"Stalin"

Werke

Band 12

ZU FRAGEN DER AGRARPOLITIK IN DER UdSSR

Rede auf der Konferenz marxistischer Agrarwissenschaftler

27. Dezember 1929[16]

Genossen! Die grundlegende Tatsache unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens im gegenwärtigen Augenblick, eine Tatsache, die die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkt, ist das kolossale Wachstum der kollektivwirtschaftlichen Bewegung.

Der charakteristische Zug der gegenwärtigen kollektivwirtschaftlichen Bewegung besteht darin, dass nicht nur einzelne Gruppen der Dorfarmut den Kollektivwirtschaften beitreten, wie es bisher der Fall war, sondern dass auch der Mittelbauer in seiner Masse in die Kollektivwirtschaft gegangen ist. Das bedeutet, dass die kollektivwirtschaftliche Bewegung aus einer Bewegung einzelner Gruppen und Schichten der werktätigen Bauern zu einer Bewegung von Millionen und aber Millionen der Hauptmassen der Bauernschaft geworden ist. Dadurch ist unter anderem auch jene ungeheuer wichtige Tatsache zu erklären, dass die kollektivwirtschaftliche Bewegung, die zu einer gewaltigen, immer mehr anschwellenden kulakenfeindlichen Lawine geworden ist, auf ihrem Wege den Widerstand des Kulaken hinwegfegt, das Kulakentum zu Boden wirft und den Weg für einen umfassenden sozialistischen Aufbau im Dorfe bahnt.

Haben wir aber Grund, auf die praktischen Erfolge des sozialistischen Aufbaus stolz zu sein, so kann man von den Erfolgen unserer theoretischen Arbeit auf dem Gebiet der Ökonomik im Allgemeinen, auf dem der Landwirtschaft im Besonderen nicht dasselbe sagen. Mehr noch: Man muss zugeben, dass das theoretische Denken mit unseren praktischen Erfolgen nicht Schritt hält, dass wir eine gewisse Kluft zwischen den praktischen Erfolgen und der Entwicklung des theoretischen Denkens zu verzeichnen haben. Indes ist es notwendig, dass die theoretische Arbeit mit der praktischen nicht nur Schritt hält, sondern dass sie ihr vorangeht, dass sie unseren Praktikern in ihrem Kampfe für den Sieg des Sozialismus die Waffen liefert.

Ich werde mich hier nicht über die Bedeutung der Theorie verbreiten. Sie kennen sie gut genug. Bekanntlich gibt die Theorie, wenn sie wirklich eine Theorie ist, den Praktikern die Kraft der Orientierung, die Klarheit der Perspektive, die Sicherheit in der Arbeit und den Glauben an den Sieg unserer Sache. All dies hat - und es kann gar nicht anders sein - gewaltige Bedeutung für unseren sozialistischen Aufbau. Das Schlimme aber ist, dass wir gerade auf diesem Gebiet, auf dem Gebiet der theoretischen Ausarbeitung der Fragen unserer Ökonomik, zu hinken beginnen.

Wodurch könnte man sonst die Tatsache erklären, dass bei uns, in unserem gesellschaftlichen und politischen Leben, in den Fragen unserer Ökonomik noch immer verschiedene bürgerliche und kleinbürgerliche Theorien in Umlauf sind? Wodurch könnte man erklären, dass diese Theorien bis auf den heutigen Tag nicht die gebührende Zurückweisung finden? Wodurch könnte man erklären, dass eine Reihe grundlegender Sätze der marxistisch- Lenin istischen politischen Ökonomie, die das sicherste Gegengift gegen bürgerliche und kleinbürgerliche Theorien sind, in Vergessenheit geraten, in unserer Presse nicht popularisiert, aus irgendwelchen Gründen nicht in den Vordergrund gerückt werden? Ist es denn schwer zu begreifen, dass es ohne einen unversöhnlichen, auf der Grundlage der marxistisch- Lenin istischen Theorie geführten Kampf gegen die bürgerlichen Theorien unmöglich ist, den völligen Sieg über unsere Klassenfeinde zu erringen?

Die neue Praxis bringt eine neue Art des Herangehens an die Probleme der Ökonomik der Übergangsperiode mit sich. Die Frage der NÖP, der Klassen, des Aufbautempos, des Zusammenschlusses zwischen Arbeitern und Bauern, der Politik der Partei werden jetzt auf neue Art gestellt. Um nicht hinter der Praxis zurückzubleiben, muss man sofort darangehen, alle diese Probleme unter dem Gesichtspunkt der neuen Situation zu bearbeiten. Sonst ist eine Überwindung der bürgerlichen Theorien, die die Köpfe unserer Praktiker verkleistern, unmöglich. Sonst ist die Ausmerzung dieser Theorien, die die Zähigkeit von Vorurteilen erlangten, unmöglich. Denn nur im Kampf gegen bürgerliche Vorurteile in der Theorie kann man die Positionen des Marxismus- Lenin ismus fest verankern.

Gestatten Sie mir, zur Charakteristik wenigstens einiger dieser bürgerlichen Vorurteile, die Theorien genannt werden, überzugehen und durch Beleuchtung einiger Kernprobleme unseres Aufbaus ihre Unhaltbarkeit aufzuzeigen.

I
DIE „GLEICHGEWICHTS“THEORIE

Es ist Ihnen natürlich bekannt, dass unter den Kommunisten die so genannte Theorie des „Gleichgewichts“ der Sektoren unserer Volkswirtschaft noch immer in Umlauf ist. Diese Theorie hat natürlich mit dem Marxismus nichts gemein. Indes wird gerade diese Theorie von einer Reihe von Leuten aus dem Lager der rechten Abweichler propagiert.

Dieser Theorie zufolge haben wir vor allem einen sozialistischen Sektor - das ist eine Art Kasten - und außerdem einen nichtsozialistischen, wenn Sie wollen, einen kapitalistischen - das ist der andere Kasten. Diese beiden Kästen befinden sich auf verschiedenen Geleisen und gleiten friedlich vorwärts, ohne einander zu stören. Aus der Geometrie weiß man, dass parallele Linien nicht zusammentreffen. Die Urheber dieser wunderbaren Theorie sind indes der Meinung, dass diese parallelen Linien irgendwann zusammentreffen werden, und wenn sie zusammengetroffen sind, dann werden wir den Sozialismus haben. Dabei lässt diese Theorie außer acht, dass hinter den so genannten „Kästen“ Klassen stehen und dass die Bewegung dieser „Kästen“ in Form eines erbitterten Klassenkampfes vor sich geht, eines Kampfes auf Leben und Tod, eines Kampfes nach dem Prinzip „Wer - wen?“.

Es ist nicht schwer zu verstehen, dass diese Theorie mit dem Lenin ismus nichts gemein hat. Es ist nicht schwer zu verstehen, dass diese Theorie objektiv das Ziel hat, die Positionen der individuellen Bauernwirtschaft zu verteidigen, den Kulakenelementen für ihren Kampf gegen die Kollektivwirtschaften eine „neue“ theoretische Waffe zu liefern und die Positionen der Kollektivwirtschaften zu diskreditieren.

Trotzdem ist diese Theorie bis heute in unserer Presse in Umlauf. Und man kann nicht behaupten, dass sie bei unseren Theoretikern eine ernste, geschweige denn eine vernichtende Abfuhr gefunden hätte. Wodurch könnte man diese Widersinnigkeit sonst erklären, wenn nicht dadurch, dass unser theoretisches Denken zurückbleibt?

Indes braucht man nur die Theorie der Reproduktion aus der Schatzkammer des Marxismus hervorzuholen und sie der Theorie des Gleichgewichts der Sektoren entgegenzustellen, damit von dieser letzteren Theorie keine Spur übrig bleibe. In der Tat, die marxistische Theorie der Reproduktion lehrt, dass die moderne Gesellschaft sich nicht entwickeln kann, ohne jahraus, jahrein zu akkumulieren, Akkumulation aber ist unmöglich, ohne dass jahraus, jahrein eine erweiterte Reproduktion stattfindet. Das ist klar und verständlich. Unsere zentralisierte sozialistische Großindustrie entwickelt sich gemäß der marxistischen Theorie der erweiterten Reproduktion, denn sie nimmt alljährlich an Umfang zu, akkumuliert und schreitet mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts.

