"Stalin"

Werke

Band 11

ÜBER DIE RECHTE GEFAHR
IN DER DEUTSCHEN KOMMUNISTISCHEN PARTEI

Rede in der Sitzung des Präsidiums des EKKI
19. Dezember 1928

Genossen! Da Genosse Molotow hier den Standpunkt der Delegation der KPdSU(B) bereits dargelegt hat, brauche ich nur noch einige Worte hinzuzufügen. Ich gedenke, drei im Verlauf der Diskussion aufgetretene Fragen zu berühren, und auch das nur flüchtig.

Diese Fragen sind: das Problem der kapitalistischen Stabilisierung, das Problem der Klassenkämpfe des Proletariats im Zusammenhang mit der wankenden Stabilisierung und das Problem der deutschen Kommunistischen Partei.

Ich muss mit Bedauern feststellen, dass Humbert-Droz und Serra in allen diesen drei Fragen in den Sumpf des feigen Opportunismus geraten sind. Humbert-Droz hat zwar vorerst nur zu formalen Fragen Stellung genommen. Ich denke jedoch an seine grundsätzliche Rede in der Sitzung des Politsekretariats des EKKI, in der die Frage der Rechten und der Versöhnler in der deutschen Kommunistischen Partei erörtert wurde. Ich denke, dass gerade diese Rede die ideologische Grundlage für jene Stellung bildet, die die Minderheit des EKKI-Präsidiums in dieser Sitzung bezog. Daher darf über die grundsätzliche Rede, die Humbert-Droz in der Sitzung des Politsekretariats des EKKI hielt, nicht mit Stillschweigen hinweggegangen werden.

Ich sagte, dass Humbert-Droz und Serra in den Sumpf des feigen Opportunismus geraten sind. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass es außer dem offenen Opportunismus noch einen verhüllten Opportunismus gibt, der sich scheut, sein wahres Gesicht zu zeigen. Das ist eben der Opportunismus, der im Versöhnlertum gegenüber der rechten Abweichung besteht. Versöhnlertum ist feiger Opportunismus. Ich muss, wie gesagt, mit Bedauern feststellen, dass unsere beiden Genossen in den Sumpf des feigen Opportunismus geraten sind.

Gestatten Sie, Ihnen das an Hand einiger Tatsachen vor Augen zu führen.

I
DAS PROBLEM
DER KAPITALISTISCHEN STABILISIERUNG

Die Komintern geht davon aus, dass die gegenwärtige kapitalistische Stabilisierung eine zeitweilige, unbeständige, labile, morsche Stabilisierung ist, die im Laufe der weiteren Entwicklung der kapitalistischen Krise immer stärker erschüttert werden wird.

Das widerspricht nicht im Geringsten jener allgemein bekannten Tatsache, dass die kapitalistische Technik und Rationalisierung im Wachsen begriffen sind. Mehr noch, dieses Wachstum bildet gerade die Grundlage für die zunehmende innere Fäulnis und Hinfälligkeit der Stabilisierung.

Was sagte aber Humbert-Droz in seiner Rede im Politsekretariat des EKKI? Er stellt dort die Labilität und Unbeständigkeit der Stabilisierung glattweg in Abrede. Er behauptet in seiner Rede ganz einfach, dass „der VI. Weltkongress die allgemeine verschwommene Formulierung von der Fäulnis, Labilität usw. der Stabilisierung faktisch verworfen hat“. Er behauptet ganz einfach, die bekannte These des VI. Kongresses über die dritte Periode enthalte kein Wort über die Labilität der Stabilisierung. Kann man diese von Humbert-Droz aufgestellte Behauptung als richtig gelten lassen? Nein, das kann man nicht. Man kann das nicht, da der VI. Kongress der Komintern genau das Gegenteil von dem feststellt, was Humbert-Droz in seiner Rede behauptet. Der VI. Kongress der Komintern stellt in dem Absatz über die dritte Periode eindeutig fest:

„Diese Periode“ (d. h. die dritte Periode. J. St.) „führt unvermeidlich über eine weitere Entwicklung der Widersprüche der kapitalistischen Stabilisierung zur weiteren Erschütterung der kapitalistischen Stabilisierung und zu einer heftigen Verschärfung der allgemeinen Krise des Kapitalismus.“[60]

Beachten Sie - „weitere Erschütterung der Stabilisierung“... Was heißt das? Das heißt, dass die Stabilisierung schon jetzt erschüttert, labil ist, dass sie unter den in der dritten Periode obwaltenden Verhältnissen noch weiter erschüttert werden wird. Humbert-Droz aber hat die Stirn, all die zu verhöhnen, darunter auch die deutsche Kommunistische Partei, die erklären, dass die Stabilisierung labil und morsch ist, die erklären, dass der gegenwärtige Kampf der Arbeiterklasse die kapitalistische Stabilisierung untergräbt und zersetzt. Wen verhöhnt Humbert-Droz? Es ist klar: die Beschlüsse des VI. Kongresses.

