"Stalin"

Werke

Band 12

ANTWORT AN DIE GENOSSEN SWERDLOWER[30]

I
DIE FRAGEN DER SWERDLOWER

1. In den vom III. Kongress der Komintern angenommenen Thesen über die Taktik der KPR(B)[31] sprach Lenin davon, dass es in Sowjetrußland zwei grundlegende Klassen gibt.

Gegenwärtig sprechen wir von der Liquidierung des Kulakentums und der neuen Bourgeoisie als Klasse.

Bedeutet das, dass sich in der Zeit der NÖP bei uns eine dritte Klasse herausgebildet hat?

2. In Ihrer Rede auf dem Kongress marxistischer Agrarwissenschaftler sagten Sie: „Wenn wir die NÖP befolgen, so deswegen, weil sie der Sache des Sozialismus dient. Sobald sie aber aufhört, der Sache des Sozialismus zu dienen, werden wir sie zum Teufel schicken.“ Wie ist dies „Zum-Teufel-Schicken“ zu verstehen, und auf welchem Wege wird es vor sich gehen?

3. Wie wird die Partei in dem Maße, wie bei der Kollektivierung und der Liquidierung des Kulakentums als Klasse entscheidende Erfolge zu verzeichnen sein werden, die Losung abändern müssen, die jetzt für die Wechselbeziehungen zwischen dem Proletariat und den verschiedenen Schichten der Bauernschaft bestimmend ist: „Man muss verstehen, eine Verständigung mit dem Mittelbauern zu erzielen, dabei keine Minute lang auf den Kampf gegen den Kulaken verzichten und sich nur auf die Dorfarmut fest und sicher stützen“ ( Lenin )[32]?

4. Mit welchen Methoden soll die Liquidierung des Kulakentums als Klasse vorgenommen werden?

5. Wird die gleichzeitige Verwirklichung zweier Losungen: der einen für die Gebiete der durchgängigen Kollektivierung - Liquidierung des Kulaken als Klasse - und der anderen für die Gebiete, wo es keine durchgängige Kollektivierung gibt - Einschränkung und Verdrängung des Kulaken - nicht dazu führen, dass sich der Kulak in den letztgenannten Gebieten selbst liquidiert (seinen Besitz, die Produktionsmittel verschleudert)?

6. Welchen Einfluss können die Liquidierung des Kulakentums als Klasse und die Verschärfung des Klassenkampfes bei uns, die Wirtschaftskrise und das Ansteigen der revolutionären Welle in den kapitalistischen Ländern auf die Dauer der „Atempause“ haben?

7. Was halten Sie von der Möglichkeit des Hinüberwachsens des gegenwärtig in den kapitalistischen Ländern zu verzeichnenden revolutionären Aufschwungs in eine unmittelbar revolutionäre Situation?

8. Wie sind vom Standpunkt der weiteren Wechselbeziehungen zwischen Partei und Arbeiterklasse die neuen Veränderungen einzuschätzen, die innerhalb der Arbeiterklasse vor sich gegangen sind und die durch den Beschluss ganzer Werkabteilungen, in die Partei einzutreten, gekennzeichnet sind?

9. Im Zusammenhang mit dem gewaltigen Schwung der kollektiv-wirtschaftlichen Bewegung tritt die Frage der Erweiterung der Parteiorganisation auf dem Lande auf die Tagesordnung. Welche Politik müssen wir verfolgen in Bezug auf die Grenzen, die dieser Erweiterung zu setzen sind, und in Bezug auf die Aufnahme der verschiedenen Gruppen von Kollektivbauern in die Partei?

10. Was halten Sie von dem Streit, der unter den Ökonomen über wichtige Probleme der politischen Ökonomie entbrannt ist?

II
ANTWORT DES GENOSSEN STALIN

Zur ersten Frage. Lenin sprach von den zwei grundlegenden Klassen. Aber natürlich wusste er, dass eine dritte, kapitalistische Klasse existiert (Kulaken, städtische kapitalistische Bourgeoisie). Die Kulaken und die städtische kapitalistische Bourgeoisie haben sich natürlich nicht erst nach Einführung der NÖP als Klasse „herausgebildet“. Sie existierten auch vor der NÖP, und zwar existierten sie als zweitrangige Klasse. Die NÖP begünstigte in den ersten Entwicklungsstadien in gewissem Grade das Wachstum dieser Klasse. Noch mehr aber förderte sie das Wachstum des sozialistischen Sektors. Der Übergang der Partei zur Offensive an der ganzen Front bedeutet eine schroffe Wendung, die zur Erschütterung und Beseitigung der Klasse der Kapitalisten im Dorf und zum Teil auch in der Stadt führt.

