft. Offenbar kann es sich hier nicht darum handeln, für die Massen der armen Bauern und der Mittelbauern einen wirtschaftlichen Ansporn zu „schaffen“ oder ihnen einen solchen Ansporn zu „geben“, sondern nur darum, diesen Ansporn zum beiderseitigen Nutzen für die Arbeiterklasse und die Hauptmassen der Bauernschaft zu verstärken und weiter zu fördern. Eben davon ist in den Thesen über die Kontrollzahlen der Volkswirtschaft die Rede.

Schließlich ist es notwendig, die Versorgung des Dorfes mit Waren zu verstärken. Ich denke dabei sowohl an Waren für die Konsumtion als auch besonders an Waren für die Produktion (Maschinen, Kunstdünger usw.), die die Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte steigern können. Man kann nicht sagen, dass bei uns auf diesem Gebiet alles zum Besten bestellt sei. Sie wissen, dass die Erscheinungen des Warenhungers bei uns noch lange nicht liquidiert sind und wohl auch nicht so rasch liquidiert sein werden. In gewissen Kreisen unserer Partei besteht die Illusion, dass wir den Warenhunger sofort liquidieren könnten. Das ist leider nicht richtig. Man darf nicht außer acht lassen, dass die Erscheinungen des Warenhungers zusammenhängen erstens mit dem wachsenden Wohlstand der Arbeiter und Bauern und der kolossalen Zunahme der zahlungsfähigen Nachfrage nach Waren, deren Produktion zwar jedes Jahr wächst, aber nicht die ganze Nachfrage befriedigen kann, und zweitens mit der gegenwärtigen Periode der Rekonstruktion der Industrie.

Die Rekonstruktion der Industrie bedeutet die Überleitung von Mitteln aus der Sphäre der Produktion von Konsumtionsmitteln in die Sphäre der Produktion von Produktionsmitteln. Ohne dies gibt es, namentlich unter unseren, sowjetischen Verhältnissen, keine ernstliche Rekonstruktion der Industrie und kann es sie nicht geben. Was heißt das aber? Das heißt, dass Gelder für die Errichtung neuer Betriebe investiert werden, dass die Zahl der Städte und der neuen Verbraucher wächst, während die neuen Betriebe erst nach 3-4 Jahren neue Warenmengen liefern können. Es ist leicht zu begreifen, dass dieser Umstand der Liquidierung des Warenhungers nicht förderlich sein kann.

Heißt das nun, dass wir die Hände in den Schoß legen und uns gegenüber den Erscheinungen des Warenhungers als ohnmächtig bekennen sollen? Nein, das heißt es nicht. Die Sache ist die, dass wir konkrete Maßnahmen ergreifen können und müssen, um den Warenhunger zu vermindern, um ihn zu mildern. Das kann man tun, und das müssen wir sofort tun. Daher muss man alles daransetzen, die Industriezweige zu stärken, von denen die Hebung der landwirtschaftlichen Produktion unmittelbar abhängt (Stalingrader Traktorenwerk, Rostower Werk für den Bau landwirtschaftlicher Maschinen, Woronesher Trieurwerk usw. usf.). Dazu müssen fernerhin die Industriezweige nach Möglichkeit gestärkt werden, von denen die Vergrößerung der Warenmengen abhängt, die Mangelwaren darstellen (Tuch, Glas, Nägel usw.). Usw. usf...

Kubjak sagte, nach den Kontrollzahlen der Volkswirtschaft würden der individuellen Bauernwirtschaft in diesem Jahr weniger Mittel zur Verfügung gestellt als im vergangenen Jahr. Ich glaube, das stimmt nicht. Kubjak lässt offenbar außer acht, dass wir den Bauern auf dem Wege der Kontrahierung in diesem Jahr etwa 300 Millionen Rubel Kredit gewähren (fast um 100 Millionen mehr als im vergangenen Jahr). Wenn man diesen Umstand in Betracht zieht - und man muss ihn in Betracht ziehen -, dann zeigt sich, dass wir in diesem Jahr für die Entwicklung der individuellen Bauernwirtschaft mehr aufwenden als im vergangenen Jahr. Was die alten und die neuen Sowjet- und Kollektivwirtschaften betrifft, so werden hierfür in diesem Jahr rund 300 Millionen Rubel investiert (etwa um 150 Millionen mehr als im vergangenen Jahr).

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Kollektivwirtschaften, die Sowjetwirtschaften und die Methode der Kontrahierung. Sie dürfen nicht allein als Mittel zur Vergrößerung unserer Reserven an Warengetreide betrachtet werden. Sie sind zugleich eine neue Form des Zusammenschlusses zwischen der Arbeiterklasse und den Hauptmassen der Bauernschaft.

Über die Methode der Kontrahierung ist bei uns schon genügend gesprochen worden, und ich werde nicht ausführlich darauf eingehen. Es ist einem jeden klar, dass die Methode der massenweisen Kontrahierung es uns erleichtert, die Bemühungen der individuellen Bauernwirtschaften zu vereinigen, dass sie ein Element der Beständigkeit in die Beziehungen zwischen Staat und Bauernschaft hineinträgt und somit den Zusammenschluss zwischen Stadt und Land festigt.

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf die Kollektivwirtschaften und besonders auf die Sowjetwirtschaften lenken als auf Hebel, die die Umgestaltung der Landwirtschaft auf der Grundlage der modernen Technik erleichtern, in den Köpfen der Bauern eine Revolution bewirken und ihnen helfen, sich vom Konservatismus und vom Festhalten am Gewohnten zu befreien. Der Einsatz von Traktoren, großen landwirtschaftlichen Maschinen und Traktorenkolonnen in unseren Getreidegebieten kann für die benachbarten Bauernwirtschaften nicht ohne Wirkung bleiben. Die Unterstützung der benachbarten Bauern mit Saatgut, Maschinen und Traktoren wird die Bauernschaft zweifellos zu schätzen wissen und als ein Zeichen der Stärke und der Macht des Sowjetstaates werten, der bemüht ist, der Bauernschaft die Bahn frei zu machen für eine ernstliche Hebung der Landwirtschaft. Diesen Umstand haben wir bisher nicht in Betracht gezogen und ziehen wir wohl auch jetzt noch nicht genügend in Betracht. Ich glaube aber, dass dies das Wichtigste ist, was uns die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften gegenwärtig zur Lösung des Getreideproblems und zur Festigung des Zusammenschlusses in seinen neuen Formen bieten und bieten können.

Das sind im Allgemeinen die Mittel und Wege, die wir in unserer Arbeit zur Lösung des Getreideproblems ausnutzen müssen.

III
ÜBER DEN KAMPF GEGEN DIE ABWEICHUNGEN
UND DAS VERSÖHNLERTUM IHNEN GEGENÜBER

Gehen wir nun zur dritten grundlegenden Frage unserer Thesen über, zur Frage der Abweichungen von der Lenin istischen Linie.

