"Stalin"

Werke

Band 11

DIE NATIONALE FRAGE UND DER Lenin ISMUS

Antwort an die Genossen Meschkow, Kowaltschuk und andere

Ihre Briefe habe ich erhalten. Sie gleichen einer ganzen Reihe von Briefen über dasselbe Thema, die ich während der letzten Monate von anderen Genossen bekommen habe. Ich habe jedoch beschlossen, gerade Ihnen zu antworten, weil Sie die Fragen unverhüllter stellen und so dazu beitragen, Klarheit zu schaffen. Zwar ist die Lösung, zu der Sie in Ihren Briefen hinsichtlich der behandelten Fragen gelangen, falsch, aber das ist eine andere Frage, darüber werden wir weiter unten sprechen.

Kommen wir zur Sache.

1. DER BEGRIFF „NATION“

Die russischen Marxisten haben schon längst ihre Theorie der Nation. Nach dieser Theorie ist die Nation eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft von vier grundlegenden Merkmalen, und zwar: auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, der Gemeinschaft des Territoriums, der Gemeinschaft des Wirtschaftslebens und der Gemeinschaft der psychischen Wesensart, die sich in der Gemeinschaft der spezifischen Besonderheiten der nationalen Kultur offenbart. Bekanntlich hat diese Theorie in unserer Partei allgemeine Anerkennung gefunden.

Wie aus Ihren Briefen zu ersehen ist, halten Sie diese Theorie für nicht ausreichend. Daher machen Sie den Vorschlag, die vier Merkmale der Nation durch ein fünftes Merkmal zu ergänzen, und zwar: das Vorhandensein eines eigenen gesonderten Nationalstaates. Sie sind der Ansicht, dass es ohne dieses fünfte Merkmal keine Nation gebe noch geben könne.

Ich bin der Meinung, dass das von Ihnen vorgeschlagene Schema mit seinem neuen, fünften Merkmal des Begriffs „Nation“ grundfalsch ist und weder theoretisch noch praktisch-politisch gerechtfertigt werden kann.

Ihrem Schema zufolge dürfte man als Nationen nur die Nationen gelten lassen, die ihren eigenen, von anderen Staaten abgesonderten Staat haben, alle unterdrückten Nationen aber, die kein selbständiges Staatswesen besitzen, müsste man aus der Kategorie der Nationen streichen, wobei der Kampf der unterdrückten Nationen gegen das nationale Joch, der Kampf der Kolonialvölker gegen den Imperialismus nicht mehr zu dem Begriff „nationale Bewegung“, „nationale Befreiungsbewegung“ zu rechnen wäre.

Mehr noch. Ihrem Schema zufolge müsste man behaupten, dass

a) die Iren erst nach der Bildung des „Irischen Freistaats“ zur Nation wurden, bis zu diesem Zeitpunkt jedoch keine Nation waren;

b) die Norweger vor der Abtrennung Norwegens von Schweden keine Nation waren, sondern erst nach dieser Abtrennung zur Nation wurden;

c) die Ukrainer keine Nation waren, solange die Ukraine zum zaristischen Rußland gehörte, dass sie erst nach der Abtrennung von Sowjetrußland unter der Zentralrada und unter dem Hetman Skoropadski zur Nation wurden, jedoch wieder aufhörten, eine Nation zu sein, nachdem sie ihre Ukrainische Sowjetrepublik mit den anderen Sowjetrepubliken in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken vereinigt hatten.

Solche Beispiele könnte man endlos anführen.

Es ist offensichtlich, dass ein Schema, das zu derart absurden Schlussfolgerungen führt, nicht als wissenschaftliches Schema betrachtet werden kann.

In der praktischen Politik führt Ihr Schema unvermeidlich zur Rechtfertigung der nationalen, imperialistischen Unterdrückung, deren Vertreter sich entschieden weigern, die unterdrückten und nicht vollberechtigten Nationen, die keine eigenen abgesonderten Nationalstaaten besitzen, als wirkliche Nationen anzuerkennen, und meinen, dieser Umstand gebe ihnen das Recht, diese Nationen zu unterdrücken.

Ich spreche schon gar nicht davon, dass Ihr Schema zur Rechtfertigung der bürgerlichen Nationalisten in unseren Sowjetrepubliken führt, die den Nachweis zu erbringen suchen, dass die sowjetischen Nationen aufgehört haben, Nationen zu sein, nachdem sie ihre nationalen Sowjetrepubliken in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken vereinigt haben.

So steht es um die Frage einer „Ergänzung“ und „Berichtigung“ der russischen marxistischen Theorie der Nation.

Es bleibt nur das eine übrig: anzuerkennen, dass die russische marxistische Theorie der Nation die einzig richtige Theorie ist.

2. DIE ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG
DER NATIONEN

Einer Ihrer schwerwiegenden Fehler besteht darin, dass Sie alle heutzutage bestehenden Nationen in einen Topf werfen und den prinzipiellen Unterschied zwischen ihnen übersehen.

Es gibt verschiedene Nationen auf der Welt. Es gibt Nationen, die sich in der Epoche des aufsteigenden Kapitalismus entwickelt haben, als die Bourgeoisie, während sie den Feudalismus und die feudale Zersplitterung beseitigte, die Nation vereinigte und zu einem Ganzen verband. Das sind die so genannten „modernen“ Nationen.

Sie behaupten, dass die Nationen schon vor dem Kapitalismus entstanden seien und existiert hätten. Wie konnten aber Nationen vor dem Kapitalismus, in der Periode des Feudalismus entstehen und existieren, als die Länder in einzelne selbständige Fürstentümer zersplittert waren, die nicht nur nicht durch nationale Bande miteinander verbunden waren, sondern entschieden die Notwendigkeit solcher Bande leugneten? Entgegen Ihren irrigen Behauptungen gab es in der vorkapitalistischen Periode keine Nationen und konnte es auch keine geben, da es noch keine nationalen Märkte gab, da es weder ökonomische noch kulturelle nationale Zentren gab, da es folglich auch die Faktoren nicht gab, durch die die wirtschaftliche Zersplitterung eines Volkes beseitigt wird und die bis dahin gesonderten Teile dieses Volkes zu einem nationalen Ganzen zusammengeschlossen werden.