Daraus ergibt sich, dass Humbert-Droz sich zwar den Anschein gibt, als verteidige er die Beschlüsse des VI. Kongresses der Komintern, in Wirklichkeit aber diese Beschlüsse revidiert und somit zu einer opportunistischen Auffassung von der Stabilisierung hinabgleitet.

So ist es um die formale Feite der Frage bestellt.

Gehen wir nun zur Analyse des Wesens der Frage über. Wenn man die gegenwärtige Stabilisierung weder als labil noch als morsch, noch als unbeständig bezeichnen kann, was ist sie denn dann eigentlich? Dann bleibt nur das eine übrig: anzuerkennen, dass die Stabilisierung dauerhaft ist, jedenfalls aber, dass sie sich festigt. Wenn wir es aber mit einer sich festigenden Stabilisierung des Kapitalismus zu tun haben, worin besteht dann die so genannte sich verschärfende und vertiefende Krise des Weltkapitalismus? Ist es nicht klar, dass von einer Vertiefung der kapitalistischen Krise dann keine Rede mehr sein kann? Ist es nicht klar, dass Humbert-Droz sich in seinen eigenen Widersprüchen verstrickt hat?

Weiter. Lenin sagte, dass die Entwicklung des Kapitalismus unter den Verhältnissen des Imperialismus einen zweiseitigen Prozess darstellt: einerseits Wachstum des Kapitalismus in einigen Ländern, anderseits Verwesung des Kapitalismus in anderen Ländern. Ist diese These Lenin s richtig? Und wenn sie richtig ist, ist es dann nicht klar, dass die kapitalistische Stabilisierung nur eine morsche Stabilisierung sein kann?

Schließlich ein paar Worte über eine Reihe allbekannter Tatsachen.

Wir haben solche Tatsachen zu verzeichnen wie die wütenden Kämpfe der imperialistischen Gruppen um Absatzmärkte für ihre Waren, um Märkte für die Kapitalausfuhr.

Wir haben solche Tatsachen zu verzeichnen wie die wahnwitzige Steigerung der Rüstungen in den kapitalistischen Ländern, die Entstehung neuer Kriegsbündnisse und die unverkennbare Vorbereitung zu neuen imperialistischen Kriegen.

Wir haben solche Tatsachen zu verzeichnen wie die Verschärfung der Gegensätze zwischen den beiden Giganten des Imperialismus, Amerika und England, die bestrebt sind, alle übrigen Staaten in ihren Bannkreis zu ziehen.

Wir haben schließlich solche Tatsachen zu verzeichnen wie das Bestehen der Sowjetunion, das Wachstum und Gedeihen der Sowjetunion auf allen Gebieten des Aufbaus, sowohl auf wirtschaftlichem als auch auf politisch-kulturellem Gebiet. Allein das Bestehen der Sowjetunion, schon gar nicht zu sprechen von ihrem Wachstum, erschüttert und untergräbt den Weltkapitalismus in seinen Grundfesten.

Wie können Marxisten, Lenin isten, Kommunisten nach alldem behaupten, die kapitalistische Stabilisierung sei nicht labil und morsch, sie werde nicht allein schon durch den Gang der Dinge mit jedem Jahr, mit jedem Tag mehr erschüttert?

Geht Humbert-Droz und auch Serra ein Licht auf, in welchen Sumpf sie geraten?

Mit diesem Fehler hängen die übrigen von Humbert-Droz und Serra begangenen Fehler zusammen.

