"Stalin"

Werke

Band 12

BRIEF AN A. M. GORKI

Lieber Alexej Maximowitsch!

Bitte mich vielmals zu entschuldigen und mich nicht zu schelten wegen der späten (allzu späten!) Antwort. Bin furchtbar überlastet. Außerdem war ich nicht ganz wohlauf. Das kann mich natürlich nicht entschuldigen. Aber es kann einiges erklären.

1. Wir können ohne Selbstkritik nicht auskommen. Das können wir keinesfalls, Alexej Maximowitsch. Ohne sie sind Stagnation, Fäulnis im Apparat, Anwachsen des Bürokratismus, Drosselung der schöpferischen Initiative der Arbeiterklasse nicht zu vermeiden. Natürlich liefert die Selbstkritik den Feinden Material. Darin haben Sie völlig Recht. Aber sie liefert auch Material (und gibt den Anstoß) für unsere Vorwärtsbewegung, für die Entfaltung der Aufbauenergie der Werktätigen, für die Entwicklung des Wettbewerbs, für die Stoßbrigaden usw. Die negative Seite wird durch die positive aufgewogen und mehr als aufgewogen.

Es ist möglich, dass unsere Presse unsere Mängel zu sehr hervorhebt und bisweilen sogar (ungewollt) an die große Glocke hängt. Das ist möglich und sogar wahrscheinlich. Und das ist natürlich schlecht. Sie fordern daher, dass unsere Errungenschaften und unsere Mängel so beleuchtet werden, dass sie sich die Waage halten (ich würde sagen, dass die Errungenschaften schwerer in die Waagschale fallen sollen). Auch darin haben Sie natürlich Recht. Wir werden diesen Mangel unbedingt und unverzüglich beheben. Dessen können Sie gewiss sein.

2. Unsere Jugend ist nicht von ein und derselben Art. Es gibt Jugendliche, die greinen, die von Müdigkeit und Verzweiflung ergriffen sind (wie Senin). Es gibt Jugendliche, die guten Muts, voll Lebensfreude und Willenskraft sind, erfüllt von dem unbändigen Streben, den Sieg zu erringen. Es kann nicht sein, dass jetzt, da wir die alten Beziehungen im Leben zerreißen und neue knüpfen, da die gewohnten Wege und Stege eingeebnet und neue, ungewohnte angelegt werden, da ganze Bevölkerungsgruppen, die im Wohlstand lebten, aus der Bahn geworfen werden und abtreten, den Weg für Millionen früher nieder geduckter und gehetzter Menschen frei machend - es kann nicht sein, dass die Jugend eine gleichartige Masse mit uns Sympathisierender darstelle, dass es in ihr keine Differenzierung, keine Spaltung gäbe. Erstens gibt es unter der Jugend Söhne von reichen Eltern. Zweitens, selbst wenn man die Jugend nimmt, die (ihrer sozialen Lage nach) zu uns gehört, so bringt nicht jeder Nerven, Kraft, Charakter und Verständnis genug auf, um das grandiose Bild der Niederreißung des Alten und des fieberhaften Aufbaus des Neuen als ein Bild dessen zu betrachten, was notwendig und folglich wünschenswert ist, zumal dieses Bild wenig dem paradiesischen Idyll des „allgemeinen Wohlergehens“ gleicht, das die Möglichkeit geben soll, „auszuruhen“ und das „Glück zu genießen“. Begreiflicherweise kann es bei diesem „halsbrecherischen Getriebe“ nicht anders sein, als dass es bei uns Leute gibt, die müde werden, die Nerven verlieren, sich aufreiben, in Verzweiflung geraten, abtreten und schließlich in das Lager der Feinde überlaufen. Unvermeidliche „Spesen“ der Revolution.

Das Wesentlichste ist jetzt, dass unter der Jugend nicht die Greiner den Ton angeben, sondern die kämpferischen Mitglieder unseres Kommunistischen Jugendverbands, der Kern der neuen, zahlenmäßig starken Generation der Bolschewiki - der Zerstörer des Kapitalismus, der Bolschewiki - der Erbauer des Sozialismus, der Bolschewiki - der Befreier aller Unterdrückten und Versklavten. Darin liegt unsere Kraft. Darin liegt das Unterpfand unseres Sieges.

3. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht bemüht sein sollen, die Zahl derer, die da greinen, flennen, zweifeln usw., durch organisierte ideologische (und jegliche andere) Einwirkung auf sie zu verringern. Im Gegenteil, eine der Hauptaufgaben unserer Partei, unserer Kulturorganisationen, unserer Presse, unserer Sowjets besteht darin, diese Einwirkung zu organisieren und ernstliche Ergebnisse zu erzielen. Daher akzeptieren wir (unsere Freunde) voll und ganz Ihre Vorschläge:

a) eine Zeitschrift „Sa Rubeshom“[23] zu organisieren,

b) eine Reihe populärer Sammelbände über den „Bürgerkrieg“ herauszugeben und dazu A. Tolstoi und andere Meister der Feder heranzuziehen.

Nur muss hinzugefügt werden; dass wir keine dieser Unternehmungen der Führung Radeks oder irgendeines seiner Freunde anvertrauen dürfen. Es handelt sich nicht um die guten Absichten Radeks oder um seine Gewissenhaftigkeit. Es handelt sich um die Logik des Fraktionskampfes, von dem (das heißt von dem Kampf) er und seine Freunde sich nicht völlig losgesagt haben (es sind einige wichtige Meinungsverschiedenheiten geblieben, die sie zum Kampf treiben werden). Die Geschichte unserer Partei (und nicht nur die Geschichte unserer Partei) lehrt, dass die Logik der Dinge stärker ist als die Logik der Absichten des Menschen. Es wird richtiger sein, wenn wir die Leitung dieser Unternehmungen politisch standhaften Genossen übertragen, Radek aber und seine Freunde als Mitarbeiter heranziehen. Das wird richtiger sein.

4. Nach ernsthafter Erörterung der Frage der Organisierung einer speziellen Zeitschrift „Über den Krieg“ sind wir zu dem Schluss gekommen, dass jetzt kein Grund zur Herausgabe einer solchen Zeitschrift vorliegt. Wir halten es für zweckmäßiger, die Fragen des Krieges (ich spreche vom imperialistischen Krieg) in den bestehenden politischen Zeitschriften zu behandeln. Um so mehr, als die Fragen des Krieges nicht von den Fragen der Politik, deren Ausdruck der Krieg ist, getrennt werden dürfen.

Was die Erzählungen über den Krieg betrifft, so sind sie nur nach sorgfältiger Auswahl zu veröffentlichen. Auf dem Büchermarkt gibt es eine Menge belletristischer Erzählungen, die die „Schrecken“ des Krieges malen und Abscheu gegen jeglichen Krieg (nicht nur gegen den imperialistischen, sondern auch gegen jeden anderen Krieg) einflößen. Das sind bürgerlich-pazifistische Erzählungen, die nicht viel wert sind. Wir brauchen Erzählungen, die, ausgehend von den Schrecken des imperialistischen Krieges, die Leser an die Notwendigkeit der Überwindung der imperialistischen Regierungen, die diese Kriege organisieren, heranführen. Außerdem sind wir doch nicht gegen jeglichen Krieg. Wir sind gegen den imperialistischen Krieg als konterrevolutionären Krieg. Aber wir sind für den Befreiungskrieg, den antiimperialistischen, revolutionären Krieg, ungeachtet der Tatsache, dass ein solcher Krieg bekanntlich nicht frei ist von den „Schrecken des Blutvergießens“, sondern diese sogar reichlich aufweist.

Mir scheint, dass der Standpunkt Woronskis, der sich zum Feldzug gegen die „Schrecken“ des Krieges anschickt, sich nur wenig von dem Standpunkt bürgerlicher Pazifisten unterscheidet.

5. Sie haben völlig Recht, wenn Sie sagen, dass bei uns, in unserer Presse, ein großes Durcheinander in Fragen der antireligiösen Propaganda herrscht. Mitunter werden die unwahrscheinlichsten Dummheiten begangen, die Wasser auf die Mühle der Feinde leiten. Auf diesem Gebiet steht eine Unmenge Arbeit bevor. Ich habe jedoch mit den Genossen von der antireligiösen Propaganda noch nicht über Ihre Vorschläge Rücksprache nehmen können. Ich schreibe Ihnen darüber das nächste Mal.

6. Der Bitte Kamegulows kann ich nicht nachkommen. Keine Zeit! Außerdem, was, zum Teufel, bin ich für ein Kritiker!

Das ist alles.

Ich drücke Ihnen kräftig die Hand und wünsche Ihnen Gesundheit. Dank für den Gruß.

J. Stalin

Man sagt, dass Sie einen Arzt aus Rußland brauchen. Stimmt das? Wen wünschen Sie? Schreiben Sie - wir schicken ihn.

17. Januar 1930. J. St.

Zum ersten Mal veröffentlicht.

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