Die soziale Basis der Abweichungen ist in der Tatsache zu suchen, dass in unserem Lande die Kleinproduktion vorherrscht, dass aus der Kleinproduktion kapitalistische Elemente hervor wachsen, dass unsere Partei vom kleinbürgerlichen Element umgeben ist, und schließlich, dass einzelne Glieder unserer Partei von diesem Element angesteckt sind.

Das ist im Grunde genommen die soziale Basis der Abweichungen. Alle diese Abweichungen tragen kleinbürgerlichen Charakter. Worauf läuft die rechte Abweichung hinaus, von der hier hauptsächlich die Rede ist? Worauf zielt sie ab? Sie zielt auf die Anpassung an die bürgerliche Ideologie ab, auf die Anpassung unserer Politik an den Geschmack und die Bedürfnisse der „Sowjet“bourgeoisie.

Was droht uns, wenn die rechte Abweichung in unserer Partei den Sieg davonträgt? Das wäre der ideologische Zusammenbruch unserer Partei, die Entfesselung der kapitalistischen Elemente, das Steigen der Chancen für eine Restauration des Kapitalismus oder, wie Lenin sagte, für eine „Rückkehr zum Kapitalismus“, Wo sind die Tendenzen zur rechten Abweichung hauptsächlich anzutreffen? In unserem Sowjet-, Wirtschafts-, Genossenschafts- und Gewerkschaftsapparat und auch im Apparat der Partei, namentlich in ihren Grundeinheiten im Dorf.

Gibt es bei uns unter den Parteimitgliedern Leute, die die rechte Abweichung verkörpern? Unbedingt, die gibt es. Rykow hat das Beispiel Schatunowskis angeführt, der sich gegen den Bau des Dnjepr-Kraftwerks aussprach. Es kann keinen Zweifel geben, dass bei Schatunowski eine rechte Abweichung zutage getreten ist, eine Abweichung zum offenen Opportunismus. Dennoch glaube ich, dass Schatunowski nicht typisch ist für die Charakterisierung der rechten Abweichung, für die Charakterisierung ihrer Physiognomie. Ich glaube, dass hier die Palme des Sieges Frumkin gebührt. (Heiterkeit.) Ich denke an seinen ersten Brief (Juni 1928) und dann an seinen zweiten Brief, der hier den Mitgliedern des ZK und der ZKK ausgehändigt wurde (November 1928).

Untersuchen wir diese beiden Briefe. Nehmen wir die „grundlegenden Sätze“ des ersten Briefes.

1. „Das Dorf ist, mit Ausnahme eines kleinen Teils der Dorfarmut, gegen uns eingestellt.“ Stimmt das? Es ist klar, dass das nicht stimmt. Wenn das stimmte, dann wäre bei uns nicht einmal die Spur eines Zusammenschlusses geblieben. Seit dem Monat Juni aber (der Brief ist im Juni geschrieben) ist schon fast ein halbes Jahr vergangen, und jeder, der nicht blind ist, sieht, dass der Zusammenschluss der Arbeiterklasse und der Hauptmassen der Bauernschaft fortbesteht und erstarkt. Wozu schreibt Frumkin diese Ungereimtheit? Um die Partei zu schrecken und sie nachgiebig zu machen gegenüber der rechten Abweichung.

2. „Die in der letzten Zeit eingeschlagene Linie hat die Hauptmassen der Mittelbauern in eine hoffnungslose und perspektivelose Lage versetzt.“ Ist das richtig? Das ist völlig falsch. Es ist klar, dass der Mittelbauer, wäre die wirtschaftliche Lage der Hauptmassen der Mittelbauern im Frühjahr dieses Jahres hoffnungslos und perspektivlos gewesen, den Acker für die Sommersaat nicht in allen wichtigen Getreidegebieten erweitert hätte. Bei uns wird die Sommeraussaat gewöhnlich im April-Mai durchgeführt. Frumkins Brief aber wurde im Juni geschrieben. Wer ist bei uns, unter der Sowjetmacht, der Hauptabnehmer des Getreides? Der Staat und die mit ihm verbundenen Genossenschaften. Es ist klar, dass die mittelbäuerlichen Massen, litten sie an wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit, befänden sie sich in einem Zustand der „Entzweiung“ mit der Sowjetmacht, den Acker für die Sommersaat nicht dem Staat zuliebe, der der Hauptabnehmer des Getreides ist, erweitern würden. Frumkin redet eine offenkundige Ungereimtheit. Auch hier versucht Frumkin, die Partei zu schrecken mit den „Gräueln“ der Perspektivlosigkeit, um sie nachgiebig zu machen gegenüber seinem, Frumkins, Standpunkt.

3. „Man muss zum XIV. und XV. Parteitag zurückkehren.“ Dass der XV. Parteitag hier völlig unpassend hinzugesetzt wird, steht außer jedem Zweifel. Der Kern der Sache ist hier nicht der XV. Parteitag, sondern die Losung: Zurück zum XIV. Parteitag; Was aber heißt das? Das heißt Verzicht auf die „Verstärkung der Offensive gegen den Kulaken“ (siehe Resolution des XV. Parteitags). Ich sage das nicht, um den XIV. Parteitag herabzusetzen. Ich sage das, weil Frumkin mit seiner Aufforderung, zum XIV. Parteitag zurückzukehren, den Schritt vorwärts leugnet, den die Partei vom XIV. zum XV. Parteitag gemacht hat, und weil er, indem er diesen Schritt vorwärts leugnet, die Partei zurückzerrt. Das Juliplenum des ZK nahm zu dieser Frage Stellung. Es erklärte in seiner Resolution geradeheraus, dass Leute, die den Beschluss des XV. Parteitags - „die Offensive gegen das Kulakentum weiterzuentwickeln“ - zu umgehen versuchen, „die bürgerlichen Tendenzen in unserem Lande zum Ausdruck bringen“. Ich sage es Frumkin offen, dass das Politbüro, als es diesen Punkt der Resolution des Juliplenums formulierte, Frumkin und seinen ersten Brief meinte.

4. „Maximale Unterstützung der Dorfarmut, die in die Kollektive eintritt.“ Wir haben der Dorfarmut, die in die Kollektive eintritt, und sogar jener, die dies nicht tut, stets nach Maßgabe unserer Kräfte und Möglichkeiten maximale Unterstützung gewährt. Das ist nichts Neues. Das Neue, das die Beschlüsse des XV. Parteitags von denen des XIV. Parteitags unterscheidet, besteht nicht hierin, sondern darin, dass der XV. Parteitag die größtmögliche Entwicklung der Kollektivwirtschaftsbewegung als eine der wichtigsten Tagesaufgaben gestellt hat. Wenn Frumkin nun von maximaler Unterstützung der Dorfarmut, die in die Kollektive eintritt, spricht, macht er im Grunde genommen Ausflüchte, weicht er der vom XV. Parteitag gestellten Aufgabe, der größtmöglichen Entwicklung der Kollektivwirtschaftsbewegung, aus. Im Grunde genommen ist Frumkin gegen die Entfaltung der Arbeit, die der Entwicklung der Kollektivwirtschaften und damit der Stärkung des sozialistischen Sektors im Dorf gilt.

