"Stalin"

Werke

Band 12

ÜBER DIE
RECHTE ABWEICHUNG IN DER KPdSU(B)

III
DIE MEINUNGSVERSCHIEDENHEITEN IN DEN FRAGEN
DER KOMINTERN

Ich habe bereits gesagt, dass Bucharin die neuen Aufgaben der Komintern hinsichtlich der Verjagung der Rechten aus den kommunistischen Parteien, der Bändigung des Versöhnlertums und der Säuberung der kommunistischen Parteien von sozialdemokratischen Traditionen, die uns durch die heranreifenden Voraussetzungen des neuen revolutionären Aufschwungs auferlegt werden, nicht sieht und nicht begreift. Diese Behauptung wurde durch unsere Meinungsverschiedenheiten in den Fragen der Komintern restlos bestätigt.

Womit begannen die Meinungsverschiedenheiten auf diesem Gebiet?

Die Sache begann mit den auf dem VI. Kongress[3] eingebrachten Thesen Bucharins zur internationalen Lage. Gewöhnlich wurden Thesen vorher in der Delegation der KPdSU(B) behandelt. Diesmal jedoch wurde diese Bedingung nicht eingehalten. Es kam so, dass die von Bucharin unterzeichneten Thesen, die an die Delegation der KPdSU(B) gerichtet waren, gleichzeitig den ausländischen Delegationen des VI. Kongresses zugestellt wurden. Die Thesen erwiesen sich jedoch in einer ganzen Reihe von Punkten als unbefriedigend. Die Delegation der KPdSU(B) musste an den Thesen etwa 20 Abänderungen vornehmen.

Dieser Umstand hat Bucharin in eine etwas peinliche Lage gebracht. Aber wer ist daran schuld? Wozu brauchte Bucharin die Thesen vor ihrer Behandlung in der Delegation der KPdSU(B) den ausländischen Delegationen zuzustellen? Konnte es die Delegation der KPdSU(B) unterlassen, Abänderungen vorzunehmen, wenn die Thesen sich als unbefriedigend erwiesen? So geschah es nun, dass die Delegation der KPdSU(B) faktisch neue Thesen zur internationalen Lage einbrachte, die die ausländischen Delegationen den alten, von Bucharin unterzeichneten Thesen gegenüberzustellen begannen. Es ist klar, dass es zu dieser peinlichen Lage nicht gekommen wäre, wenn sich Bucharin mit der Zustellung seiner Thesen an die ausländischen Delegationen nicht übereilt hätte.

Ich möchte vier grundlegende Abänderungen hervorheben, die von der Delegation der KPdSU(B) an den Thesen Bucharins vorgenommen wurden. Ich möchte diese grundlegenden Abänderungen hervorheben, um den Charakter der Meinungsverschiedenheiten in den Fragen der Komintern klarer zu demonstrieren.

Die erste Frage - das ist die Frage nach dem Charakter der Stabilisierung des Kapitalismus. Nach den Thesen Bucharins sah es so aus, als ob gegenwärtig nichts Neues geschehe, was die kapitalistische Stabilisierung zerrüttet, als ob der Kapitalismus im Gegenteil sich rekonstruiere und im Wesentlichen mehr oder weniger fest dastehe. Es ist klar, dass die Delegation der KPdSU(B) mit einer solchen Charakteristik der so genannten dritten Periode, das heißt der Periode, die wir jetzt durchmachen, nicht einverstanden sein konnte. Sie konnte damit nicht einverstanden sein, da die Beibehaltung einer solchen Charakteristik der dritten Periode unseren Kritikern Anlass geben könnte, davon zu sprechen, dass wir uns auf den Standpunkt der so genannten „Gesundung“ des Kapitalismus stellen, das heißt auf den Standpunkt Hilferdings, auf einen Standpunkt, auf dem wir Kommunisten nicht stehen können. Darum hat die Delegation der KPdSU(B) eine Abänderung vorgenommen, aus der ersichtlich ist, dass die kapitalistische Stabilisierung nicht fest ist und nicht fest sein kann, dass sie durch den Gang der Ereignisse, in Anbetracht der Verschärfung der Krise des Weltkapitalismus, zerrüttet wird und auch weiter zerrüttet werden wird.