Natürlich sind die Elemente der Nation - Sprache, Territorium, Kulturgemeinschaft usw. - nicht vom Himmel gefallen, sondern haben sich nach und nach herausgebildet, und zwar bereits in der vorkapitalistischen Periode. Aber diese Elemente befanden sich in einem Keimzustand und waren bestenfalls eine Potenz in dem Sinne, dass sich unter bestimmten günstigen Bedingungen in Zukunft eine Nation bilden konnte. Die Potenz wurde erst in der Periode des aufsteigenden Kapitalismus mit seinen nationalen Märkten, mit seinen ökonomischen und kulturellen Zentren zur Wirklichkeit.

In diesem Zusammenhang muss man an die vortrefflichen Worte erinnern, die Lenin in seiner Schrift „Was sind die ‚Volksfreunde’ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten?“ zur Frage der Entstehung der Nationen sagt. In seiner Polemik gegen den Volkstümler Michailowski, der die Entstehung der nationalen Bindungen und der nationalen Einheit aus der Entwicklung der Geschlechtsverbände ableitet, schreibt Lenin :

„Somit wären die nationalen Bindungen eine Fortsetzung und Verallgemeinerung der Geschlechtsverbände! Herr Michailowski scheint seine Vorstellungen von der Geschichte der Gesellschaft offenbar jenen kindischen Fabeln zu entnehmen, die man Gymnasiasten einpaukt. Die Geschichte der Gesellschaft besteht, dieser Schulweisheit gemäß, darin, dass zuerst die Familie, diese Zelle jedweder Gesellschaft, bestanden habe ..., worauf sich die Familie zum Stamm, der Stamm aber zum Staat entwickelt habe. Wenn nun Herr Michailowski mit wichtiger Miene diesen kindischen Unsinn wiederholt, so zeigt das nur - abgesehen von allem anderen -, dass er vom Verlauf der Geschichte, sei es auch nur der russischen, nicht die geringste Ahnung hat. Erschien es noch angebracht, von einem Gentilwesen im alten Rußland zu sprechen, so steht fest, dass bereits im Mittelalter, in der Epoche des Moskowitischen Staates, diese Geschlechtsverbände nicht mehr bestanden, das heißt, dass der Staat keineswegs auf Geschlechtsverbänden, sondern auf Ortsverbänden aufgebaut war: Die Gutsherren und die Klöster nahmen Bauern aus verschiedenen Gegenden auf, und die so entstandenen Gemeinden bildeten reine Territorialverbände. Von nationalen Bindungen im eigentlichen Sinne des Wortes konnte indessen in der damaligen Zeit kaum die Rede sein: Der Staat zerfiel in einzelne Lande, teilweise sogar Fürstentümer, die lebendige Spuren ihrer einstigen Autonomie, Eigentümlichkeiten der Verwaltung, zuweilen eigene Truppen (die einzelnen Bojaren pflegten mit eigenen Regimentern in den Krieg zu ziehen), besondere Zollschranken usw. beibehalten hatten. Erst für die Neuzeit der russischen Geschichte (etwa seit dem 17. Jahrhundert) ist ein tatsächlicher Zusammenschluss aller dieser Gebiete, Länder und Fürstentümer zu einem Ganzen kennzeichnend. Dieser Zusammenschluss, hoch verehrter Herr Michailowski, wurde nicht durch die Geschlechtsverbände, auch nicht einmal durch ihre Fortsetzung und Verallgemeinerung hervorgerufen: Er wurde hervorgerufen durch den zunehmenden Austausch zwischen den einzelnen Gebieten, den allmählich wachsenden Warenverkehr, die Konzentration der kleinen örtlichen Märkte zu einem gesamtrussischen Markt. Da die Leiter und Herren dieses Prozesses kapitalistische Kaufleute waren, so war die Schaffung dieser nationalen Bindungen nichts anderes als eine Schaffung bürgerlicher Bindungen.“ (Siehe Bd. I, S. 72/73[72].)

So verhält es sich mit der Entstehung der so genannten „modernen“ Nationen.

Die Bourgeoisie und ihre nationalistischen Parteien waren und bleiben in dieser Periode die leitende Hauptkraft dieser Nationen. Klassenfrieden innerhalb der Nation um der „Einheit der Nation“ willen; Erweiterung des Territoriums der eigenen Nation durch Annexion fremder nationaler Territorien; Misstrauen und Hass gegen fremde Nationen; Unterdrückung der nationalen Minderheiten; Einheitsfront mit dem Imperialismus - das ist das ideologische und sozialpolitische Rüstzeug dieser Nationen.

Solche Nationen muss man als bürgerliche Nationen qualifizieren. Es sind dies zum Beispiel die französische, die englische, die italienische, die nordamerikanische und andere, ihnen ähnliche Nationen. Ebensolche bürgerlichen Nationen waren die russische, die ukrainische, die tatarische, die armenische, die georgische und andere Nationen in Rußland vor der Errichtung der Diktatur des Proletariats und der Sowjetordnung in unserem Lande.

Es ist begreiflich, dass das Schicksal dieser Nationen an das Schicksal des Kapitalismus gebunden ist, dass mit dem Sturz des Kapitalismus diese Nationen abtreten müssen.

