"Stalin"

Werke

Band 12

POLITISCHER RECHENSCHAFTSBERICHT
DES ZENTRALKOMITEES
AN DEN XVI. PARTEITAG DER KPdSU(B)

III
DIE PARTEI

Ich komme nun zur Frage der Partei.

Vorhin sprach ich von den Vorzügen des sowjetischen Wirtschaftssystems gegenüber dem kapitalistischen System. Ich sprach von den kolossalen Möglichkeiten, die unsere Gesellschaftsordnung uns im Kampf für den vollen Sieg des Sozialismus bietet. Ich sprach davon, dass wir ohne diese Möglichkeiten, ohne die Ausnutzung dieser Möglichkeiten, nicht die Erfolge hätten erzielen können, die wir in der verflossenen Periode erkämpft haben.

Nun ist die Frage die: Hat die Partei es verstanden, die uns durch die Sowjetordnung gegebenen Möglichkeiten richtig auszunutzen; hat sie diese Möglichkeiten nicht brachliegen lassen und dadurch die Arbeiterklasse gehindert, ihre ganze revolutionäre Stärke restlos zu entfalten; hat sie es verstanden, aus diesen Möglichkeiten alles herauszuholen, was man herausholen konnte, um den sozialistischen Aufbau an der ganzen Front zur Entfaltung zu bringen?

Die Sowjetordnung gewährt kolossale Möglichkeiten für den vollen Sieg des Sozialismus. Möglichkeit ist aber noch nicht Wirklichkeit. Um eine Möglichkeit zur Wirklichkeit zu machen, braucht man eine ganze Reihe von Voraussetzungen, unter denen die Parteilinie und die richtige Durchführung dieser Linie bei weitem nicht die letzte Rolle spielen.

Einige Beispiele.

Die Rechtsopportunisten behaupten, die NÖP sichere uns den Sieg des Sozialismus - folglich brauche man sich keine Sorgen zu machen wegen des Industrialisierungstempos, wegen der Entwicklung der Sowjet- und Kollektivwirtschaften usw., da der Sieg sowieso gesichert sei, da er sozusagen im Selbstlauf kommen müsse. Das ist selbstverständlich falsch und dumm. So reden heißt die Rolle der Partei im Aufbau des Sozialismus verneinen, heißt die Verantwortung der Partei für diesen Aufbau verneinen. Lenin sagte keineswegs, dass die NÖP uns den Sieg des Sozialismus garantiere. Lenin sprach lediglich davon, dass „die NÖP uns ökonomisch und politisch vollauf die Möglichkeit sichert, das Fundament der sozialistischen Ökonomik zu errichten“[53]. Möglichkeit ist aber noch nicht Wirklichkeit. Um eine Möglichkeit zur Wirklichkeit zu machen, muss man vor allem die opportunistische Theorie des Selbstlaufs verwerfen, muss man die Volkswirtschaft umbauen (rekonstruieren) und eine entschlossene Offensive gegen die kapitalistischen Elemente in Stadt und Land führen.

Die Rechtsopportunisten behaupten ferner, es gebe in unserer Gesellschaftsordnung keine Grundlagen für eine Spaltung zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft, folglich brauche man sich keine Sorgen zu machen um die Festlegung einer richtigen Politik gegenüber den sozialen Gruppen im Dorf, da der Kulak sowieso in den Sozialismus hineinwachsen werde und das Bündnis der Arbeiter und Bauern sozusagen im Selbstlauf gesichert werden würde. Das ist ebenfalls falsch und dumm. So können nur Leute reden, die nicht begreifen, dass die Politik der Partei und dazu der an der Macht stehenden Partei hier das Hauptmoment bildet, das für das Schicksal des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern entscheidend ist. Lenin betrachtete die Gefahr einer Spaltung zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft keineswegs als ausgeschlossen. Lenin sagte, dass „unsere soziale Ordnung nicht notwendigerweise Grundlagen für eine solche Spaltung enthält“, aber „wenn ernste klassenmäßige Meinungsverschiedenheiten zwischen diesen Klassen entstehen, dann wird die Spaltung unvermeidlich sein“.

In Verbindung damit war Lenin folgender Meinung:

„Die Hauptaufgabe unseres ZK und unserer ZKK sowie unserer Partei in ihrer Gesamtheit besteht darin, die Umstände aufmerksam zu verfolgen, aus denen sich eine Spaltung ergeben könnte, und ihnen vorzubeugen, denn in letzter Instanz wird das Schicksal unserer Republik davon abhängen, ob die Bauernmasse der Arbeiterklasse folgen, also dem Bündnis mit ihr die Treue wahren wird oder ob sie es den ‚NÖPmännern’, das heißt der neuen Bourgeoisie, gestatten wird, ihre Einheit mit den Arbeitern zunichte zu machen, sie von ihnen abzuspalten.“[54]

Folglich ist eine Spaltung zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft nicht ausgeschlossen, sie muss aber durchaus nicht unbedingt eintreten, da in unserer Ordnung die Möglichkeit enthalten ist, dieser Spaltung vorzubeugen und das Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft zu festigen. Was braucht man nun, um diese Möglichkeit zur Wirklichkeit zu machen? Um die Möglichkeit, einer Spaltung vorzubeugen, Wirklichkeit werden zu lassen, muss man vor allem die opportunistische Theorie des Selbstlaufs begraben, muss man die Wurzeln des Kapitalismus ausroden, indem man Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften organisiert, muss man von der Politik der Einschränkung der Ausbeutertendenzen des Kulakentums übergehen zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse.

Es ergibt sich also, dass man streng unterscheiden muss zwischen den Möglichkeiten, die in unserer Gesellschaftsordnung enthalten sind, und der Ausnutzung dieser Möglichkeiten, der Verwandlung dieser Möglichkeiten in Wirklichkeit.

Es ergibt sich, dass durchaus Fälle denkbar sind, wo Möglichkeiten für den Sieg vorhanden sind, die Partei aber diese Möglichkeiten nicht sieht oder es nicht versteht, sie richtig auszunutzen, so dass an Stelle eines Sieges eine Niederlage eintreten kann.

Also wieder die gleiche Frage: Hat die Partei es verstanden, die Möglichkeiten und Vorzüge, die uns die Sowjetordnung bietet, richtig auszunutzen? Hat sie alles getan, um diese Möglichkeiten zur Wirklichkeit werden zu lassen und so unserem Aufbau ein Maximum an Erfolgen zu sichern?

Mit anderen Worten: Haben die Partei und ihr ZK den Aufbau des Sozialismus in der verflossenen Periode richtig geleitet?

Was ist erforderlich, damit die Partei unter unseren gegenwärtigen Verhältnissen richtig leite?

Damit die Partei richtig leite, ist es, abgesehen von allem anderen, notwendig, dass die Linie der Partei richtig sei, dass die Massen die Richtigkeit der Parteilinie erkennen und sie aktiv unterstützen, dass die Partei sich nicht auf die Ausarbeitung ihrer Generallinie beschränke, sondern auch ihre Durchführung Tag für Tag leite, dass die Partei einen entschlossenen Kampf führe gegen die Abweichungen von der Generallinie und das versöhnlerische Verhalten gegenüber diesen Abweichungen, dass die Partei im Kampf gegen die Abweichungen die Einheit ihrer Reihen und eine eiserne Disziplin schmiede.

Was haben die Partei und ihr ZK getan, um diese Voraussetzungen zu schaffen?

1. Fragen der Leitung des sozialistischen Aufbaus

a) Die entscheidende Zielsetzung der Partei im gegenwärtigen Augenblick ist der Übergang von der Offensive des Sozialismus an einzelnen Abschnitten der Wirtschaftsfront zur Offensive an der ganzen Front, sowohl in der Industrie als auch in der Landwirtschaft.

Der XIV. Parteitag war vornehmlich der Parteitag der Industrialisierung.

Der XV. Parteitag war vornehmlich der Parteitag der Kollektivierung. Das war die Vorbereitung zur allgemeinen Offensive.

Zum Unterschied von den durchschrittenen Etappen ist die Periode vor dem XVI. Parteitag eine Periode der allgemeinen Offensive des Sozialismus an der ganzen Front, eine Periode des verstärkten sozialistischen Aufbaus sowohl in der Industrie als auch in der Landwirtschaft.

Der XVI. Parteitag ist der Parteitag der voll entfalteten Offensive des Sozialismus an der ganzen Front, der Liquidierung des Kulakentums als Klasse und der Verwirklichung der durchgängigen Kollektivierung.

Das ist, kurz gesagt, das Wesen der Generallinie unserer Partei.

Ist diese Linie richtig?

Ja, sie ist richtig. Die Tatsachen beweisen, dass die Generallinie unserer Partei die einzig richtige Linie ist. (Beifall.)

Davon zeugen die Erfolge und Errungenschaften, die wir an der Front des sozialistischen Aufbaus erzielt haben. Niemals kam es vor noch kann es überhaupt vorkommen, dass ein entscheidender Sieg, wie ihn die Partei in der verflossenen Periode an der Front des sozialistischen Aufbaus in Stadt und Land errungen hat, das Resultat einer unrichtigen Politik ist. Nur eine richtige Generallinie konnte uns einen solchen Sieg bringen.