II
DAS PROBLEM DER KLASSENKÄMPFE
DES PROLETARIATS

Ebenso fehlerhaft ist die Stellung, die Humbert-Droz zur Frage der Klassenkämpfe des Proletariats in den kapitalistischen Ländern, zur Frage ihres Charakters und ihrer Bedeutung einnimmt. Aus der von Humbert-Droz in der Sitzung des Politsekretariats gehaltenen Rede ergibt sich, dass der Kampf der Arbeiterklasse, ihre spontanen Zusammenstöße mit den Kapitalisten im wesentlichen nur defensiven Charakter trügen, dass die kommunistischen Parteien sich bei der Leitung dieses Kampfes lediglich auf den Rahmen der bestehenden reformistischen Gewerkschaften beschränken müssten.

Ist das richtig? Nein, das ist nicht richtig. Das behaupten heißt hinter den Ereignissen einher trotten. Humbert-Droz vergisst, dass der Kampf der Arbeiterklasse sich jetzt auf dem Boden der wankenden Stabilisierung abspielt, dass die Kämpfe der Arbeiterklasse nicht selten den Charakter eines Begegnungsgefechtes, eines Gegenangriffes, ja einer direkten Offensive gegen die Kapitalisten tragen. Humbert-Droz erblickt in den Kämpfen, die die Arbeiterklasse in der letzten Periode geführt hat, nichts Neues. Er übersieht solche Tatsachen wie den Lodzer Generalstreik, die wirtschaftlichen Streiks um Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Frankreich, in der Tschechoslowakei, in Deutschland, die gewaltige Mobilisierung der proletarischen Kräfte in Deutschland bei den Kämpfen gegen die Aussperrung der Metallarbeiter usw. usf.

Was besagen diese und ähnliche Tatsachen, was signalisieren sie? Sie besagen, dass im Schoße der kapitalistischen Länder die Voraussetzungen für einen neuen revolutionären Aufschwung der Arbeiterbewegung heranreifen. Das ist eben das Neue, was Humbert-Droz und Serra nicht sehen, nicht bemerken und was jene Genossen überhaupt niemals bemerken werden, die gewohnt sind, nicht vorwärts, sondern rückwärts zu schauen.

Was bedeutet aber, rückwärts und nicht vorwärts zu schauen? Das bedeutet, hinter den Ereignissen einher zu trotten, das Neue an den Ereignissen nicht zu sehen und sich von ihnen überrumpeln zu lassen. Das bedeutet, auf die führende Rolle der kommunistischen Parteien in der Arbeiterbewegung zu verzichten. Das war es ja gerade, weshalb die Führung der deutschen Kommunistischen Partei während der Revolution 1923 versagt hat. Wer daher die Fehler von 1923 nicht wiederholen will, der muss die Kommunisten zu bewusstem Denken erziehen und sie vorwärts führen, der muss die Massen auf die kommenden Kämpfe vorbereiten, muss alle Maßnahmen treffen, damit die kommunistischen Parteien nicht hinter den Ereignissen zurückbleiben und die Arbeiterklasse nicht überrumpelt wird.

Es ist höchst sonderbar, dass Humbert-Droz und Serra das vergessen.

Die deutschen Kommunisten stellten in der Periode der Ruhrkämpfe die bekannte Tatsache fest, dass unorganisierte Arbeiter sich als revolutionärer erwiesen als die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter. Humbert-Droz ist darüber aufgebracht und behauptet, dass das unmöglich der Fall sein konnte. Sonderbar! Warum sollte das nicht möglich sein? Im Ruhrgebiet gibt es etwa eine Million Arbeiter. Davon sind etwa 200000 gewerkschaftlich organisiert. Die Gewerkschaften werden von bürokratischen Reformisten geführt, die durch tausend Fäden an die Kapitalistenklasse gebunden sind. Was kann denn daran wundernehmen, dass unorganisierte Arbeiter sich als revolutionärer erwiesen haben als die organisierten? Konnte es denn überhaupt anders sein?

Ich könnte Ihnen Tatsachen aus der Geschichte der revolutionären Bewegung in Rußland anführen, die weit mehr „wundernehmen“ könnten. Es kam bei uns des Öfteren vor, dass die Massen sich als revolutionärer erwiesen als ihre (als manche) kommunistischen Führer. Das ist allen russischen Bolschewiki wohlbekannt. Gerade davon ging auch Lenin aus, als er sagte, dass man die Massen nicht nur lehren, sondern auch von den Massen lernen muss. Nicht über diese Tatsachen muss man sich wundern, sondern darüber, dass Humbert-Droz diese einfachen Dinge aus dem Gebiet der revolutionären Praxis nicht begreift.

