"Stalin"

Werke

Band 12

ÜBER DIE
RECHTE ABWEICHUNG IN DER KPdSU(B)

IV
DIE MEINUNGSVERSCHIEDENHEITEN IN DEN FRAGEN
DER INNEREN POLITIK

Ich sprach oben von den klassenmäßigen Veränderungen und vom Klassenkampf in unserem Lande. Ich sagte, dass die Bucharingruppe mit Blindheit geschlagen ist, dass sie diese Veränderungen nicht sieht und die neuen Aufgaben der Partei nicht versteht. Ich sagte, dass auf diesem Boden bei der Bucharinschen Opposition Ratlosigkeit, Angst vor den Schwierigkeiten und die Bereitschaft, vor ihnen zu kapitulieren, entstanden sind.

Man kann nicht sagen, dass diese Fehler der Bucharinleute vom Himmel gefallen sind. Im Gegenteil, sie stehen in Zusammenhang mit jener Entwicklungsphase, die wir bereits hinter uns haben und die die Periode der Wiederherstellung der Volkswirtschaft genannt wird, in der der Aufbau auf friedlichem Wege, sozusagen im Selbstlauf, vor sich ging, in der es jene klassenmäßigen Veränderungen noch nicht gab, die es jetzt gibt, in der es die Verschärfung des Klassenkampfes noch nicht gab, die wir jetzt beobachten.

Jetzt aber haben wir eine neue Entwicklungsphase, die sich von der alten Periode, von der Wiederherstellungsperiode, unterscheidet. Jetzt haben wir eine neue Periode des Aufbaus, die Periode der Rekonstruktion der gesamten Volkswirtschaft auf der Basis des Sozialismus. Diese neue Periode ruft nute klassenmäßige Veränderungen, eine Verschärfung des Klassenkampfes hervor. Sie erfordert neue Kampfmethoden, eine Umgruppierung unserer Kräfte, die Verbesserung und Festigung aller unserer Organisationen.

Das Unglück der Bucharingruppe besteht ja gerade darin, dass sie in der Vergangenheit lebt, die charakteristischen Besonderheiten dieser neuen Periode nicht sieht und die Notwendigkeit neuer Kampfmethoden nicht begreift. Daher ihre Blindheit, ihre Ratlosigkeit, ihre panische Angst vor den Schwierigkeiten.

a) Über den Klassenkampf

Worin besteht die theoretische Grundlage dieser Blindheit und dieser Ratlosigkeit der Bucharingruppe?

Ich glaube, die theoretische Grundlage dieser Blindheit und Ratlosigkeit besteht darin, dass Bucharin falsch, unmarxistisch an die Frage des Klassenkampfes in unserem Lande herangeht. Ich meine damit die unmarxistische Theorie Bucharins vom Hineinwachsen des Kulakentums in den Sozialismus, sein Unverständnis für die Mechanik des Klassenkampfes unter den Verhältnissen der Diktatur des Proletariats.

Hier wurde einige Male die bekannte Stelle über das Hineinwachsen des Kulakentums in den Sozialismus aus der Schrift Bucharins „Der Weg zum Sozialismus“ zitiert. Aber sie wurde hier mit einigen Auslassungen zitiert. Gestatten Sie mir, sie vollständig zu zitieren. Das ist notwendig, Genossen, um aufzuzeigen, wie sehr Bucharin von der marxistischen Theorie des Klassenkampfes abgerückt ist.

Hören Sie:

„Das Hauptnetz unserer genossenschaftlichen Bauernorganisationen wird aus genossenschaftlichen Zellen bestehen, nicht von kulakischem, sondern von ‚werktätigem' Typus, aus Zellen, die in das System unserer allgemein-staatlichen Organe hineinwachsen und auf diesem Wege zu gliedern einer einheitlichen Kette der sozialistischen Wirtschaft werden. Anderseits werden die kulakischen Kooperativnester genauso durch die Banken usw. in dasselbe System hineinwachsen; aber sie werden bis zu einem gewissen grade ein Fremdkörper sein, ähnlich wie zum Beispiel die Konzessionsunternehmungen!“

Beim Zitieren dieser Stelle aus der Broschüre Bucharins haben einige Genossen aus irgendeinem Grunde den letzten Satz, den über die Konzessionäre, ausgelassen. Rosit nutzte dies aus, anscheinend weil er Bucharin helfen wollte, und machte hier den Zwischenruf, dass man Bucharin entstelle. Indes ist in dem ganzen Zitat der springende Punkt gerade der letzte Satz, der über die Konzessionäre. Denn wenn die Konzessionäre mit den Kulaken auf eine Stufe gestellt werden, die Kulaken aber in den Sozialismus hineinwachsen, was kommt dann dabei heraus? Es kommt dabei nur heraus, dass die Konzessionäre ebenfalls in den Sozialismus hineinwachsen, dass nicht nur die Kulaken, sondern auch die Konzessionäre in den Sozialismus hineinwachsen. (Allgemeine Heiterkeit.)

Sehen Sie, was dabei herauskommt.

Rosit. Bei Bucharin heißt es „Fremdkörper“.

Stalin. Bei Bucharin heißt es nicht „Fremdkörper“, sondern „bis zu einem gewissen Grade ein Fremdkörper“. Die Kulaken und Konzessionäre sind also „bis zu einem gewissen Grade“ ein Fremdkörper im System des Sozialismus. Aber gerade darin besteht der Fehler Bucharins, dass die Kulaken und Konzessionäre, die zwar „bis zu einem gewissen Grade“ ein Fremdkörper sind, dennoch in den Sozialismus hineinwachsen.

Zu einem solchen Unsinn führt also die Theorie Bucharins.

Kapitalisten in Stadt und Land, Kulaken und Konzessionäre, die in den Sozialismus hineinwachsen - bis zu einer solchen Dummheit hat sich Bucharin verstiegen.

Nein, Genossen, einen solchen „Sozialismus“ brauchen wir nicht. Soll Bucharin ihn für sich behalten.

Bisher haben wir Marxisten- Lenin isten gemeint, dass zwischen den Kapitalisten in Stadt und Land einerseits und der Arbeiterklasse anderseits ein unversöhnlicher Interessengegensatz besteht. Gerade darauf beruht ja die marxistische Theorie des Klassenkampfes. Jetzt aber wird, nach der Theorie Bucharins vom friedlichen Hineinwachsen der Kapitalisten in den Sozialismus, dies alles umgekrempelt, der unversöhnliche Gegensatz der Klasseninteressen der Ausbeuter und der Ausgebeuteten verschwindet, die Ausbeuter wachsen in den Sozialismus hinein.

Rosit. Das ist nicht richtig, die Diktatur des Proletariats wird vorausgesetzt.

Stalin. Aber die Diktatur des Proletariats ist die schärfste Form des Klassenkampfes.

Rosit. Das ist es ja gerade.

Stalin. Aber bei Bucharin ist es so, dass die Kapitalisten eben in diese Diktatur des Proletariats hineinwachsen. Wieso verstehen Sie das nicht, Rosit? Gegen wen soll man denn den Kampf führen, gegen wen soll man denn den Klassenkampf in seiner schärfsten Form führen, wenn die Kapitalisten in Stadt und Land in das System der Diktatur des Proletariats hineinwachsen?

Die Diktatur des Proletariats ist nötig, um einen unversöhnlichen Kampf gegen die kapitalistischen Elemente zu führen, um die Bourgeoisie zu unterdrücken und den Kapitalismus mit den Wurzeln auszureißen. Wenn aber die Kapitalisten in Stadt und Land, wenn der Kulak und der Konzessionär in den Sozialismus hineinwachsen, ist da überhaupt noch eine Diktatur des Proletariats nötig, und wenn sie nötig ist, dann zur Unterdrückung welcher Klasse?

Rosit. Das ist es ja gerade, dass das Hineinwachsen bei Bucharin den Klassenkampf voraussetzt.

Stalin. Ich sehe, dass Rosit sich geschworen hat, Bucharin einen Dienst zu erweisen. Aber bei ihm wird daraus ein Bärendienst, denn indem er Bucharin retten will, richtet er ihn in Wirklichkeit ganz und gar zugrunde. Nicht umsonst heißt es, „ein dienstfertiger Bär ist schlimmer als ein Feind“. (Allgemeine Heiterkeit.)

Eins von beiden: Entweder besteht zwischen der Klasse der Kapitalisten und der Klasse der Arbeiter, die an die Macht gelangt sind und ihre Diktatur organisiert haben, ein unversöhnlicher Interessengegensatz, oder dieser Interessengegensatz besteht nicht, und dann bleibt nur eins übrig - die Harmonie der Klasseninteressen zu verkünden.

Eins von beiden:

Entweder die Marxsche Theorie des Klassenkampfes oder die Theorie des Hineinwachsens der Kapitalisten in den Sozialismus;

entweder unversöhnlicher Gegensatz der Klasseninteressen oder die Theorie der Harmonie der Klasseninteressen.

Man kann noch die „Sozialisten“ vorn Schlage Brentanos oder Sidney Webbs verstehen, die das Hineinwachsen des Sozialismus in den Kapitalismus und des Kapitalismus in den Sozialismus predigen, denn diese „Sozialisten“ sind tatsächlich Antisozialisten, bürgerliche Liberale. Aber man kann einen Menschen nicht verstehen, der Marxist sein will und zugleich die Theorie des Hineinwachsens der Kapitalistenklasse in den Sozialismus predigt.

Bucharin versuchte in seiner Rede, die Theorie des Hineinwachsens des Kulakentums in den Sozialismus durch den Hinweis auf ein bekanntes Lenin -Zitat zu bekräftigen. Dabei behauptet er, dass Lenin dasselbe sage wie Bucharin.

Das ist nicht richtig, Genossen. Das ist eine grobe und unstatthafte Verleumdung Lenin s.

Hier der Text dieses Lenin -Zitats:

„Natürlich beruht die soziale Ordnung in unserer Sowjetrepublik auf der Zusammenarbeit zweier Klassen, der Arbeiter und der Bauern, zu der jetzt noch die ‚NÖP-Leute', d. h. die Bourgeoisie, unter gewissen Bedingungen zugelassen sind.“ (4. Ausgabe, Bd. 33, S. 444 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 1004].)

Sie sehen, dass hier kein einziges Wort vom Hineinwachsen der Kapitalistenklasse in den Sozialismus gesagt ist. Hier ist nur davon die Rede, dass wir zur Zusammenarbeit der Arbeiter und Bauern „unter gewissen Bedingungen“ auch die NÖP-Leute, das heißt die Bourgeoisie, „zugelassen“ haben.

Was bedeutet das? Bedeutet das, dass wir damit die Möglichkeit des Hineinwachsens der NÖP-Leute in den Sozialismus zugegeben haben? Natürlich nicht. So können nur Leute, die jede Scham verloren haben, das Lenin -Zitat auslegen. Das bedeutet nur, dass wir die Bourgeoisie jetzt nicht vernichten, dass wir ihr Eigentum jetzt nicht konfiszieren, sondern ihre Existenz unter gewissen Bedingungen zulassen, das heißt unter der Bedingung der unbedingten Unterwerfung unter die Gesetze der Diktatur des Proletariats, die zur ständigen Einschränkung der Kapitalisten und zu ihrer allmählichen Verdrängung aus dem volkswirtschaftlichen Leben führen.

Kann man die Kapitalisten verdrängen und die Wurzeln des Kapitalismus vernichten ohne erbitterten Klassenkampf? Nein, das kann man nicht.

Kann man mit der Theorie und Praxis des Hineinwachsens der Kapitalisten in den Sozialismus die Klassen aufheben? Nein, das kann man nicht. Mit einer solchen Theorie und einer solchen Praxis können die Klassen nur gehegt und verewigt werden, denn diese Theorie widerspricht der marxistischen Theorie des Klassenkampfes.

Das Lenin -Zitat dagegen beruht voll und ganz auf der marxistischen Theorie des Klassenkampfes unter den Verhältnissen der Diktatur des Proletariats.

Was kann es Gemeinsames geben zwischen der Theorie Bucharins vom Hineinwachsen der Kulaken in den Sozialismus und der Theorie Lenin s von der Diktatur als erbittertem Klassenkampf? Es ist klar, dass es hier nichts Gemeinsames gibt noch geben kann.

Bucharin meint, dass unter der Diktatur des Proletariats der Klassenkampf erlöschen und verschwinden muss, damit es zur Aufhebung der Klassen komme. Lenin jedoch lehrt im Gegenteil, dass die Klassen nur auf dem Wege eines hartnäckigen Klassenkampfes aufgehoben werden können, der unter den Verhältnissen der Diktatur des Proletariats noch erbitterter wird, als er vor der Diktatur des Proletariats war.

„Die Aufhebung der Klassen“, sagt Lenin , „ist das Werk eines langwierigen, schweren, hartnäckigen Klassenkampfes, der nach dem Sturze der Macht des Kapitals, nach der Zerstörung des bürgerlichen Staates, nach der Aufrichtung der Diktatur des Proletariats nicht verschwindet (wie sich das Flachköpfe vom alten Sozialismus und von der alten Sozialdemokratie einbilden), sondern nur seine Formen ändert und in vieler Hinsicht noch erbitterter wird.“ (4. Ausgabe, Bd. 29, S. 359 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 558].)

Das sagt Lenin über die Aufhebung der Klassen.

Aufhebung der Klassen auf dem Wege des erbitterten Klassenkampfes des Proletariats - das ist die Formel Lenin s.

Aufhebung der Klassen auf dem Wege des Erlöschens des Klassenkampfes und des Hineinwachsens der Kapitalisten in den Sozialismus - das ist die Formel Bucharins.

Was kann es Gemeinsames geben zwischen diesen beiden Formeln?

Die Bucharinsche Theorie vom Hineinwachsen der Kulaken in den Sozialismus stellt somit eine Abkehr von der marxistisch- Lenin istischen Theorie des Klassenkampfes dar. Sie ist eine Annäherung an die Theorie des Kathedersozialismus[5].

Das ist die Grundlage aller Fehler Bucharins und seiner Freunde.

Man könnte einwenden, dass es sich nicht lohne, die Bucharinsche Theorie vom Hineinwachsen der Kulaken in den Sozialismus lange zu erörtern, da sie ja schon an und für sich gegen Bucharin spricht - und nicht nur spricht, sondern geradezu schreit. Das ist nicht richtig, Genossen! Solange diese Theorie ein verborgenes Dasein führte, brauchte man ihr keine Aufmerksamkeit zu schenken: kommen doch in den Schreibereien verschiedener Genossen nicht wenig Dummheiten vor! Und in der Tat haben wir bis zur letzten Zeit dieser Theorie Bucharins keine Aufmerksamkeit geschenkt. Aber in der letzten Zeit hat sich die Situation geändert. Das kleinbürgerliche Element, das in den letzten Jahren um sich gegriffen hat, begann dieser antimarxistischen Theorie Leben einzuhauchen und verlieh ihr aktuellen Charakter. Jetzt kann man nicht mehr sagen, dass sie ein verborgenes Dasein führt. Jetzt erhebt diese seltsame Theorie Bucharins den Anspruch, zum Banner der rechten Abweichung in unserer Partei, zum Banner des Opportunismus zu werden. Deshalb können wir an dieser Theorie nicht mehr achtlos vorbeigehen. Deshalb sind wir verpflichtet, sie als eine falsche und schädliche Theorie zu zerschmettern, um unseren Parteigenossen den Kampf gegen die rechte Abweichung zu erleichtern.

b) Über die Verschärfung des Klassenkampfes

Der zweite Fehler Bucharins, der seinem ersten Fehler entspringt, besteht in dem falschen, in dem unmarxistischen Herangehen an die Frage der Verschärfung des Klassenkampfes, der Verstärkung des Widerstands der kapitalistischen Elemente gegen die sozialistische Politik der Sowjetmacht.

Worum handelt es sich hier? Etwa darum, dass die kapitalistischen Elemente schneller wachsen als der sozialistische Sektor unserer Wirtschaft und dass sie infolgedessen ihren Widerstand verstärken und den sozialistischen Aufbau untergraben? Nein, nicht darum. Überdies trifft es nicht zu, dass die kapitalistischen Elemente schneller wachsen als der sozialistische Sektor. Träfe das zu, so stünde der sozialistische Aufbau schon knapp vor dem Untergang.

Es handelt sich hier darum, dass der Sozialismus erfolgreich die kapitalistischen Elemente angreift, dass der Sozialismus schneller wächst als die kapitalistischen Elemente, dass die relative Bedeutung der kapitalistischen Elemente infolgedessen geringer wird, und eben weil die relative Bedeutung der kapitalistischen Elemente geringer wird, wittern die kapitalistischen Elemente die tödliche Gefahr und verstärken ihren Widerstand.

Vorläufig haben sie noch die Möglichkeit, ihren Widerstand zu verstärken, nicht nur, weil sie vom Weltkapitalismus unterstützt werden, sondern auch, weil, ungeachtet des Rückgangs ihrer relativen Bedeutung, ungeachtet der Verminderung ihres relativen Wachstums im Vergleich zum Wachstum des Sozialismus, ein absolutes Wachsen der kapitalistischen Elemente dennoch vor sich geht, und das gibt ihnen eine gewisse Möglichkeit, Kräfte zu sammeln, um sich dem Wachstum des Sozialismus zu widersetzen.

Gerade auf dieser Grundlage kommt es im gegenwärtigen Entwicklungsstadium, unter den gegenwärtigen Bedingungen des Kräfteverhältnisses, zu einer Verschärfung des Klassenkampfes und zu einer Verstärkung des Widerstands der kapitalistischen Elemente in Stadt und Land.

Der Fehler Bucharins und seiner Freunde besteht darin, dass sie diese einfache und offenkundige Wahrheit nicht begreifen. Ihr Fehler besteht darin, dass sie an die Sache nicht wie Marxisten, sondern wie Spießbürger herangehen, da sie die Verschärfung des Klassenkampfes mit allerlei zu-fälligen Gründen zu erklären suchen: mit der „Untauglichkeit“ des Sowjetapparats, mit der „unvorsichtigen“ Politik der Genossen draußen im Lande, mit „mangelnder“ Beweglichkeit, mit „Überspitzungen“ usw. usf.