Aber unsere Großindustrie umfasst nicht die gesamte Volkswirtschaft. Im Gegenteil, in unserer Volkswirtschaft überwiegt noch immer die kleine Bauernwirtschaft. Kann man sagen, dass sich unsere kleinbäuerliche Wirtschaft nach dein Prinzip der erweiterten Reproduktion entwickelt? Nein, das kann man nicht sagen. Unsere kleinbäuerliche Wirtschaft weist in ihrer Masse nicht nur keine alljährlich erweiterte Reproduktion auf, sondern sie ist im Gegenteil nur selten imstande, selbst die einfache Reproduktion zu bewerkstelligen. Kann man unsere sozialisierte Industrie in beschleunigtem Tempo weiterentwickeln angesichts einer solchen landwirtschaftlichen Basis, wie sie die kleinbäuerliche Wirtschaft bildet, die zur erweiterten Reproduktion unfähig ist, dabei aber den vorherrschenden Faktor in unserer Volkswirtschaft darstellt? Nein, das kann man nicht. Kann man für mehr oder weniger lange Zeit die Sowjetmacht und den sozialistischen Aufbau auf zwei verschiedenen Grundlagen basieren: auf der Grundlage der vereinigten sozialistischen Großindustrie und auf der Grundlage der völlig zersplitterten und äußerst rückständigen bäuerlichen kleinen Warenwirtschaft? Nein, das ist unmöglich. Das muss über kurz oder lang mit einem vollständigen Zerfall der ganzen Volkswirtschaft enden. Wo ist nun der Ausweg? Der Ausweg liegt darin, die Großproduktion in der Landwirtschaft zu entwickeln, die Landwirtschaft zur Akkumulation, zur erweiterten Reproduktion fähig zu machen und auf diese Weise die landwirtschaftliche Basis der Volkswirtschaft umzugestalten.

Wie kann man aber die Großproduktion in der Landwirtschaft entwickeln?

Dazu gibt es zwei Wege. Es gibt den kapitalistischen Weg, der darin besteht, dass durch das Eindringen des Kapitalismus in die Landwirtschaft Großbetriebe entstehen, ein Weg, der zur Verelendung der Bauernschaft und zur Entwicklung kapitalistischer Betriebe in der Landwirtschaft führt. Diesen Weg lehnen wir ab, als einen Weg, der mit der Wirtschaft der Sowjetunion unvereinbar ist.

Es gibt einen anderen Weg, den sozialistischen Weg, der darin besteht, dass man Kollektiv- und Sowjetwirtschaften in der Landwirtschaft schafft und fördert, den Weg, der zur Vereinigung der kleinen Bauernwirtschaften zu großen Kollektivwirtschaften führt, die mit den Errungenschaften der Technik und der Wissenschaft ausgerüstet sind und die Möglichkeit haben, sich weiterzuentwickeln, da diese Wirtschaften die erweiterte Reproduktion bewerkstelligen können.

Die Frage steht demnach so: entweder jener oder dieser Weg, entweder zurück zum Kapitalismus oder vorwärts zum Sozialismus. Irgendeinen dritten Weg gibt es nicht und kann es nicht geben.

Die „Gleichgewichts“theorie ist ein Versuch, einen dritten Weg ausfindig zu machen. Und gerade weil sie auf einen dritten (nicht existierenden) Weg eingestellt ist, ist sie utopisch, antimarxistisch.

Man brauchte also nur die Marxsche Reproduktionstheorie der Theorie des „Gleichgewichts“ der Sektoren entgegenzustellen, damit von dieser letzteren Theorie keine Spur übrig bleibe.

Warum tun das unsere marxistischen Agrarwissenschaftler nicht? Wer ist daran interessiert, dass die lächerliche „Gleichgewichts“theorie in unserer Presse Verbreitung findet, die marxistische Theorie der Reproduktion aber ein verborgenes Dasein führt?

II
DIE THEORIE
DES „SELBSTLAUFS“ IM SOZIALISTISCHEN AUFBAU

Gehen wir jetzt zu dem zweiten Vorurteil in der politischen Ökonomie über, zu der zweiten Theorie von bürgerlichem Typus. Ich meine die Theorie des „Selbstlaufs“ im sozialistischen Aufbau, eine Theorie, die mit dem Marxismus nichts gemein hat, die aber von unsern Genossen aus dem Lager der Rechten eifrig propagiert wird.

Die Urheber dieser Theorie behaupten ungefähr folgendes: Wir hatten den Kapitalismus, die Industrie entwickelte sich auf kapitalistischer Grundlage, das Dorf aber folgte spontan, im Selbstlauf, der kapitalistischen Stadt und gestaltete sich nach dem Ebenbild der kapitalistischen Stadt um. Wenn sich die Dinge im Kapitalismus in dieser 'Weise abspielten, warum soll nicht auch in der Wirtschaft der Sowjetunion das gleiche der Fall sein? Warum kann nicht das Dorf, die kleinbäuerliche Wirtschaft, im Selbstlauf der sozialistischen Stadt folgen und sich spontan nach dem Ebenbild der sozialistischen Stadt umgestalten? Die Urheber dieser Theorie behaupten aus diesem Grunde, das Dorf könne im Selbstlauf der sozialistischen Stadt folgen. Daher die Frage: Brauchen wir uns für die Schaffung von Sowjet- und Kollektivwirtschaften zu ereifern, lohnt es sich, dafür Lanzen zu brechen, wenn das Dorf auch ohnedies der sozialistischen Stadt folgen kann?

Da haben Sie noch eine Theorie, die objektiv das Ziel hat, den kapitalistischen Elementen des Dorfes eine neue Waffe für ihren Kampf gegen die Kollektivwirtschaften zu liefern.

Das antimarxistische Wesen dieser Theorie unterliegt keinem Zweifel.

Ist es nicht sonderbar, dass unsere Theoretiker noch immer keine Zeit gefunden haben, diese sonderbare Theorie, die die Köpfe der Praktiker unseres kollektivwirtschaftlichen Aufbaus verkleistert, kurz und klein zu schlagen?

Es steht außer Zweifel, dass die führende Rolle der sozialistischen Stadt gegenüber dem kleinbäuerlichen individualistischen Dorfe unschätzbar groß ist. Darauf beruht ja eben die umgestaltende Rolle der Industrie in Bezug auf die Landwirtschaft. Genügt aber dieser Faktor, damit das kleinbäuerliche Dorf im sozialistischen Aufbau der Stadt im Selbstlauf folge? Nein, er genügt nicht.

Im Kapitalismus folgte das Dorf spontan der Stadt, weil die kapitalistische Wirtschaft der Stadt und die individuelle kleine Warenwirtschaft des Bauern ihrer Grundlage nach Wirtschaften von gleichem Typus sind. Natürlich ist die kleinbäuerliche Warenwirtschaft noch keine kapitalistische Wirtschaft. Sie ist aber ihrer Grundlage nach von gleichem Typus wie die kapitalistische Wirtschaft, da sie auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln beruht. Lenin hat tausendmal recht, wenn er in seinen Randbemerkungen zu Bucharins „Ökonomik der Transformationsperiode“ von der „warenwirtschaftlich-kapitalistischen Tendenz der Bauernschaft“ im Gegensatz zur „sozialistischen Tendenz des Proletariats“[17] spricht. Dadurch erklärt sich auch, dass die „Kleinproduktion unausgesetzt, täglich, stündlich, elementar und im Massenumfang Kapitalismus und Bourgeoisie erzeugt“[18] ( Lenin ).