5. „Die Erweiterung der Sowjetwirtschaften nicht in forciertem und überforciertem Tempo betreiben.“ Es kann Frumkin nicht unbekannt sein, das wir erst beginnen, an der Erweiterung der alten und der Schaffung neuer Sowjetwirtschaften ernstlich zu arbeiten. Es kann Frumkin nicht unbekannt sein, das wir dafür viel weniger Mittel aufwenden als aufgewandt werden müssten, wenn uns hierzu irgendwelche Reserven zur Verfügung ständen. Die Worte „in forciertem und überforciertem Tempo“ werden hier angeführt, um andern einen „Schreck“ einzujagen und damit zu verbergen, dass man selbst keine auch nur einigermaßen ernstliche Erweiterung der Sowjetwirtschaften wünscht. Frumkin spricht sich hier im Grunde genommen gegen die Entwicklung der Sowjetwirtschaften und damit gegen die Stärkung des sozialistischen Sektors im Dorf aus.

Fassen Sie nun alle diese Sätze Frumkins zusammen, und Sie erhalten eine Blütenlese, die die rechte Abweichung charakterisiert.

Wenden wir uns nun Frumkins zweitem Brief zu. Worin unterscheidet sich der zweite Brief vom ersten? Darin, dass er die Fehler des ersten Briefs vertieft. Im ersten Brief wurde von einer Perspektivlosigkeit der mittelbäuerlichen Wirtschaft gesprochen. Im zweiten aber wird von einer „Degradation“ der Landwirtschaft gesprochen. Im ersten Brief wurde die Rückkehr zum XIV. Parteitag, das heißt eine Abschwächung der Offensive gegen den Kulaken, gefordert. Im zweiten Brief aber heißt es, dass „wir die Produktion der Kulakenwirtschaften nicht stören dürfen“. Im ersten Brief wurde von der Industrie überhaupt nichts gesagt. Im zweiten Brief aber wird die „neue“ Theorie entwickelt, dass für den industriellen Aufbau weniger ausgegeben werden solle. Im Übrigen gibt es zwei Punkte, in denen beide Briefe übereinstimmen: hinsichtlich der Kollektivwirtschaften und der Sowjetwirtschaften - hier wie dort spricht sich Frumkin gegen die Entwicklung der Kollektivwirtschaften und der Sowjetwirtschaften aus. Es ist klar, dass der zweite Brief die Fehler des ersten Briefs vertieft.

Über die Theorie von der „Degradation“ habe ich bereits gesprochen. Es kann keinen Zweifel geben, dass diese Theorie eine Erfindung bürgerlicher Spezialisten ist, die sich bemüßigt fühlen, von einem Untergang der Sowjetmacht zu schreien. Frumkin hat sich von den bürgerlichen Spezialisten, die im Bereich des Volkskommissariats für Finanzen untergeschlüpft sind, einschüchtern lassen, und jetzt versucht er selbst, die Partei zu schrecken, um sie nachgiebig zu machen gegenüber der rechten Abweichung. Über die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften ist ebenfalls genügend gesprochen worden. Deshalb lohnt es sich nicht, Gesagtes zu wiederholen. Untersuchen wir die übrigen zwei Punkte: den Punkt über die Kulakenwirtschaft und den Punkt über die Investitionen für Neubauten in der Industrie.

Über die Kulakenwirtschaft. Frumkin sagt, dass „wir die Produktion der Kulakenwirtschaften nicht stören dürfen“. Was heißt das? Das heißt, dass der Kulak bei der Entwicklung seiner Ausbeuterwirtschaft nicht gestört werden soll. Was heißt aber, den Kulaken bei der Entwicklung seiner Ausbeuterwirtschaft nicht zu stören? Das heißt, den Kapitalismus im Dorf zu entfesseln, ihm freien Lauf zu lassen, ihm volle Freiheit zu geben. Damit haben wir die alte Losung der französischen Liberalen: „laissez faire, laissez passer“, das heißt, stört die Bourgeoisie nicht in ihrem Geschäft, stört sie nicht, sich frei zu bewegen.

Diese Losung stellten die alten französischen Liberalen in der Zeit der französischen bürgerlichen Revolution auf, in der Zeit des Kampfes gegen die feudale Staatsmacht, die die Bourgeoisie beengte und sie nicht zur Entwicklung kommen ließ. Demnach sollen wir jetzt von der sozialistischen Losung - „immer stärkere Einschränkung der kapitalistischen Elemente“ (siehe die Thesen über die Kontrollzahlen) übergehen zu der bürgerlich-liberalen Losung - keine Einengung der Entwicklung des Kapitalismus im Dorf. Wieso, haben wir etwa die Absicht, uns aus Bolschewiki in bürgerliche Liberale zu verwandeln? Was kann diese bürgerlich-liberale Losung Frumkins mit der Linie der Partei gemein haben?

(Frumkin: „Genosse Stalin, lesen Sie auch die anderen Punkte vor.“) Ich lese den ganzen Punkt vor. „Wir dürfen auch die Produktion der Kulakenwirtschaften nicht stören, müssen aber gleichzeitig gegen die fronherrliche Ausbeutung seitens der Kulaken kämpfen.“ Nun, verehrter Frumkin, glauben Sie wirklich, dass die zweite Hälfte des Satzes etwas an der Sache bessert und sie nicht verschlechtert? Was heißt Kampf gegen die fronherrliche Ausbeutung? Die Losung des Kampfes gegen die fronherrliche Ausbeutung ist doch eine Losung der bürgerlichen Revolution gegen die fronherrlich-feudalen oder halbfeudalen Methoden der Ausbeutung. Wir stellten diese Losung tatsächlich auf, als wir der bürgerlichen Revolution entgegen schritten und unterschieden zwischen der fronherrlichen Form der Ausbeutung, die wir zu beseitigen bemüht waren, und der nicht fronherrlichen, der so genannten „progressiven“ Form der Ausbeutung, die wir damals nicht einschränken und beseitigen konnten, da die bürgerlichen Verhältnisse bestehen blieben. Aber damals waren wir auf dem Wege zur bürgerlich-demokratischen Republik. Jetzt jedoch haben wir, wenn ich nicht irre, die sozialistische Revolution, die Kurs hält und halten muss auf die Beseitigung aller Formen der Ausbeutung, darunter auch der „progressiven“ Formen der Ausbeutung. Wollen Sie etwa, dass wir uns von der sozialistischen Revolution, die wir entwickeln und vorwärts treiben, zurückwenden und zu den Losungen der bürgerlichen Revolution zurückkehren? Wie kann man sich zu einem solchen Unsinn versteigen?