Das gleiche ist auch von Serra zu sagen. Er billigt es nicht, dass die deutschen Kommunisten im Kampf um die Organisierung der ausgesperrten Metallarbeiter über den Rahmen der bestehenden Gewerkschaften hinausgegangen sind und diesen Rahmen gesprengt haben. Er erblickt darin eine Verletzung der Beschlüsse des IV. Kongresses der Roten Gewerkschaftsinternationale[61]. Er versichert, die Rote Gewerkschaftsinternationale habe die Kommunisten angewiesen, nur innerhalb der Gewerkschaftsverbände zu arbeiten. Das ist Unsinn, Genossen! Die Rote Gewerkschaftsinternationale hat keinerlei derartige Anweisungen gegeben. Dies zu sagen, bedeutet, die kommunistische Partei zur Rolle eines passiven Zuschauers bei den Klassenkämpfen des Proletariats zu verurteilen. Dies zu sagen, bedeutet, die Idee der führenden Rolle der kommunistischen Partei in der Arbeiterbewegung zu Grabe zu tragen.

Das Verdienst der deutschen Kommunisten besteht ja gerade darin, dass sie sich durch das Geschwätz vom „Gewerkschaftsrahmen“ nicht haben schrecken lassen und über diesen Rahmen hinausgegangen sind, indem sie entgegen dem Willen der Gewerkschaftsbürokraten den Kampf der unorganisierten Arbeiter organisiert haben. Das Verdienst der deutschen Kommunisten besteht ja gerade darin, dass sie neue Formen des Kampfes und der Organisation der unorganisierten Arbeiter gesucht und herausgefunden haben. Möglicherweise haben sie dabei eine Reihe unwesentlicher Fehler begangen. Aber eine neue Sache geht niemals ohne Fehler ab. Aus der Feststellung, dass wir in den reformistischen Gewerkschaften arbeiten müssen - vorausgesetzt, dass diese Gewerkschaften Massenorganisationen sind -, folgt jedoch keineswegs, dass wir unsere Massenarbeit auf die Tätigkeit in den reformistischen Gewerkschaften beschränken, dass wir zu Sklaven der Normen und Forderungen dieser Verbände werden sollen. Wenn die reformistische Führung mit dem Kapitalismus verwächst (siehe die Resolution des VI. Kongresses der Komintern und des IV. Kongresses der Roten Gewerkschaftsinternationale), die Arbeiter-klasse aber gegen den Kapitalismus kämpft, kann man da behaupten, die Arbeiterklasse, mit der kommunistischen Partei an der Spitze, könne den Kampf führen, ohne den bestehenden reformistischen Rahmen der Gewerkschaften bis zu einem gewissen Grade zu sprengen? Es ist klar, dass man das nicht behaupten kann, ohne in Opportunismus zu verfallen. Man könnte sich daher durchaus eine Situation vorstellen, die es erforderlich macht, entgegen dem Willen der Gewerkschaftsbonzen, die sich den Kapitalisten verkauft haben, parallele Massenvereinigungen der Arbeiterklasse zu schaffen. Eine solche Situation haben wir bereits in Amerika. Es ist durchaus möglich, dass auch in Deutschland die Entwicklung in dieser Richtung verlaufen wird.

III
DAS PROBLEM
DER DEUTSCHEN KOMMUNISTISCHEN PARTEI

Wird es eine organisierte und festgefügte deutsche Kommunistische Partei mit eiserner innerer Disziplin geben, oder wird es sie nicht geben - darum geht es, Genossen. Es geht nicht nur um Rechte oder Versöhnler, es geht um die Existenz der deutschen Kommunistischen Partei selbst. Die deutsche Kommunistische Partei existiert. Aber neben und innerhalb der deutschen Kommunistischen Partei gibt es zwei Kräfte, die die Partei von innen zersetzen und ihre Existenz bedrohen. Das ist erstens die Fraktion der Rechten, die innerhalb der Kommunistischen Partei eine neue, anti Lenin istische Partei mit einem eigenen Zentrum, mit eigenen Presseorganen organisiert und die Disziplin der Kommunistischen Partei tagaus, tagein durchbricht. Das ist zweitens die Gruppe der Versöhnler, die durch ihre Schwankungen die Fraktion der Rechten stärkt.