Kann man sagen, dass die bäuerliche kleine Warenwirtschaft ihrer Grundlage nach auch von gleichem Typus ist wie die sozialistische Produktion in der Stadt? Es ist klar, dass man das nicht sagen kann, ohne mit dem Marxismus zu brechen. Sonst hätte Lenin nicht gesagt: „Solange wir in einem kleinbäuerlichen Lande leben, besteht für den Kapitalismus in Rußland eine festere ökonomische Basis als für den Kommunismus.“[19]

Also ist die Theorie des „Selbstlaufs“ im sozialistischen Aufbau eine faule, eine anti Lenin istische Theorie.

Also ist, wenn das kleinbäuerliche Dorf der sozialistischen Stadt folgen soll, außer allem anderen noch erforderlich, im Dorfe sozialistische Großbetriebe in Gestalt von Sowjet- und Kollektivwirtschaften als Stützpunkte des Sozialismus zu schaffen und zu fördern, die imstande sind, mit der sozialistischen Stadt an der Spitze die Hauptmassen der Bauernschaft zu führen.

Folglich ist die Theorie des „Selbstlaufs“ im sozialistischen Aufbau eine antimarxistische Theorie. Die sozialistische Stadt kann das kleinbäuerliche Dorf nicht anders führen, als dass sie im Dorfe Kollektiv- und Sowjetwirtschaften schafft und fördert und das Dorf auf neue, auf sozialistische Art umgestaltet.

Es ist sonderbar, dass die antimarxistische Theorie des „Selbstlaufs“ im sozialistischen Aufbau bei unseren Agrarwissenschaftlern bis heute noch nicht die gebührende Abfuhr findet.

III
DIE THEORIE VON DER „STABILITÄT“
DER KLEINBÄUERLICHEN WIRTSCHAFT

Gehen wir nunmehr zu dem dritten Vorurteil in der politischen Ökonomie über, zu der Theorie von der „Stabilität“ der kleinbäuerlichen Wirtschaft. Jedermann kennt die Einwände der bürgerlichen politischen Ökonomie gegen die bekannte These des Marxismus von den Vorzügen des Großbetriebs gegenüber dem Kleinbetrieb, die angeblich nur für die Industrie gelte, für die Landwirtschaft aber ungültig sei. Die sozialdemokratischen Theoretiker vom Schlage eines David und eines Hertz, die diese Theorie predigen, versuchten sich hierbei auf die Tatsache „zu stützen“, dass der Kleinbauer zähe und geduldig, dass er zu allen Entbehrungen bereit sei, nur um sein Stückchen Land zu behaupten, und dass infolgedessen die kleinbäuerliche Wirtschaft im Kampf mit dem landwirtschaftlichen Großbetrieb Stabilität bekunde.

Es ist nicht schwer zu verstehen, dass eine solche „Stabilität“ schlimmer ist als irgendeine Labilität. Es ist nicht schwer zu verstehen, dass diese antimarxistische Theorie nur das eine Ziel hat: Verherrlichung und Festigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die die Millionenmassen der Kleinbauern zugrunde richtet. Und gerade weil sie dieses Ziel hat, gerade darum ist es den Marxisten so leicht gelungen, diese Theorie zu zerschlagen.

Doch handelt es sich jetzt nicht darum. Es handelt sich darum, dass unsere Praxis, unser Leben neue Argumente gegen diese Theorie liefert, unsere Theoretiker aber sonderbarerweise diese neue Waffe nicht gegen die Feinde der Arbeiterklasse ausnutzen wollen oder können. Ich meine damit die bei uns verwirklichte Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden, die bei uns verwirklichte Nationalisierung des Bodens, die den Kleinbauern von seinem sklavischen Hängen an seinem Stückchen Land frei macht und dadurch den Übergang von der kleinen Bauernwirtschaft zur kollektiven Großwirtschaft erleichtert.

In der Tat, was fesselte den Kleinbauern in Westeuropa an seine kleine Warenwirtschaft, was fesselt ihn und wird ihn weiter fesseln? Vor allem und hauptsächlich der Umstand, dass er ein eigenes Stückchen Land besitzt, dass das Privateigentum an Grund und Boden besteht. Er hat jahrelang Geld gespart, um ein Stückchen Land zu kaufen, er hat es gekauft, und er will sich natürlich nicht von ihm trennen, er zieht es vor, jede Entbehrung zu ertragen, ein kümmerliches Dasein zu fristen, in Elend zu leben, nur um sein Stückchen Land, die Grundlage seiner individuellen Wirtschaft, zu behaupten.

Kann man sagen, dass dieser Faktor in der gleichen Weise auch bei uns, unter den Bedingungen der Sowjetmacht, weiterwirkt? Nein, das kann man nicht sagen. Man kann es nicht sagen, da es bei uns kein Privateigentum an Grund und Boden gibt. Und gerade weil es bei uns kein Privateigentum an Grund und Boden gibt, gibt es bei uns auch kein sklavisches Hängen des Bauern an seinem Stückchen Land wie im Westen. Dieser Umstand muss den Übergang der kleinbäuerlichen Wirtschaft auf die Bahnen der Kollektivwirtschaften zwangsläufig erleichtern.

Das ist einer der Gründe dafür, dass es bei uns, wo der Boden nationalisiert ist, den Großbetrieben im Dorfe, den Kollektivwirtschaften im Dorfe so leicht gelingt, ihre Überlegenheit gegenüber der kleinen Bauernwirtschaft zu demonstrieren.

Darin liegt die große revolutionäre Bedeutung der Agrargesetze der Sowjetmacht, die die absolute Rente aufgehoben, das Privateigentum an Grund und Boden abgeschafft und die Nationalisierung des Bodens verankert haben.

Daraus folgt aber, dass wir über ein neues Argument gegen die bürgerlichen Ökonomen verfügen, die die Stabilität der kleinbäuerlichen Wirtschaft in ihrem Kampf gegen den Großbetrieb verkünden.

Warum wird aber dieses neue Argument von unseren Agrarwissenschaftlern in ihrem Kampf gegen alle wie immer gearteten bürgerlichen Theorien nicht genügend ausgewertet?

Bei der Nationalisierung des Bodens gingen wir unter anderem von den theoretischen Voraussetzungen aus, wie sie im dritten Band des „Kapitals“, in dem bekannten Buch von Marx „Theorien über den Mehrwert“ und in Lenin s Werken zur Agrarfrage entwickelt sind, die eine überaus reiche Schatzkammer für das theoretische Denken darstellen. Ich meine die Theorie der Grundrente im Allgemeinen, die Theorie der absoluten Grundrente im Besonderen. Es ist heute klar, dass die theoretischen Sätze dieser Werke durch die Praxis unseres sozialistischen Aufbaus in Stadt und Land glänzend bestätigt worden sind.

Unverständlich bleibt nur, warum die antiwissenschaftlichen Theorien der „Sowjet“ökonomen vom Schlage eines Tschajanow in unserer Presse ungehinderte Verbreitung finden sollen, die genialen Werke von Marx, Engels und Lenin über die Theorie der Grundrente und der absoluten Grundrente aber nicht popularisiert und in den Vordergrund gerückt werden, sondern ein verborgenes Dasein führen sollen.

Sie erinnern sich wohl der bekannten Schrift von Engels „Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland“. Sie erinnern sich sicherlich, wie vorsichtig Engels an die Frage der Überleitung der Kleinbauern auf die Bahnen der genossenschaftlichen Wirtschaft, auf die Bahnen der kollektiven Wirtschaft herangeht. Gestatten Sie mir, die entsprechende Stelle aus der Schrift von Engels anzuführen:

,,...wir stehen ja entschieden auf Seite des Kleinbauern; wir werden alles nur irgend Zulässige tun, um sein Los erträglicher zu machen, um ihm den Übergang zur Genossenschaft zu erleichtern, falls er sich dazu entschließt, ja sogar um ihm, falls er diesen Entschluss noch nicht fassen kann, eine verlängerte Bedenkzeit auf seiner Parzelle zu ermöglichen.“[20]

Sie sehen, wie vorsichtig Engels an die Frage der Überleitung der individuellen Bauernwirtschaft auf die Bahnen des Kollektivismus herangeht. Wie ist diese auf den ersten Blick übertrieben scheinende Vorsicht von Engels zu erklären? Wovon ging er dabei aus? Offensichtlich ging er von dem Bestehen des Privateigentums an Grund und Boden aus, von der Tatsache, dass der Bauer „seine Parzelle“ besitzt, von der er sich nur schwer trennen kann. So ist die Bauernschaft im Westen. So ist die Bauernschaft in den kapitalistischen Ländern, wo das Privateigentum an Grund und Boden besteht. Es ist begreiflich, dass hier große Vorsicht nötig ist.