Davon zeugt jenes wütende Gebelfer gegen die Politik unserer Partei, das in der letzten Zeit unsere Klassenfeinde erhoben haben, die Kapitalisten und ihre Presse, der Papst und die verschiedensten Bischöfe, die Sozialdemokraten und die „russischen“ Menschewiki vom Schlage eines Abramowitsch und Dan. Die Kapitalisten und ihre Lakaien schmähen unsere Partei - folglich ist die Generallinie unserer Partei richtig. (Beifall.)

Davon zeugt das jetzt allen bekannte Schicksal des Trotzkismus. Die Herrschaften aus dem Lager der Trotzkisten schwatzten von einer „Entartung“ der Sowjetmacht, von einem „Thermidor“, von einem „unausbleiblichen Sieg“ des Trotzkismus usw. Was aber ist tatsächlich eingetreten? Eingetreten ist der Zerfall, das Ende des Trotzkismus. Ein Teil der Trotzkisten hat bekanntlich mit dem Trotzkismus gebrochen, hat in zahlreichen Erklärungen seiner Vertreter bekannt, dass die Partei im Recht ist, und hat den konterrevolutionären Charakter des Trotzkismus bescheinigt. Der andere Teil der Trotzkisten ist tatsächlich zu typischen kleinbürgerlichen Konterrevolutionären entartet und hat sich praktisch in ein Büro verwandelt, das der kapitalistischen Presse Spitzelinformationen über die KPdSU(B) liefert. Die Sowjetmacht dagegen, die „entarten“ sollte (oder „bereits entartet ist“), erfreut sich nach wie vor bester Gesundheit, arbeitet nach wie vor am Aufbau des Sozialismus und bricht mit Erfolg den kapitalistischen Elementen unseres Landes sowie ihren kleinbürgerlichen Nachbetern das Rückgrat.

Davon zeugt das jetzt allgemein bekannte Schicksal der rechten Abweichler. Sie zeterten und schwatzten von „Verderblichkeit“ der Parteilinie, von einer „wahrscheinlichen Katastrophe“ in der UdSSR, von der Notwendigkeit, das Land vor der Partei und ihrer Führung zu „retten usw. Was aber ist tatsächlich eingetreten? Tatsächlich hat die Partei an allen Fronten des sozialistischen Aufbaus größte Erfolge erzielt, während die Gruppe der rechten Abweichler, die das Land „retten“ wollte, dann aber die Fehlerhaftigkeit ihrer Auffassungen zugab, jetzt auf der Sandbank sitzt.

Davon zeugen die wachsende revolutionäre Aktivität der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, die aktive Unterstützung der Politik der Partei durch die Millionenmassen der Werktätigen und schließlich jener beispiellose Arbeitsenthusiasmus der Arbeiter und der Kollektivbauern, dessen gewaltiges Ausmaß Feind und Freund unseres Landes in Erstaunen setzt. Ich rede schon gar nicht von solchen Merkmalen des wachsenden Vertrauens zur Partei, wie die an die Partei gerichteten Aufnahmeanträge der Belegschaften ganzer Abteilungen und Betriebe, die Zunahme der Mitgliederzahl der Partei in der Zeit zwischen dem XV. und dem XVI. Parteitag um mehr als 600000, die Aufnahme von 200000 neuen Mitgliedern in die Partei allein im ersten Quartal dieses Jahres. Wovon spricht das alles, wenn nicht davon, dass die Millionenmassen der Werktätigen die Richtigkeit der Politik unserer Partei anerkennen und bereit sind, sie zu unterstützen?

Man wird einräumen müssen, dass diese Tatsachen nicht bestehen würden, wenn die Generallinie unserer Partei nicht die einzig richtige Linie wäre.

b) Aber die Partei kann sich nicht auf die Ausarbeitung ihrer Generallinie beschränken. Sie muss außerdem tagtäglich die Durchführung der Generallinie in der Praxis überprüfen. Sie muss die Durchführung der Generallinie leiten, indem sie die beschlossenen Pläne des wirtschaftlichen Aufbaus im Prozess der Arbeit verbessert und vervollkommnet, Fehler korrigiert und verhütet.

Wie erfüllte das ZK unserer Partei diese Aufgabe?

Die Arbeit des ZK auf diesem Gebiet bewegte sich hauptsächlich auf der Linie der Korrektur und Präzisierung des Fünfjahrplans im Sinne einer Steigerung des Tempos und der Verkürzung der Fristen, auf der Linie einer Kontrolle über die Durchführung der gestellten Aufgaben durch die Wirtschaftsstellen.

Hier sind einige grundlegende Beschlüsse des ZK, die den Fünfjahrplan im Geiste einer Steigerung des Aufbautempos und der Verkürzung der Durchführungsfristen korrigieren.

Eisenhüttenwesen: Der Fünfjahrplan sieht vor, dass die Roheisenerzeugung im letzten Jahr des Planjahrfünfts bis auf 10 Millionen Tonnen erhöht werden soll; im Beschluss des ZK wird diese Norm als ungenügend angesehen und bestimmt, dass die Roheisenerzeugung im letzten Jahr des Planjahrfünfts auf 17 Millionen Tonnen erhöht werden soll.

Traktorenbau: Der Fünfjahrplan sieht vor, dass die Erzeugung von Traktoren im letzten Jahr des Planjahrfünfts auf 55000 gebracht werden soll; im Beschluss des ZK wird dieses Soll als ungenügend angesehen und bestimmt, dass die Zahl der hergestellten Traktoren im letzten Jahr des Planjahrfünfts 170000 erreichen muss.

Dasselbe gilt vom Automobilbau, wo beschlossen worden ist, die für das letzte Jahr des Planjahrfünfts vorgesehene Herstellung von 100000 Automobilen (Last- und Personenwagen) auf 200000 Automobile zu steigern.

Dasselbe ist in der Nichteisenmetallurgie zu verzeichnen, wo die Voranschläge des Fünfjahrplans um mehr als 100 Prozent erhöht worden sind, sowie im Landmaschinenbau, wo die Voranschläge des Fünfjahrplans ebenfalls uni mehr als 100 Prozent erhöht worden sind.

Ich rede gar nicht erst von den Mähdreschern, deren Bau im Fünfjahrplan überhaupt nicht vorgesehen war und deren Erzeugung im letzten. Jahr des Planjahrfünfts auf mindestens 40000 Stück gebracht werden muss.

Aufbau der Sowjetwirtschaften: Der Fünfjahrplan sieht eine Erweiterung der Anbaufläche bis Ende des Planjahrfünfts auf 5 Millionen Hektar vor; im Beschluss des ZK wird diese Norm als ungenügend bezeichnet und bestimmt, dass die Anbaufläche der Sowjetwirtschaften bis Ende des Planjahrfünfts auf 18 Millionen Hektar erhöht werden muss.

Aufbau der Kollektivwirtschaften: Der Fünfjahrplan sieht eine Erweiterung der Anbaufläche bis Ende des Planjahrfünfts auf 20 Millionen Hektar vor; im Beschluss des ZK wird diese Norm als ausgesprochen ungenügend bezeichnet (sie ist bereits in diesem Jahr übererfüllt worden) und bestimmt, dass bis Ende des Planjahrfünfts die Kollektivierung der UdSSR im wesentlichen abgeschlossen werden soll und die Anbaufläche der Kollektivwirtschaften zu diesem Zeitpunkt neun Zehntel der gesamten Anbaufläche der UdSSR umfassen muss, die gegenwärtig von Einzelbauern bestellt wird. (Beifall.)

Und so weiter und dergleichen mehr.

Dieser Gesamtüberblick zeigt, wie das ZK die Durchführung der Generallinie der Partei, die Planung des sozialistischen Aufbaus leitete.

Man könnte einwenden, durch eine so gründliche Änderung der Voranschläge des Fünfjahrplans durchbreche das ZK das Prinzip der Planung und setze die Autorität der Planorgane herab. Aber so können nur hoffnungslose Bürokraten reden. Für uns Bolschewiki ist der Fünfjahrplan nicht etwas Abgeschlossenes und ein für allemal Gegebenes. Für uns ist der Fünfjahrplan wie jeder andere Plan nur ein Plan, der als erste Nährung angenommen ist, der auf Grund der an Ort und Stelle gemachten Erfahrungen, auf Grund der bei der Durchführung des Plans gemachten Erfahrungen präzisiert, geändert und vervollkommnet werden muss. Kein Fünfjahrplan kann all die Möglichkeiten berücksichtigen, die im Schofle unserer Gesellschaftsordnung schlummern und erst im Prozess der Arbeit, im Prozess der Durchführung des Plans in der Fabrik, in der Kollektivwirtschaft, in der Sowjetwirtschaft, im Rayon usw. zum Vorschein kommen. Nur Bürokraten können glauben, die Planungsarbeit sei mit der Aufstellung des Plans beendet. Die Aufstellung des Plans ist nur der Anfang der Planung. Die richtige planmäßige Führung entwickelt sich erst nach Aufstellung des Plans, nach Überprüfung an Ort und Stelle, im Prozess der Realisierung, der Korrektur und der Präzisierung des Plans.