Hier ist zum Beispiel ein Zitat aus der Broschüre Bucharins „Der Weg zum Sozialismus“, das ein völlig unmarxistisches Herangehen an die Frage der Verschärfung des Klassenkampfes demonstriert:

„Bald hier, bald dort flammt der Klassenkampf im Dorfe in seinen früheren Erscheinungsformen auf, wobei diese Verschärfung gewöhnlich durch Kulakenelemente hervorgerufen wird. Wenn zum Beispiel Kulaken oder Leute, die sich auf Kosten anderer bereichern und sich in die Organe der Sowjetmacht eingeschlichen haben, auf Dorfkorrespondenten zu schießen beginnen, so ist das eine Äußerung des Klassenkampfes in der schärfsten Form.“ (Das ist nicht richtig, denn die schärfste Form des Kampfes ist der Aufstand. J. Stalin.) „Solche Fälle treten jedoch gewöhnlich dort ein, wo der örtliche Sowjetapparat noch schwach ist. Mit der Verbesserung dieses Apparats, mit der Festigung aller unteren Zellen der Sowjetmacht, mit der Verbesserung und Kräftigung der örtlichen Parteiorganisationen und Organisationen des Kommunistischen Jugendverbands im Dorfe werden Erscheinungen dieser Art, wie das völlig offensichtlich ist, immer seltener werden und schließlich restlos verschwinden.“

Es wäre demnach so, dass sich die Verschärfung des Klassenkampfes aus Ursachen erklärt, die im Apparat liegen, aus der Tauglichkeit oder Untauglichkeit, der Schwäche oder Stärke unserer unteren Organisationen.

Es wäre demnach zum Beispiel so, dass die Schädlingsarbeit der bürgerlichen Intellektuellen in Schachty, die eine Form des Widerstands der bürgerlichen Elemente gegen die Sowjetmacht und eine Form der Verschärfung des Klassenkampfes ist, sich nicht aus dem Wechselverhältnis der Klassenkräfte, nicht aus dem Wachstum des Sozialismus, sondern aus der Untauglichkeit unseres Apparats erklärt.

Es wäre demnach so, dass unser Apparat gut war, solange die Schädlingsarbeit im Schachty-Rayon noch keine Massenerscheinung geworden war, nachher aber, in dem Augenblick, als die Schädlingsarbeit als Massenerscheinung einsetzte, der Apparat mit einemmal aus irgendeinem Grunde völlig untauglich wurde.

Es wäre demnach so, dass bis zum vorigen Jahr, als die Getreidebeschaffung im Selbstlauf vor sich ging und bei uns eine besondere Verschärfung des Klassenkampfes nicht zu verzeichnen war, unsere Ortsorganisationen gut oder sogar ideal waren, seit dem vorigen Jahr jedoch, als der Widerstand des Kulakentums besonders scharfe Formen annahm, unsere Organisationen mit einemmal schlecht und völlig untauglich geworden sind.

Das ist keine Erklärung, sondern ein Hohn auf eine Erklärung. Das ist keine Wissenschaft, sondern eine Afterwissenschaft.

Wodurch erklärt sich diese Verschärfung nun in Wirklichkeit? Durch zwei Ursachen.

Erstens durch unseren Vormarsch, unsere Offensive, durch das Wachstum der sozialistischen Wirtschaftsformen sowohl in der Industrie als auch in der Landwirtschaft, ein Wachstum, das von einer entsprechenden Verdrängung bestimmter Gruppen von Kapitalisten in Stadt und Land begleitet ist. Es ist so, dass wir nach der Formel Lenin s „Wer - wen?“ leben: Werden wir sie, die Kapitalisten, auf die Schultern legen und ihnen, wie Lenin sich ausdrückte, die letzte entscheidende Schlacht liefern, oder werden sie uns auf die Schultern legen?

Zweitens dadurch, dass die kapitalistischen Elemente nicht freiwillig vom Schauplatz abtreten wollen: Sie widersetzen sich und werden sich dem Sozialismus widersetzen, denn sie sehen, dass ihre letzte Stunde naht. Vorläufig können sie sich noch widersetzen, da sie, obwohl ihre relative Bedeutung sinkt, absolut dennoch wachsen: Die Kleinbourgeoisie in Stadt und Land scheidet aus ihrer Mitte, wie Lenin sagte, täglich und stündlich kleine und größere Kapitalisten aus, und diese kapitalistischen Elemente wenden alle Mittel an, um ihre Existenz zu behaupten.

Noch niemals war es in der Geschichte der Fall, dass sterbende Klassen freiwillig vom Schauplatz abgetreten wären. Noch niemals war es in der Geschichte der Fall, dass die sterbende Bourgeoisie nicht all ihre noch verbliebene Kraft erprobt hätte, um ihre Existenz zu behaupten. Ob nun unser unterer Sowjetapparat gut oder schlecht ist, unser Vormarsch, unsere Offensive wird die kapitalistischen Elemente dezimieren und verdrängen, die sterbenden Klassen aber werden trotz allem Widerstand leisten.

Das ist die Grundlage der Verschärfung des Klassenkampfes in unserem Lande.

Der Fehler Bucharins und seiner Freunde besteht darin, dass sie das Wachstum des Widerstands der Kapitalisten mit dem Wachstum ihrer relativen Bedeutung identifizieren. Aber diese Identifizierung entbehrt jeder Grundlage. Sie entbehrt der Grundlage, denn wenn sie, die Kapitalisten, Widerstand leisten, so bedeutet das durchaus nicht, dass sie stärker geworden sind als wir. Die Dinge liegen gerade umgekehrt. Die untergehenden Klassen leisten nicht deshalb Widerstand, weil sie stärker geworden sind als wir, sondern weil der Sozialismus schneller wächst als sie und sie schwächer werden als wir. Und gerade weil sie schwächer werden, wittern sie, dass ihre letzte Stunde naht, und sind gezwungen, mit allen Kräften, mit allen Mitteln Widerstand zu leisten.

Darin liegt die Mechanik der Verschärfung des Klassenkampfes und des Widerstands der Kapitalisten im gegenwärtigen historischen Augenblick.

Worin muss die Politik der Partei angesichts dieser Sachlage bestehen?

Sie muss darin bestehen, die Arbeiterklasse und die ausgebeuteten Massen des Dorfes zu wecken, ihre Kampffähigkeit zu heben und ihre Bereitschaft zum Kampf gegen die kapitalistischen Elemente in Stadt und Land, zum Kampf gegen die sich widersetzenden Klassenfeinde zu entwickeln.

Die marxistisch- Lenin istische Theorie des Klassenkampfes zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie die Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen die Feinde der Diktatur des Proletariats erleichtert.

Worin besteht die Schädlichkeit der Bucharinschen Theorie vom Hineinwachsen der Kapitalisten in den Sozialismus und der Bucharinschen Auffassung von der Frage der Verschärfung des Klassenkampfes?

Darin, dass sie die Arbeiterklasse einschläfert, die Kampfbereitschaft der revolutionären Kräfte unseres Landes untergräbt, die Arbeiterklasse demobilisiert und die Offensive der kapitalistischen Elemente gegen die Sowjetmacht erleichtert.

c) Über die Bauernschaft

Der dritte Fehler Bucharins betrifft die Frage der Bauernschaft. Es ist bekannt, dass die Frage der Bauernschaft eine der wichtigsten Fragen in unserer Politik ist. Die Bauernschaft setzt sich unter unseren Verhältnissen aus verschiedenen sozialen Gruppierungen zusammen, und zwar: aus der Dorfarmut, den Mittelbauern und den Kulaken. Es ist klar, dass unsere Stellung zu diesen Gruppierungen nicht die gleiche sein kann. Die Dorfarmut als Stütze der Arbeiterklasse, der Mittelbauer als Verbündeter und der Kulak als Klassenfeind - das ist unsere Stellung zu diesen sozialen Gruppierungen. Das alles ist klar und allbekannt.

Bucharin jedoch betrachtet diese Dinge etwas anders. In der Charakteristik der Bauernschaft fällt bei ihm die Tatsache der Differenzierung der Bauernschaft fort, verschwindet die Tatsache, dass soziale Gruppierungen bestehen, und es bleibt nur ein grauer Fleck, Dorf genannt. Bei ihm ist der Kulak kein Kulak und der Mittelbauer kein Mittelbauer, sondern es gibt nur ein einziges Elend im Dorfe. So hat er es hier auch in seiner Rede gesagt: Kann denn unser Kulak ein Kulak genannt werden? Das ist ja ein Bettler, sagte er. Und unser Mittelbauer, ähnelt er denn einem Mittelbauern? - erklärte Bucharin hier. Das ist ja ein Bettler, der ein Hungerdasein führt. Es ist klar, dass eine solche Ansicht über die Bauernschaft eine von Grund aus falsche, mit dem Lenin ismus unvereinbare Ansicht ist.

Lenin sagte, dass die individuelle Bauernschaft die letzte kapitalistische Klasse ist. Ist diese These richtig? Ja, sie ist unbedingt richtig. Warum wird die individuelle Bauernschaft als die letzte kapitalistische Klasse qualifiziert? Weil von den zwei Grundklassen, aus denen unsere Gesellschaft besteht, die Bauernschaft diejenige Klasse ist, deren Wirtschaft auf dem Privateigentum und der kleinen Warenproduktion beruht. Weil die Bauernschaft, solange sie individuelle Bauernschaft bleibt, die eine kleine Warenproduktion betreibt, aus ihrer Mitte unausgesetzt und unablässig Kapitalisten ausscheidet und ausscheiden muss.

Dieser Umstand ist für uns von entscheidender Bedeutung in der Frage unserer marxistischen Stellung zum Problem des Bündnisses zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft. Das bedeutet, dass wir nicht jedes beliebige Bündnis mit der Bauernschaft brauchen, sondern nur ein solches Bündnis, das auf dem Kampf gegen die kapitalistischen Elemente der Bauernschaft beruht.

Wie Sie sehen, widerspricht die These Lenin s von der Bauernschaft als der letzten kapitalistischen Klasse nicht nur nicht der Idee des Bündnisses zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft, sondern bildet im Gegenteil die Grundlage dieses Bündnisses als eines Bündnisses der Arbeiterklasse und der Mehrheit der Bauernschaft, das gegen die kapitalistischen Elemente überhaupt, gegen die kapitalistischen Elemente der Bauernschaft im Dorfe insbesondere gerichtet ist.

Lenin stellte diese These auf, um zu zeigen, dass das Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft nur in dem Falle fest sein kann, wenn es auf dem Kampf gegen eben die kapitalistischen Elemente beruht, die die Bauernschaft aus ihrer Mitte ausscheidet.Der Fehler Bucharins besteht darin, dass er diese einfache Sache nicht versteht und nicht zugibt, er vergisst die sozialen Gruppierungen im Dorf, aus seinem Gesichtskreis verschwinden die Kulaken und die Dorfarmut, und es bleibt nur eine einzige mittelbäuerliche Masse.

Dieser Umstand stellt eine unzweifelhafte Abweichung Bucharins nach rechts dar im Gegensatz zu der „linken“, der trotzkistischen Abweichung, die im Dorfe außer der Dorfarmut und den Kulaken keine anderen sozialen Gruppierungen sieht und aus deren Gesichtskreis die Mittelbauern verschwinden.

Worin besteht der Unterschied zwischen dem Trotzkismus und der Bucharingruppe in der Frage des Bündnisses mit der Bauernschaft? Darin, dass sich der Trotzkismus gegen die Politik des festen Bündnisses mit den Massen der Mittelbauernschaft ausspricht, die Bucharingruppe aber für jedes beliebige Bündnis mit der Bauernschaft überhaupt ist. Es ist unnötig, den Nachweis zu führen, dass beide Einstellungen falsch sind und eine der andern wert ist.

Der Lenin ismus ist unbedingt für ein festes Bündnis mit den Hauptmassen der Bauernschaft, für ein Bündnis mit den Mittelbauern, aber nicht für jedes beliebige Bündnis, sondern für ein solches Bündnis mit den Mittelbauern, das die führende Rolle der Arbeiterklasse gewährleistet, die Diktatur des Proletariats festigt und die Aufhebung der Klassen erleichtert.

„Unter Verständigung zwischen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft“, sagt Lenin , „kann man alles mögliche verstehen. Wenn man außer acht lässt, dass die Verständigung vom Standpunkt der Arbeiterklasse nur dann zulässig, richtig und prinzipiell möglich ist, wenn sie die Diktatur der Arbeiterklasse unterstützt und eine der Maßnahmen ist, die auf die Aufhebung der Klassen abzielen, so bleibt die Formel von der Verständigung der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft natürlich eine Formel, die von allen Feinden der Sowjetmacht und allen Feinden der Diktatur in ihren Auffassungen auch vertreten wird.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, S. 382, russ.)

Und weiter:

„Jetzt“, sagt Lenin , „hält das Proletariat die Staatsmacht in seinen Händen und leitet sie. Es leitet die Bauernschaft. Was bedeutet es, die Bauernschaft leiten? Das bedeutet erstens, eine Linie verfolgen, die auf die Aufhebung der Klassen gerichtet ist, und nicht eine Linie, bei der man sich auf den Kleinproduzenten orientiert. Wollten wir von dieser Linie, der fundamentalen und grundlegenden Linie, abgehen, dann würden wir aufhören, Sozialisten zu sein, und würden ins Lager der Kleinbürger, ins Lager der Sozialrevolutionäre und Menschewiki geraten, die jetzt die ärgsten Feinde des Proletariats sind.“ (Ebenda, S. 396, russ.)

Das ist der Standpunkt Lenin s in der Frage des Bündnisses mit den Hauptmassen der Bauernschaft, des Bündnisses mit den Mittelbauern.

Der Fehler der Bucharingruppe in der Frage des Mittelbauern besteht darin, dass sie die Doppelnatur, die Doppelstellung des Mittelbauern zwischen der Arbeiterklasse und den Kapitalisten nicht sieht. „Der Mittelbauer ist eine schwankende Klasse“, sagte Lenin . Warum? Weil der Mittelbauer einerseits Werktätiger ist, was ihn der Arbeiterklasse näher bringt, anderseits aber Eigentümer, was ihn dem Kulaken näher bringt. Daher die Schwankungen des Mittelbauern. Und das ist nicht nur theoretisch richtig. Diese Schwankungen zeigen sich auch täglich und stündlich in der Praxis.

„Der Bauer als Werktätiger“, sagt Lenin , „neigt zum Sozialismus hin und zieht die Diktatur der Arbeiter der Diktatur der Bourgeoisie vor. Der Bauer als Getreideverkäufer neigt zur Bourgeoisie, zum freien Handel hin, d. h. zurück zum ‚gewohnten', alten, ‚von jeher bestehenden' Kapitalismus.“ (4. Ausgabe, Bd. 29, S. 359 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S.558].)

Darum kann das Bündnis mit dem Mittelbauern nur dann fest sein, wenn es gegen die kapitalistischen Elemente, gegen den Kapitalismus überhaupt gerichtet ist, wenn es die führende Rolle der Arbeiterklasse in diesem Bündnis gewährleistet, wenn es die Aufhebung der Klassen erleichtert.

Die Bucharingruppe vergisst diese klaren und einfachen Dinge.

d) Über die NÖP und die Marktbeziehungen

Der vierte Fehler Bucharins betrifft die Frage der NÖP (der Neuen Ökonomischen Politik). Der Fehler Bucharins besteht hier darin, dass er nicht sieht, dass die NÖP zwei Seiten hat, er sieht nur die eine Seite der NÖP. Als wir im Jahre 1921 die NÖP einführten, richteten wir ihre Spitze gegen den Kriegskommunismus, gegen ein Regime und eine Ordnung, die jegliche Freiheit des privaten Handels ausschließen. Wir waren und sind der Meinung, dass die NÖP eine gewisse Freiheit des privaten Handels bedeutet. Diese Seite der Sache hat sich Bucharin gemerkt. Das ist sehr gut.

Aber Bucharin irrt sich, wenn er annimmt, dass diese Seite der Sache die NÖP erschöpft. Bucharin vergisst, dass die NÖP noch eine andere Seite hat. Die Sache ist die, dass die NÖP durchaus nicht volle Freiheit des privaten Handels, freies Spiel der Preise auf dem Markt bedeutet. NÖP heißt Freiheit des privaten Handels in bestimmten Grenzen, in einem bestimmten Rahmen, bei Gewährleistung der regulierenden Rolle des Staates auf dem Markt. Darin gerade besteht die zweite Seite der NÖP. Dabei ist diese Seite der NÖP für uns von größerer Wichtigkeit als ihre erste Seite. Wir haben auf dem Markt kein freies Spiel der Preise, wie es gewöhnlich in den kapitalistischen Ländern der Fall ist. Wir bestimmen im Wesentlichen die Preise für das Getreide. Wir bestimmen die Preise für die Industriewaren. Wir bemühen uns, eine Politik der Senkung der Selbstkosten der Produktion und der Preisherabsetzung für die Industriewaren durchzuführen, und sind bestrebt, die Stabilität der Preise für die Erzeugnisse der Landwirtschaft zu wahren. Ist es nicht klar, dass es solche besonderen und spezifischen Zustände auf dem Markt in den kapitalistischen Ländern nicht gibt?

Daraus folgt, dass, solange die NÖP besteht, ihre beiden Seiten gewahrt bleiben müssen: sowohl die erste Seite, die gegen das Regime des Kriegskommunismus gerichtet ist und die Gewährleistung einer gewissen Freiheit des privaten Handels bezweckt, als auch die zweite Seite, die gegen die volle Freiheit des privaten Handels gerichtet ist und die Gewährleistung der regulierenden Rolle des Staates auf dem Markt bezweckt. Man hebe eine dieser Seiten auf - und man wird keine Neue Ökonomische Politik mehr haben.

Bucharin meint, dass der NÖP nur von „links“ Gefahr drohen könne, von Seiten der Leute, die jede Freiheit des Handels beseitigen wollen. Das ist nicht richtig. Das ist der gröbste Fehler. Überdies ist diese Gefahr jetzt am wenigsten real, denn wir haben jetzt keine oder fast keine solchen Leute in unseren lokalen und zentralen Organisationen, die nicht die ganze Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit der Wahrung einer gewissen Freiheit des Handels verstünden.

Weitaus realer ist die Gefahr von rechts, die Gefahr von Seiten der Leute, die die regulierende Rolle des Staates auf dem Markt beseitigen möchten, die den Markt „von den Fesseln befreien“ und auf diese Weise eine Ära der vollen Freiheit des privaten Handels eröffnen möchten. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass diese Gefahr der Sprengung der NÖP von rechts jetzt weitaus realer ist.