Eben diese bürgerlichen Nationen meint Stalin in der Schrift „Marxismus und nationale Frage“, wenn er sagt: „Die Nation ist nicht einfach eine historische Kategorie, sondern eine historische Kategorie einer bestimmten Epoche, der Epoche des aufsteigenden Kapitalismus.“ Und weiter: „Die Geschicke der ihrem Wesen nach bürgerlichen nationalen Bewegung sind naturgemäß an das Schicksal der Bourgeoisie gebunden. Ein endgültiges Verebben der nationalen Bewegung ist erst mit dem Sturz der Bourgeoisie möglich. Erst im Reiche des Sozialismus kann völliger Friede hergestellt werden.“[73]

So verhält es sich mit den bürgerlichen Nationen.

Doch gibt es auch andere Nationen auf der Welt. Das sind die neuen, sowjetischen Nationen, die sich entwickelt und herausgebildet haben auf der Grundlage der alten, bürgerlichen Nationen nach dem Sturz des Kapitalismus in Rußland, nach der Liquidierung der Bourgeoisie und ihrer nationalistischen Parteien, nach der Errichtung der Sowjetordnung.

Die Arbeiterklasse und ihre internationalistische Partei sind die Kraft, die diese neuen Nationen zusammenschweißt und sie führt. Bündnis der Arbeiterklasse und der werktätigen Bauernschaft innerhalb der Nation zur Liquidierung der Überreste des Kapitalismus im Namen des siegreichen Aufbaus des Sozialismus; Beseitigung der Überreste der nationalen Unterdrückung im Namen der Gleichberechtigung und freien Entwicklung der Nationen und nationalen Minderheiten; Beseitigung der Überreste des Nationalismus im Namen der Freundschaft zwischen den Völkern und des Sieges des Internationalismus; Einheitsfront mit allen unterdrückten und nicht vollberechtigten Nationen im Kampf gegen die Politik der Eroberungen und Eroberungskriege, im Kampf gegen den Imperialismus - das ist das geistige und sozialpolitische Gepräge dieser Nationen.

Solche Nationen muss man als sozialistische Nationen qualifizieren.

Diese neuen Nationen entstanden und entwickelten sich auf der Grundlage der alten, bürgerlichen Nationen im Ergebnis der Liquidierung des Kapitalismus - auf dem Wege ihrer radikalen Umgestaltung im Geiste des Sozialismus. Niemand kann leugnen, dass die heutigen sozialistischen Nationen in der Sowjetunion - die russische, die ukrainische, die bjelorussische, die tatarische, die baschkirische, die usbekische, die kasachische, die aserbaidshanische, die georgische, die armenische und andere Nationen - sich von Grund aus von den entsprechenden alten, bürgerlichen Nationen im alten Rußland unterscheiden sowohl ihrer Klassenzusammensetzung und ihrem geistigen Gepräge als auch ihren sozialpolitischen Interessen und Bestrebungen nach.

Das sind die zwei Typen von Nationen, die die Geschichte kennt.

Sie sind damit nicht einverstanden, dass die Geschicke der Nationen, in diesem Fall die Geschicke der alten, bürgerlichen Nationen, an das Schicksal des Kapitalismus gebunden sind. Sie sind mit der These nicht einverstanden, dass mit der Liquidierung des Kapitalismus die alten, bürgerlichen Nationen liquidiert werden. Aber woran sonst könnte das Schicksal dieser Nationen gebunden sein, wenn nicht an das Schicksal des Kapitalismus? Ist es denn schwer zu begreifen, dass mit dem Verschwinden des Kapitalismus die von ihm hervorgebrachten bürgerlichen Nationen verschwinden müssen? Glauben Sie etwa, dass die alten, bürgerlichen Nationen unter der Sowjetordnung, unter der Diktatur des Proletariats bestehen und sich entwickeln können? Das fehlte gerade noch...

Sie befürchten, dass die Liquidierung der unter dem Kapitalismus bestehenden Nationen mit der Liquidierung der Nationen überhaupt, mit der Liquidierung jedweder Nation gleichbedeutend sei. Warum, aus welchem Grunde? Ist Ihnen denn nicht bekannt, dass es außer den bürgerlichen Nationen noch andere Nationen, sozialistische Nationen, gibt, die viel fester gefügt und viel lebensfähiger sind als jede beliebige bürgerliche Nation?

Darin eben besteht Ihr Fehler, dass Sie außer bürgerlichen Nationen keine anderen Nationen sehen - folglich haben Sie die ganze Epoche übersehen, in der auf den Trümmern der alten, bürgerlichen Nationen in der Sowjetunion sozialistische Nationen entstanden.

Darum eben handelt es sich, dass die Liquidierung der bürgerlichen Nationen nicht die Liquidierung der Nationen überhaupt bedeutet, sondern die Liquidierung allein der bürgerlichen Nationen. Auf den Trümmern der alten, bürgerlichen Nationen entstehen und entwickeln sich neue, sozialistische Nationen, die viel fester gefügt sind als jede beliebige bürgerliche Nation, denn sie sind frei von den unversöhnlichen Klassenwidersprüchen, von denen die bürgerlichen Nationen zerfressen werden, und repräsentieren in viel stärkerem Maße das ganze Volk als jede beliebige bürgerliche Nation.

3. DIE ZUKUNFT DER NATIONEN UND DER
NATIONALEN SPRACHEN

Sie begehen einen ernsten Fehler, wenn Sie ein Gleichheitszeichen setzen zwischen der Periode des Sieges des Sozialismus in einem Lande und der Periode des Sieges des Sozialismus im Weltmaßstab und behaupten, dass nicht nur beim Sieg des Sozialismus im Weltmaßstab, sondern auch beim Sieg des Sozialismus in einem Lande das Verschwinden der nationalen Unterschiede und der nationalen Sprachen, die Verschmelzung der Nationen und die Bildung einer einheitlichen gemeinsamen Sprache möglich und notwendig sei. Dabei vermengen Sie ganz verschiedene Dinge: die „Beseitigung der nationalen Unterdrückung“ mit der „Aufhebung der nationalen Unterschiede“, die „Beseitigung der nationalen Staatsschranken“ mit dem „Absterben der Nationen“, mit der „Verschmelzung der Nationen“.

Es muss betont werden, dass eine Vermengung dieser verschiedenartigen Begriffe für Marxisten absolut unzulässig ist. Bei uns, in unserem Lande, ist die nationale Unterdrückung schon längst beseitigt, daraus folgt aber keineswegs, dass die nationalen Unterschiede verschwunden seien und die Nationen unseres Landes aufgehört hätten zu bestehen. Bei uns, in unserem Lande, sind die nationalen Staatsschranken mit Grenzschutz und Zollämtern schon längst beseitigt, daraus folgt aber keineswegs, dass die Nationen bereits verschmolzen und die nationalen Sprachen verschwunden seien, dass diese Sprachen durch irgendeine für alle unsere Nationen gemeinsame Sprache ersetzt worden seien.

Sie sind unzufrieden mit meiner Rede in der Kommunistischen Universität der Völker des Ostens (1925)[74], in der ich die Richtigkeit der These verneine, dass beim Sieg des Sozialismus in einem Lande, zum Beispiel in unserem Lande, angeblich die nationalen Sprachen absterben, die Nationen verschmelzen werden und an Stelle der nationalen Sprachen eine gemeinsame Sprache entstehen werde.

Sie sind der Meinung, diese meine Erklärung widerspreche der bekannten These Lenin s, dass das Ziel des Sozialismus nicht nur Beseitigung der Zersplitterung der Menschheit in kleine Staaten und jeder Absonderung der Nationen, nicht nur Annäherung der Nationen, sondern auch ihre Verschmelzung ist.

Sie sind ferner der Meinung, sie widerspreche auch der anderen Lenin schen These, dass beim Sieg des Sozialismus im Weltmaßstab die nationalen Unterschiede und die nationalen Sprachen anfangen werden abzusterben, dass nach diesem Sieg die nationalen Sprachen anfangen werden, in einer gemeinsamen Sprache aufzugehen.

Das ist völlig falsch, Genossen. Das ist ein großer Irrtum.

Ich sprach bereits oben davon, dass es für einen Marxisten nicht statthaft ist, solche verschiedenartigen Erscheinungen wie den „Sieg des Sozialismus in einem Lande“ und den „Sieg des Sozialismus im Weltmaßstab“ zu vermengen und in einen Topf zu werfen. Man darf nicht vergessen, dass diese verschiedenartigen Erscheinungen zwei völlig verschiedene Epochen widerspiegeln, die sich voneinander nicht nur zeitlich (was sehr wichtig ist), sondern auch ihrem ganzen Wesen nach unterscheiden.

Nationales Misstrauen, nationale Absonderung, nationale Feindschaft, nationale Zusammenstöße werden natürlich nicht durch irgendein „angeborenes“ Gefühl nationaler Gehässigkeit hervorgerufen und genährt, sondern durch das Bestreben des Imperialismus, fremde Nationen zu unterwerfen, und durch die Furcht dieser Nationen vor der Gefahr der nationalen Versklavung. Solange der Weltimperialismus besteht, werden zweifellos auch dieses Bestreben und diese Furcht bestehen - wird es folglich auch in der überwiegenden Mehrheit der Länder sowohl nationales Misstrauen als auch nationale Absonderung, sowohl nationale Feindschaft als auch nationale Zusammenstöße geben. Kann man nun behaupten, dass der Sieg des Sozialismus und die Liquidierung des Imperialismus in einem Lande die Liquidierung des Imperialismus und des nationalen Jochs in den meisten Ländern bedeuten? Es ist klar, dass man das nicht kann. Daraus folgt aber, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande, wenn er auch den Weltimperialismus ernstlich schwächt, dennoch nicht die Bedingungen schafft noch schaffen kann, die für die Verschmelzung der Nationen und die Verschmelzung der nationalen Sprachen der Welt zu einem einheitlichen Ganzen notwendig sind.

Die Periode des Sieges des Sozialismus im Weltmaßstab unterscheidet sich von der Periode des Sieges des Sozialismus in einem Lande vor allem eben dadurch, dass sie den Imperialismus in allen Ländern liquidiert, dass sie sowohl das Bestreben, fremde Nationen zu unterwerfen, als auch die Furcht vor der Gefahr der nationalen Versklavung beseitigt, dem nationalen Misstrauen und der nationalen Feindschaft den Boden entzieht, die Nationen in einem einheitlichen System der sozialistischen Weltwirtschaft vereint und somit die realen Bedingungen schafft, die für eine allmähliche Verschmelzung aller Nationen zu einem Ganzen notwendig sind.

Das ist der grundsätzliche Unterschied zwischen diesen beiden Perioden.

Daraus folgt aber, dass es einen unverzeihlichen Fehler begehen hieße, wollte man diese beiden verschiedenen Perioden vermengen und in einen Topf werfen. Nehmen wir meine Rede in der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens. Dort heißt es:

„Man redet davon (wie das zum Beispiel Kautsky tut), dass in der Periode des Sozialismus eine allgemeinmenschliche Einheitssprache geschaffen werden wird und alle anderen Sprachen absterben werden. Ich glaube nicht so recht an diese Theorie einer allumfassenden Einheitssprache. Die Erfahrung jedenfalls spricht nicht für, sondern gegen diese Theorie. Bis jetzt ist es so gewesen, dass die sozialistische Revolution die Zahl der Sprachen nicht vermindert, sondern vermehrt hat, denn dadurch, dass sie die tiefsten Tiefen der Menschheit aufrüttelt und auf die politische Arena bringt, erweckt sie eine ganze Reihe neuer, früher gar nicht oder wenig bekannter Nationalitäten zu neuem Leben. Wer hätte gedacht, dass das alte zaristische Rußland nicht weniger als 50 Nationen und nationale Gruppen umfasste? Die Oktoberrevolution hat jedoch dadurch, dass sie die alten Ketten gesprengt und eine ganze Reihe vergessener Völker und Völkerschaften auf den Plan gerufen hat, diese zu neuem Leben erweckt und ihnen neue Entwicklungsmöglichkeiten gegeben.“[75]

