"Stalin"

Werke

Band 12

ÜBER DIE
RECHTE ABWEICHUNG IN DER KPdSU(B)

I
EINE LINIE ODER ZWEI?

Haben wir eine gemeinsame Generallinie, oder haben wir zwei Linien - das ist die grundlegende Frage, Genossen.

Rykow sagte hier in seiner Rede, dass wir eine Generallinie hätten, und wenn bei uns einige „unbedeutende“ Meinungsverschiedenheiten bestehen, so deshalb, weil es in der Auffassung von der Generallinie „Nuancen“ gäbe.

Stimmt das? Leider stimmt das nicht. Und nicht nur, dass dies nicht stimmt, es ist der Wahrheit direkt entgegengesetzt. In der Tat, wenn wir eitre Linie harn und uns nur durch Nuancen unterscheiden, warum ist Bucharin dann zu den gestrigen Trotzkisten, mit Kamenew an der Spitze, gelaufen und hat versucht, mit ihnen einen fraktionellen Block gegen das ZK und sein Politbüro zustande zu bringen? Ist es etwa nicht Tatsache, dass Bucharin dort von der „verderblichen“ Linie des ZK, von prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten Bucharins, Tomskis und Rykows mit dem ZK der Partei, von der Notwendigkeit sprach, die Zusammensetzung des Politbüros des ZK radikal zu verändern?

Wenn es eine Linie gibt, warum konspirierte Bucharin mit den gestrigen Trotzkisten gegen das ZK, und warum wurde er dabei von Rykow und Tomski unterstützt?

Wenn es eine Generallinie gibt, wie ist es dann möglich, dass ein Teil des Politbüros, der diese eine gemeinsame Generallinie verfolgt, gegen den anderen Teil des Politbüros wühlt, der die gleiche Generallinie verfolgt?

Ist etwa eine solche Politik des Überlaufens möglich, wenn es eine gemeinsame Generallinie gibt?

Wenn es eine Linie gibt, wie konnte es dann zu der Deklaration Bucharins vom 30. Januar kommen, die von Anfang bis Ende gegen das ZK und seine Generallinie gerichtet ist?

Wenn es eine Linie gibt, wie konnte es dann zu der Deklaration der Drei (Bucharin, Rykow, Tomski) vom 9. Februar kommen, in der die Partei in unverschämter und grob verleumderischer Weise beschuldigt wird: a) einer Politik der militärisch-feudalen Ausbeutung der Bauernschaft, b) einer Politik der Züchtung des Bürokratismus, c) einer Politik der Zersetzung der Komintern?

Vielleicht existieren diese Deklarationen überhaupt nicht mehr? Vielleicht werden diese Deklarationen jetzt für irrig gehalten? Vielleicht sind Rykow, Bucharin und Tomski bereit, diese unbedingt irrigen und parteifeindlichen Deklarationen zurückzunehmen? So sollen sie uns das offen und ehrlich sagen. Dann wird für einen jeden klar sein, dass wir eine Linie haben und uns nur durch unbedeutende Nuancen unterscheiden. Aber sie wollten dies nicht tun, wie aus den Reden Bucharins, Rykows und Tomskis hervorgeht. Und nicht nur, dass sie das nicht tun wollten, sie haben auch nicht die Absicht, sich in Zukunft von ihren Deklarationen loszusagen, denn sie erklären, dass sie bei ihren in diesen Deklarationen dargelegten Meinungen verharren.

Wo ist denn dann die eine gemeinsame Generallinie?

Wenn es eine Linie gibt und wenn die Linie der Partei nach Meinung der Bucharingruppe darin besteht, eine Politik der militärisch-feudalen Ausbeutung der Bauernschaft durchzuführen, wollen denn dann Bucharin, Rykow und Tomski wirklich diese verderbliche Politik gemeinsam mit uns durchführen, statt sie zu bekämpfen? Das ist doch purer Unsinn.