Diese Frage, Genossen, ist für die Sektionen der Komintern von entscheidender Bedeutung. Ob die kapitalistische Stabilisierung zerrüttet wird oder sich festigt - davon hängt die ganze Einstellung der kommunistischen Parteien in ihrer tagtäglichen politischen Arbeit ab. Ob wir eine Periode des Niedergangs der revolutionären Bewegung, eine Periode einfacher Kräftesammlung durchmachen oder eine Periode, in der die Voraussetzungen eines neuen revolutionären Aufschwungs heranreifen, eine Periode der Vorbereitung der Arbeiterklasse zu den kommenden Klassenkämpfen - davon hängt die taktische Einstellung der kommunistischen Parteien ab. Die von der Delegation der KPdSU(B) vorgenommene Abänderung, die dann vom Kongress angenommen wurde, ist gerade deshalb gut, weil sie eine klare Einstellung auf die zweite Perspektive gibt, auf die Perspektive des Heranreifens der Voraussetzungen für einen neuen revolutionären Aufschwung.

Die zweite Frage - das ist die Frage des Kampfes gegen die Sozialdemokratie. In den Thesen Bucharins war davon die Rede, dass der Kampf gegen die Sozialdemokratie eine der Hauptaufgaben der Sektionen der Komintern ist. Das ist natürlich richtig. Aber das ist ungenügend. Damit der Kampf gegen die Sozialdemokratie mit Erfolg geführt wird, ist es notwendig, die Frage auf den Kampf gegen den so genannten „linken“ Flügel der Sozialdemokratie zuzuspitzen, gegen denselben „linken“ Flügel, der mit „linken“ Phrasen spielt, mit ihrer Hilfe die Arbeiter geschickt betrügt und dadurch den Prozess der Abkehr der Arbeitermassen von der Sozialdemokratie hemmt. Es ist klar, dass die Überwindung der Sozialdemokratie überhaupt unmöglich ist, ohne die „linken“ Sozialdemokraten vernichtend zu schlagen. Indessen wurde in den Thesen Bucharins die Frage der „linken“ Sozialdemokratie vollständig umgangen. Das ist natürlich ein großer Mangel. Deshalb musste die Delegation der KPdSU(B) eine entsprechende Abänderung an den Thesen Bucharins vornehmen, die dann vom Kongress auch angenommen wurde.

Die dritte Frage - das ist die Frage des Versöhnlertums in den Sektionen der Komintern. In den Thesen Bucharins war die Rede von der Notwendigkeit, gegen die rechte Abweichung zu kämpfen, aber in ihnen war kein einziges Wort über den Kampf gegen das Versöhnlertum gegenüber der rechten Abweichung zu finden. Das ist natürlich ein großer Mangel. Die Sache ist die: Wird der rechten Abweichung der Krieg erklärt, dann geben sich die rechten Abweichler gewöhnlich als Versöhnler aus und bringen die Partei in eine schwierige Lage. Um diesem Manöver der rechten Abweichler vorzubeugen, ist es notwendig, die Frage des entschlossenen Kampfes gegen das Versöhnlertum aufzuwerfen. Daher hat es die Delegation der KPdSU(B) für notwendig gehalten, an den Thesen Bucharins eine entsprechende Abänderung vorzunehmen, die dann vom Kongress auch angenommen wurde.

Die vierte Frage - das ist die Frage der Parteidisziplin. In den Thesen Bucharins wurde nicht erwähnt, dass die Wahrung einer eisernen Disziplin in den kommunistischen Parteien eine Notwendigkeit ist. Das ist ebenfalls ein nicht unwichtiger Mangel. Warum? Weil die rechten Abweichler zu einer Zeit, da der Kampf gegen die rechte Abweichung verstärkt wird, da die Losung der Säuberung der kommunistischen Parteien von opportunistischen Elementen durchgeführt wird, sich gewöhnlich zu einer Fraktion organisieren, ihre eigene Fraktionsdisziplin schaffen, die Disziplin der Partei aber brechen und zerstören. Um die Partei vor fraktionellen Ausfällen der rechten Abweichler zu schützen, ist es notwendig, die Frage der eisernen Parteidisziplin und der unbedingten Unterordnung der Parteimitglieder unter diese Disziplin aufzuwerfen. Ohne dies ist an einen ernsthaften Kampf gegen die rechte Abweichung gar nicht zu denken. Deshalb hat die Delegation der KPdSU(B) an den Thesen Bucharins eine entsprechende Abänderung vorgenommen, die dann vom VI. Kongress auch angenommen wurde.

