"Stalin"

Werke

Band 13

BRIEFE AN GENOSSEN TSCH-E

Genosse Tsch-e!

Ihr Schreiben ist voller Missverständnisse. In meinem Referat auf der XV. Parteikonferenz ist „von der Einheit der Interessen der Industrialisierung (das heißt des Proletariats) und der Interessen der Hauptmassen der werktätigen Bevölkerungsschichten“ die Rede. Dort heißt es, dass unsere Industrialisierungsmethode, das heißt die sozialistische Methode der Industrialisierung, „nicht zur Verelendung der Millionenmassen, sondern zur Verbesserung der materiellen Lage dieser Massen, nicht zur Verschärfung der inneren Widersprüche, sondern zu ihrer Abschwächung und Überwindung führt“[11]. Folglich handelt es sich hier um das Bündnis der Arbeiterklasse mit den Hauptmassen der Werktätigen und vor allem mit den Hauptmassen der Bauernschaft. Folglich handelt es sich um Widersprüche innerhalb des Bündnisses, die sich abschwächen werden und die erfolgreich überwunden werden in dem Maße, wie die Industrialisierung fortschreitet, das heißt in dem Maße, wie Kraft und Einfluss des Proletariats im Lande zunehmen.

Darum handelt es sich in meinem Referat.

Sie aber haben das alles außer acht gelassen und reden von den Widersprüchen zwischen Proletariat und Kulakentum, das heißt von Widersprüchen außerhalb des Bündnisses, die zunehmen und sich verschärfen werden, solange wir das Kulakentum als Klasse nicht liquidieren.

Sie haben also zwei verschiedene Dinge durcheinander gebracht. Sie haben die Widersprüche zwischen dem Proletariat und den Hauptmassen der Werktätigen mit den Widersprüchen zwischen Proletariat und Kulakentum durcheinander gebracht.

Ist das klar? Ich glaube, es ist klar.

Mit kommunistischem Gruß

J. Stalin

November 1930.

 

Genosse Tsch-e!

1. In Ihrem ersten Brief haben Sie mit dem Wort „Widersprüche“ jongliert und die Widersprüche außerhalb des Bündnisses (das heißt die Widersprüche zwischen der proletarischen Diktatur und den kapitalistischen Elementen des Landes) mit den Widersprüchen innerhalb des Bündnisses (das heißt mit den Widersprüchen zwischen dem Proletariat und den Hauptmassen der Bauernschaft) in einen Topf geworfen. Sie hätten sich dieses für einen Marxisten unzulässige Jonglieren ersparen können, wenn Sie sich die Mühe gemacht hätten, die Grundlagen der Auseinandersetzungen der Partei mit den Trotzkisten zu begreifen. Die Trotzkisten behaupteten:

a) Ihr werdet mit den Widersprüchen zwischen der Mittelbauernschaft und der Arbeiterklasse nicht fertig werden, der Mittelbauer und die Arbeiterklasse werden sich unweigerlich miteinander überwerfen, und das Bündnis wird in die Brüche gehen, wenn die siegreiche Weltrevolution nicht zu Hilfe kommt;

b) ihr werdet die kapitalistischen Elemente nicht überwinden, ihr werdet den Sozialismus aus eigener Kraft nicht errichten, und ein Thermidor wird unvermeidlich sein, wenn die siegreiche Weltrevolution nicht zu Hilfe kommt.

In beiden Fragen haben die Trotzkisten bekanntlich eine Niederlage erlitten. Sie aber fühlten sich nicht bemüßigt, sich Klarheit über die Auseinandersetzungen zu verschaffen, die wir mit den Trotzkisten hatten. Daher sah ich mich in meiner Antwort gezwungen, Ihr falsches Spiel mit dem Wert „Widerspruch“ aufzudecken, und erinnerte daran, dass man zwei Reihen ungleichartiger Widersprüche nicht in einen Topf werfen darf.

Wie aber haben Sie darauf geantwortet?

2. Anstatt Ihren Fehler ehrlich einzugestehen, sind Sie der Frage „diplomatisch“ ausgewichen und vom Jonglieren mit dem Wort „Widersprüche“ zum Jonglieren mit den Worten „innere Widersprüche“ übergegangen, wobei Sie die Widersprüche innerhalb des Bündnisses mit den Widersprüchen innerhalb des Landes, mit den Widersprüchen zwischen proletarischer Diktatur und Kapitalismus, in einen Topf geworfen haben. Das heißt, Sie sind „unauffällig“ zu Ihrem Fehler zurückgekehrt, nur haben Sie ihm eine andere Form gegeben. Ich verhehle nicht, dass die Vermengung zweier ungleichartiger Widersprüche und „diplomatisches“ Verkleistern einer Frage ein charakteristisches Merkmal trotzkistisch-sinowjewistischer Denkart ist. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie mit dieser Krankheit behaftet sind. Jetzt muss man das wohl annehmen.

Da man nicht weiß, auf was für ein Spiel Sie noch verfallen werden, ich aber mit laufenden Angelegenheiten unheimlich überlastet bin, so dass ich keine Zeit für Spiele habe, gestatten Sie mir, mich von Ihnen zu verabschieden, Genosse Tsch.

J. Stalin

7. Dezember 1930.

Zum ersten Mal veröffentlicht.

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