Ich werde hier nicht den Nachweis führen, dass die Fraktion der Rechten mit dem Marxismus- Lenin ismus bricht und einen wütenden Kampf gegen die Komintern führt. Das ist längst bewiesen. Ich werde hier auch nicht den Nachweis führen, dass die Gruppe der Versöhnler gegen den bekannten Beschluss des VI. Kongresses über den systematischen Kampf gegen die Rechten verstößt. Auch das ist längst bewiesen. Es handelt sich jetzt darum, dass eine derartige Lage in der deutschen Kommunistischen Partei nicht länger geduldet werden kann. Eine derartige „Ordnung“, dass die Rechten mit ihrem sozialdemokratischen Ideengerümpel die Atmosphäre vergiften und gegen die elementaren Grundlagen der Parteidisziplin systematisch verstoßen, während die Versöhnler Wasser auf die Mühle der Rechten leiten - eine derartige „Ordnung“ länger dulden, hieße, sich gegen die Komintern zu stellen und gegen die elementaren Forderungen des Marxismus- Lenin ismus zu verstoßen; darum handelt es sich.

Es ist die gleiche (wenn nicht eine noch schlimmere) Lage entstanden, wie sie in der KPdSU(B) in der letzten Phase des Kampfes gegen den Trotzkismus bestand, als die Partei und die Komintern sich gezwungen sahen, die Trotzkisten aus ihren Reihen zu verjagen. Das sehen jetzt alle. Nur Humbert-Droz und Serra sehen das nicht oder geben sich den Anschein, als sähen sie es nicht. Das bedeutet, dass sie gewillt sind, sowohl die Rechten als auch die Versöhnler zu unterstützen, sei es auch um den Preis völliger Zersetzung der deutschen Kommunistischen Partei.

Bei ihrer Stellungnahme gegen den Ausschluss der Rechten berufen sich Humbert-Droz und Serra auf den bekannten Beschluss des VI. Kongresses, der besagt, dass die rechten Abweichungen auf dem Wege des ideologischen Kampfes zu überwinden sind. Das ist vollkommen richtig. Diese Genossen vergessen aber, dass die Beschlüsse des VI. Kongresses den Kampf der kommunistischen Parteien gegen die rechte Gefahr keineswegs auf Maßnahmen ideologischer Art beschränken. Bei der Erörterung der Maßnahmen des ideologischen Kampfes gegen die Abweichungen von der Lenin istischen Linie erklärt der VI. Kongress der Komintern in seiner Resolution zum Referat Bucharins zugleich:

„Das schließt keineswegs aus, sondern setzt im Gegenteil voraus die maximale Festigung der eisernen innerparteilichen Disziplin, die unbedingte Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit, die unbedingte Unterordnung der unteren Organe sowie auch der anderen Parteiorganisationen (Parlamentsfraktionen, Gewerkschaftsfraktionen, Presse usw.) unter die führenden Parteizentren.“[62]

Es ist höchst sonderbar, dass Humbert-Droz und Serra diese These der Resolution des VI. Kominternkongresses vergessen. Es ist höchst sonderbar, dass alle Versöhnler, sowohl jene, die zugeben, Versöhnler zu sein, als auch jene, die sich gegen diese Bezeichnung verwahren, diese wichtige These der Kommunistischen Internationale systematisch vergessen, wenn sie sich auf die Resolution des VI. Kongresses berufen.

Wie nun aber, wenn wir an Stelle der maximalen Festigung der eisernen innerparteilichen Disziplin in der deutschen Kommunistischen Partei himmelschreiende Tatsachen der unverfrorensten Verletzung jeder Disziplin sowohl durch die Rechten als auch zum Teil durch einige Versöhnler zu verzeichnen haben? Kann ein derartiger Zustand länger geduldet werden?

Wie nun aber, wenn wir an Stelle der unbedingten Unterordnung der unteren Organe, der Gewerkschaftsfraktionen und einiger Organe der Parteipresse unter das führende Parteizentrum in der deutschen Kommunistischen Partei himmelschreiende Tatsachen gröbster Verletzung dieser Forderung des VI. Kominternkongresses durch die Rechten und zum Teil durch einige Versöhnler zu verzeichnen haben?

Kann eine derartige Lage länger geduldet werden?