Das ist der Grund, warum das ZK und die ZKK es für notwendig hielten, gemeinsam mit den Planorganen der Republik den Fünfjahrplan auf Grund der gemachten Erfahrungen im Geiste einer Steigerung des Aufbautempos und der Verkürzung der Ausführungsfristen zu berichtigen und zu verbessern.

Auf dem VIII. Sowjetkongress, bei Beratung des Zehnjahrplans der GOELRO[55], sagte Lenin über das Prinzip der Planung und der planmäßigen Leitung folgendes:

„Unser Parteiprogramm kann nicht nur das Programm der Partei bleiben. Es muss zu einem Programm unseres wirtschaftlichen Aufbaus werden, sonst ist es auch als Programm der Partei untauglich. Es muss ergänzt werden durch ein zweites Programm der Partei, durch einen Arbeitsplan, der dazu führt, dass die gesamte Volkswirtschaft wiederaufgebaut und auf das Niveau der modernen Technik gehoben wird... Wir müssen dazu gelangen, einen bestimmten Plan zu beschließen; natürlich wird das ein Plan sein, der nur als erste Näherung angenommen wird. Dieses Parteiprogramm wird nicht so unveränderlich sein wie unser eigentliches Programm, das nur auf den Parteitagen geändert werden kann. Nein, dieses Programm wird jeden Tag, in jeder Werkstatt, in jedem Amtsbezirk verbessert, weiter ausgearbeitet, vervollkommnet und abgeändert werden... Im Verfolg der wissenschaftlichen und der praktischen Erfahrungen müssen wir allerorts unablässig danach streben, dass der Plan rascher als festgesetzt erfüllt wird, damit die Massen sehen, dass die lange Periode, die uns vom vollständigen Wiederaufbau der Industrie trennt, durch die Erfahrungen verkürzt werden kann. Das hängt von uns ab. Lasst uns in jeder Werkstatt, in jedem Depot, auf jedem Gebiet die Wirtschaft verbessern, dann werden wir die Frist verkürzen. Und wir verkürzen sie bereits.“ (4. Ausgabe, Bd. 31, S. 482, 483, 479, russ.)

Wie Sie sehen, ging das ZK den von Lenin gewiesenen Weg, als es den Fünfjahrplan änderte und verbesserte, die Ausführungsfristen verkürzte und das Aufbautempo steigerte.

Auf welche Möglichkeiten stützte sich das ZK bei der Steigerung des Aufbautempos und der Verkürzung der Fristen für die Durchführung des Fünfjahrplans? Auf die Reserven, die im Schoße unserer Gesellschaftsordnung schlummern und erst im Prozess der Arbeit zum Vorschein kommen, auf die Möglichkeiten, die uns die Rekonstruktionsperiode bietet. Das ZK ist der Auffassung, dass der Umbau der technischen Basis von Industrie und Landwirtschaft bei sozialistischer Organisation der Produktion Möglichkeiten einer Tempobeschleunigung erschließt, von denen kein kapitalistisches Land auch nur träumen kann.

Nur durch diese Umstände lässt sich die Tatsache erklären, dass unsere sozialistische Industrie in den letzten drei Jahren ihre Produktion mehr als verdoppelt hat, während diese Industrie 1930/31 gegenüber dem laufenden Jahr um 47 Prozent wachsen muss, wobei der Umfang allein dieses Zuwachses dem Produktionsumfang der gesamten Großindustrie der Vorkriegszeit gleichkommen wird.

Nur durch diese Umstände lässt sich die Tatsache erklären, dass im Aufbau der Sowjetwirtschaften der Fünfjahrplan in drei Jahren übererfüllt wird, während im Aufbau der Kollektivwirtschaften der Fünfjahr-plan bereits in zwei Jahren übererfüllt worden ist.

Es besteht eine Theorie, nach der ein hohes Entwicklungstempo nur in der Wiederherstellungsperiode zulässig wäre, während das Aufbautempo mit dem Anbruch der Rekonstruktionsperiode von Jahr zu Jahr krass sinken müsste. Diese Theorie nennt sich die Theorie der „erlöschenden Kurve“. Es ist eine Theorie zur Rechtfertigung unserer Rückständigkeit. Sie hat mit Marxismus, mit Lenin ismus nichts gemein. Sie ist eine bürgerliche Theorie und zielt darauf ab, die Rückständigkeit unseres Landes zu verewigen. Von den Leuten, die Beziehungen zu unserer Partei hatten oder haben, vertreten und propagieren diese Theorie nur die Trotzkisten und die rechten Abweichler.

Die Trotzkisten werden von einigen für Ultraindustrialisierer gehalten. Diese Auffassung ist aber nur teilweise richtig. Sie ist nur soweit richtig, als es sich um das Ende der Wiederherstellungsperiode handelt, wo die Trotzkisten tatsächlich Phantasien von Ultraindustrialisierung entwickelten. Was die Rekonstruktionsperiode betrifft, so sind die Trotzkisten vorn Gesichtspunkt des Tempos extremste Minimalisten und jämmerlichste Kapitulanten. (Heiterkeit, Beifall.)

In ihren Plattformen und Deklarationen machten die Trotzkisten keine Zahlenangaben über das Tempo, sondern beschränkten sich auf ein allgemeines Geschwätz über das Tempo. Es existiert aber ein Dokument, worin die Trotzkisten ihre Auffassung vom Entwicklungstempo der staatlichen Industrie in Zahlen niedergelegt haben. Ich meine die auf den Prinzipien des Trotzkismus aufgebaute Denkschrift der „Besonderen Beratung über die Wiederherstellung des fixen Kapitals“ in der staatlichen Industrie. Es ist interessant, dieses Dokument aus dem Jahre 1925/26 kurz durchzunehmen. Es ist von Interesse, weil in ihm das trotzkistische Schema von der erlöschenden Kurve seine volle Widerspiegelung gefunden hat.

Nach diesem Dokument sollten in der staatlichen Industrie investiert werden: 1926/27 - 1543 Millionen Rubel, 1927/28 - 1490 Millionen Rubel, 1928/29 - 1320 Millionen Rubel, 1929/30 - 1060 Millionen Rubel (in Preisen von 1926/27).

Das ist das Bild der erlöschenden trotzkistischen Kurve.

Wie viel aber haben wir tatsächlich investiert? Tatsächlich haben wir in der staatlichen Industrie investiert: 1926/27 - 1065 Millionen Rubel, 1927/28 - 1304 Millionen Rubel, 1928/29 - 1819 Millionen Rubel und 1929/30 - 4775 Millionen Rubel (in Preisen von 1926/27).

Das ist das Bild der aufsteigenden bolschewistischen Kurve.

Nach diesem Dokument sollte die Produktion der staatlichen Industrie steigen: 1926/27 um 31,6 Prozent, 1927/28 um 22,9 Prozent, 1928/29 um 15,5 Prozent und 1929/30 um 15 Prozent.

Das ist das Bild der erlöschenden trotzkistischen Kurve.

Was aber haben wir tatsächlich erreicht? Tatsächlich stieg die Produktion der staatlichen Industrie: 1926/27 um 19,7 Prozent, 1927/28 um 26,3 Prozent, 1928/29 um 24,3 Prozent, 1929/30 um 32 Prozent, und 1930/31 wird sie um 47 Prozent steigen.

Das ist das Bild der aufsteigenden bolschewistischen Kurve.

Bekanntlich hat Trotzki diese Kapitulantentheorie der erlöschenden Kurve in seinem Büchlein „Zum Sozialismus oder zum Kapitalismus?“ speziell verteidigt. Er sagt dort direkt: Da „vor dem Kriege die Erweiterung der Industrie im Wesentlichen im Bau neuer Betriebe bestand“, während „in unserer Zeit die Erweiterung in viel höherem Grade in der Ausnutzung der alten Werke und der vollen Belastung der alten Anlagen besteht“, so „ist es folglich natürlich, dass mit Abschluss des Wiederherstellungsprozesses der Wachstumskoeffizient bedeutend sinken muss“, wobei er vorschlägt, „in den nächsten Jahren den industriellen Wachstumskoeffizienten nicht nur auf das Doppelte, sondern auch auf das Dreifache der 6 Prozent vor dem Kriege und vielleicht noch mehr zu steigern“.

Also dreimal 6 Prozent an jährlichem Zuwachs der Industrie. Wie viel macht das aber aus? Nur 18 Prozent Zuwachs pro Jahr. Demnach halten die Trotzkisten einen Jahreszuwachs der staatlichen Industrieproduktion von 18 Prozent für das Höchstmögliche dessen, was der Planung im Interesse eines beschleunigten Entwicklungstempos in der Periode der Rekonstruktion zugrunde gelegt werden kann und als Ideal angestrebt werden sollte. Man vergleiche diese Knickerweisheit der Trotzkisten mit dem tatsächlichen Zuwachs der Produktion in den letzten drei Jahren (1927/28 - 26,3 Prozent, 1928/29 - 24,3 Prozent, 1929/30 - 32 Prozent), man vergleiche diese Kapitulantenphilosophie der Trotzkisten mit den von der Staatlichen Plankommission für 1930/31 veranschlagten Kontrollzahlen: 47 Prozent Zuwachs, also mehr als zur Zeit der raschesten Produktionszunahme in der Wiederherstellungsperiode - und man wird den ganzen reaktionären Charakter der trotzkistischen Theorie von der „erlöschenden Kurve“, die ganze Tiefe des Unglaubens der Trotzkisten an die Möglichkeiten der Rekonstruktionsperiode ermessen können.