Man darf nicht vergessen, dass das kleinbürgerliche Element gerade in dieser Richtung wirkt - in der Richtung der Sprengung der NÖP von rechts. Man muss auch dessen eingedenk sein, dass die Kulaken und die wohlhabenden Elemente, die Spekulanten und Aufkäufer mit ihrem Gezeter, dem nicht selten viele unserer Genossen Gehör schenken, die NÖP gerade von dieser Seite her bombardieren. Die Tatsache, dass Bucharin diese zweite, tatsächlich reale Gefahr der Sprengung der NÖP nicht sieht - diese Tatsache spricht unzweifelhaft dafür, dass er dem Druck des kleinbürgerlichen Elements erlegen ist.

Bucharin schlägt eine „Normalisierung“ des Marktes vor und ein „Manövrieren“ mit den Beschaffungspreisen für Getreide nach Gebieten, das heißt eine Erhöhung der Getreidepreise. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass ihn die sowjetischen Marktbedingungen nicht befriedigen, er will die regulierende Rolle des Staates auf dem Markt auf ein Nichts reduzieren und schlägt vor, dem kleinbürgerlichen Element, das die NÖP von rechts zu sprengen sucht, Konzessionen zu machen.

Nehmen wir für einen Augenblick an, wir wären den Ratschlägen Bucharins gefolgt. Was würde sich daraus ergeben? Wir erhöhen die Getreidepreise, sagen wir im Herbst, zu Beginn der Beschaffungsperiode. Da sich aber auf dem Markt immer Leute finden, allerlei Spekulanten und Aufkäufer, die für das Getreide das Dreifache zahlen können, und da wir mit den Spekulanten nicht Schritt halten können, weil sie im ganzen nur etwa zehn Millionen Pud kaufen, während wir Hunderte von Millionen Pud kaufen müssen, so werden die Getreidebesitzer auch weiterhin das Getreide zurückhalten, um eine weitere Erhöhung der Preise abzuwarten. Folglich werden wir im Frühjahr, wenn der Hauptbedarf des Staates an Getreide vornehmlich einsetzt, den Getreidepreis erneut erhöhen müssen. Was bedeutet es aber, den Getreidepreis im Frühjahr zu erhöhen? Das bedeutet, die Dorfarmut und die unbemittelten Schichten des Dorfes schwer zu schädigen, die selbst gezwungen sind, im Frühjahr Getreide zuzukaufen, teilweise als Saatgut, teilweise für den Konsum, dasselbe Getreide, das sie im Herbst zu niedrigeren Preisen verkauft haben. Können wir durch diese Operationen irgendein bedeutendes Ergebnis im Sinne der Erlangung einer genügenden Getreidemenge erzielen? Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, da sich stets Spekulanten und Aufkäufer finden werden, die immer wieder für dasselbe Getreide das Doppelte und Dreifache zahlen können. Also müssten wir zu einer neuen Erhöhung der Getreidepreise bereit sein, in dem vergeblichen Bemühen, die Spekulanten und Aufkäufer zu überbieten.

Daraus aber folgt, dass wir, wenn wir einmal den Weg der Erhöhung der Getreidepreise beschritten haben, auch weiterhin abwärts gleiten müssen, ohne eine Garantie zu haben, dass wir die nötige Getreidemenge erhalten werden.

Damit ist aber die Sache nicht zu Ende:

Erstens, wenn wir die Beschaffungspreise für Getreide erhöhen, werden wir nachher auch die Preise für die von der Landwirtschaft erzeugten Rohstoffe erhöhen müssen, um eine bestimmte Proportion in den Preisen aller Erzeugnisse der Landwirtschaft zu wahren.

Zweitens, wenn wir die Beschaffungspreise für Getreide erhöhen, werden wir in den Städten den niedrigen Brotpreis im Einzelhandel nicht aufrechterhalten können - also werden wir auch die Verkaufspreise für Brot erhöhen müssen. Da wir aber die Arbeiter nicht benachteiligen können und dürfen - werden wir in beschleunigtem Tempo die Löhne erhöhen müssen. Das aber muss notgedrungen zur Folge haben, dass auch die Preise für Industriewaren erhöht werden, denn andernfalls kann es, entgegen den Interessen der Industrialisierung, dazu kommen, dass die Mittel aus der Stadt aufs Land hinübergepumpt werden.

Infolgedessen werden wir die Preise für Industriewaren und landwirtschaftliche Erzeugnisse nicht auf der Grundlage sinkender oder zumindest stabilisierter Preise auszugleichen haben, sondern auf der Grundlage steigender Preise, sowohl für Getreide als auch für Industriewaren.

Mit anderen Worten, wir werden einen Kurs auf Verteuerung der Industriewaren und der landwirtschaftlichen Erzeugnisse einschlagen müssen.

Es ist nicht schwer zu verstehen, dass ein solches „Manövrieren“ mit den Preisen notgedrungen zu einer vollständigen Liquidierung der Preispolitik der Sowjetmacht, zur Beseitigung der regulierenden Rolle des Staates auf dem Markt und zur völligen Entfesselung des kleinbürgerlichen Elements führen muss.

Für wen wird das von Vorteil sein?

Nur für die wohlhabenden Schichten in Stadt und Land, da die teuren Industriewaren und landwirtschaftlichen Erzeugnisse sowohl für die Arbeiterklasse als auch für die Dorfarmut und die unbemittelten Schichten des Dorfes unerschwinglich werden müssen. Gewinnen werden die Kulaken und Wohlhabenden, die NÖP-Leute und andere vermögende Klassen.

Das wird ebenfalls ein Zusammenschluss sein, aber ein Zusammenschluss eigener Art, ein Zusammenschluss mit den reichen Schichten in Stadt und Land. Die Arbeiter und die unbemittelten Schichten des Dorfes werden uns mit vollem Recht fragen, was für eine Macht wir eigentlich sind, eine Arbeiter- und Bauernmacht oder eine Macht der Kulaken und NÖP-Leute?

Bruch mit der Arbeiterklasse und den unbemittelten Schichten des Dorfes, Zusammenschluss mit den reichen Schichten in Stadt und Land - dazu müssen die Bucharinsche „Normalisierung“ des Marktes und das „Manövrieren“ mit den Getreidepreisen nach Gebieten führen.

Es ist klar, dass die Partei diesen verderblichen Weg nicht betreten kann.

Wie sehr sich bei Bucharin alle Begriffe von der NÖP verwirrt haben und wie sehr er in den Bann des kleinbürgerlichen Elements geraten ist, geht unter anderem aus dem mehr als ablehnenden Verhalten hervor, das er gegenüber der Frage der neuen Formen des Warenumsatzes zwischen Stadt und Land, zwischen Staat und Bauernschaft an den Tag legt. Er ist empört und zetert dagegen, dass der Staat zum Warenlieferanten für die Bauernschaft geworden ist, die Bauernschaft aber zum Getreidelieferanten für den Staat wird. Er hält das für eine Verletzung aller Regeln der NÖP, beinahe für eine Sprengung der NOP. Es fragt sich: Warum, aus welchem Grunde?

Was kann Schlechtes daran sein, dass der Staat, die staatliche Industrie der Warenlieferant für die Bauernschaft ist, ohne Zwischenhändler, die Bauernschaft dagegen der Getreidelieferant für die Industrie, für den Staat ist, ebenfalls ohne Zwischenhändler?

Was kann vom Standpunkt des Marxismus und der marxistischen Politik Schlechtes daran sein, dass die Bauernschaft schon zum Lieferanten von Baumwolle, Rüben, Flachs für den Bedarf der staatlichen Industrie geworden ist, die staatliche Industrie aber zum Lieferanten von städtischen Waren, Saatgut und Produktionsinstrumenten für diese Zweige der Landwirtschaft?

Die Methode der Kontrahierung ist hier die Hauptmethode zur Herstellung dieser neuen Formen des Warenumsatzes zwischen Stadt und Land. Aber widerspricht denn die Methode der Kontrahierung den Forderungen der NÖP?

Was kann Schlechtes daran sein, dass die Bauernschaft dank derselben Methode der Kontrahierung zum Lieferanten des Staates wird, und zwar auch für Getreide, und nicht nur für Baumwolle, Rüben, Flachs?

Warum kann der Handel in kleinen Partien, der Kleinhandel, Warenumsatz genannt werden, während der Handel in großen Partien, nach vorher abgeschlossenen Verträgen (Kontrahierung) über Preise und Qualität der Ware, nicht als Warenumsatz angesehen werden kann?

Ist es denn so schwer zu begreifen, dass diese neuen Massenformen des Warenumsatzes nach der Methode der Kontrahierung zwischen Stadt und Land gerade auf der Grundlage der NÖP entstanden sind, dass sie von Seiten unserer Organisationen einen großen Schritt vorwärts im Sinne der Verstärkung der planmäßigen, sozialistischen Leitung der Volkswirtschaft bedeuten?

Bucharin hat es verlernt, diese klaren und einfachen Dinge zu begreifen.

e) Über den so genannten „Tribut“

Der fünfte Fehler Bucharins (ich spreche von seinen Hauptfehlern) besteht in der opportunistischen Entstellung der Parteilinie in der Frage der „Schere“ zwischen Stadt und Land, in der Frage des so genannten „Tributs“.

Worum handelt es sich in der bekannten Resolution der gemeinsamen Sitzung des Politbüros und des Präsidiums der ZKK (Februar 1929) zur Frage der „Schere“? Es handelt sich in der Resolution darum, dass die Bauernschaft außer den üblichen Steuern, die sie dem Staat zahlt, den direkten und indirekten, noch eine Art Mehrsteuer leistet in der Form, dass sie die Industriewaren überbezahlt, durch die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse aber unterbezahlt wird.

Stimmt es, dass es diese von der Bauernschaft zu leistende Mehrsteuer wirklich gibt? Ja, das stimmt. Wie bezeichnen wir sie außerdem noch? Wir bezeichnen sie außerdem noch als „Schere“, als „Hinüberpumpen“ von Mitteln aus der Landwirtschaft in die Industrie zwecks schneller Entwicklung unserer Industrie.

Ist dieses „Hinüberpumpen“ nötig? Es gibt bei uns keine Meinungsverschiedenheiten darüber, dass dieses „Hinüberpumpen“ als zeitweilige Maßnahme nötig ist, wenn wir das schnelle Entwicklungstempo der Industrie wirklich aufrechterhalten wollen. Das schnelle Wachstum der Industrie aber müssen wir um jeden Preis weiterhin gewährleisten, denn es ist nicht nur für die Industrie selbst erforderlich, sondern vor allem für die Landwirtschaft, für die Bauernschaft, die jetzt am dringendsten Traktoren, landwirtschaftliche Maschinen, Kunstdünger braucht.

Können wir diese Mehrsteuer jetzt abschaffen? Leider können wir das nicht. Wir müssen sie so bald wie möglich abschaffen, in den nächsten Jahren. Aber wir können sie nicht jetzt abschaffen.

Somit stellt diese Mehrsteuer, die wir auf Grund der „Schere“ erhalten, „eine Art Tribut“ dar. Keinen Tribut, sondern „eine Art Tribut“. Das ist „eine Art Tribut“ für unsere Rückständigkeit. Diese Mehrsteuer ist nötig, um die Entwicklung der Industrie voranzutreiben und mit unserer Rückständigkeit Schluss zu machen.

Bedeutet das nicht, dass wir die Bauernschaft ausbeuten, indem wir diese zusätzliche Steuer erheben? Nein, das bedeutet es nicht. Das Wesen der Sowjetmacht schließt jede wie immer geartete Ausbeutung der Bauernschaft durch den Staat aus. In den Reden unserer Genossen auf dem Juli-Plenum[6] wurde eindeutig gesagt, dass unter den Verhältnissen der Sowjetordnung eine Ausbeutung der Bauernschaft durch den sozialistischen Staat ausgeschlossen ist, denn das ununterbrochene Wachstum des Wohlstands der werktätigen Bauernschaft ist ein Entwicklungsgesetz der Sowjetgesellschaft, das aber schließt jede Möglichkeit einer Ausbeutung der Bauernschaft aus.

Ist diese zusätzliche Steuer für die Bauernschaft tragbar? Ja, sie ist tragbar. Warum?

Erstens, weil die Erhebung dieser zusätzlichen Steuer unter den Bedingungen einer ständigen Verbesserung der materiellen Lage der Bauernschaft vor sich geht.

Zweitens, weil der Bauer seine persönliche Wirtschaft hat, deren Erträge es ihm ermöglichen, die zusätzliche Steuer zu zahlen, was man vom Arbeiter, der keine persönliche Wirtschaft hat und der ungeachtet dessen seine ganze Kraft für das Werk der Industrialisierung hergibt, nicht sagen kann.

Drittens, weil der Betrag der zusätzlichen Steuer sich von Jahr zu Jahr verringert.

Ist es richtig, wenn wir diese zusätzliche Steuer als „eine Art Tribut“ bezeichnen? Das ist unbedingt richtig. Durch diese Bezeichnung werden unsere Genossen ständig daran erinnert, dass die zusätzliche Steuer etwas höchst Unangenehmes ist, dass sie unerwünscht ist und nicht auf lange Zeit beibehalten werden darf. Wenn wir die zusätzliche Besteuerung der Bauernschaft so bezeichnen, wollen wir damit ausdrücken, dass wir diese zusätzliche Steuer nicht auf eigenen Wunsch, sondern der Not gehorchend, erheben, dass wir Bolschewiki alle Maßnahmen ergreifen müssen, um sie so schnell wie möglich, so bald wie möglich abzuschaffen.

Darin besteht das Wesen der Frage der „Schere“, des „Hinüberpumpens“, der „Mehrsteuer“, das Wesen dessen, was in den oben erwähnten Dokumenten als „eine Art Tribut“ bezeichnet wird.

Bucharin, Rykow und Tomski machten anfangs den Versuch, an dem Wort „Tribut“ herumzunörgeln, und begannen, die Partei einer Politik der militärisch-feudalen Ausbeutung der Bauernschaft zu beschuldigen. Jetzt sehen aber sogar Blinde, dass das ein unredlicher Versuch der Bucharinleute war, unsere Partei auf das gröbste zu verleumden. Jetzt sind sogar sie selbst gezwungen, stillschweigend zuzugeben, dass sie sich mit dem Geschwätz von militärisch-feudaler Ausbeutung schändlich blamiert haben.

Denn eins von beiden:

Entweder die Bucharinleute erkennen an, dass die „Schere“ und das „Hinüberpumpen“ von Mitteln aus der Landwirtschaft in die Industrie gegenwärtig eine zwingende Notwendigkeit ist - und dann müssen sie den verleumderischen Charakter ihrer Beschuldigungen anerkennen, müssen anerkennen, dass die Partei völlig im Recht ist;

oder sie bestreiten, dass die „Schere“ und das „Hinüberpumpen“ gegenwärtig eine zwingende Notwendigkeit ist, dann aber sollen sie es geradeheraus sagen, damit die Partei sie in die Kategorie der Gegner der Industrialisierung unseres Landes einreihen kann.

Ich könnte mich jedenfalls auf eine Reihe von Reden Bucharins, Rykows und Tomskis berufen, in denen sie ohne Vorbehalte anerkennen, dass die „Schere“, dass das „Hinüberpumpen“ von Mitteln aus der Landwirtschaft in die Industrie gegenwärtig eine zwingende Notwendigkeit ist. Das aber ist eben die Anerkennung der Formel „eine Art Tribut“.

Wie denn nun, stehen sie auch jetzt noch auf dem Standpunkt des „Hinüberpumpens“, auf dem Standpunkt der Beibehaltung der „Schere“ oder nicht? Mögen sie das doch geradeheraus sagen.

Bucharin. Ein Hinüberpumpen ist nötig, aber „Tribut“ ist ein ungeschicktes Wort. (Allgemeine Heiterkeit.)

Stalin. Folglich haben wir über das Wesen der Frage keine Meinungsverschiedenheiten, folglich ist das „Hinüberpumpen“ von Mitteln aus der Landwirtschaft in die Industrie, die so genannte „Schere“, die zusätzliche Steuer, „eine Art Tribut“ gegenwärtig ein notwendiges, aber ein zeitweiliges Mittel zur Industrialisierung des Landes.

Sehr gut. Worum geht es dann aber, wozu das Geschrei? Gefällt ihnen das Wort „Tribut“ oder „eine Art Tribut“ nicht, da sie diesen Ausdruck für ungebräuchlich in der marxistischen Literatur halten?

Nun denn, unterhalten wir uns über das Wort „Tribut“.

Ich behaupte, Genossen, dass dieses Wort in unserer marxistischen Literatur, zum Beispiel in den Artikeln des Genossen Lenin , schon lange Bürgerrecht erhalten hat. Das mag diesen oder jenen, der Lenin nicht liest, in Erstaunen setzen, aber es ist eine Tatsache, Genossen. Bucharin ereiferte sich hier mächtig und behauptete, dass in der marxistischen Literatur das Wort „Tribut“ nicht geduldet werden dürfe. Er empörte sich und wunderte sich darüber, dass das ZK der Partei und Marxisten überhaupt sich erlauben, das Wort „Tribut“ zu gebrauchen. Aber was ist daran Verwunderliches, wenn erwiesen ist, dass dieses Wort schon lange in den Artikeln eines solchen Marxisten wie des Genossen Lenin Bürgerrecht erhalten hat? Oder vielleicht genügt Lenin nicht den Anforderungen, die Bucharin an einen Marxisten stellt? Nun denn, werte Genossen, sagen Sie es geradeheraus.