Sie kennen die vom II. Kongress bestätigten Aufnahmebedingungen der Komintern[63]. Ich meine die 21 Bedingungen. Im ersten Punkt dieser Bedingungen heißt es: „die periodische und nichtperiodische Presse sowie alle Parteiverlage müssen völlig dem Zentralkomitee der Partei untergeordnet sein, unabhängig davon, ob die Partei in ihrer Gesamtheit in dem betreffenden Augenblick legal oder illegal ist“. Sie wissen, dass die rechte Fraktion über zwei Presseorgane verfügt. Sie wissen, dass diese Presseorgane von irgendeiner Unterordnung unter das Zentralkomitee der deutschen Kommunistischen Partei nichts hören wollen. Es fragt sich: Kann ein solch unerhörter Zustand länger geduldet werden?

Im Punkt 12 der 21 Bedingungen heißt es, dass die Partei „möglichst zentralistisch organisiert“ sein muss, dass in ihr eine „eiserne, an die militärische Disziplin grenzende Disziplin herrschen“ muss. Sie wissen, dass die Rechten in der deutschen Kommunistischen Partei weder eine eiserne noch irgendeine andere Disziplin, ihre eigene, ihre Fraktionsdisziplin ausgenommen, anerkennen wollen. Es fragt sich: Kann ein solch unerhörter Zustand länger geduldet werden?

Oder wollen Sie etwa sagen, dass die vom II. Kongress der Komintern bestätigten Bedingungen für die Rechten nicht bindend seien? Humbert-Droz und Serra zetern hier über Genossen, die angeblich gegen die Beschlüsse der Kommunistischen Internationale verstoßen. In Gestalt der Rechten haben wir es jetzt mit Leuten zu tun, die wirklich (und nicht angeblich) sogar gegen die Grundlagen der Kommunistischen Internationale verstoßen. Warum schweigen sie denn? Geschieht es nicht deshalb, weil sie durch ihre Reden den Anschein erwecken wollen, als ob sie die Beschlüsse der Komintern verteidigten, in Wirklichkeit aber die Rechten verteidigen und eine Revision dieser Beschlüsse durchsetzen wollen?

Besonders interessant ist die Erklärung Serras. Er schwört bei Gott und allen Heiligen, er sei gegen die Rechten, gegen die Versöhnler usw. Welche Folgerungen zieht er aber daraus? Meinen Sie etwa: Kampf gegen die Rechten und Versöhnler? Weit gefehlt! Er zieht daraus die äußerst sonderbare Schlussfolgerung, das bestehende Politbüro des ZK der deutschen Kommunistischen Partei müsse, seiner Meinung nach, reorganisiert werden.

Stellen Sie sich das vor: Das Politbüro des ZK der KPD führt einen entschiedenen Kampf gegen die rechte Gefahr und die Schwankungen der Versöhnler; Serra ist für den Kampf gegen die Rechten und die Versöhnler; deshalb schlägt Serra vor, die Rechten und die Versöhnler ungeschoren zu lassen, den Kampf gegen die Rechten und die Versöhnler abzuschwächen und die Zusammensetzung des Politbüros des ZK der KPD im Geiste des Versöhnlertums zu ändern. Das nenne ich eine „Schlussfolgerung“!

Serra muss schon entschuldigen, wenn ich hier geradeheraus sage, dass sein Standpunkt in dieser Frage mich an den Standpunkt der Winkeladvokaten erinnert, die bemüht sind, das Weiße schwarz und das Schwarze weiß erscheinen zu lassen. Das eben heißt bei uns, die opportunistischen Elemente nach Advokatenart zu verteidigen.

Serra kommt mit dem Vorschlag, das Politbüro des ZK der KPD zu reorganisieren, das heißt diesen oder jenen daraus zu entfernen und andere hinein zu nehmen, diesen und jenen durch andere zu ersetzen. Warum sagt Serra nicht offen und unverhohlen, durch wen er sie ersetzen will. (Serra: „Durch jene, die der VI. Kominternkongress haben wollte.“) Aber der VI. Kongress hat keineswegs eine Rehabilitierung der Versöhnler vorgeschlagen. Im Gegenteil, er verpflichtet uns zu einem systematischen Kampf gegen das Versöhnlertum. Und gerade deshalb, weil die Versöhnler diese Verpflichtung nicht erfüllt haben, gerade deshalb wurde nach dem VI. Kongress der bekannte Beschluss des Präsidiums des EKKI vom 6. Oktober 1928 über die Rechten und Versöhnler gefasst. Serra möchte die Rolle des alleinigen Interpreten der Beschlüsse des VI. Kongresses übernehmen. Diesen Anspruch Serras kann man keinesfalls als berechtigt gelten lassen. Die Interpretation der Beschlüsse des VI. Kongresses steht dein Exekutivkomitee der Komintern und seinem Präsidium zu. Ich sehe, dass Serra mit dem Beschluss des Präsidiums des EKKI vom 6. Oktober nicht einverstanden ist, obwohl er das nicht offen erklärt hat.