Wenn es eine Linie gibt und wenn die Linie der Partei nach Meinung der Bucharinschen Opposition darin besteht, den Bürokratismus zu züchten, wollen denn dann Rykow, Bucharin und Tomski wirklich den Bürokratismus zusammen mit uns in der Partei züchten, statt ihn zu bekämpfen? Das ist doch purer Blödsinn.

Wenn es eine Linie gibt und wenn die Linie der Partei nach Meinung der Bucharinschen Opposition darin besteht, die Komintern zu zersetzen, wollen denn dann Rykow, Bucharin und Tomski wirklich die Komintern zusammen mit uns zersetzen, statt die Politik der Zersetzung der Komintern zu bekämpfen? Wie kann man eine solche Absurdität glauben?

Nein, Genossen, mit Rykows Erklärung, dass wir eine gemeinsame Linie haben, stimmt etwas nicht. Wie man es auch nimmt, die Sache mit der einen gemeinsamen Linie kommt nicht heraus, wenn man sich die soeben angeführten Tatsachen bezüglich der Deklarationen und des Verhaltens der Bucharingruppe vor Augen führt.

Wenn es eine Linie gibt, wie konnte es dann bei Bucharin, Rykow und Tomski zu ihrer Demissionspolitik kommen? Kann man sich vorstellen, dass, wenn eine gemeinsame Generallinie besteht, ein Teil des Politbüros sich systematisch weigert, wiederholt gefasste Beschlüsse des ZK der Partei durchzuführen, und ein halbes Jahr lang die Arbeit in der Partei fortgesetzt sabotiert? Wie konnte es zu dieser desorganisierenden Denussionspolitik kommen, die ein Teil des Politbüros mit Fleiß betreibt, wenn wir wirklich eine gemeinsame Generallinie haben?

Die Geschichte. unserer Partei kennt Beispiele einer Demissionspolitik.

Bekannt ist zum Beispiel, dass am Tage nach der Oktoberrevolution ein Teil der Genossen, mit Kamenew und Sinowjew an der Spitze, die ihnen angetragenen Posten ablehnten und eine Änderung der Politik der Partei verlangten. Bekanntlich begründeten sie damals ihre Demissionspolitik mit der Forderung, eine Koalitionsregierung zusammen mit den Nienschewiki und Sozialrevolutionären zu bilden, im Gegensatz zum ZK unserer Partei, das die Politik der Bildung einer rein bolschewistischen Regierung verfolgte. Aber damals hatte die Demissionspolitik einen Sinn, weil sie sich auf das Vorhandensein zweier verschiedener Linien gründete, von denen die eine darin bestand, eine rein bolschewistische Regierung zu bilden, während die andere darin bestand, eine Koalitionsregierung zusammen mit den Menschewiki und Sozialrevolutionären zu bilden. Das war klar und verständlich. Doch es entbehrt jeder, aber auch jeder Logik, wenn die Bucharinsche Opposition einerseits die Einheit der Generallinie verkündet und anderseits eine bei Sinowjew und Kamenew aus der Periode des Oktoberumsturzes entlehnte Demissionspolitik betreibt.

Eins von beiden: Entweder gibt es eine Linie - und dann ist die Demissionspolitik Bucharins und seiner Freunde unverständlich und unerklärlich; oder wir haben zwei Linien - und dann ist die Demissionspolitik durchaus verständlich und erklärlich.

Wenn es eine Linie gibt, wie konnte es dann dazu kommen, dass die Drei aus dem Politbüro, Rykow, Bucharin und Tomski, es für möglich erachteten, sich im Politbüro bei der Annahme der grundlegenden Thesen über den Fünfjahrplan und über die Bauernfrage der Stimme zu enthalten? Gibt es denn so etwas, dass man eine Generallinie hat, ein Teil der Genossen aber in den grundlegenden Fragen der Wirtschaftspolitik sich der Stimme enthält? Nein, Genossen, solche Wunder gibt es nicht auf der Welt.