Kann man sagen, dass wir in der UdSSR in der gleichen Lage sind? Nein, das kann man nicht sagen. Man kann das nicht, weil wir kein Privateigentum an Grund und Boden haben, das den Bauern an seine individuelle Wirtschaft fesselt. Man kann es nicht, weil bei uns der Boden nationalisiert ist, was den Übergang des Einzelbauern auf die Bahnen des Kollektivismus erleichtert.

Das ist eine der Ursachen jener verhältnismäßigen Leichtigkeit und Schnelligkeit, mit der sich bei uns in der letzten Zeit die kollektivwirtschaftliche Bewegung entwickelt.

Es ist ärgerlich, dass unsere Agrarwissenschaftler noch nicht versucht haben, diesen Unterschied in der Stellung des Bauern bei uns und im Westen mit der nötigen Klarheit aufzuzeigen. Dabei wäre eine solche Arbeit von größter Bedeutung nicht nur für uns Sowjetfunktionäre, sondern auch für die Kommunisten aller Länder. Denn es ist für die proletarische Revolution in den kapitalistischen Ländern nicht gleichgültig, ob man dort nach der Machtergreifung durch das Proletariat, schon von den ersten Tagen an, den Sozialismus auf der Grundlage der Nationalisierung des Bodens oder ohne diese Grundlage aufzubauen haben wird.

In meinem unlängst erschienenen Artikel („Das Jahr des großen Umschwungs“) habe ich die bekannten Argumente für die Überlegenheit des Großbetriebs in der Landwirtschaft gegenüber dem Kleinbetrieb entwickelt, wobei ich die großen Sowjetwirtschaften im Auge hatte. Es braucht nicht erst bewiesen zu werden, dass alle diese Argumente voll und ganz auch für die Kollektivwirtschaften als große Wirtschaftseinheiten gelten. Ich spreche nicht nur von den entwickelten Kollektivwirtschaften, die eine Maschinen- und Traktorenbasis haben, sondern auch von den unentwickelten Kollektivwirtschaften, die sozusagen die Manufakturperiode des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus darstellen und bäuerliches Inventar zur Grundlage haben. Ich meine jene unentwickelten Kollektivwirtschaften, die jetzt in den Gebieten mit durchgängiger Kollektivierung geschaffen werden und auf der einfachen Zusammenlegung der bäuerlichen Produktionsinstrumente beruhen.

Nehmen wir zum Beispiel die Kollektivwirtschaften im Bezirk des Choperflusses, im früheren Dongebiet. Äußerlich scheinen sich diese Kollektivwirtschaften in technischer Hinsicht von der kleinbäuerlichen Wirtschaft nicht zu unterscheiden (wenig Maschinen, wenig Traktoren). Indes ergab die einfache Zusammenlegung der bäuerlichen Gerätschaften in den Kollektivwirtschaften ein Resultat, das sich unsere Praktiker nicht einmal hätten träumen lassen. Worin kam dieses Resultat zum Ausdruck? Darin, dass der Übergang auf die Bahnen der Kollektivwirtschaften eine Vergrößerung der Anbaufläche um 30, 40, ja 50 Prozent ergab. Wodurch lässt sich dieses „schwindel erregende“ Resultat erklären? Dadurch, dass die Bauern, die unter den Bedingungen der individuellen Arbeit kraftlos waren, zu einer gewaltigen Kraft wurden, nachdem sie ihre Gerätschaften zusammengelegt und sich zu Kollektivwirtschaften zusammengeschlossen hatten. Dadurch, dass die Bauern die Möglichkeit erhielten, Ödland und Neuland zu bestellen, das durch individuelle Arbeit schwer zu bearbeiten war. Dadurch, dass die Bauern die Möglichkeit erhielten, Neuland unter den Pflug zu nehmen. Dadurch, dass es möglich wurde, brachliegende, versprengte Parzellen, Feldraine usw. usf. zu bestellen.

Die Frage der Bearbeitung von Ödland und Neuland ist für unsere Landwirtschaft von gewaltiger Bedeutung. Sie wissen, dass in der alten Zeit die Agrarfrage in Rußland die Achse der revolutionären Bewegung war. Sie wissen, dass eins der Ziele der Agrarbewegung die Beseitigung des Bodenmangels war. Viele waren damals der Meinung, dass der Bodenmangel absolut sei, das heißt, dass es in Rußland keinen freien, zur Bearbeitung geeigneten Boden mehr gebe. Was stellte sich aber in Wirklichkeit heraus? Jetzt ist es völlig klar, dass es in der UdSSR Dutzende Millionen Hektar freien Bodens gab und gibt, dass der Bauer aber nicht die Möglichkeit hatte, diesen Boden mit seinen kläglichen Geräten zu bestellen. Und gerade weil der Bauer nicht die Möglichkeit hatte, Neuland und Ödland zu bearbeiten, gerade deswegen drängte es ihn zum „weichen Boden“, zu den Ländereien, die den Gutsbesitzern gehörten, zu den Ländereien, die durch individuelle Arbeit mit dem bäuerlichen Inventar leicht zu bestellen waren. Das war die Grundlage des „Bodenmangels“. Es kann daher nicht wundernehmen, dass unser Getreidetrust, ausgerüstet mit Traktoren, jetzt in der Lage ist, rund zwanzig Millionen Hektar freien Bodens zu bestellen, der von den Bauern nicht besetzt ist und der durch individuelle Arbeit mit kleinbäuerlichem Inventar nicht bestellt werden kann.

Die Bedeutung der kollektivwirtschaftlichen Bewegung in allen ihren Phasen - in ihrer Anfangsphase wie in der höher entwickelten Phase, wo die Kollektivwirtschaften mit Traktoren ausgerüstet sind - besteht unter anderem darin, dass die Bauern jetzt in der Lage sind, Ödland und Neuland unter den Pflug zu nehmen. Darin liegt das Geheimnis der ungeheuren Zunahme der Anbaufläche beim Übergang der Bauern zur kollektiven Arbeit. Darin besteht eine der Grundlagen für die Überlegenheit der Kollektivwirtschaften über die individuelle Bauernwirtschaft.

Es erübrigt sich zu sagen, dass die Überlegenheit der Kollektivwirtschaften über die individuelle Bauernwirtschaft noch unbestrittener sein wird, wenn den unentwickelten Kollektivwirtschaften in den Gebieten mit durchgängiger Kollektivierung unsere Maschinen- und Traktorenstationen und -kolonnen zu Hilfe kommen, wenn die Kollektivwirtschaften selbst in der Lage sein werden, Traktoren und Mähdrescher in ihren Händen zu konzentrieren.

IV
STADT UND LAND

Es gibt ein von den bürgerlichen Ökonomen gezüchtetes Vorurteil über die so genannte „Schere“, dem man ebenso wie allen anderen bürgerlichen Theorien, die leider in der Sowjetpresse Verbreitung finden, den schonungslosen Krieg erklären muss. Ich meine die Theorie, wonach die Oktoberrevolution der Bauernschaft weniger gegeben hätte als die Februarrevolution, wonach die Oktoberrevolution der Bauernschaft. eigentlich nichts gegeben hätte.

Dieses Vorurteil wurde seinerzeit von einem „Sowjet“ökonomen in unserer Presse kolportiert. Allerdings sagte sich dieser „Sowjet“ökonom später von seiner Theorie los. (Zwischenruf: Wer ist das?) Es ist Groman. Aber diese Theorie wurde von der trotzkistisch-sinowjewistischen Opposition aufgegriffen und gegen die Partei ausgenutzt. Dabei besteht keinerlei Grund zu behaupten, dass sie heute in den Kreisen der „Sowjet“öffentlichkeit nicht mehr in Umlauf sei.