Nehmen Sie zum Beispiel den Artikel eines solchen Marxisten wie Lenin „Über ‚linke' Kindereien und über Kleinbürgerlichkeit“ (Mai 1918), und lesen Sie dort folgende Stelle:

„Der Kleinbürger, der seine paar Tausender aufbewahrt, ist ein Feind des Staatskapitalismus, und diese Tausender will er unbedingt für sich und gegen die arme Bevölkerung, gegen jede allgemeine staatliche Kontrolle realisieren; die Summe der Tausender ergibt aber eine Basis von vielen Milliarden für die Spekulation, die unseren sozialistischen Aufbau untergräbt. Angenommen, dass eine bestimmte Zahl von Arbeitern im Laufe von einigen Tagen eine Summe von Werten produziert, die man gleich 1000 setzen kann. Nehmen wir ferner an, dass bei uns 200 von dieser Summe verloren geht infolge kleiner Spekulation, von allerhand Veruntreuungen und Umgehung der Verordnungen und Bestimmungen der Sowjetmacht durch den Kleineigentümer. Jeder klassenbewusste Arbeiter wird sagen: Hätte ich von den Tausend 300 geben können, damit größere Ordnung und Organisation geschaffen wird, so würde ich gern 300 statt 200 geben, denn diesen ,Tribut' später zu verringern, sagen wir bis auf 100 oder 50, wird unter der Sowjetmacht ein leichtes sein, sobald Ordnung und Organisation herrschen, sobald der Widerstand gegen jedes Staatsmonopol seitens der Kleineigentümer endgültig gebrochen ist.“ (4. Ausgabe, Bd. 27, S. 305, russ.)

Das ist wohl klar. Sollte man nicht Genossen Lenin auf Grund dessen zu einem Anhänger der Politik der militärisch-feudalen Ausbeutung der Arbeiterklasse erklären? Versuchen Sie's, werte Genossen!

Zuruf. Trotzdem wurde gegenüber dem Mittelbauern nie der Begriff „Tribut“ angewandt.

Stalin. Glauben Sie denn, dass der Mittelbauer der Partei näher stehe als die Arbeiterklasse? Sie sind mir der richtige Marxist. (Allgemeine Heiterkeit.) Wenn man hinsichtlich der Arbeiterklasse von „Tribut“ sprechen kann, hinsichtlich der Arbeiterklasse, deren Partei wir sind, warum kann man nicht dasselbe hinsichtlich des Mittelbauern sagen, der doch nur unser Verbündeter ist?

Manche Nörgler mögen denken, das Wort „Tribut“ in dem Artikel „Über ‚linke Kindereien“ sei ein Schnitzer, ein zufälliger Schnitzer des Genossen Lenin . Eine Nachprüfung ergibt jedoch, dass der Argwohn der Nörgler jeder Grundlage entbehrt. Nehmen Sie einen anderen Artikel des Genossen Lenin , den Artikel, vielmehr die Broschüre „Über die Naturalsteuer“ (April 1921), und lesen Sie dort die Seite 324 (Bd. XXVI, S.324). Sie werden sehen, dass Genosse Lenin das soeben angeführte Zitat über den „Tribut“ dort wörtlich wiederholt. Nehmen Sie schließlich den Artikel des Genossen Lenin „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht“ (Bd. XXII, S. 448, März-April 1918), und Sie werden sehen, dass Lenin auch hier von Tribut (schon ohne Anführungszeichen) spricht, von „dem Tribut, den wir für unsere Rückständigkeit bei der Organisierung der allgemeinen Rechnungsführung und Kontrolle von unten zahlen“.

Es ergibt sich, dass das Wort „Tribut“ in Lenin s Artikeln durchaus kein zufälliges Element ist. Dieses Wort gebraucht Genosse Lenin , um den zeitweiligen Charakter des „Tributs“ zu unterstreichen, um die Energie der Bolschewiki zu steigern und darauf zu lenken, so schnell wie möglich eben diesen „Tribut“ zu liquidieren, der von der Arbeiterklasse für unsere Rückständigkeit, für unsere „Unzulänglichkeiten“ gezahlt wird.

Es ergibt sich, dass ich mich mit dem Ausdruck „eine Art Tribut“ in recht guter marxistischer Gesellschaft befinde, in der Gesellschaft des Genossen Lenin .

Bucharin sagte hier, Marxisten dürften das Wort „Tribut“ in ihrer Literatur nicht dulden. Von was für Marxisten sprach er? Wenn er solche, mit Verlaub zu sagen, Marxisten meinte wie Slepkow, Marezki, Petrowski, Rosit und andere, die eher Liberalen gleichen als Marxisten, so ist Bucharins Empörung durchaus verständlich. Wenn er hingegen wirkliche Marxisten meint wie zum Beispiel Genossen Lenin , so muss man anerkennen, dass das Wort „Tribut“ unter ihnen schon lange Bürgerrecht erhalten hat, dass aber Bucharin, der mit Lenin s Werken wenig vertraut ist, hier völlig daneben getroffen hat.

Aber die Frage des „Tributs“ ist damit nicht erschöpft. Die Sache ist die, dass Bucharin und seine Freunde nicht zufällig an dem Wort „Tribut“ herumnörgelten und von einer Politik der militärisch-feudalen Ausbeutung der Bauernschaft schwätzten. Zweifellos wollten sie mit ihrem Geschrei über militärisch-feudale Ausbeutung ihre äußerste Unzufriedenheit mit der Politik unserer Partei gegenüber dem Kulakentum, die von unseren Organisationen verwirklicht wird, zum Ausdruck bringen. Unzufriedenheit mit der Lenin schen Politik der Partei hinsichtlich der Führung der Bauernschaft, Unzufriedenheit mit unserer Politik der Getreidebeschaffung, Unzufriedenheit mit unserer Politik, aus allen Kräften die Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften zu entwickeln, und schließlich der Wunsch, den Markt „von den Fesseln zu befreien“ und dem privaten Handel volle Freiheit zu gewähren - all das fand seinen Ausdruck in Bucharins Gezeter über eine Politik der militärisch-feudalen Ausbeutung der Bauernschaft.

Ich kenne in der Geschichte unserer Partei kein zweites Beispiel dafür, dass die Partei einer Politik der militärisch-feudalen Ausbeutung beschuldigt worden wäre. Diese Waffe gegen die Partei stammt nicht aus dem Arsenal von Marxisten. Woher stammt sie aber? Aus dem Arsenal des Kadettenführers Miljukow. Wenn die Kadetten die Arbeiterklasse mit der Bauernschaft entzweien wollen, sagen sie gewöhnlich: Ihr Herren Bolschewiki baut den Sozialismus auf den Knochen der Bauernschaft. Mit seinem Geschrei über den „Tribut“ stimmt Bucharin in die Leier der Herren Miljukow ein, gesellt er sich zu den Feinden des Volkes.

f) Über das Entwicklungstempo der Industrie
und die neuen Formen des Zusammenschlusses

Schließlich die Frage des Entwicklungstempos der Industrie und der neuen Formen des Zusammenschlusses zwischen Stadt und Land. Diese Frage ist eine der wichtigsten Fragen unserer Meinungsverschiedenheiten. Wichtig ist diese Frage aus dem Grunde, weil in ihr alle Fäden unserer praktischen Meinungsverschiedenheiten in den Fragen der Wirtschaftspolitik der Partei zusammenlaufen.

Was heißt neue Formen des Zusammenschlusses, was bedeutet das vom Standpunkt unserer Wirtschaftspolitik?

Das bedeutet vor allem, dass wir neben den alten Formen des Zusammenschlusses zwischen Stadt und Land, da die Industrie hauptsächlich die persönlichen Bedürfnisse des Bauern befriedigte (Schuhwerk, Kattun, überhaupt Textilwaren usw.), noch neue Formen des Zusammenschlusses brauchen, da die Industrie die Produktionsbedürfnisse der Bauernwirtschaft (landwirtschaftliche Maschinen, Traktoren, verbessertes Saatgut, Kunstdünger usw.) befriedigen wird.

Haben wir früher hauptsächlich die persönlichen Bedürfnisse des Bauern befriedigt und die Produktionsbedürfnisse seiner Wirtschaft nur wenig berücksichtigt, so müssen wir uns jetzt, während wir fortfahren, die persönlichen Bedürfnisse des Bauern zu befriedigen, mit aller Kraft auf die Lieferung von landwirtschaftlichen Maschinen, Traktoren, Kunstdünger usw. verlegen, die in direktem Zusammenhang mit der Rekonstruktion der landwirtschaftlichen Produktion auf neuer technischer Grundlage stehen.

Solange es um die Wiederherstellung der Landwirtschaft und die Bestellung der früheren gutsherrlichen und kulakischen Ländereien durch die Bauern ging, konnten wir uns mit den alten Formen des Zusammenschlusses begnügen. Jetzt aber, da es um die Rekonstruktion der Landwirtschaft geht, genügt das schon nicht mehr. Jetzt muss man weitergehen und der Bauernschaft helfen, die landwirtschaftliche Produktion auf der Grundlage der neuen Technik und der kollektiven Arbeit umzustellen.

Das bedeutet zweitens, dass wir zugleich mit der Neuausrüstung unserer Industrie auch eine ernsthafte Neuausrüstung der Landwirtschaft in Angriff nehmen müssen. Wir rüsten unsere Industrie neu aus und haben sie zum Teil bereits neu ausgerüstet, indem wir für sie eine neue technische Basis schaffen, indem wir sie mit neuen, besseren Maschinen, mit neuen, besseren Kadern versorgen. Wir bauen neue Werke und Fabriken, wir rekonstruieren und erweitern die alten, wir entwickeln die Hüttenindustrie, die chemische Industrie, den Maschinenbau. Auf dieser Grundlage wachsen die Städte, mehren sich die neuen Industrieorte, erweitern sich die alten. Auf dieser Basis wächst die Nachfrage nach Lebensmitteln, nach Rohstoffen für die Industrie. Die Landwirtschaft aber bleibt bei den alten Geräten, bei den alten, großväterlichen Methoden der Bodenbearbeitung, bei der alten, primitiven, jetzt schon untauglichen oder fast untauglichen Technik, bei den alten, kleinbäuerlichen individuellen Wirtschafts- und Arbeitsformen.

Was bedeutet zum Beispiel die Tatsache, dass es vor der Revolution bei uns ungefähr 16 Millionen Bauernhöfe gab, während es jetzt nicht weniger als 25 Millionen sind? Wovon zeugt das, wenn nicht davon, dass die Bewirtschaftung des Bodens einen immer mehr zerstückelten, zersplitterten Charakter annimmt? Ein kennzeichnender Zug der zersplitterten kleinen Wirtschaften besteht aber darin, dass sie nicht imstande sind, in dem nötigen Maße die Technik, Maschinen, Traktoren, die Ergebnisse der agronomischen Wissenschaft auszunutzen, und dass sie Wirtschaften mit einer geringen Warenproduktion sind.

Daher der Mangel an landwirtschaftlichen Produkten für den Markt. Daher die Gefahr eines Bruches zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Landwirtschaft.

Daher die Notwendigkeit, die Landwirtschaft vorwärts zu bringen, sie dem Entwicklungstempo unserer Industrie anzupassen.

Und um diese Gefahr eines Bruches zu beseitigen, muss man anfangen, die Landwirtschaft ernstlich auf der Basis der neuen Technik neu auszurüsten. Um sie aber neu auszurüsten, muss man allmählich die zersplitterten individuellen Bauernwirtschaften zu Großwirtschaften, zu Kollektivwirtschaften vereinigen, muss man die Landwirtschaft auf der Basis der kollektiven Arbeit aufbauen, muss man die Kollektive vergrößern, muss man die alten und neuen Sowjetwirtschaften entwickeln, muss man systematisch die Massenformen von Kontrahierung auf alle Hauptzweige der Landwirtschaft anwenden, muss man das System der Maschinen- und Traktorenstationen entwickeln, die der Bauernschaft helfen, die neue Technik zu meistern und die Arbeit zu kollektivieren - mit einem Wort, man muss allmählich die kleinen individuellen Bauernwirtschaften auf die Basis der kollektiven Großproduktion überführen, denn nur die Großproduktion von gesellschaftlichem Typus ist fähig, die Ergebnisse der Wissenschaft und die neue Technik voll auszunutzen und die Entwicklung unserer Landwirtschaft mit Siebenmeilenschritten vorwärts zu bringen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass wir die individuelle Wirtschaft der armen und Mittelbauern vernachlässigen sollen. Nein, das bedeutet es nicht. Die individuelle Wirtschaft der armen und Mittelbauern spielt bei der Versorgung der Industrie mit Lebensmitteln und Rohstoffen die vorherrschende Rolle und wird sie in nächster Zukunft noch weiter spielen. Eben deshalb ist es notwendig, die individuellen, noch nicht zu Kollektivwirtschaften zusammengeschlossenen Wirtschaften der armen und Mittelbauern zu unterstützen.

Das bedeutet aber, dass die individuelle Bauernwirtschaft allein bereits nicht mehr genügt. Davon sprechen unsere Schwierigkeiten bei der Getreidebeschaffung. Deshalb muss man die Entwicklung der individuellen Wirtschaft der armen und Mittelbauern ergänzen durch die allseitige Entwicklung der kollektiven Wirtschaftsformen und der Sowjetwirtschaften.

Deshalb muss man eine Brücke schlagen zwischen der individuellen Wirtschaft der armen und Mittelbauern und den kollektiven gesellschaftlichen Wirtschaftsformen, eine Brücke in Gestalt der Massenkontrahierung, in Gestalt der Maschinen- und Traktorenstationen, in Gestalt einer allseitigen Entwicklung der Genossenschaftsbewegung, um es den Bauern zu erleichtern, ihre kleine individuelle Wirtschaft auf die Bahnen der kollektiven Arbeit überzuleiten.

Ohne diese Vorbedingungen ist eine ernsthafte Entwicklung der Landwirtschaft unmöglich. Ohne diese Vorbedingungen ist die Lösung des Getreideproblems unmöglich. Ohne diese Vorbedingungen ist es unmöglich, die unbemittelten Schichten der Bauernschaft vor dem Ruin, vor dem Elend zu retten.

Das bedeutet schließlich, dass man unsere Industrie als die Hauptquelle für die Rekonstruktion der landwirtschaftlichen Produktion in jeder Weise entwickeln muss, dass man die Hüttenindustrie, die chemische Industrie, den Maschinenbau entwickeln, dass man Traktorenwerke, Werke für landwirtschaftliche Maschinen usw. errichten muss.

Es bedarf keines Beweises, dass es unmöglich ist, die Kollektivwirtschaften zu entwickeln, die Maschinen- und Traktorenstationen zu entwickeln, ohne die Hauptmassen der Bauernschaft durch die Massenkontrahierung zu den kollektiven Wirtschaftsformen heranzuziehen, ohne die Landwirtschaft mit einer beträchtlichen Anzahl von Traktoren, landwirtschaftlichen Maschinen usw. zu versorgen.

Doch ist die Versorgung des Dorfes mit Maschinen und Traktoren unmöglich, wenn unsere Industrie nicht in verstärktem Tempo entwickelt wird. Daher ist das schnelle Entwicklungstempo unserer Industrie der Schlüssel zur Rekonstruktion der Landwirtschaft auf der Basis des Kollektivismus.

Das ist Sinn und Bedeutung der neuen Formen des Zusammenschlusses.

Die Bucharingruppe ist gezwungen, sich in Worten zur Notwendigkeit der neuen Formen des Zusammenschlusses zu bekennen. Aber das ist nur ein Lippenbekenntnis zu den neuen Formen des Zusammenschlusses, darauf berechnet, unter dieser Flagge etwas direkt Entgegengesetztes einzuschmuggeln. In Wirklichkeit ist Bucharin gegen die neuen Formen des Zusammenschlusses. Bei Bucharin ist der Ausgangspunkt nicht das schnelle Entwicklungstempo der Industrie als des Hebels zur Rekonstruktion der landwirtschaftlichen Produktion, sondern die Entwicklung der individuellen Bauernwirtschaft. Bei ihm steht im Vordergrund die „Normalisierung“ des Marktes und die Zulassung des freien Spiels der Preise auf dem Markt für landwirtschaftliche Erzeugnisse, die Zulassung der völligen Freiheit des privaten Handels. Daher sein misstrauisches Verhalten gegenüber den Kollektivwirtschaften, das in seiner Rede auf dem Juliplenum des ZK und in seinen Thesen vor dem Juliplenum des ZK zum Ausdruck kam. Daher sein ablehnendes Verhalten gegenüber jeder Art außerordentlicher Maßnahmen gegen das Kulakentum bei der Getreidebeschaffung.

Es ist bekannt, dass Bucharin außerordentliche Maßnahmen fürchtet wie der Teufel das Weihwasser.

Es ist bekannt, dass Bucharin noch immer nicht begreifen kann, dass der Kulak unter den jetzigen Verhältnissen die genügende Getreidemenge freiwillig, von selbst, nicht abliefern wird.

Das hat jetzt die zweijährige Erfahrung unserer Arbeit bei der Getreidebeschaffung bewiesen.

Was soll aber geschehen, wenn doch nicht genügend Getreide auf den Markt kommt? Bucharin antwortet darauf: Beunruhigt den Kulaken nicht durch außerordentliche Maßnahmen und führt Getreide aus dem Ausland ein. Er hat noch vor kurzem vorgeschlagen, Getreide aus dem Ausland einzuführen, so an die 50 Millionen Pud, das heißt für etwa 100 Millionen Rubel Valuta. Wenn aber die Valuta dazu gebraucht wird, Ausrüstungen für die Industrie einzuführen? Bucharin antwortet darauf: Man muss der Getreideeinfuhr aus dem Ausland den Vorzug geben, also offensichtlich die Einfuhr von Ausrüstungen für die Industrie in den Hintergrund rücken.

Auf diese Weise würde sich ergeben, dass die Grundlage der Lösung des Getreideproblems und der Rekonstruktion der Landwirtschaft nicht in einem schnellen Entwicklungstempo der Industrie besteht, sondern in der Entwicklung der individuellen Bauernwirtschaft, die Kulakenwirtschaft inbegriffen, auf der Basis des freien Marktes und des freien Spiels der Preise auf dem Markt.

Somit haben wir es mit zwei verschiedenen Plänen der Wirtschaftspolitik zu tun.

Der Plan der Partei:

1. Wir rüsten die Industrie neu aus (Rekonstruktion).

2. Wir beginnen mit einer ernsthaften Neuausrüstung der Landwirtschaft (Rekonstruktion).

3. Dazu muss man den Aufbau von Kollektiv- und Sowjetwirtschaften erweitern, müssen die Kontrahierung und die Maschinen- und Traktorenstationen als Mittel zur Herstellung des Zusammenschlusses zwischen Industrie und Landwirtschaft auf dem Gebiet der Produktion Massenanwendung finden.

