"Stalin"

Werke

Band 13

AN GENOSSEN DEMJAN BJEDNY

(Auszüge aus einem Brief)

Ihren Brief vom 8.XII. habe ich erhalten. Sie brauchen anscheinend meine Antwort. Schön, hier ist sie.

Zunächst über einige Ihrer kleinen und kleinlichen Aussprüche und Andeutungen. Wären sie, diese unschönen „Kleinigkeiten“, ein zufälliges Element, könnte man über sie hinweggehen. Aber es sind ihrer so viele, und sie fließen nur so aus Ihrer Feder, dass sie den Ton Ihres ganzen Briefes bestimmen. Der Ton macht aber bekanntlich die Musik.

Sie werten den Beschluss des ZK als „Schlinge“, als Anzeichen dafür, dass „die Stunde meines (d. h. Ihres) Untergangs geschlagen hat“. Warum, mit welchem Recht? Was soll man von einem Kommunisten sagen, der, anstatt sich in das Wesen eines Beschlusses des ZK zu vertiefen und die eigenen Fehler zu korrigieren, diesen Beschluss als „Schlinge“ hinstellt?...

Dutzende Male hat das ZK Sie gelobt, als es zu loben galt. Dutzende Male hat Sie das ZK (nicht ohne Ihnen manches nachzusehen!) gegen Angriffe einzelner Gruppen und Genossen unserer Partei geschützt. Dutzende Dichter und Schriftsteller hat das ZK zurechtgewiesen, wenn sie diesen oder jenen Fehler machten. Sie haben das alles für normal und verständlich gehalten. Aber jetzt, da das ZK sich genötigt sah, Ihre Fehler einer Kritik zu unterziehen, beginnen Sie plötzlich, zu maulen und von einer „Schlinge“ zu schreien. Mit welchem Recht? Vielleicht hat das ZK nicht das Recht, Ihre Fehler zu kritisieren? Vielleicht ist der Beschluss des ZK für Sie nicht verbindlich? Vielleicht sind Ihre Gedichte über jede Kritik erhaben? Finden Sie nicht, dass Sie von einer gewissen unangenehmen Krankheit angesteckt worden sind, die „Überheblichkeit“ heißt? Mehr Bescheidenheit, Genosse Demjan...

Worin besteht das Wesen Ihrer Fehler? Es besteht darin, dass Sie sich von der Kritik an den Mängeln des Lebens und der Lebensweise in der UdSSR, einer unerlässlichen und notwendigen, von Ihnen anfangs recht treffend und geschickt entwickelten Kritik, über die Maßen hinreißen ließen und dass diese Kritik, eben weil Sie sich von ihr hinreißen ließen, in Ihren Werken in eine Verleumdung der UdSSR, ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart auszuarten begann. Von dieser Art sind Ihr „Komm vom Ofen herunter“ und Ihr „Ohne Erbarmen“. Von dieser Art ist Ihr „Gelumpe“, das ich heute auf Anraten des Genossen Molotow gelesen habe.

Sie sagen, dass Genosse Molotow das Feuilleton „Komm vom Ofen herunter“ gelobt hat. Wohl möglich. Ich habe dieses Feuilleton vielleicht nicht weniger gelobt als Genosse Molotow, weil es dort (wie auch in anderen Feuilletons) eine Reihe vorzüglicher Stellen gibt, die genau ins Ziel treffen. Aber es gibt dort außerdem einen Löffel voll solchen Teers, der das ganze Bild verdirbt und es in ein einziges „Gelumpe“ verwandelt. Darum geht es, und das ist es, was die Musik in diesen Feuilletons macht.

Urteilen Sie selbst.

Die ganze Welt erkennt jetzt an, dass das Zentrum der revolutionären Bewegung sich aus Westeuropa nach Rußland verlagert hat. Die Revolutionäre aller Länder blicken voller Hoffnung auf die UdSSR als den Hort des Befreiungskampfes der Werktätigen der ganzen Welt und betrachten sie als ihr einziges Vaterland. Der sowjetischen Arbeiterklasse und vor allem der russischen Arbeiterklasse, der Vorhut der sowjetischen Arbeiter, zollen die revolutionären Arbeiter aller Länder einmütig Beifall als ihrem anerkannten Führer, dessen Politik die revolutionärste und aktivste Politik von allem ist, was sich die Proletarier anderer Länder jemals erträumt haben. Die Führer der revolutionären Arbeiter aller Länder studieren begierig die außerordentlich lehrreiche Geschichte der Arbeiterklasse Rußlands, deren Vergangenheit, die Vergangenheit Rußlands, denn sie wissen, dass es außer dem reaktionären Rußland noch ein revolutionäres Rußland gegeben hat, das Rußland der Radischtschew und Tschernyschewski, der Sheljabow und Uljanow, der Chalturin und Alexejew. Alles dies erfüllt (und anders kann es auch nicht sein!) die Herzen der russischen Arbeiter mit dem Gefühl revolutionären Nationalstolzes, das fähig ist, Berge zu versetzen, fähig ist, Wunder zu vollbringen.