Aus diesem Zitat ist ersichtlich, dass ich mich gegen Leute vom Schlage Kautskys wandte, der (das heißt Kautsky) in der nationalen Frage stets ein Dilettant war und blieb, der die Mechanik der Entwicklung der Nationen nicht begreift und keine Vorstellung davon hat, wie kolossal groß die Stabilität der Nationen ist, der es für möglich hält, dass sich die Nationen lange vor dem Sieg des Sozialismus, bereits unter bürgerlich-demokratischen Verhältnissen, verschmelzen, der die Assimilierungs,,arbeit“ der Deutschen in Tschechien lakaienhaft preist und leichtfertig behauptet, die Tschechen seien schon beinahe germanisiert, die Tschechen als Nation hätten keine Zukunft.

Aus diesem Zitat ist ferner ersichtlich, dass ich in meiner Rede nicht die Periode des Sieges des Sozialismus im Weltmaßstab im Auge hatte, sondern ausschließlich die Periode des Sieges des Sozialismus in einem Lande. Dabei behauptete ich (und behaupte es nach wie vor), dass die Periode des Sieges des Sozialismus in einem Lande nicht die Bedingungen schafft, die für eine Verschmelzung der Nationen und der nationalen Sprachen notwendig sind, dass diese Periode - im Gegenteil - günstige Verhältnisse für eine Wiedergeburt und ein Aufblühen der Nationen schafft, die früher vom zaristischen Imperialismus unterdrückt wurden, jetzt aber durch die Sowjetrevolution vom nationalen Joch befreit sind.

Aus diesem Zitat ist schließlich ersichtlich, dass Sie den kolossalen Unterschied zwischen den beiden verschiedenen historischen Perioden übersehen, infolgedessen den Sinn der Rede Stalins nicht verstanden und sich im Ergebnis all dessen im Gewirr Ihrer eigenen Fehler verirrt haben.

Gehen wir zu Lenin s Thesen über das Absterben und die Verschmelzung der Nationen nach dem Sieg des Sozialismus im Weltmaßstab über.

Hier eine der Thesen Lenin s, entnommen aus Lenin s 1916 erschienenem Artikel „Die sozialistische Revolution und das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung“, eine These, die aus irgendwelchen Gründen in Ihren Briefen nicht vollständig zitiert wird:

„Das Ziel des Sozialismus ist nicht nur Beseitigung der Zersplitterung der Menschheit in kleine Staaten und jeder Absonderung der Nationen, nicht nur Annäherung der Nationen, sondern auch ihre Verschmelzung ... Wie die Menschheit zur Abschaffung der Klassen nur durch die Übergangsperiode der Diktatur der unterdrückten Klasse kommen kann, so kann sie zur unvermeidlichen Verschmelzung der Nationen nur durch die Übergangsperiode der völligen Befreiung, das heißt der Freiheit der Lostrennung, aller unterdrückten Nationen kommen.“ (Siehe Bd. XIX, S.40[76].)

Und hier eine andere These Lenin s, die von Ihnen ebenfalls nicht vollständig zitiert wird:

„Solange nationale und staatliche Unterschiede zwischen den Völkern und Ländern bestehen - diese Unterschiede werden sich aber noch sehr, sehr lange sogar nach der Verwirklichung der Diktatur des Proletariats im Weltmaßstab erhalten -, erfordert die Einheitlichkeit der internationalen Taktik der kommunistischen Arbeiterbewegung aller Länder nicht die Beseitigung der Mannigfaltigkeit, nicht die Aufhebung der nationalen Unterschiede (das wäre im gegenwärtigen Augenblick eine sinnlose Phantasterei), sondern eine solche Anwendung der grundlegenden Prinzipien des Kommunismus (Sowjetmacht und Diktatur des Proletariats), bei der diese Prinzipien im einzelnen richtig modifiziert und den nationalen und nationalstaatlichen Verschiedenheiten richtig angepasst, auf sie richtig angewendet werden.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd.31, S.72 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, 5.736].)

Hervorgehoben sei, dass dieses Zitat Lenin s Schrift „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ entnommen ist, die im Jahre 1920, das heißt nach dem Sieg der sozialistischen Revolution in einem Lande, nach dem Sieg des Sozialismus in unserem Lande, erschienen ist.

Aus diesen Zitaten ist ersichtlich, dass Lenin den Prozess des Absterbens der nationalen Unterschiede und der Verschmelzung der Nationen nicht in die Periode des Sieges des Sozialismus in einem Lande verlegt, sondern ausschließlich in die Periode nach der Verwirklichung der Diktatur des Proletariats im Weltmaßstab, das heißt in die Periode des Sieges des Sozialismus in allen Ländern, wenn bereits die Grundlagen der sozialistischen Weltwirtschaft gelegt sein werden.

Aus diesen Zitaten ist ferner ersichtlich, dass Lenin den Versuch, den Prozess des Absterbens der nationalen Unterschiede in die Periode des Sieges des Sozialismus in einem Lande, in unserem Lande, zu verlegen, als „sinnlose Phantasterei“ bezeichnet.

Aus diesen Zitaten ist außerdem ersichtlich, dass Stalin unbedingt recht hatte, als er in seiner Rede in der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens die Möglichkeit verneinte, dass in der Periode des Sieges des Sozialismus in einem Lande, in unserem Lande, die nationalen Unterschiede und die nationalen Sprachen absterben, und dass Sie unbedingt unrecht hatten, als Sie etwas der These Stalins direkt Entgegengesetztes verfochten.

