"Stalin"

Werke

Band 13

SCHLUSSWORT
ZUM POLITISCHEN RECHENSCHAFTSBERICHT
DES ZK AN DEN XVI. PARTEITAG DER KPdSU(B)[1]

2. Juli 1930

Genossen! Nach der Diskussion zum Rechenschaftsbericht des ZK, nach all dem, was sich auf unserem Parteitag im Zusammenhang mit dem Auftreten der ehemaligen Führer der Rechtsopposition ereignet hat, bleibt mir in meinem Schlusswort wenig zu sagen übrig.

Ich sagte in meinem Bericht, dass der XVI. Parteitag einer der wenigen Parteitage in der Geschichte unserer Partei ist, auf dem es keine irgendwie formell organisierte Opposition gibt, die ihre eigene Linie hätte und sie der Linie der Partei entgegenstellen könnte. Das hat sich, wie Sie sehen, denn auch tatsächlich bestätigt. Auf unserem Parteitag, auf dem XVI. Parteitag, gab es nicht nur keine formell organisierte Opposition, es fanden sich nicht einmal eine kleine Gruppe oder auch nur einzelne Genossen, die sich für berechtigt gehalten hätten, hier auf der Tribüne zu erscheinen und die Parteilinie für falsch zu erklären.

Es ist klar, dass die Linie unserer Partei die einzig richtige Linie ist, und zwar erweist sich ihre Richtigkeit als so offenkundig und unbestreitbar, dass sogar die ehemaligen Führer der Rechtsopposition es für notwendig hielten, in ihren Reden ohne Schwanken die Richtigkeit der gesamten Politik der Partei zu betonen.

Selbstverständlich ist es nach alledem nicht notwendig, sich über die Richtigkeit der Leitsätze zu verbreiten, die im Rechenschaftsbericht entwickelt worden sind. Das ist nicht nötig, da die Linie der Partei angesichts ihrer offenkundigen Richtigkeit einer weiteren Verteidigung auf diesem Parteitag nicht bedarf. Wenn ich nun trotzdem auf das Schlusswort nicht verzichtet habe, so deswegen, weil ich es doch nicht für überflüssig halte, kurz auf einige schriftliche Anfragen von Genossen zu antworten, die beim Präsidium des Parteitags eingereicht worden sind, und dann ein paar Worte zu den Reden der ehemaligen Führer der Rechtsopposition zu sagen.

Ein großer Teil dieser Anfragen behandelt gewisse zweitrangige Fragen: Weshalb in den Rechenschaftsberichten die Pferdezucht nicht erwähnt wurde - ob sie nicht im Schlusswort erwähnt werden könnte (Heiterkeit); weshalb in den Rechenschaftsberichten der Wohnungsbau nicht erwähnt wurde - ob darüber nicht im Schlusswort etwas gesagt werden könnte; weshalb in den Rechenschaftsberichten nichts über die Elektrifizierung der Landwirtschaft gesagt wurde - ob sich darüber nicht im Schlusswort etwas sagen ließe. Und so weiter in diesem Sinn.

Ich muss allen diesen Genossen erwidern, dass ich in meinem Bericht nicht alle volkswirtschaftlichen Fragen berühren konnte. Und nicht nur nicht konnte, sondern auch nicht durfte, denn ich habe nicht das Recht, den Referaten der Genossen Kujbyschew und Jakowlew vorzugreifen, die Ihnen über die konkreten Probleme der Industrie und der Landwirtschaft zu berichten haben. In der Tat, wenn im Rechenschaftsbericht des ZK alle Fragen behandelt worden wären, worüber sollten dann die Referenten in ihren Berichten über die Industrie, die Landwirtschaft usw. sprechen? (Zurufe: „Sehr richtig!“)