Und Sie? Anstatt diesen in der Geschichte der Revolution gewaltigsten Prozess zu begreifen und sich auf die Höhe der Aufgaben eines Sängers des fortgeschrittensten Proletariats zu erheben, stiegen Sie in die Niederung hinab und, nachdem Sie sich zwischen überaus langweiligen Zitaten aus den Werken Karamsins und nicht minder langweiligen Sprüchen aus dem „Domostroi“ (Russische Sammlung von Lebensregeln und Sittenlehren aus dem XVI. Jahrhundert. Der Übers.) verirrt hatten, begannen Sie vor aller Welt zu verkünden, dass Rußland im Vergangenen ein Gefäß des Greuels und der Unsauberkeit gewesen, dass das heutige Rußland ein einziges „Gelumpe“ sei, dass „Faulheit“ und der Drang, „auf dem Ofen zu hocken“, schier ein nationaler Zug der Russen überhaupt sei und folglich auch - der russischen Arbeiter, die, nachdem sie die Oktoberrevolution vollbracht haben, natürlich nicht aufgehört haben, Russen zu sein. Und das heißt bei Ihnen bolschewistische Kritik! Nein, hoch geehrter Genosse Demjan, das ist nicht bolschewistische Kritik, sondern Verleumdung unseres Volkes, Diffamierung der UdSSR, Diffamierung des Proletariats der UdSSR und Diffamierung des russischen Proletariats.

Und danach wollen Sie, dass das ZK schweigt! Wofür halten Sie unser ZK?

Und Sie wollen, dass ich schweige, weil Sie, wie sich herausstellt, für mich eine „biographische Neigung“ hegen! Wie sind Sie doch naiv, und wie wenig kennen Sie die Bolschewiki...

Vielleicht werden Sie als „gebildeter Mensch“ es nicht ablehnen, die folgenden Worte Lenin s anzuhören:

„Ist uns großrussischen klassenbewussten Proletariern das Gefühl des nationalen Stolzes fremd? Gewiss nicht! Wir lieben unsere Sprache und unsere Heimat, wir wirken am meisten dafür, dass ihre werktätigen Massen (d. h. neun Zehntel ihrer Bevölkerung) zum bewussten Leben erhoben werden, dass sie Demokraten und Sozialisten werden. Es schmerzt uns am meisten, zu sehen und zu fühlen, welchen Gewalttaten, welcher Unterdrückung, welchem Joch die Zarenschergen, Gutsbesitzer und Kapitalisten unsere schöne Heimat unterwerfen. Wir sind stolz darauf, dass diese Gewalttaten Widerstand in unserer Mitte, im Lager der Großrussen hervorgerufen haben, dass aus diesem Lager Radischtschew, die Dekabristen, die Rasnotschinzen-Revolutionäre der siebziger Jahre hervorgegangen sind, dass die großrussische Arbeiterklasse im Jahre 1905 eine mächtige revolutionäre Massenpartei geschaffen, dass der großrussische Bauer zur selben Zeit Demokrat zu werden und den Popen und den Gutsbesitzer davonzujagen begonnen hat. Wir haben nicht vergessen, dass vor einem halben Jahrhundert der großrussische Demokrat Tschernyschewski, der sein Leben der Sache der Revolution hingab, gesagt hat: ‚Eine erbärmliche Nation, eine Nation von Sklaven, von oben bis unten - alles Sklaven.’ Die offenen und versteckten großrussischen Sklaven (Sklaven im Verhältnis zur Zarenmonarchie) lieben es nicht, an diese Worte erinnert zu werden. Aber nach unserer Meinung waren das Worte wahrer Heimatliebe, einer Liebe, die unter dem Mangel an revolutionärem Geist bei den Massen der großrussischen Bevölkerung litt. Damals gab es diesen revolutionären Geist nicht. Jetzt ist er, obwohl in geringem Maße, doch vorhanden. Wir sind erfüllt vom Gefühl nationalen Stolzes, denn die großrussische Nation hat gleichfalls eine revolutionäre Klasse hervorgebracht, hat gleichfalls bewiesen, dass sie imstande ist, der Menschheit gewaltige Vorbilder des Kampfes für die Freiheit und den Sozialismus zu geben und nicht nur gewaltige Pogrome, Reihen von Galgen, Folterkammern, gewaltige Hungersnöte und gewaltige Kriecherei vor den Popen, den Zaren, den Gutsbesitzern und Kapitalisten zu liefern.“ (Siehe Lenin , „Über den Nationalstolz der Großrussen“.)[12]

So verstand Lenin , der größte Internationalist der Welt, über den Nationalstolz der Großrussen zu sprechen.

Und er sprach so, weil er wusste, dass

„das Interesse des (nicht knechtisch aufgefassten) Nationalstolzes der Großrussen zusammenfällt mit dem sozialistischen Interesse der großrussischen (und aller übrigen) Proletarier“ (siehe ebenda)[13].

Das ist es, das klare und kühne „Programm“ Lenin s.

Dieses „Programm“ ist völlig verständlich und natürlich für Revolutionäre, die mit ihrer Arbeiterklasse und ihrem Volk aufs engste verbunden sind.

Es ist unverständlich und nicht natürlich für entartete Menschen vom Typ Lelewitschs, die mit ihrer Arbeiterklasse und ihrem Volk nicht verbunden sind und nicht verbunden sein können.

Ist es möglich, mit diesem revolutionären „Programm“ Lenin s jene ungesunde Tendenz zu vereinbaren, die in Ihren letzten Feuilletons vertreten wird?

Leider ist es unmöglich. Es ist unmöglich, weil sie miteinander nichts gemein haben.

Darum geht es, und das ist es, was Sie nicht verstehen wollen.

Sie müssen also den alten, Lenin schen Weg einschlagen, trotz alledem.

Darin besteht der Kern der Sache und nicht in den leeren Lamentationen eines in Angst geratenen Intellektuellen, der vor lauter Schreck davon schwätzt, dass man angeblich Demjan „isolieren“ will, dass man Demjan „nicht mehr drucken wird“ und dergleichen mehr.

J. Stalin

12. Dezember 1930.

Zum ersten Mal veröffentlicht.

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