4. Was die Schwierigkeiten der Getreidebeschaffung im gegenwärtigen Augenblick betrifft, so muss die Zulässigkeit zeitweiliger außerordentlicher Maßnahmen anerkannt werden, die durch die gesellschaftliche Unterstützung der Massen der Mittelbauern und armen Bauern bekräftigt werden, als eins der Mittel, den Widerstand des Kulakentums zu brechen und ihm in maximalem Umfang die Getreideüberschüsse abzunehmen, die nötig sind, um ohne Getreideeinfuhr auszukommen und die Valuta für die Entwicklung der Industrie zu behalten.

5. Die individuelle Wirtschaft der armen und Mittelbauern spielt bei der Versorgung des Landes mit Lebensmitteln und Rohstoffen eine vorherrschende Rolle und wird sie auch weiter spielen, aber sie allein genügt bereits nicht mehr: die Entwicklung der individuellen Wirtschaft der armen und Mittelbauern muss daher ergänzt werden durch die Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften, durch Kontrahierung im Massenmaßstab, durch verstärkte Entwicklung der Maschinen- und Traktorenstationen, um die Verdrängung der kapitalistischen Elemente aus der Landwirtschaft und die allmähliche Überleitung der individuellen Bauernwirtschaften auf die Bahnen kollektiver Großwirtschaften, auf die Bahnen der kollektiven Arbeit zu erleichtern.

6. Um aber das alles zu erreichen, ist es vor allen Dingen notwendig, die Entwicklung der Industrie, des Hüttenwesens, der chemischen Industrie, des Maschinenbaus, der Traktorenwerke, der Werke für landwirtschaftliche Maschinen usw. zu fördern. Geschieht das nicht, ist weder die Lösung des Getreideproblems noch die Rekonstruktion der Landwirtschaft möglich.

Schlussfolgerung: Der Schlüssel zur Rekonstruktion der Landwirtschaft liegt in einem schnellen Entwicklungstempo unserer Industrie. Der Plan Bucharins:

1. „Normalisierung“ des Marktes, Zulassung des freien Spiels der Preise auf dem Markt und Erhöhung der Getreidepreise, ohne davor zurückzuschrecken, dass dies zur Verteuerung der Industriewaren, der Rohstoffe, des Brotes führen kann.

2. Allseitige Entwicklung der individuellen Bauernwirtschaft bei einer gewissen Verlangsamung des Entwicklungstempos der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften (Thesen Bucharins im Juli, Rede Bucharins auf dem Juliplenum).

3. Getreidebeschaffung auf dem Wege des Selbstlaufs, wobei immer und unter allen Umständen selbst die teilweise Anwendung außerordentlicher Maßnahmen gegen das Kulakentum auszuschließen ist, sogar wenn diese Maßnahmen von den Massen der Mittelbauern und armen Bauern unterstützt werden.

4. Im Falle eines Mangels an Getreide - Getreideeinfuhr in Höhe von etwa 100 Millionen Rubel.

5. Reicht aber die Valuta nicht aus, um sowohl die Getreideeinfuhr als auch die Einfuhr von Ausrüstungen für die Industrie zu decken, dann muss die Einfuhr von Ausrüstungen und folglich auch das Entwicklungstempo unserer Industrie gedrosselt werden, sonst wird bei uns die Landwirtschaft „auf der Stelle treten“ oder gar einen „direkten Absturz“ erleiden.

Schlussfolgerung: Der Schlüssel zur Rekonstruktion der Landwirtschaft liegt in der Entwicklung der individuellen Bauernwirtschaft.

So liegen die Dinge, Genossen!

Der Plan Bucharins ist ein Plan der Herabsetzung des Entwicklungstempos der Industrie und der Untergrabung der neuen Formen des Zusammenschlusses.

Das sind unsere Meinungsverschiedenheiten.

Mitunter wird die Frage gestellt: Haben wir uns mit der Entwicklung der neuen Formen des Zusammenschlusses, mit der Entwicklung der Kollektivwirtschaften, der Sowjetwirtschaften usw. nicht verspätet?

Es gibt Leute, die behaupten, die Partei habe sich mit dieser Sache mindestens um etwa zwei Jahre verspätet. Das ist falsch, Genossen. Das ist völlig falsch. So können nur „linke“ Schreihälse sprechen, die keine Vorstellung von der Ökonomik der UdSSR haben.

Was bedeutet es, sich mit dieser Sache zu verspäten? Wenn es sich darum handelt, die Notwendigkeit von Kollektiv- und Sowjetwirtschaften vorauszusehen, so haben wir diese Sache schon während des Oktoberumsturzes begonnen. Dass die Partei die Notwendigkeit der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften schon damals, in der Periode des Oktoberumsturzes, vorausgesehen hat, darüber kann kein Zweifel bestehen. Man braucht schließlich nur unser Programm in die Hand zu nehmen, das auf dem VIII. Parteitag (März 1919) angenommen wurde. Der Notwendigkeit von Kollektiv- und Sowjetwirtschaften wurde dort ganz eindeutig Rechnung getragen.

Aber die bloße Voraussicht der führenden Spitze unserer Partei, dass Kollektiv- und Sowjetwirtschaften notwendig sind, genügt nicht, um die Massenbewegung für Kollektiv- und Sowjetwirtschaften ins Leben zu rufen und zu organisieren. Folglich handelt es sich hier nicht um Voraussicht, sondern um die Verwirklichung des Plans, Kollektiv- und Sowjetwirtschaften aufzubauen. Aber zur Verwirklichung dieses Plans ist eine ganze Reihe von Voraussetzungen erforderlich, die wir bis jetzt nicht hatten und die erst in letzter Zeit entstanden sind.

Darum handelt es sich, Genossen.

Um den Plan der Massenbewegung für Kollektiv- und Sowjetwirtschaften durchzuführen, ist vor allen Dingen notwendig, dass die Parteispitze dabei in erster Linie von der Partei in ihrer Masse unterstützt wird. Unsere Partei ist aber bekanntlich eine Millionenpartei. Folglich war es notwendig, die breiten Massen der Parteimitglieder von der Richtigkeit der Politik der führenden Spitze zu überzeugen. Das als erstes.

Dazu ist weiter notwendig, dass im Schoße der Bauernschaft eine Massenbewegung für Kollektivwirtschaften entsteht, dass die Bauernschaft die Kollektivwirtschaften nicht fürchtet, sondern in die Kollektivwirtschaften eintritt und sich an Hand ihrer Erfahrung von den Vorzügen der Kollektivwirtschaften gegenüber der individuellen Wirtschaft überzeugt. Das aber ist eine ernste Sache, die eine gewisse Zeit erfordert. Das als zweites.

Dazu ist weiter notwendig, dass der Staat die materiellen Mittel besitzt, die zur Finanzierung des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus, zur Finanzierung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften notwendig sind. Hierzu aber sind Hunderte und aber Hunderte Millionen Rubel nötig, liebe Genossen. Das als drittes.

Dazu ist schließlich notwendig, dass die Industrie in mehr oder minder hinreichendem Maße entwickelt ist, um die Landwirtschaft mit Maschinen, Traktoren, Kunstdünger usw. zu beliefern. Das als viertes.

Kann man behaupten, dass wir alle diese Voraussetzungen schon vor zwei oder drei Jahren hatten? Nein, das kann man nicht behaupten.

Man darf nicht vergessen, dass wir eine regierende und keine oppositionelle Partei sind. Eine oppositionelle Partei kann Losungen ausgeben - ich spreche von grundlegenden praktischen Losungen der Bewegung - mit der Absicht, sie zu verwirklichen, nachdem sie an die Macht gelangt ist. Niemand kann es einer oppositionellen Partei zur Last legen, dass sie ihre grundlegenden Losungen nicht sofort verwirklicht, da alle begreifen, dass nicht sie, die oppositionelle Partei, am Ruder ist, sondern andere Parteien.

Ganz anders steht die Sache bei einer regierenden Partei, wie es unsere bolschewistische Partei ist. Die Losungen einer solchen Partei sind keine einfachen Agitationslosungen, sie bedeuten viel mehr, denn sie haben die Kraft praktischer Beschlüsse, die Kraft von Gesetzen, die man sogleich durchführen muss. Unsere Partei kann nicht eine praktische Losung ausgeben und nachher ihre Umsetzung in die Tat aufschieben. Das wäre ein Betrug an den Massen. Um eine praktische Losung auszugeben, besonders eine so ernste Losung wie die Überleitung der Millionenmassen der Bauernschaft auf die Bahnen des Kollektivismus, muss man über die Voraussetzungen für ihre unmittelbare Verwirklichung verfügen, muss man schließlich diese Voraussetzungen schaffen, organisieren. Darum ist für uns die bloße Voraussicht der Spitze der Partei, dass Kollektiv- und Sowjetwirtschaften notwendig sind, nicht genügend. Darum müssen wir außerdem noch über die Voraussetzungen verfügen, die erforderlich sind, um unsere Losungen unverzüglich zu verwirklichen, in die Tat umzusetzen.

War unsere Partei in ihrer Masse, sagen wir, vor zwei oder drei Jahren dazu vorbereitet, die Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften in jeder Weise zu fördern? Nein, sie war dazu noch nicht vorbereitet. Ein ernsthafter Umschwung unter den Massen der Parteimitglieder zugunsten der neuen Formen des Zusammenschlusses begann erst mit den ersten größeren Schwierigkeiten bei der Getreidebeschaffung. Es bedurfte dieser Schwierigkeiten, damit die Partei in ihrer Masse die ganze Notwendigkeit empfand, den Zusammenschluss in seinen neuen Formen und vor allen Dingen die Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften zu forcieren, und ihr ZK hierbei entschlossen unterstützte. Da haben Sie eine Voraussetzung, die wir früher nicht hatten und die jetzt vorhanden ist.

Hatten wir vor zwei oder drei Jahren eine ernsthafte Bewegung der Millionenmassen der Bauernschaft zugunsten der Kollektiv- oder Sowjetwirtschaften? Nein, wir hatten sie nicht. Jedermann weiß, dass sich die Bauernschaft vor zwei oder drei Jahren den Sowjetwirtschaften gegenüber feindlich verhielt und die Kollektivwirtschaften als unnütze „Kommune“ scheel ansah. Und jetzt? Jetzt ist die Sache anders. Jetzt haben wir schon ganze Schichten der Bauernschaft, die die Sowjet- und Kollektivwirtschaften als eine Quelle der Unterstützung der Bauernwirtschaft mit Saat-gut, Zuchtvieh, Maschinen und Traktoren betrachten. Jetzt gilt es nur, Maschinen und Traktoren zu liefern, und die Sache der Kollektivwirtschaften wird in verstärktem Tempo vorwärts gehen.

Woher kam dieser Umschwung bei gewissen, ziemlich bedeutenden Schichten der Bauernschaft? Was hat ihn begünstigt?

Vor allen Dingen die Entwicklung der Genossenschaften und der Genossenschaftsbewegung. Es kann keinen Zweifel darüber geben, dass wir ohne die machtvolle Entwicklung der Genossenschaften, besonders der landwirtschaftlichen, die unter den Bauern die psychologischen Voraussetzungen für Kollektivwirtschaften schufen, nicht jenen Drang in die Kollektivwirtschaften zu verzeichnen hätten, der jetzt bei ganzen Schichten der Bauernschaft in Erscheinung tritt.

Eine große Rolle spielte hier auch der Umstand, dass es guteingerichtete Kollektivwirtschaften gab, die den Bauern gute Beispiele dafür gaben, wie man die Landwirtschaft durch Vereinigung der kleinen Bauernwirtschaften zu großen, zu kollektiven Wirtschaften verbessern kann.

Ebenso hat hier der Umstand eine Rolle gespielt, dass es guteingerichtete Sowjetwirtschaften gab, die den Bauern bei der Verbesserung der Wirtschaft halfen. Ich spreche schon gar nicht von den anderen Tatsachen, die Ihnen allen gut bekannt sind. Hier haben Sie eine weitere Voraussetzung, die wir früher nicht hatten und die wir jetzt haben.

Weiter, kann man behaupten, dass wir vor zwei oder drei Jahren die Möglichkeit hatten, die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften ernsthaft zu finanzieren, für diesen Zweck Hunderte von Millionen Rubel aufzuwenden? Nein, das kann man nicht behaupten. Sie wissen genau, dass es uns selbst an den Mitteln zur Entwicklung jenes Industrieminimums fehlte, ohne das die Industrialisierung überhaupt unmöglich ist, geschweige denn die Rekonstruktion der Landwirtschaft. Konnten wir der Industrie, die die Basis für die Industrialisierung des Landes darstellt, diese Mittel wegnehmen und sie den Kollektiv- und Sowjetwirtschaften übergeben? Es ist klar, dass wir das nicht konnten. Und jetzt? Jetzt haben wir die Mittel zur Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften.

Kann man schließlich behaupten, dass wir vor zwei oder drei Jahren schon eine genügende Basis in der Industrie für eine verstärkte Belieferung der Landwirtschaft mit Maschinen, Traktoren usw. besaßen? Nein, das kann man nicht behaupten. Damals bestand die Aufgabe darin, eine minimale industrielle Basis für die künftige Belieferung der Landwirtschaft mit Maschinen und Traktoren zu schaffen. Für die Schaffung dieser Basis wurden damals unsere dürftigen finanziellen Mittel aufgewendet. Und jetzt? Jetzt haben wir diese industrielle Basis für die Landwirtschaft. Jedenfalls wird diese Basis bei uns in beschleunigtem Tempo geschaffen.

Es ist demnach so, dass die notwendigen Voraussetzungen für die Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften im Massenmaßstab bei uns erst in letzter Zeit entstanden sind.

So steht die Sache, Genossen.

Aus diesem Grunde kann man nicht sagen, dass wir uns mit der Entwicklung der neuen Formen des Zusammenschlusses verspätet haben.

g) Bucharin als Theoretiker

Das sind im Wesentlichen die Hauptfehler des Theoretikers der rechten Opposition, Bucharins, in den Grundfragen unserer Politik.

Man sagt, Bucharin sei einer der Theoretiker unserer Partei. Das ist natürlich richtig. Aber die Sache ist die, dass auf dem Gebiet der Theorie bei ihm nicht alles in Ordnung ist. Das sieht man schon daraus, dass er in den Fragen der Parteitheorie und der Parteipolitik einen ganzen Haufen Fehler aufgetürmt hat, die ich soeben charakterisiert habe. Es kann nicht sein, dass diese Fehler, die Fehler in den Fragen der Komintern, die Fehler in den Fragen des Klassenkampfes, der Verschärfung des Klassenkampfes, der Bauernschaft, der NÖP, der neuen Formen des Zusammenschlusses - es kann nicht sein, dass ihm alle diese Fehler zufällig unterlaufen sind. Nein, diese Fehler sind nicht zufälliger Art. Diese Fehler Bucharins sind aus seiner falschen theoretischen Einstellung, aus seinen theoretischen Mängeln hervorgegangen. Ja, Bucharin ist ein Theoretiker, aber er ist kein völlig marxistischer Theoretiker, er ist ein Theoretiker, der noch zu lernen hat, um ein marxistischer Theoretiker zu werden.

Man beruft sich auf den bekannten Brief des Genossen Lenin über Bucharin als Theoretiker. Wollen wir diesen Brief vorlesen:

„Betreffs der jungen Mitglieder des ZK“, sagt Lenin , „möchte ich einige Worte über Bucharin und Pjatakow sagen. Das sind, meines Erachtens, die hervorragendsten Kräfte (von den jüngsten Kräften), und ihnen gegenüber müsste man folgendes im Auge haben: Bucharin ist nicht nur ein überaus wertvoller und bedeutender Theoretiker der Partei, er gilt auch mit Recht als Liebling der ganzen Partei, aber seine theoretischen Ansichten können nur mit sehr großen Bedenken zu den völlig marxistischen gerechnet werden, denn in ihm steckt etwas Scholastisches (er hat nie die Dialektik studiert und bat sie, glaube ich, nie vollständig begriffen).“ (Stenographisches Protokoll des Juliplenums 1926, IV. Folge, S. 66, russ.)

Also ein Theoretiker ohne Dialektik. Ein scholastischer Theoretiker. Ein Theoretiker, dessen „theoretische Ansichten nur mit sehr großen Bedenken zu den völlig marxistischen gerechnet werden können“. Das ist die von Lenin gegebene Charakteristik der theoretischen Physiognomie Bucharins.

Sie verstehen selbst, Genossen, dass ein solcher Theoretiker noch zulernen muss. Und wenn Bucharin begriffe, dass er noch kein ganz fertiger Theoretiker ist, dass er es nötig hat, noch zu lernen, dass er ein Theoretiker ist, der sich die Dialektik noch nicht zu eigen gemacht hat, wo doch die Dialektik die Seele des Marxismus ist - wenn er das begriffe, dann wäre er bescheidener, und die Partei würde dadurch nur gewinnen. Das Schlimme aber ist, dass Bucharin nicht an Bescheidenheit leidet. Das Schlimme ist, dass er nicht nur nicht an Bescheidenheit leidet, sondern sich sogar unterfängt, unseren Lehrer Lenin in einer ganzen Reihe von Fragen zu belehren, und zwar vor allen Dingen in der Frage des Staates. Das eben ist das Schlimme bei Bucharin.

Erlauben Sie mir, mich bei dieser Gelegenheit auf die bekannte theoretische Auseinandersetzung zwischen Lenin und Bucharin über die Frage des Staates zu berufen, die im Jahre 1916 stattfand. Das ist für uns wichtig, um sowohl die maßlosen Prätensionen Bucharins, der sich unterfängt, Lenin zu belehren, als auch die Wurzeln seiner theoretischen Schwächen in so wichtigen Fragen wie der Frage der Diktatur des Proletariats, des Klassenkampfes usw. aufzuzeigen.