Speziell zu der Anfrage über die Elektrifizierung der Landwirtschaft muss ich bemerken, dass dieser Fragesteller sich einige Unrichtigkeiten zuschulden kommen läßt. Er versichert, wir stünden schon „unmittelbar vor“ der Elektrifizierung der Landwirtschaft, das Volkskommissariat für Landwirtschaft aber hemme die Entwicklung dieser Sache, Lenin habe darüber anders gedacht usw. Alles das stimmt nicht, Genossen. Man kann nicht sagen, dass wir „unmittelbar vor“ der Elektrifizierung der Landwirtschaft stehen. Wenn wir wirklich unmittelbar vor der Elektrifizierung der Landwirtschaft stünden, dann hätten wir jetzt schon vielleicht 10 bis 15 Rayons mit elektrifiziertem Landwirtschaftsbetrieb. Sie wissen aber sehr gut, dass wir vorläufig nichts dergleichen haben. Alles, was sich heute über die Elektrifizierung der Landwirtschaft sagen läßt, ist dies, dass die Elektrifizierung sich bei uns im Stadium der experimentellen Entwicklung befindet. So betrachtete auch Lenin die Sache, als er die auf Elektrifizierung der Landwirtschaft abzielenden Versuche förderte. Manche Genossen glauben, die Traktoren wären bereits überlebt, und die Zeit sei gekommen, von den Traktoren zur Elektrifizierung der Landwirtschaft überzugehen. Das ist selbstverständlich Phantasterei. Solche Genossen müssen zurechtgewiesen werden, was das Volkskommissariat für Landwirtschaft auch tut. Also kann die Unzufriedenheit des Fragestellers mit dem Volkskommissariat für Landwirtschaft nicht als begründet betrachtet werden.

Die zweite Gruppe von Anfragen betrifft die nationale Frage. In einer dieser Anfragen, die ich für die interessanteste halte, wird ein Vergleich gezogen zwischen der Behandlung des Problems der Nationalsprachen in meinem Bericht an den XVI. Parteitag und der Behandlung der Frage in meinem Vortrag an der Universität der Völker des Ostens im Jahre 1925[2], und zwar wird behauptet, hier bestehe eine gewisse Unklarheit, die behoben werden müsse. „Sie haben sich damals“, so heißt es in der Anfrage, „gegen die Theorie (Kautskys) vom Absterben der Nationalsprachen und von der Schaffung einer einzigen, gemeinsamen Sprache in der Periode des Sozialismus (in einem Lande) gewandt, heute aber; in Ihrem Bericht an den XVI. Parteitag, erklären Sie, die Kommunisten seien Anhänger der Verschmelzung der nationalen Kulturen und der nationalen Sprachen zu einer gemeinsamen Kultur mit einer gemeinsamen Sprache (in der Periode des Sieges des Sozialismus im Weltmaßstab) - besteht hier nicht eine Unklarheit?“

Ich glaube, dass hier weder eine Unklarheit noch irgendein Widerspruch besteht. In meinem Vortrag von 1925 wandte ich mich gegen die national-chauvinistische Theorie Kautskys, nach welcher ein Sieg der proletarischen Revolution Mitte des vorigen Jahrhunderts in einem vereinigten österreichisch-deutschen Staat zum Aufgehen der Nationen in einer einheitlichen deutschen Nation mit einer deutschen Einheitssprache und zur Germanisierung der Tschechen hätte führen müssen. Ich lehnte diese Theorie als eine antimarxistische, anti Lenin istische Theorie ab und berief mich dabei auf die Tatsachen aus dem Leben unseres Landes nach dem Siege des Sozialismus in der UdSSR, die diese Theorie widerlegen. Diese Theorie lehne ich, wie aus meinem Rechenschaftsbericht an diesen unseren XVI. Parteitag zu ersehen ist, auch heute ab. Ich lehne sie ab, weil die Theorie des Aufgehens aller Nationen, sagen wir der UdSSR, in einer einheitlichen großrussischen Nation mit einer großrussischen Einheitssprache eine national-chauvinistische Theorie, eine anti Lenin istische Theorie ist, die einer Grundthese des Lenin ismus widerspricht, nämlich der These, dass die nationalen Unterschiede in der nächsten Periode nicht verschwinden können, dass sie noch lange Zeit sogar nach dem Siege der proletarischen Revolution im Weltmaßstab bestehen bleiben müssen.