Und was folgt daraus? Nur das eine: Der von Humbert-Droz und Serra in der Frage der deutschen Kommunistischen Partei eingenommene Standpunkt ist der Standpunkt einer feigen, advokatenhaften Verteidigung der Rechtem gegen die KPD und die Komintern.

IV
DIE RECHTEN IN DER KPD
UND IN DER KPdSU(B)

Ich habe heute aus den Ausführungen einiger Redner erfahren, dass manche deutschen Versöhnler sich zu ihrer Rechtfertigung auf meine Rede berufen, die ich auf dem Novemberplenum des ZK der KPdSU(B) zur Frage der Methoden des Kampfes gegen die rechten Elemente gehalten habe. Bekanntlich habe ich in meiner Rede (sie ist veröffentlicht worden) behauptet, dass im gegenwärtigen Stadium der Entwicklung des Kampfes gegen die rechte Gefahr innerhalb der KPdSU(B) die Hauptmethode des Kampfes der ideologische Kampf ist, was nicht ausschließt, dass in einzelnen Fällen organisatorische Maßnahmen angewandt werden. Ich begründete diese These damit, dass die Rechten in der KPdSU(B) sich noch nicht herauskristallisiert haben, noch keine Gruppierung oder Fraktion bilden und es noch zu keinem einzigen Fall der Verletzung oder Nichtdurchführung der Beschlüsse des ZK der KPdSU(B) haben kommen lassen. Ich habe in meiner Rede betont, dass, wenn die Rechten zum Fraktionskampf übergehen und gegen die Beschlüsse des ZK der KPdSU(B) zu verstoßen beginnen, wir mit ihnen ebenso verfahren werden, wie wir im Jahre 1927 mit den Trotzkisten verfahren sind. Mir scheint, das ist klar. Ist es nach alledem nicht dumm, wenn man sich auf meine Rede als auf ein Argument zugunsten der Rechten in Deutschland beruft, wo die Rechten bereits zu fraktionellen Kampfmethoden übergegangen sind und systematisch gegen die Beschlüsse des ZK der KPD verstoßen, oder wenn man sich auf sie als auf ein Argument zugunsten der Versöhnler in Deutschland beruft, wo diese mit der Fraktion der Rechten noch nicht gebrochen haben und offenbar auch nicht brechen wollen? Ich glaube, dass man sich etwas Dümmeres als eine solche Berufung nicht denken kann. Nur Menschen, die mit der Logik gebrochen haben, können nicht begreifen, welch großer Unterschied zwischen der Stellung der Rechten in der KPdSU(B) und ihrer Stellung in der KPD besteht.

In der Tat. Die Rechten in der KPdSU(B) bilden noch keine Fraktion und führen die Beschlüsse des ZK der KPdSU(B) zweifellos loyal durch. Die Rechten in Deutschland dagegen haben bereits eine Fraktion, mit einem Fraktionszentrum an der Spitze, und treten die Beschlüsse des ZK der KPD systematisch mit Füßen. Ist es nicht klar, dass die Kampfmethoden gegen die Rechten in diesen beiden Parteien im gegebenen Augenblick nicht die gleichen sein können?

Weiter. Bei uns in der UdSSR gibt es keine Sozialdemokratie als organisierte und ernstlich in Betracht kommende Kraft, die die rechte Gefahr in der KPdSU(B) nähren und ihr Antrieb geben könnte. In Deutschland dagegen existiert neben der Kommunistischen Partei eine stärkere und recht gut organisierte Sozialdemokratische Partei, die die rechte Abweichung in der deutschen Kommunistischen Partei nährt und sie objektiv zu ihrer Agentur macht. Ist es nicht klar, dass nur ein Blinder nicht sehen kann, welch großer Unterschied zwischen der Situation in der UdSSR und der in Deutschland besteht?