Bekanntlich erschien in der Zeitschrift „Jugend-Internationale“[7] im Jahre 1916 ein Aufsatz Bucharins, gezeichnet Nota Bene, der im Wesen der Sache gegen Genossen Lenin gerichtet war. In diesem Aufsatz schreibt Bucharin:

„...Es ist völlig verkehrt, den Unterschied zwischen Sozialisten und Anarchisten darin zu suchen, dass die ersteren staatsfreundlich und die letzteren staatsfeindlich sind. Der Unterschied liegt aber darin, dass die revolutionäre Sozialdemokratie die neue gesellschaftliche Produktion als zentralisierte, das heißt technisch-progressivste formieren will, während die dezentralisierte anarchistische Produktion nur einen Rückschritt zur alten Technik und Betriebsform bedeuten würde...“

„...Für die Sozialdemokratie aber, die die Erzieherin der Massen ist, oder wenigstens sein soll, ist es jetzt mehr als je notwendig, ihre prinzipielle Gegnerschaft zum Staat zum Ausdruck zu bringen... Der heutige Krieg hat gezeigt, wie tief die Wurzeln der Staatlichkeit in die Seelen der Arbeiterschaft hinein gedrungen sind.“

Lenin unterzieht diese Anschauungen Bucharins einer Kritik und sagt in dem bekannten Aufsatz, der im Jahre 1916 veröffentlicht wurde:

„Das ist falsch. Der Verfasser stellt die Frage, worin sich die Stellung der Sozialisten zum Staate von der der Anarchisten unterscheidet und beantwortet nicht diese, sondern eine andere Frage, und zwar, wodurch sie sich in ihrer Stellung zur ökonomischen Grundlage der zukünftigen Gesellschaft voneinander unterscheiden. Gewiss ist das eine sehr wichtige und notwendige Frage. Daraus folgt aber nicht, dass man in dem Unterschied zwischen der Stellung der Sozialisten und der der Anarchisten zum Staate die Hauptsache vergessen darf. Die Sozialisten treten für die Ausnutzung des modernen Staates und seiner Institutionen im Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse ein sowie für die Notwendigkeit, den Staat als eigenartige Form des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus zu benutzen. Eine solche Übergangsform, ebenfalls ein Staat, ist die Diktatur des Proletariats. Die Anarchisten wollen den Staat ‚abschaffen', ihn ‚sprengen', wie sich Genosse Nota Bene an einer Stelle ausdrückt, der diese Ansicht fälschlich den Sozialisten zuschreibt. Die Sozialisten erkennen - der Verfasser hat leider die diesbezüglichen Worte Engels' sehr unvollständig zitiert - das ‚Absterben', das allmähliche ,Einschlafen' des Staates nach der Expropriation der Bourgeoisie an“...

„Um die ‚prinzipielle Gegnerschaft' gegen den Staat ‚zum Ausdruck zu bringen', muss man sie in der Tat ‚klar' begreifen, dem Verfasser aber fehlt gerade die Klarheit. Die Worte von den ‚Wurzeln der Staatlichkeit' jedoch sind schon ganz und gar verworren, unmarxistisch und unsozialistisch. Nicht die ‚Staatlichkeit' ist mit der Negation der Staatlichkeit zusammengeprallt, sondern die opportunistische Politik (das heißt die opportunistische, reformistische, bürgerliche Stellung zum Staat) ist mit der revolutionären sozialdemokratischen Politik zusammengeprallt (das heißt mit der revolutionären sozial-demokratischen Stellung zum bürgerlichen Staat und zur Ausnutzung des Staates gegen die Bourgeoisie zu ihrem Sturze). Das sind ganz und gar verschiedene Dinge.“ (4. Ausgabe, Bd. 23, S. 155/156, russ.)

Es ist wohl klar, worum es sich hier handelt und in welche halb-anarchistische Pfütze Bucharin hineingeraten ist!

Sten. Lenin hat damals die Notwendigkeit der „Sprengung“ des Staates noch nicht in voll entfalteter Gestalt formuliert. Bucharin, der zwar anarchistische Fehler beging, näherte sich der Formulierung dieser Frage.

Stalin. Nein, nicht darum handelt es sich jetzt, es handelt sich um die Stellung zum Staat überhaupt, es handelt sich darum, dass nach der Meinung Bucharins die Arbeiterklasse jedem Staat, auch dem Staat der Arbeiterklasse, prinzipiell feindlich gegenüberstehen muss.

Sten. Lenin sprach damals nur von der Ausnutzung des Staates, ohne in der Kritik an Bucharin etwas über die „Sprengung“ zu sagen.

Stalin. Sie irren sich: „Sprengung“ des Staates ist keine marxistische, sondern eine anarchistische Formel. Ich kann Ihnen versichern, es handelt sich hier darum, dass die Arbeiter nach der Meinung Bucharins (und der Anarchisten) ihre prinzipielle Gegnerschaft gegen jeden Staat betonen sollen, also auch gegen den Staat der Übergangsperiode, den Staat der Arbeiterklasse.

Versuchen Sie einmal, unseren Arbeitern auseinanderzusetzen, dass die Arbeiterklasse von prinzipieller Gegnerschaft gegen die proletarische Diktatur durchdrungen sein muss, die ja ebenfalls ein Staat ist.

Der Standpunkt Bucharins, der in seinem Aufsatz in der „Jugendinternationale“ dargelegt ist, ist der Standpunkt der Ablehnung des Staates in der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus.

Bucharin hat hier eine „Kleinigkeit“ übersehen, und zwar die ganze Übergangsperiode, in der die Arbeiterklasse nicht ohne ihren eigenen Staat auskommen kann, wenn sie wirklich die Bourgeoisie niederhalten und den Sozialismus aufbauen will. Das als erstes.Zweitens ist die Behauptung falsch, Genosse Lenin hätte damals in seiner Kritik die Theorie der „Sprengung“, der „Abschaffung“ des Staates überhaupt nicht berührt. Lenin hat diese Theorie nicht nur berührt, wie das aus den von mir angeführten Zitaten zu ersehen ist, sondern er hat sie auch als anarchistische Theorie scharf kritisiert und ihr die Theorie der Bildung und Ausnutzung des neuen Staates nach dem Sturz der Bourgeoisie entgegengestellt, und zwar des Staates der proletarischen Diktatur.

Schließlich darf man die anarchistische Theorie der „Sprengung“ und der „Abschaffung“ des Staates nicht mit der marxistischen Theorie des „Absterbens“ des proletarischen Staates oder der „Zertrümmerung“, der „Zerschlagung“ der bürgerlichen Staatsmaschine verwechseln. Manch einer ist geneigt, diese beiden verschiedenen Begriffe durcheinander zu werfen, in der Meinung, dass sie ein und denselben Gedanken ausdrücken. Das ist aber falsch. Lenin ging gerade von der marxistischen Theorie der „Zertrümmerung“ der bürgerlichen Staatsmaschine und des „Absterbens“ des proletarischen Staates aus, als er die anarchistische Theorie der „Sprengung“ und der „Abschaffung“ des Staates überhaupt kritisierte.

Es wird vielleicht nicht überflüssig sein, wenn ich hier der größeren Klarheit halber eins der Manuskripte des Genossen Lenin über den Staat anführe, das allem Anschein nach Ende 1916 oder Anfang 1917 (vor der Februarrevolution von 1917) geschrieben wurde. Aus diesem Manuskript ist mit Leichtigkeit zu ersehen, dass

a) Lenin bei der Kritik an den halbanarchistischen Fehlern Bucharins in der Frage des Staates von der marxistischen Theorie des „Absterbens“ des proletarischen Staates und der „Zertrümmerung“ der bürgerlichen Staatsmaschine ausging,

b) Bucharin, obwohl er nach den Worten Lenin s der „Wahrheit näher kommt als Kautsky“, dennoch „statt die Kautskyaner zu entlarven, ihnen durch seine Fehler hilft“.

Hier der Wortlaut dieses Manuskriptes:

„Außerordentlich wichtig für die Frage des Staates ist der Brief von Engels an Bebel vom 18.-28. März 1875.

Die wichtigste Stelle lautet vollständig:

,...Der freie Volksstaat ist in den freien Staat verwandelt. Grammatikalisch genommen ist ein freier Staat ein solcher, wo der Staat frei gegenüber seinen Bürgern ist, also ein Staat mit despotischer Regierung. plan sollte das ganze Gerede vom Staat fallenlassen, besonders seit der Kommune, die schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr war. Der „Volksstaat“ ist uns von den Anarchisten bis zum Überdruss in die Zähne geworfen worden, obwohl schon die Schrift Marx' gegen Proudhon und nachher das „Kommunistische Manifest“ direkt sagen, dass mit Einführung der sozialistischen Gesellschaftsordnung der Staat sich von selbst auflöst und verschwindet. Da nun der „Staat“ doch nur eine vorübergehende Einrichtung ist, deren man sich im Kampfe, in der Revolution bedient, um seinen Gegner gewaltsam niederzuhalten, so ist es purer Unsinn, vom „freien Volksstaat“ zu sprechen: Solange das Proletariat den Staat noch gebraucht (hervorgehoben von Engels), gebraucht es ihn nicht im Interesse der Dreiheit, sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die Rede sein kann, hört der Staat als solcher auf zu bestehen. Wir würden daher vorschlagen, überall statt „Staat“ (hervorgehoben von Engels) „Gemeinwesen“ zu setzen, ein gutes altes deutsches Wort, das das französische „Kommune“ sehr gut vertreten kann.

Das ist bei Marx und Engels wohl die trefflichste und sicherlich die schärfste Stelle, sozusagen ‚gegen den Staat'.

1. ‚Man sollte das ganze Gerede vom Staat fallenlassen.'

2. ‚Die Kommune war schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr.' (Was aber war sie? Offenbar die Übergangsform vom Staat zum Nichtstaat!)

3. Die Anarchisten haben uns bis zum Überdruss den ‚Volksstaat' ‚in die Zähne geworfen'. (Marx und Engels schämten sich also dieses offenbaren Fehlers ihrer deutschen Freunde; - sie hielten ihn jedoch, und unter den damaligen Verhältnissen natürlich mit Recht, für einen unvergleichlich weniger wichtigen Fehler als den Fehler der Anarchisten. Dies NB!!)

4. Der Staat ‚zersetzt sich von selbst („löst sich auf“) (Nota Bene) und verschwindet' ... (vgl. später: ‚stirbt ab') ‚mit Einführung der sozialistischen Gesellschaftsordnung'...

5. Der Staat ist eine ‚vorübergehende Einrichtung', die man ‚im Kampfe, in der Revolution' braucht... (die selbstverständlich das Proletariat braucht)...

6. Den Staat braucht man nicht im Interesse der Freiheit, sondern der Niederhaltung (Niederhaltung (Bei Lenin deutsch) ist nicht Unterdrückung in eigentlichem Sinne, sondern Abhalten von der Restauration, in Unterwürfigkeit halten) der Gegner des Proletariats.

7. Wenn es Freiheit geben wird, wird es keinen Staat geben.

8. ‚Wir' (d. h. Engels und Marx) würden vorschlagen, ‚überall' (im Programm) statt ‚Staat' ‚Gemeinwesen', ‚Kommune' zu sagen!!!

Daraus ist ersichtlich, wie Marx und Engels nicht nur von den Opportunisten, sondern auch von Kautsky verflacht und entstellt wurden.

Die Opportunisten haben keinen einzigen von diesen acht überaus reichen Gedanken begriffen!!

Sie haben nur die praktische Notwendigkeit der Gegenwart genommen: die Ausnutzung des politischen Kampfes, die Ausnutzung des heutigen Staates zur Schulung, Erziehung des Proletariats, zur ‚Abringung von Zugeständnissen'. Das ist richtig (gegen die Anarchisten), aber das ist nur 1/100 des Marxismus, wenn man sich so arithmetisch ausdrücken darf.

Kautsky hat in seiner propagandistischen und überhaupt in seiner publizistischen Tätigkeit die Punkte 1, 2, 5, 6, 7, 8 und Marx' ‚Zerbrechen' (Bei Lenin deutsch) vollständig vertuscht (oder vergessen? oder nicht begriffen?) (in der Polemik gegen Pannekoek 1912 oder 1913 war Kautsky [siehe weiter unten, S. 45-47] in dieser Frage bereits ganz zum Opportunismus hinabgesunken)...

Von den Anarchisten trennen uns (a) die Ausnutzung des Staates jetzt und (b) während der Revolution des Proletariats (‚Diktatur des Proletariats') - Fragen von größter Wichtigkeit für die Praxis, jetzt schon. (Gerade sie hat Bucharin vergessen!)

Von den Opportunisten trennen uns die tieferen, ‚unvergänglicheren' Wahrheiten vom (aa) ‚vorübergehenden' Charakter des Staates, vom (bb) Schaden des ‚Geredes' über ihn jetzt, vom (cc) nicht ganz staatlichen Charakter der Diktatur des Proletariats, vom (dd) Widerspruch zwischen Staat und Freiheit, von (ee) der richtigeren Idee (dem Begriff, programmatischen Terminus) des ‚Gemeinwesens' statt des Staates, vom (ff) ‚Zerbrechen' der bürokratisch-militärischen Maschine.

Man darf auch nicht vergessen, dass die Diktatur des Proletariats von den offenen Opportunisten Deutschlands (Bernstein, Kolb etc.) direkt, vom offiziellen Programm und Kautsky aber indirekt abgelehnt wird, indem man sie in der tagtäglichen Agitation verschweigt und das Renegatentum der Kolb und Konsorten duldet.

An Bucharin wurde im August 1916 geschrieben: ‚Lass deine Gedanken über den Staat ausreifen.' Er aber ließ sie nicht ausreifen, drängte sich in die Presse als ‚Nota Bene' und tat das so, dass er, statt die Kautskyaner zu entlarven, ihnen durch seine Fehler half!! Im Grunde kommt jedoch Bucharin der Wahrheit näher als Kautsky.“[8]

Das ist die kurze Geschichte der theoretischen Auseinandersetzung über die Frage des Staates.

Man sollte meinen, die Sache sei klar: Bucharin hat halbanarchistische Fehler begangen - es sei nun an der Zeit, diese Fehler zu korrigieren und nunmehr in die Fußtapfen Lenin s zu treten. Aber so können nur Lenin isten denken. Bucharin ist, wie sich erweist, damit nicht einverstanden. Er behauptet im Gegenteil, dass nicht er sich geirrt habe, sondern Lenin , dass nicht er in die Fußtapfen Lenin s getreten sei oder zu treten habe, sondern dass im Gegenteil Lenin gezwungen war, in die Fußtapfen Bucharins zu treten.

Sie halten das nicht für wahrscheinlich, Genossen? Dann hören Sie weiter. Nach diesen Auseinandersetzungen, die im Jahre 1916 stattfanden, nach weiteren 9 Jahren, in deren Verlauf Bucharin Schweigen bewahrte, ein Jahr nach dem Tode Lenin s, und zwar im Jahre 1925, veröffentlicht Bucharin in dem Sammelband „Rewoluzija Prawa“ [Die Revolution des Rechts] den Aufsatz „Zur Theorie des imperialistischen Staates“, der seinerzeit von der Redaktion des „Sbornik Sozialdemokrata“[9] (d. h. von Lenin ) nicht zur Veröffentlichung angenommen worden war; in einer Anmerkung zu diesem Aufsatz erklärt Bucharin unumwunden, dass in dieser Auseinandersetzung nicht Lenin recht hatte, sondern er, Bucharin. Das mag unglaublich erscheinen, ist aber Tatsache, Genossen.

Hören Sie den Wortlaut dieser Anmerkung:

„Gegen den Aufsatz in der ‚Jugend-Internationale' trat W.I. (d. h. Lenin ) mit einer Notiz auf. Die Leser werden leicht erkennen, dass der Fehler, der mir zugeschrieben wurde, bei mir nicht vorhanden war, da ich die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats deutlich sah; anderseits ist aus der Notiz von Iljitsch zu ersehen, dass er damals zu der These von der ‚Sprengung' des Staates (natürlich des bürgerlichen) unrichtig Stellung nahm, da er diese Frage mit der Frage vom Absterben der Diktatur des Proletariats verwechselte. Vielleicht hätte ich damals das Thema der Diktatur mehr entwickeln sollen. Aber zu meiner Rechtfertigung kann ich sagen, dass damals ein so summarisches sozialdemokratisches Lobpreisen des bürgerlichen Staates zu verzeichnen war, dass es natürlich erschien, die ganze Aufmerksamkeit auf die Frage der Sprengung dieser Maschine zu konzentrieren.

Als ich aus Amerika nach Rußland kam und Nadeshda Konstantinowna (Krupskaja. Der Übers.) traf (das war auf unserem illegalen VI. Parteitag, W. I. hielt sich damals verborgen), waren ihre ersten Worte: ‚W.I. hat mich gebeten, Ihnen mitzuteilen, dass er jetzt in der Frage des Staates keine Meinungsverschiedenheiten mehr mit Ihnen hat.' Als Iljitsch sich mit der Frage beschäftigte, gelangte er zu denselben Schlussfolgerungen; bezüglich der ,Sprengung', entwickelte aber dieses Thema und späterhin auch die Lehre von der Diktatur so weit, dass er in der Entwicklung des theoretischen Denkens in dieser Richtung wahrhaft Epoche gemacht hat.“

So schreibt Bucharin über Lenin ein Jahr nach Lenin s Tod.

Hier hat man ein Beispiel hypertrophischer Anmaßungen eines Theoretikers, der noch zu lernen hat!

Es ist durchaus möglich, dass Nadeshda Konstantinowna tatsächlich mit Bucharin über die Dinge gesprochen hat, von denen Bucharin hier schreibt. Was folgt aber daraus? Daraus folgt nur das eine, dass Lenin eine gewisse Veranlassung hatte zu glauben, Bucharin habe sich von seinen Fehlern losgesagt oder sei bereit, es zu tun. Das ist alles. Aber Bucharin kalkulierte anders. Er fand, dass von nun an nicht mehr Lenin , sondern er, das heißt Bucharin, als der Schöpfer oder jedenfalls als der Inspirator der marxistischen Staatstheorie anzusehen sei.

Bis jetzt hielten wir uns und halten uns nach wie vor für Lenin isten. Jetzt aber stellt sich heraus, dass sowohl Lenin als auch wir, seine Schüler, Bucharinisten sind. Das ist doch ein wenig lächerlich, Genossen. Aber was ist zu machen, wenn man es mit den maßlos gewordenen Prätensionen Bucharins zu tun hat!

Man könnte meinen, Bucharin habe sich in seiner Anmerkung zu dem oben erwähnten Aufsatz versprochen, er habe eine Dummheit gesagt und se dann vergessen. Das ist aber, wie sich erweist, nicht richtig. Es zeigt sich, dass Bucharin in vollem Ernst sprach. Das ist schon daraus ersichtlich, dass die in dieser Anmerkung enthaltene Erklärung Bucharins über die Fehler Lenin s und den richtigen Standpunkt Bucharins vor kurzem neuerlich veröffentlicht wurde, und zwar im Jahre 1927, das heißt zwei Jahre nach dem ersten Vorstoß Bucharins gegen Lenin , in einem biographischen Aufsatz Marezkis über Bucharin, wobei Bucharin gar nicht daran dachte, gegen eine solche... Kühnheit Marezkis zu protestieren. Es ist klar, dass man das Auftreten Bucharins gegen Lenin nicht für einen Zufall halten darf.