Schließlich, wenn es eine Linie gibt und wir uns nur durch Nuancen unterscheiden, warum lehnten dann die Genossen aus der Bucharinschen Opposition, Bucharin, Rykow und Tomski, den Kompromissvorschlag der Kommission des Politbüros vorn 7. Februar dieses Jahres ab? Ist es etwa nicht Tatsache, dass dieses Kompromiss der Bucharingruppe einen durchaus annehmbaren Ausweg aus der Sackgasse bot, in die sie sich selbst verrannt hat?

Hier ist der Wortlaut dieses Kompromisses, das am 7. Februar dieses Jahres von der Mehrheit des ZK vorgeschlagen wurde:

„Aus dem Meinungsaustausch in der Kommission ergab sich:

1. Bucharin erkennt die Verhandlungen mit Kamenew als politischen Fehler an;

2. Bucharin erkennt an, dass die in seiner ‚Erklärung' vom 30. Januar 1929 aufgestellten Behauptungen, wonach das ZK faktisch eine Politik der ,militärisch-feudalen Ausbeutung der Bauernschaft' durchführe, die Komintern zersetze und Bürokratismus in der Partei züchte - dass alle diese Behauptungen von ihm unüberlegt, im Eifer der Polemik aufgestellt wurden, dass er diese Behauptungen nicht mehr aufrechterhält und der Ansicht ist, dass er keine Differenzen mit dem ZK in diesen Fragen hat;

3. Bucharin erkennt auf Grund dessen an, dass eine einträchtige Arbeit im Politbüro möglich und notwendig ist;

4. Bucharin macht seine Demission rückgängig, sowohl, was seine Arbeit in der ,Prawda' als auch, was seine Arbeit in der Komintern anbelangt;

5. Bucharin nimmt in Anbetracht dessen seine Erklärung vom 30. Januar zurück.

Auf Grund des oben Dargelegten hält die Kommission es für möglich, davon Abstand zu nehmen, ihren Resolutionsentwurf mit der politischen Einschätzung der Fehler Bucharins der gemeinsamen Sitzung des Politbüros und des Präsidiums der ZKK zu unterbreiten, und schlägt der gemeinsamen Sitzung des Politbüros und des Präsidiums der ZKK vor, alle vorhandenen Dokumente (das Stenogramm der Reden usw.) einzuziehen,

Die Kommission schlägt dem Politbüro und dem Präsidium der ZKK vor, Bucharin alle Bedingungen zu gewährleisten, die er braucht, um als verantwortlicher Redakteur der ‚Prawda' und als Sekretär des EKKI normal arbeiten zu können.“

Warum haben Bucharin und seine Freunde dieses Kompromiss abgelehnt, wenn wir tatsächlich eine Linie haben und uns nur durch unbedeutende Nuancen unterscheiden? Ist es denn schwer zu begreifen, dass Bucharin und seine Freunde mit aller Kraft hätten zupacken und diesen Kompromissvorschlag des Politbüros hätten annehmen müssen, um dadurch die innerparteiliche Lage zu entspannen und eine Atmosphäre einmütiger und einträchtiger Arbeit im Politbüro zu schaffen?

Man redet von Einheit der Partei, von kollegialer Arbeit im Politbüro. Aber ist es denn nicht klar, dass jeder, der wirklich die Einheit will und dem die Kollegialität in der Arbeit am Herzen liegt, dieses Kompromiss hätte annehmen müssen? Warum haben dann Bucharin und seine Freunde dieses Kompromiss abgelehnt?

Ist es denn nicht klar, dass es, wenn wir eine Linie hätten, weder die Deklaration der Drei vom 9. Februar geben könnte noch die Ablehnung des vom Politbüro des ZK vorgeschlagenen Kompromisses durch Bucharin und seine Freunde?

Nein, Genossen, die Sache mit der einen gemeinsamen Linie kommt bei Ihnen nicht heraus, wenn man sich die oben dargelegten Tatsachen vor Augen führt.

Es ergibt sich, dass wir in Wirklichkeit nicht eine Linie haben, sondern zwei Linien, von denen die eine die Linie des ZK und die andere - die Linie der Bucharingruppe ist.