Hier liegt die Ursache dafür, dass die Trotzkisten jetzt lamentieren über die „Maßlosigkeit“ des bolschewistischen Tempos in der Entwicklung der Industrie und des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus.

Hier liegt die Ursache dafür, dass man die Trotzkisten heute nicht mehr von unseren rechten Abweichlern unterscheiden kann.

Selbstverständlich hätten wir ohne Zertrümmerung der trotzkistischrechtsabweichlerischen Theorie der „erlöschenden Kurve“ weder eine tatsächliche Planung noch eine Steigerung des Tempos und eine Verkürzung der Baufristen erreichen können. Um die Verwirklichung der Generallinie der Partei zu leiten, um den Fünfjahrplan des Aufbaus zu berichtigen und zu verbessern, um das Tempo zu erhöhen und Fehler im Aufbau zu verhüten, musste man vor allem die reaktionäre Theorie der „erlöschenden Kurve“ zerschlagen und liquidieren.

Wie schon früher gesagt, hat das ZK dementsprechend gehandelt.

2. Fragen der Leitung in innerparteilichen Angelegenheiten

Man könnte meinen, dass die Leitung des sozialistischen Aufbaus, die Durchführung der Generallinie der Partei bei uns in der Partei ruhig und reibungslos, ohne Kampf und Willensanstrengung verlaufen sei. Das stimmt aber nicht, Genossen. In Wirklichkeit musste diese Arbeit im Kampf gegen innerparteiliche Schwierigkeiten, im Kampf gegen alle möglichen Abweichungen vom Lenin ismus sowohl auf allgemein politischem Gebiet als auch auf dem Gebiet der nationalen Frage geleistet werden. Unsere Partei lebt und wirkt nicht im luftleeren Raum. Sie lebt und wirkt mitten im tiefsten Getriebe des Lebens und ist dem Einfluss ihres Milieus ausgesetzt. Das Milieu aber besteht bei uns bekanntlich aus verschiedenen Klassen und sozialen Gruppen. Wir haben eine entfaltete Offensive gegen die kapitalistischen Elemente eingeleitet, wir haben unsere sozialistische Industrie weit vorangebracht, wir haben den Aufbau von Sowjet- und Kollektivwirtschaften zur Entfaltung gebracht. Aber von solchen Erscheinungen können die Ausbeuterklassen nicht unberührt bleiben. Diese Erscheinungen sind in der Regel begleitet vom Ruin der ablebenden Klassen, vom Ruin des Kulakentums im Dorf, von einer Einengung des Betätigungsfeldes der städtischen kleinbürgerlichen Schichten. Selbstverständlich muss all dies den Kampf der Klassen, den Widerstand der ablebenden Klassen gegen die Politik der Sowjetmacht unweigerlich verschärfen. Es wäre lächerlich, glauben zu wollen, dass der Widerstand dieser Klassen sich nicht so oder anders in den Reihen unserer Partei widerspiegeln wird. Und er findet tatsächlich seine Widerspiegelung in der Partei. Eine Widerspiegelung des Widerstands der ablebenden Klassen sind eben alle und jedwede Abweichungen von der Lenin schen Linie, die in den Reihen unserer Partei zu verzeichnen sind.

Kann man einen erfolgreichen Kampf gegen die Klassenfeinde führen, ohne gleichzeitig gegen die Abweichungen in unserer Partei zu kämpfen, ohne diese Abweichungen zu überwinden? Nein, das geht nicht. Das geht nicht, weil es unmöglich ist, einen wirklichen Kampf gegen die Klassenfeinde zu entfalten, wenn man im Rücken ihre Agenten hat, wenn man Leute im Rücken belässt, die nicht an unsere Sache glauben und in jeder Weise bestrebt sind, unseren Vormarsch zu hemmen.

Daher der unversöhnliche Kampf gegen die Abweichungen von der Lenin schen Linie als nächste Aufgabe der Partei.

Warum ist jetzt die rechte Abweichung die Hauptgefahr in der Partei? Weil diese Abweichung die Kulakengefahr widerspiegelt, die Kulakengefahr aber im gegenwärtigen Moment, im Augenblick der entfalteten Offensive und der Ausrodung der Wurzeln des Kapitalismus, die größte Gefahr im Lande ist.

Was musste das ZK tun, um die rechte Abweichung zu überwinden, der „linken“ Abweichung den Rest zu geben und den Weg frei zu machen für den maximalen Zusammenschluss der Partei um die Lenin sche Linie?

a) Es galt vor allem aufzuräumen mit den Überresten des Trotzkismus in der Partei, mit den Überbleibseln der trotzkistischen Theorie. Die trotzkistische Gruppe als Opposition haben wir schon lange zerschlagen und hinausgeworfen. Jetzt stellt die trotzkistische Gruppe eine antiproletarische und sowjetfeindliche, konterrevolutionäre Gruppe dar, die der Bourgeoisie in Angelegenheiten unserer Partei geflissentlich als Spitzelagentur dient. Aber die Überreste der trotzkistischen Theorie, die Überbleibsel des Trotzkismus sind aus der Partei noch nicht ganz verschwunden. Also galt es vor allem mit diesen Überresten aufzuräumen.

Worin besteht das Wesen des Trotzkismus?

Das Wesen des Trotzkismus besteht vor allem darin, dass er die Möglichkeit leugnet, den Sozialismus in der UdSSR mit den Kräften der Arbeiterklasse und der Bauernschaft unseres Landes zu errichten. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass wir, wenn uns nicht in nächster Zeit die siegreiche Weltrevolution zu Hilfe kommt, vor der Bourgeoisie kapitulieren und den Weg frei machen müssten für eine bürgerlich-demokratische Republik. Wir haben hier also eine bürgerliche Leugnung der Möglichkeit, den Sozialismus in unserem Lande zu errichten, getarnt durch eine „revolutionäre“ Phrase vom Sieg der Weltrevolution.

Ist es bei solchen Auffassungen möglich, die Millionenmassen der Arbeiterklasse zum Arbeitsenthusiasmus, zum sozialistischen Wettbewerb, zu einer Massenbewegung der Stoßarbeiter, zur entfalteten Offensive gegen die kapitalistischen Elemente zu begeistern? Natürlich ist das nicht möglich. Es wäre dumm, annehmen zu wollen, dass sich unsere Arbeiterklasse, die drei Revolutionen gemacht hat, für den Arbeitsenthusiasmus und die Massenbewegung der Stoßarbeiter gewinnen lassen würde, um den Boden für den Kapitalismus zu düngen. Unsere Arbeiterklasse will mit ihrem Arbeitsenthusiasmus nicht dem Kapitalismus dienen, sondern den Kapitalismus endgültig begraben und den Sozialismus in der UdSSR errichten. Man nehme ihr die feste Überzeugung, dass es möglich ist, den Sozialismus zu errichten, und man vernichtet damit jeden Boden für den Wettbewerb, für den Arbeitsenthusiasmus, für die Stoßarbeiterbewegung.

Daher die Schlussfolgerung: Um die Arbeiterklasse zum Arbeitsenthusiasmus und zum Wettbewerb begeistern und die entfaltete Offensive organisieren zu können, musste man vor allem die bürgerliche Theorie des Trotzkismus begraben, nach der es unmöglich ist, den Sozialismus in unserem Lande zu errichten.

Das Wesen des Trotzkismus besteht zweitens darin, dass er die Möglichkeit leugnet, die Hauptmassen der Bauernschaft für den sozialistischen Aufbau im Dorf zu gewinnen. Was bedeutet dies? Es bedeutet, dass er behauptet, die Arbeiterklasse sei nicht imstande, die Bauernschaft bei der Überleitung der individuellen Bauernwirtschaften auf die kollektiven Geleise mitzureißen, die Bauernschaft werde, wenn der Arbeiterklasse nicht in kürzester Frist der Sieg der Weltrevolution zu Hilfe kommt, die alten bürgerlichen Zustände wiederherstellen. Wir haben hier also eine bürgerliche Leugnung der Kräfte und Möglichkeiten der proletarischen Diktatur, die Bauernschaft zum Sozialismus zu führen, getarnt durch die Maske „revolutionärer“ Phrasen vom Sieg der Weltrevolution.

Ist es bei solchen Auffassungen möglich, die Bauernmassen für die Kollektivwirtschaftsbewegung zu mobilisieren, eine kollektivwirtschaftliche Massenbewegung zu organisieren, die Liquidierung des Kulakentums als Klasse zu organisieren? Natürlich ist das nicht möglich.

Daher die Schlussfolgerung: Um die kollektivwirtschaftliche Massenbewegung der Bauernschaft zu organisieren und das Kulakentum liquidieren zu können, musste man vor allem die bürgerliche Theorie des Trotzkismus begraben, nach der es unmöglich ist, die werktätigen Massen der Bauernschaft in den Sozialismus einzugliedern.