Schließlich noch ein Umstand. Unsere Partei ist gewachsen und erstarkt in den härtesten Kämpfen gegen die Menschewiki, wobei diese Kämpfe mehrere Jahre lang die Form eines direkten Bürgerkriegs gegen sie annahmen. Vergessen Sie nicht, dass wir Bolschewiki im Oktober die Menschewiki und Sozialrevolutionäre als den linken Flügel der konterrevolutionären imperialistischen Bourgeoisie niedergeworfen haben. Daraus erklärt sich unter anderem auch die Tatsache, dass die Traditionen des Kampfes gegen den offenen Opportunismus nirgends, in keiner kommunistischen Partei der Welt derart stark sind wie in der KPdSU(B). Man braucht sich nur an die Moskauer Organisation, besonders an das Moskauer Komitee, zu erinnern, wo gewisse versöhnlerische Schwankungen auftraten, man braucht sich nur daran zu erinnern, wie die kommunistischen Arbeiter Moskaus die Linie des Moskauer Komitees mit einem Schlag, in knapp zwei Monaten korrigierten - man braucht sich nur an all das zu erinnern, um zu verstehen, wie stark in unserer Partei die Traditionen des Kampfes gegen den offenen Opportunismus sind.

Kann man von der deutschen Kommunistischen Partei das gleiche sagen? Sie werden mir sicherlich beipflichten, dass man das leider nicht sagen kann. Mehr noch, wir können nicht leugnen, dass die Kommunistische Partei in Deutschland sich von den sozialdemokratischen Traditionen, die die rechte Gefahr in der KPD nähren, noch lange nicht befreit hat.

Das sind also die Verhältnisse in Deutschland und die Verhältnisse in der UdSSR, die davon zeugen, dass die Verschiedenheit der Verhältnisse verschiedene Methoden des Kampfes gegen die rechte Gefahr in der KPdSU(B) und gegen die rechte Gefahr in der KPD erheischt.

Nur Menschen, denen das elementarste Empfinden eines Marxisten abgeht, können diese einfache Sache nicht begreifen.

In der Kommission des Novemberplenums des ZK der KPdSU(B), die mit der Ausarbeitung der Resolution[64] beauftragt war, wurde von einer Gruppe von Genossen der Vorschlag gemacht, dass die grundlegenden Thesen der Resolution auch für andere Sektionen der Komintern, darunter auch für die deutsche Sektion, gelten sollten. Wir haben diesen Vorschlag abgelehnt und erklärt, dass zwischen den Bedingungen des Kampfes gegen die rechte Gefahr in der KPD und den Kampfbedingungen in der KPdSU(B) ein kardinaler Unterschied besteht.

V
ÜBER DIE ENTWÜRFE FÜR EINEN GESCHLOSSENEN
UND EINEN OFFENEN BRIEF

Einige Worte über die von den Kommissionen des EKKI eingebrachten Resolutionsentwürfe. Serra ist der Meinung, diese Entwürfe trügen den Charakter von Provinzresolutionen. Warum? - fragt man sich. Weil, so meint er, im Entwurf des offenen Briefes keine Analyse der politischen Situation, aus der die rechte Gefahr entspringt, enthalten ist.

Das ist lächerlich, Genossen. Eine solche Analyse ist bereits in den Beschlüssen des VI. Kongresses enthalten. Sollen wir sie wiederholen? Ich denke, sie braucht nicht wiederholt zu werden. Eigentlich hätten wir uns beschränken können auf eine kurze Resolution über die Rechten, die gegen die Beschlüsse des VI. Kongresses systematisch verstoßen und daher ausgeschlossen werden müssen, und über die Versöhnler, die gegen die Rechten keinen Kampf führen und daher eine sehr ernste Verwarnung verdienen.

Wenn wir uns jedoch nicht auf eine kurze Resolution beschränkt haben, so geschah das deshalb, um den Arbeitern das Wesen der rechten Abweichung klarzumachen, ihnen das wahre Gesicht der Brandler und Thalheimer zu zeigen, ihnen zu zeigen, was diese Leute früher waren und was sie jetzt sind, zu zeigen, wie lange die Komintern sie geschont hat, in der Hoffnung, sie zu bessern, zu zeigen, wie lange die Kommunisten sie in ihrer Mitte geduldet haben und warum solche Leute nicht länger in der Komintern geduldet werden können.

Aus diesem Grunde ist der Resolutionsentwurf ausführlicher geworden als zuerst zu erwarten war.

Genosse Molotow hat hier bereits davon gesprochen, dass die Delegation der KPdSU(B) diesen Resolutionsentwürfen zustimmt. Ich kann die Erklärung des Genossen Molotow nur wiederholen.

„Bolschewik“, Nr. 23-24,
1928

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