Was eine entferntere Perspektive der nationalen Kulturen und nationalen Sprachen anbetrifft, so vertrat ich immer und vertrete auch weiter die Lenin sche Ansicht, dass in der Periode des Sieges des Sozialismus im Weltmaßstab, wenn der Sozialismus bereits erstarkt sein und sich im Leben eingebürgert haben wird, die Nationalsprachen unweigerlich zu einer gemeinsamen Sprache verschmelzen müssen, die natürlich weder das Großrussische noch das Deutsche, sondern etwas Neues sein wird. Das habe ich ebenfalls unzweideutig in meinem Bericht an den XVI. Parteitag erklärt.

Wo ist denn da eine Unklarheit, und was bedarf hier eigentlich der Klärung?

Offensichtlich sind sich die Fragesteller mindestens über zwei Dinge nicht ganz klar geworden.

Vor allem sind sie sich nicht über die Tatsache klar geworden, dass wir in der UdSSR bereits in die Periode des Sozialismus eingetreten sind, wobei die Nationen, obgleich wir in diese Periode eingetreten sind, nicht etwa absterben, sondern im Gegenteil, sich entwickeln und aufblühen. In der Tat, sind wir bereits in die Periode des Sozialismus eingetreten? Unsere Periode wird gewöhnlich als Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus bezeichnet. Als Übergangsperiode wurde sie 1918 bezeichnet, als Lenin in seinem berühmten Artikel „Über ‚linke’ Kindereien und über Kleinbürgerlichkeit“[3] das erste Mal diese Periode mit ihren fünf Wirtschaftsformen charakterisierte. Sie wird auch gegenwärtig, im Jahre 1930, Übergangsperiode genannt, wo einige dieser Wirtschaftsformen als veraltete Formen bereits im Untergehen begriffen sind, während eine dieser Wirtschaftsformen, und zwar die neue Wirtschaftsform, in Industrie und Landwirtschaft mit beispielloser Geschwindigkeit wächst und sich entfaltet. Darf man sagen, dass diese beiden Übergangsperioden identisch sind, dass sie sich nicht von Grund aus voneinander unterscheiden? Natürlich nicht.

Was hatten wir 1918 in der Volkswirtschaft? Eine zerstörte Industrie und die berüchtigten Feuerzeuge, keine Kollektiv- und Sowjetwirtschaften als Massenerscheinung, ein Wachsen der „neuen“ Bourgeoisie in der Stadt und des Kulakentums auf dem Lande.

Was haben wir heute? Eine wiederhergestellte und in Rekonstruktion begriffene sozialistische Industrie, ein entwickeltes System von Sowjetwirtschaften und Kollektivwirtschaften, deren Frühjahrsaussaat allein mehr als 40 Prozent der gesamten Frühjahrsaussaatfläche der UdSSR umfasst, eine sterbende „neue“ Bourgeoisie in der Stadt, ein sterbendes Kulakentum auf dem Lande.

Damals eine Übergangsperiode und heute eine Übergangsperiode. Und doch sind sie voneinander grundlegend, sind sie himmelweit verschieden. Und doch kann niemand abstreiten, dass wir unmittelbar vor der Liquidierung der letzten ernst zu nehmenden kapitalistischen Klasse, der Klasse der Kulaken, stehen. Es ist klar, dass wir die Übergangsperiode im alten Sinne des Wortes bereits hinter uns haben und dass wir in die Periode des direkten und voll entfalteten sozialistischen Aufbaus an der ganzen Front eingetreten sind. Es ist klar, dass wir bereits in die Periode des Sozialismus eingetreten sind, denn der sozialistische Sektor hält jetzt alle wirtschaftlichen Hebel der gesamten Volkswirtschaft in seinen Händen, obwohl es noch weit ist bis zur Vollendung der sozialistischen Gesellschaft und bis zur Beseitigung der Klassenunterschiede. Und dennoch, dessen ungeachtet sterben die Nationalsprachen keineswegs ab und verschmelzen nicht zu einer gemeinsamen Sprache, ganz im Gegenteil, die nationalen Kulturen und die nationalen Sprachen entwickeln sich und blühen auf. Ist es nicht klar, dass die Theorie des Absterbens der Nationalsprachen und ihrer Verschmelzung zu einer gemeinsamen Sprache im Rahmen eines Staates in der Periode des entfalteten sozialistischen Aufbaus, in der Periode des Sozialismus in einem Lande, eine falsche, antimarxistische, anti Lenin istische Theorie ist?