Weiter: Was heißt, die Kulakenwirtschaft nicht stören? Das heißt, dem Kulaken Handlungsfreiheit geben. Was aber heißt, ihm Handlungsfreiheit geben? Das heißt, ihm die Macht geben. Als die bürgerlichen Liberalen in Frankreich von der feudalen Staatsmacht verlangten, dass sie die Bourgeoisie in ihrer Entwicklung nicht störe, drückten sie dies in konkreten Forderungen aus, in der Forderung, der Bourgeoisie die Macht zu übergeben. Und sie waren im Recht. Um sich richtig entwickeln zu können, muss die Bourgeoisie die Macht haben. Wenn man konsequent sein will, muss man also sagen: Lasst den Kulaken an die Macht. Denn man muss doch begreifen, dass es nicht anders sein kann, als dass man die Entwicklung der Kulakenwirtschaft einschränkt, wenn man dem Kulaken die Macht nimmt und sie in den Händen der Arbeiterklasse konzentriert. Das sind die Schlussfolgerungen, die sich beim Lesen von Frumkins zweitem Brief aufdrängen.

Über die Neubauten in der Industrie. Bei der Erörterung der Kontrollzahlen hatten wir drei Zahlen: der Oberste Volkswirtschaftsrat beantragte hierfür 825 Millionen Rubel, die Staatliche Plankommission veranschlagte 750 Millionen Rubel, das Volkskommissariat für Finanzen aber wollte nur 650 Millionen Rubel bewilligen. Welchen Beschluss fasste das ZK unserer Partei in dieser Frage? Es setzte eine Summe von 800 Millionen Rubel fest, das heißt genau um 150 Millionen Rubel mehr, als das Volkskommissariat für Finanzen vorgeschlagen hatte. Dass das Volkskommissariat für Finanzen weniger geben wollte, daran ist natürlich nichts Verwunderliches: der Geiz des Volkskommissariats für Finanzen ist allgemein bekannt, es muss geizig sein. Aber es handelt sich jetzt nicht hierum. Es handelt sich darum, dass Frumkin die Zahl von 650 Millionen Rubel nicht aus Geiz, sondern auf Grund seiner neugebackenen Theorie „von den Möglichkeiten“ verteidigt, indem er in seinem zweiten Brief und in einem besonderen Artikel im Presseorgan des Volkskommissariats für Finanzen behauptet, dass wir unsere Wirtschaftslage ganz bestimmt verschlechtern, wenn wir dem Obersten Volkswirtschaftsrat für Neubauten mehr als 650 Millionen Rubel zur Verfügung stellen. Was aber heißt das? Das heißt, dass Frumkin gegen die Beibehaltung des gegenwärtigen Entwicklungstempos der Industrie ist und offenbar nicht begreift, dass eine Verlangsamung dieses Tempos die Lage unserer gesamten Volkswirtschaft tatsächlich verschlechtern würde.

Fassen Sie nun diese beiden Punkte aus Frumkins zweitem Brief zusammen, den Punkt über die Kulakenwirtschaft und den Punkt über die Neubauten in der Industrie, fügen Sie die Theorie von der „Degradation“ hinzu - und Sie haben die Physiognomie der rechten Abweichung.

Sie wollen wissen, was die rechte Abweichung ist und wie sie aussieht? Lesen Sie die beiden Briefe Frumkins, studieren Sie diese Briefe und da werden Sie's begreifen.

So ist es um die Physiognomie der rechten Abweichung bestellt.

Aber in den Thesen wird nicht nur von der rechten Abweichung gesprochen. In ihnen wird außerdem von der so genannten „linken“ Abweichung gesprochen. Was ist die „linke“ Abweichung? Gibt es bei uns wirklich eine so genannte „linke“ Abweichung in der Partei? Gibt es bei uns in der Partei gegen die Mittelbauernschaft gerichtete Tendenzen, wie es in unseren Thesen heißt, Tendenzen der Überindustrialisierung usw.? Ja, die gibt es. Worauf laufen sie hinaus? Sie laufen auf eine Abweichung zum Trotzkismus hinaus. Bereits das Juliplenum hat das festgestellt. Ich denke an die bekannte Resolution des Juliplenums über die Getreidebeschaffungspolitik, in der vom Kampf an zwei Fronten gesprochen wird: gegen diejenigen, die uns vom XV. Parteitag zurückzerren - das sind die Rechten -, und gegen diejenigen, die die außerordentlichen Maßnahmen zu einem ständigen Kurs der Partei machen wollen - das sind die „Linken“, das ist die Tendenz zum Trotzkismus.

Es ist klar, dass es innerhalb unserer Partei Elemente des Trotzkismus und eine Tendenz zur trotzkistischen Ideologie gibt. Ich glaube, während der Diskussion vor dem XV. Parteitag haben etwa viertausend Mitglieder gegen unsere Plattform gestimmt. (Zwischenruf: „Zehntausend.“) Ich glaube, wenn zehntausend dagegen gestimmt haben, so haben zweimal zehntausend mit dem Trotzkismus sympathisierende Parteimitglieder überhaupt nicht gestimmt, weil sie nicht in die Versammlungen gekommen sind. Das sind eben die trotzkistischen Elemente, die nicht aus der Partei ausgeschieden sind und die sich, wie man annehmen muss, noch nicht von der trotzkistischen Ideologie frei gemacht haben. Außerdem glaube ich, dass der Teil der Trotzkisten, der sich dann von der trotzkistischen Organisation gelöst hat und in die Partei zurückgekehrt ist, es noch nicht vermocht hat, sich von der trotzkistischen Ideologie zu trennen, und vermutlich ebenfalls nicht abgeneigt ist, seine Anschauungen unter den Parteimitgliedern zu verbreiten. Schließlich haben wir die Tatsache eines gewissen Wiederauflebens der trotzkistischen Ideologie in einigen Organisationen unserer Partei. Fassen Sie all das zusammen, und Sie haben alle Elemente, die erforderlich sind, um in der Partei eine Abweichung zum Trotzkismus konstatieren zu können.

Das ist auch begreiflich: Es kann nicht anders sein, als dass es beim Vorhandensein des kleinbürgerlichen Elements und bei dem Druck, den dieses Element auf unsere Partei ausübt, trotzkistische Tendenzen in unserer Partei gibt. Die Kader der Trotzkisten verhaften oder aus der Partei ausschließen - das ist eins. Mit der Ideologie des Trotzkismus Schluss machen - das ist etwas anderes. Das dürfte schwieriger sein. Und wir sagen: Wo es eine rechte Abweichung gibt, dort muss es auch eine „linke“ Abweichung geben. Die „linke“ Abweichung ist der Schatten der rechten Abweichung. Lenin sagte im Hinblick auf die Otsowisten, dass die „Linken“ ebenfalls Menschewiki sind, nur umgestülpte. Das ist völlig richtig. Das gleiche gilt auch für die heutigen „Linken“. Leute mit einer Abweichung zum Trotzkismus sind im Grunde genommen ebenfalls Rechte, nur umgestülpte, Rechte, die sich hinter „linken“ Phrasen verbergen.