Das Wesen des Trotzkismus besteht schließlich darin, dass er die Notwendigkeit einer eisernen Disziplin in der Partei leugnet, die Freiheit fraktioneller Gruppierungen in der Partei fordert und es für notwendig hält, eine trotzkistische Partei zu bilden. Der Trotzkismus will, dass die KPdSU(B) keine einheitliche und fest zusammengefügte Kampfpartei sei, sondern ein Sammelsurium von Gruppen und Fraktionen mit eigenen Zentralen, mit eigener Disziplin, mit eigener Presse usw. Was aber bedeutet dies? Es bedeutet die Verkündung der Freiheit politischer Fraktionen in der Partei. Es bedeutet, dass der Freiheit politischer Gruppierungen in der Partei die Freiheit politischer Parteien im Lande, das heißt die bürgerliche Demokratie, folgen muss. Demnach haben wir hier eine Anerkennung der Freiheit fraktioneller Gruppierungen in der Partei, einbegriffen die Zulassung politischer Parteien im Lande der Diktatur des Proletariats, getarnt mit der Phrase von „innerparteilicher Demokratie“, von „Verbesserung des Regimes“ in der Partei. Dass die Freiheit fraktionellen Gezänks von Intellektuellengruppen noch keine innerparteiliche Demokratie ist, dass aber die entfaltete Selbstkritik, die von der Partei durchgeführt wird, und die kolossale Aktivität der Parteimassen die Erscheinungsform einer tatsächlichen und wahren innerparteilichen Demokratie sind - das zu verstehen ist dem Trotzkismus nicht gegeben.

Ist es bei solchen Auffassungen von der Partei möglich, die eiserne Disziplin in der Partei, die eiserne Einheit der Partei zu sichern, die für den erfolgreichen Kampf gegen den Klassenfeind notwendig ist? Natürlich ist das nicht möglich.

Daher die Schlussfolgerung: Um die eiserne Einheit der Partei und die proletarische Disziplin in ihr zu sichern, musste man vor allem die Organisationstheorie des Trotzkismus begraben.

Kapitulantentum in der Tat als Inhalt, „linke“ Phrasen und „revolutionär“-abenteuerliche Allüren als eine Form, die den kapitulantenhaften Inhalt verhüllt und für ihn Reklame machen soll - das ist das Wesen des Trotzkismus.

Diese Zwiespältigkeit des Trotzkismus widerspiegelt die zwiespältige Lage des dem Ruin verfallenen städtischen Kleinbürgertums, das das „Regime“ der Diktatur des Proletariats nicht erträgt und sich bemüht, entweder „sofort“ in den Sozialismus hinüber zu springen, um dem Ruin zu entgehen (daher Abenteurertum und Hysterie in der Politik), oder, wenn dies nicht möglich ist, dem Kapitalismus jedwede Konzession zu machen (daher Kapitulantentum in der Politik).

Diese Zwiespältigkeit des Trotzkismus erklärt die Tatsache, dass der Trotzkismus seine „rasenden“ Scheinangriffe gegen die rechten Abweichler in der Regel durch einen Block mit ihnen als den Kapitulanten ohne Maske krönt.

Was aber stellen die „linken“ Überspitzungen dar, die wir in der Partei auf dem Gebiet der kollektivwirtschaftlichen Bewegung hatten? Sie stellen einen gewissen, allerdings unbewussten Versuch dar, die Traditionen des Trotzkismus bei uns in der Praxis wiederaufleben zu lassen, die trotzkistische Einstellung zum Mittelbauern wiederaufleben zu lassen. Sie sind das Resultat jenes Fehlers in der Politik, den Lenin „Überadministrierung“ nennt. Dies bedeutet, dass einige unserer Genossen, berauscht von den Erfolgen der Kollektivwirtschaftsbewegung, das Problem des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus nicht als Baumeister, sondern vornehmlich als Administratoren anzupacken begannen, weswegen sie eine Reihe gröbster Fehler begingen.

Es gibt bei uns in der Partei Leute, die glauben, man hätte die „linken“ Überspitzer nicht zur Ordnung zu rufen brauchen. Sie meinen, man hätte unsere Funktionäre nicht kränken und ihrem Übereifer nicht entgegenwirken dürfen, selbst wenn dieser Übereifer zu Fehlern führte. Das sind Kindereien, Genossen. So können nur Leute reden, die unbedingt mit dem Strom schwimmen wollen. Es sind die gleichen Leute, die nie imstande sein werden, sich die Lenin sche Linie zu Eigen zu machen - gegen den Strom zu schwimmen, wenn die Lage es erfordert, wenn die Interessen der Partei es erfordern. Es sind Nachtrabpolitiker und keine Lenin isten. Der Partei gelang es gerade deswegen, ganze Gruppen unserer Genossen auf den richtigen Weg zu bringen, es gelang ihr gerade deswegen, die Fehler zu korrigieren und Erfolge zu erzielen, weil sie im Interesse der Verwirklichung der Generallinie entschlossen gegen den Strom ankämpfte. Das eben ist Lenin ismus in der Praxis, Lenin ismus in der Führung.

Deswegen glaube ich, dass wir ohne Überwindung der „linken“ Überspitzungen nicht jene Erfolge in der kollektivwirtschaftlichen Bewegung, die wir heute haben, hätten erzielen können.

So verhält es sich mit dem Kampf gegen die Überreste des Trotzkismus und ihre Nachwirkungen in der Praxis.

Etwas anders verhält es sich mit der Frage des Rechtsopportunismus, an dessen Spitze Bucharin, Rykow und Tomski standen oder stehen.

Von den rechten Abweichlern läßt sich nicht sagen, dass sie die Möglichkeit, den Sozialismus in der UdSSR zu errichten, nicht zugeben. Nein, sie geben sie zu, und darin unterscheiden sie sich von den Trotzkisten. Das Malheur der rechten Abweichler ist jedoch, dass sie, obgleich sie die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Lande formal zugeben, die Mittel und Wege des Kampfes, ohne die die Errichtung des Sozialismus unmöglich ist, nicht anerkennen wollen. Sie wollen nicht anerkennen, dass die mit allem Nachdruck betriebene Entwicklung der Industrie der Schlüssel ist zur Umgestaltung der gesamten Volkswirtschaft auf den Grundlagen des Sozialismus. Sie wollen den unversöhnlichen Klassenkampf gegen die kapitalistischen Elemente und die entfaltete Offensive des Sozialismus gegen den Kapitalismus nicht anerkennen. Sie begreifen nicht, dass alle diese Mittel und Wege jenes System von Maßnahmen darstellen, ohne die es unmöglich ist, die Diktatur des Proletariats zu behaupten und den Sozialismus in unserem Lande zu errichten. Sie glauben, man könne den Sozialismus in aller Stille errichten, im Selbstlauf, ohne Klassenkampf, ohne Offensive gegen die kapitalistischen Elemente. Sie glauben, die kapitalistischen Elemente würden entweder selbst unmerklich absterben oder in den Sozialismus hineinwachsen. Da aber solche Wunder in der Geschichte nicht vorkommen, so ergibt sich, dass die rechten Abweichler in der Praxis zu einer Auffassung abgleiten, die die Möglichkeit leugnet, den Sozialismus in unserem Lande zu errichten.

Von den rechten Abweichlern kann man auch nicht sagen, dass sie die Möglichkeit verneinen, die Hauptmassen der Bauernschaft in den Aufbau des Sozialismus im Dorf einzubeziehen. Nein, sie erkennen diese Möglichkeit an, und darin unterscheiden sie sich von den Trotzkisten. Aber bei formaler Anerkennung dieser Möglichkeit lehnen sie gleichzeitig die Mittel und Wege ab, ohne die die Einbeziehung der Bauernschaft in den Aufbau des Sozialismus unmöglich ist. Sie wollen nicht zugeben, dass die Sowjet- und Kollektivwirtschaften das grundlegende Mittel und die „Heerstraße“ zur Einbeziehung der Hauptmassen der Bauernschaft in das sozialistische Aufbauwerk sind. Sie wollen nicht zugeben, dass ohne Durchführung der Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse die Umgestaltung des Dorfes auf den Grundlagen des Sozialismus nicht zu erreichen ist. Sie glauben, man könne das Dorf in aller Stille, im Selbstlauf, ohne Klassenkampf, nur durch die Einkaufs- und Absatzgenossenschaften auf die Geleise des Sozialismus überleiten - sind sie doch überzeugt, der Kulak werde von selbst in den Sozialismus hineinwachsen. Sie glauben, die Hauptsache bestehe jetzt nicht in dem hohen Entwicklungstempo der Industrie und nicht in den Kollektiv- und Sowjetwirtschaften, sondern darin, die Elementarkräfte des Marktes zu „entfesseln“, den Markt „freizugeben“ und den individuellen Wirtschaften, die kapitalistischen Elemente im Dorf nicht ausgenommen, „die Fesseln abzunehmen“. Da aber der Kulak nicht in den Sozialismus hineinwachsen kann und die „Freigabe“ des Marktes die Bewaffnung des Kulakentums und die Entwaffnung der Arbeiterklasse bedeutet, so ergibt sich, dass die rechten Abweichler in der Praxis zu einer Auffassung abgleiten, die die Möglichkeit leugnet, die Hauptmassen der Bauernschaft in den Aufbau des Sozialismus einzubeziehen.

Dies gibt denn auch die Erklärung für die Tatsache, dass die rechten Abweichler ihre Hahnenkämpfe gegen die Trotzkisten gewöhnlich hinter den Kulissen durch Verhandlungen krönen, die sie mit den Trotzkisten über Blockbildung führen.

Das Grundübel des Rechtsopportunismus besteht darin, dass er mit der Lenin schen Auffassung vom Klassenkampf bricht und auf den Standpunkt eines kleinbürgerlichen Liberalismus hinabsinkt.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass ein Sieg der rechten Abweichung in unserer Partei die vollständige Entwaffnung der Arbeiterklasse, die Bewaffnung der kapitalistischen Elemente im Dorf und wachsende Aussichten für eine Restaurierung des Kapitalismus in der UdSSR bedeuten würde.

Die rechten Abweichler vertreten nicht die Bildung einer anderen Partei, und dies ist ein weiteres Merkmal, das sie von den Trotzkisten unterscheidet. Die Führer der rechten Abweichler haben offen ihre Fehler bekannt und vor der Partei kapituliert. Es wäre jedoch töricht, aus diesem Grunde glauben zu wollen, dass die rechte Abweichung bereits begraben sei. Die Kraft des Rechtsopportunismus darf nicht an diesem Umstand gemessen werden. Die Kraft des Rechtsopportunismus besteht in der Stärke des kleinbürgerlichen Elements, in der Stärke des Drucks, den die kapitalistischen Elemente überhaupt und das Kulakentum im Besonderen auf die Partei ausüben. Und gerade weil die rechte Abweichung den Widerstand der entscheidenden Elemente der ablebenden Klassen widerspiegelt, gerade deswegen ist die rechte Abweichung zurzeit die Hauptgefahr in der Partei.

Daher erachtete es die Partei für notwendig, einen entschlossenen und unversöhnlichen Kampf gegen die rechte Abweichung zu führen.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass wir es ohne den entschlossenen Kampf gegen die rechte Abweichung, ohne die Isolierung ihrer führenden Elemente nicht fertig gebracht hätten, die Kräfte der Partei und der Arbeiterklasse zu mobilisieren, die armen Bauern und die Masse der Mittelbauern zu mobilisieren für die entfaltete Offensive des Sozialismus, für die Organisierung von Sowjet- und Kollektivwirtschaften, für den Wiederaufbau unserer Schwerindustrie, für die Liquidierung des Kulakentums als Klasse.

So verhält es sich mit der „linken“ und mit der rechten Abweichung in der Partei.

Die Aufgabe besteht darin, den unversöhnlichen Kampf an zwei Fronten auch in Zukunft fortzusetzen, sowohl gegen die „Linken“, die den kleinbürgerlichen Radikalismus vertreten, als auch gegen die Rechten, die den kleinbürgerlichen Liberalismus vertreten.

Die Aufgabe besteht darin, den unversöhnlichen Kampf gegen jene versöhnlerischen Elemente in der Partei auch in Zukunft fortzusetzen, die die Notwendigkeit des entschlossenen Zweifrontenkampfes nicht begreifen oder so tun, als ob sie diese Notwendigkeit nicht begriffen.

b) Das Bild des Kampfes gegen die Abweichungen in der Partei wäre unvollständig, wenn wir nicht die in der Partei vorhandenen Abweichungen in der nationalen Frage berührten. Ich denke dabei erstens an die Abweichung zum großrussischen Chauvinismus und zweitens an die Abweichung zum lokalen Nationalismus. Diese Abweichungen sind nicht so augenfällig und draufgängerisch wie die „linke“ oder die rechte Abweichung. Man könnte sie schleichende Abweichungen nennen. Dies bedeutet aber noch nicht, dass sie nicht existieren. Nein, sie existieren, und - was die Hauptsache ist - sie nehmen zu. Das kann keinem Zweifel unterliegen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, weil die ganze Atmosphäre zugespitzten Klassenkampfes zu einer bestimmten Verschärfung der nationalen Reibungen führen muss, die ihre Widerspiegelung in der Partei finden. Daher müsste man das Gepräge dieser Abweichungen aufdecken und in helles Licht rücken.

Worin besteht das Wesen der Abweichung zum großrussischen Chauvinismus unter unseren gegenwärtigen Verhältnissen?

Das Wesen der Abweichung zum großrussischen Chauvinismus besteht in dem Bestreben, die nationalen Unterschiede der Sprache, der Kultur, der Lebensweise unberücksichtigt zu lassen; in dem Bestreben, die Liquidierung der nationalen Republiken und Gebiete vorzubereiten; in dem Bestreben, das Prinzip der nationalen Gleichberechtigung zu untergraben und die auf Nationalisierung des Apparats, auf Nationalisierung der Presse, der Schulen und der anderen staatlichen und gesellschaftlichen Organisationen gerichtete Politik der Partei zu diskreditieren.

Die Abweichler dieser Art gehen dabei von der Auffassung aus, da die Nationen sich beim Sieg des Sozialismus in eins verschmelzen und ihre Nationalsprachen in einer einheitlichen Gemeinsprache aufgehen müssen, sei die Zeit gekommen, die nationalen Unterschiede zu beseitigen und auf die Politik zu verzichten, die die Entwicklung der nationalen Kultur der früher geknechteten Völker fördert.

Sie berufen sich dabei auf Lenin , indem sie ihn falsch zitieren, ja mitunter direkt entstellen und verleumden.

Lenin sagte, dass im Sozialismus die Interessen der Nationalitäten zu einem Ganzen verschmelzen werden - folgt daraus nicht, dass es an der Zeit wäre, mit den nationalen Republiken und Gebieten im Interesse ... des Internationalismus Schluss zu machen? Lenin sagte 1913 in der Polemik mit den Anhängern des „Bund“, dass die Losung der nationalen Kultur eine bürgerliche Losung ist - folgt daraus nicht, dass es an der Zeit wäre, mit der nationalen Kultur der Völker der UdSSR im Interesse ... des Internationalismus Schluss zu machen?

Lenin sagte, dass das nationale Joch und die nationalen Schranken unter dem Sozialismus beseitigt werden - folgt daraus nicht, dass es an der Zeit wäre, Schluss zu machen mit der Politik, die die nationalen Besonderheiten der Völker der UdSSR in Rechnung zieht, und überzugehen zur Politik der Assimilierung im Interesse ... des Internationalismus?

Und so weiter und dergleichen mehr.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass diese Abweichung in der nationalen Frage, die noch dazu mit der Maske des Internationalismus und dem Namen Lenin s getarnt wird, die raffinierteste und daher gefährlichste Abart des großrussischen Nationalismus ist.

Erstens hat Lenin nie gesagt, dass die nationalen Unterschiede verschwinden und die Nationalsprachen in einer einheitlichen Sprache aufgehen müssen in den Grenzen eines Staates, vor dem Siege des Sozialismus im Weltmaßstab. Im Gegenteil, Lenin hat das direkte Gegenteil gesagt, und zwar, dass „nationale und staatliche Unterschiede zwischen den Völkern und Ländern... sich noch sehr, sehr lange sogar nach der Verwirklichung der Diktatur des Proletariats im Weltmaßstab erhalten werden“'. (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 72 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 736].)

Wie kann man sich auf Lenin berufen und dabei diesen seinen grundlegenden Hinweis vergessen?

Freilich, einer der früheren Marxisten, heute Renegat und Reformist, Herr Kautsky, behauptet das direkte Gegenteil von dem, was Lenin uns lehrt. Er behauptet entgegen Lenin , dass der Sieg der proletarischen Revolution in einem vereinigten österreichisch-deutschen Staat Mitte des vorigen Jahrhunderts zur Bildung einer gemeinsamen deutschen Sprache und zur Germanisierung der Tschechen geführt hätte, denn „ohne jegliche gewaltsame Germanisation musste einfach die Macht des entfesselten Verkehrs, die Macht der modernen Kultur, welche die Deutschen brachten, die rückständigen tschechischen Kleinbürger, Bauern und Proletarier, denen ihre verkümmerte Nationalität gar nichts zu bieten hatte, zu Deutschen machen“. (Siehe Vorwort zur deutschen Ausgabe von „Revolution und Konterrevolution“.)

Begreiflicherweise harmoniert eine solche „Konzeption“ durchaus mit dem Sozialchauvinismus Kautskys. Diese Auffassungen Kautskys waren es, die ich 1925 in meinem Vortrag an der Universität der Völker des Ostens[56] bekämpft habe. Kann denn aber für uns Marxisten, die wir konsequente Internationalisten bleiben wollen, dieses antimarxistische Geschwätz eines wild gewordenen deutschen Sozialchauvinisten wirklich irgendeine positive Bedeutung haben?

Wer hat Recht, Kautsky oder Lenin ?