Konnten wir darauf verzichten, diese Abänderungen an den Thesen Bucharins vorzunehmen? Es ist klar, dass wir das nicht konnten. Im Altertum sagte man von dem Philosophen Plato: Wir lieben Plato, die Wahrheit aber noch mehr. Dasselbe könnte man auch von Bucharin sagen: Wir lieben Bucharin, aber die Wahrheit, aber die Partei, aber die Komintern lieben wir noch mehr. Deshalb sah sich die Delegation der KPdSU(B) gezwungen, diese Abänderungen an den Thesen Bucharins vorzunehmen.

Das ist sozusagen die erste Etappe unserer Meinungsverschiedenheiten in den Fragen der Komintern.

Die zweite Etappe unserer Meinungsverschiedenheiten hängt mit der so genannten Sache Wittorf und Thälmann zusammen. Wittorf ist der frühere Sekretär der Hamburger Organisation, der der Veruntreuung von Parteigeldern beschuldigt wurde. Er wurde deswegen aus der Partei ausgeschlossen. Die Versöhnler im ZK der deutschen Kommunistischen Partei nutzten die nahe Bekanntschaft Wittorf mit Genossen Thälmann aus - obwohl Genosse Thälmann nichts mit dem Verbrechen Wittorf zu tun hatte -, um die Sache Wittorf in eine Sache Thälmann zu verwandeln, und versuchten, die Führung der deutschen Kommunistischen Partei zu stürzen. Sie wissen wohl schon aus den Presseberichten, dass es den Versöhnlern Ewert und Gerhart damals gelungen war, vorübergehend die Mehrheit des ZK der deutschen Kommunistischen Partei gegen Genossen Thälmann mit sich zu reißen. Und was geschah? Sie entfernten Thälmann von der Führung, beschuldigten ihn der Korruption und veröffentlichten eine „entsprechende“ Resolution ohne Wissen und Sanktion des Exekutivkomitees der Komintern.

Auf diese Weise ergab sich faktisch statt einer Durchführung der Direktive des VI. Kongresses der Komintern über den Kampf gegen das Versöhnlertum, statt eines Kampfes gegen die rechte Abweichung und das Versöhnlertum die gröbste Verletzung dieser Direktive, ergab sich ein Kampf gegen die revolutionäre Führung der deutschen Kommunistischen Partei, ein Kampf gegen Genossen Thälmann, ein Kampf, der die Bemäntelung der rechten Abweichung und die Festigung des Versöhnlertums in den Reihen der deutschen Kommunisten bezweckte.

Anstatt nun das Steuer herumzuwerfen und die Sache in Ordnung zu bringen, anstatt der verletzten Direktive des VI. Kongresses wieder Geltung zu verschaffen, die Versöhnler zurechtzuweisen, schlägt Bucharin in seinem bekannten Brief vor, den Handstreich der Versöhnler zu sanktionieren, die KPD den Versöhnlern auszuliefern und Genossen Thälmann aufs neue in der Presse zu diffamieren, indem man nochmals erklärt, er sei schuldig. Und das nennt sich „Führer“ der Komintern! Ja, gibt es denn in der Welt solche „Führer“?

Das ZK beriet über den Vorschlag Bucharins und lehnte ihn ab. Das hat natürlich Bucharin nicht gefallen. Aber wer ist denn da schuld? Die Beschlüsse des VI. Kongresses wurden nicht dazu angenommen, um sie zu verletzen, sondern um sie durchzuführen. Wenn der VI. Kongress beschlossen hat, der rechten Abweichung und dem Versöhnlertum ihr gegenüber den Kampf anzusagen und dem Grundkern der deutschen Kommunistischen Partei mit Genossen Thälmann an der Spitze die Führung zu belassen, und wenn es den Versöhnlern Ewert und Gerhart einfiel, diesen Beschluss umzustoßen, so war es Bucharins Pflicht, die Versöhnler zurechtzuweisen, nicht aber ihnen die Führung der deutschen Kommunistischen Partei auszuliefern. Schuld ist Bucharin, der die Beschlüsse des VI. Kongresses „vergessen“ hat.

Die dritte Etappe unserer Meinungsverschiedenheiten hängt mit der Frage des Kampfes gegen die Rechten in der deutschen Kommunistischen Partei zusammen, mit der Frage der Zertrümmerung der Fraktion Brandlers und Thalheimers und des Ausschlusses der Führer dieser Fraktion aus der deutschen Kommunistischen Partei. Die „Position“ Bucharins und seiner Freunde bestand in dieser Kardinalfrage darin, dass sie die ganze Zeit auswichen, an der Entscheidung dieser Frage teilzunehmen. Faktisch ging es um das Schicksal der deutschen Kommunistischen Partei. Bucharin und seine Freunde aber, die das wussten, hintertrieben trotzdem die ganze Zeit diese Sache, indem sie systematisch auswichen, an den Sitzungen der entsprechenden Instanzen teilzunehmen. Weshalb? Wahrscheinlich, um „rein“ zu bleiben, sowohl vor der Komintern als auch vor den Rechten in der deutschen Kommunistischen Partei. Um nachher sagen zu können: „Nicht wir, die Bucharinleute, sondern sie, die Mehrheit des ZK, haben den Ausschluss Brandlers und Thalheimers aus der Kommunistischen Partei durchgesetzt.“ Und das nennt sich Kampf gegen die rechte Gefahr!

Schließlich die vierte Etappe unserer Meinungsverschiedenheiten. Sie hängt mit der vor dem Novemberplenum des ZK[4] erhobenen Forderung Bucharins zusammen, Neumann aus Deutschland abzuberufen und Genossen Thälmann zurechtzuweisen, der angeblich in einer seiner Reden Kritik an dem Bericht Bucharins auf dem VI. Kongress geübt habe. Wir konnten uns natürlich mit Bucharin nicht einverstanden erklären, da wir keinerlei Dokumente in Händen hatten, die die Forderung Bucharins bekräftigt hätten. Bucharin versprach, Dokumente gegen Neumann und Thälmann vorzulegen. Er hat jedoch keinerlei Dokumente vorgelegt. An Stelle von Dokumenten versandte er an die Mitglieder der Delegation der KPdSU(B) die bekannte Rede von Humbert-Droz im Politischen Sekretariat des EKKI, dieselbe Rede, die nachher vom Präsidium des EKKI als eine opportunistische Rede qualifiziert wurde. Bucharin wollte dadurch, dass er die Rede von Humbert-Droz an die Mitglieder der Delegation der KPdSU(B) versandte und sie als Material gegen Thälmann empfahl, beweisen, dass seine Forderung, Neumann abzuberufen und Genossen Thälmann zurechtzuweisen, richtig sei. In Wirklichkeit aber hat er dadurch bewiesen, dass er mit Humbert-Droz, dessen Position das EKKI als opportunistische Position ansieht, solidarisch ist.

Das, Genossen, sind die Hauptpunkte unserer Meinungsverschiedenheiten in den Fragen der Komintern.

Bucharin glaubt, dass wir durch den Kampf gegen die rechte Abweichung und das Versöhnlertum ihr gegenüber in den Sektionen der Komintern, durch die Säuberung der deutschen und der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei von sozialdemokratischen Elementen und Traditionen und durch den Ausschluss der Brandler und Thalheimer aus den kommunistischen Parteien die Komintern „zersetzen“, die Komintern „zugrunde richten“. Wir dagegen meinen, dass wir durch Befolgung einer solchen Politik und durch Zuspitzung der Frage auf den Kampf gegen die rechte Abweichung und das Versöhnlertum ihr gegenüber die Komintern festigen, sie von Opportunisten säubern, ihre Sektionen bolschewisieren und den kommunistischen Parteien helfen, die Arbeiterklasse für die kommenden revolutionären Kämpfe vorzubereiten, denn die Partei wird dadurch gestärkt, dass sie sich von Unrat säubert.

Sie sehen, dass das nicht einfach Schattierungen in den Reihen des ZK der KPdSU(B) sind, sondern ziemlich ernste Meinungsverschiedenheiten in den Grundfragen der Politik der Komintern.

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