Daher der Kampf an zwei Fronten, sowohl gegen die rechte Abweichung als auch gegen die „linke“ Abweichung.

Man kann sagen: Wenn die „linke“ Abweichung im Grunde genommen dasselbe ist wie die opportunistische rechte Abweichung, wo ist denn dann der Unterschied zwischen ihnen und wo sind hier eigentlich zwei Fronten? In der Tat, wenn ein Sieg der Rechten die Erhöhung der Chancen für eine Restauration des Kapitalismus bedeutet, ein Sieg der „Linken“ aber zu den gleichen Resultaten führt, welchen Unterschied gibt es dann zwischen ihnen, und warum nennt man die einen Rechte, die anderen „Linke“? Und wenn es einen Unterschied zwischen ihnen gibt, worin besteht er dann? Stimmt es etwa nicht, dass beide Abweichungen die gleiche soziale Wurzel haben, dass sie beide kleinbürgerliche Abweichungen sind? Stimmt es etwa nicht, dass beide Abweichungen im Falle ihres Sieges zu ein und denselben Resultaten führen? Worin besteht denn dann der Unterschied zwischen ihnen?

Der Unterschied besteht darin, dass ihre Plattformen verschieden, ihre Forderungen verschieden, ihre Wege und Methoden verschieden sind.

Wenn die Rechten zum Beispiel sagen: „Man hätte das Dnjepr-Kraftwerk nicht bauen sollen“, die „Linken“ aber im Gegenteil einwenden: „Was nützt uns ein Dnjepr-Kraftwerk? Gebt uns jedes Jahr ein neues Dnjepr-Kraftwerk“ (Heiterkeit) - dann muss man zugeben, dass es offen-sichtlich einen Unterschied gibt.

Wenn die Rechten sagen: „Tastet den Kulaken nicht an, lasst ihn sich frei entwickeln“, die „Linken“ aber im Gegenteil einwenden: „Schlagt nicht nur den Kulaken, sondern auch den Mittelbauern, denn er ist ebenso ein Privateigentümer wie der Kulak“ - dann muss man zugeben, dass es offensichtlich einen Unterschied gibt.

Wenn die Rechten sagen: „Es sind Schwierigkeiten aufgetreten, ist es nicht an der Zeit, die Segel zu streichen“, die „Linken“ aber im Gegenteil einwenden: „Was kümmern uns die Schwierigkeiten, wir pfeifen auf eure Schwierigkeiten, wir fahren mit Volldampf voraus“ (Heiterkeit) - dann muss man zugeben, dass es offensichtlich einen Unterschied gibt.

Da haben Sie ein Bild von der spezifischen Plattform und den spezifischen Methoden der „Linken“. Daraus erklärt sich denn auch, dass es den „Linken“ zuweilen gelingt, einen Teil der Arbeiter mit Hilfe tönender „linker“ Phrasen auf ihre Seite zu locken und sich als die entschiedensten Gegner der Rechten aufzuspielen, obwohl alle Welt weiß, dass sie, die „Linken“, die gleichen sozialen Wurzeln haben wie die Rechten und dass sie nicht selten mit den Rechten ein Abkommen, einen Block schließen zum Kampf gegen die Lenin istische Linie.

Das ist der Grund, weshalb wir Lenin isten den Kampf an zwei Fronten führen müssen - sowohl gegen die rechte Abweichung als auch gegen die „linke“ Abweichung.

Wenn aber die trotzkistische Tendenz eine „linke“ Abweichung darstellt, heißt das nicht, dass die „Linken“ weiter links stehen als der Lenin ismus? Nein, das heißt` es nicht. Der Lenin ismus ist die äußerste linke (ohne Anführungszeichen) Strömung in der internationalen Arbeiterbewegung. Wir Lenin isten gehörten der II. Internationale bis zum Beginn des imperialistischen Krieges als äußerste linke Fraktion der Sozialdemokraten an. Wir blieben nicht in der II. Internationale, und wir propagierten die Spaltung in der 11. Internationale, weil wir eben als äußerste linke Fraktion nicht mit kleinbürgerlichen Verrätern des Marxismus, mit Sozialpazifisten und Sozialchauvinisten in einer Partei sein wollten.

Diese Taktik und diese Ideologie wurden später zur Grundlage der bolschewistischen Parteien der ganzen Welt. In unserer Partei sind wir Lenin isten die einzigen Linken ohne Anführungszeichen. Daher sind wir Lenin isten keine „Linken“ und keine Rechten in unserer eigenen Partei. Wir sind die Partei der Marxisten- Lenin isten. Und wir kämpfen in unserer Partei nicht nur gegen diejenigen, die wir als offen opportunistische Abweichler bezeichnen, sondern auch gegen diejenigen, die „linker“ sein wollen als der Marxismus, „linker“ als der Lenin ismus und ihre rechte, opportunistische Natur hinter tönenden „linken“ Phrasen verbergen.

Ein jeder wird begreifen, dass es ironisch gemeint ist, wenn man Leute, die sich noch nicht von trotzkistischen Tendenzen befreit haben, als „Linke“ bezeichnet. Lenin nannte die „linken Kommunisten“ Linke, und zwar manchmal mit und manchmal ohne Anführungszeichen. Ein jeder wird aber begreifen, dass Lenin sie nur ironisch Linke nannte und damit unterstrich, dass sie nur in Worten, nur scheinbar Linke sind, in Wirklichkeit aber kleinbürgerliche rechte Tendenzen vertreten.

Wie kann von einer linken (ohne Anführungszeichen) Einstellung der trotzkistischen Elemente die Rede sein, wenn sie sich gestern noch mit offen opportunistischen Elementen in einem anti Lenin istischen Block vereinigten und sich direkt und unmittelbar mit den antisowjetischen Schichten des Landes zusammenschlossen? Ist es denn nicht Tatsache, dass wir gestern noch einen offenen Block der „Linken“ und der Rechten gegen die Lenin istische Partei hatten und dass dieser Block ohne Zweifel von den bürgerlichen Elementen unterstützt wurde? Und ist das nicht ein Beweis dafür, dass sie, die „Linken“ und die Rechten, sich nicht in einem Block hätten vereinigen können, wenn sie nicht gemeinsame soziale Wurzeln hätten, wenn sie nicht von der gleichen opportunistischen Natur wären? Der Block der Trotzkisten ist vor einem Jahr zerfallen. Ein Teil der Rechten, wie Schatunowski, hat sich von dem Block abgekehrt. Die rechten Blockleute werden also von nun an eben als Rechte auftreten, und die „linken“ werden ihre rechte Einstellung hinter „linken“ Phrasen verbergen. Welche Garantie gibt es aber, dass die „Linken“ und die Rechten nicht wiederum zueinander finden? (Heiterkeit.) Es ist klar, dass es hier keine Garantie gibt noch geben kann.

