"Stalin"

Werke

Band 13

BRIEF AN GENOSSEN SCHATUNOWSKI

Genosse Schatunowski!

An Ihren ersten Brief (über Liebknecht) erinnere ich mich nicht. Den zweiten Brief (über Kritik) habe ich gelesen. Natürlich ist Kritik notwendig und unerlässlich, jedoch unter einer Bedingung: Sie darf nicht fruchtlos sein. Leider kann man von Ihrer Kritik nicht sagen, dass sie fruchtbar wäre. Ich gehe nun auf die einzelnen Punkte Ihrer Kritik ein.

1. Es ist nicht richtig, dass vor der Revolution nur Kulaken Boden kauften. In Wirklichkeit kauften Boden sowohl Kulaken als auch Mittelbauern. Wenn man die Bauernwirtschaften, die Boden gekauft haben, nach sozialen Gruppen gliedert, so zeigt sich, dass auf die Mittelbauern eine größere Anzahl Wirtschaften entfällt als auf die Kulaken; betrachtet man die Sache jedoch unter dem Gesichtswinkel der Menge des gekauften Bodens, so liegt das Übergewicht auf Seiten der Kulaken. In meiner Rede [7] sprach ich natürlich von den Mittelbauern.

2. Die Bemerkung, dass diejenigen, die Torheiten begangen haben, auf die Lenin istischen Positionen zurückkehren sollen, drückt mit anderen Worten den Gedanken aus, dass sie sich von ihren Fehlern lossagen sollen. Ich denke, das ist klar und einleuchtend. Ihre „kritische“ Bemerkung hierzu ist geradezu ergötzlich.

3. Unrecht haben Sie auch, was die Verwendung von Roggen als Schweinefutter betrifft. Es handelt sich bei mir nicht darum, ob Roggen auch als Schweinefutter geeignet ist. Es handelt sich bei mir hinsichtlich des. Roggens um die Überproduktionskrise [8]. die eine Erweiterung der Anbauflächen für Roggen unvorteilhaft werden läßt und die Kapitalisten (wegen des Preisverhältnisses) veranlasst, den Roggen durch ein besonderes chemisches Verfahren zu verderben, so dass er nur noch zur Schweinemast taugt (derartiger Roggen ist für die menschliche Ernährung untauglich). Wie konnten Sie diese „Kleinigkeit“ übersehen?

4. Noch mehr im Unrecht sind Sie, wenn Sie behaupten, die Fäulnis des Kapitalismus schließe ein Wachstum des Kapitalismus aus. Lesen Sie Iljitschs „Imperialismus“ [9], und Sie werden begreifen, dass die Fäulnis des Kapitalismus in einzelnen Wirtschaftszweigen und Ländern ein ‘Wachstum des Kapitalismus in anderen Wirtschaftszweigen und Ländern nicht ausschließt, sondern voraussetzt. Wie konnten Sie diese „Kleinigkeit“ bei Lenin übersehen? Bitte kritisieren Sie, aber kritisieren Sie vom Lenin schen Standpunkt aus, und nur von diesem Standpunkt, wenn Sie wollen, dass Ihre Kritik fruchtbar sei.

5. Sie haben ferner Unrecht, wenn Sie unser Land als ein Land „vom Typ kolonialer Länder“ bezeichnen. Kolonialländer sind im Wesentlichen vorkapitalistische Länder. Unser Land jedoch ist ein nachkapitalistisches Land. Die ersteren haben die Stufe des entwickelten Kapitalismus noch nicht erreicht. Das zweite ist über den entwickelten Kapitalismus hinausgewachsen. Das sind zwei grundsätzlich verschiedene Typen. Wie kann man diese „Kleinigkeit“ außer acht lassen, Genosse Kritiker?

6. Sie wundern sich darüber, dass nach Stalins Auffassung die neuen Wirtschaftskader in technischer Hinsicht erfahrener sein müssen als die alten [10]. Warum eigentlich? Stimmt es etwa nicht, dass sich unsere alten Wirtschaftskader in der Wiederherstellungsperiode herangebildet haben, in der Periode der Ausnutzung der alten Betriebe, die technisch rückständig waren und in denen man daher keine großen technischen Erfahrungen sammeln konnte? Stimmt es etwa nicht, dass die alten Wirtschaftskader in der Rekonstruktionsperiode, wo neue, moderne technische Anlagen in Betrieb genommen werden, völlig umlernen und dabei nicht selten den neuen, technisch geschulteren Kadern Platz machen müssen? Wollen Sie etwa bestreiten, dass die alten Wirtschaftskader, die sich in der Zeit der Ausnutzung und Inbetriebnahme der alten Betriebe herangebildet haben, nicht nur der neuen Technik, sondern auch unserm neuen Tempo oft geradezu hilflos gegenüberstehen?

7. Ich übergehe die übrigen Punkte Ihres Briefes, die geringfügiger und unwesentlicher, wenn auch nicht weniger fehlerhaft sind.

8. Sie sprechen von Ihrer „Ergebenheit“ mir gegenüber. Mag sein, dass Ihnen diese Worte nur zufällig entschlüpft sind. Mag sein... Sollten Ihnen aber diese Worte nicht zufällig entschlüpft sein, so würde ich Ihnen raten, das „Prinzip“ der Ergebenheit gegenüber Personen über Bord zu werfen. Das ist nicht bolschewistische Art. Seien Sie der Arbeiterklasse, ihrer Partei, ihrem Staat ergeben. Das ist notwendig und gut. Aber verwechseln Sie diese Ergebenheit nicht mit der Ergebenheit gegenüber Personen, mit diesem hohlen und unnützen intelligenzlerischen Phrasengeklingel.

Mit kommunistischem Gruß

J. Stalin

August 1930.

Zum ersten Mal veröffentlicht.

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