Es stellt sich somit heraus, dass Bucharin und nicht Lenin Recht hat, dass nicht Lenin , sondern Bucharin der Inspirator der marxistischen Staatstheorie ist.

Das, Genossen, ist das Bild der theoretischen Verrenkungen und der theoretischen Prätensionen Bucharins.

Und dieser Mensch besitzt die Kühnheit, nach all dem hier in seiner Rede zu sagen, dass in der theoretischen Einstellung unserer Partei „etwas faul“ sei, dass es in der theoretischen Einstellung unserer Partei eine Abweichung zum Trotzkismus gebe!

Und das sagt derselbe Bucharin, der eine Reihe gröbster theoretischer und praktischer Fehler begeht (und in der Vergangenheit begangen hat), der noch vor kurzem ein Schüler Trotzkis war, der noch gestern einen Block mit den Trotzkisten gegen die Lenin isten anstrebte und durch die Hintertür zu ihnen schlich!

Ist das denn nicht lächerlich, Genossen?

h) Fünfjahrplan oder Zweijahrplan?

Erlauben Sie mir jetzt, zu der Rede Rykows überzugehen. Versuchte Bucharin, eine theoretische Begründung der rechten Abweichung zu geben, so bemüht sich Rykow in seiner Rede, diese Sache mit praktischen Vorschlägen zu unterbauen, wobei er uns mit „schrecklichen“ Geschichten aus dem Bereich unserer Schwierigkeiten in der Landwirtschaft zu ängstigen sucht. Das heißt nicht, dass Rykow die theoretischen Fragen nicht gestreift hat. Nein, er hat sie gestreift. Er hat aber dabei mindestens zwei ernste Fehler begangen.

In seinem Resolutionsentwurf über den Fünfjahrplan, der von der Kommission des Politbüros verworfen wurde, sagt Rykow, dass die „zentrale Idee des Fünfjahrplans in dem Wachstum der Produktivität der nationalen Arbeit besteht“. Obwohl die Kommission des Politbüros diese völlig falsche Einstellung verworfen hat, hat Rykow sie hier in seiner Rede verteidigt.

Ist es richtig, dass das Wachstum der Arbeitsproduktivität die zentrale Idee des Fünfjahrplans im Sowjetland bildet? Nein, das ist nicht richtig. Wir brauchen doch kein beliebiges Wachstum der Produktivität der nationalen Arbeit. Wir brauchen ein bestimmtes Wachstum der Produktivität der nationalen Arbeit, und zwar ein Wachstum, das dem sozialistischen Sektor der Volkswirtschaft systematisch ein Übergewicht über den kapitalistischen Sektor sichert. Ein Fünfjahrplan, in dem diese zentrale Idee vergessen wird, ist kein Fünfjahrplan, sondern ein Fünfjahrunsinn.

Am Wachstum der Arbeitsproduktivität überhaupt ist jede Gesellschaft, sowohl die kapitalistische als auch die vorkapitalistische, interessiert. Die Sowjetgesellschaft unterscheidet sich gerade dadurch von jeder anderen Gesellschaft, dass sie nicht an jedem beliebigen Wachstum der Arbeitsproduktivität interessiert ist, sondern an einem Wachstum, das den sozialistischen Wirtschaftsformen ein Übergewicht über die anderen Formen, vor allem über die kapitalistischen Wirtschaftsformen sichert, das somit die Überwindung und Verdrängung der kapitalistischen Wirtschaftsformen gewährleistet. Rykow aber hat diese wirklich zentrale Idee des Fünfjahrplans der Entwicklung der Sowjetgesellschaft vergessen. Das ist sein erster theoretischer Fehler.

Sein zweiter Fehler besteht darin, dass er, sagen wir, zwischen der Kollektivwirtschaft und einer beliebigen individuellen Wirtschaft, darunter auch der individuellen kapitalistischen Wirtschaft, vom Standpunkt des Warenumsatzes keinen Unterschied macht oder den Unterschied nicht begreifen will. Rykow versichert, dass er vom Standpunkt des Warenumsatzes auf denn Getreidemarkt, vom Standpunkt der Getreidebeschaffung zwischen der Kollektivwirtschaft und dem privaten Getreidebesitzer keinen Unterschied sieht, es ihm also gleichgültig ist, ob wir das Getreide von der Kollektivwirtschaft, vom Privatbesitzer oder von irgendeinem argentinischen Getreideaufkäufer kaufen. Das ist völlig falsch. Das ist eine Wiederholung der bekannten Äußerung Frumkins, der eine Zeitlang versicherte, dass es ihm gleichgültig sei, wo und von wem das Getreide gekauft werden soll, ob vom Privatbesitzer oder von der Kollektivwirtschaft.

Das ist eine maskierte Form der Verteidigung, der Rehabilitierung, der Rechtfertigung der Kulakenmachinationen auf dem Getreidemarkt. Die Tatsache, dass diese Verteidigung vom Standpunkt des Warenumsatzes ausgeht - diese Tatsache ändert nichts daran, dass sie dennoch eine Rechtfertigung der Kulakenmachinationen auf dem Getreidemarkt ist. Wenn vom Standpunkt des Warenumsatzes kein Unterschied zwischen den kollektiven und den nichtkollektiven Wirtschaftsformen besteht, lohnt es sich dann, Kollektivwirtschaften zu entwickeln, lohnt es sich dann, ihnen Vergünstigungen zu gewähren, lohnt es sich dann, sich mit der schweren Aufgabe der Überwindung der kapitalistischen Elemente in der Landwirtschaft zu befassen? Es ist klar, dass Rykow eine falsche Einstellung hat. Das ist sein zweiter theoretischer Fehler.

Aber das nebenbei. Gehen wir zu den praktischen Fragen über, die Rykow in seiner Rede aufgeworfen hat.

Rykow behauptete hier, dass außer dem Fünfjahrplan noch ein anderer, ein Parallelplan nötig sei, und zwar ein Zweijahrplan der Entwicklung der Landwirtschaft. Er begründete diesen Vorschlag über einen parallelen Zweijahrplan mit den Schwierigkeiten in der Landwirtschaft. Er sagte, der Fünfjahrplan sei eine gute Sache und er trete für ihn ein, aber wenn wir gleichzeitig einen Zweijahrplan der Landwirtschaft aufstellten, so würde es noch besser sein - andernfalls würde die Landwirtschaft stecken bleiben.

Dem äußeren Scheine nach stellt dieser Vorschlag nichts Schlechtes dar. Wenn man sich aber die Sache näher ansieht, dann stellt sich heraus, dass der Zweijahrplan der Landwirtschaft mit der Absicht ausgeheckt wurde, dem Fünfjahrplan einen irrealen, papiernen Charakter zuzuschreiben. Konnten wir uns damit einverstanden erklären? Nein, das konnten wir nicht. Wir sagten Rykow: Wenn Sie mit dem Fünfjahrplan für die Landwirtschaft unzufrieden sind, wenn Sie die Aufwendungen, die gemäß dem Fünfjahrplan für die Entwicklung der Landwirtschaft bewilligt werden, als ungenügend betrachten, so sprechen Sie unumwunden über Ihre Ergänzungsvorschläge, über Ihre zusätzlichen Investitionen - wir sind damit einverstanden, diese zusätzlichen Investitionen in der Landwirtschaft in den Fünfjahrplan aufzunehmen. Was geschah aber? Es zeigte sich, dass Rykow keinerlei Ergänzungsvorschläge über zusätzliche Investitionen in der Landwirtschaft zu machen hatte. Es fragt sich: Wozu ist dann der parallele Zweijahrplan der Landwirtschaft nötig?

Wir sagten ihm ferner: Außer dem Fünfjahrplan gibt es noch Jahrespläne, die einen Teil des Fünfjahrplans bilden, lasst uns doch diejenigen konkreten Zusatzvorschläge zur Hebung der Landwirtschaft, die Sie haben - wenn Sie überhaupt welche haben -, in die Jahrespläne der ersten zwei Jahre aufnehmen. Was geschah aber? Es zeigte sich, dass Rykow solche konkreten Pläne über zusätzliche Aufwendungen nicht vorzuschlagen hatte.

Da begriffen wir, dass der Vorschlag Rykows über einen Zweijahrplan nicht die Hebung der Landwirtschaft bezweckte, sondern dass er von dem Wunsche eingegeben war, dem Fünfjahrplan einen irrealen, papiernen Charakter zuzuschreiben, von dem Wunsche, den Fünfjahrplan zu diskreditieren. Für das „Gemüt“, für den Schein - der Fünfjahrplan, für das Handeln, für die praktische Arbeit - der Zweijahrplan, das ist die Strategie, die sich bei Rykow ergab. Rykow brachte den Zweijahrplan aufs Tapet, um nachher, im Verlauf der praktischen Verwirklichung des Fünfjahrplans, dem Fünfjahrplan den Zweijahrplan entgegenzustellen, den Fünfjahrplan umzustellen und ihn dem Zweijahrplan anzupassen, unter Kürzung und Beschneidung der Aufwendungen für die Industrie.

Das sind die Erwägungen, aus welchen wir den Vorschlag Rykows über den parallelen Zweijahrplan verwarfen.

i) Die Frage der Anbauflächen

Rykow suchte hier die Partei dadurch zu schrecken, dass er versicherte, die Anbauflächen in der UdSSR weisen die Tendenz zu systematischer Verringerung auf. Dabei deutete er mit einem Seitenblick auf die Partei an, dass an der Verringerung der Anbauflächen die Politik der Partei schuld sei. Er sagte nicht direkt, dass wir einer Degradation der Landwirtschaft entgegengehen. Aber aus seiner Rede erhält man den Eindruck, dass wir eine Art Degradation zu verzeichnen haben.

Stimmt es, dass die Anbauflächen die Tendenz zu systematischer Verringerung aufweisen? Nein, das stimmt nicht. Rykow operierte hier mit Durchschnittszahlen über die Anbauflächen im Lande. Aber die Methode der Durchschnittszahlen, die nicht durch Angaben über die einzelnen Gebiete korrigiert wird, kann nicht als wissenschaftliche Methode betrachtet werden.

Vielleicht hat Rykow einmal „Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland“ von Lenin gelesen. Falls er dieses Werk gelesen hat, so muss er sich erinnern, wie Lenin dort gegen die bürgerlichen Ökonomen wettert, die sich der Methode der Durchschnittszahlen über die Vergrößerung der Anbauflächen bedienen und die Angaben nach Gebieten ignorieren. Es ist sonderbar, dass Rykow jetzt die Fehler der bürgerlichen Ökonomen wiederholt. Wenn man nun betrachtet, wie sich die Größe der Anbauflächen in den einzelnen Gebieten verändert, das heißt, wenn man an die Sache wissenschaftlich herangeht, so ergibt sich, dass sich die Anbauflächen in den einen Gebieten systematisch vergrößern, in anderen sich zuweilen verringern, was hauptsächlich von meteorologischen Verhältnissen abhängt; dabei gibt es keine Angaben, die davon zeugten, dass wir irgendwo, und sei es auch nur in einem einzigen der bedeutenden Getreidegebiete, eine systematische Verringerung der Anbauflächen hätten.

Die Anbauflächen in den Gebieten, die von Frösten oder von Dürre betroffen wurden, zum Beispiel in einigen Gebieten der Ukraine, weisen tatsächlich in letzter Zeit eine Verringerung auf...

Zwischenruf. Nicht die ganze Ukraine.

Schlichter. In der Ukraine haben sich die Anbauflächen um 2,7 Prozent vergrößert.

Stalin. Ich meine die Steppenzone der Ukraine. In anderen Gebieten dagegen, sagen wir in Sibirien, an der Wolga, in Kasachstan, in Baschkirien, die nicht von ungünstigen Witterungsverhältnissen betroffen wurden, dehnen sich die Anbauflächen systematisch aus.

Wie ist es zu erklären, dass sich die Anbauflächen in den einen Gebieten systematisch vergrößern, in den anderen aber zuweilen verringern? Man kann doch wirklich nicht behaupten, dass die Politik der Partei in der Ukraine die eine und im Osten oder im Zentrum der UdSSR eine andere sei. Das ist doch absurd, Genossen. Es ist klar, dass die Witterungsverhältnisse hier von nicht geringer Bedeutung sind.

Es stimmt, dass die Kulaken die Anbauflächen, unabhängig von den Witterungsverhältnissen, verringern. Daran mag wohl die Politik der Partei „schuld“ sein, die darin besteht, die Massen der armen und Mittelbauern gegen das Kulakentum zu unterstützen. Aber was folgt daraus? Haben wir uns denn jemals verpflichtet, eine Politik zu betreiben, die alle sozialen Gruppen des Dorfes, darunter auch die Kulaken, befriedigen könnte? Können wir denn überhaupt eine Politik durchführen, die Ausbeuter und Ausgebeutete befriedigen würde, wenn wir überhaupt eine marxistische Politik durchführen wollen? Was ist Besonderes daran, wenn im Gefolge unserer Lenin schen Politik, die auf die Einschränkung und Überwindung der kapitalistischen Elemente im Dorfe abzielt, die Kulaken beginnen, ihre Aussaat zum Teil zu verringern? Kann es denn anders sein?

Vielleicht ist diese Politik nicht richtig - dann soll man uns das geradeheraus sagen. Ist es nicht sonderbar, dass Leute, die sich Marxisten nennen, eine teilweise Verringerung der Aussaat durch die Kulaken in ihrem Schrecken als allgemeine Verringerung der Anbauflächen hinzustellen suchen und vergessen, dass es außer den Kulaken noch arme und Mittelbauern gibt, deren Aussaat sich vergrößert, vergessen, dass es Kollektiv- und Sowjetwirtschaften gibt, deren Aussaat in beschleunigtem Tempo zunimmt?

Schließlich noch eine Unrichtigkeit in der Rede Rykows zur Frage der Anbauflächen. Rykow klagte hier, dass hie und da, und zwar in Gegenden, wo die Kollektivwirtschaften am stärksten entwickelt sind, die Bodenfläche der individuellen Wirtschaften der armen und Mittelbauern sich zu verringern beginne. Das stimmt. Was ist aber Schlechtes daran? Wie kann es denn anders sein? Wenn die Wirtschaften der armen und Mittelbauern beginnen, die individuelle Feldbestellung aufzugeben, und zur kollektiven Wirtschaftsführung übergehen, ist es da nicht klar, dass die Erweiterung und Vermehrung der Kollektivwirtschaften eine Verringerung der Bodenfläche der individuellen Wirtschaften der armen und Mittelbauern nach sich ziehen muss? Wie wollen Sie es denn haben?

Die Kollektivwirtschaften besitzen jetzt über zwei Millionen Hektar Land. Am Ende des Planjahrfünfts werden die Kollektivwirtschaften mehr als 25 Millionen Hektar haben. Auf wessen Kosten wird sich die kollektivwirtschaftliche Bodenfläche vergrößern? Auf Kosten der Bodenfläche der individuellen Wirtschaften der armen und Mittelbauern. Wie wollen Sie es denn haben? Wie soll die individuelle Wirtschaft der armen und Mittelbauern anders auf die Bahnen der kollektiven Wirtschaft übergeleitet werden? Ist es etwa nicht klar, dass sich die kollektivwirtschaftliche Bodenfläche in einer ganzen Reihe von Gebieten auf Kosten der Bodenfläche der individuellen Wirtschaften vergrößern wird?

Es ist sonderbar, dass es Leute gibt, die diese einfachen Dinge nicht begreifen wollen.

j) Über die Getreidebeschaffung

Über unsere Getreideschwierigkeiten ist hier eine ganze Menge Ungereimtheiten gesagt worden. Aber die Hauptmomente unserer vorübergehenden Schwierigkeiten in der Getreidebeschaffung wurden außer acht gelassen.

Vor allen Dingen hat man vergessen, dass wir in diesem Jahr an Roggen und Weizen - ich spreche vom Bruttoernteertrag - um 500 bis 600 Millionen Pud weniger geerntet haben als im Vorjahr. Musste sich das nicht auf unsere Getreidebeschaffung auswirken? Natürlich musste es sich auswirken.

Vielleicht ist daran die Politik des ZK schuld? Nein, die Politik des ZK hat damit nichts zu tun. Dies erklärt sich durch die erhebliche Missernte in der Steppenzone der Ukraine (Fröste und Dürre) und durch die teilweise Missernte im Nordkaukasus, im Zentralen Schwarzerdegebiet und im Nordwestgebiet.

Dadurch ist es hauptsächlich zu erklären, dass wir im Vorjahr bis zum 1. April in der Ukraine 200 Millionen Pud Getreide (Roggen und Weizen) beschafft hatten, in diesem Jahr aber nur 26-27 Millionen Pud.

Eben dadurch ist auch der Rückgang der Beschaffung von Weizen und Roggen im Zentralen Schwarzerdegebiet auf fast ein Achtel und im Nordkaukasus auf ein Viertel zu erklären.

Die Getreidebeschaffung im Osten ist in einigen Gebieten in diesem Jahr fast auf das Doppelte gestiegen. Aber sie konnte natürlich den Ausfall an Getreide, den wir in der Ukraine, im Nordkaukasus und im Zentralen Schwarzerdegebiet zu verzeichnen hatten, nicht wettmachen und hat ihn nicht wettgemacht.

Man darf nicht vergessen, dass die Ukraine und der Nordkaukasus bei normalen Ernten ungefähr die Hälfte des ganzen in der UdSSR zu beschaffenden Getreides aufbringen.

Es ist sonderbar, dass Rykow diesen Umstand außer acht gelassen hat.