Wenn Kautsky recht hat, wie läßt sich dann die Tatsache erklären, dass solche relativ rückständigen Nationalitäten wie die Bjelorussen und Ukrainer, die den Großrussen näher stehen als die Tschechen den Deutschen, durch den Sieg der proletarischen Revolution in der UdSSR nicht russifiziert wurden, sondern, umgekehrt, zu neuem Leben erwachten und sich als selbständige Nationen entwickelten? Wie läßt es sich erklären, dass Nationen wie die Turkmenen, Kirgisen, Usbeken, Tadshiken (gar nicht zu reden von den Georgiern, Armeniern, Aserbaidshanern usw.) im Zusammenhang mit dem Sieg des Sozialismus in der UdSSR trotz ihrer Rückständigkeit nicht nur nicht russifiziert wurden, sondern, umgekehrt, zu neuem Leben erwachten und sich zu selbständigen Nationen entwickelten? Ist es nicht klar, dass unsere verehrten Abweichler auf der Jagd nach einem Paradeinternationalismus in die Fänge des Kautskyschen Sozialchauvinismus geraten sind? Ist es nicht klar, dass sie, wenn sie sich für eine gemeinsame Sprache auf dem Territorium eines Staates, der UdSSR, einsetzen, im Grunde genommen die Wiederherstellung der Privilegien der früher herrschenden Sprache, nämlich der großrussischen, anstreben?

Wo bleibt da der Internationalismus?

Zweitens hat Lenin nie gesagt, dass die Beseitigung des nationalen Jochs und die Verschmelzung der Interessen der Nationalitäten zu einem einheitlichen Ganzen der Beseitigung der nationalen Unterschiede gleichkommen. Wir haben das nationale Joch beseitigt. Wir haben die nationalen Privilegien beseitigt und die nationale Gleichberechtigung eingeführt. Wir haben die staatlichen Grenzen im alten Sinne des Wortes, die Grenzpfähle und Zollschranken zwischen den Nationalitäten der UdSSR beseitigt. Wir haben die Einheit der ökonomischen und politischen Interessen der Völker der UdSSR herbeigeführt. Bedeutet dies aber, dass wir damit die nationalen Unterschiede in Sprache, Kultur, Lebensweise usw. beseitigt haben? Natürlich nicht. Wenn aber die nationalen Unterschiede in Sprache, Kultur, Lebensweise usw. bestehen bleiben, ist es dann nicht klar, dass die Forderung, die nationalen Republiken und Gebiete in der gegenwärtigen historischen Periode abzuschaffen, eine reaktionäre, gegen die Interessen der Diktatur des Proletariats gerichtete Forderung ist? Begreifen unsere Abweichler, dass die Abschaffung der nationalen Republiken und Gebiete im gegenwärtigen Augenblick nichts anderes bedeutet, als die Millionenmassen der Völker der UdSSR um die Möglichkeit zu bringen, sich Bildung in der Muttersprache anzueignen, sie um die Möglichkeit zu bringen, Schulen, Gerichte, Verwaltungsorgane, gesellschaftliche und andere Organisationen und Institutionen in der Muttersprache zu haben, sie um die Möglichkeit zu bringen, sich am sozialistischen Aufbau zu beteiligen? Ist es nicht klar, dass unsere Abweichler auf der Jagd nach einem Paradeinternationalismus in die Fänge der reaktionären großrussischen Chauvinisten geraten sind und die Losung der Kulturrevolution in der Periode der Diktatur des Proletariats, die für alle Völker der UdSSR, sowohl für die Großrussen als auch für die Nichtgroßrussen, die gleiche Geltung hat, vergessen, vollständig vergessen haben?

Drittens hat Lenin nie gesagt, die Losung der Entwicklung der nationalen Kultur unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats sei eine reaktionäre Losung. Im Gegenteil, Lenin trat stets dafür ein, dass man den Völkern der UdSSR helfen soll, ihre nationale Kultur zu entwickeln. Unter der Leitung Lenin s und keines anderen wurde auf dem X. Parteitag die Resolution zur nationalen Frage abgefasst und angenommen, in der es direkt heißt:

„Die Aufgabe der Partei besteht darin, dass sie den werktätigen Massen der nichtgroßrussischen Völker hilft, das vorangeschrittene Zentralrußland einzuholen, dass sie ihnen hilft: a) bei sich ein sowjetisches Staatswesen zu entwickeln und zu festigen in Formen, die den nationalen Verhältnissen und der Lebensweise dieser Völker entsprechen; b) bei sich in der Muttersprache wirkende Gerichte, Verwaltungs-, Wirtschafts- und Machtorgane zu entwickeln und zu festigen, zusammengesetzt aus Einheimischen, die mit den Lebensgewohnheiten und der Denkart der einheimischen Bevölkerung vertraut sind; c) bei sich das Presse- und Schulwesen, das Theater- und Klubwesen und überhaupt in der Muttersprache wirkende Kultur- und Aufklärungsstätten zu entwickeln; d) ein umfassendes Netz von Kursen und Schulen in der Muttersprache zu organisieren und zu entwickeln, sowohl allgemein bildender als auch beruflich-technischer Art.“[57]

Ist es nicht klar, dass Lenin voll und ganz eintrat für die Losung der Entwicklung der nationalen Kultur unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats?

Ist es nicht klar, dass die Ablehnung der Losung der nationalen Kultur unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats soviel bedeutet wie die Verneinung der Notwendigkeit des kulturellen Aufstiegs der nicht-großrussischen Völker der UdSSR, wie die Verneinung der Notwendigkeit einer allgemein obligatorischen Bildung für diese Völker, wie die Auslieferung dieser Völker an reaktionäre Nationalisten zur geistigen Knechtung?

Lenin bezeichnete tatsächlich die Losung der nationalen Kultur unter der Heerschaft der Bourgeoisie als eine reaktionäre Losung. Aber konnte es anders sein?

Was heißt nationale Kultur unter der Herrschaft der nationalen Bourgeoisie? Bürgerlich ihrem Inhalt und national ihrer Form nach, hat diese Kultur das Ziel, die Massen mit Nationalismus zu vergiften und die Herrschaft der Bourgeoisie zu festigen.

Was heißt nationale Kultur unter der Diktatur des Proletariats? Sozialistisch ihrem Inhalt und national ihrer Form nach, hat diese Kultur das Ziel, die Massen im Geiste des Sozialismus und des Internationalismus zu erziehen.

Wie kann man diese beiden prinzipiell verschiedenen Erscheinungen verwechseln, ohne mit dem Marxismus zu brechen?

Ist es nicht klar, dass Lenin durch seinen Kampf gegen die Losung der nationalen Kultur unter dem bürgerlichen Regime Schläge führte gegen den bürgerlichen Inhalt der nationalen Kultur und nicht gegen ihre nationale Form?

Es wäre dumm, annehmen zu wollen, Lenin hätte die sozialistische Kultur als eine anationale Kultur, ohne diese oder jene nationale Form betrachtet. Die Anhänger des „Bund“ sagten Lenin allerdings eine Zeitlang einen solchen Unsinn nach. Aus Lenin s Werken ist jedoch bekannt, dass er gegen eine solche Verleumdung scharf protestierte, sich von diesem Unsinn entschieden distanzierte. Sind denn tatsächlich unsere verehrten Abweichler in die Fußtapfen des „Bund“ getreten?

Was bleibt nach allem Gesagten von den Argumenten unserer Abweichler übrig?

Nichts als ein Jonglieren mit der Flagge des Internationalismus und eine Verleumdung Lenin s.

Diejenigen, die zum großrussischen Chauvinismus abweichen, sind schwer im Irrtum, wenn sie glauben, die Periode des sozialistischen Aufbaus in der UdSSR sei eine Periode des Zerfalls und der Liquidierung der nationalen Kulturen. Die Sache verhält sich gerade umgekehrt. In Wirklichkeit ist die Periode der Diktatur des Proletariats und des sozialistischen Aufbaus in der UdSSR eine Periode des Aufblühens der nationalen Kulturen, die ihrem Inhalt nach sozialistisch und ihrer Form nach national sind, denn die Nationen selbst sind in der Sowjetordnung ja keine gewöhnlichen „modernen“ Nationen, sondern sozialistische Nationen, ebenso wie ihre nationalen Kulturen dem Inhalt nach keine gewöhnlichen, bürgerlichen Kulturen, sondern sozialistische Kulturen sind.

Sie begreifen offenbar nicht, dass sich die Entwicklung der nationalen Kulturen mit Einführung und Verankerung der allgemeinen Grundschulpflicht in der Muttersprache mit neuer Kraft entfalten muss. Sie begreifen nicht, dass man die rückständigen Nationalitäten nur unter der Bedingung in den sozialistischen Aufbau wirklich wird einbeziehen können, dass sich die nationalen Kulturen entwickeln.

Sie begreifen nicht, dass die Lenin sche Politik der Förderung und 'Unterstützung der Völker der UdSSR bei der Entwicklung ihrer nationalen Kulturen gerade dies zur Grundlage hat.

