"Stalin"

Werke

Band 11

ANTWORT AN BILL-BELOZERKOWSKI

Genosse Bill-Belozerkowski!

Ich schreibe mit großer Verspätung. Aber besser spät als nie.

1. Ich halte schon die Stellung der Frage nach „Rechten“ und „Linken“ in der schönen Literatur (und also auch im Theater) für falsch. Der Begriff „Rechte“ bzw. „Linke“ ist heute in unserem Lande ein Parteibegriff, eigentlich ein innerparteilicher Begriff. „Rechte“ bzw. „Linke“ - das sind Leute, die eben von der Parteilinie nach dieser oder jener Seite abweichen. Es wäre deshalb sonderbar, diese Begriffe auf ein solches außerhalb der Partei liegendes und unvergleichlich breiteres Gebiet anzuwenden wie die schöne Literatur, das Theater u. ä. Diese Begriffe sind allenfalls noch anwendbar auf diesen oder jenen (kommunistischen) Parteizirkel auf dem Gebiet der schönen Literatur. Innerhalb eines solchen Zirkels kann es „Rechte“ und „Linke“ geben. Sie jedoch in der schönen Literatur im gegenwärtigen Stadium ihrer Entwicklung anwenden, wo es alle möglichen Strömungen, einschließlich antisowjetischer und direkt konterrevolutionärer, gibt, das heißt alle Begriffe auf den Kopf stellen. Am richtigsten wäre es, in der schönen Literatur mit klassenmäßigen Begriffen oder sogar mit den Begriffen „sowjetisch“, „antisowjetisch“, „revolutionär“, „gegenrevolutionär“ usw. zu operieren.

2. Aus dem Gesagten folgt, dass ich das „Golowanowtum“[69] weder für eine „rechte“ noch für eine „linke“ Gefahr halten kann - es liegt jenseits des Bereichs von Parteiströmungen. Das „Golowanowtum“ gehört zur Kategorie der antisowjetischen Erscheinungen. Daraus folgt natürlich nicht, dass Golowanow selbst sich nicht bessern, dass er sich nicht von seinen Fehlern frei machen kann, dass man ihn verfolgen und ständig angreifen muss, sogar dann, wenn er bereit wäre, seine Fehler abzulegen, dass er auf diese Weise gezwungen werden muss, ins Ausland zu gehen.

Oder zum Beispiel „Die Flucht“ von Bulgakow, die man ebenfalls nicht für eine Erscheinungsform der „linken“ oder „rechten“ Gefahr halten darf. „Die Flucht“ ist ein Versuch, für gewisse Schichten der antisowjetischen Emigranten Mitleid, wenn nicht gar Sympathie, zu erwecken - folglich ein Versuch, die Sache der Weißgardisten zu rechtfertigen oder halb zu rechtfertigen. „Die Flucht“ ist in der Gestalt, in der sie vorliegt, eine antisowjetische Erscheinung.

Ich hätte übrigens nichts gegen die Aufführung der „Flucht“, wenn Bulgakow zu seinen acht Träumen noch ein oder zwei Träume hinzufügte, in denen er die inneren sozialen Triebfedern des Bürgerkriegs in der UdSSR darstellt, damit der Zuschauer begreifen kann, dass alle diese auf ihre Weise „ehrenhaften“ Serafims und verschiedenen Privatdozenten nicht einer Laune der Bolschewiki wegen aus Rußland hinausgeworfen wurden, sondern weil sie auf Kosten des Volkes schmarotzten (trotz ihrer „Ehrenhaftigkeit“), dass die Bolschewiki, als sie diese „ehrenhaften“ Anhänger der Ausbeutung fortjagten, den Willen der Arbeiter und Bauern vollzogen und deshalb völlig richtig handelten.

3. Warum so häufig Stücke von Bulgakow aufgeführt werden? Weil es wahrscheinlich nicht genug eigene, für die Aufführung taugliche Stücke gibt. In fischloser Zeit sind selbst „Die Tage der Turbins“ ein Fisch. Natürlich ist es sehr leicht, zu „kritisieren“ und ein Verbot für nichtproletarische Literatur zu fordern. Aber das Leichteste ist nicht das Beste. Nicht auf das Verbot kommt es an, sondern darauf, die alte und neue nichtproletarische Makulatur auf dem Wege des Wettbewerbs, durch Schaffung echter, interessanter, künstlerischer Stücke sowjetischen Charakters, die sie ersetzen können, Schritt für Schritt von der Bühne zu verdrängen. Der Wettbewerb aber ist eine große und ernste Sache, denn nur unter den Verhältnissen des Wettbewerbs kann die Herausbildung und Kristallisation unserer proletarischen schönen Literatur erreicht werden.

Was das Stück „Die Tage der Turbins“ selbst betrifft, so ist es nicht einmal so schlecht, denn es bringt mehr Nutzen als Schaden. Vergessen Sie nicht, dass der Haupteindruck, der beim Zuschauer von diesem Stück bleibt, ein für die Bolschewiki günstiger Eindruck ist: „Wenn selbst solche Menschen wie die Turbins gezwungen sind, die Waffen zu strecken und sich dem Willen des Volkes zu unterwerfen, und somit zugeben, dass ihre Sache endgültig verloren ist, so bedeutet das, die Bolschewiki sind unbesiegbar, gegen sie, die Bolschewiki, ist nicht aufzukommen.“ „Die Tage der Turbins“ sind eine Demonstration der alles besiegenden Kraft des Bolschewismus.

Natürlich ist der Autor in jeder Beziehung „unschuldig“ an dieser Demonstration. Aber was kümmert das uns?

4. Es ist richtig, dass Genosse Swiderski auf Schritt und Tritt die unglaublichsten Fehler begeht und Entstellungen zulässt. Aber richtig ist auch, dass die Spielplankommission in ihrer Arbeit nicht weniger Fehler macht, wenn auch nach der anderen Seite. Denken Sie nur an „Die Purpurinsel“, „Die Verschwörung der .Gleichen“ und ähnliche Makulatur, die aus unerfindlichen Gründen für das wirklich bürgerliche Kammertheater gern zugelassen wird.

5. Was die „Gerüchte“ über „Liberalismus“ betrifft, so lassen Sie uns lieber davon nicht sprechen - überlassen Sie es den Moskauer Marktweibern, sich mit „Gerüchten“ zu befassen.

J. Stalin

2. Februar 1929.

Zum erstenmal veröffentlicht.

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