Wenn wir aber für die Losung des Kampfes an zwei Fronten sind, heißt das nicht, dass wir damit die Notwendigkeit des Zentrismus in unserer Partei verkünden? Was heißt Kampf an zwei Fronten? Ist das nicht Zentrismus? Sie wissen, dass die Trotzkisten die Sache gerade so hinstellen: Es gibt, so meinen sie, „Linke“, das sind „wir“, die Trotzkisten, die „wahren Lenin isten“; es gibt „Rechte“, das sind alle übrigen; schließlich gibt es „Zentristen“, die zwischen den „Linken“ und den Rechten hin und her schwanken. Kann man eine solche Auffassung von unserer Partei für richtig halten? Es ist klar, dass man das nicht kann. So können nur Leute reden, bei denen sich alle Begriffe verwirrt haben und die schon längst mit dem Marxismus gebrochen haben. So können nur Leute reden, die den prinzipiellen Unterschied zwischen der sozialdemokratischen Partei der Vorkriegsperiode, die eine Partei des Blocks proletarischer und kleinbürgerlicher Interessen war, und der Kommunistischen Partei, die eine aus einem Guss geformte Partei des revolutionären Proletariats ist, nicht sehen und nicht verstehen.

Der Zentrismus darf nicht als räumlicher Begriff betrachtet werden: An einer Stelle sitzen, sagen wir, die Rechten, an einer anderen die „Linken“ und in der Mitte die Zentristen. Zentrismus ist ein politischer Begriff. Seine Ideologie ist die Ideologie der Anpassung, die Ideologie der Unterordnung der proletarischen Interessen unter die Interessen der Kleinbourgeoisie innerhalb einer gemeinsamen Partei. Diese Ideologie ist dem Lenin ismus fremd und widerwärtig.

Der Zentrismus ist eine für die II. Internationale der Vorkriegszeit natürliche Erscheinung. Da gab es Rechte (die Mehrheit), da gab es Linke (ohne Anführungszeichen), und da gab es Zentristen, deren ganze Politik darin bestand, den Opportunismus der Rechten mit linken Phrasen zu verbrämen und die Linken den Rechten unterzuordnen.

Worin bestand damals die Politik der Linken, deren Kern die Bolschewiki bildeten? Im entschiedenen Kampf gegen die Zentristen, im Kampf für den Bruch mit den Rechten (besonders nach Beginn des imperialistischen Krieges) und in der Organisierung einer neuen, revolutionären Internationale aus wirklich linken, wirklich proletarischen Elementen.

Warum konnte damals eine solche Kräftegruppierung innerhalb der II. Internationale entstehen, und warum wurde eine solche Politik von den Bolschewiki in der II. Internationale verfolgt? Weil die II. Internationale damals eine Partei des Blocks proletarischer und kleinbürgerlicher Interessen zu Nutz und Frommen der kleinbürgerlichen Sozialpazifisten, Sozialchauvinisten war. Weil die Bolschewiki damals das Feuer auf die Zentristen konzentrieren mussten, die die proletarischen Elemente den Interessen der Kleinbourgeoisie unterzuordnen versuchten. Weil die Bolschewiki damals verpflichtet waren, die Idee der Spaltung zu propagieren, denn ohne dies hätten die Proletarier nicht ihre eigene, aus einem Guss geformte revolutionäre marxistische Partei zu organisieren vermocht.

Kann man behaupten, dass es in unserer Kommunistischen Partei die gleiche Kräftegruppierung gibt und dass in ihr die gleiche Politik betrieben werden muss, die die Bolschewiki in den Parteien der II. Internationale während der Vorkriegszeit betrieben haben? Es ist klar, dass man das nicht kann. Das kann man nicht, denn das hieße den prinzipiellen Unterschied nicht verstehen zwischen der Sozialdemokratie als einer Partei des Blocks proletarischer und kleinbürgerlicher Elemente und der aus einem Guss geformten Kommunistischen Partei des revolutionären Proletariats. Dort (bei der Sozialdemokratie) hatte die Partei eine bestimmte Klassengrundlage. Hier (bei den Kommunisten) hat die Partei eine völlig andere Grundlage. Dort (bei der Sozialdemokratie) war der Zentrismus eine natürliche Erscheinung, da eine Partei des Blocks verschiedenartiger Interessen nicht ohne Zentristen auskommen kann, und die Bolschewiki waren verpflichtet, auf die Spaltung hinzuarbeiten. Hier (bei den Kommunisten) ist der Zentrismus gegenstandslos und unvereinbar mit dem Lenin schen Parteiprinzip, da die Kommunistische Partei eine aus einem Guss geformte Partei des Proletariats ist und nicht eine Partei des Blocks verschiedenartiger Klassenelemente.

Und da die herrschende Kraft in unserer Partei die äußerste linke Strömung der internationalen Arbeiterbewegung ist ( Lenin isten), hat eine Politik der Spaltung in unserer Partei vom Standpunkt des Lenin ismus keinerlei Berechtigung und kann sie nicht haben. (Zwischenruf: „Ist eine Spaltung in der Partei bei uns möglich oder nicht?“) Es geht nicht um die Möglichkeit einer Spaltung, sondern darum, dass eine Politik der Spaltung in unserer aus einem Guss geformten Lenin istischen Partei vom Standpunkt des Lenin ismus nicht zu rechtfertigen ist.

Wer diesen prinzipiellen Unterschied nicht begreift, der handelt dem Lenin ismus zuwider, der bricht mit dem Lenin ismus.

Deshalb glaube ich, dass nur Leute, die den Verstand verloren und die letzten Reste des Marxismus über Bord geworfen haben, ernsthaft behaupten können, dass die Poetik unserer Partei, die Politik des Kampfes an zwei Fronten, eine Politik des Zentrismus sei.

Lenin hat in unserer Partei den Kampf stets an zwei Fronten geführt, sowohl gegen die „linken“ als auch gegen die offen menschewistischen Abweichungen. Sehen Sie sich Lenin s Schrift „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ an, betrachten Sie die Geschichte unserer Partei, und Sie werden begreifen, dass unsere Partei wuchs und erstarkte im Kampf gegen beide Abweichungen, sowohl gegen die rechte als auch gegen die „linke“. Kampf gegen die Otsowisten und die „linken“ Kommunisten einerseits, Kampf gegen die offen opportunistische Abweichung vor der Oktoberrevolution, während der Oktoberrevolution und danach anderseits - das sind die Phasen, die unsere Partei in ihrer Entwicklung durchlief. Allen bekannt sind Lenin s Worte, dass wir den Kampf führen müssen sowohl gegen den offenen Opportunismus als auch gegen die „linken“ Doktrinäre.