Das ist eine sehr wichtige Frage, Genossen. Sie berührt das Problem der Beziehungen zwischen Stadt und Land. Sie berührt das Problem der Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land. Sie berührt die höchst aktuelle Frage der „Schere“. Ich glaube daher, dass es lohnt, sich mit dieser sonderbaren Theorie zu befassen.

Ist es richtig, dass die Bauern von der Oktoberrevolution nichts erhalten haben? Wenden wir uns den Tatsachen zu.

Ich habe die bekannte Tabelle des bekannten Statistikers, des Genossen Nemtschinow, vor mir, die in meinem Artikel „An der Getreidefront“[21] veröffentlicht worden ist. Aus dieser Tabelle ersieht man, dass vor der Revolution die Gutsbesitzer nicht weniger als 600 Millionen Pud Getreide „produzierten“. Folglich verfügten damals die Gutsbesitzer über 600 Millionen Pud Getreide.

Die Kulaken „produzierten“ laut dieser Tabelle damals 1,9 Milliarden Pud Getreide. Es war also eine sehr große Kraft, über die die Kulaken damals verfügten.

Die armen und Mittelbauern produzierten laut derselben Tabelle 2,5 Milliarden Pud Getreide.

So lagen die Dinge im alten Dorfe, in dem Dorfe vor der Oktoberrevolution.

Welche Veränderungen sind nun nach dem Oktober im Dorfe vor sich gegangen? Ich führe Zahlen aus derselben Tabelle an. Nehmen wir zum Beispiel das Jahr 1927. Wie viel produzierten in diesem Jahr die Gutsbesitzer? Es ist klar, dass sie nichts produzierten und nichts produzieren konnten, weil die Oktoberrevolution die Gutsbesitzer beseitigt hat. Sie werden verstehen, dass dies eine große Erleichterung für die Bauernschaft sein musste, denn die Bauern sind von dem Joch der Gutsbesitzer frei geworden. Das ist natürlich ein großer Gewinn für die Bauernschaft, der ihr als Ergebnis der Oktoberrevolution zugefallen ist.

Wie viel produzierten 1927 die Kulaken? 600Millionen Pud Getreide statt 1,9 Milliarden Pud. Die Kulaken hatten somit in der Periode nach der Oktoberrevolution mehr als zwei Drittel ihrer Kraft eingebüßt. Sie werden verstehen, dass dies die Lage der Dorfarmut und der Mittelbauern erleichtern musste.

Und wie viel produzierten 1927 die armen und Mittelbauern? 4 Milliarden Pud statt 2,5 Milliarden Pud. Die armen und Mittelbauern produzierten also nach der Oktoberrevolution um 1,5 Milliarden Pud Getreide mehr als vor der Revolution.

Das sind Tatsachen, die davon zeugen, dass die armen und Mittelbauern durch die Oktoberrevolution ungeheuer viel gewonnen haben. Das hat die Oktoberrevolution den armen und Mittelbauern gegeben. Wie kann man nach alledem behaupten, die Oktoberrevolution hätte den Bauern nichts gegeben?

Das ist aber nicht alles, Genossen. Die Oktoberrevolution hat das Privateigentum an Grund und Boden aufgehoben, sie hat den Kauf und Verkauf des Bodens abgeschafft und den Boden nationalisiert. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass der Bauer, der Getreide produzieren will, nunmehr gar nicht darauf angewiesen ist, Boden zu kaufen. Früher musste er jahrelang sparen, um Boden zu erwerben, er geriet in Schulden, er begab sich in Schuldknechtschaft, nur um Boden zu kaufen. Die Ausgaben für den Kauf von Boden belasteten natürlich die Gestehungskosten der Getreideproduktion. Heute ist der Bauer nicht mehr darauf angewiesen. Heute kann er Getreide produzieren, ohne Boden kaufen zu müssen. Folglich bleiben Hunderte Millionen Rubel, die die Bauern für den Kauf von Boden ausgaben, jetzt in der Tasche der Bauern. Ist das eine Erleichterung für den Bauern oder nicht? Natürlich ist es eine Erleichterung.

Weiter. Bis in die letzte Zeit war der Bauer gezwungen, in individueller Arbeit mit dem alten Inventar den Boden notdürftig zu bearbeiten. Jeder weiß, dass die mit alten, jetzt schon längst untauglichen Produktionsinstrumenten ausgestattete individuelle Arbeit nicht so viel ergibt, wie notwendig ist, damit der Bauer erträglich leben, seine materielle Lage systematisch heben, seine Kultur entwickeln und den breiten Weg des sozialistischen Aufbaus beschreiten kann. Heute, nach der verstärkten Entwicklung der kollektivwirtschaftlichen Bewegung, haben die Bauern die Möglichkeit, ihre Arbeit mit der Arbeit ihrer Nachbarn zu vereinigen, sich zu einer Kollektivwirtschaft zusammenzuschließen, Neuland unter den Pflug zu nehmen, Ödland zu bearbeiten, Maschinen und Traktoren zu erhalten und auf diese Weise die Produktivität ihrer Arbeit auf das Doppelte, wenn nicht auf das Dreifache zu steigern. Was aber bedeutet das? Das bedeutet, dass der Bauer, dank der Vereinigung in Kollektivwirtschaften, heute in der Lage ist, bei demselben Arbeitsaufwand weit mehr zu produzieren als früher. Das bedeutet also, dass die Produktion von Getreide um vieles billiger wird, als es bis in die letzte Zeit der Fall gewesen ist. Das bedeutet schließlich, dass der Bauer bei stabilen Preisen für das Getreide viel mehr bekommen kann, als er bisher bekommen hat.

Wie kann man nach alledem behaupten, die Oktoberrevolution hätte der Bauernschaft keinen Gewinn gebracht?

Ist es nicht klar, dass Leute, die solchen Unsinn reden, offenkundig die Partei, die Sowjetnacht verleumden?

Was folgt aber aus alledem?

Daraus folgt, dass die Frage der „Schere“, die Frage der Beseitigung der „Schere“ jetzt auf neue Art gestellt werden muss. Daraus folgt, dass die „Schere“, wenn die kollektivwirtschaftliche Bewegung in dem jetzigen Tempo weiter wächst, in der nächsten Zeit beseitigt werden wird. Daraus folgt, dass die Beziehungen zwischen Stadt und Land auf eine neue Grundlage gestellt werden, dass der Gegensatz zwischen Stadt und Land in beschleunigtem Tempo ausgeglichen werden wird.

Dieser Umstand, Genossen, ist von größter Bedeutung für unseren ganzen Aufbau. Er ändert die Mentalität des Bauern und veranlasst ihn, sein Gesicht der Stadt zuzuwenden. Er schafft den Boden für die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land. Er schafft die Grundlage dafür, dass die Losung der Partei „Das Gesicht dem Dorfe zu“ ergänzt wird durch die Losung der Kollektivbauern „Das Gesicht der Stadt zu“.

Und daran ist nichts Verwunderliches, denn der Bauer erhält jetzt von der Stadt Maschinen, Traktoren, Agronomen, Organisatoren, schließlich unmittelbare Hilfe zur Bekämpfung und Überwindung des Kulakentums. Der Bauer vom alten Schlage, mit seinem tierischen Argwohn gegen die Stadt als gegen einen Plünderer, tritt vom Schauplatz ab. An seine Stelle tritt ein neuer Bauer, der Kollektivbauer, der auf die Stadt mit der Hoffnung blickt, von dort reale Produktionshilfe zu erhalten. An die Stelle des Bauern vom alten Schlage, der in der ständigen Angst lebt, zur Dorfarmut hinab zu sinken, und nur verstohlen zu der Stellung eines Kulaken aufsteigt (man könnte ihm das Wahlrecht nehmen!), tritt ein neuer Bauer, der eine neue Perspektive hat - in die Kollektivwirtschaft zu gehen, aus dein Elend und der Unwissenheit herauszukommen und den breiten Weg des wirtschaftlichen und kulturellen Aufstiegs zu beschreiten.