Aus diesen Zitaten ist schließlich ersichtlich, dass Sie, der Sie die beiden verschiedenen Perioden des Sieges des Sozialismus vermengen, Lenin nicht verstanden, Lenin s Linie in der nationalen Frage entstellt und infolgedessen, ohne es zu wollen, den Weg des Bruches mit dem Lenin ismus beschritten haben.

Es wäre falsch zu glauben, dass die Aufhebung der nationalen Unterschiede und das Absterben der nationalen Sprachen sofort nach der Niederlage des Weltimperialismus, mit einem Schlage, sozusagen durch Dekretieren von oben erfolgen werde. Nichts ist irriger als eine solche Ansicht. Der Versuch, die Verschmelzung der Nationen durch Dekretieren von oben, auf dem Wege des Zwangs vorzunehmen, würde bedeuten, den Imperialisten in die Hände zu spielen, das Werk der Befreiung der Nationen zugrunde zu richten, das Werk der Herstellung der Zusammenarbeit und Brüderlichkeit zwischen den Nationen zu Grabe zu tragen. Eine solche Politik käme der Assimilierungspolitik gleich.

Es ist Ihnen natürlich bekannt, dass es für die Assimilierungspolitik als volksfeindliche, konterrevolutionäre Politik, als verderbliche Politik im Arsenal des Marxismus- Lenin ismus absolut keinen Platz gibt.

Es ist außerdem bekannt, dass sich die Nationen und die nationalen Sprachen durch eine außerordentliche Stabilität und kolossale Widerstandskraft gegen die Assimilierungspolitik auszeichnen. Die türkischen Assimilatoren, die grausamsten aller Assimilatoren, haben die Balkannationen jahrhundertelang gemartert und gepeinigt, sie haben es jedoch nicht nur nicht fertig gebracht, sie zu vernichten, sondern sahen sich gezwungen zu kapitulieren. Die zaristisch-russischen Russifikatoren und die preußisch-deutschen Germanisatoren, die den türkischen Assimilatoren an Grausamkeit wohl kaum nachstanden, haben im Verlauf von mehr als hundert Jahren die polnische Nation zerstückelt und gepeinigt, genauso wie die persischen und türkischen Assimilatoren die armenische und die georgische Nation im Verlauf von Jahrhunderten zerstückelten, peinigten und auszurotten suchten, sie haben es jedoch nicht nur nicht fertig gebracht, diese Nationen zu vernichten, sondern sahen sich im Gegenteil gezwungen, ebenfalls zu kapitulieren.

Alle diese Umstände müssen berücksichtigt werden, wenn man den wahrscheinlichen Verlauf der Ereignisse vom Standpunkt der Entwicklung der Nation unmittelbar nach der Niederlage des Weltimperialismus richtig voraussehen will.

Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass die erste Etappe der Periode der Weltdiktatur des Proletariats der Beginn des Absterbens der Nationen und der nationalen Sprachen, der Beginn der Herausbildung einer einheitlichen gemeinsamen Sprache sein werde. Im Gegenteil, die erste Etappe, in deren Verlauf die nationale Unterdrückung endgültig beseitigt werden wird, wird die Etappe sein, in der die früher unterdrückten Nationen und nationalen Sprachen sich entwickeln und aufblühen werden, die Etappe, in der die Gleichberechtigung der Nationen hergestellt werden wird, die Etappe, in der das gegenseitige nationale Misstrauen verschwinden wird, die Etappe, in der sich die internationalen Verbindungen zwischen den Nationen anknüpfen und festigen werden.

Erst in der zweiten Etappe der Periode der Weltdiktatur des Proletariats, in dem Maße, wie sich an Stelle der kapitalistischen Weltwirtschaft eine einheitliche sozialistische Weltwirtschaft herausbilden wird - erst in dieser Etappe wird sich eine Art gemeinsame Sprache herauszubilden beginnen, denn erst in dieser Etappe werden die Nationen die Notwendigkeit empfinden, neben ihren eigenen nationalen Sprachen eine gemeinsame internationale Sprache zu haben - zur Erleichterung des Verkehrs untereinander und zur Erleichterung der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Zusammenarbeit. In dieser Etappe werden also die nationalen Sprachen und eine gemeinsame internationale Sprache nebeneinander bestehen. Es ist möglich, dass zuerst nicht nur ein, für alle Nationen gemeinsames Weltwirtschaftszentrum mit einer gemeinsamen Sprache entstehen wird, sondern mehrere zonale Wirtschaftszentren für einzelne Gruppen von Nationen mit einer besonderen, für jede Gruppe von Nationen gemeinsamen Sprache und dass sich diese Zentren erst späterhin zu einem gemeinsamen sozialistischen Weltwirtschaftszentrum mit einer für alle Nationen gemeinsamen Sprache vereinigen werden.

In der folgenden Etappe der Periode der Weltdiktatur des Proletariats, wenn sich das sozialistische Weltwirtschaftssystem in genügendem Grade gefestigt haben und der Sozialismus in das Alltagsleben der Völker eingegangen sein wird, wenn sich die Nationen in der Praxis von den Vorzügen überzeugt haben werden, die eine gemeinsame Sprache vor den nationalen Sprachen hat - dann werden die nationalen Unterschiede und Sprachen abzusterben beginnen und einer allen gemeinsamen Weltsprache Platz machen.

Das etwa ist meines Erachtens das Bild der Zukunft der Nationen, das Bild der Entwicklung der Nationen auf dem Wege zu ihrer künftigen Verschmelzung.

4. DIE POLITIK DER PARTEI IN DER NATIONALEN FRAGE

Einer Ihrer Fehler besteht darin, dass Sie die nationale Frage nicht als Teil der allgemeinen Frage der sozialen und politischen Entwicklung der Gesellschaft betrachten, nicht als Teil, der eben dieser allgemeinen Frage untergeordnet ist, sondern als etwas sich selbst Genügendes und Beständiges, das seine Richtung und seinen Charakter im Verlauf der Geschichte nicht wesentlich ändert. Darum sehen Sie nicht, was jeder Marxist sieht, nämlich, dass die nationale Frage nicht immer den gleichen Charakter hat, dass sich Charakter und Aufgaben der nationalen Bewegung je nach den verschiedenen Entwicklungsperioden der Revolution ändern.

Das ist eigentlich auch die logische Erklärung für die traurige Tatsache, dass Sie so leicht die verschiedenartigen Entwicklungsperioden der Revolution vermengen und in einen Topf werfen und nicht verstehen, dass durch die Veränderung des Charakters und der Aufgaben der Revolution in den verschiedenen Entwicklungsetappen entsprechende Veränderungen im Charakter und in den Aufgaben der nationalen Frage hervorgerufen werden, dass sich demgemäß auch die Politik der Partei in der nationalen Frage ändert, dass man infolgedessen die an eine bestimmte Entwicklungsperiode der Revolution gebundene Politik der Partei in der nationalen Frage nicht gewaltsam von dieser Periode loslösen und willkürlich auf eine andere Periode übertragen darf.

Die russischen Marxisten gingen stets von dem Grundsatz aus, dass die nationale Frage ein Teil der allgemeinen Frage der Entwicklung der Revolution ist, dass die nationale Frage in den verschiedenen Etappen der Revolution verschiedene Aufgaben hat, die dem Charakter der Revolution in jedem gegebenen historischen Augenblick entsprechen, und dass sich demgemäß auch die Politik der Partei in der nationalen Frage ändert.

In der Periode vor dem ersten Weltkrieg, als die Geschichte die bürgerlich-demokratische Revolution in Rußland auf die Tagesordnung setzte, verknüpften die russischen Marxisten die Lösung der nationalen Frage mit dem Schicksal der demokratischen Umwälzung in Rußland. Unsere Partei war der Auffassung, dass der Sturz des Zarismus, die Beseitigung der Überreste des Feudalismus und die völlige Demokratisierung des Landes die beste Lösung der nationalen Frage bedeuten, soweit ihre Lösung im Rahmen des Kapitalismus möglich ist.

Das ist die Politik der Partei in dieser Periode.

Auf diese Periode beziehen sich auch die bekannten Artikel Lenin s über die nationale Frage, darunter der Artikel „Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage“, in dem Lenin schreibt:

„...ich behaupte, dass es nur eine einzige Lösung der nationalen Frage gibt, soweit eine solche in der Welt des Kapitalismus überhaupt möglich ist, und diese Lösung ist der konsequente Demokratismus. Zum Beweis berufe ich mich unter anderem auf die Schweiz.“ (Siehe Bd. XVII, S. 150[77].)

Auf die gleiche Periode bezieht sich Stalins Schrift „Marxismus und nationale Frage“, in der es unter anderem heißt:

„Ein endgültiges Verebben der nationalen Bewegung ist erst mit dem Sturz der Bourgeoisie möglich. Erst im Reiche des Sozialismus kann völliger Friede hergestellt werden. Aber den nationalen Kampf auf ein Mindestmaß zu reduzieren, ihn an der Wurzel zu untergraben, ihn für das Proletariat in höchstmöglichem Grade unschädlich zu machen, das ist auch im Rahmen des Kapitalismus möglich. Davon zeugen, sagen wir, die Beispiele der Schweiz und Amerikas. Dazu muss das Land demokratisiert, muss den Nationen die Möglichkeit freier Entwicklung gewährt werden.“[78]

In der darauffolgenden Periode, in der Periode des ersten Weltkrieges, als der lang währende Krieg zwischen den beiden imperialistischen Koalitionen die Macht des Weltimperialismus untergrub, als die Krise des Weltsystems des Kapitalismus die äußerste Grenze erreichte, als sich neben der Arbeiterklasse der „Mutterländer“ auch die kolonialen und abhängigen Länder in die Befreiungsbewegung einreihten, als sich die nationale Frage in eine nationale und koloniale Frage verwandelte, als die Einheitsfront der Arbeiterklasse der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder und der unterdrückten Völker der Kolonien und abhängigen Länder zu einer realen Kraft zu werden begann, als infolgedessen die sozialistische Revolution zu einer aktuellen Frage wurde - da konnten sich die russischen Marxisten nicht mehr mit der Politik der vorangegangenen Periode begnügen, und sie hielten es für notwendig, die Lösung der nationalen und kolonialen Frage mit dem Schicksal der sozialistischen Umwälzung zu verknüpfen.

Die Partei war der Auffassung, dass der Sturz der Macht des Kapitals und die Organisierung der Diktatur des Proletariats, die Vertreibung der imperialistischen Truppen aus den kolonialen und abhängigen Ländern sowie die Sicherung des Rechts auf Lostrennung und Bildung von eigenen nationalen Staaten für diese Länder, die Überwindung der nationalen Feindschaft und des Nationalismus sowie die Festigung der internationalen Verbindungen zwischen den Völkern, die Organisierung einer einheitlichen sozialistischen Volkswirtschaft und die Herstellung einer brüderlichen Zusammenarbeit der Völker auf dieser Grundlage - dass dies die beste Lösung der nationalen und kolonialen Frage unter den gegebenen Verhältnissen ist.

Das ist die Politik der Partei in dieser Periode.

Diese Periode ist noch lange nicht voll zur Entfaltung gekommen, denn sie hat erst begonnen, aber zweifellos wird sie noch ihr entscheidendes Wort sprechen...

Gesondert zu betrachten ist die Frage der gegenwärtigen Entwicklungsperiode der Revolution in unserem Lande und der gegenwärtigen Politik der Partei.

Hervorgehoben sei, dass unser Land einstweilen das einzige Land ist, das bereit war, den Kapitalismus zu stürzen. Und es hat den Kapitalismus tatsächlich gestürzt und die Diktatur des Proletariats errichtet.