Heißt das etwa, das Lenin ein Zentrist war, dass er eine Politik des Zentrismus betrieb? Es ist klar, dass es das nicht heißt.

Was stellen nun unsere rechten und „linken“ Abweichler dar?

Was die rechte Abweichung betrifft, so ist sie natürlich nicht das gleiche wie der Opportunismus der Sozialdemokraten in der Vorkriegszeit. Eine Abweichung zum Opportunismus ist noch nicht Opportunismus. Wir wissen, wie Lenin seinerzeit den Begriff Abweichung erklärte. Eine Abweichung nach rechts - das ist etwas, was noch nicht die Form des Opportunismus angenommen hat und was noch korrigiert werden kann. Deshalb darf man eine Abweichung nach rechts nicht mit vollendetem Opportunismus identifizieren.

Was die „linke“ Abweichung anbelangt, so ist sie gerade das Gegenteil von dem, was die äußersten Linken in der II. Internationale der Vorkriegszeit, das heißt die Bolschewiki, darstellten. Die „linken“ Abweichler sind nicht nur keine Linken ohne Anführungszeichen, sie sind im Grunde genommen ebenfalls Vertreter der rechten Abweichung, nur mit dem Unterschied, dass sie ihre wirkliche Natur unbewusst hinter „linken“ Phrasen verbergen. Es wäre ein Verbrechen an der Partei, nicht zu sehen, wie gewaltig der Unterschied zwischen den „linken“ Abweichlern und den wahren Lenin isten, den einzigen Linken (ohne Anführungszeichen) in unserer Partei ist. (Zwischenruf: „Und die Legalisierung der Abweichungen?“) Wenn der offene Kampf gegen die Abweichungen ihre Legalisierung ist, dann muss man zugeben, dass Lenin sie längst „legalisiert“ hat.

Sie, diese Abweichler, sowohl die rechten als auch die „linken“, rekrutieren sich aus den verschiedenartigsten Elementen der nichtproletarischen Schichten, aus Elementen, die den Druck der kleinbürgerlichen Anarchie auf die Partei und die Zersetzung einzelner Glieder der Partei widerspiegeln. Ein Teil von Leuten, die aus anderen Parteien kommen; Leute mit trotzkistischen Tendenzen in der Partei; Splitter früherer Fraktionen in der Partei; verbürokratisierende (und schon verbürokratisierte) Parteimitglieder im Staats-, Wirtschafts-, Genossenschafts- und Gewerkschaftsapparat, die sich mit den ausgesprochen bürgerlichen Elementen dieser Apparate zusammenschließen; wohlhabende Parteimitglieder in unseren Dorforganisationen, die mit dein Kulakentum verwachsen usw. usf. - das ist der Nährboden für die Abweichungen von der Lenin istischen Linie. Es ist klar, dass diese Elemente nichts wirklich Linkes und Lenin istisches aufnehmen können. Sie können nur eine offen opportunistische Abweichung nähren oder die so genannte „linke“ Abweichung, die ihren Opportunismus mit linken Phrasen maskiert.

Deshalb ist der Kampf an zwei Fronten die einzig richtige Politik der Partei.

Weiter. Ist es richtig, wenn in den Thesen gesagt wird, dass die Hauptmethode unseres Kampfes gegen die rechte Abweichung die Methode des voll entfalteten ideologischen Kampfes sein muss? Ich glaube, das ist richtig. Es wäre gut, sich hier der Erfahrungen des Kampfes gegen den Trotzkismus zu erinnern. Womit begannen wir den Kampf gegen ihn? Vielleicht mit organisatorischen Maßnahmen? Natürlich nicht! Wir begannen mit dem ideologischen Kampf. Dieser wurde bei uns von 1918 bis 1925 geführt. Bereits im Jahre 1924 nahmen unsere Partei und der V. Kongress der Komintern eine Resolution an über den Trotzkismus als kleinbürgerliche Abweichung. Dennoch saß Trotzki bei uns sowohl im ZK als auch im Politbüro. Ist das eine Tatsache oder nicht? Es ist eine Tatsache. Wir „duldeten“ also Trotzki und die Trotzkisten im ZK. Warum ließen wir ihr Verbleiben in den führenden Organen der Partei zu? Weil die Trotzkisten sich damals ungeachtet der Meinungsverschiedenheiten mit der Partei den Beschlüssen des ZK unterordneten und sich loyal verhielten. Wann begannen wir, in nennenswertem Maße organisatorische Maßnahmen anzuwenden? Erst nachdem die Trotzkisten sich zu einer Fraktion organisiert, ein eigenes fraktionelles Zentrum geschaffen, ihre Fraktion zu einer neuen Partei gemacht hatten und anfingen, zu antisowjetischen Demonstrationen aufzurufen.

Ich glaube, dass wir den gleichen Weg auch im Kampf gegen die rechte Abweichung gehen müssen. Die rechte Abweichung darf vorerst noch nicht als etwas betrachtet werden, was schon feste Form angenommen und sich herauskristallisiert hat, wenn sie sich auch in der Partei verstärkt. Sie nimmt erst feste Form an und kristallisiert sich erst heraus. Gibt es bei den rechten Abweichlern eine Fraktion? Ich glaube nicht. Kann man sagen, dass sie sich den Beschlüssen unserer Partei nicht unterordnen? Ich glaube, dass wir noch keinen Grund haben, sie dessen zu beschuldigen. Kann man behaupten, dass die rechten Abweichler sich unbedingt zu einer eigenen Fraktion organisieren werden? Ich zweifle daran. Daher die Schlussfolgerung: Die Hauptmethode unseres Kampfes gegen die rechte Abweichung muss im gegenwärtigen Stadium die Methode des voll entfalteten ideologischen Kampfes sein. Dies ist umso richtiger, als bei manchen Mitgliedern unserer Partei die entgegengesetzte Tendenz besteht - den Kampf gegen die rechte Abweichung nicht mit dem ideologischen Kampf, sondern mit organisatorischen Maßnahmen zu beginnen. Sie sagen direkt: Überlasst uns so 10 oder 20 Mann von diesen Rechten, wir zerfetzen sie im Nu und machen so Schluss mit der rechten Abweichung. Ich bin der Meinung, Genossen, dass solche Stimmungen falsch und gefährlich sind. Gerade um uns nicht von solchen Stimmungen treiben zu lassen, sondern den Kampf gegen die rechte Abweichung ins richtige Geleise zubringen, gerade darum müssen wir klar und entschieden sagen, dass die Hauptmethode unseres Kampfes gegen die rechte Abweichung im gegenwärtigen Stadium der ideologische Kampf ist.