Der Genauigkeit halber sei festgestellt, dass die Partei nicht die Weisung gegeben hat, die Losung der Liquidierung des Kulakentums als Klasse auf die neue, städtische Bourgeoisie auszudehnen. Man muss den Unterschied sehen zwischen den NÖPleuten, denen im wesentlichen schon lange ihre Produktionsbasis genommen ist und die deshalb keine irgendwie erhebliche Bedeutung in unserem Wirtschaftsleben haben, und den Kulaken, die bis in die letzte Zeit hinein gewaltige wirtschaftliche Bedeutung auf dem Lande hatten und denen wir erst jetzt ihre Produktionsbasis nehmen.

Mir scheint, dass einige unserer Organisationen diesen Unterschied vergessen und einen Fehler begehen, wenn sie versuchen, die Losung der Liquidierung des Kulakentums als Klasse durch die Losung der Liquidierung der städtischen Bourgeoisie zu „ergänzen“.

Zur zweiten Frage. Der betreffende Satz in meiner Rede auf dem Kongress marxistischer Agrarwissenschaftler ist so zu verstehen, dass wir „die NÖP zum Teufel schicken werden“, wenn wir es schon nicht mehr nötig haben werden, eine gewisse Freiheit des privaten Handels zuzulassen, wenn eine solche Zulassung lediglich negative Resultate zeigen wird, wenn wir die Möglichkeit erhalten werden, die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Stadt und Land durch unsere Handelsorganisationen aufrechtzuerhalten ohne den privaten Handel mit seinem privaten Umsatz und der damit verbundenen gewissen Belebung des Kapitalismus.

Zur dritten Frage. Es ist klar, dass in dem Maße, wie die Mehrheit der Gebiete der UdSSR von der Kollektivierung erfasst wird, das Kulakentum liquidiert werden wird - folglich wird dieser Teil der Formel Iljitschs entfallen. Was die Mittelbauern und armen Bauern in den Kollektivwirtschaften anbetrifft, so werden sie mit der fortschreitenden Maschinisierung und Traktorisierung der Kollektivwirtschaften immer mehr zu einer einheitlichen Gruppe von Werktätigen des kollektivierten Dorfes verschmelzen. Dementsprechend werden in Zukunft die Begriffe „Mittelbauer“, „armer Bauer“ aus unseren Losungen verschwinden müssen.

Zur vierten Frage. Die grundlegende Methode zur Liquidierung des Kulakentums als Klasse ist die Methode der Massenkollektivierung. Alle übrigen Maßnahmen müssen dieser grundlegenden Methode angepasst werden. Alles, was dieser Methode widerspricht oder ihre Bedeutung schwächt, muss verworfen werden.

Zur fünften Frage. Man darf die Losungen „Liquidierung des Kulakentums als Klasse“ und „Einschränkung des Kulakentums“ nicht als zwei selbständige und gleichberechtigte Losungen hinstellen. Seit dem Übergang zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse ist diese Losung zur Hauptlosung geworden, während sich die Losung der Einschränkung des Kulakentums in den Gebieten ohne durchgängige Kollektivierung aus einer selbständigen Losung in eine Losung verwandelt hat, die im Verhältnis zur Hauptlosung eine Nebenlosung, eine Hilfslosung ist, eine Losung, die in diesen letztgenannten Gebieten die Schaffung der Voraussetzungen für den Übergang zur Hauptlosung erleichtert. Die Rolle der Losung „Einschränkung des Kulakentums“ hat sich, wie Sie sehen, unter den gegenwärtigen neuen Bedingungen im Vergleich zu der Rolle, die sie vor einem Jahr und früher spielte, grundlegend geändert.

Es muss festgestellt werden, dass einige unserer Presseorgane diese Besonderheit leider nicht berücksichtigen.

Es ist möglich und wahrscheinlich, dass in den Gebieten ohne durchgängige Kollektivierung ein bestimmter Teil des Kulakentums in Erwartung der Enteignung „sich selbst liquidieren“, „seinen Besitz und die Produktionsmittel verschleudern“ wird. Dagegen muss man natürlich kämpfen. Daraus folgt jedoch keineswegs, dass wir eine Kulakenenteignung zulassen dürfen, die nicht als ein Teil der Kollektivierung, sondern als etwas Selbständiges, vor der Kollektivierung und ohne sie durchgeführt wird. Dies zulassen hieße die Politik der Vergesellschaftung des konfiszierten Kulakenbesitzes in den Kollektivwirtschaften durch eine Politik der Aufteilung dieses Besitzes zur persönlichen Bereicherung einzelner Bauern ersetzen. Eine solche Ersetzung wäre ein Schritt zurück und nicht vorwärts. Gegen die „Verschleuderung“ des Kulakenbesitzes gibt es nur ein Mittel - die Arbeit zur Kollektivierung in den Gebieten ohne durchgängige Kollektivierung verstärken.

Zur sechsten Frage. Die von Ihnen angeführten Umstände und Bedingungen können die Dauer der „Atempause“ bedeutend verkürzen. Unbedingt müssen sie jedoch die Mittel unserer Verteidigung verstärken und vervielfachen. Sehr viel hängt hier von der internationalen Lage, vom Anwachsen der Widersprüche im Lager des internationalen Kapitalismus, von der weiteren Entfaltung der Weltwirtschaftskrise ab. Das ist jedoch eine andere Frage.

Zur siebenten Frage. Man kann keinen scharfen Trennungsstrich ziehen zwischen „revolutionärem Aufschwung“ und „unmittelbar revolutionärer Situation“. Man kann nicht sagen: „Bis zu dieser Linie haben wir den revolutionären Aufschwung und hinter der Linie - den Sprung in die unmittelbar revolutionäre Situation.“ So können nur Scholastiker die Frage stellen. Der erstere geht gewöhnlich „unmerklich“ in die zweite über. Unsere Aufgabe ist es, das Proletariat schon jetzt auf entschiedene revolutionäre Kämpfe vorzubereiten, ohne den Augenblick des „Eintritts“ der so genannten unmittelbar revolutionären Situation abzuwarten.

Zur achten Frage. Der Wunsch ganzer Werkabteilungen und sogar Werke, in die Partei einzutreten, ist ein Zeichen für den gewaltigen revolutionären Aufschwung der Millionenmassen der Arbeiterklasse, ein Zeichen für die Richtigkeit der Politik der Partei, ein Zeichen für die offenkundige Billigung dieser Politik durch die breiten Massen der Arbeiter-klasse. Daraus folgt jedoch keineswegs, dass wir alle diejenigen in die Partei aufnehmen sollen, die den Wunsch äußern, in die Partei einzutreten. In den Abteilungen und Werken gibt es alle möglichen Leute, sogar Schädlinge. Deshalb muss die Partei die bewährte Methode des individuellen Herangehens an jeden, der in die Partei eintreten will, und der individuellen Aufnahme in die Partei beibehalten. Was wir brauchen, ist nicht nur Quantität, sondern auch Qualität.

Zur neunten Frage. Es versteht sich von selbst, dass die Reihen der Partei in den Kollektivwirtschaften in mehr oder minder schnellem Tempo wachsen werden. Es ist wünschenswert, dass die im Kampf gegen das Kulakentum am meisten gestählten Elemente der kollektivwirtschaftlichen Bewegung, besonders Landarbeiter und arme Bauern, die Möglichkeit erhalten, ihre Kräfte in den Reihen der Partei einzusetzen. Dabei ist klar, dass das individuelle Herangehen und die individuelle Aufnahme in die Partei hier besonders konsequent beachtet werden müssen.

Zur zehnten Frage. Mir scheint, dass in dem Streit zwischen den Ökonomen viel Scholastisches und Ausgeklügeltes liegt. Wenn man den Streit seiner äußeren Hülle entkleidet, so bestehen die grundlegenden Fehler der streitenden Parteien in folgendem:

a) Keine der Parteien hat es verstanden, die Methode des Kampfes an zwei Fronten richtig anzuwenden: sowohl gegen den „Rubinismus“ als auch gegen den „Mechanizismus“[33]

b) beide Parteien sind von den grundlegenden Fragen der Sowjetökonomik und des Weltimperialismus abgeschweift, haben sich auf das Gebiet talmudistischer Abstraktionen begeben und so zwei Jahre lang mit Arbeiten über abstrakte Themen die Zeit totgeschlagen, natürlich zu Nutz und Frommen unserer Feinde.

Mit kommunistischem Gruß

J. Stalin

9. Februar 1930.

„Prawda“ Nr. 40,
10. Februar 1930.

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