Es mag sonderbar erscheinen, dass wir, die Anhänger der künftigen Verschmelzung der nationalen Kulturen zu einer (nach Form wie nach Inhalt) gemeinsamen Kultur, mit einer gemeinsamen Sprache, gleichzeitig Anhänger des Aufblühens der nationalen Kulturen im gegenwärtigen Augenblick, in der Periode der Diktatur des Proletariats, sind. Aber daran ist nichts Sonderbares. Man muss den nationalen Kulturen die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln und zu entfalten, alle ihre Potenzen zutage zu fördern, um die Voraussetzungen zu schaffen für ihre Verschmelzung zu einer gemeinsamen Kultur mit einer gemeinsamen Sprache in der Periode, da der Sozialismus in der ganzen Welt gesiegt haben wird. Das Aufblühen der ihrer Form nach nationalen und ihrem Inhalt nach sozialistischen Kulturen unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats in einem Lande zum Zwecke ihrer Verschmelzung zu einer (nach Form wie nach Inhalt) gemeinsamen sozialistischen Kultur mit gemeinsamer Sprache, wenn das Proletariat in der ganzen Welt gesiegt und der Sozialismus sich im Leben eingebürgert haben wird - darin besteht gerade das dialektische Wesen des Lenin schen Herantretens an die Fragen der nationalen Kultur.

Man könnte sagen, ein solches Herantreten an die Frage sei „widerspruchsvoll“. Aber haben wir bei uns nicht den gleichen „Widerspruch“ in der Frage des Staates? Wir sind für das Absterben des Staates. Wir sind jedoch gleichzeitig für die Verstärkung der Diktatur des Proletariats, der stärksten und mächtigsten Staatsmacht, die jemals bestanden hat. Höchste Entwicklung der Staatsmacht zur Vorbereitung der Bedingungen für das Absterben der Staatsmacht - so lautet die marxistische Formel. Ist das „widerspruchsvoll“? Ja, es ist „widerspruchsvoll“. Aber dieser Widerspruch ist dem Leben eigen, und er widerspiegelt vollständig die Marxsche Dialektik.

Oder nehmen wir Lenin s Herantreten an die Frage des Rechtes der Nationen auf Selbstbestimmung bis zur Lostrennung. Lenin brachte manchmal die These der nationalen Selbstbestimmung auf die einfache Formel „Trennung zwecks Vereinigung“. Man überlege sich das nur: Trennung zwecks Vereinigung. Das klingt sogar nach einem Paradoxon. Indessen widerspiegelt diese „widerspruchsvolle“ Formel jene Lebenswahrheit der Marxschen Dialektik, die den Bolschewiki die Möglichkeit gibt, auf dem Gebiet der nationalen Frage die unzugänglichsten Festungen einzunehmen.

Das gleiche muss gesagt werden von der Formel hinsichtlich der nationalen Kultur: Aufblühen der nationalen Kulturen (und Sprachen) in der Periode der Diktatur des Proletariats in einem Lande zwecks Vorbereitung der Bedingungen für ihr Absterben und ihre Verschmelzung zu einer gemeinsamen sozialistischen Kultur (und zu einer gemeinsamen Sprache) in der Periode des Sieges des Sozialismus in der ganzen Welt.

Wer diese Eigenart und diesen „Widerspruch“ unserer Übergangszeit nicht begriffen hat, wer diese Dialektik der historischen Prozesse nicht begriffen hat, der ist für den Marxismus verloren.

Das Malheur unserer Abweichler ist, dass sie die Marxsche Dialektik nicht verstehen und nicht verstehen wollen.

So verhält es sich mit der Abweichung zum großrussischen Chauvinismus.

Es ist nicht schwer zu begreifen, dass diese Abweichung das Bestreben der ablebenden Klassen der früher herrschenden großrussischen Nation widerspiegelt, die verlorenen Privilegien wiederzuerlangen.

Daher die Gefahr des großrussischen Chauvinismus als Hauptgefahr in der Partei auf dem Gebiet der nationalen Frage.

Worin besteht das Wesen der Abweichung zum lokalen Nationalismus?

Das Wesen der Abweichung zum lokalen Nationalismus besteht in dem Bestreben, sich abzusondern und sich im eigenen nationalen Schneckenhaus abzukapseln, in dem Bestreben, die Klassengegensätze innerhalb der eigenen Nation zu vertuschen, in dem Bestreben, sich vor dem großrussischen Chauvinismus durch die Abkehr vom gemeinsamen Strom des sozialistischen Aufbaus zu schützen, in dem Bestreben, nicht zu sehen, was die werktätigen Massen der Nationen der UdSSR einander näher bringt und vereinigt, und nur das zu sehen, was geeignet ist, sie voneinander zu entfernen.

Die Abweichung zum lokalen Nationalismus widerspiegelt die Unzufriedenheit der ablebenden Klassen der früher unterdrückten Nationen mit dem Regime der Diktatur des Proletariats, ihr Bestreben, sich zu einem eigenen bürgerlichen Nationalstaat abzusondern und dort die eigene Klassenherrschaft aufzurichten.

Die Gefahr dieser Abweichung besteht darin, dass sie den bürgerlichen Nationalismus kultiviert, die Einheit der Werktätigen der Völker der UdSSR schwächt und den Interventionisten in die Hände arbeitet.

Das ist das Wesen der Abweichung zum lokalen Nationalismus.

Die Aufgabe der Partei besteht darin, diese Abweichung entschieden zu bekämpfen und die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen für die internationale Erziehung der werktätigen Massen der Völker der UdSSR.

So verhält es sich mit den Abweichungen in unserer Partei, mit der „linken“ und der rechten Abweichung auf dem Gebiet der allgemeinen Politik, mit den Abweichungen auf dem Gebiet der nationalen Frage. Das ist unsere innerparteiliche Lage.

Heute, da die Partei aus dem Kampf für die Generallinie als Sieger hervorgegangen ist, da die Lenin sche Linie unserer Partei an der ganzen Front triumphiert, sind viele geneigt, jene Schwierigkeiten zu vergessen, die uns die allerverschiedensten Abweichler in unserer Arbeit bereitet haben. Mehr noch, einige spießbürgerlich gestimmte Genossen glauben jetzt noch, man hätte ohne den Kampf gegen die Abweichler auskommen können. Man braucht wohl kaum zu sagen, dass diese Genossen sich in einem schweren Irrtum befinden. Man braucht nur rückwärts zu schauen und sich der schändlichen Streiche der Trotzkisten und der rechten Abweichler zu erinnern, man braucht sich nur der Geschichte des Kampfes gegen die Abweichungen in der verflossenen Periode zu erinnern, um die ganze Hohlheit und Untauglichkeit dieser Parteispießerei zu begreifen. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass wir die Erfolge, auf die unsere Partei jetzt mit Recht stolz ist, nicht erzielt hätten, wenn wir nicht den Abweichlern die Zügel angelegt, wenn wir sie nicht im offenen Kampf geschlagen hätten.

Im Kampf gegen die Abweichungen von der Lenin schen Linie ist unsere Partei gewachsen und erstarkt. Im Kampf gegen die Abweichungen hat sie die Lenin sche Einheit ihrer Reihen geschmiedet. Niemand stellt jetzt mehr die unbestreitbare Tatsache in Abrede, dass die Partei noch nie so fest um ihr ZK zusammengeschlossen war wie heute. Alle müssen heute anerkennen, dass die Partei heute mehr denn je einig und geschlossen dasteht, dass der XVI. Parteitag einer der wenigen Parteitage unserer Partei ist, auf dem es keine formell organisierte und geschlossene Opposition mehr gibt, die imstande wäre, der Generallinie der Partei eine eigene, besondere Linie entgegenzustellen.

Welchem Umstand verdankt die Partei diese entscheidende Errungenschaft?

Sie verdankt diese Errungenschaft dem Umstand, dass sie in ihrem Kampf gegen die Abweichungen stets eine prinzipielle Politik durchgeführt, sich nie zu Kombinationen hinter den Kulissen und zu diplomatischem Schacher hergegeben hat.

Lenin sagte, dass prinzipielle Politik die einzig richtige Politik ist. Wir sind aus dem Kampf gegen die Abweichungen als Sieger hervorgegangen, weil wir dieses Vermächtnis Lenin s ehrlich und konsequent erfüllt haben. (Beifall.)

*

Ich komme zum Schluss, Genossen.

Welches ist die allgemeine Schlussfolgerung?

Wir haben in der verflossenen Periode eine Reihe entscheidender Erfolge an allen Fronten des sozialistischen Aufbaus erzielt. Wir haben diese Erfolge erzielt, weil wir es verstanden haben, das große Banner Lenin s hochzuhalten. Wenn wir siegen wollen, müssen wir auch künftig Lenin s Banner hochhalten und es rein und unbefleckt bewahren. (Beifall.)

Das ist die allgemeine Schlussfolgerung.

Mit dem Banner Lenin s haben wir in den Kämpfen um die Oktoberrevolution gesiegt.

Mit dem Banner Lenin s haben wir im Kampf für den Sieg des sozialistischen Aufbaus entscheidende Erfolge erzielt.

Mit dem gleichen Banner wird die proletarische Revolution in der ganzen Welt siegen.

Es lebe der Lenin ismus! (Stürmischer, lang anhaltender Beifall. Ovationen im ganzen Saal.)

Zurück zum Inhaltsverzeichnis