So hat sich das Blatt gewendet, Genossen.

Um so ärgerlicher ist es, Genossen, dass unsere Agrarwissenschaftler nicht alle Maßnahmen getroffen haben, um alle wie immer gearteten bürgerlichen Theorien, die die Errungenschaften der Oktoberrevolution und die wachsende kollektivwirtschaftliche Bewegung zu diskreditieren trachten, kurz und klein zu schlagen und mit Stumpf und Stiel auszurotten.

V
ÜBER DIE NATUR DER KOLLEKTIVWIRTSCHAFTEN

Als Wirtschaftstypus sind die Kollektivwirtschaften eine der Formen der sozialistischen Wirtschaft. Darüber kann kein Zweifel bestehen.

Ein Redner, der hier auftrat, hat versucht, die Kollektivwirtschaften zu diskreditieren. Er behauptete, die Kollektivwirtschaften, als wirtschaftliche Organisationen, hätten mit der sozialistischen Wirtschaftsform nichts gemein. Ich muss erklären, Genossen, dass eine solche Charakteristik der Kollektivwirtschaften grundfalsch ist. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass diese Charakteristik mit der Wirklichkeit nichts gemein hat.

Wodurch wird ein Wirtschaftstypus bestimmt? Offenbar durch die Beziehungen der Menschen im Produktionsprozess. Wodurch könnte man sonst einen Wirtschaftstypus bestimmen? Gibt es etwa in der Kollektivwirtschaft eine Klasse von Menschen, die Eigentümer der Produktions-mittel sind, und eine Klasse von Menschen, die dieser Produktionsmittel beraubt sind? Gibt es etwa in der Kollektivwirtschaft eine Klasse von Ausbeutern und eine Klasse von Ausgebeuteten? Beruht die Kollektivwirtschaft etwa nicht auf der Vergesellschaftung der ausschlaggebenden Produktionsinstrumente, auf einem Boden, der dem Staate gehört? Welchen Grund hat man zu behaupten, dass die Kollektivwirtschaften, als Wirtschaftstypus, nicht eine der Formen der sozialistischen Wirtschaft darstellen?

Natürlich gibt es in den Kollektivwirtschaften Gegensätze. Natürlich gibt es in den Kollektivwirtschaften individualistische und sogar kulakische Überbleibsel, die noch nicht verschwunden sind, die aber im Laufe der Zeit, mit der Festigung der Kollektivwirtschaften, mit ihrer Maschinisierung unbedingt verschwinden müssen. Kann man aber leugnen, dass die Kollektivwirtschaften als Ganzes genommen, trotz ihrer Gegensätze und Mängel, dass die Kollektivwirtschaften, als wirtschaftliche Tatsache, in der Hauptsache den neuen Entwicklungsweg des Dorfes, den Weg der sozialistischen Entwicklung des Dorfes im Gegensatz zum kulakischen, kapitalistischen Entwicklungsweg darstellen? Kann man leugnen, dass die Kollektivwirtschaften (ich spreche von Kollektivwirtschaften, nicht von Pseudokollektivwirtschaften) in unseren Verhältnissen die Grundlage und Pflanzstätte des sozialistischen Aufbaus im Dorfe darstellen, emporgewachsen in erbittertem Ringen mit den kapitalistischen Elementen?

Ist es denn nicht klar, dass die Versuche mancher Genossen, die Kollektivwirtschaften zu diskreditieren und sie zu einer bürgerlichen Wirtschaftsform zu stempeln, jeder Grundlage entbehren?

Im Jahre 1923 hatten wir noch keine kollektivwirtschaftliche Massenbewegung. In seiner Schrift „Über das Genossenschaftswesen“ hatte Lenin alle Arten der Genossenschaften, ihre niederen Formen (Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften) wie ihre höheren Formen (die kollektiv-wirtschaftliche Form) im Auge. Was sagte er damals von den Genossenschaften, von den genossenschaftlichen Betrieben? Hier ein Zitat aus der Schrift Lenin s „Über das Genossenschaftswesen“:

„In der bei uns bestehenden Gesellschaftsordnung unterscheiden sich genossenschaftliche Betriebe von privatkapitalistischen als kollektive Betriebe, aber sie unterscheiden sich nichts von sozialistischen Betrieben, wenn sie auf dem Grund und Boden gegründet und mit Produktionsmitteln ausgerüstet sind, die dem Staat, d. h. der Arbeiterklasse, gehören.“ (4. Ausgabe, Bd. 33, 5.433 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S.993].)

Lenin betrachtet also die genossenschaftlichen Betriebe nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit der bei uns bestehenden Gesellschaftsordnung, im Zusammenhang damit, dass sie auf einem Boden wirtschaften, der dem Staate gehört, in einem Lande, in dem die Produktionsmittel dem Staate gehören, und sie in dieser Weise betrachtend, behauptet Lenin , dass genossenschaftliche Betriebe sich nicht von sozialistischen Betrieben unterscheiden.

So spricht Lenin von den genossenschaftlichen Betrieben im Allgemeinen.

Ist es nicht klar, dass man dies mit umso größerer Berechtigung von den Kollektivwirtschaften unserer Periode sagen kann?

Dadurch erklärt sich denn auch unter anderem, warum Lenin das „einfache Wachstum der Genossenschaften“ in unseren Verhältnissen als „mit dem Wachstum des Sozialismus identisch“ betrachtet.

Sie sehen, dass der erwähnte Redner, der die Kollektivwirtschaften zu diskreditieren suchte, sich einen groben Verstoß gegen den Lenin ismus zuschulden kommen ließ.

Aus diesem Fehler folgt sein zweiter Fehler, der den Klassenkampf in den Kollektivwirtschaften betrifft. Der Redner malte den Klassenkampf in den Kollektivwirtschaften in so grellen Farben, dass man meinen könnte, der Klassenkampf in den Kollektivwirtschaften unterscheide sich, nicht vom Klassenkampf außerhalb der Kollektivwirtschaften. Mehr noch, man könnte meinen, dass er dort noch erbitterter werde. Übrigens versündigt sich in dieser Beziehung nicht nur der erwähnte Redner. Das Geschwätz vom Klassenkampf, das Gewinsel und Geheul über den Klassenkampf in den Kollektivwirtschaften ist heutzutage ein charakteristisches Merkmal aller unserer „linken“ Schreihälse. Das Komischste bei diesem Gewinsel ist, dass seine Urheber den Klassenkampf dort „sehen“, wo es ihn nicht gibt oder fast nicht gibt, ihn aber dort, wo es ihn gibt und wo er überschäumt, nicht sehen.

Gibt es Elemente des Klassenkampfes in den Kollektivwirtschaften? Ja, die gibt es. Elemente des Klassenkampfes in den Kollektivwirtschaften muss es geben, wenn dort noch Überbleibsel individualistischer oder gar kulakischer Mentalität vorhanden sind, wenn es dort noch eine gewisse Ungleichheit in der materiellen Lage gibt. Kann man behaupten, dass der Klassenkampf in den Kollektivwirtschaften gleichbedeutend ist mit dem Klassenkampf außerhalb der Kollektivwirtschaften? Nein, das kann man nicht behaupten. Darin besteht ja gerade der Fehler unserer „linken“ Phrasendrescher, dass sie diesen Unterschied nicht sehen.

Was bedeutet der Klassenkampf außerhalb der Kollektivwirtschaften, vor der Bildung von Kollektivwirtschaften? Er bedeutet Kampf gegen den Kulaken, der die Produktionsinstrumente und -mittel besitzt und mit Hilfe dieser Produktionsinstrumente und -mittel die Dorfarmut unterjocht. Dieser Kampf ist ein Kampf auf Leben und Tod.