Heißt das nun, dass wir organisatorische Maßnahmen überhaupt ablehnen? Nein, das heißt es nicht. Aber das heißt zweifellos, dass organisatorische Maßnahmen hier eine untergeordnete Rolle spielen müssen und dass wir die rechten Abweichler, wenn sie die Parteibeschlüsse nicht verletzen, nicht aus diesen oder jenen leitenden Organisationen und Institutionen hinauswerfen sollen. (Zwischenruf: „Und die Moskauer Praxis?“)

Ich glaube, dass wir unter den führenden Moskauer Genossen keine Rechten hatten. Was dort vorlag, war ein falsches Verhalten zu den rechten Stimmungen. Am ehesten kann man sagen, dass es dort eine versöhnlerische Tendenz gab. Ich kann aber nicht sagen, dass im Moskauer Komitee eine rechte Abweichung bestand. (Zwischenruf: „Aber einen organisatorischen Kampf gab es?“)

Einen organisatorischen Kampf gab es, wenn er auch einen untergeordneten Platz einnahm. Es gab ihn, weil in Moskau auf der Grundlage der Selbstkritik Neuwahlen stattfinden und die Bezirksaktivs das Recht haben, ihre Sekretäre abzusetzen. (Heiterkeit.) (Zwischenruf: „Waren denn Neuwahlen der Sekretäre bei uns angesetzt?“) Niemand hat die Neuwahl der Sekretäre verboten. Wir haben den Juni-Aufruf des ZK, in dem es ausdrücklich heißt, dass die Entfaltung der Selbstkritik zu einer leeren Phrase werden kann, wenn den unteren Organisationen nicht das Recht gewährleistet ist, jeden beliebigen Sekretär, jedes beliebige Parteikomitee abzusetzen. Was können Sie gegen einen solchen Aufruf einwenden? (Zwischenruf: „Vor der Parteikonferenz?“) Ja, auch vor der Parteikonferenz.

Ich sehe ein Augurenlächeln auf den Gesichtern mancher Genossen. Das ist schlecht, Genossen. Ich sehe, dass manche von Ihnen den sehnlichen Wunsch haben, diese oder jene Vertreter der rechten Abweichung so rasch wie möglich ihrer Posten zu entheben. Aber das ist keine Lösung der Frage, liebe Genossen. Natürlich ist es leichter, Postenenthebungen vorzunehmen, als eine breit angelegte und wohldurchdachte Aufklärungskampagne über die rechte Abweichung, über die rechte Gefahr und über den Kampf gegen sie durchzuführen. Das Leichteste ist aber nicht das Beste. Bemühen Sie sich einmal, eine breit angelegte Aufklärungskampagne gegen die rechte Gefahr zu organisieren, bemühen Sie sich, dafür keine Zeit zu sparen, und dann werden Sie sehen, je breiter und tiefer diese Kampagne ist, um so schlimmer wird es für die rechte Abweichung sein. Deshalb glaube ich, dass im Mittelpunkt unseres Kampfes gegen die rechte Abweichung der ideologische Kampf stehen muss.

Was das Moskauer Komitee betrifft, so weiß ich nicht, was man dem noch hinzufügen soll, was Uglanow in seinem Schlusswort auf dem Plenum des Moskauer Komitees und der Moskauer Kontrollkommission der KPdSU(B) gesagt hat. Er erklärte unumwunden:

„Wenn ich ein wenig an die Geschichte zurückdenke, daran zurückdenke, wie ich mich 1921 in Lenin grad mit Sinowjew herumschlug, so gab es damals eine etwas heftigere ‚Keilerei’. Damals gingen wir als Sieger hervor, weil wir im Recht waren. Jetzt wurden wir geschlagen, weil wir uns geirrt haben. Das wird uns eine Lehre sein.“

Daraus geht hervor, dass Uglanow den Kampf jetzt ebenso führte, wie er ihn seinerzeit gegen Sinowjew geführt hat. Gegen wen führte er denn eigentlich in der letzten Zeit den Kampf? Offenbar gegen die Politik des ZK. Gegen wen denn sonst? Auf welcher Basis konnte dieser Kampf geführt werden? Offenbar auf der Basis des Versöhnlertums gegenüber der rechten Abweichung.

Deshalb heben die Thesen ganz richtig die Notwendigkeit des Kampfes gegen das Versöhnlertum gegenüber den Abweichungen von der Lenin istischen Linie, besonders aber gegen das Versöhnlertum gegenüber der rechten Abweichung, als eine der aktuellen Aufgaben unserer Partei hervor.

Schließlich die letzte Frage. In den Thesen heißt es, dass wir gegenwärtig die Notwendigkeit des Kampfes gegen die rechte Abweichung besonders hervorheben müssen. Was heißt das? Das heißt, dass die rechte Gefahr gegenwärtig die Hauptgefahr in unserer Partei ist. Den Kampf gegen die trotzkistischen Tendenzen, und zwar einen konzentrierten Kampf, führen wir nunmehr schon ein Jahrzehnt lang. Das Ergebnis dieses Kampfes ist die Zerschlagung der Hauptkader des Trotzkismus. Man kann nicht sagen, dass der Kampf gegen die offen opportunistische Abweichung in der letzten Zeit ebenso intensiv geführt worden wäre. Und er wurde deshalb nicht besonders intensiv geführt, weil sich die rechte Abweichung bei uns noch im Zustand der Herausbildung und Kristallisierung befindet, wobei sie erstarkt und anwächst angesichts des Erstarkens der kleinbürgerlichen Anarchie, die im Zusammenhang mit unseren Schwierigkeiten bei der Getreidebeschaffung größer geworden ist. Deshalb muss der Hauptschlag gegen die rechte Abweichung gerichtet werden.

Zum Schluss, Genossen, möchte ich noch eine Tatsache hervorheben, von der hier nicht gesprochen wurde und die meines Erachtens von nicht geringer Bedeutung ist. Wir, die Mitglieder des Politbüros, haben Ihnen unsere Thesen über die Kontrollzahlen vorgelegt. Ich habe diese Thesen in meiner Rede als unbedingt richtig verteidigt. Ich spreche nicht von einzelnen Verbesserungen, die an diesen Thesen vorgenommen werden können. Dass sie aber im Wesentlichen richtig sind und uns eine richtige Durchführung der Lenin istischen Linie gewährleisten - darüber kann es keinen Zweifel geben. Und ich muss Ihnen erklären, dass wir diese Thesen im Politbüro einstimmig angenommen haben. Ich glaube, dass diese Tatsache von einiger Bedeutung ist in Anbetracht der Gerüchte, die immer wieder von verschiedenen übel wollenden Elementen, Gegnern und Feinden unserer Partei in unseren Reihen verbreitet werden. Ich denke da an die Gerüchte, wonach es bei uns, im Politbüro, eine rechte Abweichung, eine „linke“ Abweichung, Versöhnlertum und, der Teufel weiß, was noch alles geben soll. Mögen diese Thesen ein weiterer, hundertster oder hundertunderster Beweis dafür sein, dass wir uns im Politbüro alle einig sind.

Ich wünsche nur, dass das Plenum diese Thesen ebenso einstimmig als Grundlage annimmt. (Beifall.)

"Prawda“ Nr. 273,
24.November 1928.

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