Schließlich der zweite Umstand, der das Hauptmoment unserer vorübergehenden Schwierigkeiten in der Getreidebeschaffung darstellt. Ich meine den Widerstand der Kulakenelemente des Dorfes gegen die Politik der Sowjetmacht in der Getreidebeschaffung. Rykow ist über diesen Umstand hinweggegangen. Aber über dieses Moment hinweggehen heißt über die Hauptsache in der Getreidebeschaffung hinweggehen. Wovon zeugt die Erfahrung der letzten zwei Jahre in der Getreidebeschaffung? Sie zeugt davon, dass die besitzenden Schichten des Dorfes, die bedeutende Getreideüberschüsse in der Hand haben und auf dem Getreidemarkt eine bedeutende Rolle spielen, uns freiwillig die notwendige Getreidemenge zu den von der Sowjetmacht festgesetzten Preisen nicht geben wollen. Wir brauchen, um die Städte und Industrieorte, die Rote Armee und die Gebiete, die gewerbliche Nutzpflanzen anbauen, mit Brot versorgen zu können, etwa 500 Millionen Pud Getreide jährlich. Auf dem Wege des Selbstlaufs gelangen in die Hände der Beschaffungsorgane etwa 300-350 Millionen Pud. Die übrigen 150 Millionen Pud müssen wir durch organisierten Druck auf die kulakischen und wohlhabenden Schichten des Dorfes aufbringen. Das zeigt uns die Erfahrung der Getreidebeschaffung während der letzten zwei Jahre.

Was ist in diesen zwei Jahren vor sich gegangen, woher kommen diese Veränderungen, weshalb genügte früher der Selbstlauf, und weshalb ist er jetzt ungenügend geworden? Das kommt daher, dass die kulakischen und wohlhabenden Elemente in diesen Jahren gewachsen sind, eine Reihe ertragreicher Jahre sind an ihnen nicht spurlos vorübergegangen, sie sind wirtschaftlich erstarkt, haben ein nettes kleines Kapital zusammengebracht und können jetzt auf dem Markte manövrieren, indem sie in Erwartung hoher Preise die Getreideüberschüsse zurückhalten und sich mit anderen Kulturen behelfen.

Getreide darf man nicht als einfache Ware betrachten. Getreide ist keine Baumwolle, die man nicht essen und nicht jedem verkaufen kann. Zum Unterschied von der Baumwolle ist Getreide unter unseren jetzigen Verhältnissen eine Ware, die jeder abnimmt und ohne die man nicht existieren kann. Der Kulak trägt diesem Umstand Rechnung, er hält das Getreide zurück und wirkt damit auf die anderen Getreidebesitzer ansteckend. Der Kulak weiß, dass Getreide die Valuta aller Valuten ist. Der Kulak weiß, dass Getreideüberschüsse nicht nur ein Mittel zu seiner Bereicherung, sondern auch ein Mittel zur Unterjochung der Dorfarmut sind. Getreideüberschüsse in der Hand des Kulaken sind unter den gegebenen Verhältnissen ein Mittel zur wirtschaftlichen und politischen Stärkung der Kulakenelemente. Wenn wir daher den Kulaken diese Überschüsse abnehmen, so erleichtern wir nicht nur die Brotversorgung der Städte und der Roten Armee, sondern untergraben auch die Basis für ein wirtschaftliches und politisches Erstarken des Kulakentums.Was muss man tun, um diese Getreideüberschüsse zu bekommen? Man muss vor allem die Einstellung auf den Selbstlauf als eine schädliche und gefährliche Sache überwinden. Man muss die Getreidebeschaffung organisieren. Man muss die Massen der armen und Mittelbauern gegen das Kulakentum mobilisieren und erreichen, dass die Maßnahmen der Sowjetmacht zur Verstärkung der Getreidebeschaffung von diesen Massen geschlossen unterstützt werden. Die Bedeutung der im Ural und in Sibirien angewandten Methode der Getreidebeschaffung, die nach dem Prinzip der Selbstbesteuerung durchgeführt wird, besteht eben darin, dass sie es ermöglicht, zur Verstärkung der Getreidebeschaffung die werktätigen Schichten des Dorfes gegen das Kulakentum zu mobilisieren. Die Erfahrung hat gezeigt, dass diese Methode positive Resultate zeitigt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass wir diese positiven Resultate nach zwei Richtungen hin erzielen: Erstens nehmen wir den besitzenden Schichten des Dorfes die Getreideüberschüsse ab und erleichtern dadurch die Versorgung des Landes; zweitens mobilisieren wir dadurch die Massen der armen und Mittelbauern gegen das Kulakentum, klären sie politisch auf und organisieren aus ihnen unsere machtvolle politische Millionenarmee im Dorf. Manche Genossen ziehen diesen letzteren Umstand nicht in Betracht. Und doch ist gerade dieser Umstand ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Resultat der im Ural und in Sibirien angewandten Methode der Getreidebeschaffung.

Allerdings wird diese Methode zuweilen mit der Anwendung außerordentlicher Maßnahmen gegen das Kulakentum verbunden, was bei Bucharin und Rykow ein komisches Gejammer hervorruft. Was ist aber Schlimmes daran? Warum darf man nicht zuweilen, unter bestimmten Verhältnissen, außerordentliche Maßnahmen gegen unseren Klassenfeind, gegen das Kulakentum, anwenden? Warum kann man die Spekulanten in den Städten zu Hunderten verhaften und in das Turuchansker Gebiet ausweisen, den Kulaken aber, die mit Getreide spekulieren, die die Sowjetmacht an der Kehle zu packen und die Dorfarmen zu unterjochen suchen, nicht die Getreideüberschüsse durch gesellschaftlichen Zwang abnehmen, und zwar zu Preisen, zu denen die armen und Mittelbauern ihr Getreide an unsere Beschaffungsorganisationen abliefern? Woraus geht das hervor? Hat sich unsere Partei etwa jemals grundsätzlich gegen die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen gegenüber den Spekulanten und dem Kulakentum ausgesprochen? Gibt es etwa bei uns kein Gesetz gegen die Spekulanten?

Rykow und Bucharin sind offenbar grundsätzlich gegen jede Anwendung außerordentlicher Maßnahmen gegenüber dem Kulakentum. Aber das ist doch eine bürgerlich-liberale Politik und keine marxistische Politik. Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, dass Lenin sich nach der Einführung der Neuen Ökonomischen Politik sogar für die Rückkehr zur Politik der Komitees der Dorfarmut ausgesprochen hat, natürlich unter bestimmten Bedingungen. Aber was ist denn die teilweise Anwendung außerordentlicher Maßnahmen gegen die Kulaken? Das ist nicht einmal ein Tropfen im Meer im Vergleich zur Politik der Komitees der Dorfarmut.

Sie, die Anhänger der Bucharingruppe, hoffen, den Klassenfeind durch Überzeugung zu bewegen, freiwillig auf seine Interessen zu verzichten und seine Getreideüberschüsse freiwillig an uns abzuliefern. Sie hoffen, dass der Kulak, der gewachsen ist, der spekuliert, der die Möglichkeit hat, sich an anderen Kulturen schadlos zu halten, und der seine Getreideüberschüsse versteckt - sie hoffen, dass dieser selbe Kulak seine Getreideüberschüsse zu unseren Beschaffungspreisen freiwillig an uns abliefern wird. Haben sie denn den Verstand verloren? Ist es nicht klar, dass sie die Mechanik des Klassenkampfes nicht verstehen, dass sie nicht wissen, was Klassen sind?

Und ist ihnen bekannt, wie die Kulaken unsere Funktionäre und die Sowjetmacht in den Dorfversammlungen, die zur Verstärkung der Getreidebeschaffung abgehalten werden, verhöhnen? Sind ihnen solche Tatsachen bekannt wie zum Beispiel, dass in Kasachstan unser Agitator zwei Stunden lang die Getreidebesitzer zu überreden suchte, das Getreide für die Versorgung des Landes abzuliefern, ein Kulak aber mit der Pfeife im Munde vortrat und ihm antwortete: „Tanz mal, Bursche, dann werde ich dir so an die zwei Pud Getreide geben.“

Zwischenrufe. Gesindel!

Stalin. Überzeugen Sie mal solche Leute.

Ja, Genossen, Klasse ist Klasse. Um diese Wahrheit kommt man nicht herum. Die im Ural und in Sibirien angewandte Methode ist gerade deshalb gut, weil sie es erleichtert, die Schichten der armen und Mittelbauern gegen die Kulaken zu mobilisieren, weil sie es erleichtert, den Widerstand der Kulaken zu brechen, und sie zwingt, die Getreideüberschüsse den Organen der Sowjetmacht abzuliefern.

Das geläufigste Modewort in den Reihen der Bucharingruppe ist jetzt das Wort „Überspitzungen“ bei der Getreidebeschaffung. Dieses Wort ist bei ihnen gang und gäbe, da es ihnen hilft, ihre opportunistische Linie zu maskieren. Wollen sie ihre Linie maskieren, so sagen sie gewöhnlich: Wir sind natürlich nicht gegen den Druck auf die Kulaken, aber wir sind gegen Überspitzungen, die auf diesem Gebiet begangen werden und die den Mittelbauern treffen. Weiter folgen Erzählungen über die „schrecklichen“ Folgen dieser Überspitzungen, werden Briefe von „Bauern“ verlesen, werden panische Briefe von Genossen verlesen, wie zum Beispiel von Markow, und dann wird die Schlussfolgerung gezogen: Die Politik des Drucks auf das Kulakentum muss aufgegeben werden.

Man höre sich das an: Weil Überspitzungen in der Durchführung einer richtigen Politik vorkommen, so muss man, wie sich herausstellt, diese richtige Politik aufgeben. Das ist die gewöhnliche Manier der Opportunisten: da Überspitzungen bei der Durchführung einer richtigen Linie vorgekommen sind, ist diese Linie aufzugeben und durch eine opportunistische Linie zu ersetzen. Dabei verschweigen die Anhänger der Bucharingruppe sorgfältig, dass noch eine andere Art von Überspitzungen existiert, eine gefährlichere und schädlichere, nämlich die Überspitzungen nach der Seite der Verfilzung mit dem Kulakentum, nach der Seite der Anpassung an die wohlhabenden Schichten des Dorfes, nach der Seite der Ersetzung der revolutionären Politik der Partei durch die opportunistische Politik der rechten Abweichler.

Natürlich sind wir alle gegen diese Überspitzungen. Wir alle sind dagegen, dass die Schläge, die gegen die Kulaken geführt werden, die Mittelbauern treffen. Das ist klar, und darüber kann keinerlei Zweifel bestehen. Aber wir sind entschieden dagegen, dass durch das Geschwätz von Überspitzungen, das von der Bucharingruppe eifrig kolportiert wird, die revolutionäre Politik unserer Partei aufgegeben und durch die opportunistische Politik der Bucharingruppe ersetzt wird. Nein, dieser Trick wird ihnen nicht gelingen.

Nennen Sie auch nur eine politische Maßnahme der Partei, die nicht diese oder jene Überspitzung im Gefolge gehabt hätte. Daraus folgt, dass man gegen die Überspitzungen kämpfen muss. Darf man aber aus diesem Grunde die Linie selbst schmähen, die die einzig richtige Linie ist?

Nehmen wir eine Maßnahme wie die Durchführung des Siebenstundentags. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass diese Maßnahme eine der revolutionärsten Maßnahmen ist, die von unserer Partei in letzter Zeit durchgeführt werden. Wem ist nicht bekannt, dass diese ihrem Wesen nach zutiefst revolutionäre Maßnahme bei uns immer wieder eine ganze Reihe von Überspitzungen, zuweilen der widerlichsten Art, im Gefolge hat? Bedeutet dies, dass wir die Politik der Durchführung des Siebenstundentags aufgeben sollen?

Begreifen die Anhänger der Bucharinschen Opposition, in welche Pfütze sie geraten, wenn sie mit den Überspitzungen in der Getreidebeschaffung auftrumpfen?

k) Über die Valutareserven und die Getreideeinfuhr

Schließlich einige Worte über die Getreideeinfuhr und die Valutareserven. Ich sagte bereits, dass Rykow und seine nächsten Freunde mehrmals die Frage der Einfuhr von Getreide aus dem Ausland aufgeworfen haben. Rykow sprach anfangs von der Notwendigkeit, 80-100 Millionen Pud Getreide einzuführen. Das würde ungefähr 200 Millionen Rubel Valuta ausmachen. Dann warf er die Frage der Einfuhr von 50 Millionen Pud auf, das heißt einer Einfuhr für 100 Millionen Rubel Valuta. Wir haben das abgelehnt und entschieden, dass es besser ist, auf den Kulaken Druck auszuüben und seine nicht geringen Getreideüberschüsse aus ihm herauszupressen, als Valuta auszugeben, die wir zurückgelegt haben, um Ausrüstungen für unsere Industrie einzuführen.

Jetzt wechselt Rykow die Front. Jetzt behauptet er, die Kapitalisten würden uns Getreide auf Kredit geben, wir aber wollten es angeblich nicht nehmen. Er sagte, durch seine Hände seien mehrere Telegramme gegangen, aus denen hervorgeht, dass die Kapitalisten uns Getreide auf Kredit geben wollen. Dabei stellte er die Dinge so hin, als gäbe es bei uns Leute, die, sei es aus einer Laune heraus, sei es aus irgendwelchen anderen unverständlichen Gründen, kein Getreide auf Kredit annehmen wollen.

All das ist dummes Zeug, Genossen. Es wäre lächerlich anzunehmen, dass die Kapitalisten des Westens uns plötzlich aus lauter Mitgefühl mehrere Dutzend Millionen Pud Getreide fast umsonst oder auf langfristigen Kredit geben wollen. Das ist dummes Zeug, Genossen.

Worum handelt es sich aber dann? Es handelt sich darum, dass verschiedene kapitalistische Gruppen nun schon ein halbes Jahr lang uns auf den Zahn fühlen, unsere finanziellen Möglichkeiten, unsere Kreditfähigkeit, unsere Standhaftigkeit auszukundschaften suchen. Sie wenden sich an unsere Handelsvertreter in Paris, in der Tschechoslowakei, in Amerika, in Argentinien und versprechen, uns zu einem ganz kurzfristigen Kredit von drei oder höchstens sechs Monaten Getreide zu verkaufen. Ihnen liegt nicht so sehr daran, uns Getreide auf Kredit zu verkaufen, als vielmehr daran, zu erfahren, ob unsere Lage tatsächlich schwierig ist, ob unsere finanziellen Möglichkeiten tatsächlich erschöpft sind, ob wir, was unsere finanzielle Lage betrifft, festen Boden unter den Füßen haben und ob wir nicht auf den Köder anbeißen, den sie uns hinwerfen.

In der kapitalistischen Welt wird zurzeit über unsere finanziellen Möglichkeiten viel herumgestritten. Die einen sagen, wir seien bereits bankrott und der Zusammenbruch der Sowjetmacht sei eine Frage von einigen Monaten, wenn nicht Wochen. Andere sagen, das stimme nicht, die Sowjetmacht sitze fest im Sattel, sie habe finanzielle Möglichkeiten und besitze genügend Getreide.

Gegenwärtig besteht die Aufgabe darin, die notwendige Standhaftigkeit und Ausdauer an den Tag zu legen, nicht auf die heuchlerischen Versprechungen bezüglich Getreidelieferungen auf Kredit hereinzufallen und der kapitalistischen Welt zu zeigen, dass wir ohne Einfuhr von Getreide auskommen werden. Das ist nicht nur meine Meinung. Das ist die Meinung der Mehrheit des Politbüros.

Aus diesem Grunde haben wir beschlossen, das Angebot aller möglichen Wohltäter, wie zum Beispiel Nansens, abzulehnen, nämlich für 1 Million Dollar Getreide auf Kredit in die UdSSR einzuführen.

Aus eben diesem Grunde haben wir allen diesen Kundschaftern der kapitalistischen Welt in Paris, in Amerika, in der Tschechoslowakei, die uns eine geringe Menge Getreide auf Kredit angeboten haben, eine ablehnende Antwort gegeben.

Aus eben diesem Grunde haben wir beschlossen, im Getreideverbrauch größte Sparsamkeit, bei der Getreidebeschaffung größte Organisiertheit walten zu lassen.

Wir verfolgten dabei zwei Ziele: einerseits ohne Getreideeinfuhr auszukommen und die Valuta für die Einfuhr von Produktionsausrüstungen zu behalten, anderseits - all unseren Feinden zu zeigen, dass wir festen Boden unter den Füßen haben und nicht gewillt sind, auf Almosenversprechungen hereinzufallen.

War eine solche Politik richtig? Ich denke, dass sie die einzig richtige Politik war. Sie war richtig nicht nur, weil wir hier, innerhalb unseres Landes, neue Möglichkeiten erschlossen haben, Getreide zu erhalten. Sie war auch deshalb richtig, weil wir dadurch, dass wir ohne Getreideeinfuhr auskamen und die Kundschafter der kapitalistischen Welt abwiesen, unsere internationale Lage gefestigt, unsere Kreditfähigkeit erhöht und das Geschwätz über den „bevorstehenden Untergang” der Sowjetmacht schlagend widerlegt haben.

Dieser Tage hatten wir einige Vorverhandlungen mit Vertretern deutscher Kapitalisten. Sie versprechen uns einen 500-Millionen-Kredit, wobei es so aussieht, dass sie es tatsächlich für notwendig erachten, uns diesen Kredit zu geben, um sich sowjetische Aufträge für ihre Industrie zu sichern.

Dieser Tage war eine Delegation englischer Konservativer bei uns, die es ebenfalls für notwendig erachtet, festzustellen, dass die Sowjetmacht stabil ist und dass es zweckmäßig ist, uns Kredite zu gewähren, um sich sowjetische Industrieaufträge zu sichern.

Ich glaube, wir hätten nicht diese neuen Möglichkeiten, Kredite zu erhalten, vor allem von den Deutschen, dann aber auch von einer Gruppe englischer Kapitalisten, wenn wir nicht die erforderliche Standhaftigkeit bewiesen hätten, von der ich vorhin sprach.

Folglich kann keine Rede davon sein, dass wir aus einer angeblichen Laune heraus abgelehnt hätten, imaginäres Getreide zu einem imaginären langfristigen Kredit anzunehmen. Es kommt darauf an, das Gesicht unse ­ rer Feinde zu erkennen, ihre wirklichen Absichten zu erkennen und die zur Festigung unserer internationalen Lage notwendige Ausdauer an den Tag zu legen. Aus diesem Grunde, Genossen, haben wir die Einfuhr von Getreide abgelehnt. Wie Sie sehen, ist die Frage der Getreideeinfuhr keineswegs so einfach, wie Rykow das hier hingestellt hat. Die Frage der Getreideeinfuhr ist eine Frage unserer internationalen Lage.

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