Was bedeutet aber der Klassenkampf auf der Grundlage der Kollektivwirtschaften? Er bedeutet vor allem, dass der Kulak geschlagen ist und dass ihm die Produktionsinstrumente und -mittel genommen sind. Er bedeutet zweitens, dass die armen und Mittelbauern auf der Grundlage der Vergesellschaftung der ausschlaggebenden Produktionsinstrumente und -mittel in Kollektivwirtschaften zusammengeschlossen sind. Er bedeutet schließlich, dass es sich um einen Kampf zwischen den Mitgliedern der Kollektivwirtschaften handelt, von denen die einen sich noch nicht von den individualistischen und kulakischen Überbleibseln frei gemacht haben und versuchen, eine gewisse Ungleichheit, wie sie in den Kollektivwirtschaften besteht, zu ihrem Vorteil auszunutzen, während die anderen darauf bedacht sind, diese Überbleibsel und diese Ungleichheit aus den Kollektivwirtschaften auszumerzen. Ist es nicht klar, dass nur Blinde den Unterschied zwischen dem Klassenkampf auf der Grundlage der Kollektivwirtschaften und dem Klassenkampf außerhalb der Kollektivwirtschaften nicht sehen können?

Es wäre irrig zu glauben, dass mit den Kollektivwirtschaften auch schon alles für die Errichtung des Sozialismus Notwendige gegeben sei. Erst recht irrig wäre es zu glauben, dass die Mitglieder der Kollektivwirtschaften schon Sozialisten geworden seien. Nein, man wird noch viel arbeiten müssen, um den Kollektivbauern umzumodeln, um seine individualistische Mentalität umzuformen und aus ihm ein wirkliches, schaffendes Mitglied der sozialistischen Gesellschaft zu machen. Und das wird um so eher geschehen, je eher die Kollektivwirtschaften maschinisiert, je eher sie traktorisiert sein werden. Das schmälert aber in keiner Weise die gewaltige Bedeutung der Kollektivwirtschaften als eines Hebels zur sozialistischen Umgestaltung des Dorfes. Die große Bedeutung der Kollektivwirtschaften besteht gerade darin, dass sie die Hauptbasis für die Verwendung von Maschinen und Traktoren in der Landwirtschaft darstellen, dass sie die Hauptbasis für die Ummodelung des Bauern, für die Umgestaltung seiner Mentalität im Geiste des Sozialismus bilden. Lenin hatte Recht, als er sagte:

„Die Ummodelung des kleinen Landwirts, die Umgestaltung seiner ganzen Mentalität und seiner Gepflogenheiten ist eine Sache, die Generationen erfordert. Diese Frage in Bezug auf den kleinen Landwirt lösen, sozusagen seine ganze Mentalität gesund machen, kann nur die materielle Basis, die Technik, die massenhafte Anwendung von Traktoren und Maschinen in der Landwirtschaft, die weitgehende Elektrifizierung.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, S.194, russ.)

Wer kann bestreiten, dass die Kollektivwirtschaften gerade jene Form der sozialistischen Wirtschaft sind, durch die allein die Millionenmassen der individuellen Kleinbauernschaft in landwirtschaftlichen Großbetrieben zusammengeschlossen werden können, die mit Maschinen und Traktoren, diesen Hebeln des wirtschaftlichen Aufschwungs, diesen Hebeln der sozialistischen Entwicklung der Landwirtschaft, ausgerüstet sind?

Das alles haben unsere „linken“ Phrasendrescher vergessen.

Das hat auch unser Redner vergessen.

VI
DIE KLASSENMÄSSIGEN VERÄNDERUNGEN
UND DIE WENDUNG IN DER POLITIK DER PARTEI

Schließlich die Frage der klassenmäßigen Veränderungen im Lande und der Offensive des Sozialismus gegen die kapitalistischen Elemente des Dorfes.

Der charakteristische Zug der Arbeit unserer Partei im letzten Jahr besteht darin, dass wir als Partei, als Sowjetmacht:

a) an der ganzen Front zur Offensive gegen die kapitalistischen Elemente des Dorfes übergegangen sind und dass

b) diese Offensive bekanntlich überaus greifbare positive Resultate gezeitigt hat und weiter zeitigt.

Was bedeutet das? Das bedeutet, dass wir von der Politik der Einschränkung der Ausbeutertendenzen des Kulakentums übergegangen sind zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse. Das bedeutet, dass wir eine der entscheidenden Wendungen in unserer gesamten Politik vollzogen haben und auch weiter vollziehen.

Bis in die letzte Zeit vertrat die Partei den Standpunkt der Einschränkung der Ausbeutertendenzen des Kulakentums. Diese Politik wurde bekanntlich schon auf dem VIII. Parteitag verkündet. Diese selbe Politik wurde von neuem bei der Einführung der NÖP und auf dem XI. Parteitag unserer Partei proklamiert. Allen ist der bekannte Brief Lenin s über die Thesen Preobrashenskis[22] (vom Jahre 1922) in Erinnerung, in dem Lenin erneut auf die Notwendigkeit der Befolgung gerade dieser Politik zurückkommt. Schließlich wurde diese Politik vom XV. Parteitag unserer Partei bestätigt. Diese Politik haben wir auch bis in die letzte Zeit durchgeführt.

War diese Politik richtig? Ja, sie war damals unbedingt richtig. Konnten wir vor fünf oder vor drei Jahren eine solche Offensive gegen das Kulakentum unternehmen? Konnten wir damals auf den Erfolg einer solchen Offensive rechnen? Nein, das konnten wir nicht. Das wäre das gefährlichste Abenteurertum gewesen. Es wäre ein äußerst gefährliches Spiel mit der Offensive gewesen. Denn wir wären unweigerlich gescheitert und hätten dadurch die Positionen des Kulakentums gestärkt. Warum? Weil wir damals noch nicht jene Stützpunkte im Dorfe hatten, jenes umfassende Netz von Sowjet- und Kollektivwirtschaften, auf das man sich bei einer entschiedenen Offensive gegen das Kulakentum stützen konnte. Weil wir damals noch nicht die Möglichkeit hatten, die kapitalistische Produktion des Kulaken durch die sozialistische Produktion der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften zu ersetzen.

In den Jahren 1926 und 1927 suchte die sinowjewistisch-trotzkistische Opposition mit aller Kraft, der Partei die Politik der sofortigen Offensive gegen das Kulakentum aufzudrängen. Die Partei ließ sich auf dieses gefährliche Abenteuer nicht ein, denn sie wusste, dass sich ernste Leute ein Spiel mit der Offensive nicht erlauben dürfen. Die Offensive gegen das Kulakentum ist eine ernste Sache. Man darf sie nicht mit Deklamationen gegen das Kulakentum verwechseln. Man darf sie auch nicht mit der Politik der Katzbalgerei mit dem Kulakentum verwechseln, die die sinowjewistisch-trotzkistische Opposition der Partei mit aller Kraft aufzudrängen suchte. Eine Offensive gegen das Kulakentum unternehmen, das heißt das Kulakentum zerschlagen und als Klasse liquidieren. Eine Offensive, die nicht dieses Ziel verfolgt, ist Deklamation, Katzbalgerei, leerer Schall, alles, was man will, nur keine wirkliche bolschewistische Offensive. Eine Offensive gegen das Kulakentum unternehmen heißt sich sachgemäß vorbereiten und gegen das Kulakentum einen Schlag führen, und zwar einen solchen Schlag, dass es sich nicht mehr aufrichten kann. Das nennen wir Bolschewiki eine wirkliche Offensive. Konnten wir vor fünf oder vor drei Jahren eine solche Offensive mit Aussicht auf Erfolg unternehmen? Nein, das konnten wir nicht.

In der Tat, der Kulak produzierte 1927 über 600 Millionen Pud Getreide und verkaufte davon ungefähr 130 Millionen Pud außerhalb des Dorfes. Das war eine ziemlich bedeutende Macht, mit der man rechnen musste. Und wie viel produzierten damals unsere Kollektiv- und Sowjetwirtschaften? Ungefähr 80 Millionen Pud, wovon sie etwa 35 Millionen Pud auf den Markt brachten (Warengetreide). Urteilen Sie selber, ob wir damals die Produktion des Kulaken und das Warengetreide des Kulaken durch die Produktion und das Warengetreide unserer Kollektiv- und Sowjetwirtschaften ersetzen konnten? Es ist klar, dass wir das nicht konnten.