Die Fragesteller sind sich zweitens nicht darüber klar geworden, dass die Frage des Absterbens der Nationalsprachen und ihrer Verschmelzung zu einer gemeinsamen Sprache keine innerstaatliche Frage, keine Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande ist, sondern eine internationale Frage, eine Frage des Sieges des Sozialismus im internationalen Maßstab. Die Fragesteller haben nicht begriffen, dass man den Sieg des Sozialismus in einem Lande nicht mit dem Sieg des Sozialismus im internationalen Maßstab verwechseln darf. Nicht umsonst sagte Lenin , dass die nationalen Unterschiede noch lange Zeit sogar nach dem Siege der Diktatur des Proletariats im internationalen Maßstab bestehen bleiben werden.

Außerdem muss noch ein Umstand berücksichtigt werden, der eine Reihe von Nationen der UdSSR betrifft. Es gibt eine Ukraine innerhalb der UdSSR. Es gibt aber noch eine andere Ukraine im Gefüge anderer Staaten. Es gibt ein Bjelorußland innerhalb der UdSSR. Es gibt aber noch ein anderes Bjelorußland im Gefüge anderer Staaten. Glauben Sie denn, die Frage der ukrainischen und der bjelorussischen Sprache könnte ohne Berücksichtigung dieser eigenartigen Bedingungen gelöst werden?

Nehmen Sie weiter die Nationen der UdSSR, die an ihrer südlichen Grenze zu Hause sind - von Aserbaidsban bis nach Kasachstan und der Burjat-Mongolei. Sie alle befinden sich in derselben Lage wie die Ukraine und Bjelorußland. Selbstverständlich müssen auch hier die eigen-artigen Entwicklungsbedingungen dieser Nationen in Betracht gezogen werden.

Ist es nicht klar, dass alle diese und ähnliche Fragen, die mit dem Problem der nationalen Kulturen und der nationalen Sprachen zusammenhängen, nicht im Rahmen eines Staates, im Rahmen der UdSSR, gelöst werden können?

So, Genossen, ist es um die nationale Frage im Allgemeinen und um die vorhin erwähnte Anfrage zur nationalen Frage im Besonderen bestellt.

Es sei mir gestattet, jetzt zu den Reden der ehemaligen Führer der Rechtsopposition überzugehen.

Was fordert der Parteitag von den ehemaligen Führern der Rechtsopposition? Vielleicht Reuebekenntnisse, Selbstgeißelungen? Natürlich nicht! Niemals wird unsere Partei, wird unser Parteitag es sich einfallen lassen, von Parteimitgliedern irgendetwas zu fordern, was sie erniedrigen könnte. Der Parteitag fordert von den ehemaligen Führern der Rechtsopposition drei Dinge:

Erstens sollen sie sich Rechenschaft darüber geben, dass zwischen der Parteilinie und der Linie, die sie verteidigt haben, ein Abgrund klafft, dass die Linie, die sie verteidigt haben, objektiv nicht zum Sieg des Sozialismus, sondern zum Sieg des Kapitalismus führt (Zurufe: „Sehr richtig!“);

zweitens sollen sie diese Linie als anti Lenin istisch brandmarken und offen und ehrlich von ihr abrücken (Zurufe: „Sehr richtig!“);

drittens sollen sie Schulter an Schulter mit uns einen entschiedenen Kampf gegen alle und jedwede Rechtsabweichler führen. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Stürmischer Beifall.)

Das ist es, was der Parteitag von den ehemaligen Führern der Rechtsopposition fordert.

Enthalten diese Forderungen irgendetwas, was sie als Leute, die Bolschewiki bleiben wollen, erniedrigen könnte?

Es ist klar, dass es hierin nichts Erniedrigendes gibt noch geben kann. Jeder Bolschewik, jeder Revolutionär, jedes sich selbst achtende Parteimitglied wird verstehen, dass man in den Augen der Partei nur steigen und gewinnen kann, wenn man klare und unbestreitbare Tatsachen offen und ehrlich anerkennt.