Rykow sprach die Unwahrheit, als er in seiner Rede erklärte, dass wir eine Generallinie hätten. Damit wollte er seine eigene, sich von der Linie der Partei unterscheidende Linie verschleiern, um seine Wühlarbeit gegen die Linie der Partei im geheimen zu betreiben. Die Politik des Opportunismus besteht ja gerade darin, die Meinungsverschiedenheiten zu verkleistern, die wirkliche Lage innerhalb der Partei zu vertuschen, seine eigene Position zu verschleiern und es der Partei unmöglich zu machen, volle Klarheit zu gewinnen.

Wozu braucht der Opportunismus eine solche Politik? Er braucht sie, um unter dem Deckmantel des Geschwätzes von der Einheit der Linie in Wirklichkeit seine eigene, sich von der Linie der Partei unterscheidende Linie zu verfolgen. In seiner Rede auf dem jetzigen Plenum des ZK und der ZKK hat Rykow diesen opportunistischen Standpunkt eingenommen.

Wollen Sie hören, wie Genosse Lenin in einem seiner Artikel den Opportunisten überhaupt charakterisiert? Diese Charakteristik ist für uns nicht nur wegen ihrer allgemeinen Bedeutung wichtig, sondern auch, weil sie voll und ganz auf Rykow zutrifft.

Folgendes sagt Lenin über die Besonderheiten des Opportunismus und der Opportunisten:

„Wenn man vom Kampf gegen den Opportunismus spricht, so darf man nie die charakteristischen Züge des ganzen heutigen Opportunismus auf allen Gebieten vergessen: seine Unbestimmtheit, Verschwommenheit, Ungreifbarkeit. Seiner ganzen Natur nach geht der Opportunist stets einer eindeutigen und unwiderruflichen Fragestellung aus dem Wege; er sucht eine Resultante, windet sich wie eine Schlange zwischen Standpunkten, die sich gegenseitig ausschließen, und bemüht sich, mit dem einen und mit dem andern ,einverstanden zu sein', wobei er seine Meinungsverschiedenheiten auf kleine Verbesserungsanträge, Zweifel, gute und unschuldige Wünsche usw. usw. beschränkt.“ (4. Ausgabe, Bd. 7, S. 373 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. I, S. 406].)

Das ist sie, die Physiognomie des Opportunisten, der Klarheit und Eindeutigkeit fürchtet und bemüht ist, die wirkliche Lage der Dinge zu verkleistern, die wirklichen Meinungsverschiedenheiten in der Partei zu vertuschen.

Ja, Genossen, man muss es verstehen, der Wirklichkeit direkt ins Auge zu sehen, so unangenehm sie auch sein mag. Verhüte Gott, dass wir uns von der Krankheit anstecken lassen, die Furcht vor der Wahrheit heißt. Die Bolschewiki unterscheiden sich von jeder anderen Partei unter anderem gerade dadurch, dass sie die Wahrheit nicht fürchten, dass sie sich nicht fürchten, der Wahrheit ins Auge zu sehen, so bitter sie auch sein mag. Und die Wahrheit besteht im gegebenen Fall darin, dass wir in Wirklichkeit keine gemeinsame Linie haben. Es gibt eine Linie, die Linie der Partei, die revolutionäre, die Lenin sche Linie. Daneben aber besteht eine andere Linie, die Linie der Bucharingruppe, die einen Kampf führt gegen die Linie der Partei mittels parteifeindlicher Deklarationen, mittels Demissionen, mittels Verleumdungen der Partei, mittels versteckter Wühltätigkeit gegen die Partei, mittels Verhandlungen hinter den Kulissen mit den gestrigen Trotzkisten zwecks Organisierung eines parteifeindlichen Blocks. Diese zweite Linie ist eine opportunistische Linie.

Das ist eine Tatsache, die sich durch keinerlei diplomatische Reden, durch keinerlei spitzfindige Erklärungen über das Vorhandensein einer einheitlichen Linie usw. usf. vertuschen lässt.

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