Was hätte unter solchen Bedingungen eine entschiedene Offensive gegen das Kulakentum bedeutet? Sie hätte bedeutet, dass wir unweigerlich gescheitert wären, dass wir die Positionen des Kulaken gestärkt hätten und ohne Getreide geblieben wären. Darum konnten und durften wir damals keine entschiedene Offensive gegen das Kulakentum unternehmen, trotz der abenteuerlichen Deklamationen der sinowjewistisch-trotzkistischen Opposition.

Und wie ist es heute? Wie liegen die Dinge heute? Heute verfügen wir über eine ausreichende materielle Basis, um den Schlag gegen das Kulakentum zu führen, seinen Widerstand zu brechen, es als Klasse zu liquidieren und seine Produktion durch die Produktion der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften zu ersetzen. Es ist bekannt, dass die Getreideproduktion der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften im Jahre 1929 nicht weniger als 400 Millionen Pud betrug (um 200 Millionen Pud weniger als die Gesamtproduktion der Kulakenwirtschaften im Jahre 1927). Es ist ferner bekannt, dass die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften im Jahre 1929 mehr als 130 Millionen Pud Warengetreide geliefert haben (d. h. mehr als der Kulak im Jahre 1927). Es ist schließlich bekannt, dass die Gesamtproduktion der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften im Jahre 1930 nicht weniger als 900 Millionen Pud Getreide betragen wird (d. h. mehr, als die Gesamtproduktion des Kulaken im Jahre 1927 betrug), an Warengetreide aber werden sie nicht weniger als 400 Millionen Pud liefern (d. h. unvergleichlich mehr, als der Kulak im Jahre 1927 lieferte).

So liegen die Dinge heute bei uns, Genossen.

Das sind die Wandlungen, die in der Ökonomik unseres Landes vor sich gegangen sind.

Wie Sie sehen, haben wir heute die materielle Basis, um die Produktion der Kulaken durch die Produktion der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften zu ersetzen. Gerade darum ist unsere entschiedene Offensive gegen das Kulakentum jetzt von unzweifelhaftem Erfolg begleitet.

So muss die Offensive gegen das Kulakentum geführt werden, wenn man von einer wirklichen und entschiedenen Offensive sprechen und sich nicht auf leere Deklamationen gegen das Kulakentum beschränken will.

Deshalb sind wir in letzter Zeit von der Politik der Einschränkung der Ausbeutertendenzen des Kulakentums zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse übergegangen.

Und wie steht es um die Politik der Enteignung der Kulaken, ist in den Gebieten mit durchgängiger Kollektivierung die Enteignung der Kulaken zulässig? - wird von verschiedenen Seiten gefragt. Eine lächerliche Frage! Die Enteignung der Kulaken war unzulässig, solange wir auf dem Standpunkt der Einschränkung der Ausbeutertendenzen des Kulakentums standen, solange wir nicht die Möglichkeit hatten, eine entschiedene Offensive gegen das Kulakentum zu unternehmen, solange wir nicht die Möglichkeit hatten, die Produktion des Kulakentums durch die Produktion der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften zu ersetzen. Damals war eine Politik, die die Enteignung der Kulaken als unzulässig betrachtete, notwendig und richtig. Und heute? Heute liegen die Dinge anders. Heute haben wir die Möglichkeit, eine entschiedene Offensive gegen das Kulakentum zu unternehmen, seinen Widerstand zu brechen, es als Klasse zu liquidieren und seine Produktion durch die Produktion der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften zu ersetzen. Heute wird die Enteignung der Kulaken durch die Massen der armen und Mittelbauern selbst durchgeführt, die die durchgängige Kollektivierung verwirklichen. Heute ist die Enteignung der Kulaken in den Gebieten mit durchgängiger Kollektivierung keine bloß administrative Maßnahme mehr. Heute ist dort die Enteignung der Kulaken ein Bestandteil der Bildung und Entwicklung der Kollektivwirtschaften. Darum ist es lächerlich und unernst, sich heute über die Enteignung der Kulaken zu verbreiten. Verliert man den Kopf, weint man nicht um den Schopf.

Nicht minder lächerlich ist eine andere Frage: ob man den Kulaken in die Kollektivwirtschaft aufnehmen darf. Natürlich darf man ihn nicht in die Kollektivwirtschaft aufnehmen. Man darf es nicht, weil er ein geschworener Feind der kollektivwirtschaftlichen Bewegung ist.

VII
ZUSAMMENFASSUNG

Das, Genossen, sind die sechs Kernfragen, an denen die theoretische Arbeit unserer marxistischen Agrarwissenschaftler nicht vorbeigehen darf.

Die Bedeutung dieser Fragen besteht vor allem darin, dass ihre marxistische Ausarbeitung es ermöglicht, alle wie immer gearteten bürgerlichen Theorien, die - zu unserer Schande - mitunter von unseren eigenen Genossen, von Kommunisten, verbreitet werden und die die Köpfe unserer Praktiker verkleistern, mit Stumpf und Stiel auszurotten. Es wäre längst an der Zeit gewesen, diese Theorien auszurotten und hinwegzufegen. Denn nur im schonungslosen Kampf gegen diese und ähnliche Theorien kann das theoretische Denken der marxistischen Agrarwissenschaftler sich entwickeln und erstarken.

Die Bedeutung dieser Fragen besteht schließlich darin, dass sie den alten Problemen der Ökonomik der Übergangsperiode neue Gestalt verleihen.

Auf neue Art wird jetzt die Frage der NÖP, der Klassen, der Kollektivwirtschaften, der Ökonomik der Übergangsperiode gestellt.

Man muss den Fehler derjenigen aufdecken, die die NÖP als Rückzug und nur als Rückzug auffassen. In Wirklichkeit sagte Lenin bereits bei der Einführung der Neuen Ökonomischen Politik, dass sich die NÖP nicht auf den Rückzug beschränkt, dass sie gleichzeitig die Vorbereitung zu einer neuen entschiedenen Offensive gegen die kapitalistischen Elemente in Stadt und Land bedeutet.

Man muss den Fehler derjenigen aufdecken, die der Meinung sind, die NÖP sei nur zur Verbindung von Stadt und Land notwendig. Wir brauchen nicht jede Art von Verbindung zwischen Stadt und Land. Wir brauchen eine Verbindung, die den Sieg des Sozialismus gewährleistet. Und wenn wir die NÖP befolgen, so deswegen, weil sie der Sache des Sozialismus dient. Sobald sie aber aufhört, der Sache des Sozialismus zu dienen, werden wir sie zum Teufel schicken. Lenin sagte, dass die NÖP ernsthaft und auf lange Zeit eingeführt worden ist. Er hat aber niemals gesagt, dass sie auf immer eingeführt worden sei.

Man muss auch die Frage der Popularisierung der marxistischen Theorie der Reproduktion stellen. Man muss die Frage des Schemas für die Bilanz unserer Volkswirtschaft ausarbeiten. Das, was die Statistische Zentralverwaltung im Jahre 1926 als volkswirtschaftliche Bilanz veröffentlicht hat, ist keine Bilanz, sondern ein Spiel mit Zahlen. Auch die Art, wie Basarow und Groman das Problem der volkswirtschaftlichen Bilanz behandeln, taugt nichts. Das Schema für die volkswirtschaftliche Bilanz der UdSSR muss von revolutionären Marxisten ausgearbeitet werden, wenn sie überhaupt gewillt sind, sich mit den Fragen der Ökonomik der Übergangsperiode zu befassen.

Es wäre gut, wenn unsere marxistischen Ökonomen eine besondere Gruppe von Genossen bestimmten, die die Probleme der Ökonomik der Übergangsperiode in ihrer neuen Fragestellung entsprechend der jetzigen Entwicklungsetappe ausarbeiten sollten.

„Prawda“ Nr. 309,
29. Dezember 1929.

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