Das ist es, weshalb ich glaube, dass die Redereien Tomskis, man wolle ihn in die Wüste Gobi schicken und ihn zwingen, wilden Honig und Heuschrecken zu essen, alberne Späße aus einer Provinzposse sind, die nichts zu tun haben mit der Frage der Würde eines Revolutionärs. (Heiterkeit, Beifall.)

Man könnte fragen, warum denn der Parteitag den ehemaligen Führern der Rechtsopposition diese Forderungen von neuem stellt.

Ist es denn nicht Tatsache, dass diese Forderungen ihnen vom ZK-Plenum[4] im November 1929 schon einmal gestellt wurden? Ist es denn nicht Tatsache, dass sie, die ehemaligen Führer der Rechtsopposition, damals auf diese Forderungen eingingen, sich von ihrer Linie lossagten, deren Fehlerhaftigkeit bekannten, die Richtigkeit der Parteilinie anerkannten und versprachen, zusammen mit der Partei die Rechtsabweichung bekämpfen zu wollen? Ja, das alles ist Tatsache. Worum handelt es sich also? Es handelt sich darum, dass sie ihr Versprechen nicht gehalten haben, dass sie die von ihnen vor sieben Monaten übernommenen Verpflichtungen nicht erfüllt haben und nicht erfüllen. (Zurufe: „Sehr richtig!“) Uglanow hatte vollständig Recht, als er in seiner Rede erklärte, dass sie nicht gehalten haben, wozu sie sich auf dem Novemberplenum des ZK verpflichtet hatten.

Hier liegt der Ursprung des Misstrauens, dem sie jetzt auf diesem Parteitag begegnen.

Das ist der Grund, weshalb ihnen der Parteitag seine Forderungen von neuem stellt.

Rykow, Tomski und Uglanow haben sich hier beklagt, dass ihnen der Parteitag mit Misstrauen entgegentritt. Aber wer ist denn daran schuld? Sie selbst sind daran schuld. Wer seine Verpflichtungen nicht erfüllt, kann kein Vertrauen erwarten.

Hatten die ehemaligen Führer der Rechtsopposition die Möglichkeit, hatten sie Gelegenheit, ihr Versprechen zu erfüllen und einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen? Gewiss, die hatten sie. Was haben sie aber im Laufe von sieben Monaten getan, um diese Möglichkeiten und Gelegenheiten auszunutzen? Nichts!

Vor kurzem war Rykow auf der Uraler Parteikonferenz[5]. Er hatte also die günstigste Gelegenheit, seine Fehler gutzumachen. Was geschah aber? Anstatt offen und entschieden mit seinen Schwankungen Schluss zu machen, begann er „Finten“ zu machen und zu manövrieren. Es ist klar, dass die Uraler Konferenz nicht umhinkonnte, ihm eine Abfuhr zu erteilen.

Vergleichen Sie jetzt Rykows Rede auf der Uraler Konferenz mit seiner Rede auf dem XVI. Parteitag. Zwischen ihnen klafft ein Abgrund. Dort zieht er mit „Finten“ und Manövern gegen die Uraler Konferenz zu Felde. Hier versucht er, laut und vernehmlich seine Fehler zu bekennen, versucht, mit der Rechtsopposition zu brechen, und verspricht, die Partei im Kampf gegen Abweichungen zu unterstützen. Woher diese Wandlung, wie ist sie zu erklären? Sie erklärt sich offenbar dadurch, dass sich in der Partei für die ehemaligen Führer der Rechtsopposition eine bedrohliche Lage ergeben hat. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Parteitag den bestimmten Eindruck gewonnen hat: Solange man diese Leute nicht unter Druck setzt, ist bei ihnen nichts zu erreichen. (Allgemeine Heiterkeit, lang anhaltender Beifall.)

Hatte Uglanow die Möglichkeit, sein auf dem Novemberplenum des ZK gegebenes Versprechen zu erfüllen? Ja, die hatte er. Ich meine die Versammlung von Parteilosen im „Moselektrik“-Werk, wo er unlängst gesprochen hat. Was geschah aber? Anstatt so aufzutreten, wie es sich für einen Bolschewik gehört, begann er dort die Parteilinie zu verunglimpfen. Es ist klar, dass er dafür von der Betriebszelle die nötige Abfuhr erhielt.

Vergleichen Sie jetzt diese Rede mit seiner Erklärung, die heute in der „Prawda“ abgedruckt ist. Zwischen ihnen klafft ein Abgrund. Wodurch ist diese Wandlung zu erklären? Durch dieselbe bedrohliche Lage, in die sich die ehemaligen Führer der Rechtsopposition versetzt sahen. Was ist daran verwunderlich, wenn der Parteitag daraus die bestimmte Lehre zog: Wenn man diese Leute nicht unter Druck setzt, ist bei ihnen nichts zu erreichen. (Allgemeine Heiterkeit, Beifall.)

Oder zum Beispiel Tomski. Unlängst war er in Tiflis auf der Transkaukasischen Konferenz[6]. Er hatte also Gelegenheit, seine Sünden wieder gut zumachen. Was aber geschah? In seiner dortigen Rede kam er auf Sowjetwirtschaften, Kollektivwirtschaften, Genossenschaften, Kulturrevolution und alle möglichen derartigen Dinge zu sprechen, nur über die Hauptsache, das heißt über sein opportunistisches Treiben im Zentralrat der Gewerkschaften, sagte er kein Wort. Das nennt sich Erfüllung von Verpflichtungen vor der Partei! Er wollte die Partei überlisten, begriff jedoch nicht, dass Millionen Augen auf jeden von uns blicken und dass man hier niemand überlisten kann.

Vergleichen Sie jetzt seine Rede in Tiflis mit seiner Rede hier auf diesem Parteitag, wo er grade und offen seine opportunistischen Fehler bei der Leitung des Zentralrats der Gewerkschaften zugab. Zwischen ihnen klafft ein Abgrund. Wodurch erklärt sich dieser Unterschied? Durch dieselbe bedrohliche Lage, in die sich die ehemaligen Führer der Rechtsopposition versetzt sahen. Wen kann es wundernehmen, dass der Parteitag versucht hat, diese Genossen gehörig unter Druck zu setzen, um sie zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen anzuhalten? (Beifall, allgemeine Heiterkeit im ganzen Saal.)

Hier liegt die Quelle des Misstrauens, das der Parteitag diesen Genossen immer noch entgegenbringt.

Wodurch ist dieses mehr als seltsame Verhalten der ehemaligen Führer der Rechtsopposition zu erklären?

Wodurch ist die Tatsache zu erklären, dass sie in der verflossenen Periode kein einziges Mal versucht haben, ihre Verpflichtungen freiwillig, ohne einen Druck von außen, zu erfüllen?

Das ist mindestens durch zwei Umstände zu erklären.

Erstens dadurch, dass sie, von der Richtigkeit der Parteilinie noch nicht vollständig überzeugt, heimlich eine gewisse Fraktionsarbeit fortsetzten, sich zeitweilig ruhig verhielten und auf eine günstige Gelegenheit lauerten, um von neuem offen gegen die Partei aufzutreten. Wenn sie zu ihren Fraktionsversammlungen zusammenkamen und Parteifragen diskutierten, kalkulierten sie gewöhnlich so: Warten wir das Frühjahr ab, vielleicht erleidet die Partei bei der Aussaat eine Schlappe - dann werden wir gehörig dreinschlagen. Aber der Frühling brachte ihnen keine Gewinnpunkte, da die Aussaat günstig verlief. Dann kalkulierten sie wieder: Warten wir den Herbst ab, vielleicht erleidet die Partei bei der Getreidebeschaffung eine Schlappe - dann werden wir auf das ZK einschlagen. Aber auch der Herbst brachte ihnen eine Enttäuschung, und sie hatten wieder das Nachsehen. Und da Frühling und Herbst sich jedes Jahr wiederholen, so blieben die ehemaligen Führer der Rechtsopposition weiter auf der Lauer liegen und hofften abwechselnd mal auf den Frühling, mal auf den Herbst. (Allgemeines Lachen im Saal.)

Selbstverständlich konnten sie, da sie eine Jahreszeit nach der anderen dasaßen und auf einen günstigen Augenblick lauerten, um über die Partei herzufallen, ihre Verpflichtungen nicht einhalten.

Schließlich die zweite Ursache. Sie, diese zweite Ursache, besteht darin, dass die ehemaligen Führer der Rechtsopposition unser bolschewistisches Entwicklungstempo nicht verstehen, an dieses Tempo nicht glauben und überhaupt sich gegen alles verschließen, was über den Rahmen der allmählichen Entwicklung, über den Rahmen des Selbstlaufs hinausgeht. Mehr noch, unser bolschewistisches Tempo, unsere neuen Entwicklungswege, die mit der Rekonstruktionsperiode zusammenhängen, die Verschärfung des Klassenkampfes und die Auswirkungen dieser Verschärfung rufen bei ihnen Unruhe und Konfusion hervor, flößen ihnen Angst und Schrecken ein. Es ist daher verständlich, dass sie alles von sich fernhalten, was mit den schärfsten Losungen unserer Partei zusammenhängt.

Sie leiden an derselben Krankheit, an der Tschechows bekannter Held Bjelikow litt, ein Griechischlehrer, der „Mann im Futteral“. Erinnern Sie sich der Erzählung Tschechows „Der Mann im Futteral“? Dieser Held ging bekanntlich stets in Galoschen, im wattierten Mantel, mit einem Regenschirm, bei heißem und bei kaltem Wetter. „Gestatten Sie, wozu brauchen Sie Galoschen und einen wattierten Mantel im Juli, bei solcher Flitze?“ fragte man Bjelikow. „Für alle Fälle“, antwortete Bjelikow, „es kann doch etwas passieren: vielleicht tritt plötzlich Frost ein, was dann?“ (Allgemeine Heiterkeit, Beifall.) Er fürchtete wie die Pest alles Neue, alles, was außerhalb des gewohnten grauen Spießerlebens lag. Es wurde eine neue Speisehalle eröffnet - Bjelikow war schon besorgt: „Es kann ja ganz gut sein, eine Speisehalle zu haben, aber schauen Sie, dass nur nichts passiert.“ Man organisierte einen Theaterzirkel, eröffnete einen Lesesaal - Bjelikow war wieder in Unruhe: „Ein Theaterzirkel, ein neuer Lesesaal, wozu das? Schauen Sie, dass da nichts passiert.“ (Allgemeine Heiterkeit.)

Dasselbe muss man von den ehemaligen Führern der Rechtsopposition sagen. Erinnern Sie sich der Geschichte mit der Unterstellung der technischen Hochschulen unter die Volkskommissariate für Wirtschaft? Wir wollten alles in allem zwei technische Hochschulen dem Obersten Volkswirtschaftsrat unterstellen. Man sollte meinen, eine geringfügige Sache. Aber bei den Rechtsabweichlern begegneten wir erbittertem Widerstand. „Zwei technische Hochschulen dem Obersten Volkswirtschaftsrat unterstellen? Wozu das? Ist es nicht besser, abzuwarten? Schaut, dass bei dieser Geschichte nichts passiert.“ Jetzt aber sind alle unsere technischen Hochschulen den Volkskommissariaten für Wirtschaft unterstellt. Und nichts ist passiert!

Oder zum Beispiel die Frage der außerordentlichen Maßnahmen gegen die Kulaken. Erinnern Sie sich, welchen hysterischen Auftritt uns die Führer der Rechtsopposition bei dieser Gelegenheit bereiteten? „Außerordentliche Maßnahmen gegen die Kulaken? Wozu das? Ist es nicht besser, eine liberale Politik gegenüber den Kulaken zu betreiben? Schaut, dass bei dieser Geschichte nichts passiert.“ Und jetzt führen wir die Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse durch, eine Politik, im Vergleich mit der die außerordentlichen Maßnahmen gegen das Kulakentum eine Bagatelle sind. Und nichts ist passiert!

Oder zum Beispiel die Frage der Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften. „Sowjetwirtschaften und Kollektivwirtschaften? Wozu das? Haben wir es so eilig? Schaut, dass mit diesen Sowjetwirtschaften und Kollektivwirtschaften nichts passiert.“

Und so weiter und dergleichen mehr.

Diese Angst vor dem Neuen, dieses Unvermögen, an neue Fragen auf neue Art heranzutreten, diese Unruhe, „dass nur nichts passiert“, diese Charakterzüge des Mannes im Futteral hindern die ehemaligen Führer der Rechtsopposition daran, wirklich mit der Partei eins zu werden.

Besonders lächerliche Formen nehmen diese Charakterzüge des Mannes im Futteral bei ihnen an, wenn Schwierigkeiten eintreten, wenn das kleinste Gewitterwölkchen am Horizont aufzieht. Wir stoßen irgendwo auf eine Schwierigkeit, auf ein Hindernis - schon sind sie in Unruhe, dass nur nichts passiert! Irgendwo raschelt eine Küchenschabe, die noch nicht richtig aus ihrer Ritze heraus ist, und schon scheuen sie zurück, geraten in Schrecken und schreien: eine Katastrophe, Untergang der Sowjetmacht! (Allgemeines Lachen.)

Wir beruhigen sie und bemühen uns, sie zu überzeugen, dass hier noch gar keine Gefahr besteht, dass das nichts weiter als eine Küchenschabe ist, vor der man keine Angst zu haben braucht. Vergebliches Bemühen! Sie fahren mit ihrem Geschrei fort: „Wieso eine Küchenschabe? Das ist keine Küchenschabe, das sind tausend rasende Bestien! Das ist keine Küchenschabe, sondern das Verderben, der Untergang der Sowjetmacht...“ Und - „alle Federn des Gouvernements setzen sich in Bewegung“ ... Bucharin schreibt aus diesem Anlass Thesen und schickt sie ans ZK, wobei er behauptet, die Politik des ZK habe das Land an den Abgrund gebracht, die Sowjetmacht werde ganz bestimmt untergehen, wenn nicht sofort, so doch spätestens in einem Monat. Rykow schließt sich den Thesen Bucharins an, macht aber den Vorbehalt, dass es zwischen ihm und Bucharin eine überaus ernste Meinungsverschiedenheit gebe, die darin besteht, dass die Sowjetmacht wohl untergehen werde, aber seiner Meinung nach nicht in einem Monat, sondern in einem Monat und zwei Tagen. (Allgemeine Heiterkeit.) Tomski schließt sich Bucharin und Rykow an, protestiert aber dagegen, dass sie nicht ohne Thesen auskommen konnten, dass sie nicht ohne ein Dokument auskommen konnten, für das man nachher einstehen muss: „Wie oft habe ich euch gesagt - macht, was ihr wollt, aber hinterlasst keine Dokumente, hinterlasst keine Spuren.“ (Homerisches Gelächter im ganzen Saal. Lang anhaltender Beifall.)

Nachher allerdings, nach einem Jahr, wenn jedem Dummkopf klar geworden ist, dass die Küchenschabengefahr nur ein Kinderschreck ist, kommen die Rechtsabweichler allmählich zu sich, fassen Mut und sind sogar bereit, sich zu brüsten, indem sie erklären, sie hätten vor keinerlei Schaben Angst, zumal es sich um eine ganz schwächliche und mickrige Schabe handle. (Heiterkeit, Beifall.) Das aber erst nach einem Jahr. Einstweilen aber hat man sich mit diesen Quertreibern zu plagen...

Das, Genossen, sind die Umstände, die die ehemaligen Führer der Rechtsopposition daran hindern, dem Kern der Parteiführung näher zu kommen und restlos mit ihm eins zu werden.

Wie kann dem abgeholfen werden?

Es gibt dafür nur ein Mittel: Sie müssen endgültig mit ihrer Vergangenheit brechen, sie müssen völlig umrüsten und mit dem ZK unserer Partei eins werden in seinem Kampf für ein bolschewistisches Entwicklungstempo, in seinem Kampf gegen die redete Abweichung.

Andere Mittel gibt es nicht.

Wenn die ehemaligen Führer der Rechtsopposition das tun können - gut. Können sie es nicht, dann mögen sie die Folgen sich selbst zuschreiben. (Lang anhaltender Beifall im ganzen Saal. Ovation. Alle erheben sich und singen die „Internationale“.)

„Prawda“ Nr. 181,
3. Juli 1930.

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