Bis zur Verwirklichung der Diktatur des Proletariats im Weltmaßstab und - um so mehr - bis zum Sieg des Sozialismus in allen Ländern ist es also einstweilen noch weit.

Ferner muss hervorgehoben werden, dass wir, als wir mit der Macht der Bourgeoisie Schluss machten, die sich schon längst von ihren alten demokratischen Traditionen losgesagt hatte, im Vorbeigehen auch die Aufgabe der „völligen Demokratisierung des Landes“ gelöst, das System der nationalen Unterdrückung beseitigt und die Gleichberechtigung der Nationen in unserem Lande hergestellt haben.

Bekanntlich haben sich diese Maßnahmen als das beste Mittel zur Überwindung des Nationalismus und der nationalen Feindschaft, zur Herstellung von Vertrauen zwischen den Völkern erwiesen.

Schließlich muss hervorgehoben werden, dass die Beseitigung der nationalen Unterdrückung zur nationalen Wiedergeburt der früher unterdrückten Nationen unseres Landes geführt hat, zur Entwicklung ihrer nationalen Kultur, zur Festigung der freundschaftlichen internationalen Verbindungen zwischen den Völkern unseres Landes und zum Zustandekommen einer Zusammenarbeit zwischen ihnen beim sozialistischen Aufbau.

Man muss dessen eingedenk sein, dass diese zu neuem Leben erweckten Nationen schon nicht mehr die alten, von der Bourgeoisie geführten, bürgerlichen Nationen sind, sondern neue, sozialistische Nationen, die auf den Trümmern der alten Nationen entstanden sind und von der internationalistischen Partei der werktätigen Massen geführt werden.

Im Zusammenhang damit hielt es die Partei für notwendig, den zu neuem Leben erweckten Nationen unseres Landes zu helfen, sich in ihrer ganzen Größe aufzurichten, ihre nationale Kultur zu beleben und weiterzuentwickeln, in ihrer Muttersprache Schulen, Theater und andere Kulturinstitutionen zur Entfaltung zu bringen, den Partei-, Gewerkschafts-, Genossenschafts-, Staats- und Wirtschaftsapparat zu nationalisieren, das heißt ihn seiner Zusammensetzung nach national zu gestalten, eigene, nationale Partei- und Sowjetkader heranzubilden und all den - freilich nicht zahlreichen - Elementen, die diese Politik der Partei zu hemmen versuchen, den Zaum anzulegen.

Das bedeutet, dass die Partei die Entwicklung und das Aufblühen der nationalen Kulturen der Völker unseres Landes unterstützt und unterstützen wird, dass sie die Festigung unserer neuen, sozialistischen Nationen fördern wird, dass sie sich dieser Sache annimmt und sie vor allen und jeglichen anti Lenin istischen Elementen schützen wird.

Aus Ihren Briefen geht hervor, dass Sie diese Politik unserer Partei nicht billigen. Das kommt erstens daher, dass Sie die neuen, sozialistischen Nationen mit den alten, bürgerlichen Nationen verwechseln und nicht begreifen, dass die nationalen Kulturen unserer neuen sowjetischen Nationen ihrem Inhalt nach sozialistische Kulturen sind. Das kommt zweitens daher, dass Sie - verzeihen Sie meine Grobheit - in den Fragen des Lenin ismus ernstlich hinken und sich sehr schlecht in der nationalen Frage auskennen.

Beachten Sie nur folgende elementare Frage. Wir alle sprechen von der Notwendigkeit einer Kulturrevolution in unserem Lande. Will man diese Frage ernst nehmen und nicht leeres Stroh dreschen, so muss man in dieser Richtung wenigstens den ersten Schritt tun: vor allem die Grundschulbildung und dann auch die Mittelschulbildung für alle Bürger des Landes ohne Unterschied der Nationalität obligatorisch machen. Es ist klar, dass ohne dies keinerlei kulturelle Entwicklung unseres Landes möglich ist, ganz zu schweigen von der so genannten Kulturrevolution. Mehr noch: Ohne dies wird es bei uns weder einen wirklichen Aufschwung der Industrie und der Landwirtschaft noch eine zuverlässige Landesverteidigung geben.

Wie ist das aber zu erreichen, wenn man bedenkt, dass der Prozentsatz der Analphabeten in unserem Lande immer noch sehr hoch ist, dass es in einer ganzen Reihe von Nationen unseres Landes 80 bis 90 Prozent Analphabeten gibt?

Dazu ist es notwendig, das Land mit einem weit verzweigten Netz von Schulen zu überziehen, die in der Muttersprache der einheimischen Bevölkerung unterrichten, und diese Schulen mit Lehrkräften zu versorgen, die diese Sprache beherrschen.

Dazu ist es notwendig, den ganzen Verwaltungsapparat, von dem Partei- und dem Gewerkschaftsapparat bis zu dem Staats- und dem Wirtschaftsapparat, zu nationalisieren, das heißt ihn seiner Zusammensetzung nach national zu gestalten.

Dazu ist es notwendig, Presse, Theater, Kinos und andere Kulturinstitutionen in der Muttersprache zur Entfaltung zu bringen.

Warum, fragt sich, in der Muttersprache? Eben darum, weil die Millionenmassen des Volkes in der kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklung nur in ihrer Muttersprache, in der nationalen Sprache, vorwärtskommen können.

Nach all dem Gesagten ist es, glaube ich, nicht gar so schwer zu begreifen, dass Lenin isten, natürlich wenn sie Lenin isten bleiben wollen, keine andere Politik in der nationalen Frage betreiben können als die, die jetzt in unserem Lande betrieben wird.

Ist dem nicht so?

Nun, wollen wir hier Schluss machen.

Ich glaube, ich habe auf alle Ihre Fragen und Zweifel geantwortet.

Mit kommunistischem Gruß

J. Stalin

18. März 1929.

Zum erstenmal veröffentlicht.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis