"Stalin"

Werke

Band 12

VOR ERFOLGEN VON SCHWINDEL BEFALLEN

Zu den Fragen der kollektivwirtschaftlichen Bewegung

Von den Erfolgen der Sowjetmacht auf dem Gebiet der kollektivwirtschaftlichen Bewegung reden jetzt alle. Selbst die Feinde sind gezwungen zuzugeben, dass ernste Erfolge erzielt worden sind. Diese Erfolge sind in der Tat groß.

Es ist eine Tatsache, dass am 20. Februar dieses Jahres bereits 50 Prozent der Bauernwirtschaften in der UdSSR kollektiviert waren. Das bedeutet, dass wir bis zum 20. Februar 1930 den Fünfjahrplan der Kollektivierung zu mehr als 200 Prozent erfüllt haben.

Es ist eine Tatsache, dass die Kollektivwirtschaften bis zum 28. Februar, dieses Jahres bereits über 36 Millionen Doppelzentner Saatgut für die Sommeraussaat bereitgestellt haben, das heißt über 90 Prozent des Plans, also ungefähr 220 Millionen Pud. Es muss anerkannt werden, dass das Aufbringen von 220 Millionen Pud Saatgut allein in den Kollektivwirtschaften - nach der erfolgreichen Erfüllung des Getreidebeschaffungsplans - eine gewaltige Errungenschaft darstellt.

Wovon zeugt das alles?

Davon, dass die grundlegende Wendung des Dorfes zum Sozialismus schon als gesichert betrachtet werden kann.

Man braucht nicht zu beweisen, dass diese Erfolge von größter Bedeutung für das Schicksal unseres Landes, für die ganze Arbeiterklasse als die führende Kraft unseres Landes und schließlich für die Partei selbst sind. Von den unmittelbaren praktischen Ergebnissen ganz zu schweigen, haben diese Erfolge eine gewaltige Bedeutung für das innere Leben der Partei selbst, für die Erziehung unserer Partei. Sie flößen unserer Partei Mut und Glauben an ihre Kräfte ein. Sie erfüllen die Arbeiterklasse mit dem Glauben an den Sieg unserer Sache. Sie führen unserer Partei neue Millionenreserven zu.

Daher die Aufgabe der Partei: die erzielten Erfolge zu verankern und sie planmäßig für den weiteren Vormarsch auszuwerten.

Aber Erfolge haben auch ihre Schattenseite, besonders wenn sie verhältnismäßig „leicht“, sozusagen „unerwartet“, erzielt werden. Solche Erfolge erzeugen zuweilen Eigendünkel und Überheblichkeit: „Wir können alles!“, „Für uns ist alles ein Kinderspiel!“ Diese Erfolge machen nicht selten die Menschen trunken, dabei werden sie vor Erfolgen von Schwindel befallen, verlieren das Gefühl für das richtige Maß, verlieren die Fähigkeit, die Wirklichkeit zu verstehen, es tritt die Tendenz zutage, die eigenen Kräfte zu überschätzen und die Kräfte des Gegners zu unterschätzen, es kommt zu abenteuerlichen Versuchen, alle Fragen des sozialistischen Aufbaus „im Handumdrehen“ zu lösen. Da ist kein Platz mehr für die Sorge um die Verankerung der erzielten Erfolge und ihre planmäßige Auswertung für den weiteren Vormarsch. Wozu brauchen wir die erzielten Erfolge zu verankern, wir sind auch so imstande, „schnurstracks“ zum vollen Siege des Sozialismus zu gelangen: „Wir können alles!“, „Für uns ist alles ein Kinderspiel!“

Daher die Aufgabe der Partei: einen entschiedenen Kampf gegen diese für die Sache gefährlichen und schädlichen Stimmungen zu führen und sie aus der Partei auszumerzen.

Man kann nicht behaupten, dass diese für die Sache gefährlichen und schädlichen Stimmungen in den Reihen unserer Partei irgendwie stark verbreitet wären. Doch sind diese Stimmungen immerhin in unserer Partei vorhanden, wobei kein Grund für die Behauptung vorliegt, dass sie sich nicht verstärken werden. Und wenn sich diese Stimmungen bei uns einbürgern, dann kann nicht daran gezweifelt werden, dass die kollektiv-wirtschaftliche Bewegung bedeutend geschwächt werden wird und die Gefahr des Scheiterns dieser Bewegung zu einer realen Tatsache werden kann.

Es ist daher Aufgabe unserer Presse, diese und ähnliche anti Lenin istischen Stimmungen systematisch zu entlarven.

Einige Tatsachen:

1. Die Erfolge unserer kollektivwirtschaftlichen Politik erklären sich unter anderem daraus, dass diese Politik auf der Freiwilligkeit in der kollektivwirtschaftlichen Bewegung und auf der Berücksichtigung der Mannigfaltigkeit der Bedingungen in den verschiedenen Gebieten der UdSSR beruht. Man kann nicht mit Gewalt Kollektivwirtschaften schaffen. Das wäre dumm und reaktionär. Die kollektivwirtschaftliche Bewegung muss sich auf die aktive Unterstützung der Hauptmassen der Bauernschaft stützen. Man darf nicht Musterbeispiele des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus aus den entwickelten Gebieten mechanisch auf unentwickelte Gebiete übertragen. Das wäre dumm und reaktionär. Eine solche „Politik“ würde die Idee der Kollektivierung mit einem Schlage diskreditieren. Man muss bei der Bestimmung des Tempos und der Methoden des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus sorgfältig die Mannigfaltigkeit der Bedingungen in den verschiedenen Gebieten der UdSSR berücksichtigen.

In der kollektivwirtschaftlichen Bewegung stehen bei uns die Getreidegebiete an erster Stelle. Weshalb?

Erstens, weil wir in diesen Gebieten die größte Anzahl bereits erstarkter Sowjet- und Kollektivwirtschaften besitzen, die den Bauern die Möglichkeit gegeben haben, sich von der Kraft und Bedeutung der modernen Technik, von der Kraft und Bedeutung der neuen, kollektiven Organisierung der Wirtschaft zu überzeugen.

Zweitens, weil diese Gebiete im Kampf gegen das Kulakentum zur Zeit der Getreidebeschaffungskampagnen eine zweijährige Schule durchgemacht haben, was die Sache der kollektivwirtschaftlichen Bewegung erleichtern musste.

Schließlich deshalb, weil diese Gebiete in den letzten Jahren in stärkstem Maße mit den besten Kadern aus den Industriezentren versehen wurden.

Kann man sagen, dass diese besonders günstigen Bedingungen auch in den anderen Gebieten, zum Beispiel in den Getreidezuschussgebieten, wie es unsere nördlichen Gebiete sind, oder in Gebieten mit noch immer zurückgebliebenen Nationalitäten, sagen wir in Turkestan, gegeben sind? Nein, das kann man nicht sagen.

Es ist klar, dass der Grundsatz, die Mannigfaltigkeit der Bedingungen in den verschiedenen Gebieten der UdSSR zu berücksichtigen, neben dem Grundsatz der Freiwilligkeit eine der ernstesten Voraussetzungen für eine gesunde kollektivwirtschaftliche Bewegung ist.

Was geht aber zuweilen bei uns in Wirklichkeit vor? Kann man sagen, dass der Grundsatz der Freiwilligkeit und der Berücksichtigung der örtlichen Besonderheiten nicht in einer Reihe von Gebieten verletzt wird? Nein, das kann man leider nicht sagen. Es ist zum Beispiel bekannt, dass man in einer Reihe nördlicher Bezirke der Zuschusszone, wo verhältnismäßig weniger günstige Bedingungen für die sofortige Organisierung von Kollektivwirtschaften bestehen als in den Getreidegebieten, nicht selten versucht, die Vorbereitungsarbeit zur Organisierung von Kollektivwirtschaften zu ersetzen durch bürokratische Dekretierung der kollektivwirtschaftlichen Bewegung, durch papierne Resolutionen über das Wachstum der Kollektivwirtschaften, durch Organisierung von Kollektivwirtschaften auf dem Papier, die in Wirklichkeit noch nicht vorhanden sind, über deren „Existenz“ es aber einen ganzen Haufen ruhmrediger Resolutionen gibt.

Oder nehmen wir einige Bezirke in Turkestan, wo die Bedingungen für die sofortige Organisierung von Kollektivwirtschaften noch weniger günstig sind als in den nördlichen Gebieten der Zuschusszone. Es ist bekannt, dass es in einer Reihe von Bezirken in Turkestan bereits Versuche gegeben hat, die fortgeschrittenen Gebiete der UdSSR „einzuholen und zu überholen“, indem gedroht wurde, Militärgewalt anzuwenden und jenen Bauern, die vorläufig noch nicht in die Kollektivwirtschaften eintreten wollen, das zur Bewässerung nötige Wasser zu entziehen und ihnen keine Industriewaren zu liefern.

Was kann es Gemeinsames geben zwischen dieser „Politik“ nach der Art des Unteroffiziers Prischibejew (Hauptgestalt einer gleichnamigen Erzählung von A. P. Tschechow. Der Übers.) und der Politik der Partei, die sich auf die Freiwilligkeit und die Berücksichtigung der örtlichen Besonderheiten bei dem kollektivwirtschaftlichen Aufbau stützt? Es ist klar, dass es zwischen ihnen nichts Gemeinsames gibt noch geben kann.

Wem nützen diese Verzerrungen, diese bürokratische Dekretierung der kollektivwirtschaftlichen Bewegung, diese ungebührlichen Drohungen gegen Bauern? Niemand außer unseren Feinden!

Wozu können sie führen, diese Verzerrungen? Zur Stärkung unserer Feinde und zur Diskreditierung der Ideen der kollektivwirtschaftlichen Bewegung.

Ist es nicht klar, dass die Urheber dieser Verzerrungen, die sich für „Linke“ halten, in Wirklichkeit Wasser auf die Mühle des rechten Opportunismus leiten?

2. Einer der größten Vorzüge der politischen Strategie unserer Partei besteht darin, dass sie es versteht, in jedem gegebenen Augenblick das wichtigste Kettenglied der Bewegung auszuwählen, das sie ergreift, um dann die ganze Kette zu einem allgemeinen Ziele zu ziehen und die Lösung der gestellten Aufgabe zu erreichen. Kann man sagen, dass die Partei das wichtigste Kettenglied der kollektivwirtschaftlichen Bewegung im System des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus bereits ausgewählt hat? Ja, das kann und muss man sagen.

Welches ist dieses wichtigste Kettenglied?

Vielleicht die Genossenschaft zur gemeinsamen Bodenbestellung? Nein, sie ist es nicht. Die Genossenschaften zur gemeinsamen Bodenbestellung, in denen die Produktionsmittel noch nicht vergesellschaftet sind, sind eine bereits überholte Stufe der kollektivwirtschaftlichen Bewegung.

Vielleicht die landwirtschaftliche Kommune? Nein, die Kommune ist es nicht. Die Kommunen sind vorläufig noch Einzelerscheinungen in der kollektivwirtschaftlichen Bewegung. Für die landwirtschaftlichen Kommunen als vorherrschende Form, bei der nicht nur die Produktion, sondern auch die Verteilung vergesellschaftet ist, sind die Bedingungen noch nicht herangereift.

Das wichtigste Kettenglied der kollektivwirtschaftlichen Bewegung, ihre gegenwärtig vorherrschende Form, die man jetzt anpacken muss, ist das landwirtschaftliche Artel.

Im landwirtschaftlichen Artel sind die wichtigsten Produktionsmittel, hauptsächlich die der Getreidewirtschaft, vergesellschaftet: Arbeit, Bodennutzung, Maschinen und sonstiges Inventar, Arbeitsvieh, Wirtschaftsgebäude. Nicht vergesellschaftet sind im Artel: das Hofland (kleinere Gemüse- und Obstgärten), Wohnhäuser, ein gewisser Teil des Milchviehs, Kleinvieh, Geflügel usw.

Das Artel ist das wichtigste Kettenglied der kollektivwirtschaftlichen Bewegung, weil es die dem Zweck entsprechendste Form zur Lösung des Getreideproblems ist. Das Getreideproblem aber ist das wichtigste Kettenglied im System der gesamten Landwirtschaft, weil ohne seine Lösung weder das Problem der Viehzucht (Klein- und Großvieh) gelöst werden kann noch das Problem der gewerblichen Nutzpflanzen und Spezialkulturen, die der Industrie die wichtigsten Rohstoffe liefern. Aus diesem Grunde ist das landwirtschaftliche Artel gegenwärtig das wichtigste Kettenglied im System der kollektivwirtschaftlichen Bewegung.

Davon geht das „Musterstatut“ der Kollektivwirtschaften aus, dessen endgültiger Text heute veröffentlicht wird.

Davon müssen auch unsere Partei- und Sowjetfunktionäre ausgehen, deren Pflicht es ist, dieses Statut eingehend zu studieren und restlos in die Tat umzusetzen.

Das ist die Einstellung der Partei im gegenwärtigen Augenblick.

Kann man sagen, dass diese Einstellung der Partei ohne Verstöße und Verzerrungen in die Tat umgesetzt wird? Nein, das kann man leider nicht sagen. Es ist bekannt, dass in einer Reihe von Gebieten der UdSSR, wo der Kampf um die Existenz der Kollektivwirtschaften bei weitem noch nicht beendet ist und wo die Artels noch nicht verankert sind, Versuche gemacht werden, aus dem Rahmen des Artels heraus- und sofort zur landwirtschaftlichen Kommune hinüber zu springen. Das Artel ist noch nicht verankert, aber schon werden Wohnhäuser, Kleinvieh und Geflügel „vergesellschaftet“, wobei diese „Vergesellschaftung“ in bürokratisch-papiernes Dekretieren ausartet, denn noch fehlen die Bedingungen für eine solche Vergesellschaftung. Man könnte glauben, das Getreideproblem in den Kollektivwirtschaften sei bereits gelöst, es stelle eine bereits überholte Stufe dar, die grundlegende Aufgabe bestehe gegenwärtig nicht in der Lösung des Getreideproblems, sondern in der Lösung des Viehzucht- und Geflügelzuchtproblems. Es fragt sich, wem nützt diese törichte „Arbeit“, bei der die verschiedenen Formen der kollektivwirtschaftlichen Bewegung in einen Topf geworfen werden? Wem nützt dieses dumme und für die Sache schädliche Vorauseilen? Den Kollektivbauern reizen durch „Vergesellschaftung“ der Wohnhäuser, des gesamten Milchviehs, des gesamten Kleinviehs, des Geflügels, während das Getreideproblem noch nicht gelöst, die Artelform der Kollektivwirtschaften noch nicht verankert ist - ist es nicht klar, dass eine solche „Politik“ nur unseren geschworenen Feinden gelegen kommen und vorteilhaft sein kann?

Einer dieser eifrigen „Vergesellschafter“ geht sogar so weit, dass er im Artel eine Anordnung erlässt, worin er vorschreibt, „innerhalb von drei Tagen in jeder Wirtschaft das gesamte Geflügel zu registrieren“, die Funktion besonderer „Kommandeure“ zur Registrierung und Beaufsichtigung einzuführen, „in den Artels die Kommandohöhen zu besetzen“, den „sozialistischen Kampf zu leiten, ohne den Posten zu verlassen“, und - es versteht sich - das ganze Artel unter die Fuchtel zu nehmen.

Was ist das - eine Politik zur Leitung der Kollektivwirtschaft oder eine Politik zu ihrer Zersetzung und Diskreditierung?

Ich rede schon gar nicht von den, mit Verlaub zu sagen, „Revolutionären“, die die Organisierung des Artels mit dem Herunterholen der Kirchenglocken beginnen. Die Kirchenglocken herunterholen - man denke nur, was für eine revolutionäre Tat!

Wie konnte es in unserer Mitte zu diesen törichten „Vergesellschaftungs“übungen, zu diesen lächerlichen Versuchen kommen, über seinen eigenen Schatten zu springen, zu Versuchen, die das Ziel haben, die Klassen und den Klassenkampf zu umgehen, in Wirklichkeit aber Wasser auf die Mühle unserer Klassenfeinde leiten?

Dazu konnte es nur in der Atmosphäre unserer „leichten“ und „unerwarteten“ Erfolge an der Front des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus kommen.

Dazu konnte es nur kommen durch die törichten Stimmungen in den Reihen eines Teils der Partei: „Wir können alles!“, „Für uns ist alles ein Kinderspiel!“

Dazu konnte es nur durch die Tatsache kommen, dass einige unserer Genossen vor Erfolgen von Schwindel befallen wurden und für einen Augenblick die Klarheit des Verstandes und die Nüchternheit des Blicks verloren haben.

Um die Linie unserer Arbeit auf dem Gebiet des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus zu korrigieren, muss diesen Stimmungen ein Ende gemacht werden.

Darin besteht gegenwärtig eine der nächsten Aufgaben der Partei.

Die Kunst der Führung ist eine ernste Sache. Man darf nicht hinter der Bewegung zurückbleiben, denn zurückbleiben heißt sich von den Massen loslösen. Man darf aber auch nicht vorauseilen, denn vorauseilen heißt die Massen verlieren und sich isolieren. Wer die Bewegung führen und zu gleicher Zeit die Verbindung mit den Millionenmassen bewahren will, der muss den Kampf an zwei Fronten führen - sowohl gegen die Zurückbleibenden als auch gegen die Vorauseilenden.

Unsere Partei ist deshalb stark und unbesiegbar, weil sie es als Führerin der Bewegung versteht, ihre Verbindungen mit den Millionenmassen der Arbeiter und Bauern zu wahren und zu mehren.

„Prawda“ Nr. 60,
2. März 1930.
Unterschrift: J. Stalin.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis