"Stalin"

Werke

Band 12

AN GENOSSEN FELIX KON

Kopie an den Sekretär des Gebietsbüros des ZK
des Iwanowo-Wosnessensker Gebiets, Genossen Kolotilow

Genosse Kon!

Den Artikel der Genossin Russowa über die Broschüre der Genossin Mikulina („Der Wettbewerb der Massen“) habe ich erhalten. Nachstehend meine Bemerkungen dazu:

1. Die Rezension der Genossin Russowa macht den Eindruck einer allzu einseitigen und voreingenommenen Notiz. Es mag stimmen, dass eine Spinnerin Bardina überhaupt nicht existiert und dass es in Sarjadje gar keine Spinnerei gibt. Es mag auch stimmen, dass in der Fabrik in Sarjadje „wöchentlich nur einmal sauber gemacht wird“. Man kann zugeben, dass sich Genossin Mikulina, vielleicht irregeführt durch irgendeinen der Erzähler, eine Reihe grober Ungenauigkeiten zuschulden kommen ließ, und das ist natürlich schlecht und unverzeihlich. Aber geht es denn darum? Wird denn der Wert einer Broschüre durch einzelne Details bestimmt und nicht durch ihre allgemeine Linie? Genosse Scholochow, der berühmte Schriftsteller unserer Zeit, hat in seinem „Stillen Don“ eine Reihe grober Fehler begangen und geradezu falsche Daten über Syrzow, Podtjolkow, Kriwoschlykow und andere angeführt, aber folgt daraus etwa, dass der „Stille Don“ überhaupt nichts taugt, dass er verdient, aus dem Verkauf gezogen zu werden?

Worin besteht der Vorzug der Broschüre der Genossin Mikulina? Darin, dass sie die Idee des Wettbewerbs popularisiert und den Leser mit dem Geist des Wettbewerbs beseelt. Darin liegt der Kern der Sache und nicht in einzelnen Fehlern der Details.

2. Es ist möglich, dass die Kritiker im Zusammenhang mit meinem Vorwort zu der Broschüre der Genossin Mikulina zuviel und irgend etwas Außergewöhnliches von dieser Broschüre erwarteten und nun, in ihren Erwartungen getäuscht, beschlossen haben, den Verfasser der Broschüre hierfür zu strafen. Das ist jedoch falsch und unbillig. Die Broschüre der Genossin Mikulina ist natürlich kein wissenschaftliches Werk. Die Broschüre der Genossin Mikulina ist eine Erzählung über Angelegenheiten des Massenwettbewerbs, über die Praxis des Wettbewerbs. Und nur dies. Es ist nicht die Schuld der Genossin Mikulina, wenn durch mein Vorwort eine zu hohe Meinung von ihrem, im Grunde genommen sehr bescheidenen Büchlein entstanden ist. Hierfür darf man weder den Verfasser der Broschüre noch auch die Leser der Broschüre dadurch bestrafen, dass man die Broschüre aus dem Verkauf zieht. Aus dem Verkauf ziehen kann man nur Werke, die eine nichtsowjetische Richtung vertreten, parteifeindliche, antiproletarische Machwerke. Die Broschüre der Genossin Mikulina enthält nichts Parteifeindliches oder Nicht-sowjetisches.

3. Genossin Russowa ist besonders empört darüber, dass Genossin Mikulina „Genossen Stalin irregeführt hat“. Die hier von Genossin Russowa bewiesene Sorge um Genossen Stalin ist schätzenswert. Indes besteht für diese Sorge, wie mir scheint, keinerlei Notwendigkeit.

Erstens ist es gar nicht so leicht, „Genossen Stalin irrezuführen“.

Zweitens bereue ich nicht im geringsten, dass ich der kleinen Broschüre eines in der literarischen Welt unbekannten Autors ein Vorwort vorausgeschickt habe, denn ich bin der Meinung, dass die Broschüre der Genossin Mikulina trotz einzelner und vielleicht sogar grober Fehler für die Arbeitermassen von großem Nutzen ist.

Drittens bin ich entschieden dagegen, dass nur zu Broschüren und Büchern von literarischen „Würdenträgern“, von Leuten mit literarischem „Namen“, von „Koryphäen“ usw. Vorworte geschrieben werden. Ich bin der Meinung, es ist an der Zeit, dass wir mit dieser Herrengewohnheit Schluss machen und aufhören, die ohnehin im Vordergrund stehenden literarischen „Würdenträger“ herauszustreichen, unter deren „Größe“ unsere jungen, niemandem bekannten und von allen vernachlässigten literarischen Kräfte schwer zu leiden haben.

Bei uns gibt es Hunderte und Tausende fähiger junger Menschen, die mit aller Kraft bemüht sind, sich emporzuarbeiten, um die allgemeine Schatzkammer unseres Aufbaus durch ihr Scherflein zu bereichern. Aber ihre Versuche bleiben häufig vergeblich, da sie auf Schritt und Tritt durch den Eigendünkel von Leuten mit literarischen „Namen“, durch den Bürokratismus und das herzlose Verhalten mancher unserer Organisationen und schließlich durch den Neid ihrer Altersgenossen und -genossinnen (der noch nicht in Wettbewerb übergegangen ist) erstickt werden. Eine unserer Aufgaben ist es, diese Mauer zu durchbrechen und den jungen Kräften, deren Zahl Legion ist, einen Ausweg zu schaffen. Mein Vorwort zu der kleinen Broschüre eines in der literarischen Welt unbekannten Autors stellt den Versuch dar, einen Schritt zur Lösung dieser Aufgabe zu tun. Ich werde auch künftig Vorworte nur zu einfachen, nicht auf Sensation berechneten Broschüren einfacher und unbekannter junger Autoren schreiben. Es ist möglich, dass eine solche Handlungsweise manchen Leu ten, die auf Rangordnung Wert legen, nicht gefallen wird. Aber was kümmert mich das? Ich bin überhaupt kein Freund von solchen Leuten...

4. Ich denke, die Iwanowo-Wosnessensker Genossen sollten Genossin Mikulina nach Iwanowo-Wosnessensk kommen lassen und ihr für die von ihr begangenen Fehler „den Kopf waschen“. Ich bin keineswegs dagegen, dass man Genossin Mikulina wegen ihrer Fehler in der Presse gehörig vornimmt. Aber ich bin entschieden dagegen, dass man diese zweifellos begabte Schriftstellerin zu Boden wirft und sie als hoffnungslos aufgibt.

Was den Vorschlag betrifft, die Broschüre der Genossin Mikulina aus dem Verkauf zu ziehen, so sollte man diesen barbarischen Gedanken meines Erachtens „unberücksichtigt“ lassen.

Mit kommunistischem Gruß

J. Stalin

9. Juli 1929.

Zum ersten Mal veröffentlicht.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis